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UNIVERSITY OF CAUFORNIA 

LIBRARY 



OOLLEGE OF AGKICULTPPF 
DAVIS 



/ 




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Bericht 

der 

Königl. Lehranstalt für Wein-, 
Obst- und Gartenbau 

zu 

Geisenheim a. Rh. 

für das Etatsjahr 1906 

erstattet von dem Direktor 

Prof. Dr. Julius Wortmann, 

Och. Reg.-Rat. 



Mit 72 Textabbildungen und 4 Tafeln. 
BERLIN. 

Verlagsbuchhandlung Paul Parey. 

\ *f)«f far I.an4«.rlirlnl1. CurtenRa« b»4 

SW , Hcdcnunti.tra.vc 10. 

1907. 

UNTVEHSrrY OF CALI FORMA 

LIBRARY 

COLLEGE OF ACK1CULTUR» 

DAVU 




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Alio Hechte, euch «Jäjs der ühentctnmg, Vorbehalten. 



T" 



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Inhalt. 

1. Schnlnnchrirhten. 


Seite 


1. Veränderungen im Personal der Anstalt 


.... i 


2. Frequenz 


2 


„ ( a) Besichtigungen usw 


.... (5 


3 . chiu.uk \ b) Besuoh ; 




4. Ausflüge und Studienreisen 


.... 8 


5. Periodische Kurse 


9 


6. Bauliche Veränderungen . . . . • 


10 


7. Neuerwerbungen . . 


11 


8. Bibliothek. Sammlungen, Geschenke 


.... 11 



11. Bericht Ober die Tätigkeit der tvrhal.scbcn Betriebe. 

A. Weinbau und Kcllerwirtschaft . . . , , , , . . , , , , . , 13 



al Weinbau. Von Weinbaulehrer Fischer 


... 13 


b) Kelterwirtseiiaft. Von Weinbaulehrer Fischer 


... 20 


B Obst- und Gemüseban, sowie Obst- und Gemüscverwertung . . 


. . 20 


al Obstbau. Von Garteninspektor Junge 20 


bl A>bst- und Gemüseverwertung. Von Galleninspektor Junge 


... 07 


c) Gemüsebau. Von Garteninspektor Junge 




d) Bienenzucht. Von Anstaltsgärtuer Baumann .... 

C. Gartenbau. Obsttreiberei, Anstaltspark . 


... 85 

. . . «B 


al Pflanzenkulturen. Von Garteninspektor Gli iidemann . . 


... 93 


bl Obsttreiherei. Von Garteninspektor Glindeniuun ... 


. . 100 


c) Park. Von Garteninspektor Glinde mann 


. 100 


d) Anderweitige Versuche. Von Garteninspektor Gliudemann 


. . . 115 



III. Bericht Ober die Tätigkeit der wisscnsrhnrtllrben Institute. 



,A. Pflanzenpathologisebe Versuchsstation, Vom Vorstand der Station 

D r. Gu sta v L ü stner , . , . , , , * . , , , , , , , , Li* 

ai Veränderungen in der Station 1 IS 

b) Wissenschaftliche Tätigkeit 1 1!) 

cl Sonstige Tätigkeit der Station . ■ . 178 

dl Neuanschaffungen 181 

ll. Pflanzenphysiologische Versuchsstation. Vom Vorstand der Station 

Dr. Karl Kroemer ls. 

ai Wissenschaftliche Tätigkeit 182 

l'l Sonstige Tätigkeit der pflanzenphy.-iologisi ln-n Vcimh lis>tiitii>n . . J-’l 



c ^rtr. c: 



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IV 



Inhalt. 



Smte 



Önonhnmiselie Versuchsstation. Vom Vorstand der Station Dr. Karl 

von dar Heidi; . . . . . . . . . , . . . . . . . . 223 

|>. H i. 'f' . r'Miijtm.'litstation. V pq 3e r Assistentin der Station C, . , , ■ 2( )~> 

a) Tätigkeit der 8tation im Verkehr mit der Praxis 265 

b) Wissenschaftliche Tätigkeit der Station . . 271 

c) Sonstige Tätigkeit der Station 278 

K. Meteorologische .Station, Von Dr. Gustav l.iistner 279 



IV. Bericht Aber die KebeBTcredelungsstallon Eiblngcn-Gclsenhclin . 

n) Technische Abteilung. Vom Betriebsleiter Weinbaulehrer Fischer . . 287 

b) Wissenschaftliche Abteilung. Von Dr, Karl Krocmer 301 



V. Tätigkeit der Anstalt aaeh aussen 318 



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I. Schulnachrichten 



1. Veränderungen lm Personal der Anstalt. 

Der Geh. Ober-Reg.-Rat Herr Dr. Tr. Mueller legte aus Ge- 
sundheitsrücksichten das Amt des Vorsitzenden des Anstaltskuratorinnis, 
welches er seit dem Jahre 1897 verwaltete, mit Ende Dezember 
1906 nieder. 

Die Anstalt hat in ihm einen allezeit für sie besorgten und 
hilfsbereiten Chef verloren, der mit dem lebhaftesten Interesse ihre 
Entwicklung förderte. 

Zu seinem Nachfolger wurde der Herr Ober-Reg.-Rat Pfeffer 
von Salomon von der Königl. Regierung zu Wiesbaden ernannt. 

Als neues Mitglied und stellvertretender Vorsitzender trat Herr 
Regierungs- und Landesökonomierat Dr. Oldenburg vom Ministerium 
für Landwirtschaft usw. in Berlin in das Kuratorium ein. 

Mit dem 1. Januar 1907 schied der Weinbauinspektor C. Seuffer- 
held aus. der 8 Jahre im Dienste der Anstalt stand, um die Stelle 
des Administrators des von Schubert'scheu Rittergutes in Grün- 
haus b. Trier zu übernehmen. Zu seinem Nachfolger wurde der 
bisherige Weinbaulehrer an der Obst- und Weinbauschule in Neu- 
stadt a. Haardt Josef Fischer aus Schwab! ishausen (Baden) vom 
1. März 1907 ab berufen. 

Die Herren Landesökonomierat Goethe aus Darmstadt, Graf 
von Ingelheim, Weingutsbesitzer Burgeff aus Geisenheim und 
Gartenbaudirektor Siebert aus Frankfurt a. M. wurden für einen 
weiteren Zeitraum von 3 Jahren zu Mitgliedern des Kuratoriums 
der Anstalt berufen. 

Am 24. September 1906 schied der Weinbergsvolontär Freese 
aus dem Dienste des der Königl. Lehranstalt angegliederten Domanial- 
gutes Geisenheim aus. Als sein Nachfolger trat der frühere Weinbau- 
eleve Schneider aus Limburg a. d. Lahn mit dem 1. März 1907 ein. 

Der Assistent der önochemischen Versuchsstation, Dr. Hermann 
Schäfer aus Berg. - Gladbach, trat am 1. Oktober 1906 aus dem 
Dienste der Anstalt. Zu seinem Nachfolger wurde Dr. Szameitat 
aus Bioncourt (Lothringen) ernannt. 

Am 1. November 1906 schied der Assistent der pflanzen- 
physiologischen Versuchsstation, Dr. Altmannsberger, aus. Zu 

Oräenhciraet Bericht 1906. 



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2 Scliuliiiicli richten. 

seinem Nachfolger wurde Dr. Reinhold Kirchner von der agti- 
kulturbotanischen Versuchsstation in Breslau mit dem 15. Januar 1907 
ernannt 

Die an der pflanzenpathologischen Versuchsstation neugeschaffene 
zweite wissenschaftliche Assistentenstelle wurde vom 1. April 1907 
ab dem I)r. Hermann Jlorstatt aus Cannstatt in "Württemberg 
übertragen. 

Der wissenschaftliche Assistent der Rebenveredelungsstation 
Eibingen-Geisenheim, Dr. Gerneck, schied mit dem 13. Mürz d. J. 
aus, um eine Stelle als Lehrer an der Weinbauschule in Veitshöch- 
heim bei Würzburg anzunehmen. 

Dem Assistenten des Direktors, Löckermann, wurde durch 
gemeinschaftlichen Erlaß des Herrn Ministers der geistlichen, Unter- 
richts- und Medizinalangelegenheiten und des Herrn Ministers für 
Landwirtschaft, Domänen und Forsten vom 22. Mai 1906 gestattet, 
das für die Lehrer der Landwirtschaft an Landwirtschaftsschulen 
vorgeschriebene Probejahr als Lehramtskandidat an der Königl. Lehr- 
anstalt abzuleisten. Demzufolge wurde derselbe nach Maßgabe der 
bestehenden Bestimmungen zum Unterricht herangezogen. Während 
dos Urlaubs des Professors Dr. Christ übernahm er den größten 
Teil von dessen naturwissenschaftlichem Unterricht; außerdem wurde 
er im Wintersemester mit der Abhaltung des Unterrichts in der 
Landwirtschaftslehre an Stelle des ausgeschiedenen Weinbauinspektors 
Seufferheld sowie mit der Leitung des gärungsphysiologischen 
Seminars betraut. 



3. Frequenz. 

Das Schuljahr 1906 wurde ausweislich des letzten Jahresberichts 
mit 45 Eleven (30 Obst- und Weinbau- und 15 Gartenbaueleven), 
10 Obst- und Weinbauschülern, 26 Gartenbauschülem und 6 Prakti- 
kanten, insgesamt mit 87 Personen eröffnet Hierzu traten im Laufe 
des Schuljahres noch 29 Praktikanten, so daß die Gesamtzahl der 
Schüler und Praktikanten 116 betrug. Ausgeschieden sind im Laufe 
des Schuljahres 1 Obst- und Weinbaueleve, 1 Obst- und Weinbau- 
schüler, 1 Gartenbauschüler, sowie ferner bis zum Schlüsse des 
Etatsjahres 27 Praktikanten. Nach einigen im Schuljahre erfolgten 
Verschiebungen zwischen den Obst- und Wcinbauschülem und 
Gartenbauschülem bezw. Eleven nahmen am Unterricht regelmäßig 
31 Obst- und Wcinbaucleven, 19 Gartenbaueleven, 7 Obst- und 
Weinbauschüler und 21 Gartenbauschüler, zusammen 78 Schüler 
teil; zur Entlassung gelangten mit Schluß des Schuljahres 1906 
58 Personen, nämlich: 18 Obst- und Weinbaueleven, 12 Gartenbau- 
eleven, 7 Obst- und Weinbauschüler und 21 Gartenbauschüler, so 
daß in das Schuljahr 1907 übernommen wurden 13 Obst- und 
Weinbaueleven, 7 Gartenbaueleven, zusammen 20 Eleven und 
2 Praktikanten. 

Am 15. März 1907, dem Beginne des neuen Schuljahres, traten 
hinzu: 6 Obst- und Wcinbaucleven, 6 Gartcnbaueleven, 9 Obst- und 



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2. Frequenz. 



3 



Weinbauschüler und 36 Gartenbauschüler, insgesamt 57 Personen. 
Mithin konnte das Schuljahr mit 32 Eleven (19 Obst- und Weinbau- 
eleven und 13 Gartenbaueleven), 9 Obst- und Weinbauschülern, 
36 Gartenbauschülern und 2 Praktikanten, zusammen mit 79 Per- 
sonen, eröffnet werden. 

Die Frequenz des Berichtsjahres ist seit Bestehen der Anstalt 
in keinem Jahre, selbst nicht in dem vorjährigen, erreicht worden. 
Verscbiedentliche Schüleranmeldungen mußten auch in diesem Jahre 
unberücksichtigt bleiben, da eine größere Aufnahme wegen Platz- 
mangels nicht erfolgen konnte, vor allem aber eine Fachschule eine 
gediegene Ausbildung bei einer zu großen Zahl der Lernenden nicht 
garantieren kann. 

In Nachstehendem folgt das Verzeichnis derjenigen Schüler 
(Obst- und Weinbau- sowie Gartenbaueleven, Obst- und Weinbnu- 
schüler, Gartenbauschüler, Praktikanten), die im Schul- bezw. Be- 
richtsjahre 1906 die Anstalt besucht haben: 



a) Ältere Eleven 

(Obst- uad Weinbau): 



1. Andjelkovitseh. Michael 


aus 


Belgrad 


Serbien. 


2. Ballmann, Fritz 


n 


Hochheim a. M. 


Hessen-Nassau. 


3. Barth, Antun 


3» 


Wallhausen 


Rheinprovinz. 


4. Barthen, Joseph 


11 


Wittlich 


Rheinprovinz. 


5. Bouvier, Clotar 




Radkersburg 


Steiermark. 


6. Ecker, Ludwig 


11 


Watzelsdorf 


N ieder- Österreich. 


7. Friderichs, Leonhard 




Ediger 


Rheinprovinz. 


8. Klingner. Heinrich 




Büdesheim &. Kh. 


Hessen-Nassau. 


9. Kohse, Heinrich 




Oels 


Schlesien. 


10. Kornbammer, Heinrich 




Kreuznach 


Rheinprovinz. 


11. Müller, Heinrich 


11 


Khringshausen 


Rheiuprovinz. 


12. Nedolkovitsch, Milan 




Belgrad 


Serbien. 


13. Paletaschcwitsch, Milorad 


11 


Kruule 


Serbien. 


14. Richter. Otto 


11 


Tellig 


Rheinprovinz. 


15. Schneider, Joseph 


11 


Limburg (Lahn) 


Hessen -Nassau. 


16. Seemel, Karl 




Riga 


Rußland. 


17. Wagener. Wolfram 


•1 


Kapstadt 


Süd-Afrika. 


18. Zinn, Friedrich 


!l 


Okristcl 


Hessen-Nassau. 




(Oarten bau): 




19. Espenschied, Eduard 


aus 


Büdesheim a. Rh. 


Hessen-Nassau. 


20. Herrmann, Bernhard 


*i 


Coln a. Rh. 


Rheinprovinz. 


21. Mdrtlbauer, August 




Schüubuscb 


Bayern. 


22. Xenmann, Alfred 


•» 


Berliu 


Brandenburg. 


23. Noell, Arnold 


„ 


Eschweiler 


Rheinprovinz. 


24. Schulz, Erich 




Wannsee 


Brandenburg. 


25. Vogel, Karl 


i. 


Remscheid 


Rheinprovinz. 



b) Jüngere Eleven 

(Obst- und Weinbau): 

26. Barjili, Eugen aus Moskau Bußland. 

(Austritt am 15. Januar 1907.) 

27. Biermonn, Wilhelm aus Flierich i. W. Westfalen. 

28. Koch, Hermann „ Bad Dürkheim Pfalz. 

1 * 



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I. Schuluachrichten. 



4 



29. Mankoff, Nikola 


aus Suchindol 


Bulgarien. 


30. Pforte, Hermann 


,. Cdthen 


Anhalt. 


31. Raindohr, Walter 


Aschersleben 


Prov. Sachsen. 


32. Röder, Wilhelm 


„ Koisdorf 


Rheinprovinz. 


33. T Stambollieff, Christo 


.. Tscherwenawoda 


Bulgarien. 


34 Stumm, Karl 


., Roxheim 


Rheinprovinz. 


35. Sturm, Karl 


„ Wurzburg 


Bayorn. 


36- Tetzner, Rudolf 


,. Schmölln 


S.- Alten bürg. 


37. Vassileff, l’auajot 


,. Oornia 


Bulgarien. 


38. von Weickhinann, Otto 


,, Wiesbaden 


Hessen-Nassau. 


39. Zamfirescu, Alexander 


,. Plainesti 


Rumänien. 




(Gartenbau): 




40. Arntz, W'ilhelm 


aus Mönchen 


Bayern. 


(Austritt mit Schluß des 2. Semesters.) 




41. Barkow, Theodor 


aus Barmen 


Rhoinprovinz. 


42. Becker, Julius 


„ Wetter (Ruhr) 


Westfalen. 


43. Faulwetter, Hermann 


„ Munster 


Westfalen. 


44. Harder, Kurt 


„ Oliva 


Westpreulien. 


(Austritt mit Schluß des 2. Semesters.) 




45. Heinecke, Richard 


aus Neugattersleben 


Prov. Sachsen. 


46. Kratz, Johann 


„ Darmstadt 


Hessen. 


47. Musielick, Hermann 


„ Lissa 


Posen. 


48. Rais, Luitpold 


„ Rosenheim 


Bayorn. 


(Austritt mit Schluß des 2. Semesters.) 




49. Schade, Wilhelm 


aus Ellrich (Harz) 


Prov. Sachsen. 


50. Thierolf, Hans 


„ Dannstadt 


Hessen. 


(Austritt mit Schluß des 2. Semesters.) 




51. Zülch, Karl 


aus Gotha 


S.-Koburg-Ootba. 


(Austritt mit Schluß dos 2. Semesters.) 




c) Obst- und Weinbauschüler. 




52. Areud. Joseph 


aus Oestrich a. Rh. 


Hessen-Nassau. 


(Austritt am 16. Juni 1906.) 




53. Friedrichs, Nikolaus 


aus Aldegund b. Alf 


Rheinprovinz. 


54. Jung, Josef 


„ Erbach a. Rh. 


H essen-N assau. 


55. Lieschied, Ernst 


., Steeg-Baeharach 


Rheinprovinz., 


56. Petrv, Jakob 


., Treis a. M. 


Rheinprovinz. 


57. Roth, Friedrich 


„ Wiesbaden 


Hessen-Nassau. 


58. Schmäh. Karl 


., Meersburg 


Baden. 


59. Söngen, Jakob 


„ Hallgarten 


Hessen-Nassau. 



d) Gartenbauschüler. 



60. 


Battenberg, Johanues 


aus Frankfurt a. M. 


Hessen-Nassau. 




(Austritt 


nach Schluß des 1. Semesters.) 


61. 


Brünsch, Otto 


aus Berlin 


Brandenburg. 


62. 


Beistei. Gustav 


., Mühlhausen i. Th. 


Prov. Sachsen. 


63. 


Dürr, Max 


„ Duisburg 


Rheinprovinz. 


64. 


Flick, Aloys 


., Wicker 


11 essen -Nassau. 


65. 


Fladow, Karl 


„ Grevenbrück 


Westfalen. 


66. 


Heimann, Richard 


.. Göppingen 


Württemberg. 


67. 


Hermaneck, Wilhelm 


,, Düsseldorf 


Rheinprovinz. 


68 . 


Holste, Wilhelm 


Gr.-Lichtorfelde 


Brandenburg. 


69. 


Janofske, Max 


.. Prausnitz 


Schlesien. 


70. 


Jendrcoseh, Eugen 


,. Köoigshütte 


Schlesien. 


71. 


König, Fritz 


., Camenz 


Schlesien. 


72. 


Kowalk, Heinrich 


„ Kolberg 


Pommern. 


73. 


Lunkenbein, Josepb 


„ Oestrich a. Rh. 


Hessen-Nassau. 



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2. Frequenz. 



5 



74. Nöttelmann. Hermann 

75. Opgenhoff, Peter 

76. Simon. Wilhelm 

77. Sprenger, Berthold 

78. Tappe. Wilhelm 

79. Wagner, Theodor 
SO. Weigt, Ewald 
81. Westphal. Max 



82. Dr. Austerweil, Göza 

83. Battenberg, Hans 

84. Beeter, Klaus 

85. von Bossiazly, Toi. 

86. Cottmann, Hermann 

87. Oohrn, Harald 

HS. von Dscbandieri, Elias 

89. Kismer, Wilhelm 

90. Gerlach, Hans 

91. Gren, Karl August 

92. Herne. Fritz 

93. Hule, Eugen 

94. Kolotoff, Gregor 

95. Krupa. Andreas 

96. Lenders, Theodor 

97. Undsell. G. Frcderict 

98. Maas. Nikolaus 

99. Mastbaum, Josef 

100. Müller, Otto E. Ch. 

101. Müller, Ernst 

102. Oppermann, Carl 

103. Orb, Johann Georg 
1(M. Prostosserdow, Nikolai 
ICC». Keichard, Hermann 

106. Ketief, Pieter J. 

107. Kcttka, Ulrich 

108. Kupperaburg. F. 

109. Ruprecht, Karl 

110. Salmen, Johann 

111. Scheuennann, Joseph 

112. Schmidt, Otto 

113. Schüler, Theodor 

114. Sewrikow, Alexius 

115. Versfeld, J.onis C. 

116. Wundram, Otto 



ans Eilshausen 
aus Winnckendonck 
„ Wiesbaden 
., Haigerloch 
„ Bodelschwingh 
„ Rodheim a. Bieber 
„ Gleiwitz 
„ Apenrade 



e) Praktikanten. 

aus Arad 

„ Frankfurt a. M. 

„ Cüln a. Rh. 

., Belgarodia. 

„ Heppenheim 
., Neapel 
.. Tiflis 
,, Kapstadt 
., Berlin 
., Helsingfors 
., Groß-Licbterfelde 
., N ikolajew 
,, Petersburg 
„ Krakau 
,, Colo a. Rh. 

„ Constantia 
„ Cochem a. Mosel 
„ Hüsten 
., Ahrensburg 
,, Alsenz 
„ Wiesbaden 
,, Westhofen 
., Sakaro, Kuteiis 
., Frankfurt a. M. 

., Paarl 
„ Braunheim 
., Frankfurt a. M. 

„ Kallstadt 
., Schönberg 
„ Ipbofen 
., Baunholz 
„ Trier 
.. Wladikawkas 
„ Constantia 
.. Hamburg 



Zue 



Westfalen. 

Rheinprovinz. 

Hessen-Nassau. 

Hohenzollern. 

Westfalen. 

Hessen-Nassau. 

Schlesien. 

Schleswig-Holstein. 



Ungarn. 

Hessen-Nassau. 

Rheinprovinz. 

Rußland. 

Hessen. 

Italien. 

Rußland. 

Südafrika (Kapkol.). 

Brandenburg. 

Rußland. 

Brandenburg. 

Rußland. 

Rußland. 

Österreich (Galizien). 

Rheinprovinz. 

Südafrika (Kapkol.). 

Rheinprovinz. 

Westfalen. 

Schleswig-Holstein. 

Pfalz. 

Hessen-Nassau. 

Hessen. 

(».Kaukasus, Rußland. 
Hesson-Nassau. 
Südafrika (Kapkol.). 
Prov. Sachsen. 
Hessen-Nassau. 

Pfalz. 

( >st.-Ung. (Siebenb.). 
Bayern. 

Baden. 

Rheinprovinz. 

Rußland. 

Südafrika (Kapkol.). 
Hamburg. 



In der Königl. Lehranstalt bieten die Iaboratorien der pflanzen- 
physiologischen, der önochemischen und der pflanzenpathologischen Ver- 
suchsstation. soweit Raum vorhanden ist, denjenigen Interessenten, welche 
die erforderliche Vorbildung besitzen, Gelegenheit, als Praktikanten 
(Laboranten) zu arbeiten. Anmeldungen sind an die Vorstände der be- 
treffenden Versuchsstationen zu richten. — Außerdem können auch noch 
Praktikanten aufgenommen werden, welche sich ausschließlich in den 
technischen Fächern ausbilden wollen; hierzu sind Anmeldungen an die 
Direktion der Lehranstalt zu richten. Das Weitere, auch über das Honorar, 
enthalten die Satzungen der Königl. Lehranstalt, die kostenlos auf Wunsch 
übersandt werden. 



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6 



I. Sehulnaehrichteu. 



3. Chronik, 

a) Besichtigungen usw. 

Am 4. April wurde die Anstalt vom Herrn Regierungspräsi- 
denten zu Wiesbaden besucht 

Am 12. April fand die jährliche Reblauskonferenz in den 
Räumen der pflanzenphysiologischen Versuchsstation statt, au welcher 
sich etwa 12 Herren beteiligten. 

Zur Erörterung des Standes der Reben veredelungsfrage und der 
auf diesem Gebiete weiter zu treffenden Maßnahmen hatten sich 
am 3. Mai die Herren der Rebenveredelungskommission zu einer 
Sitzung in der Anstalt eingefunden. 

Am 4. September besichtigten die Herren Geheimrat von 
Falkenhausen vom Königl. Landwirtschaftsministcrium und Ge- 
heimrat Mehlhorn vom Reichsschatzamt die hiesige Königl. Lehr- 
anstalt. 

Am 24. November fand eine Sitzung des Kuratoriums der An- 
stalt statt, zu welcher die nachstehend aufgeführten Herren er- 
schienen waren: 

Geh. Obcr-Rog.-Rat Dr. Tr. Mueller, Vorsitzender, 

Dr. Oldenburg- Berlin, 

Ober-Reg.-Rat Pfeffer v. Salomon- Wiesbaden, 

Professor Dr. Wortmann, Direktor der Königl. Lehranstalt, 
landesökonomierat Goethe- Darmstadt, 

Gartenbau-Direktor Siebert- Frankfurt a. M., 
Weingutsbesitzer Bu rgeff -Geisenheim. 

Am 22. Dezember fand im Beisein des stellvertretenden Vor- 
sitzenden des Anstaltskuratoriums, Herrn Ober-Reg.-Rat Pfeffer 
v. Salomon- Wiesbaden, die alljährliche Weihnachtsfeier statt. 

Die Lehranstalt beging den Geburtstag Sr. Majestät in feier- 
licher Weise durch einen Festaktus in der Aula des Internates. 

Prof. Dr. Christ hielt nach einem Gesänge des Schülerchors 
die Festrede über das Thema: ,, ln wiefern ist die Vaterlandsliebe in 
ihrer geschichtlichen Entwicklung ein kulturschaffendes Moment in 
dem Leben der Völker gewesen?“ 

In der Zeit vom 7. bis 9. Februar unterzogen sich die vor- 
genannten älteren Eleven der schriftlichen Prüfung in folgenden 
Fächern: Chemie, Pflanzenphysiologie und Bodenkunde. 

Die Themata waren folgende: 

1. Der Alkohol und seine Bestimmung im Wein. 

2. Die Stickstoffernährung der Pflanzen. 

3. Die Bodenbildung (Verwitterung und Verschlcnunung). 

An der mündlichen Prüfung, welche am 15. und 16. Februar 
in Gegenwart der Herren Ober-Reg.-Rat Pfeffer von Salomon- 
Wiesbaden, Landesökonomierat Goethe -Darmstadt, Gartenbau- 
Direktor Siebert-Frankfurt a. M., und Weingutsbesitzer Burgeff, 
hierselbst, stattfand, nahmen sämtliche Schüler teil. 

Die Prüfungen erfolgten in folgenden Fächern: Feinde der 



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3. Chronik. 



Kulturgewächse, Landschaftsgärtnerei, Obstbau, Gemüsebau. Blumen- 
treiberei, Rechnen, ßehölzzucht und Buchführung. 

Am 20. Februar schloß der Direktor das Schuljahr mit einer 
Ansprache an die Schüler. Chöre eröffneten und schlossen die Feier. 

Dem Lehrer des Gesangunterrichts für die Schüler der Künigl. 
Leh ran stal t, Hauptlehrer Wollstädter aus Geisenheim, wurde mit 
Rücksicht auf sein langjähriges erfolgreiches Wirken an der Anstalt 
der Adler der Inhaber des Königl. Hausordens von Hohenzollem 
verliehen. 

Dem Anstaltsgärtner Bau mann wurde aus Anlaß des dies- 
jährigen Krönungs- und Ordensfestes das Allgemeine Ehrenzeichen 
verliehen. 

Am I. und 2. März 1907 hatten sich die Herren Ober-Reg.-Rat 
Pfeffer von Salomon- Wiesbaden und Regierungs- und Landes- 
ökonomierat Dr. Oldenburg aus dem Landwirtschaftsministerium 
zu einer Besprechung wegen Neubauten in der Anstalt eingefunden. 

b) Besuche. 

Die Anstalt wurde besucht: 

am 12. Mai von den Schülern der Großherzogi. Obstbauschule 
und landwirtschaftlichen Winterschule zu Friedberg unter Führung 
der Herren Dr. Hoffmaun und Obergärtner John, 

am selben Tage von dem Anstaltsdirektor L. Moreau und 
seinem Assistenten aus Angers (Frankreich), 

am 18. Mai von den Herren Regierungsrat Baier-Stuttgart, 
Landesökonomierat Sch off er- Weiusberg und 4 Vertretern des 
württembergischen W einbaues, 

am 1. Juli von der freiwilligen Feuerwehr Bretzheim, 
am 22. Juli von Mitgliedern der landwirtschaftlichen Winter- 
schule zu Wetzlar, 

am 8. August von den Schülern der Provinzial- Wein- und Obst- 
bauschule in Kreuznach unter Führung ihres Direktors, 

am 19. August vom Obst- und Gartenbauverein zu Bergen, 
Kreis Hanau, 

am selben Tage von etwa .'15 Personen des Ortsvereins zu 
Bischofsheim, 

am 26. August von etwa 350 Personen des Obst- und Garteu- 
bauvereins des Kreises Oppenheim, 

am 5. September vom k. k. Weinbauinspektor Kober aus 
Klosterneuburg, 

am 7. September vom Direktor der Königl. Wein-, Obst- und 
Gartenbauschule zu Veitshöchheim, Urban. 

am 9. September von etwa 25 Personen der Gartenbau-Gesell- 
schaft Niederrad, 

am selben Tage von etwa 100 Personen des Obst- und Garten- 
bauverbandes für den Kreis Offenbach, 

am selben Tage von der Gärtnergenossenschaft Frankfurt- 
Sachsenhauson, 



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8 



I. Schulnachrichten. 



am 24. September vom Weinbauverein für das Siebengebirge- 
Königs winter, 

am 30. September vom nassauisehen Verein für Naturkunde, 
am 19. November von höheren Verwaltungsbeamten, welche 
sich zu einem achtwöchentlichen Fortbildungskursus in Frank- 
furt a. M. aufhielten. 

4. Ausflüge und Studienreisen. 

Im Berichtsjahre 1906 wurden folgende Ausflüge und Studien- 
reisen unternommen: 

a) unter Führung des Garteninspektors Glindemann: 

am 9. April Ausflug mit den Gartonbaueleven nach Wiesbaden 
zur Besichtigung der mit der Umgestaltung der Kuranlagen ver- 
bundenen Arbeiten, 

am 25. Juni mit den Gartenbaueleven nach Wiesbaden zur Be- 
sichtigung der städtischen und der Kuranlagen, 

am 2. Juli Ausflug mit den Gartenbaueleven und Gartenbau- 
schülem nach Frankfurt a. M. zur Besichtigung der städtischen An- 
lagen, des Palmengartens und verschiedener Handelsgärtnereien, 
am 23. Juli mit denselben Schülergruppen nach Nieder- Walluf 
zur Besichtigung der Staudengärtnerei und Baumschulen von Goos 
& Koenemann und der Rosenschulen von Kreis, 

am 6. August mit denselben Schülergruppen nach Wiesbaden 
zur Besichtigung der städtischen Anlagen und verschiedener Handels- 
görtnereien, 

b) unter Führung des Garteninspektors Junge mehrere Aus- 
flüge zur Besichtigung von Obstanlagen in der Umgebung von 
Geisenheim, auf der Eltviller Aue und in der Nähe von Mainz. 

In der Zeit vom 22. bis 30. September fand unter der Leitung 
des Garteninspektors Junge eine Studienreise der Gartenbauschüler 
nach Norddeutschland statt. An derselben beteiligten sich 17 Schüler 
und 3 Praktikanten. Die Reise nahm folgenden Verlauf. 

1. Tag. Besuch der Obstanlagen des Versuchsgarten - Vereins 
Sachsenhausen. Besichtigung des Palmengartens. Fahrt nach Cassel. 
Besichtigung des Aue-Parks daselbst. 

2. Tag. Besuch der Obstbaulehranstalt in Oberzwehren, sowie 
der Parkanlagen auf der Wilhelmshöhe bei Cassel. 

3. Tag. Besichtigung der Obstplantnge in Catlenhurg b. Nort- 
heim, sowie der Freiherrl. von Oldershausenschen Obstplantage 
in Feldbrunnen b. Osterode am Harz. Fahrt nach Hannover. 

4. Tag. Besichtigung der städtischen Gartenanlagen des Mosch- 
parkes zu Hannover, sowie des neuen Zentralfriedhofes in Stöcken. 

5. Tag. Besuch der Eilenriede b. Hannover. Fahrt nach Hildes- 
heim. Besichtigung der Stadt. Besuch der großen Gemiisepräserven- 
fabrik von Warnecken & Sevdel daselbst. 

6. Tag. Besichtigung der Stadt Goslar und Ausflug in den 
Harz. An diesem Tage nahm der Ausflug folgenden Verlauf. Fahrt 
von Goslar nach Harzburg. Besuch der Harzburg und Fußtour auf 



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5. Periodische Kurse. 



9 



den Brocken über Drei Annen-Hohne. Besichtigung des Pflanzen* 
gartens daselbst Fahrt nach Rübeland. 

7. Tag. Besichtigung der Hermannshöhle. Fahrt nach Trese- 
burg. Fußtour durch das Bodetal, Roßtrappe, Thale. Fahrt nach 
Quedlinburg. 

8. Tag. Besichtigung der Gärtnereien von Gebr. Dippe, Sattler 
& Bethge, sowie der Obstweinkelterei von Wesehe. 

9. Tag. Rückfahrt. 

Die Studienreise nahm bei bestem Wetter einen sehr anregenden 
Verlauf und die Schüler fanden überall die beste Aufnahme und 
Führung, wofür an dieser Stelle allen Personen Dank ausgesprochen 
sein möge. 



5. A. Periodische Kurse. 

a) Nachkursus zum Obstbau- und Baumwärterkursus vom 6. bis 

11. August 1906. 

An dem Obstbnunachkursus nahmen 22 Personen, am Baum- 
wärternaehkursus 23 Personen teil. 

b) Obstverwertungskursus für Männer vom 13. bis 25. August 1906. 

Dieser Kursus, der ein ganz neues llnterrichtsprogramm er- 
halten hat, in chemischer und physiologischer Beziehung erweitert 
worden und mit dem bisher abgehalfenen Obstweinbereitungskursus 
verschmolzen ist, wurde von 34 Personen besucht. 

c) Obstverwertungskursus für Frauen vom 27. August bis 
1. September 1906. 

An diesem beteiligten sich 54 Personen. 

d) Kursus über Weingärung, Anwendung von Hefen, Krankheiten 

des Weines usw. vom 5. bis 17. November 1906. 

An diesem Kursus, der auf Wunsch interessierender Kreise vom 
Sommer in den Spätherbst verlegt worden ist, nahmen 44 Personen 
teil. (Siehe auch Bericht der pflanzenphysiologischen Versuchsstation.) 

e) Kursus über chemische Untersuchung der Weine und Wein- 

behandlung vom 19. November bis 1. Dezember 1906. 

Dieser gleichfalls auf Wunsch interessierender Kreise vom 
Sommer in den Spätherbst verlegte Kursus wurde von 60 Personen 
besucht (Vergl. auch den Bericht der önochemischen Versuchs- 
station.) 

f) Reblauskurse. 

Am 18. und 19. Februar 1907 wurde für die hieran inter- 
essierten Schüler der Anstalt ein K ursus über das Wesen der Reblaus- 
krankheit insbesondere ihre äußerlich wahrnehmbaren Erscheinungen 
und die wichtigsten Bestimmungen des Reblausgesetzes vom 6. Juli 
1904 und der dazu ergangenen Bundesratsverordnung abgehalten, 
an dem sich 47 Schüler beteiligten. 



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10 



I. Schulnachricbten. 



In der Zeit vom 21. bis 23. Februar 1 907 fand ein öffentlicher 
Reblauskursus mit gleichem Programm statt, der 41 Teilnehmer zahlte. 

g) Obstbaukursus vom 21. Februar bis 13. M&rz 1907. 

Derselbe wurde von 37 Personen besucht. 

h) Baum Wärterkursus vom 21. Februar bis 13. M&rz 1907. 

Dieser zählte 30 Teilnehmer. 

B. Außerordentliche Kurse. 

Außer den alljährlich wiederkehrenden, unter A bezeiclmeten 
Kursen fanden folgende außerordentliche Unterweisungskurse statt: 

a) Rebendesinfektionskurse 

am 10. Juli und 5. Dezember 1906, an denen sich zusammen 
3 Personen beteiligten, die dadurch den Nachweis ihrer Befähigung 
zu amtlichen Sachverständigen in der Handhabung der Reben- 
desinfektionseinrichtungen erbracht haben. 

Nach V orstehendem besuchten somit die Lehranstalt 

a) im Schuljahre 1906/07 ... 78 Schüler (dauernd) 

3 „ (vorzeitig entlassen) 

b) im Berichtsjahre 1906/07 . . 35 Praktikanten 

c) .. ,, .... 348 Kursisten 

Insgesamt 464 Personen. 

Die Gesamtzahl aller Schüler und Kursisten, welche die An- 
stalt seit ihrem Bestehen besucht haben, beträgt nunmehr bis zum 
31. März 1907 gerechnet 8573, wovon 1634 eigentliche Schüler 
bezw. Praktikanten und 6939 Kursisten sind. 

6. Bauliche Veränderungen. 

1. Beschaffung von Feuerlöscheinrichtungen. 

Die Lage der Anstalt und zumal die Dezentralisation ihrer 
wissenschaftlichen und technischen Institute ließ es notwendig er- 
scheinen, für den Fall des Ausbruchs von Feuer Vorkehrungen zum 
Schutze der Gebäude und deren Hinrichtungen zu treffen. 

2. Umgestaltung und Erweiterung der Obst- und Gemüseanlagen. 
Sowohl der Obstmuttergarten wie die Baumschule der Lehr- 
anstalt in Geisenheim waren ausgebaut; die älteren Obstanlagen 
waren abständig und bedurften eines Ersatzes. 

3. Errichtung eines Arbeits- und Geräteschuppens im Mutter- 
garten der Anstalt. 

Die Erhaltung der in den technischen Betrieben der Anstalt 
benutzten M agen, Geräte u. dergl. erforderte einen geeigneten Unter- 
kunftsraum. 



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7. Neuerwerbungen. — 8. Bibliothek, Sammlungen, (ieachenke. 



11 



4. Vergrößerung der Obstverwertungsstation. 

Bei der erhöhten Schülerfrequenz genügten die vorhandenen 
Einrichtungen der Obstverwertungsstation in räumlicher Beziehung 
nicht mehr. 

5. Errichtung eines Weintreibhauses nach belgischem Muster 
zu Demonstrationszwecken für die Schüler, Kursisten und sonstigen 
Besucher der Anstalt. 



7. Neuerwerbungen. 

Das Domänengrundstück No. 560, 561 und äö.'l des Stockbuches 
der Gemeinde Geisenheim im Flächeninhalt von 29 a 68 qm (vor- 
mals Christsches Eigentum) wurde vom 1. Januar 1905 ab auf 
den Etat der Lehranstalt übertragen. 

Die seitens der Königl. Regierung zu Wiesbaden von Rausch, 
Schädel, Schlitz und Jann in Geisenheim erworbenen Grund- 
stücke im „Sand" und ,, Fuchsberg*' im Flächeninhalt von zusammen 
11 Morgen 97 Ruten 20 Schuh = 2,9930 ha gingen am 1. April 1904 
auf den Etat der Lehranstalt über. 



8. Bibliothek, Sammlungen, Geschenke. 

I. Bibliothek. 

A. Gekauttu. a. : 

Album der Düsseldorfer Gartenbauausstellung. 

Benary, Gemüsealbum. Aufnahme n. d. Natur, 1. u. 2. Lfg. 
Bölsche. Das Liebesieben in der Natur, 3 Bände. 
Chamberlaiu, H. St, Die Grundlagen d. XIX. Jahrhunderts, 
2 Bände. V. Aufl. 

Encke, Der Hausgarten. 

Engelmann, Das Bürgerliche Recht Deutschlands, IV. Aufl. 
Eyth, M., Im Strome unserer Zeit, 3 Bände, III. Aufl. 

,, Lebendige Kräfte. 

Francö, Das Leben der Pflanze, 2 Bände. 

Gau eher, Handbuch der Obstkultur, 111. Aufl. 

Glindemann, Die Anwendung der Perspektive im gärtnerischen 
Planzeichnen. 

Goeschke, Die Erdbeere, II. Aufl. 

„ Die Haselnuß, 11. Aufl. 

v. d. Goltz, Handbuch d. gesamten Landwirtschaft, 3 Bände. 
Haborland, Die Lichtsinnesorgane der Laubblätter. 

Hampel, Handbuch der Frucht- und Gemüsetreiberei, III. Aufl. 
Henne am Rhvn, Kulturgeschichte des Deutschen Volkes. 

II. Aufl. 

Holtermann, Der Einfluß des Klimas auf den Bau der Pflanzen- 
gewebe. 

Hue de Grais, Handbuch der Verfassung und Verwaltung. 
XVIII. Aufl. 



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12 



I. Schulnachrichten. 



Illustriertes Gartenbau-Lexikon, III. Aufl. 

„ Landwirtschafts-Lexikon, III. Aufl. 
Kellner, Die Ernährung der landw. Nutztiere, III. Aufl. 
Karsten u. Schenck, Vegetationsbilder (Forts.). 

Kraemer, Der Mensch und die Erde, 2 Bände. 

K rafft, Handbuch der Landwirtschaft, 4 Bände, VII. bezw. 
VIII. Aufl. 

Lange u. Stalin, Gartengestaltung der Neuzeit 
Meyer u. Ries, Die Gartenkunst in Wort und Bild. 
Michaelis, Deutsch-italienisches Wörterbuch, 2 Bunde, XIV. Aufl. 
Muret-Sanders, Deutsch-englisches Wörterbuch, 2 Bände. 
Muthesius, Landhaus und Garten. 

Neumayr, Erdgeschichte, 2 Bände, 2. Aufl. 

Neumayer, Anleitungen zu wissenschaftl. Beobachtungen auf 
Reisen. 

Ratzel, Die Erde und das Leben, 2 Bände, 

Rein, Japan nach Reisen und Studien, 1. Band, 2. Aufl. 
Ritter, Geographisch-Statistisches Lexikon, IX. Aufl. 
Sachs-Vilatte, Deutsch-französisches Wörterbuch, 2 Bände. 
Schneider, C. K., Landschaftliche Gartengestaltung. 

,, Illustr. Handbuch der l^iubholzkunde. 

Sorauer, Handbuch der Pflanzenkrankheiten. 

Sydow u. Busch, Civilprozeßordnung und Gerichtsverfassungs- 
gesetz, X. Aufl. 

Wortmann, Die wissenschaftl. Grundlagen der Weinbereitung 
und Kellerwirtschaft. 



B. Geschenke: 

Vom Königl. Ministerium für Landwirtschaft. Domänen und 
Forsten, Berlin: Versuche mit Mistdüuger bei Gartenpflanzen und 
Versuche mit Mistdünger bei Obstbaumkulturen (von Carl W. Hirse- 
mann-Leipzig). 

Von dem ehemaligen Anstaltsschüler B. Krug, z. Zt. Iltisberg, 
Gouvernement Kiautschou: Sonne und Sterne (von Dr. Wilh. Meyer). 
Der Stammbaum der Tiere (von Wilh. Bölschc). Das Sinnesleben 
der Pflanzen (von R. H. France). Kosmos, Handweiser für Natur- 
kunde von der Gesellschaft der Naturfreunde. Stuttgart. Leben und 
Tod (von Teiclunann). Tierfabeln (von Zell). 

Vom Herrn Grafen v. Ingelheim, hierselbst: Im Herzen von 
Asien, 2 Bände (von Sven v. Hedin). 

Von Dr. Emanuel Kavser, Wiesbaden: Weinbau und Winzer 
im Rheingau. 



II. Sammlungen. 

A. Gekauft 

Huf-Modelle. 

W iederkäuerm agen . 

Verschiedene Photographien (Weinlese darstellend). 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



13 



B. Geschenkt: 

Von dem Kalisyndikat G. m. b. H. Leopoldshall -Staßfurt zwei 
Plakate betreffend: „Winter-Goldparmäne“, ,, Viktoria-Pflaume“. 

Von C. E. Schmidt-Lauffen a. N.: Versandkorb. 

Von Herrn Geheimen Kommerzienrat Troitzsch-Berliu: Porträts 
Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin. 

Von May & Sohn-Groß-Walditz: Muster von Holzstoff-Post- 
versandkisteu. 

Auf Veranlassung des Herrn Ministers für Landwirtschaft. 
Domänen und Forsten, Berlin: Anatomische Tafeln über die Honig- 
biene (von Eduard von Lacher). 

Von Albert Schaper-Hannover: Gär- und Abfüllspund 

„Optimus“. 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 

Bericht 

über die Tätigkeit in Weinbau und Kellerwirtschaft. 

Erstattet von dem Betriebsleiter Weinbaulehrer Fischer. 

A. Weinbau. 

1. Jah res Übersicht. 

Der Winter 1905/06 zog sich sehr in die Länge. Da besonders 
hohe Kältegrade nicht zu verzeichnen waren, überwinterten die 
Reben sehr gut. Die kräftige, gesunde Beschaffenheit der Triebe 
berechtigte zu den schönsten Hoffnungen. Der Rebsehnitt ging an- 
fänglich schnell vorwärts, um dann gegen Jütte Jlärz durch einen 
schneereichen, kalten Nachwinter auf längere Zeit unterbrochen zu 
werden. Seine Ausführung erfolgte wie auch früher im Tagelohn. 
Die Kosten für ein sehr sorgfältiges Schneiden mit gleichzeitigem 
Abbiirsten des alten Holzes mittels Stahlbürsten beliefen sich durch- 
schnittlich auf 21 JI pro preußischen Jlorgen (25 a). 

Infolge der warmen Witterung in der eisten Hälfte des April 
kamen die Weinberge schnell zum Austrieb. Die bereits gegen 
Mitte dieses Monats ansch wellenden Augen der Reben bedingten ein 
beschleunigtes Sticken und Gerten. Ende April und Anfang Mni 
wurde es indessen wieder ziemlich kühl. Selbst leichte Fröste mit 
Reif fehlten um diese Zeit nicht. Doch sank das Thermometer nicht 
unter 1 0 C., so daß die Gefahr der Frühjahrsfröste glücklich vor- 
überging. 

Herrschten schon im April mehrere Gewitter, so wiederholten 
sich diese besonders häufig im Mai und Juni. Die Folge dieser 



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14 



11. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



elektrischen Entladungen waren gewöhnlich nachfolgende kühle Tage 
bei bedecktem Himmel. Ein mitunter recht kalter Nordwind be- 
herrschte die Witterung und bedingte allgemein niedere Temperaturen, 
so daß trotz des frühen Austriebs der Stöcke die Blüte erst spät 
begann. Mit dem öffnen der kleinen Blütchen setzte jedoch besseres 
Wetter ein, wodurch der Blütonvcrlauf überall ein schneller, gleich- 
mäßiger und guter war. Beginn und Ende sind für einzelne Sorten 
und Lagen in nachfolgender Tabelle zusammengestellt. 



Sorte 


Lage 


Begiun der Blüte 


Ende der Blüte 


1906 


1905 


1906 


1905 


Frühburgunder 


Fuelisborg 


16. Juni 


7. Juni 


1. Juli 


15. Juli 


Sylvaner 


Steinacker 


lfi. 


8. .. 


1. ., 


17. ., 




15. ., 


8. „ 


1- „ 


17. „ 




Decker 


10. „ 


8. ., 


1. ., 


18. 


Kiesling 


Morscbhorg 


15. 


1 . 


1. ., 


16. 




Mäuerelien 


17. . 


8. 


2 


16. 




Altbaum 


18. .. 


8. ., 


2. 


17. ,, 




Flecht 


18. „ 


7. 


3. ., 


16. ,. 


•t 


Fuehsberg 


iy. ., 


8. „ 


3. 


17. .. 


„ 


Beeilt 


Hl. „ 


9. .. 


4. 


17. „ 




Stallen 


19. „ 


9. „ 


4 . .. 


17. „ 



Die Motten des einbindigen Traubenwicklers waren sehr häufig 
in den Weinbergen zu beobachten. Demgemäß ließen auch die 
Heuwürmer an Zahl nichts zu wünschen übrig. Trotzdem ver- 
mochten diese infolge des schnellen Verlaufs der Blüte wenig 
Schaden anzuriehten. Nur einzelne, stnrktriebige Weinberge in den 
Lagen „Altbaum 1 *, „Hohenrech“ und „Decker* litten durch diesen 
Schädling in nennenswerter Weise. 

Die ersten Spuren von Perouospora waren schon vor der Blüte 
an den Reben zu finden. Zu Anfang Juli nahm die Krankheit eine 
geradezu erschreckende, im Rheingau nie gekannte Ausdehnung an. 
Mau setzte sofort mit der Bekämpfung ein, allein die herrschende 
Witterung erschwerte diese sehr. Infolge der vieleu Niederschläge 
war wegen allzu großer Nässe vielfach das Bespritzen der grünen 
Teile nicht möglich, oder der eintretende Regen hinderte an der 
Fortsetzung des begonnenen Bordelaisierens und verwischte die 
Spuren und damit die Wirkung getaner Arbeit. Im Laufe der 
Vegetationsperiode wurde fünf-, teilweise sogar sechsmal mit 1- und 
1 •/, prozentiger Brühe gespritzt. 

Ü'fdiurn wurde in den von uns administrierten Weinbergen zum 
erstenmal am 8. Juli beobachtet. Es trat indes nur stellenweise und 
da nur spärlich auf. Ein Schaden durch diesen Filz war durch 
wiederholtes Schwefeln abgewendet worden. 

Die bis dahin verhältnismäßig günstigen Herbstaussichten wurden 
durch das starke Auftreten des Sauerwurms sehr herabgedrückt Die 
verheerende Arbeit dieses Schädlings wurde besonders dadurch be- 
günstigt, daß infolge der stets feuchten Luft die angestochenen 
Traubenbeeren sehr schnell in Fäulnis übergingen. In einzelnen 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kellenviitscbaft 15 

Lagen waren die Motten mit Klebfächern gefangen worden, allein 
bei der großen Parzellierung des Gutes war es unmöglich, diese 
Arbeit allgemein durchzuf Uhren. Zudem wäre der Erfolg dieser 

Bekämpfungsmaßnahmen in den kleinen Parzellen verhältnismäßig 
gering, zumal in den letzten Jahren der viel behendere bekreuzte 
Traubenwickler mehr als früher im Kheingau Auftritt Um indes 
die Überhandnahme des Schädlings im letzten Jahr zu illustrieren, 
sei angeführt, daß 1905 auf der 3*/j Morgen großen „Flocht- 617, 
im Jahre 1906 dagegen 16298 Motten gefangen wurden. l)ie große 
Anzahl der Raupen vermochte dadurch besonders unheilvoll zu 
wirken, daß die Entwicklung der Tierchen in den Beeren infolge 
dor kühlen Witterung außerordentlich langsam vor sich ging. Durch 
diesen Umstand ward dem kleinen Schädling viel Zeit gegeben, 
sein Zerstörungswerk auszuüben. 

Die gesund gebliebenen Beeren gingen in ihrer Entwicklung 
sehr langsam voran. Die ersten weichen Trauben wurden daher 
sehr spät gefunden und zwar in den einzelnen Lagen nach Angabe 
folgender Tabelle: 



Sorte 


L» ge 




Fnihburgunder 


Fuchsberg 


7. August 


Sylraner 


Steinacker 


23. ., 


Decker 


25. ., 


Riesling 


Fuchsberg 


25. „ 


Morschberg 


23. ., 


tf 


Theilers 


24. ., 


•1 


Mäuerchen 


25. .. 


n 


Flecht 


25. ,. 


V» 


Decker 


26. ., 


TI 


Altbauin 


26. „ 




Recht 


27. ., 




Fuchsberg 


28. „ 



Demgemäß erfolgte auch der Eintritt der Reife selbst noch 
10 — 14 Tage später als in dem in dieser Beziehung ebenfalls 
ungünstig gewesenen Vorjahre. Die Lese wurde vorgenomnien: 

Für Spätburgunder am 9. Oktober. 

Für den Sämling: Riesling x Burgunder am 22. Oktober. 

Allgemeine Lese am 25. Oktober. 

Der quantitative Ertrag war minimal, mehr die Folge des Sauer- 
wurm- als Peronosporaschadens. Von 25 im Ertrag stehenden Morgen 
Weinberg ergab die Ernte 2600 1. In ungefähr 10 Morgen war die 
Lese überflüssig geworden, in weiteren 10 — 15 Morgen ersetzte der 
Ertrag kaum die Lesekosten. Nur in den beiden Lagen „Flecht“ 
und „Mäuerchen“, in denen der Mottenfang mittels Klebfächer durch- 
geführt worden war, vermochte die Ernte einigermaßen zufrieden 
zu stellen. Die Bekämpfnngsmaßnahme rettete mindestens 2 Halb- 
stück Wein, die zusammen mit 1200 M ungerechnet werden können. 
Die Kosten für den Mottenfang beliefen sich auf 121,50 M. es bleibt 



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16 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



sonach eine durch die Bekämpfung veranlaßte Mehreinnahme von 
1048,80 M. 

Infolge des wenigen in den Beeren enthaltenen Saftes und der 
dicken Beerenhülsen war im Berichtsjahr eine große Menge Maische 
zur Erzielung eines bestimmten Quantums Most notwendig. Wir 
benötigten zu 1200 1 Most ca. 34 Ztr. Trauben. 

Die Witterung während und nach der Lese war sehr günstig. 
Das Holz reifte gut aus; die Düngung konnte rechtzeitig und richtig 
vorgenommen werden. 



3. Neuanlagen. 

Im Frühjahr 1906 wurden die W ustfelder . .Decker“ und ,. Recht“ 
neu nngelegt Die Umarbeitung der brach gelegenen Weinberge 
erfolgte auf 80 cm Tiefe, wobei sich die Kosten pro Morgen, im 
Tagelohn vergeben, auf 490 bezw. 510 M beliefen. 

Die Pflanzung erfolgte im „Decker“ teils mit veredelten, teils 
unveredelten Sylvaner- Wurzelreben. Es soll hier probiert werden, 
wie sich die Qualität der Produkte auf veredelten zu unveredelten 
Reben stellt. Das Einbringen der Pflänzlinge in den Boden geschah 
mit dom Spaten, auf 20 a waren dazu 14 Arbeitstage mit einem 
Oesamtlohn von 35 M erforderlich. 

Die „Flecht” erhielt Riesling-Wurzel- und Blindreben. Das 
Blindholz war aus verschiedener Höhe der einjährigen Reben ent- 
nommen, um festzustellen, wie die einzelnen Längen in Menge und 
Güte des Ertrages voneinander abweichen. 

Beide Jungfelder sind mit 95°/ # angewachsen und konnten 
durch fast wöchentlich vorgenommenes Spritzen von Peronospora 
beinah völlig freigehalten werden. Während Jungfelder in der Um- 
gebung vielfach eingingen, zeigten unsere Reben gleichmäßige, starke, 
verschiedentlich 1 m lange Triebe. 

Im „Steinacker“, „Langenacker 1- und auf der „Platte“ wurden 
Drahtgestelle an die dreijährigen Pflanzen angebracht. Es besteht 
die Absicht, soweit tunlich immer mehr zu Drahtanlagen über- 
zugehen. Die niedere Ausführung mit drei Drähten, wie sie im 
Jahresbericht 1904 beschrieben ist, wurde im „Langenacker“ und 
„Steinacker“ aufgestellt, da sich diese Art sehr gut bewährte. Da- 
gegen erwies sich das von der Firma Valentin Waas, Geisenheim, 
konstruierte System als verbesserungsbedürftig. Neben einer ge- 
ringen Haltbarkeit besitzt es den Nachteil, daß das Passieren der 
Durchgänge infolge der 30 cm über dem Boden angebrachten Ver- 
bindungsdrähte sehr erschwert ist. lin Verein mit Schlossermeister 
J. Weber, Geisenheim, vervollkommneton wir daher den Durchgang. 
Die verbesserte Vorrichtung besteht, wie Fig. 1 zeigt, aus zwei T-Eisen, 
welche durch leichte Rachstäbe miteinander in Verbindung stehen. 
Diese Konstruktion ist sehr stabil, gestattet ein bequemes Durchgehen 
und macht außerdem das Einsetzen der Stäbe im Beton entbehrlich. 

Der Preis der ganzen Vorrichtung stellt sich bei einer Länge 
von 1,80 m aus T-Eisen mit 25:25 und 3 mm Stärke auf 3,20 M. 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kcllerwirtschaft. 



17 



Bei einer Starke der End- und Durchgangsstäbe von 85 : 85 : 4 und 
einer solchen der Mittelstäbe von 25 : 25 : 3 belaufen sich die Kosten 
der niederen Anlage pro Morgen auf 620 M. Die höhere Anlage, 
deren Stäbe von derselben Stärke gewählt wurden, stellte sich pro 
Vorgen auf 840 M. Die hohen Preise der Gestelle sind wesentlich 
bedingt durch die Durchgänge. Ließe man diese in Wegfall kommen, 
so würde pro Morgen eine Ersparnis von 150 — 200 M gemacht 
werden (Materialkosten. Arbeit der Aufstellung usw.). 

Wenn diese Zahlen für den Moment auch hoch erscheinen, 
stellen sich Drahtanlagen im Laufe der Jahre doch billiger wie 
Pfahlerziehung. Die Kosten für Beschaffung, Anfahren, Austeilen 
und Einschlagen der Pfähle belaufen sich im Rheingnu pro Morgen 




auf ca. 600 M, die jährlich vorzunehmende Arbeit des Stickens auf 
8 M. Rechnen wir bei einem Alter von 50 Jahren eine einmalige 
Erneuerung sämtlicher Pfähle mit ca. 600 M, so würde die Schaffung 
und Erhaltung der Pfahlanlagen in den 50 Jahren auf 1600 M zu 
stehen kommen. Dabei haben wir bei unserer Rechnung die an- 
gegebenen Werte für Drahtanlagen als oberste Grenze angenommen. 
Zudem wird man in weniger wertvollen Lagen und leichten Böden, 
in denen die Reben ein geringeres Alter erlangen, ein einfacheres 
und dadurch billigeres Drahtgestell errichten können. 

3. Beobachtungen und Erfahrungen über die Bekämpfung der 
Blattfnllkrankheit im Berichtsjahr. 

Das im Zeichen der Blattfallkrankheit stehende Weinjahr 1906 
ließ eine Reihe bemerkenswerter Schlüsse bezüglich der Bekämpfung 
der Krankheit zu, welche hier wiedergegeben werden sollen. 

Zunächst muß betont werden, daß, wie in keinem andern Jahr, 
Verbrennungserscheinungen an Blättern durch die Kupfervitriol- 

Oeisonbetmer Bericht 19UC. 2 




18 



il. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



kalkbrühe zahlreich beobachtet werden konnten. Selbst bei der ge- 
ringsten Konzentration der Brühe blieben solche Schaden nicht aus. 
Die Ursache dieser Erscheinung dürfte, wie bereits anderwärts be- 
tont, in der mangelhaften Cuticularisierung der Blätter, hervor- 
gerufen durch ein zu rasches Wachstum, zu suchen sein. 

Wie sehr die Zeit der Bespritzung für den Erfolg mitspricht, 
konnte gelegentlich in der „Flecht“ festgestellt werden, ln dieser 
Lage wurde die Ausführung des zweiten Spritzens durch eingetretenen 
Regen unterbrochen. Erst am folgenden Tage war es möglich, die 
Arbeit fortzusetzen. Nach einiger Zeit zeigte es sich, daß die vor 
dem Regen behandelten Reben üppig grün und gesund geblieben 
waren, während der am folgenden Tag gespritzte Rest unter Perono- 
spora stark zu leiden hatte. Daraus resultiert daß. im geeigneten 
Moment alle Mann mit Spritzen bewaffnet, vor allen andern Arbeiten 
das Bordelaisieren vornehmen müssen. Nach ausgiebigen Regen- 
fällen und vor Eintritt trüber Witterung ist das Kupfern zu wieder- 
holen. 

Ein Versuch im „Mäuerchen“ zeigte, daß 1-, 2- und 3 prozentige 
Lösungen gleich stark pilztötend zu wirken vermögen. Die stärkere 
Konzentration der Brühe bedingt allerdings eine länger andauernde, 
üppiger grüne Belaubung und bürgt für längere Wirkung, da die 
Spritzflecken länger haften bleiben. Es dürfte sich demnach, ab- 
gesehen von der direkten Wirksamkeit auf den Pilz, in regenreichen 
.Fahren empfehlen, eher die 2- als die 1 prozentige Brühe zu ver- 
wenden. 

An Präparaten, die im Kanytf gegen die Peronospora empfohlen 
werden, wurden versucht: L'Ecluir der Firma V. Vermorel in 
Viliefranche und ,,Agens"‘, eingesandf von Zink, Freiburg iin Breis- 
gau. Beide Substanzen vermochten uns nicht zu befriedigen, ihre 
Wirksamkeit blieb trotz des hohen Preises hinter der Kupferkalk- 
brühe zurück. 



4. Versuch mit Sohlaekenbedeokting. 

Der Distrikt ,, Morschberg“ besitzt einen sehr schweren bindigen 
Tonschieferboden. Um die physikalischen Eigenschaften der obersten 
Bodenschicht günstiger zu gestalten, wurde eine Überschotterung 
iles Bodens mit Steinkohlenschlaeken vorgenommen. Die Lage 
wurde in drei Parzellen eingeteilt, deren eine 15, deren andere 
5 cm hoch mit Schlacken überfahren wurde, während das dritte Stück 
als Kontrolle unbehandelt blieb. Die beiden letztgenannten Teile 
wurden regelmäßig wie sonst gegraben, der hoch überschüttete Boden 
soll vorläufig ohne Bearbeitung bleiben. Die Schlacken waren von 
der chemischen Fabrik Winkel gratis erhältlich. Das Anfahren 
kostete bei einer Entfernung des Feldes von 3 km von der Fabrik 
für 5 a 36 bezw. 108 M. 

Die Wirkung der Schlackenbedeckung war eine ganz über- 
raschende. Auf Fig. 2 ist links der hoch aufgeschüttete Teil als 
besonders üppig gewachsen zu erkennen. Vor allem fiel die grüne 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kellerwirtschaft. 



1 !» 



Belaubung dieser Stöcke auf. Der mittlere Teil des Weinbergs war 
unbehandelt geblieben. Das Wachstum dieser Reben blieb gegen- 
über dem linken Teil offensichtlich zurück, während das 5 cm hoch 
überfahrene, rechts gelegene Stück die Mitte zwischen beiden ein- 




Fig. 2. Versuch mit Schlackenbedeckung im „Morschberg". 



nahm. Das zahlenmäßige Resultat des Versuches ist aus folgender 
Tabelle ersichtlich: 





15 cm 


überschottert 


5 cm ü herschottert 


Kontrollstück 


Jahr 


Gipfel 


Rebholz 


Gipfel 


Hebholz 


Gipfel 


Rebholz 




kg 


kg 


kg 


kg 


kg 


kg 


MOT» .... 


5,8 


80 


5,3 


69 


4 


64 


moe .... 


13,0 


120 


10,2 


77 


5 


74 



Wie aus den Zahlen ersichtlich ist. trat der Unterschied der 
verschiedenen Behandlung besonders im zweiten Jahr hervor. 
Qualität und Quantität des Ertrages wurden ebenfalls festgestellt 
und ergaben: 





15 cm 


überschottert 


5 cm 


überschottert 


Kontrollstück 


Jahr 


Ertrag Most- g. 
pro Ar gewicht 


Ertrag 
pro Ar 


Most- 

gewicht 


Säure 


Ertrag ' Most- c .. 
pro Ar gewicht öaure 




kg 


0 ö. 0 

00 


kg 


• Ö. 


O , 

t»0 


kg 0 <"'• 


lsX>5 . . 


31 ! 


92 8,2 


:to 


94 


9.5 


25 90 9.5 


1906 . . 


3.25 1 


105 10,5 


3,10 


102 


10,5 


3,5 km; ti.rt 
*)• 



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20 



II. Tütipkeit der Anstalt nach innen. 



Die Tabelle zeigt, tlnß 1905 Ertrag und Qualität der Moste aus 
den behandelten Parzellen jene aus den unbehandelten übertrafen. 
Im Herbst 190(5 ergab sich das Entgegengesetzte. Diese Tatsache 
findet ihre Erklärung darin, daß das überschotterte Stück infolge 
seines üppigeren Wuchses und dichteren Standes unter Sauerwurm 
mehr zu leiden hatte. Vor Auftreten des Schädlings übertraf die 
Anzahl der Trauben in den überfahrenen Parzellen jene in den 
nicht behandelten. 

Soviel steht heute schon fest, daß die physikalische Beschaffen- 
heit schwerer Böden durch Schlackenbedeckung viel günstiger ge- 
staltet werden kann. Vielleicht vermag man auf diese Weise auch 
die Lebensdauer alter rückgängiger Weinberge zu erhöhen. Wie be- 
kannt, führt man die Wirkung der Schlacken auf die ständige Offen- 
haltung sowie auf den erhöhten Feuchtigkeitsgehalt des Bodens 
zurück. Wie sich die Wirkung nach Jahren gestaltet und wie die 
Behandlung in leichtem Boden wirkt, wird die Zukunft zeigen. 

J. Hefner. 



B. Kellerwirtschaft. 

Einzelne Weine des Jahrgangs 1904 haben sich zu Hoch- 
gewächsen entwickelt und zeigen eine reife, vornehme, feinhlumige 
und elegante Art 

Die 1905er bauen sich sehr schnell aus. Ihre Säure beginnt 
angenehm zu werden: sie besitzen kräftige Art und zeichnen sich 
vor allem durch eine saubere Gär aus. 

Über die Kreszenz des Jahres 1906 läßt sich noch nicht viel 
mitteilen: allem Anschein nach werden die Weine sauberer und 
reintöniger, als man gehofft hatte. 

Im Frühjahr 19015 wurde zwecks Veräußerung einzelner Weine 
der Lehranstalt und Domäne eine öffentliche Versteigerung ab- 
gehalten. Am 23. Mai wurden 20 Halbstück 1904er und 15 Halb- 
stück 1905er ausgeboten. Da der Besuch der Versteigerung ein 
guter war, konnten sämtliche Weine in anderen Besitz gegeben 
werden. Das Halbstück 1904 er kam durchschnittlich auf 1 HS M, 
jenes der 1905er auf 639 M; der Gesamterlös betrug 38530 M. 

1. Prüfung von cingegangencn Mitteln und Materialien, 
a) Durabisol. 

Von der Firma Edmund Simon, Dresden A.4, wurde uns 
ein im Kampf gegen die Schimmelpilze an Holzgeräten empfohlenes 
Mittel, Durabisol, eingesandt. Es stellt eine klare, gelblich grüne 
Flüssigkeit dar. die einen strengen, an gekochten Fisch erinnernden 
Geruch abgibt, der sich aber beim Gebrauch größtenteils verliert. 
Zur Verwendung wird das Mittel mit heißem Wasser gemischt und 
aut die zu behandelnden Gegenstände aufgetragen. Um seine Wirk- 
samkeit festzustellen, wurden aus Weiden geflochtene Umhüllungen 
von Korbflaschen sowie auch Fässer behandelt 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kellerwirtschaft. 21 

Das Weidengeflecht von drei in einem feuchten Keller auf- 
gestellten Korbflaschen wurde mit 5-, 10- und 50 prozentiger Lösung 
angestrichen. In keinem Fall hat Durabisol die Schimmelbildung 
verhüten können. Nach 3 — 5 Wochen waren alle drei mehr oder 
weniger angelaufen. Jedoch hatten die Schimmelpilze auf dem be- 
handelten Geflecht nie so stark gewuchert, als an einem in unmittel- 
barer Nähe des Versuches aufgestellten neuen unbehandelten Korb. 

Zwei Hektofäßchen wurden aufgeschlagen, mit 5- bezw. 50 pro- 
zentiger Mischung innen und außen augestrichen, wieder eingebunden 
und mit Wein gefüllt. Beide Weine wurden durch das Mittel in 
ihrer Helligkeit und Farbe nicht beeinflußt, hatten jedoch einen sehr 
unangenehmen Beigeschmack angenommen. Die öüprozentige Lösung 
war im stände, den eingelagerten Wein wertlos zu macdien. Die 
Schimmelbildung konnte durch die Behandlung nicht verhütet werden. 

Demnach ist es wegen der nachteiligen Wirkung auf den ein- 
gelagerten Wein völlig ausgeschlossen, Durabisol zur Faßbehandlung 
zu benützen, während das Mittel andrerseits die Haltbarkeit des 
Holzes an nicht mit Wein in Berührung kommenden Geräten nur um 
ein geringes erhöht. 

b) Paraffin als Mittel gegen Schimmel. 

In letzter Zeit war verschiedentlich angeraten worden, Paraffin 
im Kampfe gegen die Schimmelpilze an Holzgeräten zu verwenden. 
Ein Versuch sollte dessen Brauchbarkeit für den angegebenen Zweck 
klarlegen. Ein stark verschimmeltes Faß, von ca. 50 1 Inhalt, wurde 
aufgeschlagen, kalt gebürstet, der Boden eingesetzt, das Faß gebrüht 
und gewassert und nun mit Paraffin behandelt 250 g des Fettes 
wurden geschmolzen, in das Faß gegeben und letzteres nun gerollt, 
so daß das Paraffin als eine gleichmäßige, lückenlose, 1 — 2 mm 
dicke Schicht den innern Raum des F’asses bekleidete. Sobald das 
Fett erstarrt war, wurde das Faß in üblicher Weise eingeschwefelt, 
wobei sich zeigte, daß die Verbrenn ungsguso des Schwefels keinerlei 
Einfluß auf das Paraffin auszuüben vermögen. Der nun eingefüllte 
Wein zeigte nach 8 wöchentlicher Lagerung in der Farbe keine Ver- 
änderung, geschmacklich dagegen war er sehr verschlechtert und 
erinnerte schwach an Petroleum. Sonach ist wegen der geschmack- 
lichen Beeinflussung des Weines das Paraffin zur Behandlung der 
Fässer ausgeschlossen. 

c) Schwefelschnitten „Record“. 

Es muß immer noch als ein Fehler in der Keilerwirtschaft be- 
zeichnet werden, duß viele Kellermeister die ihnen so sehr „ans 
Herz gewachsenen“ dicken Schwefelschnitten womöglich mit Tuch- 
oder Papiereinlage heniitzen. Schon seit verhältnismäßig langer Zeit 
werden von verschiedenen Fabrikanten die sehr viel besseren 
..Asbest-Schwefelschnitten“ in den Handel gebracht, die sich jedoch 
bedauerlicherweise nicht in dem Maße einführten, als sie es verdient 
hätten, ln neuerer Zeit verfertigt die chemische Fabrik A. Becker 



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99 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



& Co., Worms am Rhein, nicht abtropfende Schnitten, ,, Record' 1 
mit Asbesteinlage. Die genannte Firma hat uns zur Begutachtung 
einzelne überlassen. Bei deren Benutzung konnte festgestellt werden, 
daß die Verbrennung des Schwefels eine vollständige ist; ein Ab- 
tropfen findet auch nicht in kleinen Spuren statt, was von den all- 
gemein gebräuchlichen Schnitten, wie bekannt, keineswegs gesagt 
werden kann. Die Einlage ist unverbrennlicb und läßt sich leicht aus 
dem Faß entfernen. Papiereinlagen bleiben meist im Faßraum zurück. 
Bei dünnen Schnitten ist die Menge der zurückbleibenden Schwefel- 
träger im Verhältnis zum Quantum des verbrannten Schwefels be- 
deutend größer als hei Verwendung einer geringen Anzahl dickerer 
Schnitten. Man dürfte in diesem Umstand vielleicht den Grund zu 
suchen haben, warum die dicken Schnitten beliebter sind als eine 
größere Anzahl besser wirkender dünner. Die Schwefelschnitte 
„Record' - kann nach unseren Erfahrungen iu der Kellereipraxis 
bestens empfohlen werden. 1 kg von ca. 300 Schnitten kostet 1,50 M. 

2. Prüfung von Geräten und Maschinen, 
a) Der Loos sehe Faßdämpfapparat. 

Seit drei Jahren benutzt die Anstalt den in größeren Wein- 
handlungen schon verschiedentlich aufgestellten Loosschen Faß- 
dämpfapparat (Fig. 3). Er besteht aus einem Metallmantel, welcher 
unten einen hohlen Feuerungsraum und oben einen Hohlraum als 
Rauchabzug besitzt. Beide sind durch eine nach der Größe des 
Apparates wechselnde Anzahl von metallenen Röhren miteinander 
verbunden, durch welche die Wärme nach oben steigt. Die Um- 
gebung der Röhren dient zur Aufnahme des zur Bereitung des 
Dampfes dienenden Wassers, dessen Höhe an einem vorn angebrachten 
Standglas ersichtlich ist Links auf dem Bilde zweigt ein ein- oder 
mehrfach gebogenes Standrohr vom Apparat ab. Wo es den Kessel 
verläßt ist ein Sicherheitsventil eingefügt. Rechts in der Abbildung 
ist oben ein mit einem Gummischlauch versehener Stutzen ersichtlich, 
welcher zur Einleitung des Dampfes in die Fässer dient. Unterhalb 
dieser Dampfableitung sind eine oder zwei in verschiedener Höhe ab- 
zweigende Röhren angebracht, aus welchen warmes Wasser entnommen 
werden kann. Der Apparat besitzt nämlich den Vorzug, daß er 
gleichzeitig zur Erzeugung von warmem Wasser und Dampf dienen 
kann. Bei der Benutzung hat man nur darauf zu achten, daß vor 
Inbetriebsetzung das vom Sicherheitsventil nach unten gehende Rohr- 
stück mit Wasser angefüllt ist, da sonst der Dumpf schon bei ge- 
ringem Druck durch das Standrohr entweichen würde. Wenn man 
den Kessel in einem niederen geschlossenen Raum aufstellen will 
und die Ableitung des aus dem Standrohr ausströmenden Dampfes 
nach außen nicht bewerkstelligen kann, so legt man in einiger Höhe 
vom Boden eine Metallscheibe in das Standrohr ein oder man sucht 
diesem eine zweckentsprechende Länge dadurch zu verleihen, daß 
mau die Röhre einigemal auf- und abwärts führt Sollte je ein Ver- 
rosten der inneren Kesselauskleidung stattfinden, was man daran 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kellcnvirtscliaft. 23 

erkennt, daß das dem Apparat entnommene Wasser Spuren von 
Kost enthält, so empfiehlt es sich, den Kessel durch die mit einer 
Flügelschraube verschlossene vorn ersichtliche Öffnung ca. 3— 5 kg 
Soda zuzusetzen und ihn damit auszukochen. Spült man nun mit 
klarem Wasser nach, so ist das übel behoben. 

Zur Ausführung des Dämpfens werden die Fässer mit dem 
Spundloch nach unten auf einen ..Bock“ gelegt. Das Zapfloch ist 
verschlossen: der Dampf wird durch die Spundöffnung eingeführt. 




Fig. 3. Loosscher Fulidämpfer. 



Die Vorsicht gebietet, zur Einleitung des Wasserdampfes einen 
dünnen Schlauch zu benutzen, der nicht das ganze Spundloch aus- 
füllt, so daß zwischen Schlauch und Holz der verbrauchte Dampf 
und das sich ergehende Kondenzwasser abfließen können. 

Der Apparat hat sich bei uns sehr gut bewährt und seine An- 
schaffung kann daher würmstens empfohlen werden. Er stellt zur 
Zeit wohl das Vollkommenste auf diesem Gebiete dar und ist zu 
beziehen von der Dampfkesselfabrik Phil. Loos, Offenbach a. M. 

b) Ein Apparat zum Imprägnieren der Weine mit Kohlensäure. 

Die Firma Krais & Friz, Stuttgart, sandte zur Begutachtung 
den von ihr erzeugten „Sicherheitsspundapparat“ ein, der zur 
Behandlung der Apfelweine mit Kohlensäure schon seit zwei Jahren 



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24 H. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 

nn der Anstalt in Verwendung: steht. Fig. 4 gibt die Außenansicht 
wieder. Die Vorrichtung besteht aus zwei 90 cm übereinander- 
liegenden Gefäßen ( .S’.S), welche durch eine Glasröhre (D) kommuni- 
zieren und durch Kisenstangen in ihrer Lage gegeneinander fest- 
gehalten sind. Das untere Gefäß ist vollkommen geschlossen und 
steht oben einerseits mittels eines Hahnes (W 3 ) und Schlauches mit 
einem Druckminderungsventil (/f), andrerseits mittels eines Hahnes 



Fig. 4. Erklärung: A' Kohlensäureflasche, U Reduzierventil, II, Auslaufhahn des 
Reduzierventils, //, Einlaß-Stutzen am (ilyzeriokontrollapparat, CI Ulyzeriakontroll- 
apparat, »V Sicherheits-Spund- und Kontrollapnarat, //, Einlauf- und Auslaufhahn 
am Spund- und Sicherheitsapparat, l> (llasröhre, welche S und S verbindet, 
I. Schlauchleitung. II, Abstellhahn für jedes einzelne Faß, F Faß. 

und eines Schlauches mit einem oder mehreren Fässern ( F) in Ver- 
bindung. Das Glasrohr reicht bis zum Boden des unteren Gefäßes, 
welches mit einer Flüssigkeit, z. B. Wasser, Glyzerin oder einem 
Flüssigkeitsgemisch, nahezu gefüllt ist. In den Boden des oberen 
Behälters mündet die verbindende Glasröhre, ohne in den inneren 
Hohlraum vorzudringen. Der Verschluß des Gefäßes wird durch 
einen Deckel bewerkstelligt, der einen Flüssigkeitsaustritt gestattet. 

Soll der Apparat in Tätigkeit gesetzt werden, so stellt man die 
Verbindung zwischen Kohlensäurebombe, Sicherheitsspundapparat und 



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Bericht über die Tätigkeit in Weinbau und Kellerwirtschaft. 25 

Faß her. Sämtliche Hahnen werden geöffnet, nur //, läßt man 
zunächst geschlossen, damit, wenn etwa die Kohlensäureflasche zu 
schnell geöffnet würde, kein Kohlensäureverlust zu beklagen wäre. 
Jetzt dreht man den Stutzen an der Flasche auf, öffnet //, und läßt 
die Kohlensäure in schwachem Strom ausfließen. Das eingeschaltete 
Glasgefäß O ermöglicht eine genaue Kontrolle über die ausfließende 
Menge. 

Die Kohlensäure passiert zunächst das Reduzierventil R, dann 
das Glasgefäß, füllt nun den über der Flüssigkeit im unteren Be- 
hälter (S) bleibenden Luftraum und tritt bei //<, in die Röhre L 
ein Von da wandert sie zu den einzelnen Fässern, wo' sie mit 
Hilfe der üblichen Verteilungsvorrichtungen mit dem Wein ver- 
mischt wird. 

Die Einschaltung des Glasbechers G hat den Zweck, die Stärke 
des Kohlensäurestromes beobachten zu können. Au der durch die 
Flüssigkeit streichenden Menge und Größe der Gasbläschen läßt sich 
eine Kontrolle über die den Fässern zugehende Quantität Kohlen- 
säure ausüben. Ist der Kohlensäurestrom zu groß, so wirkt durch 
die Spannung des Gases auf die Flüssigkeit in S ein sehr großer 
Druck ein, der es eventuell zustande bringt, daß das Wasser durch 
die Röhre D nach dem oberen Blechgefäß S getrieben wird. Um 
dies zu ermöglichen, enden die Kohlensäure ein- und abführenden 
Köhren bei H a im Deckel des Gefäßes S, während die in denselben 
Behälter führende Glasröhre von dem Boden ausgeht Ist alle Flüssig- 
keit oben angekommen, so folgt die neu einströmende Kohlensäure 
nach und entweicht durch die im Deckel angebrachten (Öffnungen. 
Dadurch ist jede Gefahr für die Fässer ausgeschlossen. Das Ganze 
ist nämlich so konstruiert, daß die Bowegung des Wassers nach 
oben eher erfolgt, als bis der Druck in den Fässern so groß wird, 
daß ein Schaden für sie zu befürchten wäre. Läßt der Druck nach, 
so tritt die Flüssigkeit aus dem oberen Behälter in das Rohr bezw. 
in das untere Gefäß zurück. 

Wie bereits erwähnt, können an einen Apparat eine unbeschränkte 
Anzahl Fässer angeschlossen werden. Beabsichtigt man nur otwa, 
wie normal. 2 — 3 Fässer zu imprägnieren, so leitet man den Kohlcn- 
säurestrom zum ersten dieser und von dem hierein eingesetzten 
Verteiler zu den übrigen. Will man dagegen eine größere Anzahl 
Fässer durch einen Apparat speisen, so ist die Anbringung einer 
festen Hauptleitung aus metallenen Röhren — wie Abbildung 4 
zeigt — an der Wand oder der Mitte der Kellerdecke entlang zu 
empfehlen. An diese Hauptleitung werden dann die einzelnen Fässer 
angeschlossen und zwar jedes durch einen Abstellhahn, Gummi- 
scblauch und Spund aus weichem Gummi mit einer Hartgummipfeife. 

Der beschriebene Apparat hat sich bei der Behandlung der 
Apfelweine in unserem Keller außerordentlich gut bewährt und 
kann auch zur Auffrischung der Traubenweine bestens empfohlen 
werden. 



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2 « 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



c) Eine TGnchmaschine. 

Von der technischen Verkaufgenossenschaft Duisburg wurde 
die Tünch- und Desinfektionsmaschine ,,Ceres‘ - zur Probe ein- 
gesandt. In ihrem Äußeren ähnelt sie den bekannten konvex-konkaven 
Rebspritzen. Ihr Rauminhalt ist aber bedeutend größer (ca. 25 1). 
Die Spritze arbeitet mittels einer gutgehenden Kolbenpumpe. Wir be- 
nutzten die Maschine sowohl zum Tünchen von Häuserwänden, wie 
auch von Kellergewölben. Pumpwerk und Zerstäuber arbeiteten sehr 
gut. Die Zerstäubung ist eine gleichmäßige und man ist unter Zu- 
hilfenahme eines 2 m langen Bambusrohres im stände, die höchsten 
Teile der Kellerwände ohne Gerüste zu treffen. Ein Verstopfen des 
Zerstäubers trat nicht ein, sofern man die Kalkmilch zunächst durch 
das beigegebene Sieb trieb. 

Zu bemängeln ist jedoch die Art und Weise der Anbringung 
der Träger. Die Spritze ist nämlich zum Tragen auf dem Rücken 
eingerichtet, jedoch ist die Befestigung der Träger so ungeschickt, 
daß das Auf- und Abnehmen des Apparates geradezu unmöglich 
ist, ohne im gefüllten Zustand größere Mengen Inhaltes zu verschütten. 
Dazu ist der Deckel in der Umgebung des Pumpwerkes soweit aus- 
geschnitten, daß schon bei dem gewöhnlichen ruhigen Gang des 
Arbeiters Flüssigkeit austritt. Wenn die Spritze im System sehr 
gut wirkt, so werden andrerseits die angeführten Mängel bei der 
Handhabung sehr unangenehm fühlbar. Wir kennen eine bessere 
fahrbar montierte Ausführung dieser Spritze von derselben Firma. 

J. Seib. 



Bericht 

über Obstbau, Gemüsebau, sowie der Station für Obst- 
und Gemüseverwertung. 

Von dem Betriebsleiter Garteninspektor Junge. 

A. Obstbau. 

1. Allgemeine Jahresübersicht. 

Das milde Wetter im Februar und März hatte eine zeitige Er- 
wärmung des Bodens zur Folge, so daß die Vegetation früh angeregt 
wurde. Am 22. März setzte jedoch plötzlich Kälte und starker 
Schneefall ein, und da diese Witterung bis zum 8. April anhielt, 
war zu befürchten, daß die Knospen besonders des Steinobstes, die 
sehr weit vorgetrieben waren, hierdurch Not leiden würden. Die 
prächtige Blüte, welche nach dem Umschlag der Witterung mit 
Macht einsetzte, leinte jedoch, daß die Kälte keinen Schaden an- 
geriehtet hatte. Die Blüte begann bei den Aprikoson und Pfirsichen 
am 7. April, bei den Stachel- und Johannisbeeren am 11. April, bei 
den Kirschen, Pflaumen und Birnen am 13. April. Es war somit 



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Bericht über Obstbau. Gemüsebau usw. 



27 



hinsichtlich des Eintrittes der Blütezeit bei den einzelnen Obstarten 
in diesem Jahre fast kein Unterschied zu verzeichnen. Als Eintritt 
der Blüte wurde bei den Äpfeln der 28. April notiert. Bei sämt- 
lichen Obstarten verlief die Blüte ohne jede Störung, so daß nach 
Beendigung derselben die Aussichten auf eine reiche Obsternte recht 
günstige waren. 

Die Hoffnungen auf ein gutes Ertragsjahr wurden jedoch sehr 
bald durch Ursachen verschiedener Art um ein Bedeutendes herab- 
gesetzt Die verschiedenen Knospenraupen traten an den Bäumen 
in sehr großer Zahl auf und hemmten das Wachstum in recht 
empfindlicher Weise. Im Anschluß hieran litten die Bäume stark 
durch Raupenfraß. Trotz des verhältnismäßig kühlen und feuchten 
Sommers wurden die Apfelbäume auch von der Blutlaus stark be- 
fallen. Sehr bald stellte sich die Obstmade ein, die wiederum 
trotz aller Bekämpfungsmaßnahmen einen großen Teil der Ernte zer- 
störte. Besonders nachteilig machte sich wiederum die zweite 
Generation bemerkbar, die gerade Ende August bis Mitte September 
die meist ausgewachsenen Früchte befiel. Da die Spalierfrüchte, 
welche der Sonne ausgesetzt sind, von dem Schädling bevorzugt 
werden und da diese die schönsten Exemplare sind, ist der Verlust 
um so empfindlicher. 

Die häufigen Niederschläge während des Sommers waren für 
die Entwicklung des Fusicladiums recht günstig, so daß dasselbe 
in verheerender Weise um sich griff. Trotz wiederholten Spritzens 
war die Bekämpfung von wenig Erfolg begleitet, da durch die 
leichten Regenschauer, die sich fast täglich wiederholten, die Kupfer- 
vitriolbrühe abgewaschen wurde. Im Weinbau hat man bei der 
Bekämpfung der Peronospora, welche ebenfalls trotz wiederholten 
Spritzens furchtbare Verheerungen im Rheingau anrichtete, die Be- 
obachtung gemacht, daß wenn nach dem Spritzen 24 — 28 Stunden 
tiocken Wetter bleibt, die Brühe genügend fest trocknet Tritt 
jedoch in dieser Zeit Regenwetter ein, so zeitigt das Spritzen keinen 
Erfolg. Diese Wahrnehmung dürfte auch bei der Bekämpfung des 
Fusicladiums der Beachtung wert sein. Der Pilz befiel in diesem 
Jahre besonders stark die Holzfarbige B.-B.; selbst Hardenponts 
Winterbutterbirne zeigte die Flecken, obwohl bisher ein Befall dieser 
Sorten nicht oder nur sehr selten beobachtet wurde. 

Durch die verschiedenen Schädlinge und Krankheiten wurde 
die Ernte geschmälert und der Wert der zurückbleibenden Früchte 
bedeutend herabgesetzt. Doch auch die innere Qualität der Früchte 
ließ vielfach zu wünschen übrig. Bei den Pfirsichen und Aprikosen 
war das Aroma infolge der kühlen Witterung während des Sommers 
wenig ausgebildet: auch die Äpfel und Birnen waren bei der fehlen- 
den Wärme im allgemeinen klein geblieben. Die prächtige Aus- 
bildung der Kirschen und des Beerenobstes lehrte jedoch, daß die 
Witterungsverhältnisse diesen Obstarten besser zugesagt haben. 

Das Resultat des diesjährigen Ernteausfalles war folgendes: 

Äpfel gering 

Birnen gut 



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28 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Kirschen .... gut 
Mirabellen .... gut 
Reineklauden . . . gering 
Zwotschen .... gering 
Aprikosen .... mittelmäßig 

Pfirsich sehr gut 

Beerenobst .... sehr gut 
Schalenobst . . . gering 

Obstbandel. Die rege Nachfrage nach feinem Tafelobst und 
die hoben Preise, welche hierfür gezahlt wurden, lehrten, daß unter 
den hiesigen Verhältnissen der Anbau desselben unter Berück- 
sichtigung der besonders dankbar tragenden Sorten sich stets als 
lohnend erweisen wird. Leider war es in diesem Jahre nicht mög- 
lich, die Kundschaft wie bisher bis in den Winter hinein zu be- 
friedigen, da sämtliche spätreifenden Sorten sehr früh auf dem Lager 
genußreif wurden. Sorten wie Hardenponts Winter-B.-B. und Le 
Lectier, die sonst zu unseren Weihnachtsbimen zählen, zeitigten 
bereits Ende Oktober; Frau Luise Goethe war Anfang November 
genußreif, während dieses Stadium in andern Jahren erst aufangs 
Januar eintrat Diese geringe Haltbarkeit der Früchte auf dem 
Lager war in diesem Jahre um so auffälliger, als die kühle Witterung 
während des Sommers eine langsamere Entwicklung der Früchte am 
Baume und des Reifeprozesses derselben auf dem Lager vermuten 
ließen. 

Durch den beschleunigten Reifeprozeß der Winterbirnen häufte 
sich Ausgangs Oktober die Menge der verkaufsfähigen Ware in 
einer Weise, die nicht im richtigen Verhältnis zur Nachfrage stand. 

Wir führen die Frühreife der Winterbirnen zum Teil darauf 
zurück, daß bei der reichen Ernte an Birnen das Obsthaus zu große 
Mengen von Früchten aufnehmen mußte, die bei der längeren 
Lagerung in mehreren Schichten eine höhere Wärme entwickelten. 
Es liegt sehr nahe, daß das Winterobst und insbesondere die Birnen 
sich um so länger haltbar erweisen werden, je kühler sie lagern. 
Hiermit hängt innig die Frage der Schaffung geeigneter Kühl- 
räume zusammen, welche gerade in den letzten Jahren mit dem 
Hinweis auf das Vorgehen der amerikanischen Obstzüchter in Deutsch- 
land wiederholt erörtert ist. 

Da bei der Vergrößerung der Obstanlagen der Anstidt sich das 
hiesige Obstbaus im Laufe der Zeit als unzureichend erweisen und 
somit die Schaffung größerer Lagerräume notwendig wird, so wäre 
es sehr erwünscht, wenn bei dieser Gelegenheit auch ein Kühlraum 
geschaffen würde, um praktische V ersuche nach dieser Richtung hin 
im allgemeinen Interesse anstellen zu können. 

2. Neuanlagen. 

a) Bau eines Weinhauses nach belgischer Art. 

Auf Veranlassung eines hohen Ministeriums für Landwirtschaft 
wurde von dem Berichterstatter in Gemeinschaft mit mehreren Obst- 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



29 



baufachleuten im Herbste 1904 eine Reise nach Belgien zur Be- 
sichtigung <ler dortigen Kulturen ausgeführt. Bei dieser Gelegen- 
heit wurde den berühmten Weinkulturen in Hnevlaert bei Brüssel 
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. 

Auf Grund des erstatteten Berichtes wurde der Bau eines 
Weinhauses nach belgischer Art von seiten eines hohen Ministeriums 
angeordnet, um festzustellen, inwieweit diese Kulturmethode unter 
den hiesigen Verhältnissen Aussichten auf Rentabilität bietet 

Mit dem Bau des Hauses wurde die Spezialfirma Rnbruck in 
C'öln a. Rh. beauftragt, welche dasselbe nach den von hier erfolgten 
Anweisungen im Juli des Berichtsjahres im Rohbau fertig stellte. 
Das Haus hat eine Lange von 20 m und eine Breite von 7 m: die 
seitlichen Mauern sind 25 cm stark. Das Profil des Hauses ist aus 







der Zeichnung (Fig. 5) genau zu ersehen. Die Höhe beträgt 3.50 m. 
Die Lage desselben ist mit der Längsachse von Norden nach Süden, 
so daß das Haus den ganzen Tag über dem Eintluß der Sonne aus- 
gesetzt ist Die Morgensonne trifft die nach Osten liegende Glas- 
fläche, die Mittagssonne bescheint das Haus in der Längsrichtung, 
wodurch dieselbe nicht so sehr zur Geltung kommt und die sonst 
sehr hohe Tomperaturentwicklung während der Mittagszeit vermieden 
wird. Die Nachmittagssonne kommt der nach Westen zu liegenden 
Glasfläche wieder zu gute. Es ist durch diese Lage erreicht, daß 
die Temperatur im Weinhaus sich den ganzen Tag in möglichst 
gleichmäßiger Höhe hält, und nicht wie dies sonst bei Woinhäusern, 
die mit der ganzen Glasfläche nach Süden liegen, der Fall ist, die 
Temperatur um die Mittagszeit sehr hoch und in den Morgen- und 
Abendstunden verhältnismäßig niedrig ist. Mit diesem Umstande 
muß hier im Rheingau gerechnet werden. 



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30 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Die Unterkonstruktion des Weinhauses ist Schmiedeeisen und 
wird durch zwei Säulen in jedem Binder, deren 9 auf die ganze 
Länge angebracht sind, getragen. Auf diese eiserne Unterkonstruktion 
sind die Sprossen aus amerikanischem Pitsch-pme-Holz mit schmiede- 
eisernen Winkeln aufgeschraubt. Im Giebel ist eine sogenannte First- 
liiftung angebracht, deren Konstruktion ebenfalls aus der Zeichnung 
ersichtlich ist. Die seitlichen 1.20 m hohen, schrägen Glaswände 
sind mittels eines einfachen Hebelmechanismus ganz zum Öffnen 
eingerichtet. Die Drahtbespannung ist 35 cm vom Glas entfernt; 
an den Bindern wurde eine Einrichtung angebracht, um die Draht- 
bespannung auch weiter vom Glas entfeint anbringen zu können. 

Die ganze Konstruktion des Hauses entspricht der belgischen 
Bauart. Es wurden jedoch einige kleine Änderungen vorgenommen, 
welche in Anbetracht der hiesigen örtlichen Verhältnisse zur Not- 
wendigkeit wurden. 

1. Der Sockel des Hauses ruht flach auf dem Boden auf Eisen- 
trägern, so dali den Wurzeln die Möglichkeit geboten ist. ihre Nahruug 
auch außerhalb des Hauses zu holen. Es werden zu beiden Seiten 
des Hauses besondere Beete hergerichtet, die reichlich Dünger und 
erforderlichen Falles auch Wasser erhalten. Diese Maßnahme wird 
sicherlich zur Kräftigung der Stücke beitragen. In Hoeylaert wird 
der Sockel des Hauses in den Boden eingelassen, wodurch die 
Wurzeln mehr auf das Erdreich des Hauses angewiesen sind. 

2. Die Sprossen der Fenster sind aus Pitsch-pine-Holz her- 
gestellt, sodaß nur die Unterkonstruktion aus Eisen ist Wir 
hoffen auf diese Weise eine gleichmäßigere Temperatur im Hause 
zu erzielen und den Tropfenfall im Winter möglichst zu verringern, 
letzteres dürfte für die Überwinterung der Trauben an den Stöcken 
von besonderer Wichtigkeit sein. In Hoeylaert sind die Sprossen 
in den meisten Fällen aus Eisen und nur für die Träger werden 
in primitiver Weise Holzleisten und Balken verwendet. 

3. In Anbetracht der sehr heißen Sommer im Rheingau wurde 
die einfache Lüftungsvorrichtung, wie solche in Hoeylaert zur An- 
wendung kommt, für nicht ausreichend erachtet. Aus diesem Grunde 
ist die Firstlüftung sowie die vollkommene Seitenliiltung angebracht, 
wie solche aus der Zeichnung ersichtlich ist. Wohl wurden die 
Kosten des Hauses hierdurch etwas erhöht, doch steht diesem außer 
der erforderlichen besseren Durchlüftung eine dauernde Ersparnis 
an Zeit und Arbeit gegenüber, so daß sich diese Mehrausgaben 
sicherlich verzinsen werden. 

Was die zukünftige Kultur der Reben selbst betrifft, so wird 
keine eigentliche FVühtreiberei ausgeführt werden, sondern das Haus 
wird dazu dienen, die Trauben bis zum Eintritt des Winters zur 
Genußreife zu bringen und diese alsdann möglichst lange an den 
Stöcken zu überwintern. Während der Vegetation im Laufe des 
Sommers wird also nur die Sonnen wärme ausgenutzt, und die 
Heizung muß im Herbste bei kühlem Wetter in Tätigkeit treten, 
um die Reife der Trauben zum vollständigen Abschluß zu bringen. 
Mit dem Eintritt der Kälte wird es sich darum handeln, die 



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Bericht über Obstbau, fiemiisebau usw. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Temperatur des Hauses aut + 3 bis 4° C. zu halten, um ein Erfrieren 
der Trauben zu verhindern. Da somit die Erwärmung des Hauses 
keine hohen Anforderungen mehr stellt, genügt die nach dem Vor- 
bilde der belgischen Häuser angebrachte Kanalheizung voll- 
kommen. Diese bietet außerdem bei der Überwinterung der Trauben 
den Vorteil, im Hause eine genügend trockene Luft zu gewinnen, 
wodurch die Fäulnis der Beeren auf ein Mindestmaß eingeschränkt 
wird. 

Im Laufe des Winters wurde das Erdreich auf 1 m Tiefe rigolt. 
Mit Rücksicht auf die bisherige langjährige starke Inanspruchnahme 
der Fläche durch Obstkulturen und den von Natur aus mageren 
Boden war eine gründliche Bodenverbesserung erforderlich. Zu 
diesem Zwecke fand eine gut vorbereitete Komposterde sowie ein 
großer Haufen Erde Verwendung, weiche vor 2 Jahren mit 2 Waggons 
Stalldung durchsetzt war. Diese bodenverbessernden Materialien 
wurden 50 cm hoch aufgefahren und dafür der schlechte Untergrund 
in dieser Stärke beseitigt. Die Rigolarbeiten fanden Mitte Februar 
ihren Abschluß. 

Für die Wasserversorgung wurde zunächst darauf Bedacht 
genommen, das vom Glasdache abfließende Regenwasser außerhalb 
des Hauses durch Längsrinnen aufzufangen und in 2 kleine Bassins 
in das Innere zu leiten. Außerdem ist ein Rohr der Eibinger 
Wasserleitung in das Haus gelegt und ein Hydrant angebracht, 
um mittels Schlauches die Bewässerung und das Spritzen zu jeder 
Zeit in gründlicher Weise ausführen zu können. 

Die Bepflanzung des Hauses kann erst im Herbst 1907 
ausgeführt werden, da das Schnittholz für die Anzucht der Reben 
aus den Weinhäusern der Anstalt erst im Frühjahre 1907 gewonnen 
werden konnte und die Einfuhr von Reben von außerhalb nicht 
genehmigt wurde. Während des Sommers 1907 wird das Haus 
durch Treiberei von Gurken, Bohnen, Tomaten und Erdbeereu aus- 
genutzt. 



b) Vorarbeiten zu den Neuanlagen im Fuchsberg. 

Im Frühjahr 1906 wurden die Vorarbeiten auf der für die Ver- 
größerung der Obstanlagen im Fuchsberg vorgesehenen Fläche in 
Angriff genommen. Dieses Gelände schließt sich dem alten Obst- 
muttergarten auf dessen Xordseite unmittelbar an und diente bis 
dahin zum größten Teile dem Weinbau. 

Die gesamte Fläche ist rund 14,5 Morgen groß; davon sollen 
dem Weinbaubetrieb für die Unterbringung der Rebsortimente und 
der verschiedenen Erziehungsarten künftighin 3.5 Morgen verbleiben, 
während die übrigen 1 1 Morgen für die Anlage des Obstgartens in 
Betracht kommen. 

Zur Zeit der Übernahme durch den Obstbaubetrieb waren von 
dieser Fläche noch 7 Y s Morgen mit Reben bepflanzt, welche somit 
zunächst entfernt werden mußten. Das Aushauen der Rebstöcke, 
eine mühsame Arbeit, wurde den Leuten im Akkord übergeben. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 33 

Für den Quadratmeter sind 0,02 M, oder für den preußischen 
Morgen 50 M bezahlt. 

Des weiteren war die Niederlegung der die einzelnen Reb- 
qnartiere durchziehenden Umfassungsmauern nötig. Es waren durch- 
weg sogenannte Trockenmauern von 0,90 — 1,50 m Tiefe und 40 bis 
50 cm Breite. Die gesamte Lange der Mauern belief sich auf etwa 
280 m. Das hierbei gewonnene Steinmaterial wurde für die spätere 
Befestigung der Wege reserviert. Nach dem Aufreißen eines ca. 
130 m langen befestigen Haupt weges des bisherigen Weinberges der 
Anstalt war alsdann die Gesamtfläche für die notwendigen Planierungs- 
arbeiten freigelegt Die Wegeführung und Einteilung der Fläche in 




Quartiere in der neuen Anlage paßt sich in der Hauptsache der- 
jenigen des alten Muttergartens an, der von dor ersteren nur durch 
einen Gemeinde-Feldweg getrennt ist Der Grundplan in Fig. 7 
gibt die Einteilung der ganzen Fläche wieder. Für die Hauptwege 
ist eine Breite von 3 m, für die Nebenwege eine solche von 2 m 
festgelegt. 

Sehr viel Arbeit und Unkosten verursachte die Planierung 
der ganzen Fläche. Da die früheren Besitzer der einzelnen 
kleinen Parzellen ganz nach eigenem Ermessen ihre Grundstücke in 
verschiedene Höhe gelegt, zum Teil auch, wie schon oben erwähnt, 
durch Trockenmauern künstlich erhöht hatten, so war ein Ausgleich 
dieser bedeutenden Unebenheiten nicht zu umgehen. Die Zeichnungen 
in Fig. 8 lassen die Höhenunterschiede erkennen. 

Gfliaenheimor Horicht 1906. 3 



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34 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Die Planierungsarbeiten mußten in der Weise durchgefnhrt 
werden, daß die Fläche eine gleichmäßige Steigung nach Norden er- 
hielt; außerdem mußte derselben gleichzeitig eine etwas geneigte 
Lage nach Westen zu gegeben werden. Die Steigung der Gesamt- 
fläche von Nord nach Süd beträgt bei 100 m Länge 6.5 m. also 
6,5 %i während die Steigung von Ost nach West bei 190 m Länge 
3,26 in. also 1,7% beträgt. Die Steigung von Nord nach Süd mußte 
durch die horizontale Lage des Hauptweges mit den beiden an- 
grenzenden Rabatten von insgesamt 7 m Breite unterbrochen 
werden. 




Fig. 8. Nivellemeutsplan. 

Die gestrichelten Linien deuten die frühere läge des Grundstückes an. 
Maßstab ca. 1 : 2000. 



Wie aus dem Profile ersichtlich ist. mußte die Planierung der 
Fläche in der Hauptsache dergestalt ausgeführt werden, daß die zu 
bewegenden Erdmassen von der Höbe des Grundstückes nach der 
Tiefe zu transportieren waren. Die Menge der zu bewegenden Erd- 
masse betrug insgesamt rund 3300 cbm. Zur schnellen Erledigung 
der Arbeit wurde mittels einer Feldbahn gearbeitet. 

Ein Teil der besten Erde wurde bei diesen Planiernngsarbeiten 
für die Pflanzung zur Bodenverbesserung der Baumgruben reserviert. 
Diese Erde, in 5 Haufen auf der ganzen Fläche verteilt, ist mit ins- 
gesamt 1 Waggons gut verrotteten Dünger durchsetzt und soll bis 
zur Verwendung noch einige Male mit Jauche durchtränkt und um- 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



85 



gearbeitet werden. Das; Material wird bei der Pflanzung an Güte 
durch nichts ersetzt werden können. 

Nach etwa fünfmonatiger Tätigkeit waren die Planierungsarbeiten 
beendet, so daß im Monat September das Rigolen der Fläche mittels des 
Tiefkultur- und Unter- 



grundpfluges auf GO cm 
Tiefe vorgenommeu 
werden konnte. Für 
die Bewegung des Tief- 
kulturpfluges waren 6, 
für den Untergrunds- 
pflug 2 Pferde erforder- 
lich. Nach Fertigstel- 
lung der Pflugarbeit 
konnte mit dem Rigolen 
der den Wegen ent- 
lang führenden Rabat- 
ten begonnen werden. 
Diese Rabatten sollen 
später mit Formbäumen 
bepflanzt werden; es 
wurde deshalb eine Be- 
arbeitung auf 80 cm 
Tiefe vorgenommen. 
Zur Bodenverbesserung 
wurde Torfstreu, mit 
Jauche durchtränkt, 
verwendet. 

Nach Beendigung 
der Planierungs- und 
Rigolarbeiten konnte 
mit der Errichtung des 
Zaunes begonnen wer- 
den. Die Lage der 
ganzen Flüche erforderte 
auf der Süd- und Ost- 
seite die Herstellung 
einer kleinen Beton- 
mauer, auf w r elche 

der Drahtzaun gesetzt 
wurde. Die Pfosten 

aus T-Eisen stehen in 
einem Abstande von 
2,5 m. Das Draht- 




geflecht ist 1,5 m hoch, die Maschen weite beträgt 40 mm, die Draht- 



stärke 2,5 mm. Die Einfriedigung des Grundstücks auf der Nord- 



und Westseite kann erst im Herbste 1907 erfolgen. 



3 * 



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Fig. 9. 




36 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



c) Verlegung des Feldweges zwischen dem alten und neuen Teile 
der Obstanlagen und Schaffung eines neuen Kompostplatzes. 

Der bisherige Gemeinde-Feldweg zog sich in einer unregelmäßig 
gekrümmten Linie oberhalb des alten Muttergartens entlang. Da 
derselbe ferner durch seine tiefe Lage auf der Nordseito der Um- 
fassungsmauer sich dauernd in wenig gutem Zustande befand, wurde 
die Verlegung des Weges bei der Neuanlage gleich ins Auge gefaßt. 

Nach der seitens der Stadt Geisenheim erteilten Genehmigung 
■wurde der Weg von der Ostseite her auf eine Länge von 150 m 
gerade durchgeführt und die bisherige Fläche in den alten Mutter- 
garten hineingezogen (Fig. 10). 

Zwischen dem neuen Feldwege und der Umfassungsmauer des 
alten Muttergartens blieb ein Streifen Land liegen, dessen größte Breite 
13 m beträgt. Dieses Gelände von insgesamt etwa 050 qm erwies 
sich für die Aufnahme der Komposthaufen, der notwendigen Vorräte 




an Stangen und Pfählen usw. als vortrefflich geeignet. Da dieser 
Platz annähernd in der Mitte des Gesamtbesitzes liegt, so ist die 
An- und Abfuhr von Materialien eine schnelle und bequeme. Die 
Fläche ist nach allen Seiten hin derart abgeschlossen, daß das Auge 
des Besuchers in keiner Weise gestört wird. Nach Süden zu bildet 
nämlich die Mauer den Abschluß, während auf den übrigen Seiten 
eine 2 m hohe Bretterplanke, an Eisenpfosten montiert, errichtet 
wurde. 

Die Südseite dieser Wandfläche, welche eine Länge von 86 m 
hat, soll mit Birnspalieren bepflanzt werden. Die Rabatte ist auf 
80 cm Breite und Tiefe rigolt. Als Sorten wurden in Anbetracht 
der Südlage nur Winte) bimen gewählt und zwar: Le Lectier, 
Präsident Drouard und Notair Lepin. Ein 2.50 m breiter Weg 
trennt diese Rabatte von dem eigentlichen Kompostplatz und er- 
möglicht einen bequemen Verkehr nach jeder Seite. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



37 



d) Schaffung eines Reservoirs für die Wasserversorgung der neuen 

Anlagen. 

Für die im nächsten Jahre zur Ausführung gelangende Wasser- 
versorgung der neuen Anlagen wurde insofern schon vorgearbeitet, 
als auf dem höchsten Punkte der Fläche ein 65 cbm fassendes 
Wasserbassin aus Beton errichtet wurde. Das Wasser wird in Zu- 
kunft zunächst von der Pumpstation aus nach dem Bassin und von 
hier aus in erwärmtem Zustande an die Verbrauchsstellen geleitet 

Mit einer schnellen Erwärmung des Wassers rechnend, legte 
man das Bassin nur so tief in den Boden, als zur Fundamentierung 
unbedingt nötig war. Die Maße desselben betragen 13 m Länge, 
3,5 m Breite und 1,5 m Tiefe bei durchschnittlich 40 cm starkem 
seitlichem Betonwerk. Die Lage ist eine völlig freie, der Sonne 
ausgesetzte. 

Da man von dieser Stelle aus einen schönen Blick über die 
gesamten Obstanlagen der Anstalt, sowie in das Rheintal nach 
Bingen, Rüdesbeim usw. genießt so soll auf dem Reservoir ein 
Pavillon mit anschließender Pergola errichtet werden. Gleichzeitig 
wird die Umgebung des Bassins mehr den Charakter einer kleinen 
Scbmuckanlage erhalten. 

e) Die Ausführung von Neupflanzungen, sowie Stand derselben bis 

zum Ende des Berichtsjahres. 

Bei prächtigstem Frühjahrswetter erfolgto die Bepflanzung des 
neuen Steinobstquartiers und des einen Teiles der Bahnrabatten, 
worüber bereits im letzten Jahresberichte Angaben gemacht wurden. 

Unmittelbar nach der Pflanzung wurde an den Steinobstbäumen 
der Schnitt ausgeführt. Bedingt durch die teils noch ziemlich 
schwachen und unvollständigen Kronen mußte dieser ziemlich kurz 
ansgeführt werden, um so vor allem die für eine gute Krono er- 
forderliche Anzahl von Leittrieben zu erhalten. Nicht selten mußte 
sogar bei den jungen einjährigen Kronenveredelungen auf einen 
einzigen Trieb mit der entsprechenden Anzahl von Augen zurück- 
geschnitten werden. 

Bei frisch gepflanzten Kernobstbäumen gleich einen Rtick- 
schnitt anzuwenden, ist nach den an der hiesigen Anstalt gemachten 
Erfahrungen für die hiesigen Verhältnisse nur in den seltensten 
Fällen, unter ganz besonders günstigen Umständen zu empfehlen. 
Solche günstigen Vorbedingungeu lagen bei den im Herbste 1905 
gepflanzten jungen Kemobstbäumen vor. Dieses Pflanzmaterial 
war durchweg erstklassig, die Pflanzung erfolgte frühzeitig auf das 
sorgfältigste, die Bodenverhältnisse waren gute und der Winter war 
mild und feucht. Deshalb wurden eine Anzahl der im Herbste 
gepflanzten jungen Spindelbäume und senkrechten Kordons sofort 
im Frühjahre geschnitten. 

Sämtliche Baumscheiben wurden mit kurzem Rinderdünger 
belegt und dieser ganz flach untergearbeitet; eine Maßnahme, die 
sich bei der später einsetzenden Trockenperiode für die Regulierung 
des Wassergehaltes im Boden als ganz vortrefflich erwies. 



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38 



II. Tätigkeit der Anstalt uach innen. 



Das anfangs warme und feuchte Frühjahrswetter kam den frisch 
gepflanzten Bäumen sehr zu statten, so daß die Resultate bezüglich 
des Anwachsens überaus günstige waren. Von den 300 frisch 
gesetzten Hochstämmen, 117 Spindeln, 1H3 wagerechten Kordons 
und 100 Beerenobststrüuchern ist nur ein einziger Hochstamm aus- 
geblieben, resp. nach dem ersten Austrieb wieder zurückgegangen. 
Die Triebentwicklung während des Sommers befriedigte durchweg, 
und es zeichneten sich nach dieser Richtung hin besonders die 
Kirschonbüsche auf Mahaleb sowie die wagerechten zweiarmigen 
Kordons von Äpfeln aus. Ganz gut entwickelten sich auch die 
zurückgeschnittenen jungen Spindeln. 

Weniger günstig war das Resultat bei den dem Schnitte unter- 
worfenen senkrechten Bim-Kordons von Williams Christbirne, welche 
zur Bekleidung des Laubengangos an der Bahn entlang verwendet 
waren. Der Grund für diese Erscheinung mag darin zu suchen 
sein, daß der Standort für die ersten Entwicklungsjahre ein sehr 
ungünstiger ist, da die Wurzel in unmittelbarer Nähe eines Boton- 
sockels der Umzäunung zu stehen kamen. Doch noch ein Umstand 
kommt hinzu. Die fraglichen Bäume waren zum Teil von außer- 
halb bezogen, da der Vorrat der Anstaltsbaumschule nicht aus- 
reichte. Bei dem Eintreffen dieser Bäume im Oktober 1905 erregte es 
sofort unsere Aufmerksamkeit daß die äußerst kräftigen Jahrestriebe, 
die Verlängerungen, wenig ausgereiftes Holz aufwiesen. Ohne Zweifel 
waren die Bäumchen durch vorzeitiges Ausgraben zum Versand in 
ihrem Wachstum gestört, und es waren noch zu wenig Reserve- 
stoffe abgelagert. Der wenig befriedigende Austrieb und die mangel- 
hafte Wurzelentwicklung mehrerer Exemplare dürfte nach unserem 
Dafürhalten zum Teil auf diesen Fehler zurückzuführen sein. Jede 
Baumschule sollte es sich deshalb zum Grundsatz machen, im Herbste 
nicht zu früh mit dem Ausgraben der zum Versand kommenden 
Bäume zu beginnen. 

Während einiger kürzeren Trockenperioden war in den Neu- 
pflanzungen die Zufuhr von Wasser ertorderlich. Bei der erfolgten 
Vervollkommnung der Wasserleitung konnten die Gaben reichlich 
bemessen werden, so daß das Erdreich bis in die tieferen Schichten 
völlig durchfeuchtet war. In Neupflanzungen ist dieses eine der 
wichtigsten und notwendigsten Arbeiten, von der der Erfolg des 
Anwachsens wesentlich abhängt. 

Gegen Mitte Juni wurde an den geschnittenen Steinobstbäumen 
mit der Sommerbehandlung der Kronen eingesetzt, um die für 
den späteren Aufbau derselben erforderliche Anzahl Leittriebe in 
möglichst geeigneter Stellung und Stärke rechtzeitig zu gewinnen. 
Die Verrichtung dieser Sommerarbeit sollte nie unterbleiben, denn 
es wird durch die rechtzeitige Behandlung der Kronen gerade in 
den ersten Jahren der strenge Rückschnitt um so eher entbehrlich, 
und wir erhalten Kronen, welcho hinsichtlich ihres Aufbaues nichts 
zu wünschen übrig lassen. 

Von Schädlingen und Krankheiten sind die Neuanpflan- 
zungen ziemlich verschont geblieben. Verhältnismäßig stark traten 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



39 



die Raupen des kleinen Frostnachtspanners auf. Da in unseren 
älteren Kulturen dieser Schädling infolge regelmäßigen Anlegens 
der Leimringe sehr selten zu fiuden ist, und auch die Nachbar- 
Grundstücke ziemlich rein sind, so liegt die Vermutung nahe, daß 
mit den von außerhalb bezogenen Bäumen die Eier des Schmetter- 
lmges eingeführt wurden. Diese Beobachtung lehrte, daß jeder 
Baumschulbesitzer der Vertilgung von Krankheiten und tierischen 
Schädlingen seine besondere Aufmerksamkeit schenken muß, und daß 
auch der Obstzüchter im Bilanzjahre auf der Hut sein muß, um 
die etwa mit den Bäumen übernommenen Schädlinge und Krank- 
heitserreger im Entstehen zu unterdrücken. 

Bei dem starken Auftreten der Goldafterraupen im Sep- 
tember blieb es nicht aus, daß auch die jungen Pflanzungen heim- 
gesucht wurden. Einer Beschädigung wurde jedoch durch sofortiges 
Absuchen und Vernichten der Nester vorgebeugt Anfänge von 
Blai tlauskolonien machten sich an den Apfelkordons wiederholt 
bemerkbar, doch wurden diese durch Anwendung der bekannten 
Aufkochung von Quassiaspünon und Schmierseife immer im Keimo 
erstickt. 

f) Die Ausführung einer Zwischenpflanzung auf dem neuen Stein- 
obstquartier. 

Um die im Frühjahre mit Steinobsthochstämmon bepflanzte 
Fläche schon in den ersten Jahren durch Obstbau möglichst intensiv 
auszunutzen, wurde nachträglich eine Zwischenpflanzung ausgeführt. 
Für das Pflaumenquartier wurden Birnen in Spindelfurm, für die 
Kirschpflanzung Pfirsiche in Buschform gewählt. 

Bei den Pflaumen ist in den Reihen zwischen je 2 Hoch- 
stämmen eine Spindel gepflanzt, während bei den Süß -Kirschen 
noch je eine Reihe Pfirsichbüsche auf 5 m allseitigen Abstand ein- 
geschoben wurde. Auf diese Weise bleiben auf beiden Abteilungen 
Streifen Landes von je 5 m Breite liegen, welche noch eine Be- 
arbeitung der Fläche mittels des Pfluges gestatten. Auf diese Mög- 
lichkeit ist bei Anlagen zu Erwerbszwecken besonders zu achten, 
denn von der Durchführung einer billigen und doch guten Bearbei- 
tung der Fläche hängt nicht in letzter Linie die Höhe des Rein- 
ertrages ab. 

Für die Zwischenpflanzung von Birnspindeln sind nur drei für 
diese Baumform geeignete Birnsorten ausgewählt, nämlich Williams 
Christbirne, Clapps Liebling und Clairgeaus B.-B. in je 75 Expomplaren. 
Als Pflanzware wurden einjährige Pyramiden, Williams Christbirne 
und Clairgeaus B.-B. auf Wildling, Clapps Liebling auf Quitte ver- 
edelt, verwendet 

Die Pflanzung der Pfirsichbüsche wurde bis zum Frühjahr 
zurückgestellt, da gerade bei dieser Obstart die Erfolge bei der 
Frühjahrspflanzung immer günstigere sind. Bei der Sortenwahl 
wurde Gewicht auf frühe Reife gelegt. Es fanden Berücksichtigung: 
Amsden. frühe Alexander und ein Sämling, zur Zeit noch ohne 
Namen, dessen Reifezeit gerade zwischen die Früh- und Spätsorten fällt 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Die Pflanzweise 
gegeben. 


beider Quartiere ist in Fig. 11 uud 12 wieder- 








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Fig. 11. Fig. 12. 



g) Anpflanzung neuer Beerenobstsortimente. 

Zwecks Prüfung neuerer und neuester Erdbeersorten wurden 
aus verschiedenen bekannten Erdbeerzüchtereien insgesamt 77 Sorten 
bezogen. Die älteren und erprobteren Sorten wurden zum Vergleich 
in je einem Beete, die neueren, noch weniger beobachteten, in je 
einer Reihe aufgonommen. Das Erdbeersortiment setzt sich zur 
Zeit aus folgenden Sorten zusammen: 



E r d b e e r s o r t i m e n t. 



1. Belle Alliance. 

2. Comet. 

3. Deutsch Evern. 

4. Fillmore. 

5. Garteninspektor Koch. 
t>. Iucunda. 

7. Kaisers Sämling. 

8. Kaiser Wilhelm. 

1). König Albert. 



10. La grosse sucröe. 

11. Laxtons noble. 

12. ,, Royal Souvereign. 

13. Louis Gauthier. 

14. Ananas perpetuel. 

15. Ascania. 

16. Aprikose. 

17. Avantgarde. 

18. Centenarium. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



41 



19. Deutsche Kronprinzessin. 

20. Doktor Hogg. 

21. Fürst Alex, von Bulgarien. 

22. Helgoland. 

23. Helvetia. 

24. Hohenzollern. 

25. Jeanne d'arc. 

26. Kaiser Nie. v. Rußland. 

27. Korbfüller. 

28. La constante Feconde. 

29. La Perle. 

30. Late prolific. 

31. Laxtons Competitor. 

32. Laxtons Sensation. 

33. The Laxton. 

34. Mac Mahon. 

35. Marguerite. 

36. May Queen. 

37. Mad. Meslö. 

38. Mastadonte. 

39. Meteor. 

40. Monarch. 

41. Lucida perfecta. 

42. Rudolf Goethe. 

43. Sharpleß. 

44. Sieger. 

45. St Joseph. 

46. Vielfrucht. 

47. White pine appel. 

48. Weiße Ananas. 



49. Schöne Meißnerin. 

50. Schöne Stuttgarterin. 

51. Ruhm v. Döbeititz. 

52. Rote Ranfeenlose. 

53. Weiße Rankenlose. 

54. H. Möller. 

55. Prof. Dr. Liebig. 

56. Reine des precoyes. 

57. Richard Gilbert. 

58. Kiese v. Vierlanden. 

59. Sir Harry. 

60. Sir Joseph Paxton. 

61. St. Anton von Padua. 

62. Späte von Leopoldshall. 

63. Späth ’s Rubin. 

64. Teutonia. 

65. Theodor Muliö. 

66. Trafalgar. 

67. Wilhelmine Späth. 

68. Wunder von Cöthen. 

69. Bijou des fraises. 

70. Royal Hautbois. 

71. Chili ä fruit blanc rose. 

72. Chili orange. 

73. Chili Wilmots superb. 

74. Evthraer Kind. 

75. Richters Unermüdliche. 

76. Gaillon rote. 

77. „ weiße. 



Die Westseite der Obstanlagen ist dem Drahtzaune entlang mit 
einem Brombeersortiment, enthaltend 15 Sorten, bepflanzt. Die 
mehr aufrechtwachsenden Sorten wurden auf eine Entfernung von 
2 m, die übrigen auf 4 m gepflanzt. Das Brombeersortiment weist 
folgende Sorten auf: 



Agawam 
Hansell 
Rathbun 
Wilsons frühe 
Lucretia 
Armenische 
Crystal white 
Theodor Reimers 



Dorchester 

Geschlitztblätterige 

Kittatinny 

Lawton 

Leganbeere 

Mammouth 

Sandbeere 



Die Rabatten der Südgrenze entlang sind nut Rosa pomifera, 
die der Nordgrenze mit Rosa rugosa Regeliana bepflanzt. Beide 
Straucharten gehören insofern zum Obstbau, als deren Früchte von 
den Konservenfabriken verlangt und zu verschiedenen Produkten 
verarbeitet in den Handel gebracht werden. 



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42 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



3. Praktische Haftnahmen zur Bekämpfung von Schädlingen 
und Krankheiten. 

Die Ausführung der Bekämpfungsarbeiten. welche während des 
Jahres 1904 und 1905 der pflanzenpathologischen Station übertragen 
war. wurde vom Mai des Berichtsjahres ab dem praktischen Obst- 
baubetriebe wieder zugewiesen. 

a) Maßnahmen zur Bekämpfung der Blutlaus. 

Während der letzten 3 Jahre sind ständig 2 — 3 Arbeitsjungen 
mit der Blutlausvertilgung beschäftigt; außerdem wurden auch die 
Schüler zum Zwecke der Belehrung zu diesen Arbeiten hinzugezogen. 
Trotzdem ist von einer Abnahme dieses Schädlinges in den Obst- 
anlagen wenig zu verspüren. Es ist dies keineswegs auf unrichtige 
Bekämpfungsmaßnahmen, sondern ausschließlich darauf zurück- 
zuführen, daß sich die Blutlaus im Rheintal schon seit Jahren ein- 
genistet und infolge der günstigen klimatischen Verhältnisse in un- 
geheuerer Zahl vermehrt hat, so daß sie aller Bekämpfungsmaßnahmen 
trotzt. Daß sie im Rheintal die wärmeren Stellen bevorzugt, gellt 
daraus hervor, daß die Anstaltsbaumschule und die in der Nahe 
derselben gelogenen Obstpflanzungen infolge der freien, den Winden 
ausgesetzten Lage blutlausfrei sind, obwohl die Gefahr der Ver- 
breitung hierselbst eine ebenso große ist als im Rhcintale selbst. 

Die Blutlaus im Rheingau auszurotten, ist nach Lage der Dinge 
unmöglich. Der Obstzüchter muß sich mit dem Gedanken vertraut 
machen: „mit der Blutlaus leben zu müssen.“ Dabei ist jedoch 
dringend nötig, soweit als möglich die Vornahme geeigneter Be- 
kämpfungsmaßnahmen rechtzeitig und mit allen zu Gebote stehen- 
den Mitteln durchzuführen, damit die Seuche nicht weiter über- 
hand nimmt. 

Nach unseren Erfahrungen ist erstes Erfordernis, bei Neu- 
pflanzungen diejenigen Sorten möglichst auszuschalten, welche stark 
befallen, und besonders solche zu bevorzugen, welche weniger von 
dem Insekt heimgesucht werden. In den hiesigen Anlagen blieb 
bisher die Sorte „Northern Spy“ (Späher des Nordens) vollkommen 
blutlausfrei. Wenig befallen wurden: Ananas-Reinette, Baumanns 
Reinette. Schafsnase, Graue Herbst-Reinette und Charlamowskv. 
Demgegenüber werden die Sorten Wintergoldparmäne, Weißer Winter- 
kalvill, Gelber Bellefleur und Landsberger Reinette von der Blut- 
laus besonders bevorzugt. 

Je nach der Baumform und der Behandlungsweise der 
Bäume tritt die Blutlaus verschieden stark auf. Je näher die 
Kronenteile nach dem Boden kommen, um so stärker ist der 
Befall, da hier die Wärme durch die Ausstrahlung vom Boden her 
eine größere und gleichmäßigere ist. Aus diesem Gnmde weisen 
die wagerechten Kordons gewöhnlich die größten Kolonien auf. 
Selbst an Spalieren kann man die Beobachtung machen, daß die 
unteren Baumpartien regelmäßig stärker befallen sind, wie die 
oberen. Je freier der Stand der Bäume ist und je mehr der Wind 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 4;{ 

auf dieselben einzuwirken vermag, um so mehr werden dieselben 
von dem Insekt gemieden und umgekehrt. Beweis hierfür liefern 
die Wandspaliere, an denen die Vertilgung der Laus ständig viel 
Arbeit macht. 

Auch der Schnitt der Bäume ist von Einfluß auf das Auftreten 
der Blutlaus. Je mehr an den Bäumen durch den Schnitt Wunden 
erzeugt werden und frische Wundmasse sich bilden muß, umso 
günstigere Ernährungsverhältnisse werden dem Schädlinge geschaffen. 
Deshalb werden die unter ständigem strengem Schnitt gehaltenen 
Formbäume mehr zu leiden haben, wie in der Nähe befindliche 
Hochstämme, bei denen man den Schnitt auf das äußerste ein- 
geschränkt hat. 

Die Zahl der Mittel, welche zur direkten Beseitigung der Blut- 
läuse empfohlen werden, ist eine sehr große. Dieselben wurden 
sämtlich in den hiesigen Anlagen auf ihre Brauchbarkeit hin ge- 
prüft und das Resultat der Versuche gelangte iu den früheren 
Jahresberichten zur Veröffentlichung. 

Zur Zeit werden nur zwei Mittel benutzt: Harzölseife für 
die Bekämpfung der Blutlaus in belaubtem Zustande der 
Bäume und Karbolineum nach dem Laubabfall. Die Harzöl- 
seife wird mit Wasser, im Verhältnis 1 : 20 verdünnt, und mittels 
Pinsel aufgetragen, während mit unverdünntem Karbolineum die be- 
fallenen Stellen vorsichtig betupft werden. Nur dann hat die 
Bekämpfung Aussicht auf Erfolg, wenn rechtzeitig der 
Kampf aufgenommen und energisch durchgeführt wird 
und wenn alle Obstzüchter sich gleichmäßig an der Arbeit 
beteiligen. 

Bei der in den letzten Jahren erfolgten Verbesserung der 
Wasserversorgung und Vermehrung der Hydranten in den Obst- 
anlagen der Anstalt spielt auch die Wasserleitung bei der Bekämpfung 
der Blutlaus eine wichtige Rollo Ein kalter Wasserstrahl mit Druck 
auf die Biutlauskolouien gebracht und dieses des öfteren wiederholt, 
leistet nach den hier gemachten Beobachtungen vorzügliche Dienste. 
Wir werden von unserer Wasserleitung in Zukunft bei der Blutlaus- 
bekämpfung in weit ausgedehnterem Maße Gebrauch machen und 
versprechen uns hiervon die besten Erfolge. 

b) Maßnahmen zur Bekämpfung der roten austernförmigen Schildlaus 
an den Birnbäumen. 

Dieser Schädling richtet in den Obstkulturen der hiesigen An- 
stalt schon seit Jahren ungeheueren Schaden an; er bereitet uns 
die größte Sorge und die meiste Arbeit. Dr. Luestner hat in dem 
Jahresbericht 1005 auf die Art der Beschädigung der Bäume durch 
dieses Insekt hingewiesen, und die mit Erfolg hier angewondeten 
Bekämpfungsmittel erörtert. Als einzig wirksames Mittel kommt nur 
Carbolineum in Betracht, welches in unbelaubtem Zustande der 
Bäume mittels Pinsels aufgetragen wird. Es wurde vorzugsweise 
das Karbolineum von A venarius-Gau-Algesheiin verwendet, da 
sich herausgestellt hat, daß andere Karbolineumpräparate, welche 



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44 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



unter den verschiedensten Namen im Handel sich vorfinden, keine 
bessere Wirkung hervorrufen, dabei aber erheblich teuerer sind. Die 
Bekämpfung der austernförmigen Schildlaus, der gefährlichsten aller 
hior vorkommenden Scliildlausarten, nahm die Tätigkeit der für 
Schädlingsvertilgung angestellten Arbeitsjungen die größte Zeit des 
Winters in Anspruch. Wenn jetzt nicht mit aller Energie 
der Weiterverbreitung dieser Schildlaus in den hiesigen 
Anlagen Einhalt getan wird, ist die erfolgreiche Durch- 
führung der Birnkultur für die Zukunft geradezu in Frage 
gestellt; die Laus würde die Bäume langsam, aber sicher zu 
Grunde richten. 

Da im Herbst 1907 mit der Bepflanzung der Quartiere in den 
neuen Anlagen begonnen wird, wird die Ausrottung dieses Schäd- 
linges noch mehr zur Notwendigkeit, um die jungen Pflanzungen 
vor dem Befall zu sichern. 



Über das Auftreten anderer wichtiger Schädlinge ist noch fol- 
gendes zu berichten: 

Der Apfel- und Birnblütenstecher ist in den letzten Jahren in 
bedeutend geringerer Zahl aufgetreten. In der Bekämpfung dieses 
Schädlinges sind uns die Vögel die wichtigsten Bundesgenossen, die 
in den hiesigen Anlagen besonders gehegt werden. 

Insbesondere kommen bei der Vertilgung des Blütenstechers 
die Meisen, der Laubvogel und das Schwarzplättchon in Betracht. 
Durch Aufhängen von Nistkästen, durch Schutz gegen Menschen 
und Katzen sowie durch Fütterung der hier bleibenden Arten in 
strengen Wintern bei hohem Schnee halten wir uns die so nützliche 
Vogelwelt in den Anlagen, und daß dieselben sich bei uns sehr 
wohl und sicher fühlen, dafür liefert die große Zahl der Vögel, die 
jedem Besucher auffällt, den besten Beweis. 

Die Vogelwelt fand in diesem Jahre bei der starken Raupen- 
plage viel Arbeit vor; insbesondere trat die Apfelbaumgespinst- 
motte wieder einmal in großer Zahl auf. Auch die verschiedenen 
Wicklerraupen richteten besonders an den Forrabäumen empfind- 
lichen Schaden an. Die Bekämpfung derselben wird dadurch er- 
schwert. daß die durch die Raupen zusammengezogenen Blätter das 
Eindringen von Spritzflüssigkeiten unmöglich machen. 

Andere Schädlinge, die sonst sich sehr unangenehm bemerkbar 
machten, waren in diesem Jahre nur wenig nnzutreffen. Dies gilt 
besonders für die Birntrauermücke und die Kirschfliege. Sicherlich 
hat die mehr kühle Witterung im Mai viel zu diesem verminderten 
Auftreten beigetragen. 

4. Versuche und Beobachtungen. 

a) Die Aufstellung einer Pflücktabelle für die wichtigsten 
Kernobstsorten. 

Jeder Obstzüchter weiß aus Erfahrung, daß die Pflückzeit von 
großem Einfluß auf die Güte und Haltbarkeit des Obstes ist. Eine 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



45 



zu frühe Ernte desselben kann ebenso nachteilig einwirken, als wenn 
selbige zu spät ausgefübrt wird. Eine zur unrichtigen Zeit vor- 
genoramene Ernte macht sich besonders bei einer Anzahl von Birn- 
sorten unangenehm bemerkbar. Es sei nur an Clairgeaus B.-B. er- 
innert, die bei zu langem Uängenlassen am Baume mehr einen 
groben Geschmack annimmt, während dieselbe, zur richtigen Zeit 
geerntet, schmelzendes Fleisch aufweist Die Klage über die geringe 
Güte dieser oder jener Birnsorte, die den Erfahrungen anderer 
widersprechen, sind nach unseren Beobachtungen in vielen Fällen 
auf unrichtige Pflückzeiten zurückzuführen. 

In Lehrbüchern finden sich nun sogenannte „Pflücktabellen" 
vor, welche für die einzelnen Sorten durch Monats- und Tagangabe 
den geeigneten Zeitpunkt zur Vornahme der Ernte genau festlegen. 
Nach unseren Erfahrungen ist es jedoch ein großer Fehler, wenn 
nach diesen Tabellen gleichsam als nach einem Schema überall ge- 
arbeitet wird. Es ist zu berücksichtigen, daß der Eintritt der Reife 
von verschiedenen Faktoren abhängig ist, die zunächst in Kürze er- 
örtert werden sollen. 

Der Eintritt der Reife wird ganz bedeutend von den klimati- 
schen Verhältnissen einer Gegend beeinflußt So ist z. B. die 
Vegetation auf den oberen Teilen des Westerwaldes im Vergleich 
zu der des Rheingaues um 3 bis 4 Wochen zurück. Diese Differenz 
tritt bei allen Kulturpflanzen und somit auch bei dem Eiutritt der 
Reife einzelner Obstsorten hervor. 

Auch die Bodenverhältnisse üben einen Einfluß auf die 
Vegetation und somit auf die Reife der Früchte aus. Je zeitiger 
sich der Boden erwärmt, je mehr Wärme er aufzunehmen und zu 
halten vermag, um so früher wird die Vegetation angeregt und um 
so schnellere Fortschritte macht dieselbe. Daß auf mehr leichtem, 
sandigem Boden die Früchte derselben Sorte früher reifen und 
wohlschmeckender werden, als auf mehr schwerem, kaltem Boden, 
trotzdem dieselben klimatischen Verhältnisse vorliegen können, findet 
hierin die richtige Erklärung. 

Selbst die Lagenverhäl tn isse können auf einer engbegrenzten 
Fläche Unterschiede im Eintritt der Reife bei Früchten derselben 
Sorte hervorrufen. So reifen Pfirsiche an einer geschützten Süd- 
wand früher, als an einem freistehenden Buschbaum, ln den 
hiesigen Anlagen sind eine Anzahl von Birnsorten sowohl im 
Spaliergarten als auch in dem mehr freigolegenen Muttergarten an- 
gepflanzt Es erweist sich in jedem Jahre als Notwendigkeit, die 
Früchte derselben Sorte im Spaliergarten im Durchschnitt 5 Tage 
früher zu ernten, als im Muttergarten. 

Selbst die Unterlagen und das Alter der Bäume beein- 
flussen die Entwicklung der Früchte. Bäume auf schwachwachsenden 
Unterlagen und solche, welche infolge mangelhafter Ernährung oder 
hohen Alters schwach im Wüchse sind, bringen ihre Früchte früher 
zur Reife als solche, die sich unter besseren Verhältnissen befinden. 

Ja, daß selbst das Licht eine große Rolle bei der Ausbildung 
der Früchte an ein und demselben Baume spielt, weiß jeder Obst- 



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46 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



ziichter. Bei der Ernte der Aprikosen z. B. ist ein Ausbrechen der 
Früchte nötig, wobei die auf der Sonnenseite sitzenden als die 
früher reifenden zuerst geerntet, die übrigen jedoch noch einige 
Zeit dem Baume zur weiteren Ausbildung belassen werden müssen. 

Abgesehen von diesen Faktoren sind jedoch die jeweiligen 
Witterungsverhältnisse des Jahres vom zeitigen Frühjahre 
bis zur Zeit der Ernte bestimmend für den geeigneten Zeitpunkt 
derselben. Setzt das Frühjahr zeitig ein, beginnt die Blüte früh 
und herrscht während des Sommers mehr warmes Wetter, so ent- 
wickeln sich dio Früchte schneller und die Ernte muß früher aus- 
geführt werden. 

Aus diesen Tatsachen geht hervor, daß der Benutzung von 
Pflücktabellen aus Lehrbüchern nur bedingungsweise zugestiramt 
werden kann. Man kann aus denselben wohl entnehmen, in welcher 
Reihenfolge die einzelnen Sorten in ihrer Pflückzeit zu gruppieren 
sind, die Pflückzeit selbst sollte oder muß jedoch jeder Obstzüchter 
selbst bestimmen. Dazu gehört ein recht aufmerksames Beobachten 
der Entwicklung der Früchte von der Ernte bis zur Genußreife, 
eine kritische Prüfung des Geschmackes sowie der Haltbarkeit der 
Frucht auf dem Lager. Es müssen aber diese Beobachtungen in 
jedem Jahre gemacht werden, um unter Berücksichtigung der je- 
weiligen Witterungsverhältnisse Vergleiche anstellen zu können. 
Wenn über diese Beobachtungen Notizen gemacht werden, so ist 
man nach Ablauf einer Reihe von Jahren in der Lage, sich ein 
klares Bild über die zweckmäßige Pflückzeit der einzelnen Sorten 
zu verschaffen und erst dann kann eino „Pflücktabelle 1 * aufgestellt 
werden, die nur für die örtlichen Verhältnisse maßgebend ist, dabei 
aber für die Zukunft sehr wertvolle Anhaltepunkte bei der Ernte 
bietet. 

Auf Veranlassung des früheren Direktors, Kgl. Landesökonomie- 
rat Goethe, wurde in diesem Smne an der hiesigen Anstalt im 
Jahre 1898 durch Anstaltsgärtner Baumann damit begonnen, ge- 
naue Beobachtungen bei den vorhandenen Sorten anzustellen. Über 
die einzelnen Sorten wurden notiert: Tag der Ernte, Tag des Ein- 
trittes der Genußreife, Dauer der Haltbarkeit auf dem Lager, Aus- 
bildung der Frucht und des Geschmackes. Gleichzeitig wurden Auf- 
zeichnungen gemacht über die Witterungsverhältnisse, sowie den 
Eintritt und Verlauf der Blütezeit. 

Diese Aufzeichnungen, welche bis zum heutigen Tage fort- 
gesetzt wurden, die sich also auf 9 Jahre erstrecken, sind sorgfältig 
gesammelt und bieten jetzt hinreichendes Material, um eine Pflück- 
tabelle für die hiesigen Obstanlagen aufstellen zu können. 

ln der nachfolgenden Zusammenstellung ist bei den einzelnen 
Sorten die Pflückzeit nicht durch einen bestimmten Tag festgelegt, 
sondern es ist stets ein gewisser Spielraum gelassen. Die Not- 
wendigkeit ergibt sich aus den vorhergehenden Erörterungen. Wenn 
z. B. bei Williams Christbime als Pflückzeit angegeben ist: 14. August 
bis 3. September, so soll hiermit gesagt sein: „auf Grund der er- 
folgten Beobachtungen und Aufzeichnungen wird in Jahren, in denen 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



47 



die Ausbildung der Früchte infolge günstiger Verhältnisse schneller 
von statten geht, mit der Ausführung der Ernte bereits am 14. August 
gerechnet werden müssen, während in Jahren mit ungünstigen Ver- 
hältnissen (spätes Frühjahr, späte Blüte, kühler Sommer) der Beginn 
der Ernte sich bis zum 3. September hinausziehen kann.' 1 

Birnen. 



Sorte 


Die Pflückzeit 
reicht 

von bia 


Sorte 


Die Pflückzcit 
reicht 

von bis 


Grüne Sommer-Magda- 










Pastorenbirne . . . 


16. 


Sept 20. 


Ükt. 


lene 


9. 


Juli 


20. 


Juli 


Forellenbirne . . . 


16. 


., 20. 




Giffards B.-B. . . . 


12. 




30. 




Liegels Winter-B.-B. . 


19. 


10. 




Sparbirne .... 


18. 




13. 


Aug. 


Millets B.-B . . . 


19. 


9 




Clapps Liebling . . 


6. 


Aug. 


20. 


•1 


Weihnachtsbirne . . 


19. 


.. , 6. 




Amanlis B.-B. . . . 


a 




20. 




Six' B.-B 


20. 


.. 1. 




Doppelte Philippsbirne 


10. 




9. 


Sept. 


Bacheliers B.-li. . . 


21. 


! 2. 




Stuttgarter Gaishirtle . 


14. 




27. 


Aug. 


Winter-Nelis . . . 


22. 


., 3. 


„ 


Sommer-Eierbirne . . 


14. 




4. 


Sept. 


Präsident Mas . . . 


24. 


v. 5. 




William» Christbirne . 


14. 




3. 




Kegentin 


25. 


i» 5. 




Gute Graue .... 


14. 


11 


1 


• » 


Yauquelin .... 


26. 


., 12. 




Kote Bergamotte . . 


14. 




8. 


„ 


St. Germain .... 


28. 


„ 15. 


,, 


Deutsche National- 










Die Chaumontel . . 


2S. 


.. 14. 




Bergamotte . . . 


16. 




4. 




Madame Vertö . • . 


29. 


. 14. 




Kote Dechantsbirne . 


17. 




12. 


,, 


Dechantsbirne von 








Monchallard .... 


18. 




12. 




Alen^on .... 


29. 


., 16. 


,, 


Holzfarbige B.-B. . . 


18. 




13. 




Winter-Meuriß . . 


30. 


4. 




Hochfeine B.-B. . . 


18. 


•1 


16. 


„ 


Hardenpouts Winter- 








Madame Treyve . . 


19. 




14 




B.-B 


30. 


„ 16. 


„ 


Grumkover B.-B. . . 


21. 




15. 




Präsident Drouard 


30. 


., 19. 




Böses Klaschenbirne . 


23. 


•1 


15. 




Edel-Crassane . . . 


4. 


Okt. 20. 


,, 


Capiaumont .... 24. 




16. 




Olivier de Serres . . 


4. 


., 16. 


1* 


Esperioe 


2a 




16. 


,, 


Schwester Gregoire . 


5. 


.. 20. 




HofraLsbirne . . . . 


2. Sept. 


20. 




Esperens- Bergamotte . 


5. 


V ,13. 




Colomas Herbst-B.-B 


2. 


„ 


20. 


„ 


Josepbine von Mecheln 


6. 


., 19. 




Gute Ixmise von 










Sterkmanos B.-B. . . 


7. 


„ 18. 




Avranches . . . 


2. 




20. 




Frau Luise Goethe . 


7. 


„ 19. 




Weiße Herbst-B.-B. . 


3. 




20. 




Notair Lepin . . . 


11. 






Gellerts B.-B. . 


3. 




20. 




Belle des Abres . . 


11. 






Dr. Lentier .... 


3. 




22. 




Winter- Kranchipanne 


13. 


., 19. 


„ 


Köstliche von Charneu 


5. 




22. 




Beurre llenrv Cour- 








Herzogin von Angou- 










celle 


13. 


22. 




lerne 


5. 




19. 




Bretonneaus B.-B. 


13. 


.. 20. 




Clairgeaus B.-B. . . 


7. 




23. 




Neue Fulvie. . . . 


14. 


„ 20. 




Herzogin Elsa . . . 


8. 




24. 




Winter- Dechantsbirne 


14. 


., 17. 


.. 


Birne von Tongers . 


8. 


M 


27. 




Späte von Toulouse 


15. 


., 19. 




Napoleons B.-B. . . 


12. 


’1 


27. 


,, 


Suzette von Bavay . 


15. 


„ 19. 


„ 


Neue Poiteau . . . 


12. 




28. 




Schöne Angevine . . 


15. 


., 26. 


,, 


Alexandrine Duuillanl 


12. 




28. 




Wiuter-Apothekerbirne 


18. 


., 20. 




Di eis B.-B 


13. 




29. 


?1 






1 





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48 II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Äpfel. 



Sorte 


Die Pflückzeit 
reicht 

von l)is 


Sorte 


Die Pfluckzoit 
reicht 

von bis 


Weißer Astrakan . . 


15. Juli 


1. Aug. 


Weißer Winter -Tau- 






Roter Astrakau . . . 


15. „ 


1. ,. 


bvnapfol .... 


24. Sopt. 


13. Okt. 


Pfirsichroter Sommer- 






Rotei Winter-Tauben- 






apfel ..... 


16. „ 


1. .. 


apfel 


24. .. 


13. ,. 


Virginisrdier Kosen- 






Batullenapfel . . . 


26. .. 


9. .. 


apfel 


16. „ 




Orleans-Keinette . . 


27. ., 


9 „ 


Charlamotvskv . . . 


19. .. 




Barman« v. Mannington 


27. ., 


9. ., 


Gravensteiner . . . 


«• Aug. 


13. Sept. 


Mnibier» l’arnmne . . 


28. .. 


12. 


Ct'llini 


«■ ■■ 


7. .. 


Kleiner Langstiel . . 


2s. , 


28. .. 


Laugtons Sonder- 






Carpeotin 


28. ,. 


10. .. 


gleichen .... 


10. „ 


2. „ 


Ouhoner Waraschke . 


28. .. 


10. .. 


Wilkenburger Herbst- 






Neustädte gelber i’ep- 






Reinotte .... 


10. ., 


8. ., 


l’in« 


29. .. 


20. .. 


Cox 's Pomona . . . 


14. ., 


10. ., 


Gellier Bellefleur . . 


1. Okt. 


10. .. 


Oelber Richard . . 


16. .. 


12. ,. 


Banmanos Reinette . 


1. .. 


18. .. 


I’rinr.enapfel . . . 


1«. 


15. .. 


Gold rei nette von Bien- 






Hawthornden 


IS. .. 


10. .. 


heim 


2. 


10. .. 


Gelber Herbst -Calvill 


20. .. 


19. „ 


Glanzrcinette . . . 


2. 


16. - 


Goldartiger Fenchel- 






Graue französische 


I 




apfel 


22, 


21. 


Reinette 


2. t 


13. .. 


Geflammter Cardinal . 


29. „ 


15. ,. 


Selueblers Taubenapfel 


3. 


10. ., 


Fromm» Guld-Reinotto 


30. 


15. „ 


Spftiier des Nordens . 


4 


13. .. 


Woltnmtins Reinette . 


30. „ 


13. .. 


Scliöner von Boskoop 


4. .. 


U. „ 


Grane Herbst- Reinette 


30. . 


16. .. 


Zwiebr'l-Bcisdcrfer 


4. ., 


15. .. 


Gelber Edelapfol . . 


1. Supt 


17. ,. 


i Isuabritcker Reinette 


5. .. 


13. .. 


Ahtntapfel .... 


2. .. 


22. .. 


Wagner-Apfel . . . 


7. 


15. .. 


Bureliiudt« Reinette . 


2. .. 


19. ,. 


Riefe große englische 






Winter-Gnldpnrmäne . 


5. .. 


19. ., 


Reinette .... 


7. .. 


15. .. 


Kaiser Alexander . . 


6. ., 


16. .. 


KdeJ-Boradorfer . . 


7. 


15. ,. 


Rötliche Reinette . . 


9. „ 


22. .. 


GrcßeCaeseler Reinette 


9. .. 


17. .. 


Coulons Reinette . . 


9. ,. 


22. „ 


Brauner Mat.tpfel . . 


9. .. 


15. .. 


Lothringer Randauir 


[10. „ 


24. „ 


Grüner Ffirstenapfel . 


9. .. 


16. .. 


Dao/icci Kantapfel . 


10 


26. „ 


Edel roter 


9. .. 


16. .. 


Museal- Reinette . . 


10. 


22. ,. 


Buxeniburpcr Reinette 


9. .. 


17. . 


Roter .1 ungf ernapfel . 


10. 


26. ,. 


Catiada-Reimttc . . 


10. .. 


17. ., 


Kibstons l’cpping . . 


14 „ 


28. .. 


Königl. Kurzstiel . . 


IG . 


17. .. 


Schöner von Keilt 


17 ., 


28. 


Minister von Hammer- 






Limixherger Reinette. 


18. ,. 


3. ( 'kt. 


stein 


10. .. 


15. .. 


Calvillevon St.Kauvenr 


;i9. .. 


5. .. 


Gaesdonker Reinette . 


12. .. 


18. . 


Roter Winter-Calvill . 


19. ., 


5. ,. 


Weißer Winter-Taffet- 






Der Köstliche . . . 


20. „ 


5. ., 


apfel 


12. . 


18. .. 


Murgendnfrapfi-l . . 


20. •• 


5. .. 


Roter Eiserapiel . . 


14. 


17. .. 


Ananas- Reinette . . 


., 


0. .. 


Groller Bohnspfel , 


15. .. 


IS. ., 


Orüner Stettiner . . 


21. . 


6. 


Weißer Winter-Calvill |15. .. 


20. .. 


Harber ts Reinette . . 


23. .. 


8. ,. 


Boikeunpfel . . . . 


16. .. 


18. .. 


Weidners Goldreine' te 


,24. .. 


5. 


Champagner-Reinette . 


.16. „ 


18. 



Wie vorstehende Zusammenstellung lehrt, erstreckt sich bei 
einzelnen Sorten die Pflöck zeit auf 1 4 Tage bis 3 Wochen. Dieser 
auffällig grolle Zeitraum wurde ausschlielilich durch die Witterungs- 
verhältnisse in den einzelnen Beobachte ngsjahren (1898 — 1905) 
hervorgerufen. Insbesondere sind es die Witterungsverhältnisse 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau ustv. 



49 



der Jahre 1898 und 1905 gewesen, welche eine sehr späte resp. 
frühe Ernte hervorriefen. Im Jahre 1898 trat die Blüte infolge 
kühler Witterung recht spät ein und bis Ende Juli herrschte nasses, 
kühles Wetter, so daß die Entwicklung der Früchte und somit die 
Ernte bedeutend verzögert wurde. Im Jahre 1905 dagegen setzte 
von Anfang Mai ab anhaltende Trockenheit und hohe Wärme ein. 
welche eine beschleunigte Entwicklung der Früchte zur Folge hatte. 
Wir haben diese beiden Jahre trotz der abnormen Witterungs- 
verhältnisse nicht ausgeschaltet, denn sie beweisen auf das beste, 
daß am Ort selbst die Pflückzeit bei den einzelnen Sorten be- 
deutenden Schwankungen unterworfen ist Dieses Zahlenmaterial 
mahnt aber gleichzeitig, mit der Benutzung der in Lehrbüchern 
sich vorfindenden Pflücktabellen etwas vorsichtig zu sein. 

Wenn auch diese Zusammenstellung, wie die einleitenden Aus- 
führungen lehren, für andere Obstanlagen nicht so ohne weiteres 
zur Anwendung kommen darf, so bietet dieselbe doch für jeden 
Obstzüchter wertvolle Anhaltepunkte, in welcher Reihenfolge die 
Ernte der einzelnen Sorten der Reifezeit nach zu erfolgen hat. 
Hierdurch kann in der Praxis bereits mancher Fehler vermieden 
werden. 

Für Obstanlagen, die sich unter denselben klimatischen Ver- 
hältnissen befinden wie die hiesigen, kann unsere Pfliicktabelle 
schon mit größerer Sicherheit praktisch ausgenutzt werden, wobei 
allerdings immer zu berücksichtigen ist, daß der Boden und die 
Lage des Grundstückes Abweichungen hervorrufen können. 

Die in neuerer Zeit für dio Obstkultur immer mehr zur Be- 
deutung kommende Phaenologie wird uns auch in dieser Frage, 
in dem Maße als dieselbe weitere Interessenten findet und die 
Aufzeichnungen sich vermehren, recht wertvolle Anhaltepunkte zum 
Vergleich bieten. 

Vor der Hand wäre es dringend erwünscht, daß auch in 
anderen Anlagen derartige genaue Beobachtungen und Aufzeichnungen 
gemacht würden, um von anderen Seiten her ähnliche Pfliicktabellen 
für örtliche Verhältnisse zum Vergleich zu erhalten. 

b) Der Spindelbaum, eine zweckmäßige Zwergbaumform für den 
Erwerbsobstbau. 

Über die Bedeutung der Buschobstkultur ist in den letzten 
Jahren des öfteren in Fachzeitschriften geschrieben worden. Infolge 
dieser Anregungen hat diese Baumform in den Erwerbsobstanlagen, 
die in neuerer Zeit angelegt sind, dio weitgehendste Aufnahme ge- 
funden. 

Seit dem Bestehen der Anstalt wurden in den hiesigen An- 
lagen von den freistehenden Zwergbaumformen neben Buschbäumen 
noch Pyramiden und Spindelbäume in großer Zahl angepflanzt. 
Die günstigen Erfolge, welche bisher insbesondere mit dein Spindel- 
baum erzielt wurden, geben Veranlassung dazu, auf die vermehrte 
Anpflanzung desselben an dieser Stelle hinzuwirken. Gerade weil 
in neuerer Zeit in verschiedenen Fachblättern Stimmen gegen den 

Ociüeoheiraor Bericht 190S. 4 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Spindelbaum laut wurden, sollen die Vorteile dieser Form auf Grund 
der hierselbst gemachten Erfahrungen in Kürze erörtert werden. 
Gleichzeitig sollen die Punkte hervorgehoben werden, welche den 
Erfolg bedingen. 

Für die Aufzucht des Spindelbaumes eignet sich besonders die 
Birne, weniger der Apfel; die übrigen Obstarten sind ganz aus- 
zuschalten. Wenn des öfteren über die geringe Tragbarkeit dieser 
Form geklagt wird, so ist dieses in erster Linie auf eine unrichtige 
Sortenwahl zurückzuführen. Nur solche Sorten dürfen ver- 
wendet werden, die sich von Natur aus durch frühzeitige 
und reiche Tragbarkeit auszeichnen. Es ist eine irrige An- 
sicht, daß die Tragbarkeit durch den Schnitt erzwungen werden 
könnte; im Jahresbericht 1904 ist diese Behauptung durch Zahlen- 
material widerlegt. Die zur Verwendung gelangenden Sorten müssen 
sich gleichzeitig auch durch mäßiges Wachstum, willige Bildung 
von Fruchtholz und aufstrebenden Wuchs auszeichnen. 

Folgende Sorten haben sich in den hiesigen Anlagen als die 
besten Träger in dieser Form erwiesen. Von Frühbirnen: 
Giffards B.-B.. Clapps Liebling, Williams Christbirne, Dr. Jules Guyot. 
Von Herbstbirnen: Herzogin von Angouleme, Gute Luise von 
Avranches, Holzfarbige B.-B., Clairgeaus B.-B., Capiaumont, Geheim- 
rat Dr. Thiel. Von Winterbirnen: Diels B.-B, Esperens Bergamotte. 
Hardenponts Winter-B.-B., Madame Vertö, Frau Luise Goethe, Notair 
Lepin, Präsident Drouard. 

Bei den Äpfeln ist die Auswahl in den Sorten eine recht 
beschränkte, da nur wenige sich durch einen pyramidalen Wuchs 
bei müßigem Wachstum und Bildung von kurzem Fruchtholz aus- 
zeichnen. Es sind zu nennen: Weißer Klarapfel, Minister von 
Hammerstein, Wintergoldparmäne, Baumanns Reinette, Ananas- 
Reinette und Charlamowsky. 

Von großem Einfluß auf den Erfolg ist die zweckentsprechende 
Wahl der Unterlage. Als kleine Form, bei welcher die Seiten- 
triebe jährlich einem kurzen Rückschnitte unterworfen werden, 
können nur schwachwachsende Unterlagen in Anwendung kommen. 
Bei den Birnen kommt die Quitte, bei den Äpfeln der Paradies in 
Betracht. Eine Ausnahme machen nur Williams Christbirne, Dr. Jules 
Guyot und Clairgeaus B.-B., welche die Wildlingsunterlago be- 
anspruchen, da sie auf der Quitte nicht gedeihen. Trotz des Wild- 
linges tragen diese drei Sorten vorzüglich in Spindelform, ein Be- 
weis für die Tauglichkeit derselben für die Zwergbaumzucht im 
allgemeinen. Giffards B.-B. sowie Herzogin von Angouleme be- 
nötigen die Zwischenveredelung. 

Der Abstand, in welchen die Spindelbäume gepflanzt werden, 
richtet sich nnch der Art der Anlage. Da dem einzelnen Baume 
im unteren Teile ein Durchmesser von durchschnittlich 1,20 m ge- 
geben wird, so genügt bei dei Anlage eines Spindelquartieres ein 
allseitiger Abstand von 2 m. In der Praxis wird sehr oft der 
Fehler der zu dichten Pflanzung der Spindeln gemacht. Werden 
die Bäume dichter wie 2 m gepflanzt, so wird man stets die Wahr- 



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Bericht Uber Obstbau, Gemüsebau usw. 



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nehmung machen, daß bei der zunehmenden Höhe der Bäume die 
unteren Partien derselben zu sehr beschattet werden, wodurch die 
Fruchtholzbildung gehemmt und der Ertrag bedeutend geschmälert wird. 
Durch den zu dichten Stand der Bäume wird auf einem größeren, 




gleichmäßig bepflanzten Quartiere gleichzeitig dio Luftzirkulation 
gehemmt, was mangelhafte Befruchtung während der Blüte, sowie 
das stärkere Auftreten von Schädlingen und Krankheiten zur 
Folge hat. 

4 * 



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Fig. 13. SjänUclquartier mit llad. Vertu uml Frau I/juise Goethe bepflanzt. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Da, wo die Bodenbearbeitung mittels der Planetgeräte ausgefülirt 
werden soll, ist dazu zu raten, die Reihen 3 — 3,50 m und die 
Bäume in den Reiben 2 m von einander zu pflanzen. 

Die gröbsten Fehler worden bei der Aufzucht des Spind el- 




Fig. 14. Spindelbaum der Birnsorte .,Geheunrat Dr. Thiel' 1 . 

baunies gemacht. Es kommt darauf an. daß die Form gleichmäßig 
mit genügend licht gestelltem Seitenholz garniert wird. Wird der 
Verlängerungstrieb, mit dessen Hilfe wir den Baum in die Höhe 
ziehen, zu kurz znrückgeschnitten, so hat dies die Bildung von zu 
stark wachsenden Seitentrieben zur Folge, die sich nur unwillig 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



53 

dem nötigen kurzen Rückschnitte fügen und ungern Fruchtholz 
bilden, im Durchschnitt kann man den Verlängerungstrieben 
12 Augen belassen, und es muß durch das Anbringen der in der 
Praxis der Formbaumzucht bekannten halbmondförmigen Ein- 
schnitte“ dafür gesorgt werden, daß die unteren Augen zum Aus- 
treiben gebracht werden. Bei den sich im Laufe der Zeit ergeben- 
den Seitentrieben ist ferner darauf zu achten, daß durch zeitweises 
Auslichten derselben allen Teilen der freie Zutritt des Lichtes 
erhalten bleibt. Wird dieses versäumt, so stirbt allmählich das 
Fruchtholz nach dem Stamme zu ab. 

Fig. 13 gibt den Teil eines Quartieres wieder, welches mit 
Spindeln in don Sorten Frau Luise Goethe und Madame V ertö be- 
pflanzt ist. Die Spindeln stehen zur Zeit in einem Alter von 
7 Jahren. Madame Vertö hat bereits vom vierten, Frau Luise Goethe 
vom fünften Jahre ab recht schöne Erträge geliefert. Im ver- 
flossenen Jahre brachten 36 Bäume der Frau Luise Goethe 683 Früchte, 
von prächtiger Ausbildung im Werte von rund !>0 M. Mudame Vertö 
lieferte an 36 Spindelbäumen 3420 Früchte im Werte von 200 M. 
Im Berichtsjahre trugen 28 12jiihrigc Spindelbäume von Harden- 
ponts Winter B.-B. rund 12 Ztr. Früchte, die einen Erlös von 240 M 
einbrachten. Diese wenigen Beispiele aus den hiesigen Anlagen 
werden die Einträglichkeit der Spindelform bei richtigem Vorgehen 
zur Genüge beweisen. 

Die Spindel kann jedoch auch als eine schöne Form be- 
zeichnet werden. Fig. 14 zeigt einen Spindelbaum der Sorte „Ge- 
heimrat Dr. Thiel’ 1 , der, mit den herrlich gefärbten Früchten beladen, 
einen überaus prächtigen und anziehenden Anblick gewährte und 
die Bewunderung aller Besucher der Anstalt hervorrief. 

Die Einträglichkeit des Spindelbaumes wird Veranlassung dazu 
geben, daß diese Form in unsern neuen Anlagen in sehr ausgiebiger 
Weise angepflanzt wird. Es werden nicht allein einzelne ge- 
schlossene Quartiere angelegt werden, sondern diese Form wird 
auch vielfach als Zwischenpflanzung in Hochstamm- und Halbstamm- 
quartieren Verwendung finden, um ans den Flächen frühzeitigere 
und höhere Erträge zu erzielen. Die schmale Form ermöglicht es, 
auf diesen Quartieren dauernd mit dem Pfluge arbeiten zu können, 
was bei den Buschbäumen infolge des ständig zunehmenden Um- 
fanges der Krone nicht zutriftt. 

c) Sind für die Zwergobstkultur die bisher zur Anwendung gebrachten 
schwachwachsenden Unterlagen entbehrlich? 

Bisher wurde bei der Aufzucht der Zwergobstbäume für Apfel 
als Unterlage Doucin und Paradies, für Birnen die Quitte ver- 
wendet und nur in Ausnahmefällen kam der Wildling zur Benutzung. 
In neuerer Zeit ist nun wiederholt dazu geraten, von det Verwendung 
der schwachwachsenden Unterlagen grundsätzlich Abstand zu nehmen 
und ausschließlich den Wildling zu benutzen. Man stützt sich hier- 
bei auf die Beobachtung, daß Zwergbäume auf schwachwachsenden 
Unterlagen sehr häufig von der Pflanzung ab ständig ein kränk- 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



liebes Wachstum zeigen, geringe Erträge liefern und in vielen 
Fällen sehr bald zu Grunde gehen, also den Erwartungen nicht ent- 
sprechen. Gleichzeitig wird behauptet, daß die Zwergbäume auf 
Wildlingsunterlage ein gesünderes Wachstum zeigen und ein höheres 
Lebensalter erreichen, wenn auch der Ertrag einige Jahre später 
einsetzt. 

Diese Erörterungen sind auf fruchtbaren Boden gefallen und 
die erteilten Ratschläge werden in der Praxis bereits häufig be- 
folgt. Da nach meinem Dafürhalten diese Frage jedoch durch 
die Veröffentlichung in den Fachzeitschriften noch nicht genügend 
geklärt ist, so sollen im nachfolgenden die Erfahrungen mitgeteilt 
werden, welche an der hiesigen Anstalt hinsichtlich der Verwendung 
der schwach wachsenden Unterlagen bei den Zwergbäumen gemncht 
wurden. 

Der Name „Zwergobst' 1 besagt, daß man es hier im Gegensatz 
zu den Hochstämmen mit niedrigen, kleinen Formen zu tun hat. 
Die Zahl derselben ist eine sehr große. Von den freistehenden 
Formen, die ohne besondere Gestelle gezogen werden können, zählen 
hierzu: der Buschbaum, den man auch im Gegensatz zu den Hoch- 
und Halbstämmen als „Niederstamm“ bezeichnen kann, die Pyra- 
mide und der Spindelbaum. Ferner gehören hierher die sehr mannig- 
fachen Formen der eigentlichen Spalierzucht, als wagerechte Kordons, 
schräge und senkrechte Kordons, sowie die verschiedenen Palmetten, 
welche zur Bekleidung besonders errichteter Gestelle oder von Mauern 
und Häuserwänden benutzt werden. 

Das Wachstum und die Ausdehnung der oberirdischen Teile 
eines Baumes ist nun wesentlich von der Entwicklung der unter- 
irdischen Teile abhängig. Ist das Wurzel Wachstum ein mäßiges, so 
wird sich auch der oberirdische Teil nur mäßig entwickeln und um- 
gekehrt. Je kleiner wir also eine Baumform zu haben wünschen, 
um so mäßiger muß also auch das Wurzel Wachstum sein und um 
so notwendiger wird eine schwachwachsende Unterlage. Wenn es 
nur auf die Aufzucht und Erhaltung einer bestimmten Form an- 
käme, so könnte man ohne Bedenken die Frage der Verwendung 
der verschiedenen Unterlagen ausschalten. Man könnte alsdann den 
Wildling als Unterlage, und den Schnitt als sicheres Mittel für die 
Aufzucht der Form benutzen. Die Bäume werden jedoch nicht in 
erster Linie der Form, sondern des Ertrages wegen gezogen. Die 
schönste Form hat für den Erwerbsobstzttcliter keinen 
Wert, wenn sie nicht gleichzeitig auch Früchte liefert. 

Aus diesen Erwägungen ergibt sich für die Praxis, daß bei 
den kleinen Formen die schwachwachsenden Unterlagen nicht ent- 
behrt werden können. Wagerechte Apfel- oder Birnkordons z. B., 
auf Wildling veredelt, zeigen ein äußerst üppiges Wachstum, doch 
man wird stets finden, daß trotz ständigen Schnittes die erwartete 
Tragbarkeit nicht eintritt. Dies trifft auch für andere kleine 
Formen wie Schrägkordons, senkrechte Kordons. Uformen usw. zu. 
Werden bei diesen Formen jedoch Paradies- resp. Quittenunterlage 
verwendet, so wird das Wachstum von vornherein ein mäßigeres 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau asw. 55 

sein und der Schnitt wird den gewünschten Erfolg zeitigen. (Siehe 
auch die Abhandlung über den Spindelbaum auf Seite 49 u. f.) 

In diesem Frühjahre wurden eine Anzahl älterer wagerechter 
Kordons in den hiesigen Anlagen entfernt. Unter diesen befanden 
sich mehrere Exemplare, die trotz regelmäßigen Schnittes in den 
letzten Jahren sehr stark ins Holz getrieben und demzufolge wenige 
Früchte geliefert hatten. Bei dem Herausgraben stellte es sich 
heraus, daß diese Bäume sich von der schwachwachsenden Yer- 
edelungsunteriage freigemacht d. h. oberhalb der Veredelungsstelle 
neue starke Wurzeln gebildet hatten, wodurch der schwächende 
Einfluß der Unterlage verloren ging. Fig. 15 gibt eine solche Ver- 
edelungsstelle wieder. Es ist deutlich zu erkennen, daß die Quitte 
als Unterlage bei der Ernährung des Baumes außer Tätigkeit gesetzt 
ist. Derartige Tatsachen lehren, 
daß, wenn jemand gegen die 
Verwendung sch wach wachsen- 
der Unterlagen bei diesen For- 
men spricht und ausschließlich 
den Wildling empfiehlt, es rich- 
tiger wäre, überhaupt von der 
Anpflanzung dieser kleinen 
Formen gänzlich abzuraten. 

Je mehr Raum man einem 
Baume zur Ausdehnung der 
oberirdischen Teile zur Ver- 
fügung stellt, je mehr Leistung 
also von diesem erwartet wird, 
um so kräftiger muß auch die 
Wurzelbildung sein. Bei einer 
Apfel-Verrierpalmette mit vier 
Etagen reicht z. B. der Para- 
dies nicht aus und es muß 
Doucin als Unterlage verwendet 
werden. Die Verwendung des 
Wildlings als Unterlage ist aber 
auch hier noch nicht zu billigen, da die oberirdischen Teile zu 
stark treiben würden. 

Ob der Apfel-Busch bäum auf Paradies oder Doucin veredelt 
werden soll, hängt von der Entfernung der Bäume ab. Je enger 
der Stand der Bäume gewählt wird, um so nötiger wird die Ver- 
wendung der Paradiesunterlage. Buschbäume auf Paradiesunterlage 
können demzufolge auf 2—3 in gepflnnzt werden, während dieselben 
auf Doucin unbedingt 5 m Abstand nach jeder Richtung hin be- 
anspruchen. Ebenso verhält es sich bei den Birnen hinsichtlich 
Verwendung von Quitte bezw. Wildling. 

Da die Buschbäume im Erwerbsobstbau als Zwischenpflanzung 
bei Hochstamm- oder Halbstammkulturen sehr häufig verwendet 
werden, so ist hinsichtlich der Verwendung der Unterlage größte 
Vorsicht und Überlegung erforderlich. Da die Buschbäume dann 




Fig. 15. Freigemachte Veredelung. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



entfernt werden müssen, wenn die Hoch- resp. Halbstämmo den 
Platz zu ihrer eigenen Entwicklung benötigen, so müssen die ersteren 
die Haupterträge bis zu diesem Zeitpunkte bereits geliefert haben. 
Stehen nun die Buschbäume auf Doucin und sind dazu obendrein 
ziemlich dicht gepflanzt, so müssen dieselben im Interesse der Haupt- 
kultur vor dem Eintritt ihrer vollen Tragbarkeit beseitigt werden. 
Die Baume haben alsdann nur Arbeit und Unkosten verursacht die 
bisherigen Erträge waren infolge des üppigen Wachstums nur ge- 
ringe und der Boden ist zum Nachteil der stehenbleibenden Hoch- 
oder Halbstämme stark ausgesogen. Der bisher durch den Ertrag 
der Buschbäume erzielte Nutzen ist in diesem Falle bei weitem ge- 
ringer als der Schaden. Sofern Buschbäume als Zwischenkultur- 
pflanzen auf Paradies veredelt sind, kann die Pflanzung schon eine 
dichtere sein. Erfahrungsgemäß setzen die auf dieser Unterlage 
stehenden Bäume früher mit dem Ertrage ein und haben eine 
kürzere Lebensdauer, so daß bei frühzeitigem Entfernen dieselben 
mehr geleistet haben als die auf Doucin stehenden. 

Hinsichtlich der Wahl der Unterlagen spielt jedoch auch die 
Sortenfrage eine sehr wichtige Bolle. Stark wachsende Sorten in 
kleinen Formen oder auf engem Raum zu ziehen, erfordert die Ver- 
wendung der schwachwachsenden Unterlagen, umgekehrt wird bei 
der Aufzucht schwachwachsender Sorten in größeren Formen die 
Verwendung stärker wachsender Unterlagen eher zur Notwendigkeit. 

Die Klagen über die kümmerliche Entwicklung und das früh- 
zeitige Eingehen der auf schwachwachsenden Unterlagen veredelten 
Zwergbäumen haben ihren Grund darin, daß in sehr vielen Fällen 
die Anspiiiche der Veredelungsunterlagen an den Boden 
nicht berücksichtigt werden. Die Paradiesunterlage sowohl als auch 
die Quitte sind anspruchsvoll an den Boden. Nur wenn das Erd- 
reich sich in gutem Kulturzustand befindet, humusreich und hin- 
reichend feucht ist, und wenn die Möglichkeit einer sachgemäßen 
Bodenbearbeitung (Düngung, Bewässerung und Lockerung) gegeben 
ist. vermag der Paradies und die Quitte als Unterlage sich gut zu 
entwickeln. Ist die Wurzelentwicklung eine gute, so ist auch die 
Ausbildung der oberirdischen Teile eine wunschgemäße. Der mangel- 
hafte Wuchs, sowie das vorzeitige Eingehen vieler Zwergbäume ist 
in vielen Fällen darauf zurückzuführen, daß dieselben, auf Quitto 
oder Paradies veredelt, auf schwerem, kaltem und feuchtem oder 
aber auf zu magerem und trockenem Boden stehen. 

Liegen derartige ungünstige Bodenverhältnisse vor und man 
beabsichtigt Zwergbäume, auf diesen Unterlagen stehend, zu pflanzen, 
so ist eine zweckentsprechende Bodenverbesserung nötig. Diese 
verursacht aber viel Arbeit und bedeutende Unkosten, so duß für 
den Erwerbsobstzüchter, der mit dem Gelde bei der Anlage rechnen 
muß, in diesem Falle nichts anderes übrig bleibt, als von der Ver- 
wendung der Formen, die diese schwachwachsenden Unterlagen 
erfordern, abzusehen und größere Formen zu wählen, welche die 
stärker wachsenden und genügsameren Unterlagen (Doucin bei 
Äpfeln resp. Wildling bei den Birnen) benötigen. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



57 



Aus diesen Betrachtungen geht hervor, daß es von Wichtigkeit 
ist, sich über die Bodenheschaffenheit sowie den Einfluß des Erd- 
reiches auf das Wachstum der Unterlagen klar zu werden, ehe man 
den Bepflanzungsplan festlegt 

Wenn nun bei den Birnen des öfteren darüber geklagt wird, 
daß trotz günstiger Bodenverhältnisse die auf Quitte veredelten 
Bäume schon nach kurzer Zeit wieder zurückgehen, so ist dies dar- 
auf zurückzuführen, daß eine Anzahl von Sorten auf der Quitte nicht 
gedeihen. Die Beobachtungen, welche in verschiedenen Gegenden 
nach dieser Richtung hin gemacht wurden, weichen in ihren Er- 
gebnissen zum Teil voneinander ab. Während z. B. Gute Luise 
von Avranches in einer Obstplantage auf der Quitte gut wächst, 
zeigt sie in einer anderen Anlage auf dieser Unterlage eine kümmer- 
liche Entwicklung. Sicherlich spielt hierbei der Einfluß des Bodens 
auf die Unterlage die ausschlaggebende Rolle. 

Da das Resultat der hiesigen Beobachtungen über das Ver- 
halten der verschiedenen Birnsorten gegenüber der Quitte als Unter- 
lage von allgemeinem Interesse sein dürfte, so sei dasselbe nach- 
folgend kurz mitgeteilt. Im voraus sei bemerkt, daß wir es in den 
hiesigen Anlagen mit einem sehr sandigen, kalkhaltigen Lehmboden 
zu tun haben, der stark austrocknet und zur Verkrustung neigt. 
Von der Aufzählung weniger bekannten und für die Zwergbaum- 
zucht weniger wichtigen Sorten wird Abstand genommen. 



Sorte 


Gedeiht 
gut auf 
der Quitte 


Da auf der Quitte 
nicht gedeihend, 


für kleine 
Formen 
Zwischen- 
ver- 
edelung 


für grolle 
Formen 
Wildling 


Grüne Sommer-Magdalene 




_ 


* 


Giffards B.-B 


— 


* 


♦ 


Römische Schmalzbirne 


— 


— 


* 


Sparbirne 


— 


— 


♦ 


Clapps Liebling 


* 


— 


1 ' — 


Amanlis B.-B 


* 


— 




Doppelte Philippsbirne 


* 


— 


, — 


•Stuttgarter Gaishirtle 


* 


— 


— 


Sommer-Eierbirne 


* 


— 


— 


Williams Christbirne 


— 


* 


* 


Gute Graue 


— 


— 


* 


Deutsche Xational-Bergamotte . . . 


* 


— 


! _ 


Andenken an den Kongreß .... 


— 


* 


* 


Rote Bergamotte 


— 




* 


Rote Dechantsbime 


— 


* 


* 


Jlonchallard 


* 


— 


1 - 



• = ja. — = nein. 



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58 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Sorte 


* •> > deiht 
gut auf 
der Quitte 


Da auf der Quitte 
nicht gedeihend. 

für kleine 

Formen für große 
Zwischen- Formen 
vor- Wildling 

edelung | 


Holzfarbige B.-B 


♦ 


- 1 




Hochfeine B.-B 


* 


— 


— 


Madame Treyve 


— 


* 


* 


Grumkover B.-B 


— 


— 


♦ 


Böses Flaschenbirne 


— 


— 


* 


Capiaumont 


— 


* 


♦ 


Bacheliers B.-B 


— 


* 


* 


Millets B.-B 


— 


♦ 


* 


Six B.-B 


* 


~ l 


— 


Winter-Nelis 


— 


* 


* 


Feigenbirne v. Alen^on 


* 


— 


— 


Winter- Meuris 


* 


— ' 


— 


Präsident Mas 


— 


* 


* 


Regentin 


♦ 


— 


— 


Weilmachtsbime 


* 


— 




Die Chaumontel 


* 


— 


— 


Esperens Bergamotte 


* 


— 


— 


Vauquelin 


* 


— 


— 


St. Germain 


* 


— 


— 


Madame Vert6 


* 


— 


— 


Dechantsbirne v. Alengon 


* 


— 


— 


Winter Dechantsbirne 


* 


— 


— 


Hardenponts Winter-B.-B 


* 


— 


— 


Suzetto v. Bavay 


— 


— 


* 


Olivier de Serres 


— 


* 


* 


Späte v. Toulouse 


* 


— 


— 


Bretonneaus B.-B 


— 


— 


* 


Schwester Gregoire 


♦ 


— 


l * 


Esperine 


— 


♦ 




Clairgeaus B.-B 


— 


— 


* 


Horzogin v. Angouleme 




* 


* 


Hofratsbirne 


* 


— 




Colomas Herbst-B.-B 


* 


— 


— 


Gute Luise von Avranches .... 


— 


* 


* 


Woißo Herbst-B.-B 


* 


— 


— 


Gellerts B.-B 


* 


— 


— 


Dr. Lentier 


* 


— 


— 


Köstliche v. Charnou 


— 


* 


* 


Marie Luise 


— 


— 


* 


Herzogin Elsa 


* 




— 


Birne v. Tongres 


— 


* 


* 



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Bericht Ober Obstbau. Gemüsebau usw. 



59 







I)a auf der Quitte 






nicht gedeihend, 


Sorte 


Gedeiht 


für kleine 




gut auf 


Formen 


für grüße 




der Quitte 


Zwischen- 


Formen 






ver- 


Wildling 






edelung 


Zuckerbirne von Montlu^on .... 


♦ 


_ 




Die Arenberg 


* 


— 


— 


Napoleons B.-B 


— 


* 


* 


Neue Poiteau 


♦ 




— 


Alexandrine Douillard 


— 


* 


♦ 


Diels B.-B 


* 


— 


— 


Pastorenbirne 


* 


— 


— 


Forellenbirne 


— 


* 


* 


Liegeis Winter-B.-B 


* 


— 


— 


Luizets B.-B 


* 


— 


— 


Josephine v. Mecbeln 


* 


— 


— 


Edel-Crassane 


— 


* 


* 


Sterkmanns B.-B 


* 


— 


— 


Frau Luise Goethe 


♦ 


— 




Winter-Franchipanne 


* 


— 




Schöne Angevine 


— 


* 


— 


Beurre Henry Courveiles 


♦ 


— 


— 


Präsident Drouard 


* 


— 


— 


Notair Lepin 


♦ 


— 


— 


Belle des Abres 


* 


— 


, — 



Von den aufgoführten Sorten sollten: Römische Sehmalzbirne, 
Sparbirne, Sommer- Eierbirne, Gute Graue und Rote Bergamotte 
nur am Hochstamm, auf Wildling veredelt, angepflanzt werden. 

Aus vorstehenden Betrachtungen geht hervor, daß es unrichtig 
ist, die Verwendung schwachwachsender Unterlagen boi der Zwerg- 
obstkultur auszuschalten. Auf Grund der an der Anstalt seit einer 
langen Reihe von Jahren gemachten Beobachtungen und Erfahrungen 
leisten uns dieselben bei dieser Kulturmothode ganz außerordentliche 
Dienste, ja sie sind in vielen Fällen für den Erfolg ausschlaggebend. 
Jeder Obstzüchter, der Zwergbäumo anpflanzt, muß von vornherein 
wissen, wclcho Unterlagen er, den Bodenverhältnissen angepaßt, für 
die jeweilige Form und Sorte benötigt und er muß sich bemühen, 
die Bäume von der Bezugsquelle nicht nur sortenecht, sondern auch 
auf die erforderliche Unterlage veredelt zu erhalten. Auch in den 
Baumschulbetrieben sollte dieser wichtigen Frage im Interesse der 
Obstzüchter in Zukunft mehr Beachtung geschenkt werden. 

d) Über die Rentabilität der Weinkultur unter Glas nach 
belgischer Art 

In neuerer Zeit wurde wiederholt in Fachzeitschriften die Wein- 
kultur nach belgischer Art beschrieben und dazu geraten, diese 



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60 



If. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Kulturmethode auch in Deutschland in erweitertem Umfange durch- 
zuführon, da dieselbe eine sehr hohe Rentabilität in sichere Aussicht 
stellte. Die zahlenmäßigen Angaben über die Anlage- und Unter- 
haltungskosten sind jedoch zum Teil zu niedrig, diejenigen über 
die Einnahme jedoch zu hoch gegriffen und entsprechen nicht der 
Wirklichkeit. 

Auf Grund einer Aufforderung seitens eines hohen Ministeriums 
ließ es sich Berichterstatter angelegen sein, zuverlässiges Zahlen- 
material zur Beantwortung der Frage der Rentabilität zu beschaffen. 
Die Bemühungen, von einigen belgischen Firmen direkt den ge- 
wünschten Aufschluß zu erhalten, blieben ohne Erfolg. Es war 
jedoch möglich, durch Vermittlung eines früheren Schülers der An- 
stalt, welcher einige Jahre in Brüssel tätig war, und der den Hoey- 
laerter Kulturen schon seit längerer Zeit seine besondere Aufmerk- 
samkeit geschenkt hat, das Gewünschte zu erhalten. 

Um gleichzeitig Urteile von seiten maßgebender deutscher 
Firmen zu gewinnen, wurde eine Spezialfirma für den Bau von 
Weinhäusern sowie eine Firma im Rheinland, welche sich seit 
mehreren Jahren mit der Weinkultur unter Glas nach belgischer 
Art befaßt, um Äußerung zu der Frage gebeten. Die erhaltenen 
Mitteilungen verdienen an dieser Stelle einem größeren Interessenten- 
kreise bekannt gegeben zu werden. 

Die nachfolgenden Angaben gelten für ein Haus von 20 m 
Länge und 8 m Breite, wie solche sich in Hoeylaert in großer 
Zahl vorfinden. 



A. Angaben aus Belgien. 

Die Kosten der Anlage und Unterhaltung eines Weintreibhauses 
betragen in Hoeylaert selbst: 

I. Anlagekosten für das Haus, einschließlich Heizungs- 



anlage rund 1100 M 

II. Jährliche Unterhaltungskosten usw. 

Für Düngung 16, — M 

Für Feuerungsmaterial • . 100, — ., 

An Arbeitslohn 120,— ,, 

III. Dazu: Verzinsung des Anlagekapitals (1100 M 

zu 4%) 44.— „ 



rund 280,— M 



Man berechnet in Hoeylaert den jährlichen Reingewinn pro 
Haus auf 200-400 Fr. = 160-320 M. 

Interessant sind demgegenüber die Mitteilungen der Firma 
Guillaume Kump, welche sich mit dem Bau der Gewächshäuser in 
Hoeylaert beschäftigt. Dieselbe schreibt auf eine Anfrage unserer- 
seits: „Die Weintreibhäuser kann ich bei 20 m Länge und 7 m 
Breite nach dort (Geisenheim) zum Preise von rund 2500 Fr. (d. i. 
bei 8 m Breito zum Preise von rund 2850 Fr. = 2280 M) liefern. 
In dieser Summe sind die Kosten für Transport. Unterhalt des 
Personales usw. für die Arbeiter noch nicht eingerechnet. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



61 



Bei 5 Treibhäusern bin ich in der Lage, den Preis um 100 Fr. 
zu ermäßigen.“ 

Nach diesen Angaben würden die Häuser, nach Deutschland 
geliefert, um mehr als das Doppelte teuerer zu stehen kommen. Dali 
in Deutschland mit bedeutend höheren Anlagekosten gerechnet werden 
muß, bestätigen auch folgende Angaben der deutschen Firmen: 

B. Angabon der deutschen Filmen: 

Die Spezial-Firma für den Bau von Weinhäusern macht über 
die Kosten der Anlage und Unterhaltung von Weinkulturhäusern 
folgende Angaben: 

„Das Quadratmeter des fraglichen Weinhauses dürfte in Deutsch- 
land kaum unter 18 M herzustellen sein : bei großer Anlage vielleicht 
für 15 M. Pflanzung, Düngung und Bearbeitung 2 M pro Quadrat- 
meter; Arbeitslohn, Heizung, Düngung, Amoitisation, Reparatur, 
Verschiedenes: 20 — 25 °/ 0 vom Anlagekapital. Der Preis der Trauben 
schwankt zwischen 0,75—2,25 pro Pfund. 1 ) Bei guter Kultur sind 
pro Quadratmeter 4 Pfd. zu erzielen.“ 

Nach diesen Angaben wird sich die Rentabilitätsberechnung 
wie folgt gestalten: 

I. Anlagekosten für das Haus 160 qm 

ä 18 31 =2880,— 31 

Vorbereitung des Bodens und Bepflanzung 
des Hauses 160 qm ä 2 M = 320, — ,, 

3200,- M 

II. Jährliche Unterhaltungskosten 20°/ o von 3200 31 = rund 
640 31. 

III. Jährliche Einnahmen bei voller Bekleidung der Flächen 
ca. 200 qm ä 4 Pfd. = 800 Pfd. Trauben = 400 kg 
ä 3 M') = 1200 31. 

Einnahme .... 1200, — 31 

Ausgabe .... H40, — ,. 

Reingewinn . . . 560, — 31 

Die Leitung der Weinkulturen im Rheinland äußert sich 
zu der gestellten Frage wie folgt: 

„Ich besitze in meinen Anlagen 20 Häuser, meistens 20 m 
lang und 8 m breit, welche seinerzeit von Erfurter, Kölner und Hoev- 
laerter Unternehmern errichtet wurden. 18 Häuser wurden durch 
eine Spezialfirma aus Hoeylaert bei Brüssel gebaut und zwar genau 
nach dem System, wie sie dortselbst allgemein üblich sind. Durch 
genaue Prüfungen und Untersuchungen an Ort und Stelle kam ich 
zu der Überzeugung, daß das belgische System preiswürdiger 
und für diese Art besser sei. Diese Häuser bestehen teilweise 
aus Holz und Eisen, oder ganz aus Eisen. Das letztere System hat 
meinen besonderen Beifall gefunden.“ 

’) Nach meiner Ansicht ein sehr hoher Durchschnittspreis, der in Deutsch- 
land nur in vereinzelten Fallen erzielt werden kanu. Vergl. auch die nach- 
folgenden Angaben. 



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62 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Die Verwaltung dieser Weinhausanlagen berechnet nach ihren 
praktischen Erfahrungen die Kosten der Anlage und Unter- 
haltung eines Weinhauses folgendermaßen: 

I. Anlagekosten für das Haus einschließlich 
Rigolen, Düngen und Bepflanzen des Hauses 3000, — M 

II. Jährliche Unterhaltungskosten 

Für Düngung 1 ) 10, — „ 

Für F'euerungsraaterial im Durchschnitt . . 225, — „ 

An Arbeitslohn bei Vorhandenseineiner größeren 

Anzahl von Häusern 125, — „ 

III. Dazu Verzinsung des Anlagekapitals von 3000 M 

zu 4% 120,— „ 



480,— M 

abgerundet auf 500 M. 

Über die zu erzielenden Einnahmen aus dem Weintreibhause 
werden von dieser Seite die nachfolgenden allgemeinen Angaben 
gemacht: ,.Die Frage, wieviel Pfund Trauben auf einem Quadrat- 
meter wachsen, ist nicht zu beantworten, weil die Trauben sich an 
den verschiedenen Stöcken sehr unregelmäßig und verschieden ent- 
wickeln. Die Ernte eines Hauses von 20 m Länge, 8 nt Breite 
variiert manchmal zwischen 100—800 Pfd. Maximum. Ebenso ist 
der Preis im Laufe des Jahres je nach Angebot und Nachfrage ganz 
bedeutend schwankend, so daß für die erscheinenden ersten neuen 
Trauben 6 und 7 M pro Pfund, für die noch alten 1,50 und 2 M 
bezahlt werden. Die Preise für neue Ware sinken im Mai bereits 
auf 2 M. Im September, wenn die Freilandware aus allen Ecken 
Europas hereinströmt, namentlich aus Italien, Südfrankreich, Öster- 
reich, Ungarn fallen die Preise für die Glashaustrauben auf 25 bis 
50 Pf. je nach Qualität.' 1 

Obige Angaben lehren, daß bei der Einführung dieser Kultur 
in Deutschland mit einem bedeutend höheren Preis für Errichtung 
der Häuser gerechnet werden muß. Die Anlagekosten werden sich 
nur dann niedrig stellen, wenn der Besitzer selbst zugreift so daß 
er auf die Inanspruchnahme der Spezialfirmen für Gewächshaus- 
bauten möglichst verzichten kann. Dazu ist jedoch erforderlich, die 
ganze Kultur an ihrer Pflegestätte (z. ß. Hoevlaert) genau studiert 
zu haben. 

Aber auch die Unterhaltungskosten werden in Deutschland höher 
zu stehen kommen, wie in Belgien. Nach den eingezogenen Erkun- 
digungen sind in Belgien die Arbeitslöhne recht niedrige, denn die 
besseren Arbeiter werden im Durchschnitt mit 2,50 — 3 Fr. pro Tag be- 
zahlt. Zudem ist die Weinkultur in den Hauptortschaften, wie Hoeylaert, 
Gemeingut der gesamten Bevölkerung geworden, so daß auch die 
F'rauen mit einzelnen Arbeitsverrichtungen, z. B. mit der zeitrauben- 
den und doch sehr wichtigen Arbeit des Ausbeerens, sowie mit der 
Ernte und dem Versande vollkommen vertraut sind. Dieses Zu- 



‘) Diese Summe erscheint dem Berichterstatter zu niedrig. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



03 

sammenarbeiten und die Möglichkeit, eingeschulte billige Arbeits- 
kräfte zu jeder Zeit zur Verfügung zu haben, wird ohne Zweifel 
die Sicherheit der Ernten sowie die Einträglichkeit der Kultur er- 
höhen. Sobald für die Ausführung der Kultur besonders geschultes 
männliches Personal erforderlich ist, welches in Deutschlund nicht 
so leicht und billig zur Verfügung steht, werden die Unterhaltungs- 
kosten bedeutend erhöht und somit der Reingewinn herabgesetzt. 

Die Kosten für das Feuerungsmaterial werden sich in 
Belgien ebenfalls verhältnismäßig niedrig stellen. Die Nähe des 
Golfstromes bewirkt milde Winter, so daß die einfache Kanal- 
heizung zur Erzielung der erforderlichen Wärrao genügt, und ein 
Decken der Häuser trotz der leichten Bauart im allgemeinen ent- 
behrlich wird. Zudem sucht man noch durch gemeinsamen Be- 
zug die Einkaufspreise für Kohlen herabzusetzen. Sehr bemerkens- 
wert ist, daß nach Aussagen der Hoevlaerter Weinbauern die Kohlen 
das teuerste an der ganzen Kultur seien. 

Die Rentabilität der belgischen Weinkulturen wird dortselbst 
noch dadurch wesentlich gesteigert, daß man es verstanden hat, für 
die Produkte sich einen lohnenden und sicheren Absatz zu ver- 
schaffen. Außerdem war die Bevölkerung stets darauf bedacht, der 
steigenden Nachfrage durch sofortige Vermehrung des Häuser- 
bestandes nachzukommen, um fremder Konkurrenz rechtzeitig ent- 
gegenzutreten. 

Die Belgier sind somit nicht nur tüchtige Kultivateure, die es 
verstanden haben, die Weinkulturen möglichst billig einzurichten 
und zu unterhalten, sondern auch tüchtige Kaufleute, und der 
Handel ist wohl organisiert. 

Um die Weinhäuser in der ersten Zeit noch besser auszunutzen 
und die Einnahmen aus denselben zu erhöhen, werden noch Tomaten 
und Radies getrieben, sowie Spinat und Salat angebaut, soweit dies 
die Jahreszeit und das Alter der Stöcke zuläßt Der Ertrag an 
Tomaten wird in den ersten beiden Jahren auf je 300 bis 500 kg 
für ein Haus angegeben. 

Wenn nach diesen Betrachtungen auch die Weinkultur in 
Deutschland nicht die Rente abwerfen wird wie in Hoeylaert, so 
verspricht dieselbe doch, vorausgesetzt daß erfahrene Personen die 
Sache in die Hund nehmen, derartige Reineinnahmen, daß kapital- 
kräftige Personen diesen Kulturzweig möglichst schnell aufnehmen 
sollten. Daß Deutschland sehr viel Trauben benötigt, lehrt dio 
große Einfuhr. 

Dem Beispiele der Hoeylaerter folgend, muß vor allem jedoch 
dahin gestrebt werden, die Anlage- und Unterhaltungskosten mög- 
lichst niedrig zu stellen und den Absatz von vornherein kauf- 
männisch in die richtigen Wege zu leiten. Nur auf diese Weise 
wird es möglich sein, sich eine Rente zu sichern. 

Über die Erfahrungen, welche hinsichtlich der Erträge des an 
der hiesigen Anstalt errichteten Weinhauses gesammelt werden, 
wird im Laufe der Zeit Bericht erstattet werden. 



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64 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



e) Die Ausbildung der Früchte von Frau Luise Goethe und Geheim- 

rat Dr. Thiel. 

Da beiden Birnensorten in den Kreisen der Obstzüchter be- 
sondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, so dürften die nachfolgen- 
den Notizen über das Verhalten derselben im Berichtsjahre von 
Interesse sein. 

Frau Luise Goethe erweist sich immer mehr als eine äußerst 
wertvolle spätreifende Tafelbirne. Die Früchte erreichten in diesem 
Jahre, besonders an jungen Spindelbäumen, eine ansehnliche Größe. 
Das Durchschnittsgewicht derselben betrug 300 — 400 g. Trotzdem 
sämtliches Winterobst auf dem Lager sehr schnell zur Reife ge- 
langte, war es doch möglich, im Dezember genußreif werdende 
Früchte in diesem Zustande bis Mitte Januar zu halten. Dies ist 
als ein weiterer großer Vorzug dieser Birnensorte gegenüber anderen 
zu betrachten, die in genußreifem Zustande schnell übergehen. Die 
Frucht war auch in diesem Jahre von delikatem Geschmack und 
reich an .Saft. Die Sorte hat sich im Handel bereits sehr gut ein- 
geführt und erzielt recht hohe Preise. Auf Grund der bisherigen 
Erfahrungen wird Frau Luise Goethe in den neuen Anlagen eine 
besondere hervortretende Stellung eiunehmen. (Vergl. Angaben über 
die Sorte in den Jahresberichten 1904.) Über die Tragbarkeit der 
Sorte läßt sich noch kein endgültiges Urteil fällen. 

Geheimrat Dr. Thiel. Im Jahresbericht 1905 wurde der 
Wert der Frucht als Schaufrucht hervorgehoben und dabei betont, 
daß die Güte des Fleisches nur II. — III. Qualität sei. Aus diesem 
Grunde erschien es geboten, vor einer zu weitgehenden Anpflanzung 
dieser Sorte zu warnen. In diesem Jahre war nun die Qualität 
des Fleisches eine bedeutend bessere. Dasselbe war sehr saftreich 
und halbschmelzend. Wir nehmen an, daß die Sorte hinsichtlich 
Innehaltung der richtigen Pflückzeit ähnlich wie Clairgeaus B.-B. 
sehr empfindlich ist, und daß die Ernte bisher regelmäßig etwas zu 
spät ausgeführt wurde. Um festzustellen, inwieweit diese Vermutung 
zutrifft, sollen im kommenden Jahre genaue Pflückversuche an- 
gestellt werden. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese so prächtige 
Frucht auch ihrem inneren Werte nach mehr Beachtung verdiente. 
Mit besonderer Befriedigung würden wir das Urteil im Jahres- 
bericht 1905 einer Revision unterziehen. 

f) Die Anzucht von Obstneuheiten. 

Die Anstalt hat sich schon seit Jahren die Aufgabe gestellt, 
durch die Anzucht von neuen anbauwürdigen Sorten zur Auf- 
frischung der alten, zum Teil im Zurückgehen begriffenen beizutragen. 

Die auf drei verschiedene Quartiere verteilten Sämlinge, welche 
aus dem Jahre 1896 stammen, zeigen in den letzten Jahren infolge 
zu dichten Standes zum Teil eine kümmerliche Entwicklung. Es 
hat sich auch horausgestellt, daß einige Bäume, die in den letzten 
Jahren sehr schöne Früchte lieferten, durch die Nachbarbäume 
unterdrückt werden. Um diese zu erhalten und die Tauglichkeit 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usu\ 



65 



der neuen Sorten in kürzerer Zeit festzustellen, wurden von den 
als gut befundenen Exemplaren Veredelungen auf schwachwachsen- 
den Unterlagen in der Baumschule ausgeführt, die auf einem be- 
sonderen Quartiere als Buschbaume weiter kultiviert und beobachtet 
werden sollen. Wir hoffen bereits in dem nächsten Jahre wiederum 
einige recht wertvolle Neuheiten der obstbaulichen Praxis über- 
geben zu können. 



5. Prüfung neuer Gerate. 

a) Pflughacke der Firma Kreichgauer-WQrzburg. 

Mit Hilfe dieses Instrumentes soll eine schnelle Bodenlockerung 
und Unkrautvertilgung erzielt werden. Die angestellten Versuche 
befriedigten auf dem hiesigen, zur Verkrustung neigenden Boden 
jedoch nicht, da die Handhabung der Hacke zu hohe Anforderungen 
an die Leistung des Arbeiters stellt. Da der Pflug von der be- 
dienenden Person gezogen werden muß, so kann derselbe zwischen 
kleineren Kulturen, wie z. B. Gemüse, nicht benutzt werden; er 
kann vielmehr nur auf unbebauter Fläche Verwendung finden. 

b) Baumsägen der Firma Clouth in Remscheid. 

Die eingesandten Baumsägen besitzen Blätter, welche recht gut 
schneiden. Die Schraube, welche am oberen Teile des Blattes ein- 
gesetzt ist und dazu dient, beim Verstellen dasselbe festzuhalten, 
funktioniert recht gut. Einen besonderen Vorteil können wir an 
den Sägen nicht feststellen. Wir halten diejenigen Sägen noch 
immer für die besten, an denen der Handgriff mit dem Sägeblatt 
verbunden ist, damit man dasselbe von hier aus verstellen kann. 
Wenn die Flügelschrauben einmal eingerostet sind, und das läßt 
sich nicht gut vermeiden, so wird das Auf- und Zuschrauben 
Schwierigkeiten bereiten. Da, wo der Handgriff mit dem Blatt ver- 
bunden ist. kanu man viel mehr Kraft anwenden, um es zu stellen. 

c) Eine praktische Vorrichtung zum Spannen der Spalierdrähte an 
freistehenden Gestellen. 

An den freistehenden Gestellen wurde der Draht bisher iu der 
Weise gespannt, daß sämtliche Drahtlängen von Anfang bis zu Ende 
horizontal verliefen. Beim Straffziehen der einzelnen Drähte mittels 
der Drahtspanner machte sich meist der Übelstand geltend, daß beim 
Anziehen des einen Drahtes die übrigen bereits straffen Drähte 
wieder nachließen. Die in Fig. 16 abgebildete Spannvorrichtung. 1 ) 
welche in den hiesigen Anlagen praktisch zur Anwendung gebracht 
wurde, ermöglicht nach dieser Richtung hin ein schnelleres und 
sichereres Aroeiten. Sämtliche Drähte werden zunächst durch die 
Gegenstrebe der Endpfosten gezogen und finden an eiuer halbrunden 

') Von einer französischen Baum schulfirma auf der Düsseldorfer Aus- 
Stellung vorgefiihrt. 

• ipiMJiihoimor Bericht l'JUÜ. *' 



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li. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



66 

starken Eisenscheibe, welche an dem Endpfosten befestigt ist, ihren 
gemeinsamen Ausgangs- resp. Einmündungspunkt. Jeder Draht kann 
durch diese Vorrichtung für sich angespannt werden, ohne daß 
hierdurch die übrigen in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein 
Nachgeben der Drähte ist deshalb ausgeschlossen. Es ist nur 




darauf zu achten, daß bei höheren Gestellen die oberen Löcher 
an der Gegenstrebe keine scharfen Kanton aufweisen, damit beim 
Straffziehen der Drähte im starken M'inkel kein Einschneiden statt- 
findet. Auch müssen die Endpfosten genügend tief und fest gestellt 
worden, damit diese insgesamt beim Anziehen der Drähte nicht 
nachgeben. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



67 



B. Bericht der Station für Obst- und Gemüseverwertung. 

1. Allgemeines. 

Die Station für Obst- und Gemüseverwertung wurde im Be- 
richtsjahre besonders stark durch die Konservierung von Gemüsen 
in Anspruch genommen. Bei der erfolgten Vergrößerung der Obst- 
anlagen ist auch dem Gemüsebaubetriebe mehr Feld zur Verfügung 
gestellt, und da auch hier auf eine rationolle Verwertung der 
Produkte Wert gelegt wird, muß die Station in allen Fällen ein- 
setzen, in denen der Frischverkauf der Gemüse nicht mehr lohnend 
erscheint. 

Im verflossenen Jahre wurden größere Mengen von Bohnen 
und Erbsen konserviert. Leider macht sich bei der letzteren Ge- 
müseart das Fehlen einer Löchtemaschine bemerkbar. Solange diese 
fehlt muß der Anbau der Erbsen auf das äußerste eingeschränkt 
»erden. Bei der Bohnenkonservierung lieferte die Juli-Stangen- 
bohne das feinste Produkt Diese Sorte auf deren Anbauwert wieder- 
holt in den Jahresberichten der Anstalt hingewiesen wurde, sollte 
auch im großen, für Konservenfabriken, mehr angebaut werden. 
Außer Bohnen und Erbsen gelangten Tomaten, Spargel und Karotten 
zur Verarbeitung. 

Um der sich ständig mehrenden Nachfrage nach Obstprodukten 
der Station Genüge leisten zu können, mußte auf die Herstellung 
größerer Mengen von Konserven, Obstsäften. Gelees und Marme- 
laden mehr wie bisher Bedacht genommen werden. Leider wird 
die Station durch die vermehrte Inanspruchnahme nach dieser Seite 
hin an der Versuchstätigkeit nicht unwesentlich gehindert. 

2. Versuche und Beobachtungen. 

•) Die Verwendbarkeit von „Mertens Gebirgsstachelbeere“ für die 
Herstellung von Gelee und Saft. 

..Mertens Gebirgsstachelbeere“ wurde im Jahre 1S90 in den 
Obstanlagen der hiesigen Anstalt von dem früheren Obergärtner 
Mertens eingeführt. Sie stammt aus der Umgebung von Trier, 
woselbst sie als Zufallssämling gefunden wurde. 

Der Strauch zeichnet sich durch große Genügsamkeit an den 
Boden, sowie durch äußerst kräftigen Wuchs aus. Wir kennen 
keine Sorte, welche nach dieser Richtung hin die Gebirgsstachelbeere 
übertrifft. Dabei ist die Sorte sehr reichtragend, wofür als Beweis 
dienen möge, daß 10 jährige Sträucher im Durchschnitt 20 — 22 Pfd. 
Früchte liefern. 

Die Frucht selbst ist klein, in der Reife goldgelb, von äußerst 
aromatischem Geschmack. Wenn die Sorte wegen der geringen 
Größe der Frucht auch keine Bedeutung für den Frischverkauf 
zum Rohgenuß hat, so sind die Produkte, welche aus derselben 
hergestellt werden können, um so wertvoller. Seit längerer Zeit 
»erden die Früchte an der hiesigen Station zu Gelee verarbeitet. 

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68 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



welches sich durch prächtige Farbe und schönes Aroma aus- 
zeichnet. 

Versuche, einen ansprechenden Stachelbeersaft herzustellen, 
schlugen bisher fehl. Die meisten Sorten lieferten ein Produkt, 
welches hinsichtlich Wohlgeschmack zu wünschen übrig ließ. Im 
Berichtsjahre wurde erneut ein Versuch mit „Mertens Gebirgs- 
stachelbeere“ aufgenommen, der ein recht befriedigendes Resultat 
zeitigte. 

Die Früchte wurden sauber gewaschen, mittels der Beeren - 
mühle zerkleinert und der Saft abgepreßt. Zur Klärung des Saftes 
wurde das Gärverfahren unter Zusatz von Reinhefe angewendet, 
welches in dem Jahresberichte 1903 eingehend geschildert ist. 

Die Klärung des Saftes geht leicht und schnell von statten, 
auch bereitet die Filtration des Trubes keine Schwierigkeiten. Als 
Zuckerzusatz hat sich 2 Pfd. auf 1 1 Saft als am zweckmäßigsten 
erwiesen. 

Der Saft zeichnet sich durch prachtvolle goldgelbe Farbe, gutes 
Aroma und Glanzhelle aus, so daß die Ansicht hinfällig wird, daß 
aus Stachelbeeren kein guter Saft hergestellt werdon könnte. 

Auf Grund unserer mehrjährigen Erfahrungon können wir dazu 
raten, der „Mertens Gebirgsstachelbeere“ in der Obstkultur mehr 
Aufmerksamkeit zu schenken. Wohl ist das Pflücken infolge der 
kleinen Früchte etwas zeitraubender als bei großfrüchtigen Sorten, 
doch wird jeder Fabrikant gern einen etwas höheren Preis zahlen, 
sobald er sich von der Güte der hieraus erzielten Produkte über- 
zeugt hat. Es sei auch noch bemerkt, daß die Gebirgsstachelbeere 
lange Triebe ohne Verzweigung bildet, die von oben bis unten 
gleichmäßig dicht mit Früchten behängen sind. Durch diese Eigen- 
schaft wird das Pflücken wiederum wesentlich erleichtert. 

b) Gemischte Marmeladen im Haushalt. 

Die Herstellung der sogenannten gemischten Marmeladen wird 
im industriellen Betriebe schon seit langer Zeit in ausgedehntem 
Umfange betrieben. Woraus dieso in fabrikmäßigen Betrieben her- 
gestellten Produkte vielfach bestehen und wie sie entstehen, soll 
hier nicht näher erörtert werden. 

An dieser Stelle soll nur auf Grund unserer mehrjährigen Be- 
obachtungen den Ilaushaltungsbetrieben dazu geraten werden, in 
ausgiebigerer Weise sich mit der Herstellung der gemischten 
Marmeladen zu befassen. Leider gehen manche Lehr- und Koch- 
bücher bei der Aufstellung von Rezepten für gemischte Marmeladen 
zu strenge und zu einseitig vor und machen die Güte des Produktes 
ausschließlich von der Verwendung bestimmter Obstarten im be- 
stimmten Mengenverhältnis abhängig. Da nur in seltenen Fällen 
diese Rezepte zur Durchführung gelangen können, kommt die Hei- 
stellung der gemischten Marmeladen wenig zur Ausführung. 

In allen Haushaltungen, in denen Obst aus den eigenen An- 
lagen zur Verfügung steht, sollte man von dem Grundsätze aus- 
gehen, keine Frucht unverwertet zu lassen, sondern diese dem Haus- 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



69 



halte zu nutze zu machen. Gerade die Herstellung der gemischten 
Marmeladen bietet die Möglichkeit, die Früchte verschiedener Obst- 
arten in beliebigem Mengenverhältnis zu einem Mischprodukte zu 
verarbeiten. Man wird finden, daß ein derartiges Produkt an Güte 
und Bekömmlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, wenn auch 
von dem charakteristischen Aroma einer bestimmten Obstart, wie 
solches bei Marmeladen hervortritt, welche aus einer einzigen Obst- 
art hergestellt sind (z. B. Aprikosenmarmelade) nicht die Rede 
sein kann. 

Da bei den praktischen Arbeiten in der Station Wert auf eine 
vollkommene Ausnützung sämtlicher Früchte gelegt wird, so ent- 
stehen gemischte Marmeladen in der verschiedensten Zusammen- 
setzung. Nicht allein, daß das Mark der Früchte verschiedener Obst- 
arten zusammen gemischt wird, sondern es werden auch, wenn sich 
Gelegenheit bietet, der Saft von Früchten. Rückstände vom Dörren, 
von der Konsorvenbereitung usw. hierzu verwendet Oft weiß man 
in den Haushaltungen mit all diesen Rückständen nichts anzufangen, 
sie bleiben einige Zeit stehen, um alsdann dem Verderben anheim- 
zufallen. Es sollte deshalb überall dahin gewirkt werden, daß dio 
Herstellung eines solchen Mischproduktes in allen Haushaltungen 
mehr Aufnahme findet, um auf diese Weise überall eine voll- 
kommene Ausnutzung des Obstes zu sichern. 

Die Herstellung der gemischten Marmeladen weicht in nichts von 
derjenigen reiner Marmeladen ah. Sofern Früchte mehrerer Obst- 
arten von verschiedener Reife verarbeitet werden sollen, ist es rat- 
sam, die festeren und weicheren Früchte getrennt zu zerkochen 
und durchzutreiben, um erst das Mark mit Zuckerzusatz gemeinsam 
einzukochen. Hierdurch wird das Aroma und die Farbe der Früchte 
besser erhalten und das Durchtreiben geht schneller von statten. 
Über den Zuckerzusatz können keine bestimmten Angaben gemacht 
werden, da dieser von der Zusammensetzung des Produktes ab- 
hängig ist. Im Durchschnitt kommt man nach unseren Erfahrungen 
mit 1 Ptd. Zucker auf 1 kg Mark aus. 

c) Die Herstellung von Saft aus weißen und schwarzen Johannis- 
beeren. 

Die Versuche, aus weißen und schwarzen Johannisbeeren Obst- 
säfte herzustellen, führten zu recht guten Resultaten. 

Von den weißen Johannisbeeren kamen die Sorten ..Weiße 
holländische“ und „Bar le Duc“ getrennt zur Verwendung. Daboi 
stellte es sich heraus, daß der aus der Sorte „Bar le Duc“ her- 
gestellte Obstsaft ein besonders feines Aroma und eine schöne gold- 
gelbe Farbe aufwies. Allo Personen, welchen der Saft zur Probe 
vorgesetzt wurde, lobten die Güte desselben. 

I>eider können wir die Sorte „Bar le Duc“ für den Massen- 
anbau nicht empfehlen, da dio Tragbarkeit derselben im Vergleich 
zu der „Weißen holländischen“ eine sehr geringe ist. „Bar le Duc“ 
sollte aber in den Hausgärten, woselbst es nicht auf die Rentabilität 
ankommt, mehr angepflanzt werden, denn auch beim Rohgenuß wird 



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70 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



ein jeder von dem feinen Aroma und der harmonischen Fruchtsäure 
angenehm überrascht sein. 

Der Saft aus schwarzen Johannisbeeren wird wegen seines 
eigenartigen Aromas immer nocli von vielen Personen gemieden. 
Die nach verschiedenen Richtungen hin angestellten Versuche haben 
ergeben, daß bei dem Gärverfahren das eigentümliche Aroma wesent- 
lich gemildert wird, so daß der Saft von jedermann als ansprechend 
bezeichnet werden dürfte. Die Klärung des Saftes bereitet bei An- 
wendung vorhergehender Sterilisation (siehe Jahresbericht 1904) 
Schwierigkeiten, weshalb auch aus diesem Grunde der Klärung 
durch vorhergehende Gärung der Vorzug gegeben worden muß. 

3. Prüfung neuer Geräte und Utensilien, 

a) Nahtlose Stahlgefäße in Syenit-Emaille. 

Von der Firma Pier & Wilke in Hamm i./W. wurden eine 
Auzahl der neu in den Handel gebrachten Stahlgefäße bezogen, um 
dieselben auf ihre Tauglichkeit hin für die Konservenbranche zu 
prüfen. Es wurden in Gebrauch genommen: Früchtepfanueu, Ein- 
macheschüsseln, Kantige Fruchtschüsseln, Schöpflöffel und kleine 
Kinfüillöffel. Als Vorteil dieser gesetzlich geschützten Syenit-Emaille 
wird eine außerordentlich große Haltbarkeit hervorgehoben. 

Trotz starker Benutzung sämtlicher Gefäße hat die Emaille im 
verflossenen Jahre auch tadellos gehalten; ein Springen oder Ab- 
blättern konnte bis jetzt nicht beubachtet werden. Um jedoch ein 
endgültiges Urteil über die Brauchbarkeit der Gefäße abgeben zu 
können, ist eine mehrjährige sorgfältige Beobachtung erforderlich. 
Wir werden deshalb nach einigen Jahren auf diese Geräte noch ein- 
mal zurückkommen. 

b) Aluminit-Kochgeschirre. 

Die Aluminit-Kochgeschirre wurden von der Firma L. Franz- 
Mannheim zu Versuchszwecken zur Verfügung gestellt. Dieselben 
kommen nur für den Haushaltungsbetrieb in Betracht, da die An- 
schaffungskosten verhältnismäßig hohe sind. Die Geschirre, welche 
aus einer besonderen Porzellanmasse hergestellt sind, zeichnen sich 
durch gefälliges Äußere, sowie durch große Härte dos Materiales 
aus. Infolge der guten Glasur ist eine leichte Reinigung möglich. 
Bis jetzt zeigten die Geschirre bei vorsichtigem Hantieren auch 
die ihnen nachgesagte Feuerfestigkeit. Ob die letztore Eigenschaft 
längere Zeit anhält, soll im nächsten Jahre durch weiteren Gebrauch 
festgestellt werden. Es zeigte sich jedoch schon in diesem Jahre, 
daß die Feuerfestigkeit bei Steinkohlenfeuer nur auf der geschlossenen 
Herdplatte anhält. Die stark erhitzten Geschirre können auch keinen 
Stoß oder festes Aufsetzen vertragen, da sie sonst springen. 

c) Das Sterilisieren von Obst- und Gemüsekonserven unter Zuhilfe- 
nahme besonderer Gestelle unter Luftabschluß. 

Bei dem Sterilisieren von Obst- und Gemüsekonserven in Gläsern 
tritt oft die unangenehme Erscheinung zu Tage, daß ein Teil der 



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Bericht ülier Obstbau, Gemüsebau usw. 



71 



Zucker- resp. Salzlösung auskocht, so daß die Früchte und Gemüse 
nicht ganz von der Flüssigkeit bedeckt sind und der Inhalt sieh in 
wenig vorteilhafter Weise präsentiert. Dieses Auskochen kann be- 
sonders häufig bei den meisten Gemüsekonserven beobachtet werden, 
welche für Erzielung der Haltbarkeit eine längere Kochzeit benötigen. 
Wohl läßt sich dieser Übelstand dadurch etwas vermeiden, daß man 
auf strammes Aufsitzen der Federn achtet, welche den Deckel 
während des Kochens festhalten; doch eine sichere Gewähr ist hier- 
durch nicht geboten. 

Seit einigen Jahren benutzen wir an der hiesigen Station be- 
sondere Gestelle, welche ein Sterilisieren unter vollkommenem Luft- 
abschluß des Inhaltes ermöglichen, und dabei ein Auskochen der 




Fig. 17. Sterilisiergestell für Gläser. 

Flüssigkeit verhindern. Der Fuß des Gestelles ist. wie Fig. 17 zeigt, 
eine runde starke Eisenplatte von 25 cm Durchmesser, so dal! bis 
6 Gläser von je 1 1 Inhalt aufgestellt werden können. Nachdem die 
gefüllten Gläser, welche sämtlich von genau gleicher Höhe sein 
müssen, mit Gummiring und Deckel versehen sind, werden sie 
gleichmäßig verteilt auf das Gestell gebracht. An die Stelle der 
Federn für das einzelne Glas tritt nun ein gemeinsamer starker 
Eisendeckel in derselben Größe wie die Fußplatte. Beide Teile sind 
durch einen 14 mm starken Eisenstab verbunden, welcher unten an 
der Platte vernietet ist; der Deckel selbst wird durch eine Schraube 
von oben auf die Glasdeckel fest angezogen. Zur bequemeren Hand- 
habung ist die Schraube, welche in einem am oberen Ende des 



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72 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Eisenstabes angebrachten Gewinde läuft, mit einem Handgriff ver- 
seilen. 

Die Benutzung des Gestelles erfordert allerdings etwas Übung 
und Aufmerksamkeit. Sobald die Gläser mit dem Eisendeckel von 
oben gleichmäßig beschwert sind, wird die Schraube mäßig fest un- 
gezogen und das Gestell in das Wasserbad gebracht. Man bringt 
das Wasser langsam bis dicht vor das Kochen und nimmt nun das 
Gestell nochmals aus dem Wasser heraus, löst langsam die Schraube 
und läßt die heiße Luft aus dem Inneren sämtlicher Gläser durch 
Lüften der Deckel vollends entweichen. Man überzeugt sich gleich- 
zeitig von der richtigen I^age der Gummiringe und Deckel, legt den 
Eisendeckel wieder auf und zieht nun die Schraube so fest an, daß 
ein Auskochen der Flüssigkeit aus den Gläsern nicht mehr möglich 
ist. Durch etwas Übung und Aufmerksamkeit kann ein jeder sich 
die hierfür erforderliche Fertigkeit aneignen. Jetzt erst erfolgt das 
eigentliche Sterilisieren. 

Sofern Gläser verwendet werden von gutem Material und sofern 
sorgfältig gearbeitet wird, ist ein Springen derselben ausgeschlossen. 
Die Gläser bleiben bis oben mit der Zucker- resp. Salzlösung an- 
gefüllt, da infolge des dichten Abschlusses ein Auskochen derselben 
unmöglich ist. 

Das Gewinde am Eisenstah läßt ein Kochen von Gläsern in be- 
liebiger Höhe zu, wobei allerdings Vorbedingung ist, daß gleichzeitig 
stets solche von gleicher Höhe verwendet werden. 

Wir können die Benutzung dieser Sterilisiergestelle allen Be- 
trieben empfohlen, die auf ein schönes Äußere des Glasinhaltes be- 
sonderen Wert zu legen haben. 

4. Bauliche Veränderungen. 

Vergrößerung des Lehrsaales sowie Bau eines Sammlungsraumes in 
der Obstverwertungsstation. 

Infolge der in den letzten Jahren bedeutend gestiegenen Zahl 
der Schüler, Praktikanten und Kursisten erwies sich der Lehrsaal 
der Station als zu klein, so daß bereits im Jahre 1905 die Erteilung 
des Unterrichtes in das Hauptgebäude zurückgelegt werden mußte. 
Durch den in diesem Jahre erfolgten Anbau wurde der Lehrsaal 
um 26 qm vergrößert und die Grundfläche beträgt zur Zeit 91 qm. 
Der Saal reicht jetzt bequem für die Aufnahme von 70 Personen 
aus, so daß Unterrichtsstunden, welche dem Betriebsleiter über- 
tragen sind, wiederum in der Station erteilt werden können. 

Von der Aufstellung von Bänken wurde bei der Einrichtung 
des Lehrsaales Abstand genommen und dafür sind Tische und Stühle 
gewählt, welche ein bequemes Sitzen, Schreiben und Zeichnen er- 
möglichen. Als Anschauungsmaterial sind an den Wänden pomo- 
logische Tafeln, farbige Pläne und Entwürfe von Schülern. Situations- 
pläne und photographische Aufnahmen aus den übstkulturen der 
Anstalt sowie aus anderen vorbildlichen Pflanzungen und dergl. 
mehr aufgehängt. Fig. IS gibt einen Teil des Lehrsaales wieder. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



73 




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Fig. IS. Ansicht des Lehrsaales. Im Hintergrund der Sarmnlungsraum, 








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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Bei Gelegenheit der Vergrößerung des Lehrsaales für Obsthau 
wurde gleichzeitig auch ein neuer Sammlungsraum errichtet. 
Dersolbo schließt sich wie aus dem Grundriß in Fig. Iß ersichtlich 
ist, dem Lehrsaal unmittelbar an. Seine Größe beträgt ßft qm. 

In diesem Sammlungsraum sind die für den Unterricht im 
Obstbau, der Obstverwertung und dem Gemüsebau nötigen Geräte, 
Modelle und dergi. sowie ein Teil der pomologischen Sammlungen 
untergebracht. Zur Aufstellung der Gegenstände dienen teils 
Schränke, teils Tische. 




Fig. 1Ü. (inuxlrin der Obstvcrwertuiigsstatiuu. 



a Treppeuhatis. 
b llureau. 
c D'imnum. 
d Kucliraum. 
c Ki-'st'ltiai^. 



f Aborte. 

g S.imnilungsraiim. 
h i iamerobe. 
i I.chi'aal. 
k SuininluiigMMiaL 



Aut dem großen Mitteltische werden in einem Aufbau Konserven 
vorgeführt, die als Lehrobjekt die Anwendung künstlicher Färbe- 
mittel zeigen. Um diesen Aufbau herum sind die verschiedenen 
Systeme von Uinmacliegläsern und Krügen, von Kochgefäßen und 
Sterilisierapparaten gruppiert Die beiden Schränke auf der West- 
seite des Baumes dienen zur Aufnahme verschiedener Geräte und 
Utensilien, die in der obstbaulichen Praxis Verwendung findeu. 
Vor den beiden Seitenfenstern auf der Südseite werden auf zwei 
Tischen Leitermodelle, sowie .Modelle von Spaliergestellen vor- 



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Bericht über 01 »st bau, Gemüsebau usw 



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20. Ti-ilansicht des Sammluiif:s raumes. 





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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 




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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



77 



geführt. Zwischen den beiden Fenstern hat ein Schrank mit Uten- 
silien für den Obstverwertungsbetrieb Platz gefunden. 

In den beiden Ecken der Ostseite ist eine größere Anzahl 
Obstversandgefüße aufgebaut. Es wurde bei dieser Aufstellung 
Wert darauf gelegt, daß die in den wichtigsten Obstbaugegenden 
des In- und Auslandes gebräuchlichen Versandgefäße vertreten sind. 
Auf Etiketten wird der Preis sowie die Bezugsquelle der einzelnen 
Behälter bekannt gegeben, so daß an Ort und Steile Vergleiche 
hinsichtlich der Brauchbarkeit angestellt werden können. 

Auf dieser Seite wird dem Besucher ferner eine Musterkollektion 
der an der Anstalt eingeführten gärtnerischen Schneidewerkzeuge 
in einer recht gefälligen Zusammenstellung (von der Firma Eberhardt 
in Wiesbaden) vorgeführt. 

Auf der Nordseite des Raumes ist ein großer Glasschrank auf- 
gestellt, der in seiner untersten Abteilung mit verschiedenem 
Demonstrationsmaterial, wie Durchschnitte durch Veredelungen. Be- 
schädigungen der Bäume durch Baumschwämme, Krebswunden, 
Frostleisten usw. angefüllt ist. Der übrige Teil des Schrankes faßt 
die Modellsammlung von Äpfeln und Birnen. Die Apfel, in einer 
Stückzahl von 441 vertreten, sind nach dem natürlichen System 
von Diel-Lukas, die Birnen, 2!)4 Stück, nach dem künstlichen 
System von Dr. Ed. Lukas gruppiert. 

In zwei weiteren kleinen Glasschränken sind Sortimente von 
Aprikosen, Pfirsichen, Kirschen, Pflaumen und Zwetschen in einer 
Gesamtzahl von ;!00 Exemplaren in guten Modellen vertreten. Die 
gesamte Modellsammlung leistet in dieser Reichhaltigkeit im Unter- 
richt der Obstsortenkunde sowie beim Bestimmen wertvolle Dienste. 

Da die baulichen Veränderungen in der Obstverwertungsstation 
mit dem fertiggestellten Lehr- und Samnilungssaal ihren Abschluß 
gefunden haben dürften, so ist in dem beigefügten Grundriß 
(Fig. 19) die Station in ihrer jetzigen Gestalt wiedergegeben. Die 
in den früheren Jahresberichten gegebenen Erläuterungen über die 
einzelnen Räumlichkeiten machen eine nochmalige Beschreibung 
an dieser Stelle entbehrlich. Fig. 20 und 21 geben einige Teile 
des Sammlungsraumes wieder. 



C. Bericht über Gemüsebau. 

1. Allgemeines. 

Infolge der Vergrößerung des Anstaltareals hat auch der Ge- 
müsebau, der als Unterkultur in Verbindung mit dem Obstbau be- 
trieben wird, ständig an Umfang zugenommen. An Stelle der Spaten- 
kultur muß deshalb immer mehr der feldmäßige Betrieb mit Pflug 
und Egge treten. Bei der Neuanlage im Fuchsberg, welche eine 
Größe von rund 15 Morgen besitzt, ist bei der Durcharbeitung des 
Bepflanzungsplanes der einzelnen Quartiere dieser Betriebsweise 
bereits Rechnung getragen. Auch die Umgestaltung der alten An- 
lagen wird in der Weise erfolgen, daß auf dem größten Teile der 



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78 



U. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Fläche mit dem Pfluge gearbeitet werden kann. Leider wird in 
der Praxis recht oft der Fehler gemacht, daß in größeren Obstbau- 
betrieben durch unzweckmäßige Bepflanzungsweise und Wahl der 
Zwischenkultur die Bodenbearbeitung mittels des Pfluges sehr er- 
schwert. zuweilen sogar zur Unmöglichkeit wird, wodurch die 
Rentabilität von vornherein in Frage gestellt ist. 

Die Gesaratgröße der in Zukunft für den Obstbau und Gemüse- 
bau zur Verfügung stehenden Fläche (35 Morgen) läßt die Möglich- 
keit zu, die verschiedenen Betriebsweisen des Gemüsebaues für sich 
allein und in Verbindung mit dem Obstbau den Schülern und 
sonstigen Besuchern der Anstalt vorführen zu können. 

Die im Berichtsjahre angebauten Gemüse dienten in erster 
Linie zur Versorgung des Internates: in beschränktem Umfange er- 
folgte ein Verkauf an die Beamtenfamilien, sowie an Einwohner der 
Stadt Geisenheim. Größere Mengen von Bohnen wurden in der 
Station für Obst- und Gemüseverwertung verarbeitet, während 
Tomaten an eine Konservenfabrik verkauft wurden. 

Die mehr kühle regnerische Witterung während des Sommers 
war der Entwicklung der Gemüse im allgemeinen sehr förderlich. 
Mit Ausnahme der Gurken lieferten sämtliche Gemüsearten eine 
gute Ernte. 

In erster Linie wurden die schon seit Jahren für den Anbau 
unter den hiesigen Verhältnissen als geeignet befundenen Sorten 
angebaut. Neben diesen wurden Neuheiten auf ihren Wert hin ge- 
prüft. Um Wiederholungen zu vermeiden, sei auf die letzten Jahres- 
berichte (1000 — 1006) hingewiesen, in welchen die Resultate der 
Anbauversuche mit einer großen Zahl von Gemüsesorten bekannt 
gegeben sind. Anschließend an diese Veröffentlichungen kann über 
den diesjährigen Anbau der Gemüse folgendes Bemerkenswerte be- 
richtet werden. 

Der Blumenkohl lieferte besonders in den Herbstmonaten 
eine reiche Ernte. Der „Frankfurter Riesen 1 ' bildete enorm große 
Blütenscheiben; doch auch die Sorten „Algier,“ „Non plus ultra“ und 
„Schneeball“, die in trockenen Sommern bisher oft versagten, ließen 
in der Ausbildung nichts zu wünschen übrig. 

Bei Weißkohl hat die neuere Sorte „Ruhm von Enkhuizen“, 
über welche wiederholt berichtet ist, sich wiederum gut bewährt. 
Der Kopf ist von mittlerer Größe, fest und verhältnismäßig zart- 
rippig. Unter den Frühsorten verdienen „Johannistag“ und „Erfurter 
kleines frühes“ Erwähnung. 

Beim Blätterkohl wurde die Sorte „goldgelber Butter“ in 
diesem Jalue zum ersten Male angebaut. Die Sorte zeigte sich als 
recht ertragreich und zart im Geschmack; jedoch ist sie empfindlich 
gegen Frost. 

Der Rosenkohl lieferte in den hiesigen Kulturen, ebenso wie 
der Blätterkohl, viel bessere Resultate wie die übrigen Kohlarten, 
was darauf zurückzuführen ist. daß die Entwicklung der ersteren 
mehr in die kühlen und feuchten Herbstmonate fällt. Die in den 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



79 



letzten Jahren erschienen neueren Rosenkohlsorten haben die alten 
„Brüsseler“, „Aigburth" und „Non plus ultra“ nicht verdrängen können. 

Für die Frühkultur von W i rsing wurde neben dem „Kitzinger“ 
und „Johannistag“ der „Wiener Treib“, der sonst nur für die Mist- 
beetkultur empfohlen wird, angebaut. Der Kopf bleibt klein, ent- 
wickelt sich jedoch schneller, als bei den übrigen Frühsorten. 

Der „Ottensche blaue“ Kohlrabi, welcher als Neuheit zum 
zweiten Male angebaut wurde, entsprach auch in diesem Jahre nicht 
den Erwartungen. Dieser Sorte wird nachgosagt, dall sie nicht so 
leicht in Samen ginge und dabei sehr lange zart bliebe. Wir haben 
jedoch keinen Unterschied im Vergleich zu anderen alten Sorten 
nach dieser Richtung hin feststellen können. 

Sowohl die Busch- als auch die Stangenbohnen lieferten 
reiche Ernten. Da der Preis für Bohnen im Sommer ein sehr 
niedriger war, wurde ein großer Teil in der Station für Gemüse- 
verwertung konserviert. Das beste Produkt lieferte von den grünen 
Sorten „Juli-Stangenbohne“ und „Hinrichs Riesen", erstere als Salat- 
bohne eingemacht. Von den Wachsbohnen widerstanden „Schlacht- 
schwert“ und „Flageolot“ der Hitze am längsten. 

2. Neubauten. 

Bau eines neuen Ger&tehauses. 

Der bisher für die Aufbewahrung der Garten-Geräte benutzte 
Raum war so klein und dürftig eingerichtet, daß es nicht möglich 
war, die für den Betrieb erforderliche Ordnung und Kontrolle über 
den Gebrauch der Geräte aufrecht zu erhalten. Außerdem fehlte 
es gänzlich an einem geeigneten Raume, in welchem die Arbeiter 
bei schlechtem Wetter und bei Licht in sachgemäßer Weise be- 
schäftigt werden konnten. Auch für den Aufenthalt der Leute 
während der Pausen konnte bisher ein geeigneter Raum nicht zur 
Verfügung gestellt werden, was ganz besonders im Winter und 
bei ungünstiger Witterung während des Sommers als ein Mangel 
empfunden wurde. 

Im Juni wurde der Bau des Gerätehauses in Angriff genommen. 
Dasselbe ist in nächster Nähe des Obsthauses, auf einer Fläche von 
12 X 20 m = 240 qm errichtet. Das Gebäude ist einstöckig und in 
Fachwerk aufgeführt (Fig. 22). Die Höhe beträgt 9,8 m. 

Wie aus dem beigefügten Grundriß (Fig. 28) ersichtlich ist, 
wurden eingerichtet: 

1. Ein großer Arbeitsraum für Schüler und Arbeiter in einer 
Größe von 80 qm. 

2. Ein großer Geräteraum für die Utensilien der Arbeiter in 
einer Größe von 52 qm. Auf der Südseite des Hauses schließen 
sich diesen beiden großen Räumen folgende kleinere an: 

3. Bureau für die zwei Anstaltsgärtner im Obstbau, 

4. Bureau für die Anstaltsgärtner des Gemüsebaues und der 
Baumschule. 

5. Geräteraum für die .Schüler, 



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Das neue Gerätebaus. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 




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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



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6. Raum für die Arbeiter während der Pausen, 

7. Raum für die Lagerung von Holz und Kohlen. 

Der Geräteraum für Arbeiter ist in det Weise eingerichtet, 
daß jedem Arbeiter für seine Gerätschaften, bestehend aus Schaufel, 
Spaten, mehreren Hacken und Rechen ein bestimmter mit Namens- 
schild versehener Platz angewiesen ist. Alle Geräte tragen neben der 
Inventarnummer auch die fortlaufende Nummer, so daß es auf diese 
Weise wohl möglich ist, jederzeit eine genaue Kontrolle auszuführen. 
Bei dieser Art der Anordnung läßt es sich auch jeder Arbeiter aus 
eigenem Antriebe angelegen sein, für gute Instandhaltung und 
Sauberkeit der Geräte Sorge zu tragen. 






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Fig. 23. 

An der einen Wandfläche dieses Raumes sind auf einigen 
Wandbrettern die Gerätschaften für die Schädlingsbekämpfung als 
Spritzen, Schwefelapparato usw. untergebracht. Daneben wird noch 
ein großer Kessel für die Abkochungen von Quassiaspäuen und 
die Herstellung anderer Spritzflüssigkeiten Aufstellung finden. Des 
weiteren sind hier die verschiedenen Erdbohrer, Locheisen und 
ähnliche Gerätschaften für die Obstbaumpflege übersichtlich geordnet 
aufgestellt. Auch die in den Anlagen zur Benützung gelangenden 
Säe- und Hackmaschinen haben hier Aufnahme gefunden. 

Diese Anordnungen sind nicht allein aus Gründen der Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung getroffen, sondern der Raum soll auch den 
Schülern und sonstigen Besuchern der Anstalt als Demonstrations- 
raum dienen. 

Der Schülergeräteraum ist in ähnlicher Weise eingerichtet. 

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II. Tätigkeit der Anstalt nach inueu. 



Auch hier wird besonderes Augenmerk auf Innehaltung der Ordnung 
und Sauberkeit gelegt. Es mußten hier für die Aufbewahrung der 
Geräte neben der Benutzung der Wände in der Mitte des Raumes 
einige Gestelle zu diesem Zwecke errichtet werden. 

Der geräumige Speicher dient zur Aufbewahrung der ver- 
schiedenen Gerätschaften und Gebrauchsgegenstände für den Obst- 
und Gemüsebau, wie Rohrdeckon, Strohdecken, Körbe, Pflück- und 
Versandgeräte, Spalierlatten, Gartenbiinke, künstliche Dünger u. dergl. 
Im Spätherbst werden Zwiebeln, Bohnen und andere Gemüse hier- 
selbst gelagert. Das Gebäude, welches mit elektrischer Beleuchtung 
versehen ist, hat nach der Fertigstellung bereits gute Dienste geleistet 

3. Versuche und Beobachtungen. 

3. Anbauversuche mit Gemüseneuheiten. 

Die „Erfurter Ausstellungsgurke“. 

Diese neue Sorte wurde zur Treiberei in Mistbeeten benutzt 
und bewährte sich hierbei recht gut. Die Pflanzen zeichneten sich 
durch gesunden Wuchs und außerordentliche Tragbarkeit aus. Die 
Frucht ist von langer, schlanker Gestalt und grüner Farbe. Die 
Ausbildung geht schnell von statten, Früchte von 75 cm Länge 
wurden des öfteren geerntet. Als ein besonderer Vorzug ist noch 
die gute Beschaffenheit des Fleisches und das Vorhandensein von 
nur sehr wenigen Samen hervorzuheben. Die Sorte soll in kommen- 
dem Jahre in größeren Mengen angebaut und in dem neuerbauten 
Weinbaus auf ihre Brauchbarkeit hin als Treibhausgurke geprüft werden. 

Die Tomate ..Johannisfeuer" f.,verbesserte Geisenheimer 
Frühtomate“). 

Die Vorzüge der „Geisenheimer Frühtomate“, eine Züchtung 
der hiesigen Anstalt, sind in den letzten Jahren von vielen Gemüse- 
züchtern, welche in den Besitz von guten Samen gelangten, an- 
erkannt worden. Die „Geisenheimer Frühtomate“ stammt von der 
alten Sorte „Ficarazzi“ ab. Als Vorzüge gegenüber der letzteren 
sind vor allem die frühere Reife, der mäßige Wuchs der Pflanzen 
sowie die außerordentliche Tragbarkeit hervorzuheben. Als ein 
Mangel wurde bisher bei der „Geisenheimer Frühtomate“ für den 
Marktverkauf die rippigo Form der Frucht empfunden. 

Die „verbesserte Geisenheimer Frühtomate“ („Johannisfeuer“) 
soll nun nach der vorliegenden Zuschrift des Züchters durchweg 
die Rippen nicht mehr aufweisen, was zutreffenden Falles in der 
Tat als eine Verbesserung der „Geisenheimer Frühtomate“ zu be- 
trachten wäre. 

Da die Anstalt ein besonderes Interesse daran hatte, die Vor- 
züge der Sorte „Johannisfeuer“ kennen zu lernen, so wurde der 
Versuchsanbau in etwas größerem Umfange durchgeführt. Von 
„Johannisfeuer“ wurden insgesamt 500 Pflanzen ausgesetzt, die aus 
Samen herangezogen waren, welcher teils vom Züchter selbst, teils 
von zwei bekannten Samenhandlungen stammten. Gleichzeitig wurde 
dieselbe Anzahl von Pflanzen der „Geisenheimer Frühtomate“, welche 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



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aus Samen, an der hiesigen Anstalt gesammelt, stammten, unter den- 
selben Vorbedingungen zum Vergleich angebaut. 

Es stellte sich nun heraus, daß ein Unterschied zwischen beiden 
Sorten nicht herrschte; „Johannisfeuer“ brachte weder früher die 
Früchte zur Reife, noch zeigten dieselben eine glattere Form. Es 
fanden sich ebenso viele gerippto Früchte bei „Johannisfeuer“ vor, 
als bei der „Geisenheimer Frühtomate“. Dies wurde selbst bei den 
Pflanzen konstatiert, die von der Originalsaat des Züchters stammten. 
Von einer Verbesserung der „Geisenheimor Frühtomate“ kann also 
bei der Sorte „Johannisfeuer“ vorläufig noch keine Rede sein. 

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß schon seit einigen Jahron 
an der hiesigen Anstalt und auch von anderer Seite auf eine Ver- 
besserung der „Geisenheimer Frühtomate“ hinsichtlich ihrer Form 
hingewirkt wird. Es finden sich stets eine Anzahl von Pflanzen, 
die neben den bisherigen Vorzügen auch glatte Früchte hervor- 
bringen. Trotz sorgfältigster Auslese ist es aber bis jetzt noch nicht 
gelungen, die Sorte mit glatten Früchten konstant zu ziehen. Wir 
werden jedoch dieses Ziel durch weitere Bemühungen zu erreichen 
suchen. 

Außer diesen beiden Sorten wurden noch eine Anzahl anderer 
Gemüse, die in den Katalogen als Neuheiten angepriesen wurden, 
auf ihren Wert hin geprüft. Da es eines mehrjährigen Versuchs- 
anbaues bedarf, um über den Wert einer Sorte ein bestimmtes 
Urteil abgeben zu können, so soll das diesjährige Resultat mit dem 
der nachfolgenden Jahre vereint bekannt gegeben werden. Es sei 
jedoch schon an dieser Seile betont, daß eine ganze Anzahl dieser 
sogenannten „Neuheiten“ Anspruch auf diese Bezeichnung nicht 
haben, denn sie stellen im Vergleich zu den bereits vorhandenen 
guten Sorten nach keiner Richtung hin eine Verbesserung, in vielen 
Fällen sogar eine Verschlechterung dar. 



Für die nächstfolgenden Jahre sind auf den neuen Flächen der 
Anlagen umfassende Düngungsversuche geplant, wofür die Vor- 
arbeiten bereits im Berichtsjahre eingeleitet wurden. 

b) Spätkulturen von GemOse. 

Der Spätgemüsekultur wird sowohl von den Hausgartenbesitzern, 
als auch von Gemüsezüchtern von Beruf nicht die Beachtung ge- 
schenkt, die sie verdient. Die Erfahrung lehrt, daß gerade gegen 
Herbst und Winter einzelne Gemüse auf dem Markte infolge 
mangelnden Angebotes im Preise bedeutend steigen. Diese günstige 
Gelegenheit kann jeder Berufsgärtner wahmehmen und durch Spät- 
kulturen sich gute Einnahmen verschaffen. Jo günstiger die klima- 
tischen Verhältnisse sind, mit um so größerem Erfolge lassen sich 
derartige Kulturen durchführen. 

Für die Spätkultur kommen sowohl das Freiland, als auch die 
Mistbeete in Betracht. Bei der Freilandkultur kommt es nur darauf 
an, durch späte Aussaaten den Abschluß in der Entwicklung der 

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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Gemüse d. li. die Zeit der Ernte soweit als möglich in den Spät- 
herbst hinauszuschieben. Die Mistbeete dagegen sind mehr als 
Kulturstätten für solche Gemüsearten zu betrachten, welche bei 
Eintritt des Frostes oder ungünstiger Witterung des Schutzes be- 
dürfen. Die in den Kästen kultivierten Gemüse können nun bei 
Gewährung des nötigen Schutzes längere Zeit in verkaufsfertigem 
Zustande gehalten werden, so daß die Kästen gleichzeitig als ge- 
eignete Überwinterungsräume dienen. Auf diese Weise ist es 
möglich, bis tief in den Winter hinein empfindliche Gemüse zur 
Verfügung zu haben, die sich in anderer Weise nicht überwintern 
lassen. 

An der hiesigen Anstalt wird auf die Spätkultur der Gemüse 
besonderes Gewicht gelegt. Über die im verflossenen Jahre er- 
zielten Resultate kann kurz folgendes berichtet werden. 

Recht günstige Erfolge zeitigte die Spätkultur von Busch- 
bohnen. Die Aussaat erfolgte gegen Mitte August. Bei günstiger 
Witterung entwickelten sich die Pflanzen derart, daß die Ernte sich 
bis Ende Oktober erstreckte. Wohl bleiben die Hülsen bei sämt- 
lichen Sorten gegen Ende der Ernte infolge der kühlen Witterung 
in der Ausbildung etwas zurück, doch wurde immer noch ein Preis 
von 20 — 25 Pf. pro Pfund erzielt. Die Pflanzen wurden, da sie 
noch in vollem Laube standen, nach der Ernte als Gründüngung 
untergearbeitet. Sollte einmal wider Erwarten infolge schlechter 
Witterung dio Kultur mißraten, so werden die Pflanzen, als Grün- 
düngung verwendet, immer noch ihren Zweck erfüllen. 

Auch die Spätkultur des Salates im freien Lande erwies sich 
als gut durchführbar. Allerdings wurde hierbei die Beobachtung 
gemacht, daß nicht jede Sorte hierfür geeignet ist. Wärmebedürftige 
Sorten, wie Goldforellensalat, kamen nicht mehr zum fertigen Ab- 
schluß, während die härteren Sorten: Fiirchtenicbts, Maikönig und 
Prinzenkopf bis in den November hinein gute Köpfe lieferten. Die 
Frostempfindlichkeit des Salats wird vielfach überschätzt. Nach 
unseren Beobachtungen verträgt der Salat bis 6° C. Kälte. Es ist 
nur nötig, nach einer Frostnacht und folgendem sonnigen Wetter 
die Sonnenstrahlen durch eine leichte Bedeckung mit Tannonreisig 
abzuhalten, um hierdurch das plötzliche Auftauen zu vermeiden. 

Als lohnend kann auch die Spätkultur von Blumenkohl 
hingestellt werden. Dieselbe wurde in der Weise durchgeführt, 
daß die Pflanzen mit den Anfängen der Blütenbildung nach dem 
Eintritt stärkerer Fröste mit Wurzelballen aus dem freien Lande 
gehoben und in einem tiefen Mistbeetkasten oder in einem luftigen 
und nicht zu trockenen Keller eingeschlagen wurden. Die Bildung 
der Blütenscheiben nahm hier ihren weiteren Verlauf, so daß bis 
Anfang Februar fertige und gut ausgebildete Köpfe zur Verfügung 
standen. Es sei auch hierbei betont, daß die Blumenkohlpflanze 
5 — 6° C. Kälte gut verträgt, so daß es fehlerhaft ist. diese unfertigen 
Pflanzen gleich bei den ersten Frösten, denen meist wieder mildes 
Wetter folgt, aus dem Lande zu nehmen. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



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4. Prüfung neuer Gerate. 

Eine neue Pflanzschnur. 

In den meisten Fällen gelangen in gartenbaulichen Betrieben 
Pflanzleinen aus Hanf gedreht zur Anwendung. Nur da, wo es 
sich um größere Dauerhaftigkeit sowie um die genaue Pflanzung 
bündelt, gibt man den Drahtleinen oder Pflanzketten den Vorzug. 

Eine von der Firma A. W. Kauiß, Drahtseilfabrik in Wurzen i. S. 
in den Handel gebrachte Pflanzleine ist aus feinen verzinkten 
Patent-Tigelgußstahldriihten angefertigt und mit Markierungszeichen 
versehen. Diese Leine steht in Bezug auf Handlichkeit den aus 
Hanf gedrehten in nichts nach, und sie zeichnet sich durch großo 
Dauerhaftigkeit aus. Bei jeder Witterung kann sie im Freien bleiben, 
ohne sich im geringsten zu verändern; selbst wenn nnch langem 
Gebrauch die Leine beschädigt wird, so ist sie mit Leichtigkeit durch 
Verknüpfen wieder zu reparieren, l’m in solchem Fallo durchweg 
gleiche Entfernungen zu erhalten, muß an der auszubessemden 
Stelle ein Markierungszeichen mit einem entsprechenden Stück Ge- 
flecht entfernt werden. Die Leinen sind eihältlich in den Längen 
von 30, 50 und 100 m; die Markierungszeichen sind auf 20 und 25 cm 
angebracht. Auf Wunsch resp. auf Bestellung werden aber auch 
andere Längen mit jedem beliebigen Markierungsabstand angefertigt. 
Die Preise der Leinen belaufen sich mit Aufwickelapparat und 
Spieß zum F’eststecken in der Erde bei einer Länge von 30 m auf 
7 M, von 50 m auf 8.50 M und von 100 m auf 13,50 M. 



D. Bericht über Bienenzucht. 

Von Anstaltsgärtner Baumann. 

Einen guten Reinigungsausflug konnten die Bienen am 8., 0. 
und 10. Dezember 1905 halten, sodaß man nicht zu befürchten 
brauchte, daß dieselben ruhrkrank wurden. Bei diesem Reinigungs- 
ausflug wurden auch alle toten Bienen aus den Stöcken heraus- 
getragen. Man konnte die Lehre daraus ziehen, daß der Bienen- 
züchter an solchen warmen Wintertagen seinen Bienenstand besuchen 
muß, weil sich die Fluglöcher gar leicht mit toten Bienen verstopfen. 
Die Anstalt hat Blechsehieber mit 3 Löchern vor den Fluglöchern, 
wodurch die Bienen ganz leicht aus- und einpassieren können. Diese 
kleinen Löcher stopfen sich aber gern mit toten Bienen zu. Ist dies 
der Fall, so muß man sie mit einem gebogenen Draht aus don 
Löchern herausziehen. Der Ausflug muß immer offen sein, sonst 
ersticken die Bienen. An warmen Tagen, wenn die Bienen stark 
fliegen, wie dies am 9. Dezember der Fall war, ziehen wir die 
Schieber vor den Fluglöchern ganz weg, und wenn der Ausflug be- 
endet ist, werden sie wieder vor die Löcher geschoben. Ganz offen 
dürfen wir sie der Vögel wegen niemals lassen. 

Unser Bienenstand steht mitten in den Obstanlagen, und hier 
halten sich den ganzen Winter über einige Kohlmeisen-Pärehen auf, 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



die sogar in die Fluglöcher hinein kriechen, um die toten Bienen 
von dem Bodenbrett zu holen. Ist die Witterung günstig, wie dies 
im Januar der Fall war, so lösen sich die Bienen von der Traube 
ab, um sich dem Friedensstörer gegenüber zu stellen und werden 
dann von ihnen weggeschnappt Haben sich die Meisen einmal 
an den Bienenstand gewöhnt, so bleiben sie nicht mehr weg; und 
wenn man sie noch so oft verscheuchte, sie kommen bald wieder 
zurück, um ihre Beute zu holen. Das Einstecken von langen Federn 
in Kartoffeln, mittels Bindfaden an eine Stange in der Nähe 
des Bienenstandes aufgehängt, wie man dies so schön in Büchern 
lesen kann, hält die Meisen nicht vom Bienenstand ab. Sind aber 
die durchlöcherten Blechschieber vor den Fluglöchern, so können 
sich die Meisen wohl auf die Fluglöcher setzen, Bienen werden sie 
aber nicht erhaschen. Stroh-Körbe kann man überhaupt nicht offen 
in Obstanlagen stehen lassen, die Meisen picken den ganzen Tag 
an den Körben herum, um nach Nahrung zu suchen und be- 
unruhigen dabei sehr die Bienen. Müssen Strohkörbe frei in 
Obstanlagen stehen, so bringt man im Winter über jeden Korb 
einen Strohmantel an, dann können die Meisen die Bienen nicht 
belästigen. Der Bienenzüchter sollte jedoch die Meisen nicht bei 
seinem Bienenstand abschießen, denn er darf sie nicht zu seinen 
Feinden, sondern muß sie zu den Freunden zählen: rechnen wir 
sie doch zu den besten Vertilgern von Ungeziefer an unseren Obst- 
bäumen. Gerade der Bienenzüchter soll in seinem Garten recht 
viele Nistkästen aufhängen, um den Meisen Gelegenheit zum Nisten 
zu geben. Wenn die Blüten von Insekten zerstört werden, so können 
sich die Bienen auch keinen Honig auf ihnen suchen. 

Einen derart gelinden Januar wie den verflossenen hatten wir 
seit langer Zeit nicht mehr. An mehreren Tagen waren über -f- 10 0 C. 
im Schatten. Man hätte glauben sollen, die Bienen müßten bei einer 
solchen hohen Temperatur jeden Tag fliegen: dies war aber nicht der 
Fall. Es haben nur die stärksten Völker ihren Ausflug gehalten, 
während die schwächeren ruhig in ihren Wohnungen verblieben. 

Der ganze Februar war kühl, die Bienen konnten nicht einen 
einzigen Ausflug halten. Am 2. März stieg die Temperatur im 
Schatten auf + 10° C., sodaß die Bienen das erste Wasser ein- 
tragen konnten. An diesem Tage wurden auch die Bodenbretter 
gereinigt. Es waren nicht viel tote Bienen vorhanden, da die Bienen 
im Januar au mehreren Tagen fliegen konnten und dabei gleich- 
zeitig die toten Bienen beseitigten. 

Die ersten Pollen sind in diesem Jahre am 4. März eingebracht 
worden und zwar von Taxus haccata und von Pfirsichen, die in 
einem Pfirsichhaus der hiesigen Anstalt blühten. Vom 4. — 8. März 
war die Temperatur auffallend hoch: so hatten wir am 7. März 
-j- 19.7° C. im Schatten. Die Pfirsiche im Treibhaus wurden in 
diesen Tagen derart stark beflogen, daß mehrere Bienen auf einer 
einzigen Blüte Pollen sammelten. Sie sind schon, bevor der Gärtner 
die Fenster aufstellte um Luft zu geben, um das Pfirsichhaus 
herumgeflogen, und sobald Luft gegeben war, waren sie auch schon 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



87 



bei der Arbeit, um Blutenstaub einzutragen. Dies hat uns wieder 
den Beweis gebracht, daß die Pfirsiehblüte stark von den Bienen 
beflogen wird. Es hat uns aber auch gleichzeitig gezeigt, wieviel die 
Bienen bei dem Pollensammeln zu der Befruchtung der Blüten bei- 
tragen. Die Pfirsiche in der Treiberei haben so gut angesetzt daß 
man beinahe die Hälfte der Früchte ausbrechen mußte. Noch nie 
hat die Anstalt eine so schöne Pfirsich -Ernte im Treibhaus gehabt 
wie in diesem Jahre. 

So schön die ersten Märztage gewesen sind, tun so schlechter 
wurden die letzten. Am 13. und 14. hat es viel geschneit, so daß 
der Schnee 15 cm hoch gelegen hat und die Temperatur ist in der 
N'acht vom 14. auf den 15. auf — 8,8° C. heruntergegangen. In 
der Nacht vom 15. auf den 16. stieg die Temperatur dann wieder 
so schnell, daß am andern Morgen die 15 cm hohe Schneedecke 
vollständig verschwunden war, und das Thermometer im Schatten 
-j- 1 2.8 0 C. zeigte. Dabei gab es einen Tauregen, der für die Bienen 
s»>hr gefährlich wurde. Die Bienen mußten jetzt schon viel Wasser 
für die Brut eintragen, welches sie aber nicht an der Tränke holten, 
die ganz in der Nähe und an einer geschützten Stelle am Bienen- 
haus steht und an die sie auch schon gewöhnt waren, sondern sie 
zogen das Schneewasser, das noch überall in den Wegen stand, vor; 
dabei sind sie erstarrt, weil der Tauregen kalt war. Wir haben mit 
den Schülern der Anstalt ganze Hände voll Bienen aufgelesen und 
in ein warmes Zimmer gebracht, von wo aus sie schon in 5 Minuten 
nach ihren Wohnungen flogen. Unsere Völker haben leider an 
diesem Tage stark abgenommeu. 

Der 17. und 18. März waren wieder zwei sehr schöne Tage. 
Es standen gerade die C’rocus in unserm Park in voller Blüte; sie 
wurden aber fast gar nicht von den Bienen beachtet. Sicherlich 
haben die Blüten in der Nacht vom 14. auf 15. März durch den 
Frost Not gelitten und darum keinen Blütenstaub angesetzt. 

Am 19. März hatten wir den ganzen Tag Regen und Schnee 
und die Temperatur ist bis auf — 2°C. heruntergegangen. Durch 
den plötzlichen Witterungswechsel und die kalten Tage haben die 
Bienen die Brut auf den unteren Waben verlassen, und diese ist 
dann abgestorben. Man hat bei vielen Völkern auf den Flugbrettern 
abgestorbene Maden gefunden. 

Die Witterung war von Ende März bis zum 6. April recht 
schlecht Es gab ein Gewitter mit viel Regen, dann erst hat sich 
das Wetter gebessert Am 7. April sind die Aprikosen und Pfirsiche 
in die Blüte getreten und zwar fast alle Sorten auf einmal. Sie 
wurden sehr stark von den Bienen beflogen; Honig haben sie aber 
nur wenig eingetragen. Fast alle Bienen, die von der Weide heim 
kamen, waren stark mit Pollen beladen; sie brauchen diesen ja zur 
Zeit in großen Mengen, um ihre Larven zu füttern. Honig gehört 
aber auch dazu, und diesen mußte in diesem Frühjahr der Bienen- 
züchter seinen Bienen liefern. Der Rheingauer Bienenzüchter braucht 
wegen Nahrung während der Aprikosenblüte nicht mehr soviel nach 
seinen Lieblingen zu sehen, denn sie finden jetzt schon viel Honig. 



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88 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



In diesem Jahre war es aber anders; da mußte er tüchtig füttern, 
sonst wären seine Völker statt vorwärts, rückwärts gegangen. 

Stachel- und Johannisbeeren haben am 11. April ihre Blüten 
geöffnet Die Stachelbeeren wurden stark von den Bienen besucht, 
Johannisbeeren im allgemeinen weniger. Dagegen habe ich beobachtet 
daß die schwarze Johannisbeere so stark beflogen wurde, wie noch in 
keinem Jahre zuvor. Leider trifft man diese Beerenart trotzdem sie 
so wenig Pflege verlangt, fast gar nicht in Gärten an. Die Früchte 
werden gern auf dem Markt gekauft, um Gelee daraus zu bereiten. 
Sie liefern auch einen vorzüglichen Beerenwein. Auch kann man 
ein angenehmes Getränk daraus bereiten, wenn man l /j 1 guten 
Weingeist in eine Literflasche tut, dieselbe mit */i Pfd. gut ge- 
waschenen schwarzen Johannisbeeren vollfüllt und die gefüllte, gut 
verkorkte Flasche ca. 4 Wochen in der Sonne stehen läßt Nach 
Ablauf dieser Zeit sind die Beeren ausgelaugt und man kann sie 
ahpressen und die gewonnene Flüssigkeit filtrieren. Jetzt fülle man 
die Flasche mit l / 2 1 abgekochtem Wasser, in welchem */ t Pfd. Zucker 
aufgelöst ist, auf und das Getränk ist fertig. Wem das Getränk 
nicht zusagt, denn der Geschmack der schwarzen Johannisbeeren 
ist nicht jedermanns Sache, der kann das Aroma durch Hinzusetzen 
von Kümmel oder Pfefferminze u. dergl. ändern. 

Erst am 12. April konnten wir bei zwei Völkern die ersten 
Kunstwaben zum Ausbauen einhängen. Es hat den Bienen aber an 
Honig gefehlt, und da ging die Arbeit ganz langsam von statten. 
Die Bienen brauchen zum Bauen recht viel Honig. 

Birnen, Pflaumen und Kirschen traten am 13. April in Blüte; 
sie brachen sehr schnell nacheinander auf. Honig brachten die 
Bienen aber wiederum keinen, wohl aber viel Blütenstaub. Solche 
großen Höschen tragen die Bienen in guten Honigjahren nicht ein; 
das ist dem erfahrenen Bienenzüchter wohl bekannt. Je größer sie 
ihre Körbchen mit Blütenstaub gefüllt haben, wenn sie von der 
Weide kommen, um so geringer wird die Honigernte. 

Vom 6.— 18. April war die Witterung für die Bienen recht 
günstig. Dann gab es am 19. in der Frühe mehrere Gewitter mit 
starkem Regen, die kühle Witterung zur Folge hatten. 

Am 25. April sind die Apfel und am 30. April die Erdbeeren 
in die Blüte getreten; von den ersteren hat es aber keinen Ertrag 
an Honig gegeben, denn die Witterung war bis zum 2. Mai schlecht. 
Unsere Bienen konnten die Apfelblüte nicht befruchten, darum 
hatten wir auch eine ganz geringe Apfelernte. 

Erst am 3. Mai um 2 Uhr ist das Thermometer auf + 15° C. 
im Schatten gestiegen, so daß die letzte Apfelblüte noch etwas aus- 
genutzt werden konnte. Jetzt hat auch der Löwenzahn (Leontodon 
Taraxacum) seine gelbe Blüte geöffnet. Allo Kleeäcker in der ganzen 
Gemarkung waren gelb. Soviel Löwenzahn hat man noch selten 
angetroffen, wie in diesem Frühjahr. Die meisten Bienen, die von 
der Weide kamen, waren ganz gelb, so hatten sie sieh mit dem 
Blütenstaub des Löwenzahns beschmutzt. Auch in dieser Zeit kam 
wieder mehr Blütenstaub als Honig in die Stöcke. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



89 



Trotz der vielen schlechten Tage, die wir Ende April hatten, 
haben sich die Bienen noch ganz gut entwickelt Am 5. Mai konnte 
man fast alle Stöcke erweitern, sie füllten jetzt den ganzen Brut- 
raum aus. Es mußte aber tüchtig mit Futter nachgeholfen werden. 
Wir hatten uns 25 schöne, mit Honig gefüllte Waben von 1905 auf- 
bewahrt, an diesem Tage war schon keine einzige mehr vorhanden, 
denn sie wurden alle an die Völker verteilt und auch verzehrt. In 
diesem Frühjahr konnte man rufen: „Bienenzüchter sei nicht geizig 
mit dem Futter, sonst verlierst du deine ganzen Völker." Es ist 
auch manches Volk, trotz Füttems, mitten in der Blütezeit ver- 
hungert. 

Am Samstag den (i. Mai sind die Bienen in diesem Jahre zum 
erstenmal um 6 Ubr geflogen. Trotz der vielen Gewitter, die wir 
am Freitag den 4. Mai hatten, ist die Witterung gut geblieben. An 
diesem Tage ist auch die Walnuß- Blüte aufgebroehen, die den 
Bienen viel Pollen lieferte. 

Der 10. Mai hat die Völker stark zurückgeworfen. Am Vor- 
mittag war es rocht heiß, da gingen sämtliche Bienen, die nur 
arbeiten konnten, auf die Weide. Zwischen zwei und drei Uhr gab 
es plötzlich ein Gewitter mit starkem Sturm, viel Regen und Graupeln. 
Hierdurch sind die Bienen in Massen zu Boden geschlagen und 
durch die dicken Regentropfen sehr mit Erde beschmutzt worden. 
Nach dem Gewitter gab es gleich wieder Sonnenschein und es wurde 
warm. Viele Tierchen, bei denen die Erde nicht so fest aufgeklebt 
war. konnten sich wieder reinigen und in ihre Wohnungen fliegen. 
Andere, die das nicht tun konnten, mußten elend zu Grunde gehen. 
Bei dem Reinigen haben sie eine große Übung. Zuerst werden die 
Flügel mit den Hinterbeinen gesäubert, dann kommt der Kopf an 
die Reihe und dies bewerkstelligen sie mit den Vorderbeinen. Das 
Putzen wird solange fortgesetzt, bis auch nicht ein einziges Stäub- 
chen auf ihnen sitzt. Ist die Reinigung fertig, dann machen sie 
mit dem Kopf einige Bewegungen und fliegen nach ihrem Heim. 
Vor unserm Bienenstand liegt ein großes Spargelfeld, das in hohen 
Balken aufgezogen ist, damit die Spargeln recht schön lang werden. 
Bei dem starken Sturm flogen die Bienen zwischen den Balken nach 
ihrem Stand, um sich vor demselben zu schützen. Es haben sich 
auf diese Weise Tausende von Bienen das Leben gerettet 

Am Montag den 14. Mai hatten wir mehrere Gewitter aber 
ohne Regen, dann ist es leider bis zum 26. Mai kühl geblieben. 
Die Himbeeren sind am 15. Mai in die Blüte getreten. Von 
den Beerensträuchern hat wohl die Himbeere den meisten Honig. 
Aber auch im Ertrag steht sie keinem andern Beerenstrauch nach: 
weil sie spät blüht hat sie nicht von Nachtfrösten zu leiden. Sie 
sollte aus diesem Grunde in keinem Garten fehlen. Sie braucht 
nicht den besten Platz; an schattigen Stellen, wo andere Ohstarten 
nicht mehr gut gedeihen, kommt die Himbeere noch gut fort Ist 
sie einmal angepflanzt, so hält sie lange Jahre ohne viel Pflege. 
Jede Hausfrau wird dankbar sein, wenn sie sich einige Flaschen 
Himbeersaft für den Sommer hersteilen kann. 



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90 II- Tätigkeit der Anstalt nach innen. 

Die Honigräume hat man zwar in diesem Jahr geöffnet, Honig 
ist aber keiner hinein getragen worden. Fehlt es dem Bienenzüchter 
an Waben, um diese Raume auszufüllen, so kann er solche gewinnen, 
wenn er ein Volk von seinen Waben abfegt und es nachher auf 
Kunstwaben setzt. Diese Arbeit haben wir auch am 9. Mai unter- 
nommen. Das dazu bestimmte Volk wurde aus seiner Wohnung ent- 
fernt und in einen Reservekasten gestellt. Dann gibt man demselben 
soviel Kunstwaben, als es belagern kanu. Nun werden die Bienen 
mit einer Gänsefeder oder feinen Bürste wieder in ihren Kasten zu 
den Kunstwaben gefegt. Die abgefegten und mit Brut gefüllten 
Waben verteilt man sofort an die schwächsten Völker. Wir hatten 
aber unterlassen, die Königin vorher einzufangen und einzusperren. 
Sie ist uns jedenfalls beim Entfernen der Waben verloren gegangen, 
denn die Bienen sind nicht auf den Kunstwaben geblieben, sondern 
zogen sofort in den Nachbarkasten ein und sind ganz willig von 
diesem Volk angenommen worden, und zwar aus dem Grunde, weil 
sie voller Honig gesogen waren. Sobald man ein Bienenvolk in 
seiner Ruhe stört, fallen die Bienen über ihren Honig hör und 
füllen ihre Honigblase. Auch an dem Nachbarvolk hatten wir einen 
Verlust Die eingezogeuen Bienen haben uns doit die Königin ab- 
gestochen, und nach einigen Wochen sind Bastardbienen ausgeflogen. 
Die junge Königin, welche sich die Bienen nachgezogen hatten, ist 
wahrscheinlich von einer italienischen Drone befruchtet worden. 

Der 1 5. Mai hat uns den ersten Schwarm gebracht Es war ein 
Schwächling, wie solches in diesem armen Bienenjahre nicht anders 
zu erwarten war. Die Königin ist schon drei Jahre alt gewesen, 
und wir wollten auch unsera Stand nicht mehr vergrößern, so wurde 
sie ausgefangen und getötet; dann sind die Bienen in ihre alte 
Wohnung zurückgeflogen. Dafür gab uns dieses Volk neun Tage 
nach dem Vorschwarm auf Christi Himmelfahrt um zwei Uhr einen 
sehr starken Naehschwarm mit einer ganz jungen Königin, den wir 
in ein Reservekästchen brachten, damit er uns neue Waben baute. 
Solche Waben sind dann sehr gut geeignet, um sie im nächsten Früh- 
jahr, wenn man seine Völker erweitert an das Brutnest zu hängen. 
Dieser Nachschwarm hat uns wieder gezeigt daß die junge Königin 
am neunten Tag nach dem Vorschwarm sich nicht viel um das 
Wetter kümmert. Wenn die Sonne nur eine halbe Stunde scheint 
so zieht sie mit ihren Bienen aus. Die Witterung war an diesem 
TMge so ungünstig, daß es uns beim Einfangen des Schwarms fast 
gefroren hat. Da uns diis Volk einen neuen Bau aufführen sollte, 
so mußten wir ihm am andern Tage 1 1 Kandiszuckerwasser geben. 
Honig wäre dienlicher gewesen; wir hatten aber schon den ganzen 
Vorrat vom vorhergehenden Jahr verfüttert. Das Volk hat uns aber 
trotzdem 18 Halhriihmchen ausgebaut. Sobald die Brut in den ersten 
Waben gedeckelt war, wurden sie entfernt, um ein anderes Volk zu 
verstärken, und dem Naehschwarm hat man wieder Anfänge ein- 
gehängt. Durch dieses Verfahren kann man seine zurückgebliebenen 
Völker gut aufhelfen. 

Am 27. Mai sind Akazien und Esparsette in die Blüte getreten. 



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Bericht über Obstbau, Gemüsebau usw. 



91 



Wenn in dieser Zeit die Bienen nur einige Tage gutes Wetter haben, 
so tragen sie tüchtig ein. Das war aber in diesem Jahr nicht der 
Fall. Es hat am 31. Mai abends um 6 Uhr ein Gewitter mit viel 
Sturm gegeben, so daß fast alle Akazienblüten abflogen und ver- 
darben. Von der Esparsette können die Bienen im Rheingau leider 
nicht viel einheimsen, denn sie wird, sobald sie in die Blüte tritt, 
abgemäht. Leider wird hier von dieser Kloeart keine Samenzucht 
betrieben. 

Am 28. Mai gab es drei Schwärme, die sehr viele Mühe und 
Arbeit beim Einfangen machten; trotzdem ist kein Schwarm in der 
ihm angewiesenen Wohnung geblieben. Die drei Schwärme wareu 
schließlich so durcheinander, daß sie sich am Nachmittag an fünf 
Stellen im Garten festsetzten. Gegen Abend sind alle drei Schwärme 
zusammengeflogen und haben sich an dem Mittelast einer Pyramide 
vereinigt. Man hat sie alsdann in einen Strohkorb mit einem Schöpf- 
löffel eingefüllt: es war ein ganzer Korb voll Bienon. Als sie alle 
eingezogen waren, hat man sie einen Tag und zwei Nächte in einen 
dunklen Keller gestellt. Am andern Morgen wurde der Korb auf 
den Stand gestellt und die Bienen haben auch sofort angefangen 
vorzuschwärmen, um sich zu orientieren, haben auch gleich am 
andern Tage damit begonnen, Pollen einzutragen. Man dachte nun, 
das Volk sei gerettet. Die stärkste Königin hat die andern ab- 
gestochen und sie ist Alleinherrscherin im Volk geworden. Man 
glaubte, das Volk wird, weil es so sehr stark war, auch seinen 
ganzen Wintervorrat eintragen, und man hat sich auch gar nicht 
mehr um dasselbe gekümmert. Bei der Herbstrevision war jedoch 
von dem starken Volke, das sich aus drei Schwärmen gebildet hatte, 
nur noch eine Hand voll Bienen vorhanden. Das Volk hat auf irgend 
eine Weise seine Königin verloren und ist dronenbrütig geworden. 
Dabei konnte man wieder lernen, daß man einen eingestellten 
Schwarm solange im Auge behalten muß, bis man die Gewißheit 
hat, daß die Königin befruchtet ist und Eier legt 

Wegen Mangel an Nahrung haben am Pfingstmontag den 4. Juni 
schon vier Völker ihre Dronen abgestochen, ln drei Tagen war 
nicht eine einzige Drone in diesen Stöcken mehr anzutreffen. Wir 
mußten am 5. Juni jedem Volke eine Flasche Kandiszuckerwasser 
geben, sonst wären sie uns verhungert. Im vorhergehenden Jahre 
konnte man um diese Zeit seine Honigtöpfe füllen, und jetzt mußte 
man seine Bienen füttern. An blühenden Pflanzen, die Honig liefern 
sollten, hat es nicht gefehlt. 

Die Anstalt legt neben dem alten .Muttergarten eine 14 Morgen 
große Fläche mit Obstbäumen an , die gerade in diesem Sommer 
planiert wurde. Sobald ein Stück fertig planiert war, wurde es mit 
Senf für Gründüngung angesät. So wurden in Zwischenräumen 
von 3 Wochen vier ansehnliche Flächen besamt Da hätten doch 
die Bienen genug Nahrung finden müssen: sie brauchten noch 
keine 100 m zu fliegen und waren dann schon auf der Weide. Auch 
der Senf hat nur Pollen geliefert und zwar nur an den Vormittagen. 
Am Nachmittag haben die Bienen denselben fast gar nicht beflogen. 



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»2 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Wegen allzugroßer Trockenheit konnte sich wahrscheinlich kein 
Blutenstaub bilden. 

Am Sonntag den 2. September hat der Mittelrheingauer Bienen- 
zucht-Verein eine recht gut besuchte Versammlung in unserer An- 
stalt abgehalten. Herr Otto Alberti, Bienenzüchter in Amöneburg 
bei Biebrich a. Rh. hat verschiedene praktische Arbeiten an unsenn 
Bienenstand vorgenommen. Er sagte dabei, ein Volk sei nur dann 
stark genug zum Überwintern, wenn es bei der Herbstrevision noch 
14 Halbrähmchen besetzt hat. Alle andern Völker solle man ver- 
einigen, sie würden erstens nicht gut überwintern und zweitens im 
nächsten Jahr doch nicht viel Nutzen bringen. Dann wurde noch 
betont, daß man jedes Volk, wenn es nicht Honig genug hat, so 
auffüttern muß, daß die oberen sieben Halbrähmchen von hinten bis 
vorn vollständig mit Honig gefüllt und gedeckelt sind. Wer 
seine Bienen so auffüttert, braucht nicht zu fürchten, daß sie im 
Winter verhungern. Mit einem solchen Quantum kommen die Bienen 
ganz gut bis zum April aus; dann ist die Witterung schon gut und 
sie können soviel Honig eintragen, als sie für ihre Brut gebrauchen. 
Ob das der Fall ist, muß der Bienenzüchter selbst konstatieren, wenn 
er im März seine erste Revision hält. Manche Völker brauchen 
über Winter viel, andere wiederum wenig Honig. Da tritt oft der 
Fall ein, daß mau dem einen Volk geben muß und dem andern 
kann man nehmen, damit die Königin Platz bekommt, um ihre Eier 
nbzulegeu. Ist in einem Volke noch zu viel Honig vorhanden, so 
nimmt man eine nach hinten stehende Honigwabe heraus und stellt 
dafür eine leere, aber schon gut ausgebaute Wabe ein. Schließlich 
wurde der Versammlung noch empfohlen, man solle jeden Herbst 
die erste Wabe, welche am Flugloch steht, entfernen, und durch 
eine andere gute ersetzen. Diese Wabe hat immer einige Fehler, 
was uns gleich an Ort und Stelle bewiesen wurde. 

Am 5. Juli haben wir auf unsenn Bienenstand ein dronen- 
brütiges Volk mit viel Buckelbrut angetroffen. Sobald ein Volk 
seine Königin verliert und es hat keine Eier oder keine zwei- bis 
dreitägige Maden, um sich eine junge Königin nachzuziehen, so 
treten sofort einige Arbeitsbienen an die Stelle der Königin und 
bestifften die Zellen mit Eiern. Aus diesen unbefruchteten Eiern 
entstehen aber keine Arbeitsbienen, sondern nur Ilronen. Wird 
einem solchen Volke nicht sofort geholfen, so ist es in ganz 
kurzer Zeit verloren, weil die Arbeitsbienen im Sommer nur 
einige Wochen leben. Dieses dronenbrütige Volk hätte man gleich 
mit einem andern gesunden Volk vereinigen müssen, weil man im 
Juli keine Königinnen mehr nachziehen soll; solche Völker bleiben 
immer zu schwach für die Überwinterung. Wir wollten aber ein- 
mal ein solches dronenbriitiges Volk heilen; es war das erste, was 
wir bis jetzt auf unsenn Stand hatten. Die Bienen nehmen, solange 
die eierlegenden Arbeitsbienen noch im Stocke sind, keine Königin an. 
Der Beweis dafür war bald geliefert Um 11 Uhr haben wir dem 
Volk eine sechstägige Königinzelle eingehängt und am andern Morgen 
war die königliche Made samt der Zelle schon entfernt und aus 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. 93 

der Wohnung hinausgetragen. Hierauf wurde das ganze Volk, damit 
möglichst idle Bienen auf den Waben sitzen blieben, vorsichtig in einen 
Reservekasten gestellt und die, welche noch im Stock geblieben 
waren, alle herausgekehrt. Jetzt stellte man von einem anderen 
Volke eine gedeckelte Königin-Zelle in die leere Wohnung ein und 
das drouenbrütige Volk wurde 20 nt vom Bienenstand in ein Spargel- 
feld auf den Boden abgekehrt. Sobald alle Bienen entfernt waren, 
wurden die Waben mit der Buckelbrut dem Volk wieder eingestellt 
und das Fenster geschlossen. Die abgekehrten Bienen sind dann nach 
und nach in ihre Wohnung zurückgeflogen. Nur die Eierlegerinnen 
blieben lm Spargelfeld. Diese werden durch die Eier, welche sie 
im Leib haben, so dick, daß sie nicht mehr fliegen können. Schon 
am andern Tage konnte man sehen, daß der Weisel angenommen 
wurde. Die Bienen sind ruhiger geworden, fingen an zu arbeiten, 
und am vierten Tag hatten sie die ganze Buckelbnit aus den Zellen 
herausgezogen und zum Stock hinausbefördeit. Zehn Tage nach 
dieser Arbeit wurde die Wohnung wieder geöffnet, dabei schon eine 
Wabe mit Eier gefunden, und das Volk war gerettet. Es ist aber 
trotzdem nicht mehr stark genug geworden, um es zu überwintern. 

Den Wintervorrat haben wir unseren Bienen Mitte September 
gegeben. Das Wetter war recht schön, so daß sie das ihnen dar- 
gereichte Futter noch deckeln konnten. Die Fütterung hat in 
diesem Jahre sehr lange gedauert Wir mußten an 22 Völker 
260 Pfd. Kristallzucker füttern. Jedes Volk erhielt nach seinem 
Honigvorrat 8 bis 12 Flaschen Zuckerwasser. Dies wird genügen 
um sie gut durch den Winter zu bringen. 

An eine Volksvermehrung durfte man in diesem Sommer gar 
nicht denken; man war froh, daß die vorhandenen Völker glücklich 
durch den Sommer kamen. Wir sind, wie im letzten Jahre, bei 
unseren 22 Völkern geblieben. 



Bericht 

über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke 
der Lehranstalt. 

Erstattet von dem Betriebsleiter Garteninspektor F. Glind manu. 

A. Pflanzenkulturen. 

1. Allgemeines. 

Konnte im letzten Jahresbericht (1905 Seite 86 — 89) auf den 
Bau und die innoro Einrichtung der neuerbauten Gewächshäuser 
der Königlichen Lehranstalt hingewiesen werden, so erscheint es 
heute, nachdem diese Häuser ein volles Jahr in Benutzung gewesen 
sind, auf die gesammelten Erfahrungen, die man mit denselben ge- 
macht hat, hinzu weisen. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



5)4 



a) Das Kulturhaus. 

Dieses Haus hat sich in seiner Bauart und Einrichtung recht 
gut bewährt. Während in früheren Jahren stets die Beobachtung 
gemacht werden konnte, daß die empfindlichen und feineren Warm- 
hauspflanzen in dem aiteu Warmhause nur mit größter Mühe und 
Pflege zu erhalten waren oder zu guten Kulturpflanzen herangezogen 
werden konnten, sind jetzt diese Schwierigkeiten vollständig über- 




i 

twJWU. 

Fig. 24. 




wunden und der Kulturzustand der in dem neuen Hause gepflegten 
Warmhauspflanzen gibt hiervon den besten Beweis. 

Diese Kulturerfolge hängen neben der richtigen Pflege der 
Pflanzen auch mit dem Bau und der Einrichtung eines Pflanzen- 
kulturhauses zusammen. 

Wie schon bereits im letzten Jahresbericht erwähnt, ist das 
neue Kulturhaus frei über dem Erdreich errichtet, ein Vorzug, 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im I’arke der Lehranstalt. J)5 



der namentlich der Lüftung des Hauses zu gute kommt und es er- 
möglicht, für eine reine und frische Luft in demselben Sorge zu tragen. 

Dadurch, daß das Haus frei über dem Boden steht, ist auch 
die Ansammlung einer dumpfen, feuchten und ungesunden Luft in 
demselben ausgeschlossen, wie solche in tiefliegenden Häusern und 
bei feuchten schweren Bodenverhältnissen fast regelmäßig anzu- 
treffen ist. 

Die Centrallüftungsvorrichtuugen am First des Hauses (siehe 
Fig. 24 u. 25), sowie der seitlichen Stellfenster und die der Seiten- 
wandungen gestatten, je nach den Witterungsverhältnissen in ge- 
ringerem oder ausgiebigerem Maße die Lüftung des Hauses in 
kürzester Zeit auszuführen, was eine Ersparnis an Zeit und Kraft 
bedeutet. 

Die Tabletten des Hauses sind beweglich, d. h. zum Hoch- und 
Niederste! len eingerichtet. Diese Vorrichtung ist zwar nicht neu, 
verdient aber doch hervorgehoben zu werden, weil sie den Pflanzen, 
besonders in den Wintermonaten, sehr zu gute kommt. 

Da man in gärtnerischen Betrieben stets bestrebt ist, den 
Pflanzen in den Gewächshäusern, namentlich während der Winter- 
zeit, einen hellen, der Glasfläche des Hauses nahen Standort anzu- 
weisen, so hat man es mit Hilfe dieser Vorrichtung in der Hund, 
je nach der Größe der Pflanzen die Tabletten bald höher, bald 
niedriger zu stellen und einen den Pflanzen entsprechenden und 
zusagenden Standort anzuweisen. 

Die Vermehrungsabteilung dieses Hauses besitzt zwei Ver- 
meil rungsbeeto, wovon das eine in der bisher gebräuchlichen Weise 
angelegt und eingerichtet ist, während das zweite über einem Wasser- 
beet errichtet wurde. Wie die umstehende Fig. 26 zeigt, ist diese 
Anlage so eingerichtet, daß das im Behälter befindliche Wasser 
durch Heizrohre erwärmt wird und die hierdurch erzeugte Wärme 
sich dem Vermohrungsbeet mitteilt. 

Die Vorzüge dieser Anlage bestehen darin, daß sich die Wärme 
im Vermehrungsbect mit Hilfe der Heizrohren leicht und bequem 
regeln läßt und daß größere Temperaturschwanklingen fast aus- 
geschlossen sind, da das erwärmte Wasser die Temperatur lange hält. 
Schließlich ist auch als ein weiterer Vorteil dieser Anlage anzu- 
sehen, daß die sich entwickelnden Wasserdämpfo das Vermehrungs- 
beet von unten her gleichmäßig feucht halten, was der sicheren Be- 
wurzelung der Stecklinge zu gute kommt. 

Die Bewurzelung der in diesem Vermehrungsbeet gesteckten 
Stecklinge ist aus oben erwähnten Gründen eine recht gleichmäßige, 
wie auch die Bewurzelung selbst in kürzester Zeit vor sich geht. 

Au dieser Stelle darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß sich 
die Einrichtung dieses Vermehrungsbeetes auch zum Treiben von 
Maiblumen, Zwiebelgewächsen usw. gut bewährt hat, doch sollen 
die gesammelten Erfahrungen, da noch nicht abgeschlossen, im 
nächstfolgenden Jahresbericht veröffentlicht werden. 

Bezüglich der Bedienung eines solchen Vermehrungsbeetes darf 
nicht unerwähnt bleiben, daß das Wasser des Behälters öfters er- 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. f)7 



notiert werden ntuß, weil es sonst, da dasselbe sehr abgeschlossen 
ist und hoch erwärmt wird, leicht schlecht wird und dann einen 
unangenehmen Geruch im Hause verbreitet. Will man das Wasser 
haltbarer machen und den öfteren Wechsel desselben vermeiden, 
so laßt sich dieses durch einen Zusatz von Holzkohlestücke in ein- 
facher Weise erreichen. 

Der große Kuppelbau hat sich für die bestimmten Zwecke gut 
bewährt und die Bedeckung desselben mit Rohglas scheint sich für 
die in diesem Hause kultivierten Pflanzen gut zu eignen. Aller- 
dings ist die Rohglasbedeckung nicht ausreichend um Palmen usw. 
gegen Sonnenbrand vollständig zu schützen, weshalb auch hier noch 
eine besondere Beschattung der Glasfläche erforderlich wird. 

Die Heizanlage für die Gewächshäuser hat als Ersatz für den 
verbrauchten Climax-Kessel zwei Gegenstrom-Gliederkessel erhalten, 
die miteinander verbunden worden sind und wovon bei mildem 
AVetter nur ein und bei strenger Kälte beide Kessel gefeuert 
werden. 

Nach den bis jetzt gesammelten Erfahrungen arbeiten diese 
Kessel recht gut und der A T erbrauch an Heizmaterial ist ein ver- 
hältnismäßig geringer. 

Für die gleichmäßige und schnello Erwärmung der Häuser er- 
scheint es dem Berichterstatter zweckmäßig, die Zulaufrohre in 
den einzelnen Häusern stets mit größerem Durchmesser zu wählen 
wie die Rücklaufrohre und zwar mit der Begründung, daß bei 
stärkeren Zuflußrohren ein größerer Druck, eine schnellere Zirku- 
lation des Wassers und damit eine schnellere Erwärmung der 
Häuser stnttfindet, möglicherweise auch unter Ersparnis von Heiz- 
material. Vielleicht gibt diese Mitteilung den Firmen für Gewächs- 
hausbau und Heizuugsanlagen A'eranlassung zu A'ersuchen und 
Prüfungen. 

Für die Bewässerung der Pflanzen findet das, auf den Glas- 
flächen sich ansammelnde Schnee- und Regenwasscr, welches in 
zementierten Behältern aufgefangen wird, Verwendung. Nur im 
Notfälle kommt das Leitungswasser zur \ r erwendung und da das- 
selbe sehr kalt ist, so ist die Einrichtung getroffen, daß dasAA'asser- 
leitungsrohr direkt auf dem Heizrohr angelegt ist. Diese A'or- 
riclitung (siehe Fig. '-’(>) ist zweckmäßig, indem im Winter das Wasser 
in dem AVasserleitungsrohr stets erwärmt wird und auch im Sommer 
eine genügende Erwärmung durch die Sonnenstrahlen stattfindet. 
Somit findet für die Bewässerung der Pflanzen fast ausschließlich 
erwärmtes Wasser Verwendung. 



2. Prüfung von Pflanzenneuheiten. 

Im letztverflossenen Jahre wurden wiederum verschiedene 
Pflanzenneuheiten einer Prüfung unterzogen, wobei folgendes Resultat 
gesammelt worden ist: 

(toisenheiiuer Bericht 1900. * 



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98 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



a) Verbena „Scharlachkönigin“, 

bezogen von der Firma Otto Thalacker in Leipzig-Gohlis. 

Als Gruppenpflanze bildet diese Verbene eine beachtenswerte 
Neuheit. Gedrungener Bau, kräftiger Wuchs, große scharlachrote 
Blütenstände und überaus reicher Blütenflor, das sind die Eigen- 
schaften, die hier gebührend hervorgehoben werden können. Sie 
bildet ein gutes Seitenstück zu der in den letzten Jahren eingeführten 
Sorte Miß Ellen Willmot und dürfte sich recht bald ein großes 
Verbreitungsfeld erobern. 

b) Fuchsien in den Sorten» Koralle, Göttingen und 
Garteninspektor Bonstedt, 

bezogen von der Firma Borne mann in Blankenburg a. H. 

1. Sorte Koralle ist kräftig im Wuchs, hat große, dunkelgrüne 
Blätter und bringt eine Fülle korallenrot gefärbter Blüten. 

2. Sorte Göttingen ist nicht ganz so starkwüchsig, wächst auch 
mehr in die Breite und die leuchtend zinnoberroten Blüten heben 
sich sehr wirkungsvoll von dem schwärzlichen Laube der Pflanzen ab. 

3. Sorte Garteninspektor Bonstedt. Die Blüten dieser Sorte 
sind fast orangerot, größer wie bei den beiden anderen Sorten und 
die Pflanzen bleiben niedrig und wachsen mehr in die Breite. 

Alle 3 Sorten sind sowohl für Bepflanzung der Blumenbeete, 
wie auch für den Topfverkauf, sehr wertvoll. 

c) Blattbegonien in den Sorten: König Alfons, Haendel, Sieger, 
Die Fee, Die Elfe, 

bezogen von der Firma Sattler & Bethge A.-G. Quedlinburg a. H. 

Sämtliche angeführten Sorten können als empfehlenswert be- 
zeichnet werden, da sie in Form, Zeichnung und im Farbenspiel 
der Blätter eine eigenartige Wirkung hervorrufen. Zur Ausschmückung 
der Warmhäuser werden diese Sorten ein beachtenswertes Material 
liefern. 

d) Begonia semperflorens „Dornröschen“, 

von Handelsgiirtncr König in Wiesbaden. 

Obgleich die Auswahl der Bogoniensorten aus der Semperflorens- 
klasse schon eino sehr reiche ist, so kann die Sorte Dornröschen 
doch als eine recht schöne Neuheit bezeichnet werden, die als 
Gruppenpflanze einen besonderen Wert besitzt. Niedrig im Bau, 
blüht sie überaus reich und ist widerstandsfähig gegen Witterungs- 
einflüsse. 

e) Chtronia ixifera und Pentas carnea, 

bezogen von der Firma E. Neubert, Wandsbeck b. Hamburg. 

Die Chironia ixifera bat sich hier als eine sehr empfindliche 
Pflanze gezeigt, indem es nicht gelungen ist, selbst bei sorgfältigster 
Kultur gute Erfolge zu erzielen. Einen Handelswert scheint diese 
Pflanze wohl kaum zu besitzen. 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. <)<| 

Pentas carnea ähnelt im Blatt dem Heliotrop, wächst sehr 
willig und blüht recht dankbar. Die Farbe der Blüten ist jedoch 
nicht leuchtend genug, so daß diese Pflanze für die Bepflanzung 
von Beeten von untergeordneter Bedeutung, wie sie sich auch als 
Handelspflanze für den Topfverkauf wenig eignen dürfte. 

f) Chrysanthemum. 

bezogen von der Firma Bornemann, Florist in Blankenburg a. H.. 

in den Sorten: 

No. 1 Emily Mileham. 

„ 2 Lord Stevens. 

„ 3 Nobel. 

„ 4 Souv. Mad. J. Buron. 

„ 5 Merstham Jellow. 

„ 6 Merstham Red. 

„ 7 Beauty of Leigh. 

„ 8 Mrs. W. Higgie. 

„ 9 Willie Billimore. 

Von diesen angeführten Chrysanthemum-Sorten haben sich hier 
bewährt und können empfohlen werden : 

No. 2 mit sehr großen, weinrot gefärbten vollen Blüten. 

No. 3. Blüten schön gefüllt, Blütenblätter nadelförmig fleisch- 
farben, an don Spitzen creme. Eine eigenartige seltene Färbung. 

No. 4. Die Blüten werden auf straffen Stielen getragen, sind 
cremefarbig mit wenig rosa Schimmer. 

No. 5. Blüten zart gelb gefärbt mit herabhängenden Blüten- 
blättern. Gute Haltung der Blüten. Sehr zu empfehlende Sorte. 

No. 7. Sehr große Blüten in leuchtend gelber Färbung bringend, 
deren Blütenblätter leicht gelockt sind. 

No. 8. Die reinweißen, sehr großen Blüten werden auf straffen 
langen Trieben getragen und sind von guter Haltbarkeit. 

g) Stiefmütterchen, 

von der Firma E. Müller & Co., Samenhandlung in Zürich. 

Dio Aufmerksamkeit fast sämtlicher Besucher der Lehranstalt 
lenkte sich im Frühjahr auf den herrlichen Blütenflor der Stief- 
mütterchen. Die außerordentlich großen Blüten, die wunderbaren 
Falbenzusammenstellungen und die eigenartigen Farben in den 
einzelnen Blüten selbst waren von hervorragender Schönheit. Es 
erscheint daher beachtenswert darauf binzuweisen, daß das Saatgut 
von obiger Firma bezogen worden ist 

h) Heliotrop Frau Medizinalrat Lederte, 

bezogen von der Firma Otto Thalacker in Leipzig-Gohlis. 

Unter den bisher bekannten Heliotropsorten verdient diese be- 
sonders hervorgehoben zu werden und ist wohl als eine der besten 
zu bezeichnen. Die tief dunkelblauen Blüten, die in reicher Zahl 

7* 



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100 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



erscheinen, werden auf straffen Trieben getragen. Dazu kommt die 
schöne dunkelgrüne Belaubung, die das Farbenspiel der Blüten 
wesentlich unterstützt. Eine Gruppen- und Topfpflanze von hervor- 
ragendem Wort. 

3. Geschenke. 

Erfreulicherweise kann auch in diesem Jahro wieder berichtet 
werden, daß die Pflanzensaramlung der Lehranstalt durch Geschenke 
bereichert worden ist. So erhielt die Lehranstalt: 

1. Aus dem botanischen Garten in Marburg verschiedene Saxi- 
fragen zur Bepflanzung der neu angelegten Steinpartie. 

2. Vom Handelsgärtner König in Wiesbaden einige Pflanzen 
von Begonia semperflorens Dornröschen, Tradescantia fluminensis 
und Primula obconica. 

3. Aus dem botanischen Garten der technischen Hochschule zu 
Karlsruhe einige Nymphaea wie N. Ortgiesiana rubra, N. O’Marana 
und N. dendata, sowie mehrere Pflanzen von Pyrethrum Tchihatchewis. 

4. Von dem früheren Schüler der Lehranstalt, Bertram Krug 
in Tsingtau-OstasicD, einige Sämereien von Evonymus kiautschovia 
Loes., Asclepiadaceae, Lagerstroernia indica L 

5. Von der Forstverwaltung in Kiotschau-Ostasien Sämereien 
folgender Gehölze: Pueraria Thunbergi, Lespedetia Siboldi, Albizia 
julibrissin, Pterocaria fraxinifolia. Die Samen sind ausgesät und 
haben eine Anzahl Sämlinge ergeben, über deren Eigenschaften im 
nächsten Jahresbericht weiter mitgeteilt werden soll. 

6. Von der Firma Walther Coßmann Nachfolger, Inhaber 
Franz Wirtz, Gartenarchitekt und II. Kicke, Kultur-Ingenieur in 
Rödelheim b. Frankfurt a. M., erhielt die Lehranstalt verschiedene 
Pflanzenneuheiten. 

7. Von der Großherzogi. Hofgärtnerei in Darmstadt eine Pflanze 
von Begonia hybr. Gloire de Scaux. 

8. Von der Fürstlichen Gartenverwaltung Lütenburg i. Ostfries- 
land einige Staudengewächse. 

9. Aus dem Palmengarten zu Frankfurt a. M. ein prachtvolles 
Sortiment (Jroton. 

Möge au dieser Stelle der Dank der Lehranstalt noch einmal 
den Gebern ausgesprochen werden. 



B. Obsttreiberei. 

1. Über DUngung der Reben im Weintreibhause, 
a Allgemeines. 

Das Bestreben , neben üppigem gesunden Wachstum der untei 
Glas gezogenen Rebstöcke, nicht nur einen reichen Ansatz, sondern 
auch möglichst große und schwere Trauben an den Stöcken zu 
gewinnen, führte seit mehreren Jahren zur Anwendung verschiedener 
Dünger, die zu verschiedenen Zeiten und in bestimmten Mengen 



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Verwendung fanden. Die nunmehr abgeschlossenen Düngungs- 
versuche haben dabei folgendes Resultat ergeben : 

b) Die verwendeten Dünger und die verabfolgte Düngermenge. 

Zur Anwendung gelangten folgende Dünger: 

1. Stalldung und zwar Rinderdung in halbvorrottetem Zu- 
stande. Daß man von Stalldünger nicht zu viel geben kann und 
«laß er die Hauptdüngung für den Rebstock bildet, braucht hier 
wohl nicht weiter erörtert zu werden. Dabei besitzt ja «1er Stall- 
dung noch die Eigenschaft daß er den Boden lockert, erwärmt und 
Humus zufügt. 

2. Aufgeschlossenes grobes Knochenmehl von der chemi- 
schen Fabrik A. Ehrenfreund in Ortrand, Prov. Sachsen. 

Dieses Knochenmehl enthält nach den Angaben der Preisliste 
’/, % Stickstoff, 

6% citratlösliche Phosphorsäure, 

12% wasserlösliche Phosphorsäure 
und ist in der Weise zur Verwendung gekommen, daß pro Quadratmeter 
der Beetfläche im Weintreibhause 250 g ausgestreut und mit dem 
Erdreich vermischt wurden. 

3. Bremer Poudrette (Fäkal-Guano). 

Dieser Dünger enthält: 

7 Vs % Stickstoff, 

2 ’/j % Phosphorsäure, 

2 >/,% Kali. 

Die Anwendung geschieht in der Weise, daß man pro Quadrat- 
meter Beetfläche 250 g dieses Düngers ausstreut und mit dem 
Boden leicht vermischt. 

4. Dünger Marke A. S. 9/9 von den Chemischen Werken 
vorm. H. & E. Albert in Biebrich a/Rhein enthält 

9% Ammoniak, 

9% Phosphorsäure 

und wird in dem Verhältnis angewendet, daß pro Quadratmeter 
Beetfläche 100 g ausgestreut und mit dem Boden leicht vermischt 
werden. 

5. Düngekalk. Neben den vorerwähnten Düngern wurde auch 
Düngekalk in Anwendung gebracht, der vor allen Dingen günstig 
auf das Wachstum der Reben einwirkt, den Boden lockert, auf- 
schließt und erwärmt, wie er auch außerdem nährstoffaufschließend 
und nährstoffhaltend wirkt. 

Düngekalk verwendet man um besten im Herbst beim Unter- 
spaten des Stalldüngers, indem man denselben auf der Oberfläche 
des Pflanzbeetes ausstreut und leicht mit unterspatet. Man rechne 
pro Quadratmeter ca. 1—2 kg Düngekalk und gebe dieses Quantum 
alle 2 Jahre. 



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tig. 27. Blick iu ciu Weintreibhaus der Kötiigl. lajhranstalt. 2jiihrige Stucke der Sorte „Barbarossa" im Ertrage stehend. 



102 



tl: liaifteit.der Anstalt nach innen. 




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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im I’arke der Lehranstalt. 103 




Fig. 28. Blick in ein Weintreibhaus der Kunigl. Lehranstalt. 

4 jährige Stöcke der Sorte „Black Hamburgh" im Ertrage stehend. 



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104 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



c) Zeit der Düngung und Anwendung der Dünger. 

1. Düngung. 

Im Herbst, Mitte bis Ausgangs November, nachdem die Reben in 
den Ruhestand getreten, das Laub abgefallen und der Schitt aus- 
geführt worden ist, kann mit der Düngung begonnen werden. Zu- 
nächst werden die Pflanzbeete in den Weintreibhäusern gewässert 
und wenn der Boden genügend abgefrocknet, leicht durchgespatet 
und soviel verrotteter Kuhdung untergespatet, als sich unterbringen 
läßt. Gleichzeitig wird den Reben noch aufgeschlossenes, grobes 
Knochenmehl gegeben, welches vor dem Umspaten gleichmäßig über 
die Beetflüche verteilt und mit untergespatet wird. Man rechne 
pro Quadratmeter 400—500 g. Will man den Reben noch Dünge- 
kalk mit geben, so geschieht dieses auch zu gleicher Zeit, indem 
derselbe auf den Pflanzbeeten ausgestreut und leicht mit dem Boden 
untergespatet wird. 

2. Düngung. 

Mitte bis Ende Januar, je nachdem man früher oder später mit 
der Treiberei der Reben beginnt, wird die 2. Düngung gegeben, 
indem man pro Quadratmeter Beetfläche 250 g Bremer Poudrette 
verwendet. Letzterer wird gleichmäßig auf der Oberfläche der 
Pflanzbeete ausgestreut und mit Hilfe eines Rechens leicht unter- 
gehackt. Ist dieses geschehen, so können, wenn zur Verfügung 
stehend, die Beete noch mit kurzem verrottetem Pferdedünger be- 
deckt werden. Die Düngerdecke hält den Boden gleichmäßig feucht 
und locker. Sind nun die Pflanzbeete noch einmal gewässert, so 
kann mit der Treiberei begonnen werden. 

3. Düngung. 

Nach Beendigung der Blütezeit der Reben und sobald die 
Beeren an den Trauben die Größe einer kleinen Erbse erreicht 
haben, was in der Regel Ende Mai bis Anfang Juni der Fall ist, gibt 
man die dritte Düngung, indem wieder 250 g Bremer Poudrette pro 
Quadratmeter Beetfläche ausgestreut und mit dem Boden leicht vermischt 
werden. Nach der erfolgten Düngung werden die Pflanzbeete ge- 
wässert und noch einmal leicht gelockert. Diese Düngung hat den 
Zweck, das Schwellen der Beeren besonders zu begünstigen. 

4. Düugnng. 

Will man noch ein Weiteres tun, so kann Mitte Juli noch eine 
4. Düngung und zwar wiederum mit Bremer Poudrette (220 g 
pro Quadratmeter Beetfläche) folgen, welche Düngung den Trauben 
bei der Entwicklung zu gute kömmt 

Später noch zu Düngen ist nicht ratsam, da sonst die Stöcke 
zu lange im Wachstum bleiben und das Holz nicht rechtzeitig und 
genügend ausreift Neben der Verwendung der bremer Poudrette, 
ist hier auch mit gloichgutem Erfolge der Dünger Marke A. S. 9/0 
verwendet worden. Die Anwendung dieses Düngers geschieht im 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. 105 

Herbst in folgender Weise. Nachdem die Pflanzbeete mit Stalldung 
durchgespatet sind, streut man diesen Dünger gleichmäßig über die 
gelockerte Bodenfläche, indem man pro Quadratmeter 1 00 g rechnet. Ist 
dieses geschehen, so wird derselbe mit Hilfe eines eisernen Rechens 
leicht untergehackt. Die Wirkung des Düngers ist eine vorzügliche, 
indem Wachstum der Stöcke und Entwicklung der Trauben dadurch 
gefördert werden. Die Anwendung dieses Düngers kann im darauf- 
folgenden Frühjahr noch einmal wiederholt werden und zwar nach 
Beendigung der Blütezeit, wo die Beeren der Trauben zu schwellen 
beginnen. Die Handhabung geschieht in gleicher Weise wie auch 
die gleiche Menge des Düngers (100 g pro Quadratmeter) gegeben wird. 
Später mit diesem Dünger zu düngen ist nicht zu empfehlen, da 
sonst die Stücke zu lange im Wachstum bleiben und das Holz nicht 
rechtzeitig und genügend ausreift. 

d) Schlußbetrachtung. 

Wie aus dem nebenstehenden Bericht über Düngungsversuche 
zu entnehmen ist, können verschiedene Dünger iu Anwendung ge- 
bracht werden, wobei die Düngermenge und die richtige Zeit der 
Anwendung des Düngers Beachtung finden sollte. 

Da bei der Düngung der Reben der Grundsatz zu beachten ist, 
daß stickstoffhaltige Substanzen besonders das Wachstum der Stöcke 
und die Entwicklung der Blätter fördern und Phosphorsäure den 
Blütenansatz und damit die Fruchtbarkeit der Stöcke und gleich- 
zeitig die Entwicklung der Trauben begünstigt, so ist neben der 
Anwendung von Stalidung und Düngekalk besonders der Dünger 
Marke A. S. 9/9 empfehlenswert 

2. Tomaten für die Kultur unter Glas. 

Sortes Veitchs New Dwarf Red 

bezogen von der Firma James VeitchA Sons Ltd. Chelsea-London. 

Auf Seite 93 im Jahresbericht 1905 konnte auf eine Tomaten- 
sorte Acquisition hingowiesen werden, die sich durch einen ganz 
niedrigen gedrungenen Bau auszeichneto. Fast die gleichen Eigen- 
schaften zeigt auch die hier neu angeführte Sorte Veitchs New Dwarf 
Red. Neben dieser erwähnten Eigenschaft bringt sie eine Fülle 
recht großer, schön entwickelter Früchte, die eine lebhaft rote Färbung 
besitzen und einen angenehm säuerlichen Geschmack aufweisen. 
Die Frucht ist schön rund und gleichmäßig gebaut, besitzt eine 
ziemlich feste Haut und erscheint deshalb wertvoll für den Ver- 
sand. Es ist eine Sorte die mit Recht zum Anbau empfohlen 
werden kann. 



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106 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



C. Park. 

1. Erweiterung der Parkanlagen am Eingang der Lehranstalt. 

Der bisherige Haupteingang zur Königlichen Lehranstalt war 
keineswegs ein, diesem Institute würdiger zu nennen, nicht nur, 
weil er zu sehr versteckt lag und von Fremden oft schwer auf- 
gefunden wurde, sondern auch der Platz war hier ein äußerst be- 
schränkter und für eine bessere Gestaltung dieser Verhältnisse ein 
ungeeigneter zu nennen. Aus diesen Gründen sah man sich ver- 
anlaßt, den Eingang zur Lehranstalt zu verändern und durch 
Ankauf von Nachbargrundstücken zu erweitern. Eine solche Er- 
weiterung ist im letztverflossenen Jahre eingetreten, so daß gleich- 
zeitig mit den Veränderungsarbeiten begonnen und diese vollendet 
werden konnten. 

Die nebenstehende Fig. 29 zeigt den Eingang zur Lehranstalt 
vor der Veränderung und die Fig. 30 denselben nach Vollendung 
der Umgestaltung. Wie aus diesen Abbildungen ersichtlich, ist das 
Haupteingangstor bedeutend weiter nach der Stadt zu aufgestellt, 
der Eingangsweg im leichten Bogen als Fortsetzung des bestehenden 
angelegt und die links und rechts gewonnenen Flächen sind der 
bestehenden Parkanlage angegliedert. Diese wesentliche Erweiterung 
war nicht nur vorteilhaft für die Verschönerung des Einganges zur 
Lehranstalt, sondern sie bot auch gleichzeitig Gelegenheit einen Teil 
dieser Fläche zur Anlage eines Alpengartens zu verwenden, was 
um so mehr als vorteilhaft erschien, als das Gelände schon von 
Natur aus mit Bodenbewegungen versehen und außerdem eine solche 
Anlage für Unterrichtszwecke nicht vorhanden war. Die Anordnung 
dieses Alpengartens, seine Bepflanzung und Gestaltung der Boden- 
bowegungen lassen sich aus dem Lageplan erkennen. Erläuternd 
zu diesem Plane sei nur folgendes bemerkt: Die Hauptfelsenmassen 
sind bei A, B und C etwa 1,20 m bis 1,60 m ziemlich steil an- 
steigend. In der Mitte bei D ist ein tief einschneidendes Tälchen 
ausgemuldet, um bei A, B und C noch etwas höher gehen zu können. 
Zur Bepflanzung des Hintergrundes dieser Hauptfelsenmassen sind 
möglichst dunkle Koniferen wie Pinus austriaca und Pinus pumilio ver- 
wendet, wodurch sich diese Partien noch besonders in ihrer Wirkung 
heben. Die Felsen bei E und F sind ähnlich ausgeführt wie bei A. 
Bei G und H sind die stärkeren Steigungen durch einige Felsen- 
stufen zu überwinden, da ein kleiner Weg (Fußpfad) durch diese 
Anlage gelegt ist, welcher es ermöglicht, die nähere Besichtigung 
der Felsenpflanzen vorzunehmen. Einzelne hier und da in den 
Rasenflächen zu Tage tretende Gesteinsblöcke vermitteln den Über- 
gang zu den stärkeren Steingruppen, ln Fig. 31 ist durch photo- 
graphische Aufnahme ein Teil des Alpengartens wiedergegeben. 

Die Bepflanzung dieser kleinen Anlage besteht vorwiegend aus 
Nadelhölzern und zwischen den Gesteinen haben die verschiedenen 
Alpenpflanzen ihren Platz gefunden, die bald einzeln, bald zu einer 
größeren Zahl vereinigt, in freier Anordnung und unter Berück- 



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Kitf. 31. Partie aus dem neuangelegten Alpcngartcn am Eingang der Königl. Lehranstalt. 



10H 



II. Tätigkeit der Anstalt nach inDen, 




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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. 10B 

sichtigung der Wachstumsverhältnisse verwendet worden sind. Mit 
Rücksicht auf die sonnige Lage des Alpengartens und unter Be- 
rücksichtigung der klimatischen Verhältnisse des Kheingaues konnte 
nur eine sehr beschränkte Auswahl von Alpenpflanzen getroffen 
werden und haben hierbei die folgenden Arten Verwendung ge- 
funden : 

Achillea argentea. 

Aster alpinus ruber. 

Aster alpinus superbus. 

Aubrietia in Sorten. 

Campanula carpatica com pacta. 

Carline acaulis. 

Dianthus caesius. 

Eryngium Zabeli. 

Eryngium alpinum. 

Gentiana acaulis. 

Geum Heldreichi. 

Gipsophylla repens rosea. 

Gipsophvlla repens montana. 

Gipsophylla cerastioides. 

Iberis sempervirens ,, Weißer Zwerg“. 

Oenothera missouriensis. 

Phlox stellaris erubescens. 

Saxifraga decipiens. 

Saxifraga cestalaginea. 

Saxifraga Rliei superba. 

Saxifraga muscoideus purpurea. 

Saxifraga apennina. 

Sedum in verschiedenen Sorten. 

Silene acaulis. 

Thymus serphyilum splendens. 

*2. Anordnung von Blattpflanzen In den Parkanlagen der 
Lehranstalt. 

Die umstehende Abbildung Fig. 32 zeigt die Anordnung 
und Verwendung von Blattpflanzen in den Parkanlagen der Lehr- 
anstalt. 

Vor dem dichten Hintergründe einer geschlossenen Sträucher- 
gruppe stehen eine Anzahl Musa Ensete die infolge des Schutzes 
gegen Winde zu üppiger Entfaltung gelangt sind. Dazwischen und 
teilweise als Vorpflanzung sind die verschiedensten Blattpflanzen 
zur Verwendung gekommen, so daß das Gesamtbild zu den schönsten 
Teilen der Parkanlagen während der Sommerzeit mit zählte. 

8. Bepflanzung von Blumenbeeten in den Parkanlagen der 

Lehranstalt. 

Dient das Pflanzenmaterial in den Gewächshäusern einerseits 
für Unterrichtszwecke sowie auch zur Ausführung von Versuchen 



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Fig. :i2. Partie aus den Parkanlagen der Kiiuigl. Leliranstalt. 



110 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 




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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parle der Lehranstalt. 1 1 1 

und eu Kulturzwecken, so wird es andrerseits zur Bepflanzung von 
Blumenbeeten in mannigfacher Weise verwendet. 

Bei der Zusammenstellung der Bepflanzung für die verschiedenen 
Blumenbeete, die alljährlich wechselt, haben sich die folgenden An- 
ordnungen des letzten Jahres als recht wirkungsvoll erwiesen: 

Beet No. I Fig. 33. Die Zusammenstellung ist aus Blatt- und 
Blütenpflanzen getroffen. Bepflanzung: 





Fig. 33. Beet No. I. 



No. 1. Alternanthera paronichyoides. 

No. 2. Alternanthera anioena granditolia. 

No. 3. Cerastium tomentosum. 

No. 4. Coleus Citrone. 

No. 5. Coleus Hero. 

• Abution, Sawitzers Ruhm. 

A Glycerium spectabile fol. var. 

O Arundo Donax fol. var. 

Hydrangea pnniculata (ilochstämmchen). 
■Je- Lilium tigrinum und longiflorum. 
Untergrund von Acalypha mosaica. 



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Photographische Aufnahme von Ulumenboet Nr. 1. 



112 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 




k 



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Beru ht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der Lehranstalt. 1 1 15 



Die Bepflanzung dieses Blumenbeetes hat wohl ungeteilten Bei- 
fall gefunden. Die Mitte des Beetes zeigt eine leichte, lockere, un- 
regelmäßige Zusammenstellung von blühenden Pflanzen mit Zier- 
gräsern und dazu passend der satte braunrote Untergrund von 
Acalypha mosaica, die unter den klimatischen Verhältnissen des 





Fig. 30. Beet N'o. III. 

Kheingaues zu üppigster Entwicklung gelaugen und zur Hebung des 
gesamten Farbenspiels dieses Blumenbeetes außerordentlich beitragen. 
Der Rand des Blumenbeetes ist in scharfen Linien und aus ver- 
schiedenen Pflanzen zusammengesetzt, wobei auf ruhige und ein- 
heitliche Farbenwirkung ein besonderer Wert gelegt wurde, ße- 

Oetsenlieimcr Bericht 19M. 8 



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11. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



sonders schön und leuchtend wirkten hier die gelben Coleus Citrone 
neben dem schwarzblätterigen Coleus Hero und dem weiliblätterigen 
Cerastium tomentosum. Die gesamte Bepflanzung des Blumenbeetes 
hat den Vorzug, daß die volle Wirkung vom Zeitpunkt der Be- 
pflanzung bis zum Spätherbst ununterbrochen anhält. 





Fig. 37. (irundplan der Blumenbeetanlage vor dem Hauptgebäude der Lehranstalt. 

Beet No. II. 

Die Bepflanzung dieses Blumenbeetes enthielt: in leichter An- 
ordnung eine Anzahl von Plumbago capensis mit einem Untergrund 
von Caiceolaria rugosa „Gloire de Versailles“ und einer Einfassung 
von Coleus Hero und Altemanthera sessilis. 

Die Hauptwirkung des Beetes bildete der fast ununterbrochene 
Blütenflor von Plumbago capensis. welcher in seiner mattblauen 
Färbung eine eigenartige Wirkung hervorriel und durch die gelben 
Blüten der Calceolarien unterstützt wurde. Dazu die scharfe Ein- 



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Bericht über Gartenbau, < tbsttreiberei und Arbeiten ira Parte der Lehranstalt. U5 



fassung in mattem Rot und die tief schwarzbraune Färbung von 
Coleus Hero. 

Beet No. III. Bepfianzung: 

No. 1. Verbena Miss Ellen in leichter Zusammenstellung 
mit Abutilon Sawitzers Ruhm und einem Unter- 
grund von Altemanthera metallica. 

No. 2. Ijobelia, Ruhm von Coblenz. 

No. 3. Alternanthera sessilis. 

Die hervorragenden Eigenschaften der Verbena Miss Ellen sind 
bereits im Jahresbericht 1904 erwähnt worden. Die zahlreichen, 
zart rosafarbenen Blüten dieser Verbena untermischt mit dem weiß- 
buntblätterigen Abutilon und dazu der metallschimmernde Unter- 
grund von Alternanthera metallica bildeten ein Farbenspiel von 
seltener Schönheit und von ununterbrochener Dauer. 

Beet No. IV. Die Mitte des Beetes enthält eine Anzahl C'anna 
President Jules Faivre (braunblätterig) gemischt mit Gladiolus 
brenchleyensis und eine Einfassung von Coleus President Druez 
und Alternanthera aurea nana. 

Die feurigroten Blüten der Gladiolen waren von außerordentlich 
schöner Wirkung zwischen den braunen Canna. 

Bepflanzung der Blumenbeetanlage vor dem Haupt- 
gebäude der Lehranstalt. Fig. 37. 

No. 1. Begonia semperflorens kupferrot (eigener Sämling). 

No. 2. Iresine Lindeni und Altemanthera versicolor. 

No. 3. Iresine Wallisii. 

No. 4. Achyranthes Verschaffelti splendens. 

No. 5. Altemanthera aurea nana. 

No. 6. Alternanthera metallica. 

No. 7. Dracaena indivisa. 

No. 8. Pennisetum Riippellianum. 

Auch die Bepflanzung dieser Blumenbeetanlage kann in ihrer 
Wirkung als ruhig und vornehm bezeichnet werden. 



D. Anderweitige Versuche. 

1. Vertilgung von Moos auf den Rasenflächen. 

Jeder Gärtner und Gartenbesitzer wird wohl die Erfahrung 
gesammelt haben, daß auf älteren Rasenflächen und namentlich an 
schattigen Stellen sich mit der Zeit Moos ansammelt und in dem 
Maße wie dieses überhand nimmt, auch der Bestand an Graspflanzen 
zurück geht, so daß fast vollständig kahle Stellen auf den Rasen- 
flächen entstehen. Das ist unangenehm für den Gartenbesitzer und 
man sieht sich veranlaßt hier rechtzeitig einzugreifen um der 
Moosbildung entgegen zu treten oder das vorhandene Moos zu ver- 
nichten. 

Die Anwendung von Düngekalk, indem dieser im Herbst mög- 
lichst fein zerteilt auf den bemoosten Flächen ausgestreut wird, 
beschränkt die Entwicklung der Mooshildung, wenn auch nicht 

8 * 



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116 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



in vollem Maße und ist ein Mittel, welches häufig Anwendung 
findet. 

Auch die Verwendung von Holzasche wirkt in gleicher Weise, 
obgleich dieses Mittel nur in geringem Maße zur Anwendung kommt, 
da es viel zu kostspielig wird, auch meist nur in geringen Mengen 
zur Verfügung steht. 

Weit vorteilhafter und sicher wirkender ist hier im letzten 
Jahre dio Bekämpfung mit Eisenvitriol vorgenommen, ein Mittel, 
welches für diese Zwecke bestens empfohlen werden kann. 

Die Anwendung des Eisenvitriols geschieht am vorteilhaftesten 
in den Herbst- und Wintermonaten und zwar für kleinere Flachen 
indem man sich eine lOprozentige Eisenvitriollösung herstellt, d. h. 
auf 1 I Wasser 100 g Eisenvitriol verwendet, dieses vollständig in 
Wasser auflöst und vermittels einer Gießkanne mit Brause die be- 
treffenden Flächen damit bespritzt. Sind größere Flächen mit Eisen- 
vitriol zu behandeln, so streut man letzteres möglichst gleichmäßig 
im Herbst oder Winter aus etwa in dem Verhältnis, daß auf 1 qm 
Fläche 10 — 15 g Eisenvitriol gerechnet wird. Es darf jedoch hier 
nicht unerwähnt bleiben, daß das Eisenvitriol als möglichst fein 
zerstoßenes Pulver ausgestreut werden muß, damit es sich gleich- 
mäßig auf den Flächen verteilt und damit die Wirkung eine voll- 
kommene wird. In gröberen Stücken ausgestreut hat es den Nach- 
teil, daß hier und dort die Graspflanzen zu stark angegriffen werden 
und schließlich absterben. Der Erfolg dieses Mittels macht sich 
schon nach wenigen Tagen dadurch bemerkbar, daß das Moos voll- 
ständig schwarz wird und abstirbt, während die Graspflanzon nicht 
im geringsten beschädigt werden. 

Die Behandlung der Rasenflächen mit Eisenvitriol gegen die 
Moosbildung hat sogar noch den Vorzug, daß die Graspflanzen zu 
üppigerem Wachstum angeregt werden und eine tiefdunkolgrtine 
Färbung annehmen. 

Die Anwendung des Eisenvitriols in den Sommermonaten und 
namentlich bei trockenem Wetter ist zu unterlassen, da sonst die 
Graspflanzen leicht leiden. 



2. Baumschild (Namenstäfelchen für Rosen usw.) 

von Gg. Ad. Hel ler- Liebenstein S.-M. 

Tn dem Empfehlungsschreiben zu diesem Baumschild heißt es: 
„Das Namenstäfelchen besteht aus einem länglich flachen Gehäuse, 
in dem sich ein Täfelchen befindet, das sich leicht herausziehen 
und wioder einschieben läßt. Auf dem Täfelchen ist ein Pappe- 
oder Papierstreifen festgeklemmt, welcher mit Bleistift oder Tinte 
beschrieben wird. Das Täfelchen klemmt sich, wenn eingeschoben, 
selbst sicher im Gehäuse fest und kann beim Schütteln durch Sturm 
und Wind nicht von allein herausgleiten. — Es ist nicht vollständig 
herausziehbar, sondern wird durch einen Widerhaken festgehalten. 

Um zu schreiben oder abzulesen, zieht man das Täfelchen 
heraus und schiebt es dann wieder hinein. 



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Bericht über Gartenbau, Obsttreiberei und Arbeiten im Parke der ix'hranstalt. 117 

Der beschriebene Papierstreifen ist durch das Gehäuse voll- 
kommen gegen alle zerstörenden Witterungseinflüsse geschützt. 

Da das Namenstäfelchen in dem dauerhaften Zinkblechgehäuse 
geradezu unverwüstlich ist und immer wieder durch einfaches Aus- 
wechseln der Papierstreifen zu anderen Baum- oder Gewächssorten 
zu verwenden ist, so ist es sicherlich 

das beste und billigste 

von allen bis jetzt existierenden Namenstäfelchen und wohl kaum 
an Zweckmäßigkeit zu übertreffen. 

Befestigungsweise: ,,Das Namenstäfelchen wird mittels verzinkten 
dünnen Eisendraht oder Kupferdraht am Stamm oder Zweig be- 
festigt." 

Wenn einerseits dieses kleine Baumschild gewisse Vorzüge 
besitzt, so darf andererseits nicht unerwähnt bleiben, daß auch 
Nachteile vorhanden sind. Dadurch, daß das mit dem Namen be- 
schriebene Täfelchen sich in einem Gehäuse befindet und verdeckt 
ist, muß man es stets, wenn man den Namen lesen will, das 
Täfelchon herausziehen und das ist lästig. Ob unter einer öfteren 
Benutzung nicht auch die Dauerhaftigkeit des Etiketts leidet, steht 
abzu warten, ist aber wahrscheinlich. Im Handel befinden sich 
schon weit praktischere und dauerhaftere Etiketten wie z. B. die 
Porzellan -Etiketten von N. Kißling in Vegesack a. Weser, die 
neben der Billigkeit noch eine klare und reine Schrift aufweisen. 

3, „Karola“- Leder- Dauer- Etikett 

von Ed. Hoff Söhne, Lederfabrik in Gliickstadt. 

Diese aus präparierten Lederstreifen und mit eingebrannten 
Namen versehenen Etiketten sind auch hier probeweise in An- 
wendung gekommen und läßt sich darüber folgendes berichten: 

Form, Ausstattung und Schrift sind recht ansprechend und 
sauber gearbeitet Die Widerstandsfähigkeit dieses Etiketts gegen 
Witterungseinflüsse konnte in der kuzen Zeit der Verwendung noch 
nicht festgestellt werden, so daß das endgültige Urteil erst im nächst- 
folgenden Jahresbericht veröffentlicht werden kann. 



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118 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



III. Bericht Uber die Tätigkeit der wissen- 
schaftlichen Institute. 



Bericht 

über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen 
V ersuchsstation. 

Erstattet von Dr. Gustav Lüstner, Dirigenten der Versuchsstation. 



A. Veränderungen in der Station. 

Dr. Dewitz, der seit ersten Mai vergangenen Jahres an der 
Station Untersuchungen über die Biologie und Bekämpfung der 
Traubenwickler (Cochylis ambiguella und Eudemis botrana) ausführte, 
erhielt von dem Herrn Minister für Landwirtschaft, Domänen und 
Forsten den Auftrag, Untersuchungen über die Biologie und Be- 
kämpfung der Reblaus anzustellen. 

Am 1. April 1907 wurde an der Station eine zweite Assistenten- 
stelle eingerichtet, die Herrn Dr. Hermann Morstatt aus Cannstatt 
übertragen wurde. 

Bei der Neuorganisation des Pflanzenschutzes in Deutschland 
wurde an der Station eine Hauptsammelstelle eingerichtet, die von 
dem Vorstande geleitet wird. Der Hauptsammelstefle sind 5 Sammel- 
stellen untergeordnet, deren Tätigkeit sich erstreckt: 

1. auf dio Kreise Rheingau, Untertaunus, St. Goarshausen, Wies- 
baden (Stadt und Land). Leiter: Dr. Lüstner-Geisenheiiu. 

2. auf die Kreise Oberlahn, Limburg und Usingen. Leiter: 
Prof. Dr. Kienitz-Gerlof f-Weilburg a/Lahn. 

3. auf die Kreise Höchst, Frankfurt a/M. (Stadt und Land) und 
Obertaunus. Leiter: Prof. Dr. Kobelt-Schwanheim bei Frankfurt a/M. 

4. auf die Kreise Westerburg, Unterwestorwald und Unterlahn. 
Leiter: Winterschuldiroktor Stuckmann-Montabaur. 

5. auf die Kreise Biedenkopf, Dill und Oberwesterwald. Leiter: 
Seminarlehrer Schrein er-Dillonburg. 

Die Sammeltätigkeit wird im ganzen von 115 Personen aus- 
geführt, welche sieb über die einzelnen Kreise folgendermaßen ver- 
teilen: Kreis Biedenkopf 7, Dillkreis 7, Kreise Frankfurt (Stadt und 
Land) 7, Kreis Höchst 7, Kreis Limburg 7, Oberlahnkreis 7, Ober- 
taunuskreis, 7, Oberwesterwald kreis 7, Rheingaukreis 7, Kreis St. Goars- 
hausen 8, Unterlahnkreis 7, Uutertaunuskreis 7, Unterwesterwald- 
kreis 8, Kreis Usingen 8, Kreis Westerburg 7, Kreise Wiesbaden 
(Stadt und Land) 7 Sammler. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 1 1!) 



B. Wissenschaftliche Tätigkeit. 

1. Untersuchungen itber die Peronospora-Epideinlen der 
Jahre 1905 und 190(5. 

Von Dr. Gustav Liistner. 

a) Einleitung. 

Die Schäden, die die Peronospora 1905 und 1906 in den ver- 
schiedenen deutschen Weinbaugebieten hervorgorufon hat, haben 
diejenigen früherer Jahre ganz erheblich übertroffou. Sie waren so 
ernster Natur, daß sich in letzterer Zeit sogar die Parlamente, z. B. 
in Hessen die 2. Ständekammer mit ihnen beschäftigten, und in 
diesen eine Bekämpfung der Rebkrankheiten durch den Staat gefordert 
wurde. Hinsichtlich ihrer Ausbreitung ist die Epidemie des Jahres 1906 
als die stärkere zu bezeichnen, denn sie erstreckte sich fast über 
alle deutschen Weinbaugegenden, während diejenige des Jahres 1905 
mehr lokalisiert war; sie beschränkte sich hauptsächlich auf das 
Gebiet der Mosel und Saar, das Rhein- und Nahetal und das Elsaß. 
Andere Weingegenden, wie z. B. der Rhoingau, die Pfalz und Hessen, 
waren damals, wenn auch nicht verschont, so doch sehr viel weniger 
stark heimgesucht. Beim Znrückverfolgen der Angaben über das 
Auftreten der Peronospora in früheren Jahren in der weinbaulichen 
Literatur finden wir zwar auch Bemerkungen über starke und sein- 
starke, durch den Pilz bedingte Schäden, nilein diese bleiben ganz 
sicher hinter denjenigen der beiden letzten Jahre bedeutend zurück. 
Die Bezeichnungen »stark« und »sehr stark« sind in allen diesen 
Fallen relative Begriffe, denn man kann den Intensitätsgrad einer 
Epidemie immer nur mit demjenigen früherer Epidemien vergleichen, 
bei den folgenden kann seine Bemessung eine ganz andere worden, 
wie uns dies hinsichtlich der Peronospora die neuere Zeit gezeigt hat. 

Die beiden in Frago stehenden Epidemien haben sich nun in 
zwei Punkten wesentlich von denen früherer Jahre unterschieden: 
einmal dadurch, daß sich der Pilz ungemein frühzeitig auf 
den Reben einstellte, und dann durch sein häufiges Auf- 
treten auf den Gescheinen. Beides sind jedoch keine neue 
Erscheinungen im Leben des Parasiten, denn auch in früheren 
Jahren wurde er schon anfangs Juni auf den Blütenständen be- 
obachtet, allerdings immer nur ganz vereinzelt, während in der 
neueren Zeit die Erkrankung dieser Rebtoilo eine weit verbreitete 
war. Für dieses eigenartige Verhalten des Pilzes wird allgemein 
und mit Recht die Witterung verantwortlich gemacht, die bekannt- 
lich nicht allein seino Entwicklung und Vermehrung begünstigt, 
sondern auch, woran jedoch weniger gedacht wird, von großem 
Einfluß auf die Ausbildung der Gewebe sämtlicher grünen Rebteile 
ist. Gerade dieser letzero Umstand scheint mir aber mit eine Ursache 
der letztjährigen Peronospora-Epidemien gewesen zu sein und soll 
im folgenden versucht werden, hierfür einige Beweise zu er- 
bringen. 



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120 UI. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

bi Das Verhalten der einzelnen Arten der Peronosporineae zu ihren 

Wirtspflanzen. 

Zur Feststellung des Verhältnisses eines pilzlichen Parasiten zu 
seiner Nährpflanze, in unserem Fallo also das der Peronospora 
viticola zu der Rebe, ist es zweckmäßig, die Untersuchung nicht 
allem an diesem vorzunehmen, sondern sie auf möglichst zahlreiche 
Verwandte von ihm auszudehnen, aus deren Verhalten zu ihren 
Wirten dann Rückschlüsse auf den zu untersuchenden Parasiten 
gezogen werden können. Wir halten es für angebracht, diesen Weg 
auch zur Lösung unserer Frage einzuschlagen. 

Die Peronosporineae werden in drei Familien eingeteilt: in die 
Pythiaceae, die Albuginaceae und die Peronosporaceae. 

Pythiaceae. 

In der Familie der Pythiaceae ist besonders Pythium de 
Baryanum für uns von Interesse. Es ist dies ein Pilz, der die unter 
den Namen »Umfallen der Keimpflanzen« und »Wurzelbrand« 
oder »schwarze Beine« bekannten Krankheiten hervorruft. Die- 
selben sind seither vornehmlich an Carnelina sativa (Leindotter), 
Trifolium repens (Weißklee), Spcrgula arveusis (Ackerspörgel), Panicum 
miliaceum (Hirse), Zea May 8 (Mais), Beta vulgaris (Rübe) u. a. be- 
obachtet worden. Der Schmarotzer befällt die Keimpflanzen am 
hypocotylen Glied und bewirkt hier zunächst ein Erblassen der 
infizierten Stelle, die später schwarz wird und vertrocknet. Hierdurch 
verlieren die Pflanzen ihren Halt und fallen um. Das epidemische 
Auftreten des Pilzes an allen diesen Pflanzen ist stets ein plötzliches, 
und seine Ausbreitung eine explosionsartige. Diese beiden Er- 
scheinungen sind jedoch nicht allein darauf zurückzuführen, daß der 
Pilz imstande ist, eine große Zahl von Vermehrungsorganen zu 
bilden, sondern sie stehen auch, wie Hesse und Atkinson nach- 
gewiesen haben, mit der Empfänglichkeit der Pflanzen für den Pilz 
in Zusammenhang. Während unter normalen Verhältnissen auf den 
Keimlingsbeeten und in den Anzuchtkästen nur hier und da ein 
Pflänzchen unter den genannten Symptomen hinsiecht, findet als- 
bald eine allgemeine Erkrankung statt, wenn die Pflanzen 
infolge zu großer Wär me und Feuchtigkeit, ungenügender 
Durchlüftung, z. B. durch zu engen Stand und unzureichende 
Beleuchtung weniger widerstandsfähig gegen ihn werden. 
Haben die Sämlinge ein gewisses Alter erreicht und ist 
damit eine gewisse Erstarkung des hypocotylen Gliedes 
eingetreten, so sind sie hierdurch meistens gegen eine 
Pythium-Infektion geschützt, und wenn trotzdem eine 
solche au ihnen orfolgt, so bleibt sie gewöhnlich auf eine 
nur kleine Stelle beschränkt und verheilt mit der Zeit. 

Albuginaceae. 

Die hierher gehörigen Pilze erzeugen auf den von ihnen be- 
fallenen Pflanzenteilen weiße, beulen- oder blasenförmige Auf- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 121 

treibungen, in denen die Sporen gebildet werden. Letztere werden 
durch Aufplatzen der Blasen frei, wonach die heinigesuchten Glieder 
der Pflanze wie mit Kalk bespritzt aussehen, eine Erscheinung, 
derentwegen man diesen Schmarotzern den deutschen Namen 
„weißer Rost“ gegeben hat. Die Familie umfaßt nur eine Gattung 
mit wenigen Arten; diese trägt den Namen Cystopus. Die häufigste 
hierher gehörige Art ist Cystopus candidus, ein Pilz, der 
namentlich auf Cruciferen, z. B. Capselia bursa pastoris (Hirten- 
täschelkraut), Cochlearia Armoracia (Meerrettig), Brassica rapus (Raps), 
Raphanus sativus (Rettigi, Camelina sativa (Leindotter) u. a. ver- 
breitet ist. Die Infektion erfolgt bei allen diesen Wirten 
bereits an den jungen Keimlingen, wonach der Pilz die ge- 
samte Pflanze oder wenigstens den Teil derselben, der im Jugend- 
zustand angesteckt wurde, durchwächst. 

Peronosporaceae. 

Wichtiger noch als die beiden besprochenen Familien ist für 
unsere Untersuchung die Familie der Peronosporaceae, weil ja zu 
ihr auch die Peronospora viticola gehört. Sie ist bekanntlich da- 
durch ausgezeichnet, daß die zu ihr zählenden Arten auf den von 
ihnen befallenen Pflanzenteilen meist weiße, mehl- oder puderurtige 
Überzüge, in denen die Sporen resp. Sporangien gebildet werden, 
erzeugt. Von den zahlreichen in mehrere Gattungen vereinigten 
Arten wollen wir hier nur die wichtigsten, auf Kulturpflanzen auf- 
tretenden beachten. Von diesen kommt für uns zuerst die Phy- 
tophthora infestans in Betracht, der Pilz, der die bekannte 
Kartoffelfänle oder Kartoffelkrankheit verursacht. Tn seinem Auf- 
treten unterscheidet er sich von den seither besprochenen Arten 
vor allem dadurch, daß er nicht allein das Kraut der Kar- 
toffeln befällt, sondern daß er auch deren Knollen heimsucht und 
in Fäulnis überführt. Mit Knollen, die sein Mycel beherbergen, 
gelangt der Schmarotzer aufs Feld, wächst mit der Entwicklung 
der jimgen Pflanze in diese hinein und bildet schließlich auf den 
Blättern seine Sporen resp. Sporangien, mit denen er sich den 
ganzen Sommer über auf dem Kartoffellaube verbreiten kann. 
Hierbei ist aber der Pilz, worauf von vielen Seiten hingewiesen 
wird, von bestimmten Verhältnissen in der Luft und im Boden ab- 
hängig, unter denen namentlich die Feuchtigkeit eine Hauptrolle 
spielt. Je reicher sich diese in der Umgebung der Niihrpflanze 
vorfindet, um so intensiver ist die Erkrankung derselben. Aus diesem 
Grunde zeigt sich der Pilz auch besonders häufig an solchen Ört- 
lichkeiten, an denen häufig Tau- und Nebelbildung stattfindet, sowie 
an Stellen, an denen sich die Feuchtigkeit längere Zeit hält, z. B. 
auf schwerem Boden und in eingeschlossenen Lagen. Nach den 
Beobachtungen von Eriksson besteht jedoch kein genauer 
Parallelismus zwischen der Regenmenge und der In- 
tensität der Krankheit (cit. in Frank, Handbuch 2, S. 63). 
Kühn (cit. ebenda S. 65) hat beobachtet, daß während der 
Entwicklung der Kartoffelpflanze zwei bestimmte Zeit- 



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122 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

abschnitto existieren, in denen dieselbe am wenigsten 
widerstandsfähig gegen den Pilz ist. „Am schnellsten 
erliegen junge Triebe, sobald der Pilz wirklich in 
sie eingedrungen ist, also z. B. von den kranken 
Saatknollen aus. Erwachsene Triebe sind dagegen 
viel widerstandsfähiger, können also gesund bleiben, 
wenn sie während des Jugendzustandes vom Mvcelium 
des Pilzes nicht erreicht worden sind. In einem späteren 
Stadium, gegen die Zeit der Reife des Kartoffelkrautes, 
tritt aber wieder eine größere Empfindlichkeit ein. die 
eben in dem in dieser Zeit gewöhnlich starken Ausbruch 
der Krankheit sich kundgibt, und womit es auch zu- 
sammonhängt, daß zu einer und derselben Zeit, z. B. An- 
fang August, die früheren Sorten rasch durch den Pilz 
getötet werden, während die späteren Sorten viel sch wäch er 
und zwar um so langsamer erkranken, je spätreifender sie 
sind.“ Auch hat Kühn die Beobachtung gemacht, daß frühe 
Sorten, welche ungewöhnlich spät gelegt werden, weniger 
erkranken, während dieselben Sorten zur gewöhnlichen 
Zeit gelegt, stark von der Phytophthora befallen wurden 
Aus diesen Tatsachen schließt Sorauer, daß der Pilz einen be- 
stimmten Mutterboden für seine Entwicklung braucht und nur in 
einer bestimmten Feuchtigkeitsatmosphäre vegetieren kann. Er führt 
auch eine Angabe von de Bary an, nach welcher starkes Begießen 
der Pflanzen und feuchte Luft die Entwicklung dos Parasiten 
außerordentlich begünstigen sollen. „Ist dieselbe für eine 
längere Zeit nicht gegeben, so steht die Phytophthora 
in ihrem Wachstum still, und wenn nachher die ent- 
sprechende Feuchtigkeit wieder eintritt, ist der richtige 
Nährstoff für das Gedeihen nicht vorhanden, und der 
Schmarotzer bleibt wirkungslos oder geht zu Grunde.“ 
Das Gesundbleiben von aus kranken, spätgelegten Knollen ent- 
standenen Kartoffelpflanzen findet nach Sorauer darin seine Er- 
klärung, „daß bei länger anhaltender Trockenheit das Wachstum 
des Pilzes stille steht, während die Pflanze selbst weiterwächst und 
erstarkt, da die höhere Temperatur und der intensivere 
Lichteinfluß schnellere Verdickung der Zellwände hervor- 
r ufen.“ 

Von vielen Seiten wird endlich noch angegeben, daß An- 
häufung von stickstoffhaltigen Substanzen im Parenchym der Kar- 
toffelpflanze von günstigem Einfluß auf die Entwicklung des 
Pilzes ist. 

Nahe verwandt mit Phytophthora infestans ist Phytophthora 
omnivora. Hinsichtlich der Wahl seines Wirtes ist dieser Pilz 
nicht wählerisch, denn er ist schon längere Zeit als ein gefährlicher 
Krankheitserreger der verschiedensten Pflanzen nachgewiesen worden. 
Lebert und Cohn beobachteten ihn als den Erreger einer Fäulnis 
an jüngereu Kakteenexemplaren. Hartig erkannte ihn als die 
Ursache des Eingehens von Bucheusäralingeu. Schenk wies ihn 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanreupathologischen Versuchsstation. 128 

für Sempervivum (Dachwurz) nach, de Hary stellte ihn auf den 
Keimpflänzchen von Cleorae violacea, Alonsoa cauliatn, Scbizanthus 
pinnatus, Gilia capitata, Fagopyrum marginatum und tataricum und 
Clarkia elegans fest. Und endlich wurde er noch auf den Säm- 
lingen von Picea excelsa, Pinus silvestris. P. Laricio, P. Strobus, 
Larix europaea, Abies pectinata, sowie von Acer platanoides und 
A. Pseudoplatanus, Fraxinus, Robinia und andoren gefunden. Nach 
Hartig, der die Krankheit namentlich an Buchenkeimlingspflanzen 
studiert hat, äußert sich dieselbe dadurch, „daß die Sämlinge ent- 
weder schon während der Keimung im Boden von dem Keim- 
würzelchen an schwarz werden und absterben oder erst nach der 
Entfaltung der Samenlappen am Stengel oberhalb und unterhalb 
oder am Grunde dieser selbst dunkelgrün und mißfarbig werden 
oder derartige Flecken auf den Samenlappon oder den ersten Laub- 
bliittem erkennen lassen." In ähnlicher Weise tritt der Befall an 
den anderen Nährpflanzen in die Erscheinung. Besonders häufig 
zeigt sich der Pilz, wenn sich nach Buchensamenjahren reich- 
licher Aufschlag einfindet und zwar um so stärker, je 
regnerischer und wärmer die Monate Mai und Juni sind. 
Auch durch Beschattung jeder Art wird die Entwicklung 
des Parasiten begünstigt. 

Die einzige Art der Gattung Bremia „Bremia Lactuoae,“ be- 
fällt eine große Zahl von Kompositen, z. B. Lactuca sativa und 
L. Scariola, Latnpsana communis, Senecio-, Sonchus-, Crepis-, Hiera- 
cium-, Ci rsi um- Arten, Leontodon, Lappa u. a. m. Besonders schäd- 
lich wird sie auf Kopfsalat, an welchem sie vorzugsweise die 
jungen, zarten Blättchen befällt und sie zum Abtrocknen 
bringt, häufig jedoch auch bereits auf dessen Keim- 
pflänzchen sich einstollt und sie tötet. Der Pilz fügt dem 
Gärtner namentlich dann schwere Verluste zu, wenn die 
Balatpflanzen im Winter und Frühjahr in zu feuchten 
Kästen herangezogen werden. 

Von der Gattung Peronospora können wir endlich mehrere 
Arten für unseren Zweck verwenden. Wir wollen uns jedoch mit 
dem Hinweis auf nur eine Art, Peronospora parasitica, be- 
gütigen. Es ist dies ein gefährlicher Parasit der Cruciforen, von 
denen er eine ganze Anzahl von Arten, sowohl kultivierte, als auch 
Unkräuter heimsucht. In seinem Auftreten erinnert er insofern an die 
zuletzt besprochene Art, als auch er sich häufig in Gärtnereien 
einstellt und die hier in zu feuchten Kästen stehenden 
Keimlinge aller Kohlarten, namentlich im Frühjahr, be- 
fällt und zu Grunde richtet. 

Beim Überblicken aller dieser Angaben über das Verhalten der 
genannten Peronosporeen ihren Nährpflanzen gegenüber, die sich 
leicht noch vermehren ließen, können wir zwei für uns wichtige 
Tatsachen feststellen. Nämlich erstens, daß sie sich alle in 
feuchter Umgebung besonders üppig entwickeln und 
schnell verbreiten, und zweitens, daß sich diese Pilze mit 
Vorliebe auf jungen, also noch weichen und zarten Pflanze u- 



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124 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



teilen besonders häufig einsteilen und an diesen den 
stärksten Schaden verursachen. Sie erinnern hierbei an ihre 
Verwandten niederen Grades, welche Pilze 'larstellen, die meist auf 
Wasserpflanzen schmarotzen, also ihre ganze Lebenszeit im Wasser 
verbringen. Einige Arten derselben haben sich jedoch auch an 
Landpflanzen angepalit, und diese rufen an ihnen Schäden hervor, 
die eine große Ähnlichkeit mit denjenigen der aulgezählten Perono- 
sporeen haben. Es sei hier nur an Olpidium Brassicae erinnert, 
•las an in schlecht gelüfteten Kästen herangezogenen Kohl- 
keimpflänzchen, namentlich bei trübem Wetter im Früh- 
jahr und boi dichtem Stand der Sämlinge ein „Umfallen 4 * 
oder sogenannte „schwarze Beine“ bewirkt, und viele 
Synchitrion befallen nur diejenigen Exomplare ihrer Nähr- 
pflanzon, welche an sehr feuchten Stellen stehen, während 
sie sich auf denjenigen trockner Standorte nicht ansiedeln. 

Der Rebenpilz, die Peronospora vitieola, zeigt diese Gewohn- 
heiten seiner Verwandten nicht in so auffälliger Weise. Wohl ist 
auch er in seinem Auftreten von der Witterung abhängig, die ihm 
erst dann zusagt, wenn sie die für sein Leben notwendige Feuchtig- 
keit enthält, eine Bevorzugung der jungen Triebe seiner Nährpflanze 
tritt bei ihm jedoch nicht so offensichtlich zu Tage; er sucht so- 
wohl die jungen, als auch die schon länger entstandenen grünen 
Rebteile heim. Im allgemeinen stellt er sich verhältnismäßig spät 
auf diesen ein, und man kann wohl Ende Juni bis Ende August 
als die normale Erscheinungszeit für ihn betrachten. Dabei sind 
jedoch Ausnahmen nicht ausgeschlossen, und gerade die beiden 
letzten Epidemien haben uns bewiesen, daß er sich auch bereits 
Ende Mai und anfangs Juni in don Weinbergen einfinden kann. 
Wenn wir an unserem Vergleiche festhalten, so dürfen wir für diese 
Schwankungen im Auftreten des Parasiten jedoch nicht allein die 
Witterung der einzelnen Jahre verantwortlich machen, sondern wir 
müssen erwarten, daß sich in denselben zu gewissen Zeiten an den 
grünen Rebteilen Verhältnisse vorfinden, die ihm sein Eindringen 
in dieselben erleichtern oder gar erst ermöglichen. Und da die 
Peronosporeen, wie wir gesehen haben, im allgemeinen zarte und 
weiche Teile ihrer Wirte bevorzugen, so kann man annehmen, daß 
auch die Reben um so mehr einer Infektion durch die Peronospora 
ausgesetzt sein werden, je weniger fest ihre Teile, die dem Parasiten 
als Nährboden dienen, ausgebildet sind. Daß unser Pilz im ver- 
gangenen Frühjahr allem Anschein nach solche Verhältnisse an den 
Reben vorgefunden hat, darauf hat bereits Zsc hocke (Mitteilungen 
des Deutschen Weinbau-Vereines 1906, S. 135) kurz hingewiesen. 
Er gibt an, daß damals infolge des ununterbrochen feuchten und 
regnerischen Wetters, des oft bedeckten Himmels und des geringen 
Sonnenscheines die Rebenblätter ihre Oberhaut nur schwach aus- 
bilden konnten, wodurch sie heuer empfindlicher gegen die Pero- 
nospora waren, als in früheren Jahren. Zschocke legt allerdings 
dieser Prädisposition der Reben für die Peronospora keine größere 
Bedeutung bei. Ich möchte ihm hierin nicht ganz beistimmen, bin 



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Bericht über die Tätigkeit der pflauzenpathologischen Versuchsstation. 125 

vielmehr der Ansicht, daß die schwache Ausbildung der Oberhaut 
der grünen Rebteile mit zu den Ursachen gehört, die dem Pilze 
eine so schnelle Verbreitung ermöglichten. Die so häufig im ver- 
gangenen Frühjahr in fast allen Weinbaugebieten beobachteten uud 
von Muth (Mitteilungen des Deutschen Weinbau- Vereines 1906. 
S. 9) genauer beschriebenen Verbrenuungserscheinungen an den 
genannten Rebteilen, die in früheren Jahren nur ganz vereinzelt 
boobachtet wurden, zeigen meiner Meinung nach mit aller Deutlich- 
keit an, dal! sich damals ihre Oberhaut in einer ganz abnorm zarten 
Beschaffenheit befunden hat, wodurch dem Pilze das Eindringen in 
dieselben ungemein erleichtert wurde. Und diese meine Annahme 
findet eine wesentliche Stütze in einem Vergleiche der Witterungs- 
verhältnisse der beiden letzten Jahre mit denjenigen vergangener. 

c) Einfluß der Witterung auf das Auftreten der Peronospora viticola. 

Wie bereits erwähnt besteht nach den Beobachtungen Erikssons 
für die Phytophthora infestans kein genauer Parallelismus zwischen 
der Regenmenge und der Intensität der von diesem Pilze hervor- 
gerufenen Krankheit. Für die Peronospora viticola liegen die Ver- 
hältnisse genau ebenso, was besonders deutlich aus den beiden 
letzten Jahren erkannt werden kann. 1905 litt der Rheingau nur 
wenig unter diesem Pilze, ln den Monaten Mai, Juni und Juli 
dieses Jahres wurden an der Geisenheimer Wetterstation an Nieder- 
schlägen gemessen: 

Mai . . . 25,2 mm 

Juni . . . 54,0 „ 

Juli . . . 15,7 .. 

1906 trat die Peronospora im Rheingau ungemein stark auf, 
und wurden damals in denselben Monaten au der Geisenheimer 
Station folgende Niederschlagsmengen verzeichnet: 

Mai . . . 52.0 mm 

Juni . . . 46.8 ,. 

Juli . . . 40,5 ,. 

Die Hauptausbreitung des Pilzes orfolgte in beiden Jahren im 
Juni, und trotzdem dieser Monat in 1906 regeuärmer war, wie in 
1905, war der durch den Pilz verursachte Schaden im erstgenannten 
Jahre doch ein sehr viel größerer. Man darf somit nicht, wie wir 
dies selbst im letzten Jahre getan haben, die Höhe der Nieder- 
schläge für ein geringeres oder stärkeres Auftreten der Peronospora 
verantwortlich machen. Die Regenmenge, die innerhalb eines Monates 
niedergeht, kann über seine einzelnen Tage sehr ungleich verteilt 
sein. Sie kann sich einmal über den ganzen Zeitraum erstrecken, 
dann aber kann sie auch auf nur einige wenige Tage beschränkt 
sein. Im ersteren Falle werden wir, wie später noch gezeigt werden 
wird, bei entsprechenden Wärmeverhältnissen und der prädis- 
ponierenden Beschaffenheit der Rebteile mit einem epidemischen 
Auftreten der Peronospora zu rechnen haben, während im letzteren 
Falle die Bedingungen für eine allgemeine Verbreitung des Pilzes 
nicht gegeben sind. 



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126 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institnte. 

Nach Sajö (Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten 1901. S. 92) 
soll sich in Ungarn das Peronosporajahr durch Mangel an Südwest- 
und “Westwinden, durch höhere Temperatur und höheren Druck des 
atmosphärischen Wasserdampfes auszeichnen. Für unsere deutschen 
Verhältnisse sind diese Angaben nicht zutreffend. Im Rheingau 
wenigstens herrschen nach den Aufzeichnungen der Geisenheimer 
Station im Sommer im allgemeinen die Winde mit westlicher 
Richtung vor, während Ostwinde mehr auf die Wintermonate be- 
schränkt sind. Während der letzten zehn Jahre war die Verteilung 
der westlichen Winde in den Monaten Mai, Juni, Juli und August 
im Rheingau (Station Geisenheim) folgende: 



Mai. 





1897 


1898 1 


1899 


1900 


1901 


1902 


1903 


1904 


1905 


1906 


SW 


13,0 


23,5 ! 


19,0 


8,0 


7,5 


13,5 


8,5 


8.5 


6,5 


5,5 


w 


10,5 


11,5 


20.5 


15,0 


10.5 


31,0 


18.0 


20,0 


11,0 


21,5 


NW 


23,0 


13.5 | 


13,5 


21,5 


18,0 

Juni. 


21.0 


23,0 


| 27,5 


16,5 


: 30,0 


sw 


14,0 


17,5 1 


13,0 


8,0 I 


6,5 


i 19,0 


10.0 


9,0 


9,0 


8,0 


W 


6,0 


13,5 


13,5 


21,0 


12,0 


14,0 


4,5 


15.5 


14,5 


18,5 


NW 


15,0 


14,0 | 


20.5 j 


14.5 | 


20,0 

Juli. 


17,5 


28,0 


34,0 


29,5 


| 35.0 


SW 


20,0 


10,0 | 


12,5 1 


8,0 


6,0 


14.0 


14,0 


1 9.0 


5,0 


! 2,0 


W 


15,5 


25,0 


19.0 | 


17,5 


8,0 


i 20.5 


25,5 ] 


14,0 


30,5 


17,0 


NW 


15,5 


i 24,5 1 


23,0 


21,0 | 20,0 
A ugust. 


29,5 


30,0 


29,5 


30,5 


30,5 


SW 


15,5 


19,5 1 


17.5 I 


13,5 


9,5 


16.0 


38,5 


17,0 


25,5 


16.0 


W 


7,5 


15,0 


10,0 


12,0 


20,5 


22,0 


29,0 i 


16,5 


17,0 


27.0 


NW 


5,0 


u.o | 


11,5 


9,0 


17,0 


14,5 


122) 


25,5 


15,0 


21,0 



Auch die Angaben Sajös über die Temperatur stimmen mit 
unseren Beobachtungen, wie aus den später folgenden Tabellen und 
Kurventafeln hervorgeht, nicht übeiein. Im Rheingau war während 
der letzten Peronospora-Epidemie (1906) die Temperatur im ganzen 
eine niedrigere wie dio derselben Zeit des Vorjahres; nur der Monat 
Mai war 1906 rund ein Grad wärmer wie im Jahre 1905. Über 
den Druck des atmosphärischen Wasserdampfes im Rheingau während 
der letzten drei Jahre gibt die nachstehende Tabelle Aufschluß: 
Druck des atmosphärischen Wasserdampfes. 





1904 


1905 


1906 


Mai . . . . 


. . 9,7 


?£ 


9,7 


Juni .... 


. . 11,8 


10,6 


10,7 


Juli . . . . 


. . 14,5 


12,3 


12,5 


August . . . 


. . 12,7 


10,7 


11.8 



Aus derselben ist zu ersehen, daß der Wasserdampfdruck nur 
in den Monaten Mai und August ein größerer gewesen ist, wie in 
denselben Zeiten des Vorjahres; der Wasserdampfdruck im Juni und 
Juli war ungefähr derselbe, wie der der nämlichen Monate des 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 127 

Jahres 1905. Im Jahre 1904 war dagegen der Wasserdampfdruck 
im allgemeinen ein sehr viel höherer, wie in den beiden letzten 
Jahren. 

Die Untersuchungen von Sajö erstrecken sich nur auf zwei 
Jahre — 1899 und 1900 — und er ist selbst der Ansicht, daß 
diese kurze Zeit nicht hinreichend ist. um aus ihr sichere Schlüsse 
über das Verhalten der Peronospora der Wittemng gegenüber zu 
ziehen. Sajö versuchte, wie die meisten andern Forscher vor und 
nach ihm, nur den Einfluß des Wetters auf die Entwicklung und 
Verbreitung des Pilzes festzustellen, die Veränderungen, welche 
durch dasselbe an den Reben selbst entstehen, wurden von ihm 
nicht berücksichtigt Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, 
daß auch dieser Umstand bei der Sucho nach der Ursacho einer 
Peronospora-Epidemie Beachtung verdient und sind der Ansicht, 
daß deshalb auch andere Witterungsfaktoren mit in der Untersuchung 
einbegriffen werden müssen. Zur Losung beider Fragen, des Ein- 
flusses der Witterung auf die Peronospora und die Reben, haben 
wir unsere eigenen Untersuchungen zunächst aut den Rheingau be- 
schränkt und dabei die Höhe der Niederschläge, die Zahl der 
Tage mit Niederschlägen, das Mittel der relativen Feuchtig- 
keit, das Mittel der Temperatur und die Dauer des Sonnen- 
scheines in den Monaten Mai, Juni. Juli und August während 
der letzten 10 Jahro in Vergleich gestellt. Die dabei in Betracht 
kommenden Zahlen sind in den nachstehenden Tabellen zusamnien- 
gestellt. Die beiliegenden graphischen Darstellungen sollen den Über- 
blick über den Verlauf der einzelnen Witterungsfaktoren erleichtern. 



1. Höhe der Niederschläge. 





1897 


1898: 


1899 j 


1900 


1901 


1902 


1903 


1904 


1905 


1906 


Mittel 


Mai . . . 


45 


79 


19 


; 32 


21 


35 


33 


42 ; 


25 ; 


52 


38,3 


Juni . . . 


80 


104 


53 


58 


45 


23 


79 


08 


54 


47 


61,1 


Juli . . . 


32 


77 


37 


39 


34 


29 


61 


11 


16 


41 


37,7 


August . . 


57 


2ü 


34 


1 47 


80 


62 


60 


34 


| 37 : 


59 


49,6 




2, 


. Zah 


1 der 


Tage 


mit Niedei 


rschlägen. 








Mai . . . 


19 


21 


19 


11 


16 


20 


15 


15 


12 


24 


17,2 


Juni . . . 


16 


17 


12 


10 


15 


13 


14 


10 


13 


18 


14,4 


Juli . . . 


14 


15 


9 


15 


15 


15 


22 


15 1 


13 


15 


14.8 


August . . 


18 


0 


8 


18 


14 | 


20 


15 


13 i 


15 


16 


14.6 




3 


. Mittel di 


it rel 


ative 


n Fcu 


chtigkeit 








Mai . . . 


73 | 


78 1 


1 ~ l 


69 


61 


72 


68 1 


77 


64 


79 


71,2 


Juni . . . 


78 


77 


1 70 


77 j 


06 


08 


67 j 


78 


67 


75 


72,3 


Juli . . . 


7t» 


79 


81 


67 


71 


66 


72 


75 


i 67 


78 


73,2 


August . . 


82 


80 


80 


74 I 


77 


77 ; 


76 I 


81 


| 70 


| 77 


77,4 






4 


- Mittel der Te 


mperatur. 










Mai . . . 


12.7 


12,6 


13.0 


I 12.9 


15,1 


10,6 


14.1 | 


11,5 


1 13.4 


14,3 


13.3 


Juni . . . 


18,7 


16,5 


17,2 


17,7 


17,6 


17,4 


16,7 


17.3 


18.5 


16,3 


17,3 


Juli . . . 


18,5 


16.5 


18.7 


20.2 


19,9 


18,3 


17.7 


21.2 


20,9 


18,5 


19.0 


Angust . . 


18,0 


19,4 


i 19,1 


17,3 


17,7 


16,7 


17.0 | 


17,9 


1 18,2 


17,7 


17,9 



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128 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 





5. 


Daue 


r des 


Sonn 


ensch 


i e i n s 


in Sti 


inden 










1897 


1898 


1899 


1900 


1901 


1902 


1903 


1904 


1 905 


190t; 




Mai . . . 


236 


139 


191 


203 


277 


211 


248 | 


232 


200 


176 


211 3 


Juni . . . 


246 


208 


250 


220 


264 


262 


233 


269 


267 


i 177 


239,6 


Juli . . . 


243 


•204 


230 


253 


246 


261 


205 


307 


287 


! 208 


244,4 


August . . 


196 


267 


264 


; 181 


239 


1 185 


226 


254 


223 


| 250 


228,5 



Aus diesen Tabellen untl Kurventafeln geht hervor, daß im 
Rheingau im Peronosporajahre 1906 die Höhe der Niederschläge 
im Mouat Mai das 10jährige Mittel bedeutend überschritt, im Juni 
hinter demselben weit zurück blieb, und im Juli und August wieder 
das Mittel überstieg. 

Im Jahre 1905, in dem sich der Pilz im Rheingau nicht weiter 
ausbreitete, blieb in allen vier Monaten die Höhe der Niederschläge 
weit unter dem 10jährigen Mittel. 

Die Zahl der Tage m it Niederschlägen war im Jahre 1906 
in allen vier Monaten größer, im Mai sogar sehr viel größer wie 
im 10jährigen Mittel, 1905 dagegen bis auf den August geringer 
wie dieses. 

Das Mittel der relativen Feuchtigkeit war 1906 in allen 
Monaten, außer dem August, höher wie im 10jährigen Durchschnitt, 
1905 dagegen in allen vier Monaten geringer. 

Die Temperatur war 1906 im Mai einen Grad wärmer, im 
Juni um einen Grad, im Juli um 0.5 Grad und im August um 
0,2 Grad kälter wie im 10jährigen Mittel. 1905 war sie im Mai 
dem 10jährigen Mittel gleich, während sie im Juni, Juli und August 
dieses überstieg. 

Die Dauer des Sonnenscheines erreichte 1906 in keinem 
Monat außer dem August, das 10jährige Mittel, sie blieb in den 
anderen Monaten weit hinter diesem zurück, 1905 waren die Monate 
Mai und August sonnenscheinärmer, die Monate Juni und Juli da- 
gegen sonnenscheinreicher wie im 10jährigen Mittel. 

Im Mai 1906 waren somit, und dies ist aus unserer graphischen 
Darstellung besonders deutlich zu erkennen, die günstigsten Be- 
dingungen — große Wärme und Feuchtigkeit — für die Entwicklung 
und Verbreitung der Peronospora im Rheingau vorhanden. Auf- 
fallend groß ist die Zahl der Tage mit Niederschlägen und die rela- 
tive Feuchtigkeit; beide gehen hoch über das 10jährige Mittel hinaus 
und auch von der Temperatur wurde dieses um einen Grad über- 
schritten. Ganz anders lagen im Jahre 1905 die Verhältnisse im 
Rheingau. Die Zahl der Tage mit Niederschlägen und die relative 
Feuchtigkeit waren damals geringer, wie im 10jährigen Mittel, und 
die Temperatur war diesem gleich. Diese Verhältnisse in Verbindung 
mit dem geringen Sonnenschein, dessen Einfluß auf das Auftreten 
des Pilzes später besprochen werden wird, setzten damals der Weiter- 
ausbreitung der Peronospora ein Ziel. 

Aber auch auf die Entwicklung der Rebe war 1906 die Witterung 
von großem Einfluß. Infolge der großen Wärme und Feuchtigkeit 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. ] 29 

war ihr Austrieb ein ungemein früher und das Wachstum der Triebe 
und Blätter ein so schnelles, daß nicht genügend Arbeitskräfte vor- 
handen waren, sie rechtzeitig zu heften. Bei diesem üppigen W achs- 
tum der Reben fehlte jedoch ein Faktor für ihre normale Aus- 
bildung: der Sonnenschein. Infolge der geringen Dauer desselben 
blieben die grünen Rebteile weich und zart, so daß sie don An- 
griffen des Pilzes keinen Widerstand entgegensetzen konnten. Ihre 
Ausbildung war eine so wenige feste, daß sie, worauf wir schon 
einmal hingewiesen haben, die zur Bekämpfung des Pilzes an- 
gewendeten Kupfermittel nicht mehr vertrugen und durch dieselben 
verbrannt wurden. Im Mai dieses Jahres schien die Sonne 35,3, im 
Juni sogar 62,6 Stunden weniger wie dies normalerweise der Fall 
ist, und daß diese geringe Sonnenscheindauer nicht ohne Einfluß 
auf die grünen Pflanzenteile war, ergibt sich nicht allein aus den 
an den Reben infolge der Behandlung mit Kupfermitteln hervor- 
gerufenen Verbrennungen, sondern auch daraus, daß sich derartige 
Schäden auch an anderen Pflanzen, nach Muth z. B. an Apfelbättern 
zeigten. Der Einfluß des Lichtes auf die Ausbildung der ver- 
schiedenen Gewebeformen der Blätter ist namentlich von Stahl 
klargelegt worden. Nach ihm wirkt dasselbe nicht allein umgestaltend 
aut das Assimilationssystem ein. sondern es ruft auch histologische 
Veränderungen an der Epidermis der Blattoberseite hervor: bei 
Schattenblättern ist ihre Außenmembran dünn und zart, boi Sonnen- 
blättern dick und fest. 

Infolge der abnorm frühen und starken Belaubung der Reben 
hatten 1906 natürlich am meisten die Gescheine unter Sonnen- 
mangel zu leiden und an ihnen kam infolgedessen die Krankheit 
auch am ersten und am heftigsten zum Ausbruch. Es herrschten 
damals in den Weinbergen ähnliche Verhältnisse wie sie zuweilen 
in Anzuchtkästen oder eng bestandenen Sämlingsbeoten obwalten. 
Und wie hier infolge zu großer Wärme und Feuchtigkeit die Ent- 
wicklung anderer Peronospora-Arten begünstigt wird, und die Pflanzen 
selbst aus Lichtmangel besonders empfänglich für diese Pilze werden, 
so waren damals in den Weinbergen infolge der nämlichen Witterungs- 
Verhältnisse und der von diesen veranlaßten Prädisposition der Reben 
auch der Peronospora viticola die günstigsten Bedingungen für ihre 
Ausbreitung gegeben. 

Wenn diese unsere Anschauung richtig ist, so müssen sich 
in früheren Jahren, die ähnliche Witterungsverhältnisse aufwiesen, 
wie das vergangene, auch ähnliche Erscheinungen im Auftreten der 
Peronospora viticola wiederfinden. lieider läßt sieh eine solche 
Untersuchung nicht lückenlos durchführen, weil die Weinberge, 
sobald sich der Pilz stärker zu zeigen beginnt, im darauffolgenden 
Jahre eine sehr viel intensivere Behandlung mit Kupfermitteln er- 
fahren, wie vorher, wodurch der Parasit in seinem normalen Auf- 
treten behindert wird. Dazu kommt dann noch, daß die Berichte 
über die Ausbreitung von Rebkrankheiten meist sehr lückenhaft 
sind. Am brauchbarsten sind für unseren Zweck noch die Angaben, 
welche im Jahresbericht der Anstalt enthalten sind. Sie haben auch 

Uoiaenhoimer Bericht 1906. 9 



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130 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

den Vorzug, daß sie nur von zwei Beobachtern (Zweifler und Seuffer- 
held) niedergelegt sind, weshalb wir auch uns ihrer bedienen wollen. 

1897/98 S. 43: ..Allein recht bald sind die vielversprechend 
stehenden Aussichten herabgemindert worden, einerseits durch die 
um Mitte August beginnende Erkrankung der Blätter durch Pero- 
nospora in den nicht bespritzten Weinbergen, andrerseits aber durch 
eine Periode regnerischer und rauher Witterung, welche bis Ende 
September anhielt.“ 

Ebenda S. 40: „Peronospora schädigte den Rheingau zum ersten- 
mal in ganz empfindlicher Weise, trotzdem sie erst nach Mitte 
August um sich zu greifen begann.“ 

1898/99 S. 30: „infolge der übermäßigen Feuchtigkeit ist zu 
alledem noch die Peronospora zu einem bis dahin im Rheingau 
noch nicht beobachteten Termin aufgetreten; man fand am 7. Juni 
davon heftige Ansteckungen, welche ein sofortiges Eingreifen er- 
heischten und die in diese Zeit fallenden Grab- und Heftarbeiten 
zurücktreten ließen, weil mit aller Arbeitskraft an die möglichst 
rasche Bespritzung gegangen werden mußte. Mehrfache starke 
Regengüsse erschwerten recht sehr den Fortgang dieser Arbeit, 
schwemmten teilweise auch die frisch aufgetragene Bespritzung ab 
und machten so eine Wiederholung derselben Behandlung notwendig. 
Unterdessen wuchs der Stock heraus, aber auch das Unkraut machte 
sich in einer Weise breit, daß man mit Aufgebot der nun wieder 
frei gewordenen Kräfte kaum im stände war, alle Arbeit rechtzeitig 
zu bewältigen. So kam es, daß in üppig wachsenden, Boden be- 
schattenden und feucht bleibenden Quartieren, wie z. B. im Dechaney- 
Weg zu Eibingen, mittlerweile die Peronospora Zeit fand, die 
unteren Stockteile zu befallen, wobei auch die nur selten vor- 
kommende Erscheinung beobachtet wurde, wonach blühende Ge- 
scheine von der Krankheit ergriffen wurden. Der Monat 
J uli ließ von einer Besserung des Witterungscharakters nichts merken; 
vielmehr hielt die veränderliche, an Niederschlägen reiche und küble 
Periode an, setzte sich auch noch im August fort, so Verhältnisse 
schaffend, welche für die Entwicklung der Trauben ebenso störend, 
wie für das Umsichgreifen der Peronospora und des Oidiums, das 
sich dieser noch zugesellte, günstig waren.“ 

1899/1900 S. 37: „Anfang September trat zuerst in diesem 
Jahre die Peronospora auf, ohne sich weiter zu verbreiten.“ 

1900/01 S. 64: „Am 4. Juli wurde zum ersten Male die Pero- 
nospora bemerkt, sie kam jedoch infolge der heißen, trocknen Witte- 
rung nicht zur Wirkung. Erst Anfang September trat sie wieder 
auf und nahm in der Kebschule so überhand, daß nochmals gespritzt 
werden mußte.“ 

1901 S. 13: „Ende August, Anfang September trat die 
Peronospora ziemlich stark auf, doch konnte dieselbe keinen nennens- 
werten Schaden anrichten.“ 

1902 S. 12: „Die Peronospora trat den 13. Juni zum ersten- 
mal auf, griff aber nicht weiter um sich. Mit den Bespritzungen 
wurde am 14. Juni begonnen.“ 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 131 

„Anfang Juli war. da wieder leichte Peronospora auftrat, ein 
zweites Spritzen notwendig. Auch diesmal griff jedoch die Krank- 
heit nicht um sich, sondern trat nur in ganz leichter Form auf, um 
wieder zu verschwinden, was bei der Trockenheit des Juli voraus- 
zusehen war.“ 

Ebenda S. 13: „Anfang September trat die Peronospora zum 
drittenmal auf und griff in kürzester Zeit sehr stark um sich, konnte 
aber großen Schaden nicht mehr anrichten.“ 

1903 S. 13: „Bald darauf, den 13. Juni, zeigte sich auch zum 
ersten Male die Peronospora, ohne jedoch weiter um sich zu greifen. 
Da jedoch durch die heftigen und häufig aufeinanderfolgenden Ge- 
witterregen die Bekämpfungsmittel, besonders der Schwefel, bald ab- 
gewaschen waren, mußto eine 2. und 3. Bespritzung und Schwefelung 
rasch hintereinander folgen.“ 

„Mitte Juli trat noch einmal das Oidium und die Peronospora 
auf und breiteten sich rasch aus. Da wieder starke Regengüsse 
dazwischen kamen, mußte verschiedene Male gespritzt und ge- 
schwefelt werden.“ 

1904 S. 15: „Besonders häufig zeigte sich anfänglich die Pero- 
nospora. und mußte man mit dem Spritzen bei der Hand sein. Wo 
nach den Regentagen eine zweite Kupfervitriolbespritzung versäumt 
wurde, zeigte sich bald ein Schaden an den jungen Trauben und 
manche Lage hatte darunter empfindlich gelitten. 

Aus diesen Berichten geht hervor, daß das Auftreten der Pero- 
nospora je nach den Jahren ein sehr wechselndes ist; sie kann sich 
von Juni ab bis in den September hinein in den Weinbergen ein- 
stellen. Im allgemeinen war das Auftreten des Pilzes, von den 
beiden letzten Jahren abgesehen, in unserem 10jährigen Zeitraum 
ein schwaches, nur im Jahre 1898 fand er Gelegenheit sich weiter 
zu verbreiten. Ein Blick in unsere Tabellen und Kurventafeln be- 
sagt uns, daß der damaligen Epidemie genau dieselben Ursachen 
zu Grunde gelegen haben, wie der letzten, und wenn damals der 
von dem Pilze hervorgerufene Schaden nicht die Höhe desjenigen 
von 1906 erreichte, so ist dies allem Anscheine nach nur darauf 
zurückzuführen, daß er damals anfangs in den Weinbergen eine 
nicht so hohe Temperatur antraf und die Reben auch nicht so 
häufig benetzt wurden, wie im vergangenen Jahre. Aus den Tabellen 
ergibt sich, daß 1898 die Zahl der Tage mit Niederschlägen und 
die Regenhöhen der in Frage kommenden Monate sehr groß waren; 
sie gingen, namentlich in den Monaten Mai und Juni, hoch über 
das 10jährige Mittel hinaus. Dasselbe gilt von der relativen Feuchtig- 
keit; in allen 4 Monaten wurde von ihr das 10jährige Mittel über- 
schritten. Die Temperatur blieb, abgesehen vom August, in allen 
Monaten hinter dem Mittel zurück, und der Sonnenschein war. außer 
im August, in allen Monaten ein geringerer, wie im Durchschnitt der 
letzten 10 Jahre. Der Mai 1898 war der sonnenscheinärmste Monat 
der letzten 10 Jahre; die Dauer des Sonnenscheines blieb in ihm 
72,3 Stunden gegen das 10jährige Mittel zurück. Hiermit dürfte 
auch das in diesem Jahre von Zweifler beobachtete Auftreten der 

9* 



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132 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Peronospora in den Gescheinen stark wachsender Stöcke, denen 
der wenige Sonnenschein noch von darüber liegenden Blättern ge- 
nommen wurde, zurückzuführen sein. 

Die geringe Sonnenscheindauer ist aber noch nach einer anderen 
Richtung hin von großer Bedeutung für das Zustandekommen einer 
Peronospora- Epidemie. Wie wir bereits gesehen haben, zeichnen 
sich Peronospora-Jahre u. a. besonders durch die große Zahl der 
Tage mit Niederschlägen aus. Nur wenn die Feuchtigkeit längere 
Zeit auf den Reben erhalten bleibt, resp. hier oft erneuert wird, 
vermag sie dor Pilz zu infizieren. Es ist leicht einzusehen, daß 
hierbei aber auch die Besonnung der Reben eine große Rolle spielt. 
Je länger dieselbe anhält, umso ohor werden dio Reben abtrocknen, 
während sie bei kürzerer Dauer derselben längere Zeit naß bleiben. 
Tm ersteren Falle wird es dem Pilze nicht gelingen, in die Reben 
einzudringen, während im letzteren die Infektion ungehindert er- 
folgen kann. Hiermit dürfte es auch Zusammenhängen, daß bei den 
letzten Peronospora-Epidemien die Gescheine so stark von dem Pilze 
heimgosucht wurden. Daß dieselben infolge ihrer Schattenstellung 
und des an sich geringen Sonnenscheines besonders prädisponiert 
für die Krankheit waren, haben wir schon gesagt. Es kommt aber 
noch hinzu, daß aus denselben Gründen die an ihnen haftende 
Feuchtigkeit sehr viel später abtrocknete, wie von dem Blattwerk, 
weshalb an ihnen sohr viel günstigere Bedingungen für die Ent- 
wicklung des Pilzes vorhanden waren, wie an diesem. 

Daß jedoch auch die von uns aufgestellte Regel nicht ohne 
Ausnahme ist, und die Peronospora auch unter Verhältnissen auf- 
treten kann, die von den im Vorstehenden beschriebenen abweichen, 
zeigt uns ein Vergleich der Epidemien, unter denen in den Jahren 
1905 und 1906 der Weinbau der Mosel gelitten hat 

Über die Witterungs Verhältnisse, die damals an der Mosel 
herrschten, geben nachfolgende Tabollen Aufschluß. Diejenigen Uber 
die Höhe der Niederschläge, Zahl der Tage mit Niederschlägen, 
relative Feuchtigkeit und Temperatur enthalten die Beobachtungen 
der Station Trier, diejenigen über die Dauer des Sonnenscheines 
dio Beobachtungen der Stationen Avelorberg und Ockfen. 



1. Höh« der Niederschläge (Trier). 





1903 i 


1901 


1905 


1906 


Mittel 


Hai 


45 


eo 


39 


86 


67,5 


Juni 


59 


09 


104 


52 


86.0 


Juli 


56 


59 


65 


71 


62.7 


August 


108 


38 


52 


91 


72.2 


2. Zahl der 


Tage mit 


Xiedersi 


ch lägen 


(Trier). 




Mai 


13 


13 


13 


24 


15,7 


Juni 


9 


11 


10 


13 


12,2 


Juli 


17 


7 


13 


13 


12,5 


August 


15 


12 


16 


15 


14,5 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 133 



3. Relative Feuchtigkeit (Trier). 





1903 


1904 


1905 


1906 


Mittel 


Mai 


US 


70 


65 


86 


72,2 


Juni 


60 


72 


69 


80 


71,7 


Juli 


68 


03 


69 


80 


70.0 


August 


T4 


67 


71 


78 


72,2 


4. 


Mittel der Temperatur. 








13,8 


14,5 


13,4 


13,2 


13,7 


Juni 


16.3 


17,4 


18,2 


15,0 


16,7 


Juli 


17,8 


21,3 


20,7 


17,8 


19,4 


August 


17,0 


18,0 


18,0 


17,3 


17,6 


5. Dauer des Sonnenscheines (A velerbcrg). 




Mai 


232 


237 


227 


152 


212,0 


Juni 


215 


270 


239 


178 


225.5 


Juli 


210 


328 


283 


182 


250,7 


August 


196 


254 


213 


230 


223.2 


6. Dauer des Sonnenscheines (Ockfen). 




Mai 


214 


208 


192 


147 


190,2 


Juni 


208 


221 


220 


192 


210,2 


Juli 


194 


281 


260 


187 


230,5 


August 


182 


221 


195 


229 


206,7 



Wie aus diesen Tabellen zu erkennen ist, bestehen zwischen 
den Witterungsverhältnissen der Jahre 1905 und 1906 an der Mosel 
(Trier und Umgebung) große Unterschiede. 1905 war der Mai regen- 
arm, der Juni sehr regenreich, im Juli war die Regenhöhe normal 
und im August blieb sie hinter dem 4jährigen Durchschnitt zurück. 

1906 zeichnete sich der Mai durch eine große, der Juni da- 
gegen durch eine geringe Regenhöhe aus, und im Juli und August 
waren die Niederschläge bedeutend stärker wie im Vorjahre. 

Ebenso verschieden war die Zahl der Tage mit Niederschlägen. 

In 1905 war sie im Mai gering, im Juni sehr groß, im Juli 
entsprach sie dem vierjährigen Mittel und im August war sie größer 
wie dieses. 

In 1906 fällt vor allen Monaten der Mai durch die große Zahl 
der Tage mit Niederschlägen auf; in den übrigen Monaten waren 
dieselben normal. 

Die relative Feuchtigkeit war 1905 durchgängig eine sehr 
viel geringere wie 1906; im letzten Jahre ging sie weit über den 
vierjährigen Durchschnitt hinaus. 

Die Temperatur war 1905 im Mai dem vierjährigen Mittel 
ungefähr gleich, im Juni überstieg sie dieses sehr stark und blieb 
auch im Juli und August noch über ihm stehen. 1906 herrschte 
im Mai dieselbe Temperatur wie in diesem Monat des Vorjahres, 
während sie im Juni. Juli und August viel geringer wie um dieselbe 
Zeit des Vorjahres und auch geringer wie im vierjährigen Durch- 
schnitt war. 



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134 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Die Dauer des Sonnenscheines war 1905 sowohl in Ockfen als 
auch in Avelerberg in allen Monaten außer im August, eine längere, 
1900 dagegen außer ini August eine kürzere wie im vierjährigen Mittel. 

Vergleichen wir diese Befunde mit den Ergebnissen unserer 
Untersuchungen über die Witterung im Rheingau während der 
letzten Peronospora-Epidemie, so finden wir, daß nur diejenigen des 
Jahres 1906 mit ihnen übereinstimmen. Auch an der Mosel (Um- 
gebung von Trier) zeichnet sich das Peronospora-Jahr 1906 vor allem 
aus durch die große Zahl der Tage mit Niederschlägen, die 
hohe relative Feuchtigkeit und die geringe Dauer des 
Sonnenscheines. 

Während des Peronospora-Jahres 1905 hatte die Witterung an 
der Mosel einen ganz anderen Charakter. In diesem Jahre wies 
der Juni die größten Niederschlagsmengen und neben dem August 
die meisten Regentage auf; die relative Feuchtigkeit war in allen 
Monaten eine geringere, die Temperatur eine höhere und die Dauer 
des Sonnenscheines eine längere wie 1906. Allem Anscheine nach 
ist damals das epidemische Auftreten des Pilzes allein durch die 
abnorm hohe Feuchtigkeit und die außerordentlich hohe Temperatur 
des Monats Juni ausgolöst worden, während dies bei den anderen hier 
untersuchten Epidemien höchstwahrscheinlich schon im Mai erfolgte. 

Bei unseren Untersuchungen haben wir jetzt allein das Auf- 
treten der Peronospora während der letzten 10 Jahre berücksichtigt. 
Wenn wir hierbei noch weiter zurückgohen und unsere Betrachtungen 
auch auf die diesen vorausgegangenon 10 Jahre ausdehnen, so finden 
wir in den Jahresberichten unserer Anstalt über das Verhalten des 
Pilzes in den einzelnen Jahren folgende Angaben vor: 

1885/86 S. 47. »Peronospora viticola wurde erst am IB.Oktober 
im Rebsortiment bemerkt.« 

1886/87 S. 43. »Von den pflanzlichen Parasiten trat in 

diesem Jahre zum ersten Male die Peronospora viticola in schaden- 
briugender Weise, namentlich bei Elbling auf. Die Krankheit wurde 
am 17. August zuerst an Riesling wahrgenommen und verbreitete 
sich in kurzer Zeit überall.« 

1887/88 S. 48. »Der falsche Meltaupilz (Peronospora viticola) 
hat sich in sehr geringer Menge bemerkbar gemacht.« 

1888/89 S. 54. »Von pflanzlichen Weinstockschädlingen ist 

spät (September) und nur in ganz geringe Grade schädigend die 
Peronospora viticola aufgetreten.« 

1889/90 S. 48. »Von pflanzlichen Rebschädlingen ist die 

Peronospora viticola früher und stärker aufgetreten als im Vorjahre: 
am 20. Juni wurde die erste Infektion aufgefunden.« 

1890/91 S. 52. »Peronospora viticola ist nur schwach auf- 
getreten und hat nur die nach der Bespritzung gewachsenen obersten, 
ohnehin abfallenden Gipfeltriebe beschädigt.« 

1891/92 S. 31. »Der falsche Meltau ist in diesem Jahre 

früher und stärker aufgetreten als seither.« 

1892/93 S. 43. »Wohl der trockenen Witterung ist es zu- 
zuschreiben, daß die Peronospora gar nicht aufgetreten ist.« 



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74 




Feuchtigkeit 


73 


16 




72 






71 


15 


1er Regen tage 


70 






69 


14 




68 






67 


13 




66 






65 


12 




64 






63 


11 




62 






61 


10 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 135 

1893/94 S. 34. »Infolge der trocknen Witterung hatte der Stock, 
wie auch im Jahre 1892, durch pflanzliche Schmarotzer nicht zu 
leiden gehabt. Die Belaubung blieb den ganzen Sommer bis in den 
Herbst eine gesunde und üppige.» 

1894/95 S. 41. »Die Peronospora wurde an einigen Sorten in 
der Rebschule beobachtet, wo sie trotz mehrmaliger Bespritzung 
heftig aufgetreten ist. Der Weinberg blieb frei davon.« 

1895/96 S. 50. »Peronospora viticola ist erst spät und nur 
bei einigen Sorten im Sortiment beobachtet worden.« 

1896/97. Enthält nur Allgemeines über den Pilz. 

Aus diesen Angaben ergibt sich, daß die Peronospora auch in 
dem in Rede stehenden Zeitraum im allgemeinen nur schwach auf- 
getreten ist Am frühesten und stärksten scheint sie sich im 
Jahre 1891 bemerkbar gemacht zu haben, dies besagt wenigstens 
außer der Angabe im Jahresbericht der Anstalt auch ein Aufsatz 
von A. Gindt im Jahrgang 1892 unserer Weinbau-Mitteilungen in 
dem es heißt: »Wohl in keinem Jahre seit dem verderblichen Ein- 
zug der Peronospora viticola in unseren Woingauen ist diese Krank- 
heit mit größerer Wucht aufgetreten, als im vergangenen Jahre — 
und kein Wunder — , waren ja die Verhältnisse zur frühen und 
gedeihlichen Entwicklung dieses Pilzes die denkbar günstigsten: 
frühzeitige und häufige Gewitterregen, feuchtwarme Luft, viele Nebel 
und Verunkrautung des Bodens«. 

Über die Witterungsverhältnisse des genannten Zeitraumes geben 
die nachstehenden Tabellen und die beiliegenden Kurventafeln 
Auskunft: 

1. Höhe der Niederschlage. 





1885 


I880jl887 


1888 


1889 


1890 


189l]l892 


1893 1894|l895 


1890 


Mittel 


Mai . . . 


70 


54 


97 


23 


49 


39 


48 


17 


12 


36 


35 


3 


40,3 


Juni . . . 


62 


112 


23 


118 


08 


44 


162 


42 


31 


32 


42 


40 


64.7 


Juli . . . 


08 


31 


50 


88 


76 


71 


59 


36 


79 


53 


25 


80 


59,7 


A-gust . . 


39 


57 ] 


40 


26 


31 


65 


51 


13 


47 


55 


19 


58 


41.8 








2 


Zahl der Rcgeu 


tage 












Mai . . . 


25 


16 1 


22 


13 


13 


15 


20 


13 


12 


16 


14 


7 


15.5 


Juni . . . 


12 


21 


8 


20 


17 


20 


21 


16 


11 


13 


15 


18 


16.0 


Juli . . . 


10 


14 


13 


24 


18 


20 


22 


13 


13 


22 


16 


15 


10,6 


August . . 


12 


14 


10 


11 


14 


23 


20 


12 


9 


21 


13 


15 


14.5 








3. 


Rel 


ative Feuchtigke 


t 










Mai . . . 


71 


82 1 


71 


58 


64 


65 


65 


59 


58 


66 


67 


60 


65,5 


Juni . . . 


68 


83 


61 


67 


66 


64 


71 


69 


58 


68 


64 


69 


67.3 


Juli . . . 


71 


72 


04 


75 


71 


72 


74 


64 


68 


66 


68 


73 


69,8 


August . . 


08 


70 

1 


61 


73 


74 


76 


73 


64 


71 


76 


68 


80 


71,2 










4. 


Tem peratur 














Mai . . . 


10,9 


14.1 


11.7 


14,0 


17.6 


15,5 


14.3 


14,6 


14.9 


13,0 


14,3 


13,7 


14,1 


Juni . . . 


18,0 


15,0 


17,9 


17,4 


20.3 


15,9 


16.9 


16.6 


18,5 


16,4 


17,9 


18.3 


17.5 


Juli . . . 


18.:. 


18.1 


20.8 


15.7 


18.2 


10,9 


17,5 


17,5 


19.5 


19,4 


18.0 


18,3 


18.3 


August . . 


16.1 


18,0 


17,4 


16,4 


17,0 


17,9 


16,2 


19.7 


19,0 


16,9 


18.2 


15,8 


17,4 



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136 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



5. Dauer des Sonnenscheines. 

(Der Sonnenscheüi-Autograph wurde erst 1889 aufgestellt) 





1889 


1890 


1891 


1892 


1893 


1894 


1895 


1896 


Mittel 


Mai ... . 


243 


238 


175 


271 


237 


196 


250 


276 


235,7 


Juni .... 


272 


2'K) 


171 


228 


306 


198 


266 


219 


230.3 


Juli .... 


231 


212 


198 


281 


214 


247 


223 


256 


232.8 


August . . . 


228 


174 


206 


277 


200 1 


181 


209 


157 


219,8 



Aus den Tabellen und Kurventafeln geht hervor, daß im Jahre 
1891 die Witterungsverhältnisse ähnlich gewesen sind, wie wir sie 
für die Jahre mit Peronospora-Epidemien bereits festgestellt haben. 
Auch dieses Jahr zeichnet sich aus durch eine große Zahl der 
Tage mit Niederschlägen, eine hohe relative Feuchtigkeit und eine 
goringe Dauer des Sonnenscheines, drei Faktoren, durch welche 
nicht allein die Entwicklung der Peronospora begünstigt, sondern 
auch der Stock für die Krankheit prädisponiert wird. 

d) Bekämpfung. 

Nach der allgemeinen Erfahrung, die auch wieder durch die 
vorstehende Untersuchung ihre Bestätigung gefunden hat, sind es 
abnorme Witterungsverhältnisse, welche die Peronospora zu einem 
epidemischen Auftreten veranlassen. Hieraus folgt, daß wir bei der 
Bekämpfung des Pilzes zunächt bestrebt sein müssen, ihm diese 
günstigen Entwicklungsbedingungen, so gut sich dies eben erreichen 
läßt, zu nehmen. Dabei kann in verschiedener Weise vorgegangen 
werden. Vor allem ist darauf zu achten, daß die Reben möglichst 
zeitig geheftet werden, so daß Luft und Licht ungehindert auf sie 
einwirken können. Hierdurch wird die die Stöcke umgebende Luft 
an Feuchtigkeit ärmer, und die grünen Rebteile nicht verweichlicht; 
als weiterer Vorteil kommt hinzu, daß durch diese Maßnahme auch 
der Boden leichter abtrocknet Ebenso wichtig, wie das zeitige 
Heften, ist das frühe Entfernen dos Unkrautes aus den Weinbergen, 
durch welche Arbeit gleichfalls die Feuchtigkeit in der Umgebung 
der Stöcke vermindert wird. Auch die Art des Bodens, in der 
die Reben stocken, ist für das Auftreten und die Ausbreitung der 
Peronospora von Bedeutung. Schwere Böden, die die Feuchtigkeit 
lange Zeit festhalten, begünstigen hierdurch die Entwicklung des 
Pilzes, während er auf leichten Bodenarten, die schnell abtrocknen, 
keine so guten Lebensbedingungen vorfindet. Es ist deshalb zweck- 
mäßig, alle die eben genannten Arbeiten und auch das Spritzen 
zuerst in Lagen mit schweren Böden vorzunehmeii. 

Es wurde bereits wiederholt darauf hingewiesen, daß in diesem 
Frühjahr an den mit Kupfermitteln bespritzten Reben sich vielerorts 
Verbrennungserscheinungen zeigten, die in früheren Jahren nicht 
oder doch nur ganz vereinzelt wahrgenommen wurden und die mit 
der mangelhaften Ausbildung ihrer Oberhaut infolge der abnormen 
Witterungsverhältnisse dieser Zeit in Zusammenhang standen. Daß 
dieselben tatsächlich auf die Kupferung zurückzuführen sind, ergibt 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation, [ 7 

sich nicht allein daraus, daß sie sich nur in behandelten Wein- 
bergen bemerkbar machten, sondern es ist dies auch daraus zu er- 
kennen, daß diese Schäden um so stärker in die Erscheinung 
traten, je konzentriertere Brühen bei den Bespritzungen verwendet 
worden waren. Diese Erscheinungen weisen aber darauf hin. daß 
wir in so abnormen Frühjahren, wie das vergangene eines gewesen 
ist, bei der Bekämpfung der Pcronospora sehr vorsichtig sein 
müssen. Um Beschädigungen, wie die genannten zu vermeiden, 
dürfen alsdann die Beben nur mit schwachen Brühen — •/, bis 
*/ 4 prozentigen — bespritzt werden. 

Im übrigen hat die diesjährige Peronospora-Epidemie dio in 
früheren Jahren gesammelten Erfahrungen bestätigt. Nur derjenige 
ist des Pilzes Herr geworden, der frühzeitig gegen ihn vorgegangen 
ist und seine Maßnahmen wiederholt durchgeführt hat. Es darf 
jedoch auch nicht verschwiegen werden, daß viele der diesjährigen 
Erfolge auch rein zufällige waren, denn mancher hat bekanntlich 
durch eine oder wenige Bespritzungen mehr erreicht, als andere 
mit einem halben Dutzend oder mehr. Auf diese zufällig erreichten 
Erfolge möchte ich jedoch besonders hinweisen, denn gerade sie 
zeigen uns, wie sehr ausschlaggebend der richtige Zeitpunkt bei 
der Bekämpfung des Pilzes ist. Wird dioser erfaßt, sei es nun 
durch Zufall oder besondere Mühewaltung, dann hat für uns die 
Peronospora viel von ihrer Bedeutung verloren; wird er jedoch 
versäumt, dann hilft alles Spritzen nichts mehr, und wir müssen 
den Verheerungen, dio der Pilz anrichtet, Zusehen, bis trockene 
Witterung seiner Verbreitung Einhalt gebietet. 

Von den Brühen, die in diesem Frühjahr zur Bekämpfung der 
Peronospora benutzt wurden, haben sich vor allen wieder die 
Kupfervitriolkalk- und die Kupfervitriolsodabrühe bewährt. Sie 
kommen jetzt meist zweiprozentig zur Anwendung. Die Erfahrungen, 
die mit dem neutralen essigsauren Kupfer gemacht worden sind, 
widersprechen sich. Bei einigen Versuchen hat sich dieses neue 
Mittel gut bewährt, bei anderen hat es vollständig versagt. Diese 
Mißerfolge sind höchstwahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß 
das Salz, wenn es auf dio Reben gespritzt worden ist, erst nach 
einiger Zeit in eine unlösliche, festanhaftende Form übergeht. 
Herrscht nun nach der Bespritzung mit diesem Salz trocknes Wetter, 
dann hat es genügende Zeit, sich fest den griinon Kebteilen anzu- 
schmiegen und die genannte Veränderung einzugehen, wodurch 
dieselben gegen eino Infektion durch den Pilz geschützt sind. Stellt 
sich jedoch, bevor sich das Salz umgewandelt hat, Regen ein, dann 
war die ganze Bespritzung umsonst Es wird dann von den Reb- 
teilen abgowaschen, wonach diese den Angriffen des Pilzes ebenso 
preisgegeben sind, als wenn sie nicht behandelt worden wären. 
Aus diesem Grunde, und weil das Salz auch teurer ist, wie unsere 
gewöhnlichen Mittel, kann seine Anwendung nicht empfohlen werden. 
Auch von der Verwendung des Azurins und anderer fertiger Mittel 
muß abgeiaten werden. Sie sind alle viel teurer wie die genannten, 
ohne dabei von besserer Wirkung zu sein. Über die Brauchbarkeit 



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138 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

pulverförmiger Mittel für die Peronosporabekämpfung können erst 
Versuche, die von uns für das nächste Jahr vorgesehen sind, Auf- 
schluß geben. 

Es bleibt nunmehr noch ein sehr wichtiger Punkt zu besprechen 
übrig: die Zeit, in welcher die Bekämpfung der Peronospora er- 
folgen soll. Diese ein für allemal festzusetzen, ist schlechterdings 
unmöglich, denn das Auftreten des Pilzes hängt erfahrungsgemäß 
viel zu sehr von der Witterung ab. Die Jahreszeit ist hierbei von 
gar keiner Bedeutung, denn seine Ausbreitung kann erfolgen von 
Mitte Mai ab bis in den Oktober hinein. Bei diesem Auftreten ist 
nicht zu vergessen, daß wir den Befall nicht sofort wahrnehmen. 
Der Pilz kann bereits tagelang in den Blättern vorhanden sein, 
ohne daß sich äußerlich die Anzeichen der Krankheit an diesen 
bemerkbar machen. Erst mit der Zeit ist der schädliche Einfluß, 
den der Pilz auf die Blätter ausübt, auch äußerlich zu erkennen. 
Es erscheinen an ihnen dann gelbe, mißfarbige Flecken, aus denen 
schließlich und zwar nur auf der Unterseite, die bekannten weißen 
Schimmelrasen hervortreten, von denen aus sich der Pilz weiter 
verbreitet. Wir haben also den ganzen Sommer mit dem Pilze zu 
rechnen und daraus folgt, daß wir bei seiner Bekämpfung nicht 
warten dürfen, bis er sich in den Weinbergen zeigt, sondern wir 
müssen ihm zuvor zu kommen versuchen, wir müssen bestrebt sein, 
ihn von den Stöcken fern zu halten. Und da sich der Pilz zu- 
weilen schon im Frühjahr in den Weinbergen einstellt, müssen wir 
auch bereits um diese Zeit an seine Bekämpfung denken. Bei ihrer 
Durchführung hat man sich ganz nach der herrschenden Witterung 
zu richten. Ist dieselbe trocken, so genügt es, wenn damit Ende 
Mai bis Anfang Juni begonnen wird, is( sie dagegen warm und 
feucht, so ist die Behandlung schon früher. Mitte Mai, vorzunehmen. 
Der Winzer muß hierbei mit Überlegung vergehen und sich stets 
vergegenwärtigen, daß er in einem warmen und feuchten Frühjahr 
stets mit einem frühzeitigen Auftreten der Peronospora zu rechnen hat. 

Wird die erste Bespritzung um die genannten Zeiten ausgeführt, 
so ist der Kampf schon zur Hälfte gewonnen, wir verhindern damit 
den Pilz an der Ausbildung seiner Sporen und somit an seiner 
Verbreitung und vor allem erhalten wir hierdurch auch den Stöcken 
dio Blätter, die sie zur Ausbildung ihrer Trauben benötigen. Nun 
bildet aber die Rebe gerade im Frühjahr ihre neue Triebe ungemein 
schnell aus; es kommen an ihr täglich neue Triebe zum Vorschein, 
die aber, weil sie nach der ersten Bespritzung erstanden sind, 
nicht gegen die Angriffe des Pilzes geschützt sind. Diese neu ent- 
standenen Triebe möglichst bald mit dem schützenden Belag zu 
versehen, ist nun ebenso wichtig, wie die erste Behandlung, denn 
diese Blätter haben nicht allein für die Ausbildung der Trauben, 
sondern auch für die Entwicklung anderer Stockteile zu sorgen. 
In welcher Zeit die zweite Bespritzung der ersten zu folgen hat, 
hängt wieder von der herrschenden Witterung ab. Bei feuchtem 
Wetter soll man nicht länger als 8 — 10 Tago damit warten, bei 
trocknen kann man sie dagegen 2 — 3 Wochen hinausschieben. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpatliologisohe» Versuchsstation. 139 



Bei diesen ersten Bespritzungen ist vor allem dafür Sorge zu 
tragen, daß außer den Blättern auch die Gescheine getroffen werden, 
und daß die Brühe selbst möglichst gleichmäßig und fein über die 
Stöcke verteilt wird. Es läßt sich dies am besten dadurch er- 
reichen, daß jede Seite einer jeden Zeile zweimal bespritzt 
wird, einmal von ihrem unteren Ende, das andere Mal 
vom oberen Ende aus, wobei der Yerstäuber zu heben 





und zu senken ist. Hierdurch werden alle Stockteile gleich- 
mäßig von der Flüssigkeit getroffen. Dies ist bei der seitherigen 
Behandlungsweise, bei welcher jede Seite einer jeden Zeile nur 
einmal bespritzt wurde, nicht der Fall. Hierbei werden stets ge- 
wisse Teile der Stöcke und zwar diejenigen, welche seitlich der 
Strahlrichtung liegen, weniger getroffen. Der Vorteil unserer neuen 
Spritzweise gegenüber der seitherigen ist aus beistehenden Skizzen 
zu erkennen (Fig. 38 und 39). 

Um die Brühe möglichst fein aufzutragen, empfiehlt es sich 



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140 Hl. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlicheu Institute. 

für die Bespritzung; den neuen ungarischen Verstäuber (Bezugs- 
quelle Eisonhändler M. Strauß. Geisenheim, Preis 2,50 M) zu ver- 
wenden, mit dem Fuhr bei seinen Versuchen die feinste Verteilung 
erzielte. ' 

Die beiden ersten Bespritzungen sind die Grundlage für die 
ganze Peronosporabekämpfung. Werden sie zur richtigen Zeit und 
mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt, dann ist die Macht des Pilzes 
gebrochen. Sie werden auch unter normalen Verhältnissen genügen, 
um die Rehen gesund zu erhalten. Sind jedoch die Entwicklungs- 
bedingungen für den Pilz günstige, dann ist natürlich öfters zu 
spritzen; es können dann 5 — 6 Behandlungen erforderlich werden, 
die von der zweiten ab in Zwischenräumen von ca. 2 — 3 Wochen 
aufeinander folgen sollen. Fällt unmittelbar nach einer Bespritzung 
Regen und wird von diesem die Brühe von den Reben abgewaschen, 
so ist die Behandlung sofort zu wiederholen und zwar an allen 
Zeilen, deren Stöcke auf ihren Blättern Spritzflecken nicht erkennen 
lassen. 

2. Aufgaben der Lehranstalt bezüglich der Prtttung von Mitteln 
zur Bekämpfung tierischer und pflanzlicher Schädlinge. 

Bereits in den früheren Jahresberichten der Königl. Lehranstalt 
sind regelmäßig Mitteilungen gemacht worden über die Ergebnisse 
von Untersuchungen über verschiedenste von der Technik ein- 
geführte Mittel zur Bekämpfung tierischer oder pflanzlicher Schäd- 
linge, bezw. über die Brauchbarkeit und Art der Anwendung solcher 
Mittel. In Nummer 35 des Jahrganges 1906 von „Möllers deutscher 
Gärtnerzeitung“ wird nun, unter besonderem Hinweis auf die in 
dem Jahresberichte für das Etatsjahr 1905 mitgeteilten darauf be- 
züglichen Versuchsergebnisse, der Königl. Lehranstalt die Beschul- 
digung gemacht, daß sie durch Anstellung und Veröffentlichung 
derartiger Versuche dem „Geheimmittel- Unwesen“ Vorschub leiste. 

Diese Beschuldigung ist schon aus dem Grunde nicht zutreffend, 
weil die Königl. Lehranstalt derartige Untersuchungen grundsätzlich 
niemals im direkten Auftrag von Fabrikanten ausgeführt noch über 
die erzielten Ergebnisse Gutachten ausstellt, welche dann zu Reklamo- 
zwecken Benutzung finden könnten. Zudem ist es bei vielen zur 
Schädlingsbekämpfung benutzten Substanzen, z. B. den Karbolinoum- 
Präparaten, wie es an der genannten Stelle für orforderlich er- 
achtet wird, unmöglich, durch eine chemische Analyse Aufschluß 
übor die genaue chemische Zusammensetzung derselben zu erlangen. 

Dasselbe ist aber auch nicht nötig, weil durch die Kenntnis der 
chemischen Zusammensetzung in einem solchen Falle für die Praxis 
nichts gewonnen würde und von einem billigeren Vertriebe solchor 
im Großbetrieb hergestelltor Substanzen nicht die Rede sein kann. 

Es genügt zunächst festzustellen, ob derartige Mittel wirksam und 
für die Praxis brauchbar sind oder nicht. 

Es erscheint darnach nicht nur nicht bedenklich, sondern muß 
sogar als Pflicht und nicht unwichtige Aufgabe eines mit Forschungs- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzet! pathologischen Versuchsstation. 141 

Instituten ausgestatteten, der Praxis unmittelbar dienenden Lehr- 
institutes, wie es die Königl. Lehranstalt ist, betrachtet werden, 
durch eigne Untersuchungen und Prüfungen der aus der Praxis 
selbst hervorgehenden Neuerungen, seien es nun Verbesserungen 
bezw. Neukonstruktionen von Apparaten und Geräten, oder Neu- 
einführungen von Mitteln für die Schädlingsbekämpfung oder für 
die Kellerwirtschaft empfohlene Mittel usw., sich auf dem Laufenden 
zu halten, um jederzeit in der Lage zu sein, der Praxis auf eigene 
Erfahrungen gestützten Rat erteilen zu können. Über die Ergebnisse 
derartiger Untersuchungen muß in dem Jahresberichte der Königl. 
Lehranstalt ordnungsgemäß berichtet werden. Wortmann. 

3. Untersuchungen Ober den Einfluss des Carbolineums auf 

die Bfiutne. 

Von Dr. Gustav Lüatuer. 

In neuerer Zeit finden Karbolineum und Karboliueumpräparate 
zur Bekämpfung von auf den holzigen Teilen der Obstbäume lebenden 
Schädlingen und zur Behandlung von Wunden an denselben immer 
mehr Verwendung. Und tatsächlich haben sich diese Mittel gegen 
einige sehr schädliche Insekten aufs beste bewährt. Es sind jedoch 
aucli Stimmen laut geworden, die von der Benutzung des Karbolineums 
als Schädlingsbekämpfungsmittel abraten, weil durch einen Anstrich 
der Bäume mit dieser Flüssigkeit ernste Beschädigungen au ihnen 
entstehen können. Diese verschiedenen Ergebnisse bei der Prüfung 
des Karbolineums als Heilmittel für Baumkrankheiten sind darauf- 
zurückzuführen, daß die einzelnen Versuche nicht mit ein und dem- 
selben Karbolineum angestellt wurden, sondern daß dabei Karbolineum- 
sorten von ganz verschiedener chemischer und physikalischer Be- 
schaffenheit zur Anwendung kamen. Man benutzte hierbei Kar- 
bolineumsorten, die für ganz andere Zwecke, nämlich zum Halt- 
barmachen von totem Holze hergestellt worden waren, und man 
konnte infolgedessen nicht von vornherein wissen, ob dieselben vom 
lebenden Baumo vertragen würden. 

Die Herstellung des Karbolineums erfolgt durch Mischung von 
verschiedenen bei der Destillation des Teeres gewonnenen Ölen. 
Diese Mischung wird in den einzelnen Fabriken sehr verschieden 
vorgenommen, so daß in dem Karbolineum bald die Leichtöle, 
bald die Mittelöle, die Schwende oder die Anthracenüle vor- 
wiegen. Und je nach dieser Zusammensetzung sind die einzelnen 
Karbolineumsorten auch von verschiedener Wirkung auf das Leben 
der damit behandelten Insekten und des diese beherbergenden 
Baumes. 

Nach Aderhold (Karbolineum als Baumschutzmittel. Deutsche 
Obstbauzeitung 1906. Heft 22) sollen sich die Leichtöle zum Ab- 
töten der Schädlinge besser eignen, als die schweren, weil sie dünn- 
flüssiger sind und deshalb besser bis zu diesen Vordringen. Anderer- 
seits gibt Ader hold aber auch an, daß es allem Anscheine nach 



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142 111- Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen lustitute. 

die Leiehtöle sind, welche die von mehreren Seiten beobachteten 
Schädigungen auf den Pflanzen hervorrufen und er betont deshalb 
„daß der Gehalt an solchen nicht beliebig gesteigert werden kann, 
ohne Schädigungen der Rinde oder namentlich der an jüngeren Zweigen 
regelmäßig vorhandenen Knospen befürchten zu müssen.“ 

Durch unsere Versuche sollten folgende drei Fragen gelöst 
werden : 

1. welche Karbolineumsorten, bezw. Teeröldestillate den Bäumen 
schädlich und welche ihnen unschädlich sind. 

2. auf welche Bestandteile des Karbolineums, bezw. der Teeröl- 
destillate die ungünstige Wirkung auf das Lebeu des Baumes zurück- 
zuführen ist Und 

3. welche physikalische und chemische Beschaffenheit ein den 
Schädlingen gegenüber wirksames, zugleich aber für den Baumwuchs 
unschädliches „Karbolineum“ besitzen muß. 

Zu diesem Zwecke hat uns die chemische Fabrik Flörs- 
heim Dr. H. Nördlinger zu Flörsheim a. M. in dankenswerter 
Weise aus den verschiedenartigsten Rohmaterialien, welche für die 
Karbolineumdarstellung in Betracht kommen, nach ganz bestimmten 
Herstellungsmethoden karbolineumartige Produkte fabriziert und deren 
hauptsächlich in Betracht kommenden chemische und physikalische 
Eigenschaften bestimmt. 

Diese Kollektion bestand aus 6 verschiedenen Rohmaterialien 
— No. 772 A — F. — Diese waren weder ihres Phenolgehaltes 
noch ihres Gehaltes an Pyridin basen beraubt; sie enthielten also 
idle Stoffe, die in den meisten Karbolineumsorten des Handels ent- 
halten sind. 

Von diesen Rohstoffen wurde einer, No. 772 C, ausgeschaltet, 
die übrigen auf 3 verschiedene Arten behandelt, so daß sich weitere 
3 Versuchsreihen ergeben. 

ln der zweiten Versuchsreihe — No. 772 G — L — sind die 
genannten Rohmaterialien ihres Phenolgehaltes so gut wie mög- 
lich beraubt wordon. 

In der dritten Versuchsreihe No. 773 — A— E — sind die 
Rohmaterialien von den Pyridinbasen befreit 

Und in der vierten Versuchsreihe — No. 774 A — E — sind 
aus den Rohstoffen sowohl die Phenole, als auch die Pyridin- 
basen entfernt 

Über die Beschaffenheit der einzelnen Versuchsflüssigkeiten 
geben nachstehende Tabellen Aufschluß: 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologisehen Versuchsstation. ( 4;{ 



No. 772. L Versuchsreihe (Prüfung der Rohmaterialien). 

Teeroie verschiedener Fraktionen bezw. Beschaffenheit. 





A. 


B. 


C. 


D. 


E. 


P. 


Vers. Temperst. 


18“ C. 


18“ C. 


IS“ 0. 


18“ C. 


18“ C. 


18” C. 


Spez. Gew. . . . 


0,893 


0.892 


0,995 


1,064 


1.102 


1,124 


Viskos. Grade . . 


0,84“ 1,02“ 

Destillation ii 


1,34“ 1,70” 

Prozenten. 


3,3” 


9,37“ 


100“— 150“ C. . . 


10 % 


7 


6 











151”— 200“ C. . . 


73% 


77 


31 


1 





— 


201 “—250“ C. . . 




3 


43 


307, 


2 


11 


251 “—300“ C. . . 


— 





8 


32 


30 


5 


301 “—360" C. . . 


— 


— 


— 


77, 


17 


4 


Rückstand . . . 


14 


13 


10 


27 


46 


80 


Verlust .... 
End-Temperatur der 


2 


— 


2 


2 


5 


— 



tna-remperatur uer 

Destillation . . 169“ C. ■ 206“ C. 278“ C. 350” C. 360“ C. 360” C. 

Bezeichnung des Öls Leichtöl I Leichtöl II Uitteliil Kreosotol Anthracenöll Schweröl 



772 II. If. Versuchsreihe. 



Die Öle der I. Versuchsreihe entphenoit (außer 772 C.) 





0. 


H. 


1. 


K. 


L. 


Spez. Gew. bei 20” C. . 


0.885 


0,901 


1,036 


1,082 


1,116 


Visk. Grade bei 14“ C. 


0,94” 


1,0“ 


1,42“ 


2,10“ 


6,77” 




Destillation in Prozenten. 






100“— 150“ C. . . . 


127, 


6 











151°— 200“ C. . . . 


80 


66 


67, 


— 


— 


201 “-25t)“ C. . . . 


— 


117, 


38 


16 


1 


251“— 300” C. . . . 


— 




24 


24 


10 


301 “—360“ C. . . . 


— 








177, 


29 


Rückstand 


6 


15 


30 


39 


60 


V’ crlust 


17, 


1'/, 


17, 


37, 


— 


End-Temperatur der De- 












stillation 


173“ C. 


225“ C. 


300“ C. 


360” C. 


360° C. 


Bezeichnung des Öls 


Leichtöl I 


Leichtöl 11 


Kreosotöl 


Anthraeenül 


Schweröl 




entphenoit 


entphenoit entphenoit 

! 

i 


entphenoit 


entphenoit 



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144 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



773. III. Versuchsreihe. 

Die Öle der I. Versuchsreihe (auller 772 C.l entpyridiert. 





A. 


B. 


c. 


D - 


E. 


Versuchs-Tcmp. . . . 


15” C. 


15" C. 


15" C. 


15° C. 


15" C. 


Spez. Gewicht .... 


0,885 


0,895 


1.068 


1,099 


1,123 


Viskos-Grade .... 


0.98" 


1,04" 


1,86" 


3.50" 


14.30" 


100°— 150” C. . . . 


Destillation in Prozenten. 
20 14'/. : — 




— 


151”— 200° C. . . . 


77 


69 


2 


— 


— 


201 ”-250 ”C. . . . 


— 


11 


31 


6 


— 


251 300” C. . . . 


— 


— 


32 


26 


16 


301 ”-360” C. . . . 


— 


— 


17 


23 


20 


Rückstand 


3 


4 


18 


45 


64 


Verlust 


— 


1'/, 


— 


— 


— 


End-Temperatur der De- 
stillation 


175" C. 


230" C. 


360" C. 


360“ C. 


360" C. 


Bezeichnung des Öls 


I /eicht öl I Leichtöl II 


K rcsotöl 


Anthracenol 


Schweröl 


ent- 

pyridiert 


ent- 

pyridiert 


ent- 

pyridiert 


entpyridiert 


ent- 

pyridiort 



774. IV. Versuchsreihe. 

Die Öle der I. Versuchsreihe (auller 772 C.) entphenolt und entpyridiert. 





A. 


B. 


c. 


D. 


E. 


F. 


Versuchs - Temperat. 


16" C. 


16V, 0 C. 


16" C. 


16 1 /," C- 


16° C. 


16*/, 0 C. 
1,002 


Spez. Gewicht . . 


0,892 


0.896 


1,056 


1.099 


1,114 

6,38 


Viskosit Grade . . 


0,96 


1,02 


1,56 


2,9 


1.17 


100"— 150“ C. . . 


Destillation i 
23 1 5 


n Prozenten. 

- ! - 




9 


151"— 200" C. . 


74 


78 


4 


— 


— 


21'/, 


201 "—250" C. . . 


— 


13 


22 


5 


1 


30' , 


251*— 300* C. . . 


— 


— 


37 


29 


15 


21V, 


301 *—360* C. . . 


— 


— 


21 


31 


22 


OV, 


Rückstand .... 


3 


4 


15 


35 


62 


18 


Verlast 


— 


— 


1 


— 


— 


_ 


Eud-Temperatur der 
Destillation . . . 


176° C. 


230" C. 


360» C. 


360" C. 


360" C. 


360" C. 


Bezeichnung des Öls 


Leichtöl I 


Loichtöl 11 


Kresotol 


Anthracenol 


Schweröl 


Spezialöl 


entphenolt 

und 

entpyridiert 


ontphonolt 

und 

entpyridiort 


entphenolt 
und ent- 
pyridiert 


entphenolt 

und 

cnlpyudicit 


entphenolt 

und 

entpyridiert 



Mit jeder der genannten Flüssigkeiten wurden am 27. März 190ö 
zwölf vier- bis sechsjährige Apfelbäume — zusammen 252 Bäumchen 
— derart behandelt, daß ihre Stammelten von unten bis oben allseitig 
bestrichen wurden. Die Bäumchen wurden am 28. Marz 1906 in 
den Kronen geschnitten und blieben alsdann bis zum 4. April 1907 
sich selbst überlassen. An diesem Tage wurden die Stammelten 
untersucht, wobei festgestellt wurde, daß durch alle oben ge- 
nannten Präparate keinerlei Schäden her vor gerufen 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 145 

worden sind. Weder die Leichtöle noch die Mittel- und Schwer- 
öle waren von nachteiliger Wirkung auf das Lehen der Bäume und 
auch die Pyridinbasen und Phenole erwiesen sich als unschädlich 
für dieselben. Die Nördlingerschen Karbolineumsorten können des- 
halb ebenso gut zur Schädlingsbekämpfung an Obstbäiumen empfohlen 
werden, wie die im vergangenen Jahre geprüften. Ihre Anwendung 
darf sich jedoch auch nur auf die älteren verholzten Teile der Bäume 
erstrecken, die jungen Triebe und die Knospen sind beim Anstrich 
auszuschließen. 

4. Ein Beitrag zur Ansiedlung nützlicher Vögel in den Wein- 
bergen. 

Von Dr. Gustav I.üstner. 

Zwischen dem Vogelleben in den Weinbergen im Sommer und 
Herbst besteht ein großer Unterschied. In der erstgenannten Jahres- 
zeit trifft man hier mit Vögeln nur sehr selten zusammen, und wohl 
keine andere landwirtschaftliche Kultur, vom freien Felde abgesehen, 
ist um diese Zeit so vogelarm, wie die Rebanlagen. Ganz anders 
sieht es hier im Herbst aus. Während dieser Jahreszeit kann man 
in den Weinbergen Vögel in großer Menge beobachten, welche in 
starken Schwärmen aus einer in die andere Gemarkung fliegen, da- 
bei unterwegs häufig einfallen und sich dann an den Stöcken zu 
schaffen machen. Dieses eigenartige Verhalten der Vögel scheint 
darauf hinzuweisen, daß sie sieh vereinzelt in den Weinbergen 
nicht wohl fühlen, vermutlich deshalb, weil sie sich fürchten, allein 
die freien, schutzlosen Rebflächen zu überfliegen, wobei sie leicht 
den Raubvögeln zum Opfer fallen können. Im Herbste, nachdem 
sie sich zu größeren Schwärmen vereinigt haben, verschwindet diese 
Furcht und nun beginnen sie Umzüge, die sie für sich allein, oder 
auch paarweise niemals unternommen hätten. Aber auch hier leisten 
sie uns durch Vertilgung schädlicher Insekten nur geringe Dienste, 
denn bei diesen Herbstschwärmen ist kein Bleiben. Die Tierchen 
sind dabei heute hier und morgen da, und wenn sie auch an der 
Stelle, an der sie gerade Halt gemacht haben, die Stöcke nach Un- 
geziefer absuchen, so ist diese Arbeit doch nur eine oberflächliche. 
Sie werden hierbei erst etwas Ersprießliches leisten, wenn sie länger 
an einem Platze verweilen und sich tagtäglich mit denselben Stöcken 
beschäftigen. 

Auf Nahrungsmangel kann das Fernbleiben der Vögel aus den 
Weinbergen nicht zurückgeführt werden, denn sie finden hier an 
den Stöcken und Pfählen eine solche Menge von Insekten vor, daß 
sie damit ihren Hunger mehr wie genügend stillen können. Es sei 
hierbei nur an die Bekämpfungsversuche gegen den Heu- und 
Sauerwurm der Gemeinde Geisenheim im Jahre 1902 erinnert, bei 
welchen von Schulkindern in einer Zeit von einem Monat 9 1 307 Puppen 
dieses Schädlings gesammelt wurden. Diese Puppenzahl wurde von 
flüchtig suchenden Kindern zusammengebraeht, wie groß wäre die- 
selbe wohl gewesen, wenn man dieses Geschäft den emsig arbeitenden 

Geuonheiuter Belicht ISUti. 10 



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146 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Meisen übertragen hätte, dio keine Kitze und Spalte unberührt 
lassen ? 

Sind es, könnte man weiter fragen, vielleicht die den ganzen 
Sommer in den Weinbergen schaffenden Leute, die durch ihr 
Hantieren, an den Stöcken die Vögel verscheuchen? Auch dieser 
Grund scheint mir nicht ganz stichhaltig, denn in Gärten und Obst- 
pflanzungen sieht man Vogelnester oft dicht an viel begangenen 
Wegen, wo die Vögel mindestens ebensoviel beunruhigt werden, wie 
in den Wingerten. 

So bleibt denn nichts anderes übrig, als den Mangel an Nist- 
gelegenheiten und Schutz gegen Feinde für das Fehlen der Vögel 
in den Weinbergen verantwortlich zu machen. Daß Nistgelegen- 
heiten hier nur äußerst spärlich vorhanden sind, sagt uns der erste 
Blick, mit dem wir sie überschauen. Es gibt dort keine einzige 
für die Freibrüter passende Hecke, und wenn auch solche hier und 
da, namentlich in Hohlwegen und an Böschungen vorhanden sind, 
dann liegen sie so isoliert, daß sie von diesen Vögeln nicht oder 
doch nur sehr ungern angenommen werden. Und die Höhlenbrüter 
finden hier, abgesehen von den wenigen Mauern, kein Plätzchen, wo 
sie sich und ihre Brut verbergen können, denn alte, überständige 
Baume, die sie hierfür bevorzugen, fehlen in den Wingerten voll- 
ständig. Dazu kommt noch der Umstand, daß unsere Weinberge 
nur mit den niedrigen Reben bestockte Flächen darstellen, in denen 
sich unsere nützlichen Vögel nicht wohl fühlen, und die sie des- 
halb meiden. Sie wagen sich nur dann ins offene Gelände, wenn 
sie in dieses schrittweise eindringen können, d. h. wenn sie bei ihrem 
Vorgehen öfters Gelegenheit finden, unterzuschlüpfen oder sich zu 
verbergen. Deshalb sagt ihnen besonders solches Terrain zu, das 
mit größerem Buschwerk zerstreut bestanden ist, und dieses selbst 
wieder unter sich mit schmäleren oder breiteren Hecken in Ver- 
bindung steht. Hier halten sich unsere Nützlinge dauernd auf und 
werden dadurch, daß sie von diesem Gebüsch aus in das Kultur- 
land streichen und die hier vorhandenen Pflanzen von ihrem Un- 
geziefer säubern, unsere besten Bundesgenossen bei dem Kampfe, 
den wir gegen dieses führen, von Berlepsch empfiehlt deshalb 
zur Ansiedlung von nützlichen Vögeln zunächst die Anlage sogenannter 
Vogelschutzgehölze. Damit ist jedoch zur Anlockung dieser 
Vögel in unseren Kulturen nur der erste Schritt getan: es ist nur 
für einen allgemeinen Schutz und die Unterkunft der Freibrüter 
gesorgt, die Höhlenbrüter vermögen in diesen Gehölzen nicht zu 
nisten. Zur Ansiedlung dieser ist es vielmehr noch notwendig, 
künstliche Höhlen, die aber den natürlichen möglichst genau nach- 
geahmt sein müssen, herzurichten, was bekanntlich durch Auf- 
hängen von Nistkästen erreicht wird. Sorgt man nun noch 
durch Anlegung von Futterplätzen im Winter, daß auch die Vögel 
bei Glatteis und länger andauerndem Rauhreif stets einen gedeckten 
Tisch finden, und halt man das Raubzeug durch Abfangen und Ab- 
schießen klein, so hat man alles bis jetzt Empfohlene beachtet, um 
die nützlichen Vögel an die menschlichen Kulturen zu fesseln. Daß 



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Bericht über die Tätigkeit der (iflanzetipathologischen Versuchsstation. ]47 

allerdings die Durchführung aller dieser Maßnahmen in den Wein- 
bergen nicht so einfach ist, wie in anderen Kulturen, soll nicht 
verschwiegen werden. Es muH jedoch einmal damit der Anfang 
gemacht werden, und wenn erst der erste Schritt getan ist, dann 
werden unsere Bemühungen bald zum Ziele führen. Freilich ist 
hierzu Geduld und noch einmal Geduld notwendig und darf man 
nicht gleich beim ersten Mißlingen die Arbeit als unfruchtbar auf- 
geben. Ist es doch von Berlepsch erst nach fünfzehnjährigem 
Bemühen gelungen, einer Gegend, die infolge einer Kulturmaß- 
nahme fast alle Vögel verlassen hatten, diese wieder vollzählig zu 
verschaffen. 

Die Gründe für die Vogelarmut unserer Weinberge sind aber 
mit den vorhin angegebenen noch nicht erschöpft. Es will mir viel- 
mehr scheinen, als ob noch einer, und zwar ein sehr wichtiger, zu 
erörtern übrig bleibt: das Fehlen von Wasser in den Wein- 
bergen. Daß die Vögel ein großes Bedürfnis nach Wasser haben, 
ist bekannt; davon kann man sich hei jedem im Käfig lebenden 
überzeugen, und auch im Freien ist das Vogelleben in der Nähe 
von Wasseransammlungen ein besonders reges. Dies zu beobachten 
hatte ich u. a. im vergangenen Sommer im Obstmuttergarten unserer 
Anstalt Gelegenheit, woselbst sich alle möglichen Finken und Meisen 
an dem Wasser, das einer defekten Leitung entquoll, in geradezu 
großer Zahl, und man kann wohl auch sagen aus der ganzen näheren 
und weiteren Umgebung eingefunden hatten. Hier benutzten die 
Vögel das Wasser nicht allein zum Trinken, sondern auch mit schein- 
bar großem Wohlbehagen zum Baden. Es liegt somit sehr nahe, 
das spärliche Vorhandensein von Vögeln in den Weinbergen mit 
dem dort herrschenden Wassermangel in ursächlichen Zusammen- 
hang zu bringen, und es ist meines Erachtens wohl der Mühe wert, 
auch diesen, mir sehr wichtig scheinenden Punkt bei der Frage 
über ihre Ansiedelung dortselbst mit zu berücksichtigen. Daß diese 
Maßnahme einen Erfolg verspricht, erscheint mir sehr wahrschein- 
lich. Es weisen hierauf wenigstens die Versuche hin, die Forst- 
meister Kulimann in den letzten Jahren ausgeführt hat. Demselben 
ist es durch Anlegung von Wasserplätzen gelungen, die trockenen 
Kiefernwälder der Oberförsterei Dannstadt mit Vögeln zu beleben. 
Diese sogenannten Vogeltränken werden nach Angaben Schusters 
(Ornithologische Monatsschrift 1906, S. 6) aus Backsteinen mit Zement- 
überguß hergestellt. Nach ihrem Bande zu luufen sie flach aus, so 
daß die Vögel hier nicht allein trinken, sondern auch nach Belieben 
baden können. Als zweckmäßig wurde von Kulimann gefunden, 
in dem Wasser ein HoJzkreuz schwimmen zu lassen, auf welches 
kleinere Vögel sich niedersetzen können. Selbstverständlich muß 
das Wasser der Tränke von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die An- 
lage der Trinkstellen hat in der Nähe der für die Vögel hergerichteten 
Niststellen zu erfolgen. 



10 ' 



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148 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



5. Über eine Krankheit junger ApfelbHuiuehen. 

Von Dr. G. Lüstner. 

Unter dem 9. Mai gingen der Station aus Hannover eine An- 
zahl ein- und zweijähriger Veredelungen der Apfelsorte Charla- 
movsky zu, die, wie das Begleitschreiben besagte, gut ausgetrieben 
butten, jedoch schon nach einigen Tagen ihre Triebehen hängen 
ließen und dann vollständig vertrockneten. Dabei bekamen ver- 
schiedene dieser Bäumehen auf der Rinde lange, rote Flecken auf 




Fig. 40. Von einem Fusarium befallene junge Apfel bäuinchen. 
Die weilten Punkte stellen die Polster des Pilzes dar. 



denen sieh später die Haut ablöste. Die Kiankheit ist in der be- 
treffenden Baumschule seither noch nicht beobachtet worden. 

Die genauere Untersuchung der Bäumchen ergab, daß ihr Ab- 
sterben mit einer Krankheit ihrer Unterlage in Zusammenhang stand. 
Dieselbe erwies sieh nämlich als vollständig oder teilweise ver- 
trocknet und braun gefärbt, nur ihre Wurzeln waren noch gesund. 
Die Unterlage war ziemlich stark mit kleinen, weißen l’ilzriischen 
besetzt, welche sich namentlich an ihren oberen Teilen zahlreich 
vorfanden (Fig. 40). Unter dem Mikroskop wurde der Pilz als ein 
Fusarium erkannt. 

Eine ähnliche Krankheit ist bereits von Aderhold (Eine 
Wurzelkrankheit junger Obstbäumchen. Zentralhlatt für Bakterio- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologisehen Versuchsstation. 149 

logie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten 2. Abt. B. V. S. 524 
und B. VI. 8. 620) beschrieben worden. In diesem Falle handelte 
es sich um das Eingehen junger Kirschbäumchen und junger Apfel- 
bäumchen, die Aderhold aus Schlesien und Schleswig zur Fest- 
stellung der Todesursache erhalten hatte. Aderhold ermittelte auf 
den Wurzeln der genannten Bäumchen einen Pilz, den er für 
Fusarium rhizogenum Pound et Cleui. ansprach. Auf feucht ge- 
legten Wurzeln erschien derselbe in Form von spinn webartig die- 
selben umziehenden Einzelhyphen oder in Gestalt von Hyphen- 
häufungen (Sporodochia). „die bald locker, wollig, bald polstorartig 
fest waren und weiß aussahen.'* In den festeren Polstern wurden 
die Sporen am Ende dicht gedrängter Träger einzeln gebildet; sie 
hatten fast allo eine wurstförmige Gestalt, gerade oder gekrümmt, 
und waren einzellig; ihre Größe betrug 38 — 45 : 4—5 /i. Neben 
diesen großen Sporen wurden in den festen Polstern in geringen 
Mengen auch kleine, einzellige beobachtet Diese letzteren wurden 
jedoch viel häufiger in den lockeren (jüngeren) Vegetationen an- 
getroffen, wo sie an solitären Fäden entstanden, während daneben 
rhizomorpheuartige Stränge vorkamen, aus denen verzweigte oder 
uuverzweigte Träger mit ganz denselben Sporen entsprangen, wie in 
den festen Lagern. Durch Tropfenkultur stellte Aderhuld fest, 
daß alle diese verschiedenen Sporenformen in den Entwicklungsgang 
nur eines Pilzes gehören. Er konnte bei dieser Gelegenheit auch 
nach weisen, daß an den Mycelieu Chlamydosporen gebildet worden, 
die meist zu 2 — 4 nebeneinander entstehen und aus denen, wenn 
sie unter günstige Bedingungen gebracht werden, sich wieder die 
Konidienform entwickelt Aderhold hält es für wahrscheinlich, daß 
dieser Pilz in den Entwicklungsgang einer Nectria gohört und er 
erblickt in ihm den Urheber des Schadens. Von ihm mit den 
Konidien dieses Pilzes an den Wurzeln und oberirdischen Teilen 
junger Bäumchen ausgeführte Impfungen hatten nur an letzteren 
Erfolg. Aderhold läßt es unentschieden, ob sein Fusarium die 
Konidienform von Nectria coceiuea oder N. ditissima darstellt 

Unser Pilz hat mit demjenigen von Adorhold beobachteten 
insofern eine große Ähnlichkeit, als auch bei ihm Sporen in den 
verschiedensten Größen Vorkommen. Die kleinsten von mir be- 
obachteten hatten bei eiuer Länge von 8 /( eine Breite von 4 /i, 
sie blieben also hinter den von Aderhold gemessen (10:4 fi) nur 
in Bezug auf ihre Iünge zurück. Die größten der Sporen waren 
58 I» lang bei einer Breite von 6 /i, sie übertrafen somit sowohl 
hinsichtlich ihrer Länge, als auch hinsichtlich ihrer Breite die von 
Aderhold beschriebenen. Auch in Bezug auf die Färbung weichen 
die Sporen unseres Pilzes von denjenigen von Aderhold gefundenen 
ab. Die Sporen des Aderhold sehen l*ilzes waren im höchsten 
Falle vierzeilig, während bei unserem Pilze häufiger auch sechszelligo 
Sporen vorkamen. Daß alle die genannten Sporen in den Ent- 
wicklungsgang eines und desselben Pilzes gehören, wurde bei der 
Untersuchung von Teilchen der Pilzräsehen erkannt, die sich aus 
verzweigten Trägern zusammengesetzt erwiesen, an deren Enden 



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150 Ul. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

alle ilie beschriebenen Formen abgeschnürt wurden. Ihre Zusammen- 
gehörigkeit soll später auch noch durch die Tropfenkultur bewiesen 
werden. 

Von der Annahme ausgehend, daß auch unser Pilz in den Ent- 
wicklungsgang einer Nectria gehört, wurden zunächst die erkrankten 
Unterlagen auf das Vorhandensein von Perithecien hin untersucht. 
Dabei wurden an dem eingesandten Material einige wenige kleine 
rötliche Kügelchen, die hei Lupenbeobachtung eine große Ähnlich- 
keit mit diesen Schl auch frttchten hatten, vorgefunden. Hei der 
mikroskopischen Betrachtung erwiesen sich diese Gebilde jedoch als 
noch nicht reif, so daß sie nicht mit Sicherheit für Nectria-Perithecieu 
angesprochen werden konnten. Es wurde deshalb zunächst versucht, 
diese Perithecien zur Weiterentwicklung zu bringen, resp. den Pilz 
zur Produktion neuer Perithecien zu veranlassen. 

Zu diesem Zwecke wurden zunächst vier der kranken Unter- 
lagen in Wasser gebracht, in welchem sie, damit sie dieses genügend 
einsaugen konnten, 24 Stunden liegen blieben. Hiernach wurden 
die Unterlagen so tief in einen großen Topf in Sand eingegraben, 
wie sie sich vor ihrer Erkrankung in der Erde befunden haben. 
Der Sand wurde hierauf reichlich begossen, ln dieser Luge blieben 
die Versuchsobjekte den ganzen Sommer und Winter über, wobei 
immer darauf Bedacht genommen wurde, daß der Sand niemals ganz 
austrocknete. Anfangs März 1907 wurde eine der Unterlagen aus 
der Erde hernusgenommen und einer Untersuchung unterzogen. Da- 
bei zeigte es sich, daß der Pilz während der ganzen Versuchsdauer 
am Leben geblieben ist, denn an den oberen Teilen der Unterlagen 
wurde er in genau demselben Zustande angetroffen, in dem er bei 
der ersten Untersuchung beobachtet wurde. Es fanden sich hier 
zahlreiche neu entstandene weiße Polsterchen vor. die sich, wie durch 
eine mikroskopische Betrachtung festgestellt wurde, aus verzweigten 
Trägern zusammensetzten, an deren Ende die bereits beschriebenen 
1 — 6 zelligen Sporen abgeschnürt wurden. Dieses Fusarium war 
also mit dem zuerst beobachteten identisch. 

Neben diesen weißen Pilzriischen fanden sich an den Unter- 
lagen, und zwar auch nur an den oberen Teilen, mich eine größere 
Anzahl, meist dicht beisammensitzender, kleiner, braunrot gefärbter 
Körperchen vor, die hinsichtlich ihrer Farbe mit den früher auf- 
gefundenen übereinstimmten und sich nur durch ihre Größe von 
ihnen unterschieden. Die mikroskopische Untersuchung dieser Ge- 
bilde ergab, daß wir in denselben tatsächlich die Perithecien einer 
Nectria vor uns haben. Sie enthielten zahlreiche Schlauche mit je 
acht an der Querwand flach eingeschnürten Sporen. Die Länge der 
Schläuche betrug 92—100 /<, ihre Breite 12 Die Sporen wiesen 
eine Dinge von 16—20 und eine Breite von 6-9 /i auf 

Du auf Apfelbäumen die Nectria ditissimn weit verbreitet ist, 
lag es nahe, anzunehmen, daß der von uns aufgefundene Pilz mit 
dem genannten identisch sei. Es soll jedoch hierüber einstweilen 
noch nicht entschieden werden, denn die Ascosporen der Nectria 
messen nach Winter (Rabenhorst's Krvptogamenflora von Deutsch- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 151 

land, Österreich und der Schweiz, S. 133) in der Dinge 12—14 
hei einer Breite 5—6 « ; sie zeigen außerdem in der Mitte keine 
Einschnürung. Die Sporen des in den Entwicklungsgang dieses 
Pilzes gehörigen Fusidium candidum sind wie Hartig (Der Krebs- 
pilz der Laubbäume, Untersuchungen aus dem forstbotanischen 
Institut zu München I, S. 122) angibt, 1 — Szellig und messen 
0.0015:0,06 mm; sie sind also sehr variabel und es ist deshalb nicht 
ausgeschlossen, daß unser Fusarium mit den zu Nectria ditissima 
gehörigen F. candidum identisch ist Auch von den Ascosporen 
der Nectria coccinea, deren Konidien nach Aderhold eine gewisse 
Ähnlichkeit mit denjenigen des von ihm beschriebenen Pilzes haben, 
unterscheiden sich die unserer Nectria durch ihren größeren Länge- 
und Breitedurchmesser. Um festzustellen, um welche Nectria-Art 
es sich in unserem Falle handelt und um zu sehen, ob unser Pilz 
an Apfelbäumen Krebs zu erzeugen im stände ist wurden am 20. April 
1907 2 Apfelbäumchen der Borten Winter-Goldparmäne und gioße 
Kasseler Reinette sowohl mit Ascosporen als auch Konidien an drei 
verschiedenen Stellen geimpft und wird über das Ergebnis dieses 
Versuches im nächsten Jahre berichtet werden. 

6. Untersuchungen Uber die Chlorose der Reben. 

Vom Assistenten Dr. E. Molz. 

Die gefährlichsten Schädlinge des Weinbaues, es seien nur ge- 
nannt Peronospora, Black Rot. Oidium und die Reblaus, sind erst 
in neuerer Zeit aus anderen Ländern in Europa eingeschleppt worden. 
Es gibt aber auch einheimische Krankheiten, die bei größerer Aus- 
breitung im stände sind, sehr tiefgreifende Schädigungen in unseren 
Rebkulturen hervorzurufen. Zu diesen letzteren gehört die Chlorose. 
Diese ist wohl bei uns schon so alt, wie die Rebe selbst. Doch 
wie bei vielen Pflanzenkrankheiten, so hat mau auch dieser Er- 
scheinung erst in ganz neuerer Zeit eine größere Beachtung ge- 
schenkt, nachdem man namentlich in Frankreich die unangenehme 
Erfahrung gemacht hatte, daß die in Rücksicht der Reblauskalamität 
angepflanzten ^Amerikaner*' in unseren Böden und bei unseren 
klimatischen Verhältnissen sehr stark zur Chlorose neigen und in- 
folge dieser spezifischen Prädisposition häufig den Erfolg großer An- 
pflanzungen in Frage stellten oder gänzlich illusorisch machten. Es 
haben sich deshalb mit der Chlorosefrage auch vorwiegend die 
französischen Gelehrten und Praktiker beschäftigt, während die dies- 
bezügliche Literatur in Deutschland sich im wesentlichen auf einige 
kürzere oder längere Notizen in wissenschaftlichen und fachlichen 
Zeitschriften beschränkt. 

Das stete und unaufhaltsame Vordringen der Reblaus in unseren 
deutschen Weingauen trotz der so scharfen Gegenmaßnahmen führt 
nolens volens zu der Überzeugung, daß auch wir über kurz oder 
lang gezwungen sein werden, diesem Rebenfeind mit anderen Mitteln 
entgegenzutreten. Trotz alledem läßt uns das jetzt noch in den 
meisten deutschen Weinländern geübte Verfahren Zeit gewinnen 



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152 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

zu einer sehr notwendigen einschlägigen Versuchstätigkeit, um auf 
diesem Wege unter zu Grundelegung der auswärtigen Erfahrungen 
die zweckmäßigsten Maßnahmen kennen zu lernen. Denn was dieser- 
halb für unsere Nachbaren gilt, das gilt noch lange nicht für uns. 
Der verschiedenartige Boden, noch weit mehr aber die sehr ab- 
weichenden klimatischen Verhältnisse schaffen für die Biologie der 
Reblaus und dann auch für das Verhalten der widerstandsfähigen 
Amerikaner Reben und deren Veredelungen bei uns so hervorstechende 
Abweichungen gegenüber den gleichen Verhältnissen in den wärmeren 
Nachbarländern, daß es unsere Aufgabe sein muß, alle Einzelfaktoren 
der in anderen Ländern geübten Kampfesweise in Ursache und 
Wirkung zu prüfen und klar zu legen. Aller Voraussicht nach 
wird ja auch für uns die Verwendung der Veredelungen auf amerika- 
nischer Unterlage eine große wirtschaftliche Bedeutung erlangen, und 
damit rückt auch die Chlorosefrage in Deutschland in ein Stadium 
größeren Interesses. Doch abgesehen davon auch bei unseren ein- 
heimischen, auf eignen Füßen stockenden Reben tritt in manchen 
Weingegenden, wie beispielsweise in Rheinhessen, die gelbsüchtige 
Erkrankung der Reben oft sehr empfindlich zu Tage und läßt 
eine Aufhellung der ursächlichen Verhältnisse sehr geboten er- 
scheinen. 

Aus den besagten Gründen habe ich die Chlorosefrage zum 
Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gemacht, wobei 
es mir vor allen Dingen darauf ankam, die Krankheitserscheinungen 
in ihren wahren Ursachen zu erkennen und auf diese Erkenntnis 
eine aussichtsvolle Therapeutik zu gründen. Neben Laboratoriums- 
versuchen waren hierzu ausgedehnte Untersuchungen an Ort und 
Stelle in chlorosierten Weinbergen nötig. Dio erlangten Ergebnisse 
habe ich in einer größeren Arbeit 1 ) niedergelegt und sei hier nur 
in aller Kürze das Wesentlichste daraus mitgeteilt. Vorerst danke 
ich aber auch an dieser Stelle nochmals Herrn Dr. Lüstner für 
seine freundliche Unterstützung. 

Wir kennzeichnen mit dem Namen Chlorose einen krankhaften 
Zustand der Reben, wie der Pflanzen überhaupt, der sich äußerlich 
durch eine Verfärbung des Laubes und der Triebe kennzeichnet. 
Man bezeichnet diesen Zustand auch noch als Gelbsucht, Bleichsucht 
oder Ikterus. Die normal grüne Farbe verwandelt sich in ein blaß- 
grünes, gelblichgrünes, gelbliches bis gelblichweißes Kolorit. Diese 
Verfärbung tritt aber nicht gleichmäßig an allen Blättern und Zweigen 
des Stockes hervor, sondern einzelne Partien zeigen sich immer 
stärker chlorosiert als andere, besonders erscheinen die oberen 
Teile der Triebe stärker gebleicht, ln den Blattrippen und den 
ihnen nächstliegcnden Mesophyllteilen erhält sich die grüne Farbe 
noch längere Zeit. Allmählich stellen sich am Rande des Blattes 
einige abgestorbene Partieen ein, die interkostal weiterschreiten. Die 
Blattspreite krümmt sich meist etwas nach unten, manchmal auch 
nach oben, und die Ränder rollen etwas ein. Die Internodien der 



*) Molz, E., Die Chlorose der Reben. Jena (Gustav Kiseher) 1907. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzeupathologäschen Versuchsstation. ] 53 

Triebe bleiben im Wachstum zurück. Im folgenden Jahre werden 
die erst schwach chlorotischen Stöcke anfänglich wieder mit grüner 
Farbe austreiben. Wiederholt sich das Krankheitsbild jedoch mehrere 
Jahre hintereinander, so verschärft sich die Erscheinungsweise. Es 
zeigen nun auch die ganz jungen Triebe schon das chlorotischo 
Phänomen, die gebildeten Blättchen sind sehr klein und sio zeigen 
häufig neben der Gelbfärbung eine rötliche Anhauehung, die auf 
die Bildung von Anthocyan zurückzuführen ist Die Triebe werden 
immer dünner, und das zahlreiche Erscheinen vieler Seitentriebe 
aus den Hauptachsen gibt dem Stock ein strauchartiges Aussehen. 
Dieses letzte Stadium der Chlorose, das dem gänzlichen Absterben 
der Stöcke vorausgeht, bezeichnet man als „Cottis“. 

Die ersten Anzeichen der Chlorose stellen sich zumeist Ende 
Mai oder im Laufe der folgenden Monate ein. Die Blüte verläuft 
bei ganz schwach erkrankten Stöcken anfänglich noch normal, bei 
stärkerem Auftreten der Gelbsucht fällt dieselbe entweder vollständig 
ab, oder dio Beeren rieseln später stark aus. Ihre Reife ist wesent- 
lich verzögert. In noch weiter vorgeschrittenem Stadium der Krank- 
heit kommt es überhaupt nicht mehr zur Bildung von Gescheinen. 

Bei einer mikroskopischen Untersuchung der Blätter zeigt es 
sich, daß dio Chloroplasten eine blaßgrüne bis gelbliche Farbe an- 
genommen haben, ihre Umrisse sind wenig scharf ausgeprägt und 
sehr oft sind sie zu einem unförmlichen Klumpen verschmolzen. In 
anderen Zellen finden wir kleine ölige Tröpfchen, die wir nach 
Roux als Produkte einer Entartung der Chloroleuciten auffassen 
dürfen. Dio Stärkebildung ist in den stärker chlorotischen Blättern 
vollkommen sistiert, die Einwirkung von Jod-Jodkalium bleibt des- 
halb ohne Reaktion. 

Das Wurzelwerk der heftiger erkrankten Stöcke ist schwach 
entwickelt, die weißen Wurzelspitzen fehlen fast gänzlich, und sehr 
häufig findet man eine weitvorgeschrittene Fäulnis des ganzen Wurzel- 
körpers. Das Hindenparenchym, dio Markstrahlen und das Mark- 
parenchym der Wurzeln sind arm an Reservestoffen, und öfters er- 
blickt man im Rindenparenchym kleinere oder größere Komplexe 
degenerierter, zum Teil infolge von Fäulnisprozessen abgestorbener 
Zellpartien, in deren peripheren Teilen größere Mengen von Stärke 
in den Zellen abgelagert sind. 

Die Ursachen, die im stände sind, die chlorotische Erkrankung 
auszulösen, sind sehr zahlreich, und je nach den Ursachen wechselt 
auch etwas das Krankheitsbild. Wir haben bei unseren Unter- 
suchungen nur die wichtigeren Fälle herangozogen. 



A. Die Chlorose infolge Mangel an Eisen. 

Noch heute ist es in Deutschland die herrschende Ansicht, daß 
die Rebenchlorose dem Eisenmangei im Boden oder einer un- 
genügenden Eisenaufnahme der Pflanzen zuzuschreiben sei. Auf 
die Bedeutung des Eisens für das Ergrünen der Gewächse hat zu- 
erst der französische Chemiker Eusöbe Gris in den Jahren 1843 



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154 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

und 1844 aufmerksam gemacht. Später war es in Deutschland be- 
sonders Sachs, der die therapeutische Behandlung bioichsüchtiger 
Gartengewächse mit Eisensalzen empfahl. Die Erfolge, die dieser 
Forscher bei seinen Versuchen mit Eisensulfat bei der Heilung der 
Chlorose erzielte, waren in der Tat sehr günstige und wurden auch 
durch die diesbezügliche von Landes-Ökonomierat Goethe in Geisen- 
heim vorgenommene praktische Nachprüfung bei Obstbäumen be- 
stätigt. Zahlreiche gleiche Versuche liegen mit gleich gutem Resul- 
tate vor, während andrerseits auch wiederum negative Erfolge ver- 
zeichnet sind. 

Nach den französischen Erfahrungen hat sich die Anwendung 
des Eisensulfates besonders nach dem Verfahren von Rassiguier 
wirkungsvoll gezeigt. Danach werden die Stöcke unmittelbar nach 
der Ernte geschnitten, trotz dem Vorhandensein der Blätter und mit 
einer Lösung von 85 — 40% Eisensulfat behandelt, indem man die 
Schnittflächen damit bestreicht. Durch das Waschen der ganzen 
Stöcke mit dieser Lösung soll der Effekt noch sicherer hervortreten. 
Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß manchmal Ab- 
sterbuugserscheinungen an den nach dieser Methode behandelten 
Stöcken beobachtet wurden, wie überhaupt die Behandlung der 
Reben mit Eisensulfat einige Vorsicht erheischt. Auch bei der Zu- 
führung dieses Salzes zum Boden hat Wortmann Schädigungen 
an den Wurzeln der behandelten Roben feststellen können. Man 
soll also die Dosen niemals zu groß nehmen. 

Durch verschiedene Versuche habe ich ermittelt, daß hei direkter 
Zuführung von Eisensulfat zu lebenden Rebenteilen schon sehr ge- 
ringe Quantitäten ('/ S2 prozentige Lösungen) dieses Salzes genügen, 
um wahrnehmbare Schädigungen hervorzurufen. Es sind deshalb 
alle Methoden, die das Eisensulfat dem Rebstock direkt zuführen, 
zu denen das Verfahren Flontier und das von Mokrzeki gehören, 
nur mit großer Vorsicht in Anwendung zu bringen. 

Dufour hat durch Besprengen der gelbsüchtigen Blätter mit 
einer Losung von 3 kg Eisenvitriol und 2 V , kg Kalk auf 100 1 
Wasser Erfolg gehabt. Dasselbe berichtet M üller-Th urgau. Durch 
Versuche habe ich mich in einigen Fällen von der Wirksamkeit 
einer solchen Behandlungsweise überzeugt. Doch traten hierbei bei 
Verwendung von */, prozentigen reinen Lösungen schwarze Flecken auf 
den Blättern auf, die wohl auf ein zu starkes Eindringen des Salzes 
ins Blatt und Bildung von gorbsauren Eisonverbindungen zurück- 
zuführen sein dürften. Das Ergrünen der behandelten Blätter trat 
10 Tage nach einer dreimaligen Befeuchtung ihrer Oberfläche mit 
der '/, prozentigen Lösung ein. Namentlich war der Farben Wechsel an 
den jüngeren, noch nicht vollkommen entwickelten Blättchen sehr 
auffallend. Die Farbentönung zeigte einen Stich ins Bläuliche, was 
mich zu der Ansicht verleitet, daß hier eine einfache Säurewirkung 
auf das Chlorophyll vorliegt. Bei mit Kalk neutralisierten Brühen 
dürfte auch noch die Schattenwirkung des Belages als Schutzmittel 
gegen die Chlorophyllzerstörung durch die Sonne als Erklärungs- 
grund heranzuziehen sein. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflatizer pathologischen Versuchsstation. 155 

Daß es nicht die Zuführung von Eisen zu den Blättern ist, die 
das Ergrünen derselben veranlaßt, beweisen die zahlreichen Analysen 
ikterischer Rebenblätter, aus denen zur Evidenz hervorgeht, daß die 
chlorotischen Rebenorgane zumeist mehr Eisen enthalten als die ge- 
sunden. Ich möchte hier nur verweisen auf die Analysen von 
Schulze, Vanuccini, Chauzit, Foex, Millardet und Joulie. 
Meist wurde in den erkrankten Organen eine starke Reduktion des 
Kalis festgestellt, und es ist hierbei die Tatsache von hohem Interesse, 
daß Degrullie und Gastino in Stöcken, die nach Anwendung des 
Verfahrens Rassiguier wieder ergrünten, mit der Zunahme des 
Schwefelsäuregehaltes auch ein Steigen des Kalis in den Blättern 
konstatierten. Diese Autoren schließen daraus, daß die Schwefelsäure 
bei der Anwendung des Eisenvitriols die wirksame Ursache sei, und 
in der Tat hat der Ersatz des Eisenvitriols durch die Schwefelsäure 
gute Resultate ergeben. 

Diese Ansicht scheint mir eine große Wahrscheinlichkeit zu haben, 
und ich denke mir die Wirkung der Schwefelsäure in dem beregten 
Falle derart, daß diese Säure die neutral oder gar alkalisch ge- 
wordenen Pflanzensäfte wiederum ansäuert und dadurch die Auf- 
nahme der Bodennährstoffe, besonders des Kalis, durch die Wurzeln 
erleichtert. 

Allerdings weist Stövignon darauf hin, daß bei seinen Ver- 
suchen mit Eisenchlorid und Eisensulfat einerseits und Salzsäure 
und Schwefelsäure andrerseits die letzteren Stoffe gegenüber den 
ersteren nur ein schwächeres Ergrünen der chlorosierten Rebstöcke 
hervorgerufen hätten. Wir können aber der daraus gezogenen 
Schlußfolgerung dieses Autors, daß es somit das Eisen sei, dem die 
ergrünende Wirkung zugeschrieben werden müsse, nicht beitreten. 
Vielmehr dürften uns die Versuchsresultate von Hollrung eine 
vorerst genügende Erklärung dieser Erscheinung gewähren. Dieser 
Forscher stellte fest, daß ein saures Nährmedium eine antichloro- 
sierende Wirkung ausübt. einerlei ob Eisen zugegen ist oder nicht. 
Denselben Einfluß äußert das Eisen, so daß beide, die Saure und das 
Eisen, in ihrer Wirkung nach dieser Richtung parallel laufen und 
sich demgemäß auch unterstützen. 

Nach Peters sind Säuren im stände, die im Boden gebundenen 
Nährstoffe zum weitaus größten Teil wieder in Lösung zu setzen. 
So wird durch die Schwefelsäure auch das im Boden meist in Form 
von schwerlöslichen Verbindungen vorhandene Kali in das leicht- 
lösliche schwefelsaure Kali übergeführt: dasselbe gilt zum Teil von den 
Phosphorsäureverbindungen. Von Griff iths wurde ermittelt, daß 
durch das Eisensnlfat das Ammoniak besser im Boden zurückgehalten 
wird. 

Hierzu kommt noch, daß das Eisenvitriol in kalkhaltigen Böden 
durch Verwandlung des in zu großer Menge vorhandenen sauren 
kohlensauren Kalkes in kohlensaures Eisen und schwefelsauren Kalk 
zwei' neue, für das Pflanzenleben vorteilhafte Verbindungen schafft 
und die schädliche Alkalität des Bodenwassers neutralisiert. Die 
durch das Eiseusulfat im Boden bewirkte Bildung von schwefelsaurem 



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156 III. Bericht Uber die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Kalk ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil diese Verbindung 
so im Boden in feinster Verteilung entsteht. Die Versuche von 
Ober 1 in u. a. haben die günstige Wirkung des Gipses auf die Vege- 
tation der Reben beweisend dargetan, wobei es sich zeigte, daß ein 
Erfolg nur dann hervurtritt, wenn der Boden reich an Nährstoffen 
ist. Und im Anschluß daran hat es für uns ein besonderes Interesse, 
daß Bellair konstatiert hat, daß ohne eine vollständige Düngung 
das Eisensulfat allein nicht im stände sei, die Chlorose zu unter- 
drücken. 

Der Gips wirkt als lösliches Kalksalz auf andere Basen der 
Ackererde, wobei sich dessen Säure mit diesen verbindet und sie 
in eine lösliche Form überführt. Namentlich gilt dies für die Kali- 
verbindungen. Die Empirie hat uns aber gelehrt, daß Kalisalze 
einen günstigen Einfluß auf das Gesunden chlorotischer Reben 
ausüben. 

Meine abschließende Ansicht Uber die Bedeutung des Eisen- 
sulfates bei der Behandlung der Chlorose ist die, daß dieses Salz 
in vielen Fällen als ein Heilmittel der genannten Krank- 
heitserschoinung nnzusohen ist. Der damit erreichbare 
Effekt ist aber kein anhaltender, da dnrch dasselbe die 
Grundursachen des Obels nicht beseitigt werden. 



B. Die Chlorose auf Kalkböden. 

Wie man in Deutschland in Anerkennung der Autorität von 
Sachs den Eisenmangel für das ikterische Phänomen fast aus- 
schließlich verantwortlich machte, in gleichem Maße gewann man in 
Frankreich immer mehr die Überzeugung, daß ein Überschuß an 
kohlensaurem Kalk im Boden als Hanptursache bei der Entstehung 
der Chlorose der Reben anzusehen sei. Viele Wissenschaftler und 
Praktiker haben sich dort mit dieser Frage beschäftigt. Namentlich 
sind cs aber die Forschungen von Houdaille und Semichon, die 
größere Beachtung vordienen. Indem dieselben sich stützen auf die 
Feststellung von Bernard, daß die Feinheit des Kalkes und dessen 
gute Verteilung im Boden für die chlorosierende Wirkung desselben 
von großer Bedeutung sei, gehen sie weiter und stellon fest, daß 
unter Berücksichtigung der vorgenannten Faktoron in gleichen Größen 
doch die Schnelligkeit des spezifischen Einflusses der verschiedenen 
Kalkarten bei der Erzeugung der Chlorose eine verschiedene ist. 

Durch die Untersuchungen von Schloesing über die Kohlen- 
säure des Bodens wurde ermittelt, daß das Wasser in Böden, die 
Kalkkarbonat enthalten, bei Gegenwart einer bestimmten Menge von 
Kohlensäure, sowohl einen Teil der freien Kohlensäure, wie auch 
des neutralen Kalkkarbonates in Form des Bikarbonates auflöst. Da 
der kohlensaure Kalk in den Kalkböden stets im Überschuß vor- 
handen ist, so würde gemäß diesen Ausführungen der Reichtum 
der Bodenwässer an aufgelöstem Calciumkarbonat in enger Abhängig- 
keit von dem Gehalt der Bodenluft, bezw. des Boden wassers an 
eingeschlossener Kohlensäure sein. Dem physikalischen Zustande 



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Bericht ülier die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 157 



des Kalkes könnte also nach dieser Richtung nur ein geringer direkter 
Einfluß eingeräumt werden. Und auch der von Houdaille und 
Semichon eingeführte Begriff der spezifischen Schnelligkeit der 
Auflösung der verschiedenen Kalkarten genügt nicht um die hier 
hervortretende Kontroverse zu beseitigen. 

Der Grund, daß die Böden mit sehr hohem Kalkgehalt nament- 
lich wenn derselbe in feinster Verteilung und feinster Form im 
Boden enthalten ist, mehr chlorosierend wirken, liegt nicht, wie die 
eben genannten Forscher annehmen, in der leichteren und schnelleren 
Auflösbarkeit dieser Kalke in dem Bodenwasser, sondern meines 
Erachtens in erster Linie darin, daß solche Kalkböden mehr die 
physikalischen Eigenschaften der Tonböden mit all ihren nachteiligen 
Einflüssen auf das Wurzelsystem der Reben und die Vegetation 
überhaupt annehmen. Doch darüber noch später. 

Der Kohlensäuregehalt des Bodens nimmt zu mit der Feinheit 
der Bodenpartikelchen. Die Ursache dieser Erscheinung ist nach 
Wollnv in der durch die Korngröße der Bodenteilchen herbei- 
geführte Veränderung der Feuchtigkeits- Temperatur- und Permea- 
bilitätsverhältnisse des Bodens zu suchen. Auch der Humusgehalt 
erhöht die Kohlensäurebildung. 

Es lassen sich aus der Literatur viele Beispiele anführen, die 
dartun, daß der Humusgehalt der Kalkböden, die geringe Permea- 
bilität und die Feuchtigkeit derselben die Chlorose verschärfen. 
Ebenso ist hinreichend bekannt, daß diese Krankheit meist erst in 
den wärmeren Monaten auftritt. Diese Tatsachen lassen sich in 
Beziehung bringen mit unseren obigen Erörterungen. Meine lang- 
jährigen Beobachtungen ließen mich klar erkennen, daß die über- 
mäßige Feuchtigkeit der Böden in erster Linie eine chlorosierende 
Wirkung nusübt. Nach Wollny geht aber bei extrem hohem Wasser- 
gehalt der Böden die Kohlensäureproduktion erheblich zurück. Es 
müssen deshalb hierbei noch andere Faktoren in Tätigkeit sein, und 
wir wollen sehen, welcher Art dieselben sind. 



a) Untersuchungen über die Chlorose der Reben im Weinbaugebiete 

von Rheinhessen. 

Zunächst galt es für meine oben erwähnten Beobachtungen 
über den Zusammenhang zwischen der Feuchtigkeitsmenge des 
Bodens mit dem Intensitätsgrad der Chlorose eine breitere Basis zu 
schaffen. Zu diesem Zwecke habe ich zunächst eine schriftliche 
Umfrage bei über 100 weinbautreibenden Gemeinden Rheinhessens 
veranstaltet Die ausgeschickten Fragebogen wurden fast sämtlich 
beantwortet, und cs zeigte sich, daß in 88 Gemarkungen dieses 
Weinbaugebietes die Reben -Chlorose ein mehr oder weniger großes 
Ausbreitungsgebiet hat. 

Indem wir die bezüglich des Intensitätsgrades der Krankheit 
gemachten Angaben (nach Vorschrift stark, mittelstark oder schwach) 
in die Zahlen 1, 2, 3 umsetzten und dann die Summe dieser Zahlen 
in den Rubriken der einzelnen Jahre mit der Anzahl der gemachten 



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158 



111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Angaben dividierten, erhielten wir Mittelwerte, die in Vergleich 
gestellt werden können. 

Eine Vergleichung der gefundenen Werte für den Intensitäts- 
grad der Chlorose in den einzelnen Jahren (1901 — 1905) mit der 
Größe der Niederschlagsmengen in den in Rücksicht zu ziehenden 
Vegetationsperioden ließ deutlich erkennen, daß ein enger Zu- 
sammenhang zwischen den dem Boden zugeführten Wasser- 
mengen und dem Grade des Auftretens der Krankheit 
besteht 

Es ist für das Auftreten der Chlorose eine charakteristische Er- 
scheinung, daß dasselbe zumeist an bestimmte, mehr oder weniger 
umfangreiche Stellen in den Weinbergen beschrankt ist. Um den 
Ursachen dieser Lokalisierung nachzuspüren, habe ich in ver- 
schiedenen Gemarkungen Rheinhessens von chlorotischen Weinbergs- 
stellen Erdproben entnommen und zwar zumeist in einer Tiefe von 
20 und 70 cm. Desgleichen wurden in geringer Entfernung von 
diesen Chloroserevieren von Boden mit gesunder Bestockung in 
gleicher Tiefe Vergleichsproben genommen. Gelegentlich der Probe- 
entnahme wurden auch die Terrainverhältnisse notiert. Die Boden- 
proben wurden der physikalischen Analyse unterworfen. Es wurde 
weiterhin der Gehalt derselben an CaC0 3 ermittelt 

Aus den erhaltenen Zahlen ging das eine Resultat ohne weiteres 
hervor, daß in all den untersuchten Fällen der Boden, auf dem 
Chlorose aufgetreten war, sehr reich an Kalk ist und einen 
sehr hohen Prozentsatz an abschlämmbaren Teilen besitzt. 
Der Prozentsatz des Kalkes bewegte sich zwischen 14,07% und 
55,40% CaCO s . Es zeigt* sich aber weiter, daß der Kalkgehalt 
allein die Chlorose nicht auslöst, denn die Fälle, daß die 
neben oder oberhalb der Chlorosestelle liegenden gesunden Wein- 
bergsstellen einen höheren Kalkgehalt als die ersteren aufwiesen, 
waren ziemlich zahlreich. Auch eine Vergleichung des Kalkgehaltes 
der verschiedenen Korngrößen der Böden von chlorosierenden und 
nicht chlorosierenden Weinbergsdistrikten führte zu keinem Resultat, 
ebensowenig ließ die physikalische Beschaffenheit der untersuchten 
Böden ein allgemeines Urteil nach der einen oder der andern 
Richtung ohne weiteres zu. Nur die Terrain Verhältnisse konnten 
zur Erklärung herangezogen werden. Unter 10 Fällen lagen 7 mal 
die erkrankten Stöcke am Fuße einer Hügellage und in einigen 
Fällen kam noch eine muldenartige Vertiefung an der chlorosierten 
Stelle hinzu. An solchen Stellen sammelt sich das von den Hängen 
ablaufende Wasser in größeren Mengen an und bewirkt hier in 
undurchlässigen Böden von großer Wasserkapazität eine solche An- 
reicherung an Bodennässe, daß daraus ein nachteiliger Einfluß für 
die auf solchen Stellen stockenden Reben entstehen muß. Hierzu 
kommt noch, daß sich an den tiefer liegenden Teilen der Reb- 
felder der Baugrund oft in zu großen Mengen ansammelt, was in 
schweren Böden einen nachteiligen Einfluß auf das Wurzelwerk 
äußert. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 159 



b) Versuche zur Feststellung des Einflusses von Kalk und Wasser auf 
die Vegetation der Reben. 

In diesen Versuchen galt es zunächst, den Einfluß des Kalkes 
in verschiedenen Formen und verschiedenen Prozentsätzen kennen 
zu lernen. Daran schließen sich Versuche, in denen das Wasser 
vorherrschend wirksam war und zwar in Sandböden mit äußerst 
geringem Kalkgehalt und in Kalkböden. Die bei einem Überschuß 
von Wasser wirksamen Faktoren: die Verdünnung der Nährlösung, 
die Feuchtigkeit und der Sauerstoffmangel traten nach Möglichkeit 
getrennt, wie auch vereint in Wirkung. 

Die ziemlich ausgedehnten Versuche können hier nicht einer 
Erörterung unterliegen, und es sollen nur ganz kurz die wichtigsten 
Ergebnisse derselben mitgeteilt werden. 

1. Bei vollkommen intaktem Wurzelwerk erzeugt 
der Kalk bis zu 50% (CaCO g ) bei den Reben (Riesling) 
keine Chlorose. 

2. Ein Überschuß von Wasser im Boden selbst bei 
genügender (iegenwart von Sauerstoff, wirkt schädlich 
durch die allzugroße Verdünnung der Nährlösung. Die 
Triebspitzen werden fahlgrün bis griinlichgel b. 

3. Sauerstoffmangel an den Wurzeln der Rebeu be- 
wirkt Stillstand des vegetativen Wachstums der Reben, 
erzeugt aber keine Chlorose. 

4. Sauerstoffmangel in Verbindung mit übermäßiger 
Wasseransammlung im Boden ruft bald Wurzelfäule her- 
vor, die zumeist an den Spitzen beginnt. Auch hier tritt 
zuerst Fahlgrün werden der Triebenden auf, später setzt 
ein Vergilben der älteren Blätter ein, das an den untersten 
Blättern zuerst beginnt und nach oben fortschreitet 
Diese Verfärbung, die in ihrer Tönung nach zitronengelb 
hinneigt, beginnt entweder interkostal oder aber die Blatt- 
rippen werden zuerst ergriffen, und das Gelb verbreitet 
sich von da über die Zwischenfelder. Die Blattspreiten 
neigen sich nach unten und nehmen allmählich einen 
immer zunehmend spitzeren Winkel zur Stielachse an, die 
Blattränder biegen sich schwach nach unten um, ohne aber 
einzurollen oder zu verkrüuseln 

5. Die angeführten pathologischen Erscheinungen, 
das Verfaulen der Wurzeln und das Vergilben der Blätter, 
treten unter den ad 4 aufgeführten Wach st um s- 
bediugungen umso eher auf je kalkreicher der Boden ist, 
während in kalkarmen Böden die Reben lange Zeit noch 
ein gesundes Aussehen zeigen. 

6. Führt eine zeitlich beschränkte Wasseransammlung 
im Boden zu einer teilweisen Wurzelfäule, so entsteht in 
der Folge aus dieser inkalkreichen und sehr feinkörnigen 
Böden die typische „Kalk-Chl orose.“ Dieselbe äußert sich 
zuerst au den neuhervorkommenden Blättchen. Diese 



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160 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

werden grünlichgelb bis weißgelb. Sie krümmen sieh 
konkav (manchmal auch konvex) und der Blattrand zeigt 
an einigen Stellen Bräunung, die au! Absterbsungerschei- 
nungen zurückzuführen ist. 

c) Die Wurzelfäule der Reben und ihre ätiologische Bedeutung für 
die Entstehung der Chlorose. 

Das Zusammen Vorkommen von Wurzelfäule und ehlorotischeu 
Erscheinungen an den oberirdischen Organteilen der Rebe trat in 
allen meinen Versuchen mit klarer Deutlichkeit hervor und wies 
auf einen ursächlichen Zusammenhang beider Erscheinungen hin. 
Es ist daher für uns von Wichtigkeit, die näheren Bedingungen, die 
namentlich auch in der freien Xatur im stände sind, ein Verfaulen 
der Rebwurzeln hervorzurufen, kennen zu lernen. Wir haben schon 
gesehen, daß Sauerstoffmangel in Verbindung mit übermäßiger Nässe 
im Boden sehr bald zu diesem Zustande führt. Das stehende 
Wasser, das von der Bodensohle aufsteigt und das die Boden- 
kapillare vollkommen nusfüllt, schafft für die Wurzeln in kurzer 
Zeit solche Bedingungen. An Stelle des normalen Atmungsprozesses 
tritt dann der anaerobe Stoffwechsel, der noch einige Zeit die Zelle 
lebensfähig erhalt. Doch die Anhäufung der Atmungsprodukte führt 
allmählich zu einer derartig tiefen Störung in den vitalen Funktionen 
des Plasmas, daß bald Absterbungserscheinungen hervortreten. 

Den Sauerstoffmangel bei Gegenwart von Feuchtigkeit dürfen 
wir aber keineswegs als eine conditio sine qua non der Wurzel- 
fäule ansehen. denn die Versuche von Welnner mit Kartoffelknollen 
belehren uns zur Genüge, daß die Bedingungen zur Wurzelfäule 
auch bei Gegenwart von .Sauerstoff gegeben sein können. Die Tat- 
sache des Absterbens von unter Wasser liegenden Kartoffeln wird 
auch von Wehmer als ein Ersticken der atmenden Knolle gekenn- 
zeichnet. Der Angriff der Spaltpilze soll nach diesem Forscher erst 
erfolgen, nachdem bereits Absterbeprozesse voraufgegangen sind. 
Diese werden durch höhere Temperatur (-f-.'12°) sehr stark be- 
schleunigt. Je mehr sich die Wasserbedeckung verringert, und die 
Temperatur sinkt, um so mehr verringern sich in gleichem Grade 
die Fäulniserscheinungen. Liegen die Knollen z. B. nur zu */ 4 in 
Wasser und zu s /< an freier Luft, so bleiben sie bei mittlerer 
Temperatur zumeist gesund. Anders ist dies aber, wenn der vom 
Wasser nicht bedeckte Knollenteil sich in einem abgeschlossenen 
Raum befindet. Solche Knollen faulen ohne Ausnahme. Der ab- 
geschlossene Raum wirkt hier analog dem Sauerstoffmangel und ist 
keinesweg mit diesem identisch. 

In schweren Bodenarten werden sich die Wurzeln wohl häufig 
vollkommen im Wasser befinden, vor allem werden hier sehr oft 
die Verhältnisse einer feuchten, abgeschlossenen Kammer bei zahl- 
reichen Wurzeln verwirklicht sein. Um hier klar zu sehen, habe 
ich eine große Anzahl vuu Versuchen mit Kartoffeln und bewurzelten 
Rebenstecklingen zur Ausführung gebracht, wobei ich extreme Boden- 



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Boricht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. ml 



arten zur Schaffung der verschiedenartigsten Wachstumsbedingungen 
des freien Feldes verwandte. Die Ergebnisse dieser Versuche lassen 
sich in folgenden Sätzen zusammenfassen : 

1. Nässe im Untergrund begünstigt um so mehr die 
Fäulnisprozesse lebender Wurzeln, je dichter der Boden 
ist, und je mehr das Eindringen der Außenluft und die 
Zirkulation derselben in den Bodenzwischenräumen ge- 
hemmt ist. 

2. Die Anwesenheit von Kalk, besonders aber alka- 
lische Reaktion des Nährmediums fördern bei anhaltender 
Nässe wesentlich die Absterbeprozesse lebender Organ- 
teile. 

Das Eindringen der Außenluft in den Boden ist vorzugsweise 
abhängig von der Lockerung des Bodens, besonders an der Ober- 
fläche, ferner von der Größe der kleinsten Bodenpartikelchen und 
von der Wassersättigung. In Böden von größerer Wasserkapazität 
ist in erster Linie der Wassergehalt für die Permeabilität ent- 
scheidend. Im gesättigten Zustande sind diese Böden für Luft voll- 
kommen impermeabel. Mit der Permeabilität für Luft hängt die 
Schnelligkeit des Luftausgleiches zwischen Bodenluft und Atmo- 
sphäre, sowie der Luftströmungen innerhalb des Bodens aufs engste 
zusammen. 

Eine im Boden von Wasser eingehüllte Wurzel wird in Be- 
friedigung ihres Atmungsbedürfnisses zunächst die unmittelbar an- 
grenzenden Wasserteilchen ihres Sauerstoffs berauben. Es tritt 
infolgedessen in nächster Nähe der Wurzel sehr bald Sauerstoff- 
mangel ein, der jedoch in lockeren Böden durch die Diffusions- 
strömungen des Wassers bald wieder beseitigt sein wird. Neue 
Wasserteilcben treten an Stelle der alten und führen den atmenden 
Organen neuen Sauerstoff zu. Der Tod infolge Sauerstoffmangels 
wird hier nicht so leicht eintreten, auch behindert die leichter statt- 
habende Diffusion die allzugroße Ansammlung schädlicher Stoff- 
wechselprodukte im Bereiche der Wurzeln. 

Ganz anders ist dies aber in schweren Böden. Wie ich durch 
ein Experiment ermittelt habe, geht hier die Diffusion des Wassers 
äußerst langsam von statten. Es muß deshalb hier bei stauender 
Nässe sehr bald Sauerstoffmangel in der Nähe der Wurzeln ein- 
treten, der vorerst das Wachstum dieser Organteile in Stillstand 
bringt. Die Lebensfunktionen der Wurzeln spielen aber noch eine 
Zeitlang weiter. Jede Wurzel scheidet hierbei gewisse Stoffe aus, 
die hier zum Teil wieder, soweit die inneren Diffusionszustände 
dies gestatten, von der im Wachstum nicht vorschreitenden Wurzel 
wieder aufgenommen werden und dann sehr wahrscheinlich als 
Selbstgifte wirken. Dadurch wird der Gewebezerfall und die Fäulnis- 
prozesse begünstigt. Letztere beginnen zumeist an den Wurzel- 
spitzen, da diese als die jüngsten Teile des Wurzelkörpers gegen 
Sauerstoffmangel und die anderen nachteiligen Einflüsse am emp- 
findlichsten sind. 

Ueiflunhotiner Bericht 1906. 



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162 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Die geringe Flüssigkeitsdiffusion der schweren Böden hat aber 
weiter zur Folge, daß die faulenden Wurzeln ihre eignen ver- 
jauchenden Gärungsprodukte aufnehmen und weiterleiten, da die 
Leitungsbahnen infolge ihrer festeren Beschaffenheit noch lange 
Zeit intakt bleiben. Wenn die aufgenommenen Mengen dieser 
Wurzeljauche unter gewöhnlichen Verhältnissen auch relativ gering 
sind, so sind dieselben infolge der ihnen innewohnenden stark 
toxischen Wirkung, die ich durch Versuche hinreichend ermittelt 
hahe, doch wohl häufig im stände, tiefergreifende Schädigungen des 
Pflanzen körpers herbeizuführen. 

Bei der Entstehung der eigentlichen Kalkchlorose spielen aber 
noch andere Vorgänge gewichtig hinein. Die bei dem Faulen der 
Wurzeln entstehende Kohlensäure wird zum großen Teil vom Wasser 
gelöst und dieses nun mit H,CO„ stark angereicherte Wasser führt 
in kalkhaltigen Böden zu einer relativ beträchtlichen Auflösung des 
Calciumkarbonates in Form des Bikarbonates, dessen Diffusion und 
dadurch bedingtes teilweises Ausfällen in feinpulverigen Böden ver- 
hindert wird, bezw. nur äußerst langsam erfolgt. 

Das in der Nähe der Wurzeln befindliche Kalkquantum ist ein 
eng beschränktes, und die gebildete Kohlensäure wird hier häufig 
im Überschuß sein gegenüber dem Prozentsatz des lösungsfähigen 
Bikarbonates. Die Menge des gelösten Kalksalzes wird deshalb in 
diesen kleinen Bodenräumen abhängig sein von der Menge des vor- 
handenen Kalkes überhaupt, wobei hier sehr wesentlich die Ver- 
teilung desselben im Boden mitspielt, und im besonderen von der 
Gesamtgröße der Oberfläche aller mit dem kohlensauren Wasser in 
Berührung kommenden Kalkteilchen und dem Grad (jer Löslichkeit 
derselben. Die eingangs erwähnte Kontroverse zwischen den Er- 
gebnissen von Houdaiile und Semichon und den Feststellungen 
Schloesings findet hier eine gute Lösung. 

Je feiner der Kalk ist, desto größer ist auch dessen Wasser- 
kapazität , desto geringer seine Flüssigkeitsdiffusion, beides Momente, 
die die prädisponierenden Bedingungen der Chlorose, die Wurzel- 
fäule, fördern. 

Die durch die Fäulnis bloßgelegten Gefäße leiten nun das ge- 
löste Bikarbonat zugleich mit den Fäulnisprodukten nach den Blättern 
und zwar infolge Ausschaltung der Zellenmembranen der Wurzel- 
haare in ununterbrochenem Strome. Die großen Mengen von Bi- 
karbonat, die in dieser Weise dem Pflanzenkörper zugeführt werden, 
bewirken allmählich eine Abnahme der sauren Reaktion der Pflanzen- 
säfte bis zur Neutralisation, oder gur Alkalität derselben, wodurch 
die Aufnahme der Bodennährstoffe, besonders des Kalis, erheblich 
erschwert wird. Es darf auch die Vermutung ausgesprochen werden, 
daß die Gelbfärbung des Laubes in manchen Fällen eine direkte 
Folgeerscheinung der alkalischen Reaktion der Zellsäfte ist. die eine 
erhöhte Wirkung der oxydierenden Kraft des passiven Sauerstoffs 
bedingt und dadurch eine Umwandlung des Chlorophylls in Hypo- 
chlorin herbeiführt Durch die Versuche von Dementjew steht 
wenigstens fest, daß in kohlensaurem Wasser gelöstes Calcium- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 1(33 

bikarbonat bei direkter Zuführung im stände ist, chlorotische Er- 
scheinungen an den behandelten Pflanzen hervorzubringen, obwohl 
auch hier eine indirekte Wirkung nicht ausgeschlossen ist. 

Wenn meine Theorie über die Entstehung der Chlorose in 
Kalkböden richtig ist, dann müssen alle Momente, die günstige Be- 
dingungen für die Wurzelfäule bieten, in gleicher Weise die chlo- 
rotische Erkrankung verschärfen, und umgekehrt müssen sich alle 
festgestellten chloroseerzeugenden Faktoren in der erörterten Weise 
begründen lassen. Und in der Tat ist dem so. Einige Belege in 
dieser Richtung seien hier angeführt 

Die Chlorose erscheint gewöhnlich erst mit der wärmeren Jahres- 
zeit. Auch die Wurzelfäule nimmt erst bei erhöhter Temperatur 
größere Dimensionen an. 

Sehr häufig beobachten wir das Auftreten der Chlorose nach 
starken Schlagregen, die die Bodenoberfläche zuschlämmen, sowie 
nach einer bei nassem Boden vorgenommenen Hackarbeit, wobei 
gleichfalls sich die Bodenporen verschmieren. Es werden so die 
Verhältnisse einer feuchten, abgeschlossenen Kammer geschaffen und 
damit die Bedingungen der Wurzelfäulnis. 

Ein nachträgliches starkes Sacken schwerer Böden hat häufig 
Chlorose im Gefolge, was mit der dadurch erhöhten Wasserkapazität 
und der Verminderung der Durchlüftung und Diffusion, gleichfalls 
Bedingungen der Wurzelfäule, zusammenhängt Ich konnte in 
chlorotischem Terrain nicht selten die Beobachtung machen, daß 
junge Weinberge üppig gediehen, während ältere, dicht daneben 
liegende stark an Chlorose zu leiden hatten. 



d) Bekämpfung der in kalkreichen Böden auftretenden Chlorose. 

Für die chlorotischen Erscheinungen in Kalkböden darf in den 
meisten Fällen primär die Fäulnis der Wurzeln, bedingt durch über- 
mäßigen Wassergehalt des Bodens oder Abschluß der Bodenporen 
und dadurch gehemmter Gaswechsel bei Gegenwart von Feuchtig- 
keit verantwortlich gemacht werden. Im nachstehenden sollen nun 
ganz kurz eine Anzahl Methoden angegeben werden, wie diese Übel- 
stände zu beseitigen sind oder wie denselben entgegen gearbeitet 
werden kann. 

a) Drainage und Bodenlockerung. 

Zur Entfernung von größeren Wasserinengen im Untergrund 
dient bei größeren Distrikten am zweckmäßigsten eine gut angelegte 
Röhrendrainage. .Alan hat dieselben in verschiedenen Gemarkungen 
Rheinhessens mit bestem Erfolg angewandt Der Wert des Geländes 
ist dadurch häufig um das Zehnfache gestiegen. 

Die Röhrendrainage erfordert aber immerhin einen größeren 
Kostenaufwand und ist auch nicht in allen Fällen zweckmäßig. 
Häufig sind die nassen Stellen nur eng umgrenzt, und sind dann 
die Sickerdohlen wegen ihrer leichten und billigen Herstellung 
empfehlenswert 

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164 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Liegt unter der Rodsohle eine dünne undurchlässige Boden- 
schicht, so ist es gut dieselbe während der Rodungsarbeiten in 
nicht zu weiten Intervallen zu durchbrechen. 

Sehr günstigen Erfolg hat allenthalben in Rheinhessen die 
Kohlenschlackendraiuage gehabt Hierbei werden zwischen den 
Zeilen Gräben von etwa 40 cm Tiefe und 30 cm Breite ausgeworfen, 
und diese 25 cm hoch mit Schlacken gefüllt und dann wieder mit 
Erde überdeckt. Es ist meines Erachtens durchaus falsch, die 
Gräben tiefer zu machen, denn dann wird die darüber liegende Erd- 
schicht zu mächtig, und es bleibt infolgedessen die Schlacken- 
atmosphäre nicht in genügender Verbindung mit der Außenluft. 

In Böden, die leicht zum Verkrusten neigen, wirkt schon ein 
oberflächliches Aufträgen der Schlacke recht vorteilhaft. 

ß) Flaches Roden (Rigolen) und Verwendung kurzer Setzlinge. 

Vielfach findet man in der Weinbauliteratur zur vorbeugenden 
Bekämpfung der Chlorose tiefes Roden angegeben. Es kann durch 
die Befolgung eines derartigen Rates das Übel in schweren Böden 
nur verschlimmert werden. Infolge der tiefen Lockerung des Bodens 
breiten sich die Wurzeln hauptsächlich in den unteren, nun auch 
nährstoffreicheren Schichten aus, und die Seiten- und Tagwurzelu 
werden nur schwach entwickelt Die Reben gedeihen vorerst vor- 
trefflich. Doch nach einer Reihe von Jahren, nachdem sich der 
Boden gesackt hat, fangen die Stöcke an zu kränkeln, sie werden 
gelbsüchtig und unfruchtbar. Die Fußwurzeln befinden sich nun 
in ungünstigen Lebensbedingungen infolge eines ungenügenden Luft- 
wechsels bei hoher Feuchtigkeit des Bodens. Bei der Untersuchung 
werden wir dieselben bei fortgeschrittener Krankheit häufig ab- 
gestorben oder in fauliger Zersetzung antreffen. Wir haben hier 
ähnliche Verhältnisse, wie sie auch beim Anhäufen des Baugrundes 
am Fuße der Weinberge geschaffen werden. 

Man muß in kalkreichen, schweren Böden, die leicht chloro- 
siorend sind, durch flaches Roden ein zu tiefes Eindringen der 
Fußwurzeln in den Untergrund zu vermeiden suchen. Eine Rigol- 
tiefe von 40 -—45 cm wird hier vollkommen ausreichend sein. Hand 
in Hand damit muß die Verwendung kürzeren Setzholzes gehen. 
Fis genügt hier eine Länge von 30 cm. Ich verkenne durchaus 
nicht den Wert einer tiefen Bodenlockcrung für unsere Reben, die 
in den meisten Böden von vortrefflichem Erfolge ist aber in chloro- 
sierenden Kalkböden, wie in allen schweren feuchten Bodenarten 
ist sie von großem Nachteil. 

Die Hackarbeiten sollen erst nach völliger Abtrocknung des 
Bodens vorgenommen werden. Das Winterhacken ist in den hier 
in Betracht kommenden Böden auf alle Fälle zu vermeiden, über- 
haupt soll in Chlorose -Böden die Lockerung des Bodens bei den 
Hauarbeiten immer nur eine mehr oberflächliche sein, um einesteils 
die Wasserverdunstung aus dem Untergründe nicht zu hemmen und 
zum anderen Teil den Wurzeln die Möglichkeit zu geben, sich in 
den oberen lufthaltigeren und trockneren Bodenschichten auszu- 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 165 

breiten. Durch Verwendung einer Flachhaue ist auf Entfernung 
des Unkrautes und ständige Offenhaltung des Bodens Bedacht zu 
nehmen. 

y) Anpflanzung widerstandsfähiger Sorten und Untervarietäten. 

Vielfältige Beobachtungen haben gelehrt, daß die verschiedenen 
Vinifera-Sorten bezüglich des Grades der Empfänglichkeit für Chlorose 
sehr ungleichwertig sind. In Rheinhessen fand ich Gewürztraminer 
und Sylvaner als am meisten zu dieser Erkrankung neigend, während 
der Trollinger (Fleischtraube) fast eine absolute Unempfindlichkeit 
nach dieser Richtung besitzt. 

Dern bezeichnet Kleinberger, Fleisehtraube, Gutedel, Orleans 
und Ortlieber als widerstandsfähig gegen Chlorose. Von H. Goethe 
werden Portugieser, Blaufränkisch, Müllerrebe, Steinschiller, Traminer 
und Großblaue in diesem Sinne genannt. 

Wie die einzelnen Sorten bezüglich ihrer Chlorosefestigkeit 
stark differieren, so finden wir auch innerhalb der Sorten große 
individuelle Schwankungen in der bedachten Eigenschaft, die oft in 
der Größe ihrer Amplitude mit den nach dieser Richtung gezogenen 
Grenzen der Sortencharaktere zusammenfallen können. Wir müssen 
dieser Tatsache eine um so höhere Bedeutung zumessen, als die 
Vererbung bei der in der Rebkultur geübten asexuellen Vermehrung 
eine sehr sichere ist, und uns so eine Nachkommenschaft garantiert 
ist, deren Eigenschaften mit denjenigen der Mutterpflanze fast voll- 
kommen identisch sind. 

Wenn der Darwinschen Theorie bei der descendenten Formeu- 
bildung der Organismen auch nur eine partielle Bedeutung zukommt, 
so steht der Selektionsgedanke bei allen unseren züchterischen 
Maßnahmen doch weitaus im Vordergründe, da er uns in Berück- 
sichtigung der Erkenutnissätze über Vererbung und Anpassung die 
Möglichkeit gibt, unsere Kulturrassen nach wirtschaftlichen Gesichts- 
punkten umzuformen und auch ungünstigen Verhältnissen anzupassen. 

Noch viel zu wenig ist dieser Gedanke im Interesse einer er- 
folgreichen Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten nutzbar gemacht 
worden, und doch verdient derselbe auch nach dieser Richtung eine 
weitgehende Beachtung. In einer früheren Mitteilung habe ich 
schon auf die Bedeutung dieses Problems auf Grund meiner ge- 
legentlich einer Weinbaustudienreise in den österreichischen Kron- 
ländem gemachten Beobachtungen für dio Bekämpfung der Reblaus 
hingewiesen. Bei allen Epidemien fallen uns Individuen iu die 
Augen, deren Widerstandskraft mit den übrigen stark kontrastiert, 
ohne daß wir für diese Erscheinung ohne weiteres eine hinreichende 
Erklärung haben. Dieselbe ist in den meisten Fällen auch sehr 
schwer zu finden, da die bewirkenden Ursachen größtenteils physio- 
logischer Natur sind, deren kausale Aufhellung oft weitgehende 
Untersuchungen voraussetzt oder gar außerhalb unseres heutigen 
Wissensbereiches liegt 

Der beste Prüfstein für ein derartiges physiologisches Wert- 
merkmal ist unzweifelhaft die Leistung an sich, das Verhalten des 



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16(i III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Individuums beim Hineinpflanzen in jene Verhältnisse, in deren 
Bedingungen es eine wirtschaftlich günstige Reizwirkung äußern, 
bezw. sich neutral verhalten soll. Doch dieses Experiment ist in 
vielen Fällen zu langwierig, ja häufig nicht einmal durchführbar, 
und man hat deshalb nach anderen Merkmalen gesucht, mit denen 
die ins Auge gefaßte Leistungseigenschaft korrelativ geeint ist. So 
haben wir in der Getreidezucht und dem Rübenbau gelernt, die 
Leistungsfähigkeit einer Sorto aus dem Exterieur zu beurteilen. 

In der Rebenkultur ist seither meines Wissens noch kein Ver- 
such gemacht worden, unter diesem Gesichtspunkte eine Sichtung 
der Sorten in Untervarietäten vorzunehmen. Ich habe es im folgen- 
den unternommen dieser Frage näher zu treten. 

Ebenso wie in den alten Reblausherden in Österreich, so konnte 
ich auch in den Chloroserevieren Rheinhessens hie und da mitten 
zwischen in weitem Umkreis chlorotischon und abgestorbenen 
Stöcken solche von gesundem Aussehen und üppigem Wüchse auf- 
finden. Oft waren diese Stöcke einer anderen Sorte, zumeist dem 
Trollinger, angehörig, doch in zwei Beobachtungsfällen war die Sorte 
mit den erkrankten Stöcken identisch. 

Diese wurden zu meinen Ermittelungen, die darauf hinzielten, 
in der Morphologie oder Anatomie der widerstandsfähigen Stöcke 
gewisse konstant auftretende charakteristische Formen zu ermitteln, 
herangezogen. Wenn auf Grund der wenigen untersuchten Fälle 
ein Urteil zulässig ist, so läßt sich dasselbe folgendermaßen zu- 
sammenfassen. 

Bezüglich der Blattform wurde festgestellt, daß bei Sylvaner 
die Untervarietäten mit schwach oder gar nicht gebuch- 
totem Blatt chlorosewiderstandsfähiger sind als diejenigen, 
deren Blatt tief und w'eit gebuchtet ist 

Anatomisch ist in den Blattorganen beider Gruppen kein Merk- 
mal vorhanden, das als Selektionsindikator dienen könnte, dagegen 
haben die diesbezüglichen an den Gewebeteilen der Wurzeln vor- 
genommenen Messungen und Zählungen zu einem Resultate geführt, 
in dem ohne Zw'eifel mehr oder weniger ausgesprochene Merkmale 
der widerstundsfähigen Stöcke im Vergleich mit den chlorosierendeu 
zu Tage treten. 

Als V ergleichsobjekte wurde hierbei außer den bereits erwähnten 
immunen Sylvanorstöcken auch der chlorosefeste Trollinger ver- 
wandt. Die Resultate sind allgemein ausgedrückt folgende: 

1. Der Durchmesser des Markes der Wurzeln chlorose- 
widerständiger Sylvanerstöcke, wie auch der Trollinger- 
stöcko ist bedeutend größer wie derjenige chlorosierender 
Sylvanerstöcke, die nur einen sehr geringen oder gar 
keinen Markkörper haben. 

2. Der Holzkörper der Wurzeln der chlorosefesten 
Sylvanerstöcke, wie auch der Trollingerstöcke ist etwas 
weniger umfangreich wie derjenige der chlorosierenden 
Sylvanerstöcke. 

3. Die Zahl der primären Markstrahlen ist bei den 



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Gciaenhcimcr Bericht, 1006. 



Tafel 3. 




Verlag von Paul Parey In Berlin S.W. 11. 



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Widerstandsfähige Sylvaner-Stöcko inmitten einer Chlorosestelle. 





Oeiscnhcimer Bericht , 1006. 



Tafel 4. 





Verlag von Paul Parcy in Berlin S.W. 11. 



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i. Wurzel eines widerstandsfähigen Sylvanerstuckes. b. Wurzel eines ehlorotiseben Sylvauerstockes. 




Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 1(57 



chlorosierenden Sj’lvanerstöcken geringer als bei den 
chlorosefesten Sylvanerstöcken und den Trollingerstöcken. 

4. Die Breite der primären Markstrahlen ist bei den 
chlorosierenden Sylvanerstöcken etwas beträchtlicher 
als bei den chlorosefesten Sylvanerstöcken und den 
Trollingerstöcken. 

5. Der Durchmesser dos Rindenparenchyms ist bei 
den chlorosierenden Sylvanerstöcken geringer als bei den 
chlorosefesten Sylvanerstöcken und den Trollingerstöcken. 

Die Zahl der sekundären Markstrahlen, wie auch der Durch- 
messer der Bastzone ließ bei den Vergleichsobjekten keine fest- 
stehenden Tendenzen nach irgend einer Richtung erkennen. 

Das Vorherrschen des Bindegewebes in den Wurzeln der 
chlorosefesten Stöcke scheint mir mitbedingend zu sein bei deren 
Widerstandsfähigkeit, denn dieses Gewebe ist reichlich luftführend, 
namentlich ist das Mark stark aerenchymatisch. Auch dürfte hierbei 
die Menge der abgelagerten Reservestoffe mitspielen. Der größere 
Reichtum an Kohlehydraten, sowie die reichliche Anwesenheit von 
Luft innerhalb der Gewebe wird das Eintreten der Fäulnis bei Luft- 
abschluß von außen ganz wesentlich hinausschieben, und es werden 
deshalb Rebstöcke mit solchen Wurzeln leichter im stände sein, eine 
eintretende Feuchtigkeitsperiode von nicht allzu langer Dauer ohne 
merklichen Nachteil für ihre Gesundheit zu ertragen. 



e) Die Düngung der an Kalk -Chlorose erkrankten Reben. 

Die Düngung der chlorotischen Rebstöcke erheischt eine be- 
sondere Aufmerksamkeit, denn es gilt hierbei, durch reichliche Zu- 
fuhr von Nährstoffen den Reben die Nahrungsaufnahme zu erleichtern, 
ohne dabei den Boden oder das Wurzel werk sonstwie ungünstig zu 
beeinflussen. 

Der Stallmist, der sonst zu unseren besten Düngemitteln gehört, 
darf nur in kleinen Mengen und in stark verrottetem Zustande in 
Anwendung kommen, da die alkalische Reaktion desselben die Wurzel- 
fäule begünstigt, und die sich bildende Kohlensäure die Lösung des 
Kalkkarbonates fördert. 

Die künstlichen Düngesalze müssen hier im Vordergründe stehen 
und da in erster Linie die Kalisalze. Der Kainit ist zweckmäßig 
durch das 40prozentige Kalisalz zu ersetzen, da er wegen seines 
geringeren Kaligehaltes in größeren Mengen gegeben werden müßte 
und dann durch seine Nebensalze schädlich auf die Bodenstruktur 
einwirken würde. 

Aus dem gleichen Grunde muß man mit der Anwendung des 
Chilisalpetors vorsichtig sein. Man ersetzt ihn am besten zur Hälfte 
durch Ammoniak oder durch hochprozentige orgauische Stickstoff- 
dünger. 

Die Phosphorsäure wird in chlorotischen Rehfeldern am besten 
in Form des Superphosphates zugeführt, da dessen Schwefelsäure- 
gehalt günstig auf die Aufschließung der Bodennährstoffe einwirkt. 



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168 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Ais eine anfänglich zuträgliche Düngung sei angegeben: Pro 
Morgen und Jahr 1 i / i — 2 Ztr. JOprozentiges Kalisalz, s / 4 Ztr. Super- 
phosphat, */, Ztr. schwefelsaures Ammoniak und */t Ztr. Chilisalpeter. 
Bei fortschreitender Gesundung der Beben sind in den folgenden 
Jahren die Stickstoffgaben allmählich zu erhöhen und zwar am besten 
durch hochprozentige organische Düngemittel. Auch eine Unter- 
grunddüngung mit den Wagnerschen konzentrierten Nährsalzen 
hat sich in der Praxis von Erfolg gezeigt 

Trotzalledem kann durch eine sachgemäße Düngung 
allein eine endgültige Heilung der Chlorose ebensowenig 
herbeigeführt werden wie durch die An wendung des Eisen- 
vitriols, da durch diese Mittel die Symptome der Krank- 
heit ja zeitweilig beseitigt werden können, ihre tieferen 
ursächlichen Bedingungen dadurch aber nicht behoben 
werden. 

C. Chlorose infolge zu großer Trockenheit im Boden. 

Daß eine übermäßige Trockenheit des Bodens im stände sei, 
Gelblaubigkeit bei den Beben hervorzubringen, wird von den fran- 
zösischen Schriftstellern verneint. Dufour berichtet, daß bei in 
Töpfen wachsenden Bebstöcken, die mehrere Wochen nicht begossen 
wurden, die Blätter vertrockneten und ahfielen, ohne eine Spur von 
Chloroso zu zeigen. Auch Boux sagt: ,,Alle Versuche, die an- 
gestellt wurden, um den Einfluß der Trockenheit in dieser Hinsicht 
festzustellen, ergaben negatives Resultat“ „Die Trockenheit dörrt die 
Pflanze, indem sie dieselbe entwässert, aber sie entfärbt sie nicht“ 
Diese Erkenntnissätze der beiden französischen Forscher basieren 
unzweifelhaft auf einer falschen Versuchsanstellung. Eine plötzlich 
eintretende Trockenheit, die den ganzen Umfnng des Ausbreitungs- 
gebietes der Bebwurzeln umfaßt dürfte in der freien Natur fast gar 
nicht Vorkommen. Immer sind es nur mehr die oberen Boden- 
schichten, die der Austrocknung unterliegen, während der tiefere 
Untergrund immer noch einiges Wasser in Reserve hat 

Trocknet der Boden nun in seinen oberen Schichten infolge 
einer langen Hitzeperiode stark aus, dann steigen die Wurzeln zum 
Teil tiefer hinab, um den Wasserbedarf der Reben zu decken. Doch 
infolge der Lahmlegung der Tätigkeit des Wurzelsystems in den 
oberen, nährstoffreicheren Bodenschichten wird die Ernährung der 
Stöcke eine ungenügende, da der tiefere Untergrund meist sehr arm 
an aufgeschlossener Pflanzennahrung, besonders aber den stickstoff- 
haltigen Bestandteilen ist deren Hinabsickem von oben infolge der 
aufgehobenen Wasserströmung des Bodens sistiert ist Die Bebe 
leidet somit in vielen Fällen weniger an ungenügender Wasserzufuhr 
als au Nährstoffmangel. 

In verschiedenen Experimenten habo ich die eben beregten 
Verhältnisse nachgeahmt und es ist mir gelungen, in dieser Weise 
eine sehr intensive Gelblaubigkeit hervorzubringen, die am unteren 
Teil der Rebstöcke begann und nach oben fortschritt. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 109 

Die Nährstoffmangel-Chlorose tritt auch auf, wenn ein seither 
nur sehr flach gehackter Weinberg plötzlich sehr tief gegraben wird, 
oder wenn beim Hacken eines trocknen Bodens dieser stark heraus- 
gebrochen wird. Ein solcher, jahrelang nur flach bearbeiteter Wein- 
berg hat den größten Teil seines Wurzelsystems in den oberen 
Bodenschichten entwickelt. Bei ■ tieferem Hacken oder Herausbrechen 
des Bodens wird deshalb ein großer Teil der oberen Wurzeln ver- 
nichtet, und der Weinstock ist in seiner Ernährung auf die tieferen, 
schlecht entwickelten Wurzeln angewiesen. Er leidet infolgedessen 
Nahrungsmangel und wird gelb. Auch die Gelblaubigkeit der Wurzel- 
ausschläge in ausgehackten Rebfeldem hangt mit den eben ge- 
schilderten Verhältnissen kausal zusammen. 

Endlich kann auch noch die Kalk - Chlorose in kalkhaltigen 
Böden nach einer lang anhaltenden Trockenheit mit folgender Regen- 
periode auftreten. Durch eine allzugroße Trockenheit des Bodens 
werden die feinsten Faserwiirzelchen zum Absterben gebracht, und 
bei einem durchweichenden Regen saugen auch die nach den ab- 
gestorbenen Wurzeln hinführenden Gefäße die Bodenflüssigkeit in 
großen Mengen ein. Diese ist aber jetzt in weit höherem Grade 
an Calciumbikarbonat angereichert als unter gewöhnlichen Um- 
ständen, da in einem vorher trocknen Boden sich bei reichlicher 
Wässerung desselben eine rapide, vorübergehende Steuerung des 
Kohlensäuregehaltes der Bodenluft einstellt, die, wie wir ja wissen, 
eine größere Lösbarkeit der Kalksalze bewirkt. 

Gemäß der Lage der Ernährungsbedingungen in dem eben vor- 
geführten Falle kann es Vorkommen, daß die Erscheinungsformen 
der Niihrstoffmangel-Chlorose sich mit denjenigen der Kalk-Chlorose 
mischen. 

D. Die Chlorose infolge Wärmemangels in Luft und Boden. 

Gelegentlich der Külterückfiüle im Frühjahr macht sich, wenn 
dieselben längere Zeit anhalten, häufig ein Verblassen des grünen 
Farben tones des Rebenblattes bemerkbar. Die Wärmemenge der 
Luft genügt hier offenbar nicht zur Neubildung des Chlorophyll- 
farbstoffes. Die in der Ausgestaltung ihrer Organteile schon weiter 
vorgeschrittene Rebe beansprucht nämlich zur normalen Ausbildung 
des Chlorophyllfarbstoffes eine höhere Temperatur als beim Entstehen 
des ersten Blattes, da sich das ökologische Temperatur- Optimum 
nicht während der ganzen Entwicklung der Pflanze auf gleicher 
Höhe bewegt, sondern mehr oder weniger, wie Sachs gezeigt hat, 
mit der weiteren Entwicklung der Pflanze eine steigende Tendenz 
erkennen läßt. Bei zunehmender Temperatur nehmen die fahlgrün 
gewordenen Blätter wieder ihr normales Kolorit an. 

Eine andere Form der Chlorose, die auf ungenügende Wärme 
im Boden zurückführbar ist, ist das häufig zu beobachtende Ver- 
gilben der Jungfelder, besonders wenn dieselben früh behackt 
wurden. Die jungen Stöcke haben den weitaus größten Teil ihres 
W urzelsystems als Fußwurzeln am unteren Teil des Stecklings ent- 



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170 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

wickelt Die in deren Ausbreitungsgebiet liegenden tieferen Boden- 
schichten enthalten also vornehmlich die für den Stock maßgeblichen 
Vegetationsfaktoren, zu denen die Wärme nicht in letzter Linie 
zählt. Infolge der starken Lockerung des Bodens beim Roden ist 
derselbe stark lufthaltig, wodurch das Eindringen der Wärme er- 
heblich behindert wird. Kommt nun ein frühes Behacken eines 
solchen Feldes da noch hinzu, so verschärft sich noch der Endeffekt. 
Durch das Hacken wird der Aufstieg des Wassers durch Unter- 
brechung der Kapillare fast aufgehoben und die unteren Schichten 
des Bodens bleiben deshalb lange feucht und erwärmen sich infolge 
der großen Wärmekapazität des Wassers nur sehr langsam. Durch 
diesen Wärmemangel an den Wurzeln wird die Nährstoffaufnahme 
der Rebstöcke erschwert, und die neugebildeten Triebe zeigen gelb- 
liches bis gelblichweißes Laub. 

Diese frühe Chlorose tritt häufig auch in Weinbergen auf, 
deren Stöcke infolge einer lang fortgesetzten tiefen Hackkultur ihr 
Wurzelsystem nur in tieferen Bodenschichten entwickelt haben. 

Die Chlorose infolge ungenügender Wärme im Boden ließ sich 
experimentell sehr leicht hervorrufen. 

Die im Frühjahr zur Zeit großer Wuchsenergie der Reben in- 
folge eines zu kalten Bodens erscheinende Chlorose findet ein 
Analogon in jener Chlorose, die bei sehr trocknem Boden auftritt. 
wenn man starktriebige Pflanzen im Sommer tief einkürzt (pincierte 
Obstbäume). In beiden Fällen steht die Nahrungszufuhr in un- 
günstigem Verhältnis zur Bedürfnisgröße. 



E. Die hereditäre Chlorose und verschiedene andere Ursachen der 
ikterischen Erkrankung. 

Eine Pflanze, die viele Jahro lang unter ungünstigen Wachs- 
tumsbedingungen gestanden und infolgedessen gewisse degenerative 
Eigenschaften zeigt, wird diese Minusvariationen bei ihren Nach- 
kommen auch noch dann eine Zeitlang hervortreten lassen, selbst 
wenn die nachteiligen Bedingungen, die sie schufen, in Wegfall 
kommen. 

Diese erbliche Nachwirkung wird bei der Stecklingsvermehrung 
besonders groß sein, viel größer als bei der Vermehrung durch Samen, 
denn »je größer im Verhältnis zum ganzen zeugenden Individuum 
der Teil desselben ist, der sich als überschüssiges Wachstumsprodukt 
von orsterem isoliert, desto größer ist die Gemeinschaftlichkeit der 
materiellen Grundlage, dosto größer ist der Grad der Erblichkeit, 
d. h. die Übereinstimmung in Form und Funktion des zougenden 
und des erzeugten Individuums« (Haeckel). 

Ein sehr bekanntes Beispiel intensiver erblicher Nachwirkung 
liefern die Serpentinformen Asplenium viride und Asplenium Adiantum 
nigrum, die sich von den typischen Arten durch gewisse morpho- 
logische Charaktere auszeichnen. Sadebeck gelang es nun innerhalb 
sechs Generationen diese Serpentinformen in die Urform zurück- 
zuführen. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 171 

Schueboler berichtet darüber, daß die Getreidearten des hoben 
Nordens, nach dem Süden verpflanzt, noch in der ersten Generation 
die kurzo Entwicklungszeit ihres Mutterlandes bewahren. 

Doch rücken wir unserer Aufgabe näher. 

Unter gewissen, noch nicht näher bekannten Bedingungen ent- 
stehen bei den Reben Stöcke, die sich durch eine sehr reichliche 
Verzweigung der Triebe auszeichnen. Nach Rathay erscheinen 
dieselben meist in größerer Anzahl nebeneinander, was diese Er- 
scheinung als den Effekt eines von außen kommenden Reizes kenn- 
zeichnet. Diese Krankheit kann bei den befallenen Stöcken wieder 
verschwinden, es ist also keine Mutation im Sinne von de Vries, 
aber von kranken Stöcken gewonnene Stecklinge behalten den miß- 
gebildeten Habitus erblich bei. 

Sehr leicht gelingt im allgemeinen die Übertragung der Weiß- 
blätterigkeit (Albicatio) durch die Veredelung. Durch Smith und 
Burill wurde aber auch experimentell erwiesen, daß die in den 
Vereinigten Staaten weiterverbreitete Gelbsucht der Pfirsiche durch 
Veredelung von Baum zu Baum übertragen werden kann. 

Auf Grund dieser theoretischen Erwägungen und Prämissen 
besteht die Möglichkeit, ja sogar eine sehr große Wahrscheinlichkeit 
einer erblichen Übernahme der Chlorose durch Stecklinge von lang 
erkrankten Mutterpflanzen. Und damit eröffnet sich uns die Per- 
spektive zur Erklärung des Auftretens der chlorotischen Einzelstöcke, 
die wir mitten zwischen gesunden Individuen zuweilen antreffen. 
Ich erblicke in dem krankhaften Zustand derselben die 
erbliche Übertragung gewisser, durch die chlorotischen 
Mutterpflanzen erworbener innerer Bedingungen auf die 
Nachkömmlinge, dio sich dadurch geltend machen, daß 
diesen entweder die Chlorose von Anfang an inhäriert 
oder aber, daß schon gewisse nachteilige Einwirkungen 
von außen infolge einer übernommenen starken Prä- 
disposition das ikterische Phänomen und dessen Folge- 
zustände entstehen lassen. 

Es gibt noch eine große Anzahl anderer Ursachen, die geeignet 
sind, ein krankhaftes Vergilben der Blätter der Reben herbeizuführen. 
Von hohem Interesse ist da noch die Bleichsucht, die häufig entsteht 
als eine Folge der Veredelung europäischer Reben auf amerikanische 
Unterlagen. Die Entstehungsursachen sind hier noch nicht festge- 
stellt. Doch leiten die einschlägigen, in Frankreich angestellten 
Untersuchungen zu der Ansicht hin, daß ätiologisch bei dieser Er- 
krankungsform vorwiegend die Verodelungsstelle in Betracht zu 
ziehen ist 

Eine gewisse kausale Ähnlichkeit mit den ungünstigen Bewirkungen 
der Veredelungsstelle haben die Folgen der Wurzel Verletzungen durch 
tierische Schädlinge. 



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172 



III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institnte. 



7. Untersuchungen über die KartoffelfHule. 

Vom Assistenten Dr. E. Molz. 

Bei meiner Chlorose-Arbeit habe ich gelegentlich der Klar- 
stellung des Einflusses der äußeren physikalischen Ursachen auf das 
Entstehen der Wurzelfäule auch Kartoffelknollen zu vergleichenden 
Versuchen herangezogen. Für die Anordnung der Versuchs- 
bedingungen waren hierbei grundlegend die Versuche von Wehmer 
über die Kaßfäule der Kartoffeln (Bakt. Centralblatt II. Abt, Bd. IV, 
1898), aus denen resultiert, daß den Angriffen der Bakterien stets 
Absterbeprozesse in den Knollen vorausgehen. Wenn dieses Er- 
gebnis auch nicht für alle hier in Betracht kommenden Bakterien- 
arten Gültigkeit beanspruchen kann, so dürfte es immerhin für 
weitaus die größte Zahl der Fälle zutreffend sein. 

Das Absterben des Knollengewebes tritt nach Wehmer stets 
ein, wenn die Kartoffelknolle von der freien trocknen Luft abge- 
schlossen wird, besonders bei etwas höherer Temperatur (-)- 32°). 
Je mehr sich die Wasserbedeckung verringert, und die Temperatur 
sinkt, um so mehr vermindern sich in gleichem Grade die Fäulnis- 
erscheinungen. Liegen die Knollen z. B. nur zu 1 ( i im Wasser und 
zu 3 j t in freier Luft, so bleiben sie bei mittlerer Temperatur zumeist 
gesund. Wenn sich aber der vom Wasser nicht bedeckte Knollenteil 
in einem geschlossenen Raum befindet, so faulen alle Knollen ohne 
Ausnahme. Der abgeschlossene Raum wirkt hier wie der völlige 
Luftabschluß, obwohl hier hinreichend Sauerstoff vorhanden ist 

Die Wehmerschen Versuche habe ich dahin variiert, daß ich 
statt der Glasgefäße extreme Bodenarten verwandte, wobei ich vor 
allem bestrebt war die verschiedenartigsten Wachstumsbedingungen 
des freien Feldes zu schaffen. Diese Versuche folgen nach- 
stehend : 

I. Versuch. 

Beginn am 14. Februar 1906. 



Lfd. 

No. 



Versucbsbodingungen 



Resultat 
am 8. IV. 06. 



1. Zwei vollkommen gesuode und unverletzte Kartoffel- 

kuollen wurden jede für sich in je einem besonderen 
Topf (10 cm hoch, 12 cm breit) in festgekneteten 
Letten so eingebettet, daß der obere Rand der Knollen 
noch 3 cm von der Lettenschicht überdeckt war. 
Für ständiges Feuchthalten der Oberfläche der Erd- 
schichten wurde in allen Versuchen gesorgt. Sämt- 
liche Töpfe dieser Versuchsreihe wurden in 3 cm 
hohe Untersätze eingestellt, die ständig mit Wasser 
gefüllt gehalten wurden , das durch das Loch im 
Boden des Topfes in das Innere desselben eindringen 
konnte. Außentemperatur 18 — 22° C. 

2. Zwei Knollen wurden behandelt wie bei 1, doch er- 

folgte hier die Einbettung in den Letten nur so tief, 
daß das obere Ende der Knollen noch 1.5 cm aus 
der Lettenschioht herausragte und hier von Kohlen- 
schlacken (Ilascluußgröße) eingehüllt war. 



Beide Knollen 
faul. 



Beide Knollen 
gesund und 
getrieben. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation, J 73 



Lfd. 

No. 



Versuchsbedingungen 



Resultat 
am 8 . IV. 06. 



3. 

4 . 



6 . 



8 . 



Zwei Knollen wurden behandelt wie bei 2, doch war 
die deckende Schlackenschicht hier ersetzt durch ein 
Gemenge von Ivetten und Kohlenschlacken (1:1). 

Zwei Knollen wurden jede für sich in je einem Topf 
mit Sand so eingebettet, daß die Sandschicht den 
oberen Hand der Knollen noch 3 cm überdeckte. 

Zwei Knollen wurden in je einem Topf in gekneteten 
Letten derart eingebettet, daß das untere Ende der 
Knolle sich etwa 3 cm im Letten befand, ebenso ihr 
oberes Ende, zwischen beiden Lettenschichten befand 
sich eine Lage kleiner Kohlonschlacken (0,5—2 cm 
Durchmesser); der obere Rand der Knolle war noch 
3 cm unterhalb der Oberfläche der Lettenschicht. 

Zwei Knollen wurden behandelt wie bei 5, doch wurde 
hier die Schlackenschicht durch je 4 Glasröhren von 
0,5 cm lichtem Durchmesser mit der Außeniuft in 
direkte Verbindung gesetzt. 

Eine ganze Knolle und beide Hälften einer zerschnittenen 
Knolle wurden in einem größeren Blumentopf (21 cm 
hoch, 24 cm breit) in Letten eingebettet. Auf den 
Boden kamen auf dasAbzugsloch einige Kohlenschlacken, 
die Seiten des Topfes wurden mit einer 2 cm dicken 
Schicht von geknetetem Letten ausgekleidet. Das 
Innere des so ausgestatteten Topfes wurde dann mit 
Letten in Krümelstruktur gefüllt und hierin in einer 
Tiefe von 8 cm von der Oberfläche die Knollen und 
Knollenstücke eingelegt. Die Oberfläche des Lettens 
wurde durch Verstreichen uuter Anwendung von 
Wasser zu einer schwer durchlässigen Deckschicht 
geformt, wie ähnliche Verhältnisse auch in der Natur 
bei solchen Bodenarten durch Schlagregen erzeugt 
werden. Der Topf kam dann in einen Untersatz, der 
5 cm hoch mit Wasser gefüllt gehalten wutde. 

Eine ganze Knolle und beide Hälften einer zerschnittenen 
Knolle wurden in einem größeren Blumentopf in 
Letten in Krümelstruktur 8 cm tief eingebettet. Die 
Oberfläche der Lettenschicht winde einige Male 3 cm 
tief aufgelockert. Der Topf kam in einen Untersatz 
der gleichfalls 5 cm hoch mit Wasser gefüllt ge- 
halten wurde. 



Beide Knollen 
gesund und 
getrieben. 
Beide Knollen 
gesund und 
getrieben. 
Beide Knollen 
faul. 



Beide Knollen 
gesund und 
getrieben. 

Alles faul. 



Alles gesund 
und getrieben. 



Aus dioson Ergebnissen geht klar hervor, welch hohe Be- 
deutung dom Otfenhalten des feuchten Bodens für die Ge- 
sunderhaltung der in ihnen lagernden Kartoffelknollen 
zukommt. Namentlich in schweren tonhaltigen Böden, die durch 
Schlagregon leicht zugeschlemmt werden, und deren Feuchtigkeits- 
gehalt meist ein relativ hoher ist, muß man die Bildung einer luft- 
abschließenden Schicht durch fleißiges flaches Lockern der Ober- 
fläche zu verhüten suchen, andernfalls große Verluste durch die 
entstehende Naßfäule der Knollen unvermeidlich sind. 

Die Fäulnis der Knollen wird, wie ich durch Versuche 
feststellen konnte, begünstigt durch die Gegenwart von Kalk, 
bezvv. alkalische Reaktion des Mediums. Es folgen zwei hier- 
her gehörige Versuchsreihen; 



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III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



174 



II. Versuch. 



Beginn am 16. März 1906. 







£2 

* 












I 


£ 

a 


V ersnchsbedingungen 


§.§ 8- 
2 g 


7 




$ w 


© 




<2, 






2 2 
l S 






e 


i. 


Acht Knollen in 1 1 dest. Wasser 


516,02 


2. 


Acht Knollen in 1 1 dest. Wasser, 






dem 10 °/o Schlämmkreide zu- 
gesetzt war 


516,90 


3. 


Acht Knollen in 1 1 dest. Wasser, 


| 




dem 10 “, 0 Schlämmkreide zu- 
gesetzt war und durch das drei- 
mal je V, Stunde lang Kohlen- 
säure hindurchgeleitet wunde 


498,49 


4. 


Acht Knollen in I 1 dest Wasser. 






das durch einen geringen Zusatz 
von CaO schwach alkalisch ge- 


1 




macht war 


514.91 


5. 


Acht Knollen in 1 1 dest. Wasser, 






das durch einige Tropfen Am- 
moniak schwach alkalisch ge- 
macht war 


515,95 




>7% 
Br. C g 
B j? — 5 

c _ | = r 

jfi ® 



261.65 254,17 



49,2 



249,00 267,90 

238,55 260.94 

200,50 314,51 

222,40 293,55 



51,8 

52,3 

61,1 



56,9 



III. Versuch. 

Beginn am 11. Mai 1906. 



z 



Versuchsbedingungeu 


2. ä? 1 o 1 9 

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I.SI5- 
f| 1 


Zwölf Knollen wurden in einen 






kalkhaltigen Lettenbrei (41,36% 


1 




Ca CO,) eingebettet 


534,90 j 115.08 419,82 


78,5 


Zwölf Knollen wurden in einen 






kalkarmen Sand (9,27 “/„ Ca CO,) 






eingebettet, der mit Wasser über- 


j | 




gossen wurde 


535,05 208,56 ' 326,49 

i 1 


61,0 



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Belicht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. 175 



Für die letztere Versuchsserie kommt Fäulnis begünstigend noch 
die geringere Flüssigkeitsdiffusion des Lettenbreies gegenüber dem 
überwässerten Sandboden hinzu, wodurch sich Sauerstoffmangel in 
der Umgebung der Knolle rascher geltend machen wird. 

Wie schon Wohmer gezeigt hat, fördert ein erhöhter Wärme- 
grad ganz wesentlich das Absterben der unter Wasser oder im 
feuchten abgeschlossenen Raum liegenden Kartoffelknollen. In 
gleicher Weise begünstigt die Wärme die Bakterientätigkeit, so daß 
die in wärmerem Wasser liegenden Knollen weit schneller verfaulen 
als in kälterem Wasser. Ein nach dieser Richtung von mir an- 
gestellter Versuch war noch insofern interessant, als bei den Kartoffel- 
knollen, bei denen durch Liegen in wärmerem Wasser (22 — 24° C.) 
eine raschere Fäulnis cingeleitet worden war, diese fast ausschließ- 
lich durch Bakterien herbeigeführt wurde, während die längere Zeit 
in kaltem Wasser (4 — 6° C.) gelegenen Knollen später meist von 
der Fusariumfäule ergriffen wurden. 

Die Versuehsanordnung war hier folgende: Eine größere An- 
zahl Knollen wurde in zwei Gefäße, die mit Wasser gefüllt waren, 
verteilt. Das eine dieser Gefäße wurde in einem Thermostaten 
untergebracht, innerhalb dessen die Temperatur zwischen 22— -24° C. 
schwankte. Das andere wurde in ein kaltes Zimmer, in dem die 
Temperatur etwa 4- (5° C. betrug, gestellt. Vom zweiten Tag ab 
wurden nun aus jedem dieser Gefäße je 4 Knollen genommen und 
diese in Sand 6 cm tief eingebettet, wobei darauf geachtet wurde, 
daß eine gegenseitige Berührung der Knollen nicht statt hatte. Der 
Versuch begann am 20. Januar 1907. Das Resultat wurde am 
3. April d. J. ermittelt: 



Datum der 
Herausnahme 
der Knollen 


bei 22—24° C. 


bei 4-6° C. 


22. I. 


4 Knollen gesund, kräftig ge- 
trieben. 


4 Knollen gesund, kräftig ge- 
trieben. 


23. I. 


4 Knollen vollkommen faul 
(Bakterienfäule und etwas 
Fusariumfäule). 


1 Knolle gesund, kräftig ge- 
trieben, 3 Knollen angefault 
(Fusariumfäule). 


24. I. 


1 Knolle gesund, kräftig ge- 
trieben, 3 Knollen vollkom- 
men faul {Bakterienfäule). 


2 Knollen gesund, schwach ge- 
trieben, 2 Knollen angefault 
(Fusariumfäule). 


25. I. 


4 Knollen vollkommen faul(Bak- 
terienfäule). 


2 Knollen gesund, kräftig ge- 
trieben, 2 Knollen angefault 
(Fusariumfäule). 


28. I. 


Wie vorher. 


2 Knollen gesund, kräftig ge- 
trieben, 2 Knollen angefault 
(Fusariumfäule). 


29. I. 


Wie vorher. 


1 Knolle gesund, kräftig ge- 
trieben. 3 Knollen schwach 
angefault (Fusariumfäule). 



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176 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Datum der 
Herausnahme 
der Knollen 


bei 22—24» C. 


bei 4—6° C. 


30. 1. 


Wie vorher. 


2 Knollen gesund, kräftig ge- 
trieben, 1 Knolle etwas ange- 
fault ( Fusariumfäule), schwach 
getrieben. 


31. I. 




4 Knollen krank (Fusarium- 
faule), schwach angetriebeu, 
Triebspitzen schwarz. 


1. II. 




1 Knolle gesund, getrieben, 
3 faul (Fusariumfäule, Bak- 
terienfäule). 


5. 11 . 




2 Knollen fast gesund, schwach 
getrieben, 1 Knolle angefault 
(Fusariumfäule), 1 Knolle ganz 
faul ( Fusariumfäule , Bak- 
terienfäule). 


16. II. 




4 Knollen faul (Fusariumfäule, 
Bakterienfäule). 



Eine strenge Grenze zwischen der Fusariumfiiule und Bakterien- 
faule ließ sich natürlich in den Resultaten nicht ziehen, da beide 
Fäuleerscheinungen häufig nebeneinander hergingen, was namentlich 
für die zweite Versuchsreihe gilt Immerhin konnte festgestellt 
werden, daß bei den Knollen, bei denen durch Liegen im 
angewürmten Wasser eine beschleunigte Fäulnis eingeleitet 
wurde, fast ausschließlich die Bakterienfäule auftrat. Da 
bei einem für beide Versuchsreihen angestellten l’arallel versuch, wie 
auch bei den nach 2 Tagon aus dem kalten Wasser herausgenommeneu 
Knollen eine Schädigung des Gewebes nicht zu erkennen war, so 
darf angenommen werden, daß durch das längere Liegen im Wasser 
erst eine Disposition zum Auftreten der Fusariumfäule geschaffen 
wurde. 

Aus dem Versuchsergebnis geht hervor, das ein sich auf einige 
Tage erstreckendes Verweilen der Kartoffelknollen in wärmerem 
Wasser (22 — 24° C.), wie auch schon Wehm er gezeigt hat, ein 
vollständiges Verfaulen derselben zur Folge hat, und daß auch in 
kaltem Wasser (4 — 6 e C.) schon nach einigen Tagen eine 
krankhafte Disposition entsteht, die die Knollen gegen 
Pilzinfektionen weniger widerstandsfähig macht. W erden 
deshalb Kartoffelfelder im Frühjahr auch nur einige 
Tage infolge einer Überschwemmung von Wasser über- 
staut, so empfiehlt sich ein späteres Nachsetzen des 
ganzen Feldes, da dio etwa noch keimenden Knollen 
meist schwache oder kranke Pflanzen hervorbringen. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen pathologischen Versuchsstation. 1 7 7 



8. Die „Wassersucht“ der Reben. 

Vom Assistenteu Dr. E. Molz. 

Bei Rebenstecklingen. die längere Zeit einem größeren Feuchtig- 
keitsgehalt der Bodenluft ausgesetzt waren, trat eine eigenartige 
Erkrankung auf, die bei anderen Pflanzen unter besagten Verhält- 
nissen schon häufiger beobachtet und 
hier mit dem Namen ,, Wassersucht“ 
belegt wurde. 

Der erkrankte Steckling schwillt 
an einer oder mehreren Stellen tonnen- 
artig auf und die äußeren Gewebe- 
teile werden in der Längsrichtung 
auseinander gesprengt und klaffen in 
längeren oder kürzeren Strecken mehr 
oder weniger weit auseinander, wobei 
ein meist schneeweißes, schwammiges 
Gewebe sichtbar wird und zuweilen 
über den Spalt herauswächst. Dieses 
lockere Gewebe ist ein hvpertrophier- 
tes Rindenparenchym, dessen Zellen 
durch anormales Wachstum erheblich 
vergrößert sind. Die einzelnen Zellen 
stehen zueinander in ganz lockerem 
Verbände und lassen große, mit Luft 
gefüllte Interzellulare zwischen sich, 
worauf die weiße Farbe dieses Ge- 
webes zurückzuführen ist. Die von 
mir am meisten beobachteten Größen- 
verhältnisse dieser Zellen waren 
folgende: 32 n : 28 /*, 30 /1 : 28 /», 

72 /« : 56 fi. 80 ft : 30 /<, 120 fi : 32 ft. 

Der Inhalt der Zellen ist plasmaarm 
und sohr saftreich, die Zellmembran 
sehr dünn. 

Derartige Wucherungen, wie die 
eben beschriebenen, findet man am 
häufigsten bei den Stecklingen von 
Ribes aureura, auch entstehen sie bis- 
weilen an Kartoffeiknollen. 

Sora u er (Handbuch f. Pflanzen- pjg. 1 ] , Wassersüchtiger Reben- 
krankh. 1886, p. 235), der diese Rinden- Steckling, 

krankheit bei Ribes aureum eingehen- 
der studiert hat, sieht in einer lokalen Anhäufung von Wasser die 
Ursache ihrer Entstehung. Die in der Praxis häufig ausgesprochene 
Vermutung, daß eine überreiche Ernährung den hypertrophischen 
Wuchs veranlasse, wird von ihm mit der Begründung zurück- 
gewiesen, daß die in Rede stehende Gewebewucherung nicht mit 
einer Zellvermehrung verbunden ist. 

Geiseaheinlot Bericht 1906. I - 




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178 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Wassersüchtige Reben findet man in den Weinbergen in feuchtem 
Terrain recht häufig und es ist zu verwundern, daß diese Krankheit 
seither in der Literatur für die Reben noch nicht angeführt wurde. 
Man wirft in den Kreisen der Praktiker diese Erkrankungsart all- 
gemein mit der als Rhizomorpha subcorticalis bekannten Erscheinungs- 
form der Dematophora necatrix zusammen. Die Untersuchungen 
über die Wassersucht der Reben werden fortgesetzt. 

C. Sonstige Tätigkeit der Station. 

Als Praktikanten (s. Statut der Anstalt Seite 14 D.) arbeiteten 
in der Station die Herren E. Hule aus Nikolojew (Süd-Rußland) 
und Gr. Kolotoff aus Petersburg (Rußland). 

Der Berichterstatter hielt folgende Vorträge: 

1. Neues und für die Praxis Wichtiges aus dem Gebiete der 
Pflanzenkrankhoiten. Im Rheingauer Verein für Obst- und Gartenbau 
zu Erbach. 

2. Über die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurmes durch Gifte. 
In Geisenheim. 

3. Über die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurmes mittels 
Arsensalzen. Im landwirtschaftlichen Kasino zu Trarbach a. d. Mosel. 

4. Über zielbewußte Bekämpfung der Rebenschädlinge. In der 
General- Versammlung des Rheingauer Vereins für Obst- und Gartenbau. 

5. Über die Bekämpfung der Rebschädlinge. In der General- 
versammlung der Vereinigung Rheingauer W'eingutsbesitzer in 
Hattenheim. 

6. Über Gemüsekrankheiten und Gemüsefeinde. In der Gärtner- 
Genossenschaft zu Sachsenhausen a. Main. 

7. Über ein neues Verfahren zur Bekämpfung des Heu- und 
Sauerwurmes. Im landwirtschaftlichen Kasino zu Traben. 

8. Über die Rebonschildlaus und ihre Bekämpfung. Ebenda. 

Der Reblaus-Kursus für die Schüler und der öffent- 
liche Reblaus-Kursus, die beide von dem Berichterstatter 
geleitet wurden, waren zusammen von 88 Personen besucht. 

ln der Handhabung des Apparates zur Desinfektion 
von Reben mittelst Schwefelkohlenstoff wurden 3 Personen 
ausgebildet 

Auf Veranlassung des Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz 
fand in der Zeit vom 31. Mai bis 2. Juni ein Kursus über Krank- 
heiten der Obstbäume statt, an dem Herr Landrat von Nasse- 
Kreuznach und Herr Regierungs-Assessor Abicht-Coblenz teilnahmen. 

Für den Obstbau-Kursus hatte der Berichterstatter 10 Vor- 
träge über Feinde und Krankheiten der Obstbäume übernommen. 

Mitte Juli wurden von dom Berichterstatter die im Parke, den 
Gewächshäusern und dem Obstmuttergarten der Anstalt stehenden 
Reben auf das Vorhandensein der Reblaus hin untersucht, wobei 
verdächtige Erscheinungen nicht beobachtet wurden. 

Auch in diesem Jahre stand die Station in regem Verkehr mit 
der Praxis. Die Zahl der sich auf Schädlinge und Krankheiten 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenpathologischen Versuchsstation. J79 



der Kulturpflanzen und Bekämpfungsmittel beziehenden Anfragen 
belief sich im Etatsjahr auf 598. Davon entfielen auf Obst- und 
Gartenbau 271, auf Woinbau 144, auf Landwirtschaft 22, auf Forst- 
wirtschaft 7, auf chemische und technische Mittel zur Schädlings- 
bekämpfung 154. Dazu kommen noch 51 von den Sammlern oin- 
geschickte Meldeblätter. Die Zahl der im ganzen an die Biologische 
Anstalt zu Dahlem bei Berlin eingesandten Meldeblätter betrug 123. 

Längere Berichte, resp. Gutachten wurden erstattet: 

1. An das Ministerium für Landwirtschaft. Domänen und 

Forsten zu Berlin: Über die Bekämpfung der Reblaus mittels 

Elektrizität. 

2. An das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und 

Forsten zu Berlin: Über die Peronospora-Epidemie des Jahres 1906. 

3. An das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und 

Forsten zu Berlin: Über die Bekämpfung von Obstbaumschädlingen 
mittels Carbolineum. 

4. An das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und 

Forsten zu Berlin: Über die Einfuhr von Pflanzen und Pflanzen- 
teilen aus Japan. 

5. An das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und 

Forsten zu Berlin: Über die Mies'schen V ersuche zur Bekämpfung 
der Reblaus. 

6. An das Königl. Oberpräsidium in Cassel: Über die Organi- 
sation des Pflanzenschutzes im Reg.-Boz. Wiesbaden. 

7. An das Königl. Oberpräsidium in Cassel: Über das Ergebnis 
einer Besichtigung der Rebendesinfektionsanstalten. 

8. An die Königl. Regierung zu Wiesbaden: über die Be- 
kämpfung der Peronospora. 

9. An die Königl. Regierung zu Wiesbaden: Über die Be- 
kämpfung der Peronospora. 2. Bericht. 

10. An die Königl. Regierung zu Wiesbaden: Über die Neu- 
organisation des Pflanzenschutzes im Reg.-Bez. Wiesbaden. 

11. An die Königl. Regierung zu Wiesbaden: Über die Ver- 
wendung von Arsenbrühen zur Heuwurmbekämpfung. 

12. An die Großherzogi. Regierung des Fürstentums Birkenfeld: 
Über die Neuorganisation des Pflanzenschutzes im Fürstentum 
Birkenfeld. 



Veröffentlichungen der Station, 
a) Vom Vorstande Dr. Lüstner. 

1. Erkennung und Bekämpfung der Blattfallkrankheit der Reben. 
Amtsblatt der Landwirtschaftskammer zu Wiesbaden 1900. 

2. Der Apfelwickler. Ebenda. 

3. über vom ungleichen Borkenkäfer hervorgerufene Schäden 
an Obstbäumen. Ebenda. 

4. Über eine ansteckende Krankheit der Runkelrüben. Ebenda. 

5. Die Bekämpfung der Hopfenblattlaus. Ebenda. 

6. Über die Kohlschabe. Ebenda. 

12 * 



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180 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



7. An die Winzer! Aufforderung zur Bekämpfuug der Perono- 
spora. Ebenda. 

8. An die Winzer! Aufforderung zur Bekämpfung des Üidiums. 
Ebenda. 

9. An die Winzer! Warnung vor dor Anwendung der Loh- 
kalkbrühe. Ebenda. 

10. Über Erbsenfeinde. Ebenda. 

11. Über den h'ropf des Kohles oder die Kohlhernie. Ebenda. 

12. Über Feinde und Krankheiten der Gemüsepflanzen. Geisen- 
heimer Mitteilungen über Obst- und Gartenbau 1906. 

13. Über Miniermotten. Ebenda. 

14. Vorsicht beim Bezüge von Stachel- und Johannisbeer- 
sträuchern. Ebenda. 

15. Die rote austernförmige Schildlaus, ein gefährlicher Feind 
der Obstbiiurae. Ebenda. 

16. Ein Beitrag zur Ansiedlung nützlicher Vögel in den Wein- 
bergen. Mitteilungen über Weinbau- und Kellerwirtschaft 1906. 

17. Erkennung und Bekämpfung der wichtigsten Feinde und 
Krankheiten der Heben. Ebenda 1907. 

18. Obstbaumschädlinge. Drei Vorträge. Verlag von E. Ulmer, 
Stuttgart. 

19. Ein gefährlicher Obstbaumfeind. Neues Frankfurter Lesebuch. 

b) Vom Assistenten Dr. E. Molz. 

20. Neue Erfahrungen bei der Bekämpfung der I’eronospora. 
Landw. Zeitschrift für Rheinhessen 1906. 

21. Einige Bemerkungen zur Bekämpfung der Perouospora. 
Mitteilungen über Weinbau und Keller Wirtschaft 1906. 

22. Die Pocken- und Milbenkrankheit der Hebe. Fübenda. 

23. Über Blattbräune und Laubröte dor Heben. Ebenda. 

24. Einige Bemerkungen über die Bekämpfung der Perono- 
spora. Ebenda. 

25. Die Graufäule der Heben und ihre Bekämpfung. Ebenda. 

26. Über dio Entstehung der durch Sclerotinia fructigena er- 
zeugten Schwarzfäule. Bakt Centralblatt 1906. 

27. Zur Frage der pulverförmigen Kupfermittel. Weinbau und 
Weinhandel 1906. 

28. Dio Feinde und Krankheiten der Rebe. Jahresbericht über 
Neuerungen auf dem Gebiete des Pflanzenschutzes. 

c) Von Dr. Dewitz. 

29. Versuche über die Wirkung des arsensauren Bleies auf 
die Raupen dor Traubenwickler. Mitteilungen über Weinbau- und 
Kellerwirtschaft 1906. 

30. Ein neues Bekämpfungsmittel für den Springwurmwickler. 
Weinbau und Weinhandel 1906. 



Um die beteiligten Kreise über die Lebensweise und Bekämp- 
fung wichtigerer Krankheitserreger zu unterrichten, wurden in den 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenputhologischen Versuchsstation. 181 



„Geisenheimer Mitteilungen über Obst- und Gartenbau“ besondere 
„Mitteilungen der pflanzenpatbologischen Station“ in jeder Nummer 
veröffentlicht. Dortselbst ist auch ein sog. „Schädlingskalender“ ein- 
gerichtet worden, in welchem der Praxis die in dem betr. Monat 
zur Ausführung kommenden Bekämpfungsmaßnahmen mitgeteilt 
werden. 



D. Neuanschaffungen. 

P. et H. Sydow, Monographia Credinearum (Fortsetzung). 

P. Wytsman, Genera inseetorum (Fortsetzung). 

Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektions- 
krankheiten (Fortsetzung). 

Arbeiten aus der Kaiserl. Biol. Anstalt für Land- und Forst- 
wirtschaft zu Dahlom (Fortsetzung). 

Naturwissenschaftliche Zeitschrift für Land- und Forstwirtschaft 
(Fortsetzung). 

Annales mycologici (Fortsetzung). 

Praktische Blätter für Pflanzenbau und Pflanzenschutz (Fort- 
setzung). 

Erfurter Führer im Obst- und Gartenbau (Fortsetzung). 

Sorauer, Lindau und Reh, Handbuch der Pflanzenkrankheiten 
(Fortsetzung). 

Francö, Das Leben der Pflanze (Fortsetzung). 

Fischer, Vorlesungen über Bakterien. 

Mangin et Viala. La Phthiriose de la vigne. 

Lemström, Elektrokultur. 

Schröder u. Reuß, Die Beschädigung der Vegetation durch 
Rauch und die Oberharzer Hüttenrauchschäden. 

Brun et, Les maladies et insectes de la vigne. 

Prillieux, Maladies des plantes agricoles. 2 Bände. 

Boisduval, Essai sur l'entomologie horticole. 

Nitschke, Pyrenomycetes germanici. 

Frank, Kampfbuch gegen die Schädlinge unserer Feldfrüchte. 

Ein Binoculares Mikroskop von Zeiß-Jena. 

Ein photographischer Apparat, Minimum-Palmos mit Stativ von 
Zeiß-Jena. 

Ein Wärmeschrank. 



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182 HI. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Bericht 

über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Ver- 
suchsstation. 

Erstattet von Dr. Karl Kroemer, Vorsteher der Station. 

A. Wissenschaftliche Tätigkeit. 

1. Über die Bewurzelung der Hebe. 

Seit mehreren Jahren bereits sind in der Versuchsstation Unter- 
suchungen über die Wurzelentwicklung der Rebe im (lange, die 
sich wegen der Schwierigkeit des Untersuchungsgegenstandes not- 
wendig auf einen größeren Zeitraum erstrecken müssen. Die Be- 
obachtungen der früheren Jahre betrafen zunächst die Morphologie 
des Wurzelsystems und bezogen sich u. a. auf die Tracht der Be- 
wurzelung, die Stellung der Wurzeln an ein- und mehrjährigen 
Wurzolreben, dio Ausbildung und das Zahlenverhältnis der einzelnen 
Glieder des Systems, sowie auf die Anatomie der Wurzeln, Erschei- 
nungen, über die Näheres in den Jahren 1903 — 1905 berichtet 
wurde. Außerdem wurden dio Wachstumsvorgänge der Wurzeln 
verfolgt, auf die Vegetations- und Kuheperioden im Wurzelwachs- 
tum, die Ergänzungsfähigkeit, den Tiefgang und die Flächenaus- 
breitung der Wurzeln im Boden geachtet. Insbesondere auf diesem 
Gebiete wurden im letzten Jahre die Beobachtungen fortgesetzt, 
weil gerade die Wachstumserscheinungen der Wurzel schwieriger 
zu verfolgen und nur durch umfassende, sich über mehrere Vege- 
tationsperioden erstreckendo Forschungen klarzulegen sind. 

Über die Periodicität des Wurzel Wachstums wurden bereits im 
Bericht dos Jahres 1904 einige Angaben gemacht, aus denen zu 
schließen war, daß für die Bildung neuer und das Spitzenwachstum 
älterer Wurzeln durchschnittlich die Zeit von Anfang Mai bis Ende 
Septembor in Betracht kommt. Im letzten Jahre wurden durch 
die Beobachtungen im Wurzelhause und durch Nachgrabungen im 
Freiland neue Belege für diese Annahme erbracht, ln den Ver- 
suchskästen des Wurzelhauses stand die Wurzelentwicklung während 
dor Monate Dezember bis März vollkommen still, und auch bei 
Weinbergsreben ließ sich in dieser Zeit Spitzen Wachstum an den 
Wurzeln nicht feststellen. Untersucht wurden nach dieser Richtung 
ältere Riesling- und Burgunderreben eines auf Löß stehenden Wein- 
berges. in dem Grabungen bis zu 1 m Tiefe vorgenommen wurden. 

Der eigentliche Abschluß des Längenwachstums scheint jedoch 
bereits in den Monaten September bis Oktober zu erfolgen, denn in 
diesen Monaten sind nur selten noch stärkere oder feinere Wurzel- 
spitzen zu finden, die durch ihre Form und Färbung andeuten, daß 
sie noch im Wachstum begriffen sind. Bei geschützt stehenden 
Topfreben verschiedener Europäersämlinge ließen sich allerdings noch 
am 18. Oktober 1906 relativ zahlreich wachsende Wurzelspitzen 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 183 

nachweisen, obwohl die Reben zu dieser Zeit ihre Blätter schon 
zum Teil abgeworfen hatten und natürlich auch keinerlei Triebwachs- 
tum an den oberirdischen Organen mehr aufwiesen. Noch deut- 
licher trat diese Erscheinung hervor an einer zweijährigen Sylvaner- 
rebe, die in einem mit Abzugslöchern versehenen Glascylinöer in 
lockerem, sandigem Boden kultiviert und regelmäßig bis in den 
Oktober begossen worden war. Bei ihr zeigten Mitte Oktober 1906 
zahlreiche feine, kaum 1 mm dicke Wurzelfasern und auch eine 
stärkere Triebwurzel durch ihr Aussehen noch deutliches Spitzen- 
wachstum an. Bei diesen und ähnlichen Erscheinungen müssen 
aber die Kulturbedingungen der Pflanzen berücksichtigt werden, die 
mit den natürlichen Wachstumsverhältnissen der Reben im Wein- 
berge nicht zu vergleichen sind. In den Kulturcylindem haben 
vermutlich der relativ hohe Wassergehalt und dio gleichmäßige 
mittlere Temperatur des Bodens eine Verlängerung der Wachstums- 
periode herbeigeführt, Verhältnisse, die im Freiland um diese Zeit 
nicht mehr verwirklicht sind. Daß sich unter besonderen Ein- 
wirkungen das Längenwachstum im Weinberge ebenfalls in erheb- 
licher Stärke bis in den Oktober hinein fortsetzen kann, lehren Be- 
obachtungen in einem Anfang August 1906 ausgeworfenen und mit 
Bohlen gedeckten Wurzelgraben von 5 m Tiefe, an dessen Rändern 
die angeschnittenen Wurzeln des blauen Burgunders bis zu 4 m 
Tiefe fast ausnahmslos Ersatzwurzeln angelegt hatten, die am 25. Ok- 
tober 1906 ihr Längenwachstum offenbar noch nicht abgeschlossen 
hatten. In anderen Teilen des Weinberges waren um diese Zeit 
wachsende Wurzeln nicht mehr zu finden. 

Unter normalen Bedingungen stehende Reben von Riesling, 
blauem Burgunder und weißem Muskateller hatten Mitte bis Ende 
September 1906 noch einzelne Wurzeln, deren Spitzen in einer 
Länge von 2 — 4 cm weißlich hellgelbe Färbung zeigten. Im Ok- 
tober waren Spitzen von solchem Aussehen seltener und die 
Wurzeln meist in ihrer ganzen Länge gebräunt. Ganz ähnliche Ver- 
hältnisse wurden beobachtet bei Stöcken von Riparia Gloire de 
Montpellier, sowie bei den Versuchsreben des Wurzeltunnels, so daß 
das Längenwachstum der Wurzeln bei diesen Pflanzen in den 
Monaten Oktober und November seinen völligen Abschluß erreicht 
haben dürfte. 

Über die morphologischen Vorgänge bei der Beendigung und 
Wiederaufnahme des Längenwachstums der Rebenwurzeln war bisher 
etwas Näheres nicht bekannt Aus früheren Beobachtungen des Be- 
richterstatters ließen sich jedoch einige Annahmen herleiten, worüber 
bereits früher (d. B. 1904, S. 134) das Folgende ausgeführt wurde: 
„Soweit die Rebe in Frage kommt, ist es das Wahrscheinlichste, 
daß nur diejenigen Wurzeln den Winter überdauern, welche schon 
in der vorhergehenden Wachstumsperiode zu Leitwurzeln geworden 
sind. Die im primären d. h. im typischen Saugwurzelstadium ver- 
bliebenen Wurzeln oder Wurzelzonen dürften dagegen in der Zeit 
der Wachstumsruhe leicht absterben; wenigstens dürfte das für 
Wurzelzweige II. und III. Grades gelten, während es wohl möglich 



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184 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

ist, daß die Wachstumszonen der Langwurzeln und der stärkeren 
Zweige in einem Ruhestadium, vielleicht geschützt durch besondere 
histologische Vorkehrungen, von einer Wachstumsperiode bis zur 
andern erhalten bleiben.“ Wie berechtigt grade diese zuletzt aus- 
gesprochene Vermutung war, haben Beobachtungen des letzten 
Jahres gezeigt. Bei den Wun;elgrabungen und Untersuchungen an 
den Pflanzen des Wurzelhauses im Herbst 1906 fiel auf, daß ein- 
jährige Langwurzeln, sowie stärkere, etwa 1 — 2 mm dicke einjährige 
Wurzelzweige öfter noch mit Spitzen ausgerüstet erschienen, die 
zwar wie die übrigen Teile der Wurzel gebräunt, in der Form aber 
von den im Sommer vorhandenen, sich ganz allmählich verjüngenden, 
am Scheitel etwas abgerundeten Spitzen kaum verschieden waren. 
Daneben fanden sich an Wurzeln dieses Alters auch Spitzen, die 
ziemlich unvermittelt zu einer kleinen, stark ge- 
il bräunten Kappe absetzten, während es seltener war, 
daß ihnen eine Spitze völlig fehlte. In den Winter- 
monaten wurde dieselbe Beobachtung gomacht und 
zwar sowohl bei den Europäerreben Riesling und 
blauer Burgunder, wie auch bei der Amerikaner- 
n sorto Riparia Gloire de Montpellier. Auch in den 
V Frühjahrsmonaten waren diese gebräunten Spitzen 
noch in ähnlicher Ausbildung vorhanden, in den 
Monaten April und Mai erhielten sie jedoch nach 
und nach ein ganz anderes Aussehen. Hinter ihrer 
äußersten gebräunten Spitze zeigte sich eino ver- 
dickte weißliche Neuzone eingoschoben, die bei 
später ausgegrabenen Wurzeln bedeutend verlängert 
war, aber gegen den älteren Teil der Wurzel fast 
immer scharf abgehoben blieb. Es unterlag keinem 
Zweifel, daß die Spitzen wieder in Wachstumstätig- 
keit eingetreten und die Wurzeln somit ihr Längen- 
wachstum von neuem aufgenommen hatten. Da die 
hierbei entstehenden Neuzonen zunächst immer 
Fig. 42. Wurzel- etwas dicker sind als die unmittelbar angrenzenden, 
spitzen des Ries- älteren Wurzel-Partien, so erscheinen die Wurzeln 
liags- jetzt an der Spitze eigenartig keulenförmig verdickt. 

eine Erscheinung, die namentlich in der ersten 
Zeit nach der Wiederaufnahme des Längenwachstums, wenn die 
neugebildeten Teile noch verhältnismäßig kurz sind, prägnant hervor- 
tritt (Fig. 42). Sie ist daher bei der Rebe auch früher beobachtot, 
aber, soweit mir bekannt ist, bisher wohl kaum irgendwo richtig 
erklärt worden. Die Angaben von Babo und Mach (Hundbuch des 
Weinbaues und der Kellerwirtschaft, Bd. 1, 2. Aufl., S. 88) über die 
Verdickung der Wurzelspitze bei der Rebe sind offenbar auf ähn- 
liche Beobachtungen zurückzuführen. 

Das Aussehen der Spitzen verändert sich natürlich mit fort- 
schreitendem Längenwachstum, da die Dicke der neugebildeten 
Wurzelzonen aut annähernd derselben Höhe dauernd stehen bleibt. 
Gegen den zweijährigen Teil der Wurzel erscheinen die neuen Par- 




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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 185 

tien aber auch dann noch scharf abgegrenzt, wenn mit der Defor- 
mation des Epiblems die charakteristische Bräunung der neuen 
Wurzelzonen sich einstellt. Ganz verschwindet die Grenzo zwischen 
den beiden Jahresabschnitten, sowie die primäre Rinde mit be- 
ginnendem Dickenwachstum verloren geht. Trotzdem findet man 
auch im Sommer noch Wurzeln, die mit einem relativ kurzen, 
keulenförmig verdickten und gegen die gebräunten älteren Teile 
scharf abgegrenzten weißen Spitzenende versehen sind. An alteren 
Stöcken des blauen Burgunders ließen sich solche Wurzeln z. B. 
noch im August 1906 nach weisen. Man könnte aus derartigen 
Beobachtungen entnehmen, daß die Wurzelspitzen der Rebe bis tief 
in den Sommer hinein, also relativ lange, im Ruhestadium verharren 
können, andrerseits spricht die Erscheinung nach manchen Wahr- 
nehmungen dafür, daß einzelne Wurzeln der Rebe auch während 
des Sommers ihr Längenwachstum vorübergehend einstellen. 

Bei feineren Wurzelzweigen scheinen ruhende Spitzen seltener 
vorzukommen, doch wurden an Stöcken von blauem Burgunder, 
Riesling und Riparia Gloiro de Montpellier in 
den Frühjahrsmonaten stets auch einige 0.75 
bis 1 mm dicke Wurzelzweige gefunden, bei 
denen sich eine ältere braune Partie schart 
von einer jüngeren weißen Spitzenzone ab- 
hob (Fig. 43), eine Erscheinung, die sich nur 
durch die Annahme erklären läßt, daß das 
Wachstum an der Grenzo der beiden Zonen 
zeitweilig unterbrochen war. 

Wir müssen also ruhende und arbeitende 
Wurzelspitzen an der Rebe unterscheiden. 

Zwischen beiden bestehen schon äußerlich Fig. 43. Riparia (iloire de 
erkennbare Abweichungen. Während ruhende Montpellier. Wachsende 
Spitzen, wie bereits erwähnt, immer ge- M urzeispitzen. (Nat. <<r.) 
bräunt sind und nur selten etwas abgestumpft 
erscheinen, haben wachsende Spitzen stets die gelblich-weiße bis 
grünlich-gelbe, wachsartige Farbe tätiger Vegetationspunkte und die 
Form ganz allmählich sich verjüngender hoher Kegel, in denen sich 
der eigentliche Vegetationspunkt von der durchscheinenden Wurzel- 
haube bei geeigneter Belichtung deutlich abhebt. Daneben sind 
beide Formen in anatomischer Hinsicht verschieden. 

An den ruhenden Spitzen sind gewöhnlich nur noch einige 
Schichten der Wurzelhaube vorhanden, die sich nicht selten in der 
Mitte des eigentlichen Wurzelcylinders zu einer kleinen Kappe ver- 
einigen. Die Zellen der äußeren Haubenschichten enthalten braune, 
strukturlose fnhaltsmassen, die entweder die Zelle dicht ausfüllen, 
oder in Form von gewöhnlich vaeuoligen Klumpen der physikalisch 
unteren Wand anliegen, oder auch in Form einzelner Kugeln 
(Formalinmaterial) auftreten. (Fig. 44.) In einzelnen Fällen findet 
sich in den Zellen auch nur ein relativ schmaler brauner Innen- 
schlauch, der sich der Wand dicht anlegt und den übrigen Raum 
der Zelle freiläßt. Neben diesen braunen Stoffen besitzen die 




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186 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

meisten Zellen noch deutlich nachweisbare kleinkörnige Stärke- 
einschlüsse. 

In Kalilauge, ebenso in konz. Schwefelsäure quellen die 
braunen Inhaltsstoffe unter leichter Aufhellung schwach auf. In 
Salzsäure werden sie etwas entfärbt, in Eau de Javelle nach einer 
Einwirkung von mindestens 30 Minuten, spätestens nach 2 bis 
3 Stunden völlig gelöst Bei Verwendung von frischem, nicht 
fixiertem Wurzelmaterial lassen sich in einzelnen Zellen der braunen 
Haube charakteristische, braune Fällungen erzielen. Da in den 
Wurzelhaubenzellen wachsender Spitzen regelmäßig Gerbstoffe nach- 
zuweisen sind, so liegt nach dieser Reaktion die Vermutung nahe, 
daß die eigenartigen, braunen Inhaltsstoffe der toten Wurzelhaube 
durch Veränderung von Gerbstoffeinschlüssen entstanden sind. 




Fig. 44. Ruheude Riesling- Wurzelspitze. Querschnitt der Wurzelhaube. 

(Sehr stark vergr.) 

Die Zellmembranen der äußeren Schichten sind meist ebenfalls 
gebräunt. Durch kurze Behandlung mit Eau de Javelle werden sie 
vollkommen entfärbt, worauf leicht zu erkennen ist, daß sie an den 
tangentialen Seiten der Zelle in mehr oder minder starkem Grade 
verdickt sind (Fig. 44). 

Von diesen Außengeweben der Wurzelhaube weicht eine innere, 
feine Zone, die sich über den ganzen Meristemkegel hinweg zieht, 
dadurch ab, daß alle ihre Zellen deutlich verkorkt sind. Sie er- 
scheint etwas heller als die angrenzenden Schichten der Wurzelhaube, 
ist aber von den vorher beschriebenen, braunen Inhaltsstoffen nicht 
ganz frei. Die Verkorkung läßt sich an ihren gebräunten Wänden 
nicht ohne weiteres erkennen, wird aber durch die Unlöslichkeit 
der Membranen in Schwefelsäure, sowie durch ihr Verhalten gegen 
Kalilauge und Sudanglycerin sicher nachgewiesen. Am deutlichsten 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 187 

tritt sie hervor an Schnitten, die nach Vorbehandlung mit Eau de 
Javelle in heißem Sudanglycerin gefärbt und dann in reines Glycerin 
eingelegt wurden. 

Gewöhnlich besteht diese Korkscheide aus 1 — 2 Zellschichten, 
die das lebende Meristemgewebe gegen die tote Wurzelhaube ab- 
grenzen und sich weiter hinten an die Intercutis anschließen, die 
bis zum Meristem hin gleichfalls verkorkt ist und mit ihnen zu- 
sammen einen dünnen Korkmantel bildet, der die ganze Wurzel 
bis zur äußersten Spitze hin lückenlos umschließt. Zuweilen sind 
auch einige embryonale Epiblemzollen mit verkorkt, sodaß der 
Abschluß an der hinteren Grenze der Wurzelhaube völlig ge- 
sichert ist. 

Die Rebe besitzt also an den ruhenden Wurzolspitzen die- 
selbe Art des Korkabschlusses, wie sie von Müller (Bot. Z. 1906, 
Heft IV) zuerst an Honocotylenwurzeln beobachtet wurde. Die Er- 
scheinung, die Müller nach einem Vorschläge von Arthur Meyer 
als Metakutisierung der Wurzelspitze bezeichnet, ist vermutlich auch 
bei den Dicotylen weiter verbreitet. Bei der Rebe scheint sie 
übrigens nicht unter allen Verhältnissen zur Ausbildung zu kommen, 
denn es wurden zuweilen auch ruhende Spitzen gefunden, in deren 
Wurzelhaube eino Korkscheide nicht nachzu weisen war. U. a. fehlte 
sie an Oktoberwurzeln des blauen Trollingers und des blauen 
Burgunders. Dagegen war sie immer leicht festzustellen an den 
Wurzeln des Rieslings, der Gewächshausrebe Golden Champion und 
ferner in besonders guter Entwicklung auch bei der Amerikaner- 
sorte Riparia Gloire de Montpellier. Bei der Sorte Golden Champion 
war sie selbst an den kürzesten nur 1 — 2 cm langen und 0,8 bis 
1 mm dicken Zweigen vorhanden, und dasselbe ließ sich auch bei 
Riparia Gloire de Montpellier beobachten, die selbst an Wurzel- 
zweigen von 0,5— 0,7 mm dicke und 0,6—2 cm Länge eine 0,15 
bis 0.4 mm lange, 1 — 2 schichtige Korkhaube entwickelt hatten, 
der hier unverkorkte Zollen nicht mehr aufgelagert waren. Be- 
merkenswert ist, daß bei Riparia-Veredelungen auch an den jungen 
eben hervorbrechenden Wurzelzweigen der im Stratifikationskasten 
neugebildeten Wurzeln Korkkappen gefunden wurden, die bei den 
jüngsten Stadien mit einer völlig verkorkten Intercutis in Zusammen- 
hang standen, während sie bei etwas älteren Zuständen von dieser 
durch eine unverkorkte Wurzelzone getrennt waren. Es scheinen 
also bei Riparia auch die jungen Meristemkegel der nou entstehen- 
den Wurzelzwoige zunächst durch eino Korkscheide nach außen 
abgeschlossen zu sein, die später an der Absorptionszone eino Unter- 
brechung erfährt. 

Der eigentliche Vegetationskegel der ruhenden Wurzelspitzen 
ist verhältnismäßig niedrig, jedoch in der Struktur seiner Zellen 
augenscheinlich nicht abweichend gebaut. Die embryonalen Gewebe 
der Rinde und des Centralcylinders sind durch die Anhäufung von 
Kalkoxalatzellen und Gerbstoffgehalt ausgezeichnet Das Epiblem er- 
scheint da, wo es überhaupt noch erhalten ist, mit denselben braunen 
Inbaltstoffen, wie sie auch in der Wnrzelhaube Vorkommen, völlig 



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188 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

ausgefüllt; das gleiche gilt zuweilen von den Stellen der Intorcutis, 
die in unmittelbarer Nähe der Wurzelhaube liegen. 

Wachsende Wurzelspitzen, wie sie vom Beginn des Sommers 
bis in den Spätherbst hinein an der Rebe zu finden sind, tragen 
eine normale kapponförmige Haube, deren Zellen sämtlich farblos 
durchscheinend sind. Eine Verkorkung ist hier im Gewebe der 
Haube nirgends festzustellen, dagegen sind in allen Zellen die hyalinen 
Tangentialwändo mehr oder minder stark gequollen und nur gegen 
das Zelllumen durch eine schärfer hervortretende, sehr feine La- 
melle deutlich abgegrenzt. Die Radialwände bleiben immer relativ 
dünn. Die normalgebauten Protoplasten enthalten zahlreiche klein- 
körnige Stärkeeinschlüsse und fast ausnahmslos farblose, gerbstoff- 
führende Vakuolen, in denen auf Zusatz von Kaliumdichromat, 
Eisensulfat oder Eisenacetat die charakteristischen Fällungen oder 
Färbungen entstehen. 

Die embryonalen Gewebe des Epiblems und der Intercutis er- 
scheinen meist deutlich gelb gefärbt, ebenso einzelne Zellen der 
embryonalen Rinde und des Centralcylinders. Besonders auffallend ist 
die Erscheinung an den Wurzelspitzen der Riparia Gloire de Mont- 
pellier, doren embryonale Rinde bis zu 30 Zellen lange Vertikal- 
streifen derartiger Elemente enthält. Wie sich durch Hervorrufen 
von Plasmolyse mit Hilfe von 20% Kaliumnitratlösung am besten 
zeigen läßt, beruht die gelbe Färbung auf dem Vorhandensein gelber 
Zellsäfte, die entweder in mehreren Vakuolen oder in einem einzigen 
von Plasmasträngen durchzogenen, größeren Saftraum in der Zelle 
auftreten. In diesen Vakuolen lassen sich durch Lösungen von Os- 
miumsaure, Eisenacetat oder Eisensulfat stets Schwarzfärbuugen, 
durch Lösungen von Kaliumdichromat immer braune Fällungen her- 
vorrufen, so daß man also annehmen darf, daß in den embryonalen 
Geweben des Epiblems und der Intercutis aile Zellen, in den Em- 
bryonalgeweben der Rinde, der Endodermis und des Centralcylin- 
ders sehr viele Elemente gerbstoffführend sind. 

Von Zelleinschlüssen der Wurzelspitze sind außerdem zu er- 
wähnen Rhaphiden und kleine, sich meist in der Spitze der Em- 
bryonal-Rinde vorfindende, anscheinend dreiteilige Stärkekörner. 

Aus diesen Beobachtungen geht also hervor, daß sich das 
Längenwachstum der Wurzeln bei der Rebe auf mehrere Jahre er- 
strecken kann. Im Spätherbst werden die einjährigen Langwurzeln 
und die stärkeren, bei einzelnen Sorten auch die schwächeren Zweige 
mit ruhenden Wurzelspitzen ausgerüstet, in denen der Vegetatious- 
kegel von einer Korkscheide umgeben ist, die einen haubenförmigen 
Abschluß des bis zur Embryonalgrenze gleichfalls verkorkten lnter- 
cutiseylinders vorstellt und an der Außenseite meist noch mit 
einigen abgestorbenen und durch die Doformierung ihres gerbstoff- 
führenden Zellinhaltes charakterisierten Zellschichten der Wurzel- 
liauhe bedeckt ist Der eigenartige Korkabschluß in der Wurzel- 
haube hat u. a. wohl die Bedeutung, den Austritt von löslichen 
Nährstoffon aus den in ihrer Lebenstätigkeit etwas herabgestimmten 
Meristemkegeln in das umgebende Bodenwasser zu verhindern. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 189 



Im Frühjahr können die ruhenden Vegetation «punkte ihre Tätig- 
keit wieder aufnehmen, wobei sie die Struktur der Spitze und der 
Streckungszone des Wurzelkörpers nach und nach wieder verändern. 
Bei der Neuanlage der Wurzelhaube unterbleibt jetzt die Aus- 
bildung einer verkorkten Schicht, vielmehr erhalten alle ihre Zellen 
hyaline, an den Tangentialseiten leicht verschleimende Wände, 
gerbstoffführende Zellsäfte und reichlich kleinkörnige Stärkeein- 
schlüsse. In der Streckungszone der Wurzel bleiben die Gewebe 
des Epiblems und der Intercutis unverkorkt und ihre Vakuolen 
füllen sich ebenso wie bei vielen Zellen der benachbarten Rinde, 
der Endodermis und des Centralcylinders mit gelben gerbstoff- 
haltigen Zellsäften. 

Mit der Periodizität des Wurzel Wachstums hängt eng zusammen 
die Ergänzungsfähigkeit des Wurzelsystems. Wie schon früher aus- 
geführt wurde, ist bei der Art des Abschlusses der Wachstumszonen 
der Wurzeln und der vorübergehenden Tätigkeit ihrer Absoiptions- 
zonen in jeder Vegetationsperiode die Neubildung zahlreicher neuer 
Saugwurzeln für die Rebe geboten. Hieraus ergibt sich eine Reihe 
für die Praxis des Kulturbetriebes äußerst wichtiger Fragen. So- 
weit diese sich auf die Stärke und Zeit der Regeneration beziehen, 
sind sie früher hereits berührt worden. Da der zeitliche Verlauf 
der Regeneration mit dem Verlauf des Wurzelwachstums überhaupt 
im großen und ganzen zusammenfällt, gelten für diesen Punkt auch 
die eingangs wiedergegebenen Erwägungen über die Perioden des 
Wurzelwachstums. Dabei muß auf die bereits früher erwähnte Be- 
obachtung, nach der angeschnittene Wurzeln des blauen Burgunders 
sich noch im Hochsommer stark regenerierten, nochmals kurz ein- 
gegangon werden, weil sie auch über die Art der Ergänzung einige 
Aufschlüsse gab, die mit früheren Wahrnehmungen übereinstimmten. 
An den Wänden des 5 m tiefen, in der Zeit vom 15.— 20. Juli 
ausgehobenen Grabens lagen angeschnittene Wurzeln der verschieden- 
sten Stärke zu Tage. Infolge des Wundreizes entstanden bei allen 
diesen Wurzeln unmittelbar hintor der Schnittstelle Ersatz wurzeln, 
deren Zahl von der Dicke der älteren Wurzel abhängig war. 
Während die dünneren Wurzeln von etwa I mm Durchmesser ge- 
wöhnlich nur einen Zweig anlegten, erzeugten die stärkereu Wurzeln 
ausnahmslos mehrere Ersatzwurzeln. Ältere Wurzeläste von 1 — 1,5 cm 
Durchmesser hatten z. B. einen ganzen Kranz neuer Seitenwurzeln 
angelegt, die selbst 1 — 2 mm stark waren, und sich übrigens, ver- 
mutlich unter der Einwirkung dos Lichtes, in 'ähnlicher Weise 
schwach braunrot färbten, wie dies bei Luftwurzeln der Rebe leicht 
einzutreten pflegt. Bemerkenswert ist, daß die Bildung der neuen 
Wurzeln sehr bald nach der Verwundung und bei allen an- 
geschnittenen Wurzeln erfolgte und sich durchaus auf die der Schnitt- 
stelle benachbarten Teile der Wurzel beschränkte. Auf diese Ge- 
setzmäßigkeit ist vielleicht auch die Tatsache zurückzuführen, daß 
die eigentlichen Saugwurzeln sich nicht selten auf die Endregion 
älterer Leitwurzeln, deren Spitze dann natürlich stets verloren ge- 
gangen ist, zusammengedrängt finden. 



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190 UI- Bericht über die Tätigkeit der wisseoschaftlichen Institute. 



Bei der Sicherheit und Schnelligkeit, mit der die Neuwurzelbildung 
an der Schnittstelle älterer Wurzeln vor sich geht, war die in prak- 
tischer Hinsicht nicht unwichtige Frage naheliegend, ob die Wurzeln 
der Rehe auch in isoliertem Zustande ihre Ergänzungsfähigkeit be- 
wahren. Man wußte zwar, daß Stammstücke der Rebe äußerst leicht 
die ganze Pflanze zu regenerieren vermögen, dagegen war nichts 
darüber bekannt, wie sich ihre Wurzeln in dieser Beziehung verhalten, 
auch fehlten alle zuverlässigen Angaben über die Frage, ob die Reben 
unter normalen Bedingungen Wurzelknospen, d. h. also Wurzel- 
adventiv-Sprosse hervorbringen können. 

Da diese Fragen besonders in Anbetracht der herrschenden Art 
der Reblausbekämpfung Beachtung verdienen, wurde, um einen Bei- 
trag zu ihrer Klärung zu liefern, zunächst auf das Auftreten von 
Wurzelknospen geachtet und an einigen älteren Stöcken von Ries- 
ling und Sylvaner, die infolge einer Neuanlage in den Anstaltswein- 
bergen in genügender Auswahl zur Verfügung standen, auch ex- 
perimentell zu prüfen versucht, ob eine Regeneration der Rebe durch 
Wurzeladventivsprosse zu ermöglichen ist. Die Versuche ergaben 
in einer Beziehung ein durchaus negatives Resultat. Adventiv- 
knospen bildeten sich nämlich nur an den Staramstücken der Reben, 
mochten dieselben auch noch so kurz gewählt werden. An den 
Wurzeln blieben sie dagegen immer aus, wie auch die Versuchs- 
anstellung variiert wurde. Andrerseits aber zeigte sich dabei, daß 
Wurzelstücke der Rebe auch in isoliertem Zustande die Fähigkeit 
zur Entwicklung von Wurzelzweigen nicht ganz verlieren. 

Anfang Mai 1906 waren 20 Wurzelstücke von 15—17 cm 
Lange und 4 — 7 mm Dicke von älteren, unversehrten Weinberg- 
stöcken entnommen und sofort so in Blumentöpfe eingelegt worden, 
daß sich die einzelnen Stücke in sehr verschiedener Steilung be- 
fanden und meist völlig, in einzelnen Fällen aber nur zu etwa 4 / s 
ihrer Länge vom Boden bedeckt waren. Außerdem waren Wurzel- 
stücke von ähnlicher Beschaffenheit in Erdkästen bis zu einer Tiefe 
von 30 cm versenkt worden. Eine 50 cm lange, 6 — 7 mm dicke 
Wurzel war in aufrechter Stellung so in einen Toncylinder gepflanzt 
worden, daß ein etwa 5 cm lauges Stück über den Boden hinaus- 
ragte. Der Kulturcylinder hatte auf einer nach Norden gelegenen 
Rampe des Versuchshauses frei gestanden, der größere Teil der 
Versuchsgefäße war sofort in freies Land eingegraben, der Rest der 
Töpfe aber in einem niedrigen Gewächshaus in einem Warmbeet 
aufgestellt worden. 

Trotz sorgfältigster Behandlung der Versuchsgefäße durch regel- 
mäßiges Gießen uud Lockern der Erde war bis zum Herbst des 
Jahres in keinem einzigen Gefäß ein Adventivsproß entstanden, 
dagegen hatte sich sehr bald gezeigt, daß selbst die kleineren Wurzel- 
stücke von 15 cm Länge eine Callusproduktion einleiteten, die 
jodoch bald zum Stillstand kam und nur zur Entstehung kleiner, 
knopfartiger Höcker führte, die kranzförmig den Wurzelquerschnitt 
umgaben und sich im Herbst in ihren äußeren Schichten verkorkt 
zeigten. Sehr bemerkenswert ist, daß diese Calluswucherung stets 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysioiogischen Versuchsstation. 

nur an einem Ende, welches stets dem physikalisch unteren Teile 
der Wurzel entsprach, zur Entwicklung- kam. Neben diesen Callus- 
pfropfen hatten sich an den Schnittstellen in sehr vereinzelten Fallen 
auch kleine Anlagen neuer Wurzeln gebildet, die ihr Wachstum 
aber sehr bald eingestellt hatten und im Herbst zum Teil schon in 
Zersetzung begriffen waren. In einem Falle war an einem 15 cm 
langen Wurzelstück unmittelbar hinter der Callus erzeugenden 
Schnittfläche ein Wurzelzweig entstanden, der Mitte Oktober eine 
Länge von 4,5 cm erreicht hatte, aber von Fäulnis gleichfalls nicht 
mehr völlig verschont war. Noch stärker war diese Wurzelneu- 
bildung an einigen Wurzel- 
stücken, die in der Nähe 
ihres physikalisch unteren 
Endes noch Stümpfe älterer 
Wurzelzweige trugen. An 
der terminalen Region der 
letzteren hatte sich fast 
ausnahmslos mindestens 
ein neuer Zweig gebildet, 
bei einem Stück waren 
sogar 3 neue, bis S cm 
lange W ürzelchen vor- 
handen, die am 18. Ok- 
tober noch lebende Vege- 
tationspunkte hatten und 
zum Teil selbst schwach 
verzweigt waren (Fig 45). 

Bei weitem am ausgiebig- 
sten war aber die Wurzel- 
produktion bei dem oben 
erwähnten 50 cm langen 
Wurzelstück. Hier waren, 
gleichfalls am Ende eines 
dünneren Zweiges, der bei 
der Pflanzung inverse Fig. 45. Riesling. 

Stellung erhalten hatte, Ergaozungsfähigkeit eines isolierten Wurzelstückes, 
mehrere neue Seiten- 1 ^ nat - r,r - 

wurzeln entstanden, die 

sich selbst reichlich verzweigt hatten und am 18. Oktober, also 
nach etwa 5 Monaten, bis zu 40 cm lang geworden, aber dabei an- 
scheinend noch ziemlich lebenskräftig geblieben waren (Fig. 46). 

Stärkere Rebenwurzelu besitzen demnach auch in isoliertem 
Zustande die Fähigkeit, neue Wurzelzweige hervorzubringen, und es 
scheint die Stärke dieses Regenerationsvermögens von der Größe 
und dem Nährstoffreichtum der Wurzeln abhängig zu sein. Daß 
sich diese Regeneration auch auf die Bildung von Adventivsprossen 
erstrecken kann, ist wenigstens insoweit unwahrscheinlich, als Wurzeln 
des Rieslings und des blauen Burgunders in Frage kommen. Aus- 
geschlossen ist eine solche Möglichkeit auch nach den hier vor- 




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192 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

liegenden Beobachtungen keinesfalls, namentlich nicht bei den 
amerikanischen Rebsorten. 

Um den Wachstumsgang der Wurzeln und ihre Lage bei älteren 
Stöcken festzustellen, wurden wiederholt Nachgrabungen in Wein- 
bergen der Gemarkung Geisenheim vorgenommen, wobei im all- 
gemeinen Bodenschichten bis zu 2 m Tiefe zur Untersuchung kamen, 
in einem Falle jedoch bis zu 5 m Tiefe eingedrungen wurde. Es 




Wurzelneubildung an einem isolierten Wurzelstüek von 50 cm Tinge. 

war zu diesem Zwecke zwischen 2 Zeilen eines auf Löll steheuden 
Weinberges ein Schacht in den Ausmessungen von O.S x 2 X 5 m 
so angelegt worden, daß man von seinen Wänden aus die Wurzel- 
stränge von 6 Stöcken des blauen Burgunders leicht erreichen 
konnte. Der Boden bestand an dieser Stelle aus reinem Löß, der 
offenbar noch beträchtlich unter die Sohle des Schachtes hinab- 
reichte. hier aber etwas sandiger wurde. 

Die äußerste Wurzelgrenze des blauen Burgunders wurde in 
dem Schacht in Bodenschichten von 4.80— 5 m Tiefe ermittelt. Dali 



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Bericht über die Tätigkeit der pfianzcDphysiologischen Versuchsstation. ] 93 

dieser Tiefgang nicht außergewöhnlich ist, zeigte sich an einem 
anderen Weinberge, der am Rande eines Steinbruches lag. Hier 
ließen sich Rebenwurzeln von 1 — 2 mm Dicke noch in den Fels- 
sprüngen einer 5,50 m tiefen Schicht nachweisen. Unter besonderen 
Verhältnissen dringen die Wurzeln der Rebe sicher noch tiofer in 
den Boden ein, wie schon an anderer Stelle (Weinbau und Wein- 
handel 1904 S. 91) ausgeführt wurde, und wie es auch die immer 
wiederkehrenden Mitteilungen aus der Praxis beweisen, nach denen 
steil absteigende Wurzeln von 10 — 12 m Länge wiederholt auf- 
gedeckt wurden. Ein so außergewöhnlich großer Tiefgang der 
Rebenwurzeln wird augenscheinlich durch das Vorhandensein lockerer 
Bodenmassen begünstigt. Dafür spricht ein durch zuverlässige Mit- 
teilungen sicher verbürgter Fall, in dem eine 10 m lange Reben- 
wurzel in der Ausfüllung eines verlassenen und wieder zugeworfenen 
Schachtes des Geisenbeimer Kaolinwerkes gefunden wurde, und 
ebenso eine Notiz, die über eine ganz ähnliche Beobachtung an 
Rebenwurzeln berichtet, die in das Geröll eines alten, verschütteten 
Brunnens bis zu 12 m Tiefe eingedrungen waren. (S. W. u. W. 
1907 S. 60.) 

Über den Wachstumsgang der Wurzeln ließ sich im übrigen 
folgendes feststellen: Die Fußwurzeln der Stöcke wurden in einer 
Tiefe vou 35—40 cm angeschlagen. Im allgemeinen hatte jede 
Pflanze 2 — 4 starke, stammbürtige Wurzeläste, die am Fuß oder dem 
nächsthöheren Knoten des Stammes inseriert und an der Basis 
gewöhnlich 2 — 3 cm dick waren. Meist verliefen diese alten Wurzeln 
vom Stock aus zunächst eine kleine Strecke, z. B. \ ä — 1 m weit, 
ziemlich flach im Boden, wandten sich dann aber immer steil nach 
abwärts und waren in dieser Stellung bis in Bodentiefen von 2,50 
bis 3 m meist leicht zu verfolgen. An diesen Hauptwurzeln traten 
meist erst in einiger Entfernung vom Stamm, in Bodenschichten von 
etwa 1 m Tiefe stärkere Seitenwurzeln I. Grados in relativ spärlicher 
Zahl auf, die sich in ähnlicher Weise weiter verzweigten und auch 
annähernd dieselbe Wachstumsrichtung hatten wie die Hauptwurzeln. 
Feinere Wurzelfasern waren in den älteren Teilen dieser Wurzel- 
stränge im ganzen selten, sodaß die Wurzeln wenigstens in den 
oberen Schichten ziemlich kahl erschienen. Der Durchmesser der 
beim Ausheben des Wurzeigrabens gefundenen, derartigen Haupt- 
wurzelsträngen angehörigen Wurzeln betrug in Bodenschichten von 
annähernd 

1.00 — 1,50 m Tiefe annähernd 0,5 — 2 cm 

1.50— 2,50 „ ,. ., 0,2— 0.5 

2.50— 3,50 „ ,. „ 0,1— 0,3 „ 

3.50— 4,75 „ „ 0,1— 0,2 „ 

Die feineren Wurzelfasom der Fußwurzelstränge lagen also in 
Bodenschichten von 2 — 4,75 m Tiefe. Sie hatten ebenso wie die 
stärkeren Wurzeln meist steile Richtung und waren dabei ziemlich 
grade gewachsen, ohne stärkere Krümmungen zu zeigen. Besonders 
oft fanden sie sich in Regenwurmröhren, die sie einzeln oder in 
Form der von Goethe beschriebenen Wurzelzöpfe durchzogen. Sehr 

Geiaenhoüner Bericht 190G. 13 



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Ul 4 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

vereinzelt waren sie auch in (len Wachstumsgängen vermorschter, 
stärkerer Wurzeln anzutreffen. Bei weitem die meisten dieser 
feineren Tiefwurzeln waren zur Zeit der ersten Untersuchung, d. h. 
am 19. Juli gebräunt und auch ins Sekundärstadium übergegangen. 
Daß sie aber noch alle lebensfähig waren, ging am besten aus der 
Tatsache hervor, daß sie noch im Laufe des Sommers fast ohne 
Ausnahme in dor früher geschilderten Form Ergänzungswurzeln an- 
legten, die im Oktober auffallend häufig in Bodenschichten von 
3,30 — 3,50 m zu finden waren, aber auch in größerer Tiefe nicht 
ganz fehlten. Neugebildete Wurzeln mit weißen im Wachstum be- 
griffenen Spitzen waren beim Ausheben des Grabens an den Hanpt- 
wurzelsträngen seltener. Sie wurden mit Sicherheit erst in einer 
ziemlich stark durch wurzelten Schicht von etwa 2 m Tiefe nach- 
gewiesen und ließen sich dann in spärlicher Zahl bis zur Tiefe von 
3.25 m verfolgen. Die Bodentemperatur des Untersuchungsgebiets 
betrug um diese Zeit (19. Juli 1907 mittags) bei 15 cm Tiefe 23° C., 
bei 25 cm 20° C., bei 3,90 cm 10,70° C. 

Neben den oben beschriebenen alten Wurzelästen wurden an 
allen Stöcken, und zwar sowohl beim Riesling wie auch beim blauen 
Burgunder, schwächere Wurzeln sehr verschiedenen Alters angetroffen, 
deren Durchmesser im allgemeinen 5—6 mm nicht überstieg. Sie 
standen am Stamm in sehr verschiedener Höhe, häufiger jedoch in 
der Fußregion als in den oberen Teilen des Stockes. Gewöhnlich 
verliefen sie flach int Boden entlang, waren an den älteren Partien 
kahl, dafür aber am Ende und zuweilen auch noch in der Mitte 
auf einer kurzen Strecke äußerst fein verästelt. Sie waren gewisser- 
maßen mit Saugwurzelnestern ausgerüstet, deren dicht stehende 
Fasern verhältnismäßig kurz geblieben und in der bekannten, für 
die meisten Wurzeln charakteristischen Weise wellig gekrümmt waren. 
Von den feineren Ausstrahlungen der Tiefwurzeln unterschieden 
sich also diese Verästelungen, die immer in den oberen Bodenschichten, 
etwa bis zu einer Tiefe von 1 m anzutreffen waren, in der äußeren 
Form wesentlich. Sie glichen dagegen den Verzweigungen der 
Langwurzeln, wie sie sich an Blindreben oder jungen Wurzelreben 
in lockerem Boden und bei sonst günstigen Bedingungen im ersten 
Jahre nach der Pflanzung zu bilden pflegen. Zuweilen standen sie 
unmittelbar am Stamme und konnten dann, nach der Dicke ihrer 
Hauptwurzel zu urteilen, kaum älter als 2 Jahre sein. Beachtenswert 
ist die Beobachtung, daß in einem mit Riesling bepflanzten Wein- 
berge in einer gegen 15 cm dicken Schicht verwitterten Schiefers, 
der früher auf den Weinberg aufgetragen und später bei einer Neu- 
anlage noch mit einer 25 — 30 cm dicken Bodenschicht überfahren 
worden war, gcrado Wurzeln der eben besprochenen Art auffallend 
zahlreich anzutreffen waren. 

Obwohl diese Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind und 
durch weitere Beobachtungen ergänzt werden müssen, so lassen sie 
doch bereits den Schluß zu. daß bei der Rebe die Wurzeln der 
oberen Schichten in der morphologischen Ausgestaltung etwas von 
den Wurzeln der tieferen Bodenregionen abweichen können. Die 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 195 

oberen Wurzeln entsprechen dem intensiven, die unteren dein ex- 
tensiven Wurzeltypus nach Büsgen (Flora, 95. Bd., 1905, S. 60). Es 
soll damit aber nicht gesagt sein, daß ein scharfer Unterschied 
zwischen den Fußwurzelsträngen und den feineren , stammbürtigeu 
Wurzelästen besteht, denn es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, 
daß auch Zweige der kräftigen Fußwurzeln, sofern sie horizontal 
verlaufen und in geeignete Entwicklungsverhältnisse kommen, sich 
zu Oberflächenwurzeln ausgestalten. Umgekehrt muß man natürlich 
annehmen. daß unter Umständen auch Ausstrahlungen der oberen 
Aste die Form der Tiefwurzeln annehmen. Der Unterschied der 
beiden Wurzelgattungen beruht jedenfalls nicht auf inneren Ursachen, 
sondern auf äußeren, von der Bodenbeschaffenheit gegebenen Be- 
dingungen. Gleichwohl legen die morphologischen Abweichungen 
die Annahme einer Differenzierung in den physiologischen Leistungen 
der beiden Wurzelarten nahe, so daß die beroits 1904 (W. u. W. 
S. 112) vom Berichterstatter in dieser Beziehung ausgesprochene 
Vermutung an Wahrscheinlichkeitswert gewinnt. 

2. Beobachtungen über die Wurzelentwicklung der (ieinüse- 

pflanzen. 

Während die Bewurzelung der Feldgewächso wiederholt genau 
untersucht wurde, ist über die Wurzelentwicklung unserer Gemüse- 
pflanzen noch wenig bekannt. Für die Technik der Geraüsekultur 
bedeutet das einen gewissen Mangel, denn unzweifelhaft gehört die 
Kenntnis der Wurzelphänomene zu den notwendigen wissenschaft- 
lichen Grundlagen des praktischen Kulturbetriebes, die gerade bei 
der hohen wirtschaftlichen Bedeutung, die dem Gemüsebau sowohl 
im Kleinbetrieb, wie in der feldmäßigen Kultur zukommt, nicht 
vernachlässigt werden sollten. Aus diesem Grunde erschien es 
wünschenswert, die Wurzelbeobachtungen auch auf einige Gemüse- 
pflanzen auszudehnen. 

Es mußte dabei zunächst Wert darauf gelegt werden, dio 
normale Wurzelentwicklung kennen zu lernen, wie sie sich unter 
günstigen Bodenverhältnissen und bei normalem Gedeihen der ober- 
irdischen Organe einstellt. Insbesondere sollte geachtet werden 
auf die Phasen der Wurzelentwicklung, ausgehend vom Keimlings- 
stadium der Pflanze und fortschreitend bis zu ihrer Erntefähigkeit, 
woraus sich neben anderem auch das Material für anschauliche 
Wurzelbilder ergeben mußte. Ebenso sollte verfolgt werden die 
Wachstumsrichtung und Wachstumsgeschwindigkeit der Wurzeln, 
ihr Tiefgang und die Tracht des ganzen Wurzelsystems. In zweiter 
Linie war geplant, die Entwicklung des Wurzelsystems bei ver- 
änderten äußeren Bedingungen, besonders unter der Einwirkung 
verschiedener Beschaffenheit des Bodens und verschiedener Kultur- 
maßregeln zu studieren. 

Die Beobachtungen erstreckten sich zunächst auf eine beschränkte 
Zahl von Gemüsepflanzen . und zwar im wesentlichen nur auf 
Tomate, Salat und Sellerie. Einzelne Erscheinungen wurden auch 

13* 



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196 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

an Weißkraut, Radieschen und Bohnen etwas näher verfolgt. Die 
Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen stützen sich zum größten 
Teil auf Beobachtungen im Wurzeltunnel, zum Teil aber auch auf 
Untersuchungen an Topf- und Freilandpflanzen. Genauere Einzel- 
heiten über den Untersuchungsgang und die dabei erzielten Befunde 
lassen sich allerdings noch nicht wiedergeben, da die Beobachtungen 
notwendig einer Ergänzung in den nächsten Jahren bedürfen; zur 
Zeit ist es nur möglich mit einigen Angaben allgemeiner Natur 
über den Stand unserer Arbeiten, soweit sie sich auf die Bewurzelung 
der Tomate und des Salats beziehen, zu berichten. 

Über die Bewurzelung der Tomate läßt sich nach den jetzt 
vorliegenden Ermittlungen folgendes aussagen. Junge Pflanzen 
entwickeln eine deutlich ausgeprägte Pfahlwurzel, die aber bei 
weiterem Wachstum sehr bald relativ dünn wird und sich dann von 
der Masse der übrigen Wurzeln nicht mehr allzu scharf abhebt. Sie 
entwickelt zunächst in acropetaler Folge Wurzelzweige I. Ordnung, 
die an jungen, etwa 7 — 10 cm hohen Pflanzen nur 0,15—0,20 mm 
dick sind und in spärlicher Zahl kleine Wurzelfasern II. Ordnung 
tragen, die ebenso wie ihre Stammwurzol in ihrer ganzen Länge 
dicht behaart sind. 

Neben diesem Hauptwurzelsystem entstehen am Hypocotyl 
ungemein frühzeitig Nebenwurzeln (Beiwurzeln, Adventiv wurzeln), 
die bei jungen Pflanzen 0,25 — 0,40 mm dick sind und daher bei 
oberflächlicher Betrachtung neben den stärkeren Hauptwurzelzweigen 
nicht auffallen. Sie verhalten sich bei der Verzweigung ganz ebenso, 
wie die Hauptwurzeln, unterscheiden sich aber von ihr zunächst 
durch ihre Wachstumsrichtung, die im Gegensatz zu der mehr oder 
minder steilen Lage der wirklichen Hauptwurzel wenigstens anfäng- 
lich der Horizontalen ziemlich genähert und auch später noch 
ziemlich schräg ist. 

Die Ausbildung der Bei wurzeln ist für den Wurzeltypus der 
Tomate charakteristisch. Nach der Verpflanzung, wie sie im gärt- 
nerischen Betriebe immer vorgenommen wird, entwickeln sich grade 
diese Wurzeln in relativ großer Zahl und ziemlicher Stärke, so daß 
die Hauptwurzel nunmehr von ihnen kaum noch zu unterscheiden 
ist. In der Regel wird die letztere beim Umsetzen der Pflanzen 
ihrer Spitzenregion überhaupt verlustig gehen oder sonst eine Be- 
schädigung erfahren und infolgedessen, wie es gewöhnlich beobachtet 
wurde, aus der weiteren Entwicklung des Wurzelsystems ganz aus- 
scheiden. Eine besondere Gesetzmäßigkeit bei der Anlage der 
Beiwurzeln ist nicht zu beachten, doch scheinen im allgemeinen 
zunächst die untersten und erst später die oberen Teile des Hvpo- 
cotyls in die Wurzelproduktion einzutreten. Bei alten Pflanzen können 
auch die nächst höheren Teile des Stengels noch Wurzeln erzeugen. 

Mit zunehmender Entwicklung der oberirdischen Organe werden 
auch die Beiwurzeln und die Zweige der Hauptwurzeln kräftiger. 
Bei Pflanzen von 30 cm Höhe wurden bereits Wurzeln beobachtet, 
deren apicale Region nahe an der Spitze einen Durchmesser von 
1,5—2 mm zeigte. An der Beobachtungsplatte des Wurzeltunnels 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. ]97 

erschienen im ersten Jahre 14, im zweiten 16 Wurzeln dieser 
Stärke, wovon die zuletzt entstandenen etwas dünner waren und 
einen flacheren Verlauf zeigten als die im Stadium der kräftigsten 
vegetativen Entwicklung der Pflanzen gebildeten Fasern. 

Tiefgang und Wachstumsgeschwindigkeit der Beiwurzeln und 
der ihnen physiologisch gleichwertigen Wurzelzweige sind relativ 
groß, wie aus beifolgender Tabelle hervorgeht, die sich auf Be- 
obachtungen an einer am 9. Mai in das Wurzelhaus verpflanzten 
und zu dieser Zeit etwa 20 cm hohen Pflanze der Sorte „Rote 
kirschförmige Tomate“ bezieht. 



Wurzelentwicklung der Tomate. 

Sorte: „Rote kirschfürmige Tomate.“ — Tag der Pflanzung: 9. Mai 1906. 



Datum 


„ • Zahl 

des Tiefgangs '^.e itbaren 

der Wurzeln ^eren 

W urzeln 


• 

Zahl der sichtbaren 
schwächeren Wurzeln 


Höhe der 
oberirdischen 
Pflanzenteile 


9. Mai . . . . 


10 cm 






20 cm 


27 


20.5 „ 


3 





— 


28 


37,5., 


4 


— 


30 cm 


29 


43 „ 


4 


9 





31 




8 








1. Juni . . . 


— 


11 


ca. 40 


— 


3. ., . . 


84,9 „ 





_ 





9 


98 „ 


— 


— 


— 


12 


10« „ 


— 


— 


— 


14 


123,5 „ 


15 


Nach Schätzungen 
etwa 1500 


— 



Die Wurzeln waren mithin 

am Ende der 2. Woche nach der Pflanzung ca. 20 cm, 

m „ 3. ,, „ „ „75 ,. 

„ „ 4. „ „ .. „ „ 98 „ und 

.. ,, ,, 5. ,, „ ,. ,, „ 123 ,, 

tief in den Boden eingedrungen. Der durchschnittliche Tageszuwachs 
berechnet sich demnach für die Wachstumsperiode vom 9. Mai bis 
14. Juni auf 3,14 cm, wobei berücksichtigt ist, daß das Wurzel- 
system am 9. Mai durch die Art der Pfanzung bereits eine Tiefen- 
anlage von 10 cm erhielt. Die Waehstumsgeschwindigkeit der 
einzelnen Wurzel stieg nach Messungen im Wurzelhause zeitweise 
bis auf eine Tagesleistung von 7,5 cm, worüber sich Einzel- 
heiten allerdings noch nicht rnitteilen lassen. Der Abschluß des 
Längenwachstums ließ sich an den stärkeren Wurzeln durch direkte 
Beobachtung nicht feststellen, da sie unten oder seitlich über die 
Glaswand hinauswuchsen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß 
einzelne von ihnen mindestens eine Länge von 150 cm erreichten. 

Alle diese stärkeren Wurzeln, die wir zweckmäßig als Lang- 
wurzeln bezeichnen können, erzeugen in großer Zahl Wurzelzweige 
I. Ordnung, die in acropetaler Folge gewöhnlich an Wurzelzonen 
entstehen, die 3 — 6 Tage alt sind. Die Spitze der Langwurzeln 
bleibt somit immer, namentlich aber in der Zeit des stärksten 



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J 98 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Längenwachstums, auf einer kürzeren oder längeren Strecke un- 
verzweigt. Die Seitenwurzeln I. Ordnung legen sehr bald Wurzel- 
zweige II. und zum Teil auch III. Ordnung an. Darüber hinaus 
ging die Verzweigung bei den Versuchspflanzen im allgemeinen 
nicht. Über die endgültige Länge der Wurzelzweige ließ sich wenig 
Sicheres ermitteln; zum Teil wurden bis 50 cm lange Wurzelfasern 
beobachtet, die wohl das Aussehen von Wurzelzweigen I. Ordnung 
hatten, aber als solche nicht mit Bestimmtheit zu erkennen waren, 
da ihre Ansatzstellen nicht an der Glaswand, sondern tiefer im 
Boden lagen. In den unteren Teilen des Beobachtungsfeldes hatten 
die Wurzelzweige I. Ordnung Mitte Juli eine durchschnittliche Länge 
von 15 cm erreicht, während die Wurzelfasern II. Ordnung etwa 
4 cm lang waren. 

Die Bedeutung der Wurzelzweige für die Arbeitsleistung der 
Tomatenwurzel beleuchtet am besten ihre große Zahl. An einem 
Langwurzelstück von 10 cm waren bereits am 3. Juni, d. h. also 
etwa 4 Wochen nach der Pflanzung, durchschnittlich 35 Zweige 
I. Ordnung sichtbar. In Wirklichkeit mußten die Fasern natürlich 
noch in größerer Zahl vorhanden sein, da die auf der Rückseite 
der Wurzel stehenden Verzweigungen unsichtbar blieben. Ende 
Juni lagen im Beobachtungsfelde, d. h. auf einer Fläche von 
105x105 cm, insgesamt etwa 2900 feinere Wurzolfascm. die den 
Boden wie ein feines, engmaschiges Netz durchzogen. Im Mittel- 
felde der Glaswand, d. h. also in Bodenschichten von 55 — 85 cm. 
war die Verzweigung am dichtesten; es wurden hier allein auf 
einer Fläche von 105 x33 cm 1427 feine Wurzolzweige festgestellt. 
Im Freilande werden die Wurzelfasern natürlich weniger dicht 
zusammenliegen, da sich die Langwurzeln dann im Boden ent- 
sprechend ihrer natürlichen Wachstumsrichtung allseitig mehr ver- 
teilen, während durch die Konstruktion des Beobachtungskastens 
eine Seito der Wurzelkrone gewissermaßen eingedrückt wird, so daß 
alle unter normalen Verhältnissen nach dieser Seite strebenden 
Wurzeln in einer Ebeno vereinigt werden. 

Ungemein dicht ist die Behaarung sämtlicher Wurzeln. Sie 
ließ sich an der Vorsuchspflanzo des Wurzelhauses gut verfolgen, 
wobei deutlich hervortrat, daß in lockeren Bodenschichten die 
Wurzelhaaro an Stellen, wo die Wurzel an Zwischenräume des 

Bodens nngrenzt, länger sind und dichter stehen als dort, wo das 

Gefüge des Bodens fester ist. Bei den Langwurzeln wurden sie 
frühestens an 24 Stunden alten Wurzelzonen sichtbar; deutlicher 
traten sie erst am zweiten und dritten Tage nach der Anlage ihrer 
Entstehungszone hervor. Ähnliches ließ sich an den Wurzelzweigen 
beobachten, deren äußerste Spitze somit ebenfalls unbehaart blieb. 
In Perioden sehr starken Wachstums hatten die jüngsten Wurzel- 
haare der feineren Zweige einen Spitzenabstund von 1 cm, der sich 
aber bald auf 2—3 mm. oft sogar bis auf 1 mm verringerte. Über 

die Lebensdauer der Haare ließen sich Werte von allgemeiner 

Gültigkeit noch nicht ermitteln, jedoch ergab sich, daß sie unter den 
Vorsuchsbedingungen relativ lange turgescent und augenscheinlich 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologi scheu Versuchsstation. 199 



auch an den verzweigten Strecken der Langwurzel noch funktions- 
fähig blieben. 

Der Wachstumsgang der Wurzeln verlief, wie schon angedeutet 
wurde, zum Teil in schräger Richtung, wie sich namentlich bei den 
Wurzeln zeigte, die im vorgeschrittenen Stadium der Wurzelbildung 
im oberen Teile des Beobachtungsfeldes sichtbar wurden. Es ent- 
stand so eine sich nach unten ziemlich weit ausbreitende Wurzel- 
krone, deren größter Durchmesser über die Dimensionen des Ver- 
suchskastens hinausging. Man kann daraus folgern, daß eine kräftig 
entwickelte Tomate mit ihren Wurzeln einen Bodenwürfel von 
mindestens 1,25 m Kantenlänge einniramt. 

Das Wurzelsystem der Tomate charakterisiert sich also durch 
die Entwicklung eines monopodial verzweigten Centralstammes, in 
dem die Hauptwurzel vor den stärkeren Zweigen wenig hervortritt, 
und die Verstärkung dieses Mittelstammes durch Nebenwurzelstränge, 
die aus dem Hypocotyl und zuweilen auch aus dem untersten 
Internodium des Stammes hervorgehon und das Wurzelsystem zu 
einer tiefstreichenden, sich nach unten ziemlich weit ausdehnenden, 
stark verzweigten Wurzolkrone ergänzen. 

In der morphologischen Gliederung und Tracht etwas ab- 
weichend von dem Typus der Tomate ist das Wurzelsystem des 
Kopfsalates gestaltet. Die Ausbildung der Pfahlwurzel ist hier noch 
stärker ausgeprägt wie bei der Tomate. An der Keimpflanze ent- 
wickelt sich zunächst ein monaxiles Wurzelsystem, dessen Haupt- 
wurzel selbst bei ganz jungen Pflanzen am Wurzelhalse deutlich 
verdickt ist, sich aber schon in geringem Abstande von der Basis 
stark verjüngt. So betrug z. B. bei einer in der dritten Woche 
nach der Aussaat untersuchten Pflanze der Durchmesser der 20 cm 
langen Hauptwurzel unmittelbar am Wurzelhalse 1,8 mm, an einer 
Zone von 5 cm Basalabstand dagegen nur noch 0,4 mm. 

Die Verzweigung des jugendlichen Hauptwurzelsystems schreitet 
frühzeitig bis zu Fasern III. Ordnung vor, jedoch überwiegen anfangs 
bei weitem die Wurzelzweige I. und II. Ordnung. An einer am 
25. Tage nach der Aussaat untersuchten Pflanze wurden gezählt: 
43 Wurzelzweige I. Ordnung, 03 Wurzelzweige II. Ordnung, 1 Wurzel- 
zweig III. Ordnung. Eine 32 Tage alte Pflanze hatto 59 Wurzeln 
1. Ordnung, 220 Wurzeln II. Ordnung und 8 Wurzelzweige 1U. Ord- 
nung. Die Anlage der Zweige erfolgt im Keimlingsstadium der 
Pflanze acropetal, eine Gesetzmäßigkeit, die aber sehr bald durch- 
brochen wird. Schon an 3 — 4 Wochen alten Pflanzen treten neue 
Wurzelfasern I. Ordnung inmitten bereits bewurzelter Zonen auf, 
wobei allerdings vorzugsweise die älteren, verdickten Teile der 
Hauptwurzei und besonders der Wurzelhals bevorzugt werden. Es 
wird also hier in ganz ähnlicher Weise wie bei der Tomate das 
Wurzelsystem von oben her ergänzt, nur mit dem Unterschiede, 
daß hier im Allgemeinen nicht Nebenwurzeln, sondern Wurzelzweigo 
1. Ordnung den weiteren Ausbau der Bewurzlung übernehmen. 
Wie gleich an dieser Stelle bemerkt werden soll, ließen sich eigent- 
liche Neoenwurzeln überhaupt nur selten, und nur bei älteren 



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200 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Pflanzen an der Insertionsstelle der abgefallenen Kotyledonen be- 
obachten. Die eigentlichen Wurzelzweige I. Ordnung charakterisieren 
dagegen mit ihren weiteren Verzweigungen das ganze Wurzelsystem, 
und es spricht nach unseren Beobachtungen vieles dafür, daß die 
Beschaffenheit des Bodens und die Art der Kulturmethode grade 
auf Zahl und Tracht dieser Wurzelfasern großen Einfluß ausüben. 
Bei normal gebauten, in der vierten Woche nach der Aussaat 
untersuchten, jungen Pflanzen erreichten die Wurzelzweige I. Ord- 
nung eine Maximallänge von 10 cm, ihr Durchmesser betrug 
0,25 — 0,30 mm, während die in größter Zahl vorhandenen Zweige 
II. Ordnung, denen die Hauptarbeit der Absorption zufallen mußte, 
durchschnittlich nur 0,2 mm dick waren. 

Mit fortschreitender Entwicklung der Pflanze nimmt die Ver- 
ästelung des Wurzelstammes beträchtlich zu und geht schließlich 
bis zu Zweigen V. Ordnung weiter, die aber gewöhnlich nur in 
geringer Zahl angelegt werden. Acht Wochen nach der Aussaat 
wurden z. B. boi einer gut entwickelten Pflanze gezählt: 78 Wurzel- 
zweige I. Ordnung, 790 Wurzelzweige II. Ordnung, 463 Wurzel- 
zweige III. Ordnung, 29 Wurzelzweige IV. Ordnung. Bei einer 
mehrere Wochen älteren Pflanze, die schon einen normalen Kopf 
gebildet hatte, fanden sich vor: 82 Wurzelzweige I. Ordnung, 
1442 Wurzelzweige II. Ordnung, 844 Wurzelzweigo III. Ordnung, 
173 Wurzelzweige IV. Ordnung, 2 Wurzelzweige V. Ordnung. 

Von den am Wurzelhalse stehenden, Wurzelzweigen I. Ordnung 
entwickeln sich stets einzelne besonders stark und dringen nament- 
lich in lockerem Boden schnell verhältnismäßig tief ein. Es kommen 
hier also gleichfalls Wurzeln zur Ausbildung, die man, wie bei der 
Tomate, als Langwurzeln bezeichnen kann. Besonders deutlich 
prägt sich diese Erscheinung an Pflanzen aus, deren Hauptwurzel 
beim Umsetzen beschädigt wurde. Über das Maß des Tiefganges 
und der Wachstumsgeschwindigkeit dieser Langwurzeln unterrichtet 
die folgende Tabelle, die sich auf Beobachtungen an drei Pflanzen 
der Sorto: „Großer gelber Prinzenkopf“ bezieht, die am 7. Mai 1906 
in einen Versuchskasten des Wurzelhauses verpflanzt wurden und 
damals nur je etwa 5 — 6 junge Blätter entwickelt hatten. 

Wurzelentwicklung des Salates. 

Sorte: „Großer gelber Prinzenkopf“. — Tag der Pflanzung: 7. Mai 1906. 



Datum 


Maximum des Tiefganges der Wurzeln bei 
Pflanze I Pflauze II Pflanze III 


7. 


Mai . . 


10 


10 


10 


11*. 


»t • • 


_ 


— 


21 


23. 


„ . , 


36 


35 


45 


28. 




55 


70 


«9 


29. 


• » 


60 


79 


70.6 


31. 


• * . . 


— 


86,8 


83,6 


3. 


Juni . . 


1*0 


101 


108 


6. 


,, , . 


108 


114 


112 


9. 


«« • • 


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— 


119 


12. 


v. . . 


125 | 


123 


125 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 201 



Mithin betrug der Tiefgang der Wurzeln 
am Ende der II. Woche nach der Pflanzung etwa 35 — 45 cm, 

„ Hl „ 55—70 „ 

IV. 00—108 

V 123-125 „ 



Im wesentlichen erreichten also die Langwurzeln des Salates 
die gleiche Wachstumsgeschwindigkeit wie die der Tomate. Daß 
das Längenwachstum einzelner Wurzeln noch Uber die in der 
Tubelle angegebene Zeit hinausging, zoigte sich später beim Aus- 
schwemmen der Wurzelsysteme, wobei Wurzeln von 130 — 136 cm 
Länge gefunden wurden, die über den Rand des Beobachtungsfeldes 
in die Drainageschicht eingedrungen waren. 

Die Versuchspflanzen legten gewöhnlich je 12 - 18, 1 — 1,5 mm 
dicke Langwurzeln an, die reichlich rechtwinklig abstehende Wurzel- 
zweige von 0,2— 0,3 mm Durchmesser ausbildeten, weitere Ver- 
zweigungen aber nicht in übergroßer Zahl hervorbrachten. In der 
Behaarung verhielten sich diese Langwurzelstränge ähnlich wie die 
entsprechenden Wurzelsysteme der Tomate. 

Die Wachstumsrichtung der Langwurzeln ist nach den Be- 
obachtungen im Wurzeltunnel ausgesprochen lotrecht, so daß die seit- 
liche Ausbreitung des ganzen Wurzelsystems relativ beschränkt ist. 
Nach unseren Ermittelungen dürften die Wurzeln einer Salatpflanze 
in lockerem Erdreich etwa einen Bodencylinder von 140 X 35 cm 
einnehmen. Allerdings spricht manches dafür, daß sich in Böden 
mit festem Untergrund die Tracht des Wurzelsystems etwas ändern 
dürfte, worüber jedoch bestimmte Angaben noch nicht zu machen 
sind. 

Die Bewurzelung des Kopfsalates charakterisiert sich mithin 
durch die Ausbildung eines ausgesprochenen Pfahlwurzelsystems, 
dessen Hauptwurzel sich in den (physikalisch) oberen Teilen des 
Systems scharf von den Verzweigungen abhebt, in den unteren 
Partien aber gegen die stärkeren Zweige wenig hervortritt. Durch 
Entwicklung stärkerer, tiefstreichender Langwurzeln, die sich nach 
und nach mit einer großen Zahl von feinen, rechtwinklig abstehenden 
Asten bedecken, und morphologisch meist Wurzelzweigen I. Ord- 
nung. seltener Nebenwurzeln entsprechen, ergänzt sich das Wurzel- 
system zu einer dichten und tiefgehenden, aber rolativ schmalen 
Wurzelkrone. 



8. Der VerwaehsuiigsYorgang bei der Veredelung 
der Obstbflume. 

Bearbeitet von F. Herse. 

Obwohl durch die Arbeiten Göpperts, Sorauers, Strasburgere, 
Vöchtings u. a. die anatomischen Vorgänge bei der Verwachsung 
holziger Pflanzenteile, wie sie bei der Veredelung der Obstbäume 
in Frage kommt, in ihren Grundzügen klargelegt worden sind, er- 
schien es aus bestimmten Gründen nicht überflüssig, diese Frage 




202 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

noch einmal einer Bearbeitung zu unterziehen. Einmal nämlich 
hatte bei den bisherigen Darstellungen fast stets die Veredelung 
durch Okulation im Vordergründe des Interesses gestanden, während 
den Abweichungen, die bei Verwendung anderer Veredolungsarten 
sich ergeben, nur beiläufige Beachtung geschenkt wurde. Im Obst- 
baubotrieb kommt aber neben der Okulation, die allerdings bei der 
Anzucht der Bäume in der Baumschule die Hauptrolle spielt, noch 
eine Reihe anderer Methoden in Betracht, so die Kopulation, ferner 
beim Umpfropfen Veredelungsarten wie das Anschäften, das Geißfuß- 
pfropfen, das Pfropfen hinter die Rinde u. a. Gerade der Operation 
des Umpfropfens wird in letzter Zeit mit Recht eine erhöhte Be- 
deutung für die Lösung der Frage beigelegt, wie die übergroße Zahl 
der Sorten in vielen Anlagen am besten auf eine geringe Zahl 
solcher, die sich für eine bestimmte Gegend und für bestimmte 
Zwecke bewährt haben, zu beschränken sei. Da nun über den Wert 
oder Unwert der einzelnen, bei Ausführung jener Operation zur 
Anwendung kommenden Veredelungsarten die Meinungen noch sehr 
geteilt sind, hatte eine Prüfung der Verwachsungserscheinungen bei 
Benutzung der verschiedenen Methoden auch ein praktisches 
Interesse. 

Ein weiterer Gesichtspunkt, der bei unseren Untersuchungen 
der Verwachsungsvorgänge Berücksichtigung finden sollte, ergab sich 
aus folgender Erwägung. Den bisherigen Darstellungen lag wohl 
meist Material zu Grunde, das eigens zum Zwecke der Untersuchung 
angefortigt worden war, bei dessen Gewinnung also der Experimen- 
tator darauf hatte bedacht sein können, möglichst günstige Be- 
dingungen herzustellen, um Störungen im normalen Fortgang des 
Anwachsens nach Möglichkeit auszuschalten und gute Verwaehsungs- 
resultate zu erzielen. Daher beschränken sich die Angaben auch 
fast ausschließlich auf solche normal verwachsenen Veredelungen. Es 
braucht nun nicht besonders betont zu werden, daß derartige Ver- 
hältnisse in der Praxis wohl selten verwirklicht werden. Sehen wir 
auch davon ab, daß ganz allgemein das Tempo der Verwachsung in 
gleicher Weise wie alle Wachstumsvorgänge durch die Witterungs- 
verhältnisse beeinflußt wird, so wird einmal das zum Veredeln ver- 
wendete Material nicht immer das ausgesucht beste sein, sondern 
wechselnd nach Gesundheit und Wachstumsenergie; weiterhin wird 
aber auch bei der Ausführung der Veredelung selbst nicht immer 
mit der gleichen Sorgfalt vorgegangen, wie sie der Operateur bei 
seinen Versuchen anwendon kann. Kurz, die Verhältnisse bei der 
praktischen Ausführung der Veredelung im Obstbaubetriebe worden 
nie die optimalen Bedingungen für die Verwachsung verkörpern, 
der Verlauf der Verwachsung daher ebenso selten dem theoretisch 
als normal zu bezeichnenden völlig entsprechen. In welcher Hin- 
sicht sich daraus Abweichungen ergeben, mußte daher ebenfalls 
einer Prüfung unterzogen werden. 

Die Beobachtungen im Berichtsjahre erstreckten sich in erster 
Linie auf Apfelveredelungen, die durch Kopulation hergestellt 
worden waren. Es seien daher im folgenden zunächst der normale 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 203 

Verlauf der Verwachsung bei dieser Veredelungsmethode und die 
Modifikationen, die sich aus Mängeln des Materials und der Aus- 
führung ergeben, dargestellt; allerdings müssen wir uns dahei an 
dieser Stelle auf die Wiedergabe der wichtigsten Tatsachen be- 
schränken. 

Bei der Veredelung durch Kopulation, die nur Anwendung 
finden kann, wenn die zur Verbindung zu bringenden Sproßteile 
gleiche Stärke haben, erhält das Edelreis an seinem unteren Ende 
eine schräge, von der Längsachse um ca. 15° abweichende Schnitt- 
fläche, der eine korrespondierende an dem zu voredelnden Sproß- 
teile der Unterlage entspricht. Dadurch liegen an der gesamten 
Berührungsfläche von Reis und Unterlage die gleichen Gewebe 
einander gegenüber, vor allem, was das Wesentliche ist, die Kam- 
biumzonen. Denn der größere Teil der an die Schnittflächen an- 
stoßenden Zollsysteme beteiligt sich an der Verwachsung selbst 
nicht, so das Mark, der gesamte Holzkörper, die Außenrinde (von 
Ansnahmefällen abgesehen), auch die Innenrinde nur in geringem 
Grade. An allen diesen Gewebeteilen treten nur metaplastische *). 
d. h. auf Umbildungen der in der Nähe der Wundfläche liegenden 
Zellen beruhende, oder hyperplastische l ), d. h. auf Neubildung von 
Zellen an der Wundfläche beruhende Bildungen auf, welche die 
schädlichen Folgen der Verwundung in gewissem Grade aufzuheben 
geeignet sind, wobei aber die wirklichen Zellneubildungen über einen 
geringen Umfang nie hinausgehen. Letzteres muß jedoch der Fall 
sein, wenn an den Schnittflächen eine Verwachsung von Zellen, die 
von beiden Symbionten aus produziert worden, überhaupt möglich 
sein soll. Eine lebhafte Zellvermehrungstätigkeit, wie sie dazu er- 
forderlich ist, findet aber nur in der Region des Kambiums und — 
in geringerem Grade — in der sekundären Rinde statt; nur in dieser 
Zone wird daher die Verwachsung zwischen Reis und Unterlage in 
die Wege geleitet. Es handelt sich dabei um den bekannten Vor- 
gang der „Kallusbildung*', der darin besteht, daß das Kambium au 
der Schnittfläche nicht nur in normaler centripetaler und -fugaler 
Richtung Teilungen ausführt, sondern auch durch abnorme Quer- 
und Längsteilungen nach der Wundfläche hin und über diese 
hinaus einen Komplex gleichartiger, im allgemeinen isodiametrischer, 
dünnwandiger, plasmareicher Zellen entstehen läßt, wie man ihn 
unter der Bezeichnung „Kallus*" versteht Wie nun Kalluszellen, 
die an derselben Wunde von verschiedenen Seiten aufeinander Zu- 
wachsen und in Berührung treten, mit ihren Wandungen vollkommen 
verwachsen (in welcher Weise dies geschieht, läßt sich z. Z. aller- 
dings noch nicht angeben), so finden wir das gleiche Verhalten auch 
bei den Kalluszellen der Unterlage und des Reises, sobald die 
Kallusmassen die Lücke zwischen den Schnittflächen ausgefüllt 
haben und einen gegenseitigen Druck aufeinander ausüben. Die 
Reste der an der Wundfläche abgestorbenen Zellen werden dabei 

*) Wie wir diese Erscheinungen in Anlehnung an von Küster in die 
botanische Anatomie eingeführte Ausdrücke zusammenfassend bezeichnen können. 



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204 III. Hericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

zur Seite gepreßt oder interzellular von den verwnchsenden Zellen 
eingeschlossen. Alle Zollen, welche an die Oberfläche des Kallus 
zu liegen kommen, verkorken ihre Wandungen. Durch die Ver- 
einigung der beiden Kalli ist nunmehr eine Verwachsung von Ge- 
weben beider Symbionten zu stände gekommen; um jedoch eine 
wirkliche Ernährungsgemeinschaft zwischen ihnen herzustellen, ist 
noch ein weiterer Schritt notwendig, der als der wesentlichste Vor- 
gang bei der Verwachsung bezeichnet werden muß: die Vereinigung 
der Kambien von Unterlage und Reis, welche die Vorbedingung für 
die Herstellung verbindender Leitungsbahnen an der Verwachsungs- 
stelle ist. Diese Vereinigung wird auf folgende Weise erreicht. In 
denjenigen Kalluszellen, welche an die Zellen des Zweigkambiums 
angrenzen, bildet sich sowohl auf seiten der Unterlage wie des 
Reises durch schnell auf einander folgende tangentiale Teilungen 




Fig. 47. Yercdeluug durch Kopulation. Normale Verwachsung (Juli). 

eine meristematische Zone aus; diese greift immer weiter in den 
Kallus selbst hinüber und charakterisiert sich dadurch als Kambium, 
daß sie nach außen Elemente der sekundären Rinde, nach innen 
solche des Holzes bildet, die allerdings in mehrfacher Hinsicht — 
geringere Länge, geringere Differenzierung und unregelmäßigerer 
Verlauf — von den normalen abweichen. In der Verwachsungs- 
zone der Kallusgewebe treffen diese Kambien von beiden Seiten 
aufeinander, und hier findet demnach auch die Verbindung der 
leitendon Elemente von Unterlage und Reis statt. Da der Kallus 
sich nie an der gesamten Schnittebene gleich stark und schnell 
entwickelt, erfolgt auch bei gut verwachsenden Veredelungen, wie 
wir sie hier im Auge haben, die Vereinigung der Kambien nicht 
an allen Stellen zu gleicher Zeit, in der Regel aber doch bis zum 
Juni: daher ist dann noch bis zum Abschluß der Kambiumtätigkeit 
des Jahres genügend Zeit vorhanden, um die das Reis und die 
Unterlage verbindende Holzschicht zu einiger Breite anwachsen zu 
lassen, so daß der Stoffaustausch bald in normalen Bahnen verlaufen 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiolofüschen Versuchsstation. 205 



kann (Fig. 47). Damit der Verlauf der Verwachsung in der ge- 
schilderten normalen Weise glatt von statten gehen kann, müssen 
von seiten des Veredelers folgende Bedingungen erfüllt werden: 
Erstens muß das Veredelungsmaterial gut ausgewählt werden, d. h. 
der als Unterlage dienende Stamm muß gesund und triebkräftig 
sein, und ebenso muß das Reis von einem gesunden Bauine 
stammen, kräftig und gut ausgereift sein; denn nur dann wird 
die Kallusbildung in genügendem Maße erfolgen und auch nach 
Erreichung der vorläufigen Verwachsung das Kambium noch eine 
hinreichende Menge gemeinsamer Holzelemente produzieren. Zweitens 
muß die Ausführung genau und sorgfältig geschehen, d. h. Unter- 
lage und Reis müssen an der Veredelungsstelle von gleicher Stärke 
sein, die Schnittflächen gleich schräg hergestellt, genau aufeinander 
gefügt und fest verbunden werden, damit eine baldige, allseitige 
Verwachsung stattfinden kann; dann wieder muß aber auch der 
Bastverband rechtzeitig gelöst (und nötigenfalls erneuert) werden, 





Fig. 49. Kopulation. 
Noch keine Verwachsung 
infolge zu grollen Spaltes 
zwischen den Veredelungs- 
flächen (schematisch). 



Fig. 48. Kopulation. 
Keine Verwachsung in- 
folge verschobener Lage 
der Kambien (schematisch). 




Fig. 50. Kopulation. 
Wulstbildung über der Ver- 
edolungsstelle boi nicht 
rechtzeitiger Lockerung 
des Verbandes. 



damit er nicht hemmend auf das Dickenwachstum an der Ver- 
edelungsstelle einwirkt Wenn in beiden Beziehungen gefehlt 
wird, so wird das Resultat natürlich am ungünstigsten: so, wenn 
die Zell Produktion aus dem Kambium eine mangelhafte ist, und 
gleichzeitig die Schnittflächen gegeneinander verschoben sind, so 
daß die Kalli sich differenzieren und Oberflächenkork ausbilden, ehe 
sie noch miteinander in Berührung kommen (Fig. 48). Oft kommt 
es auch vor, daß am oberen oder unteren Ende die Kopulations- 
flächen, weil sie nicht gleich lang sind, sich nicht völlig decken, 
was ebenfalls dio Berührung der Kalli an dieser Stelle verzögern 
muß. Ebenso werden dann, wenn die Schnittflächen infolge zu 
lockeren Verbandes nicht fest aufeinander aufliegen, die Kallus- 
wülste selbst noch nicht verwachsen, sondern sich erst nach längerer 
Tätigkeit des Kalluskambiums berühren, wenn sie bereits durch 
Ausbildung von Holz und sekundärer Rinde in einen regelrechten 
Überwallungsrand übergegangen sind (Fig. 49). An solchen Stellen 



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206 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

ist häufig, auch bei lebhafter Zellbildung an der Veredelungsstelle, 
wie in dem abgebildeten Falle, bis zum Ende des Jahres noch keine 
Verwachsung zu konstatieren, ln diesem Stadium ist dann die 
Vereinigung der Kambiumzonen natürlich viel schwieriger. Daraus 
erhellt die Notwendigkeit, den Bastverband bei der Veredelung fest 
anzulegen; anderseits muß er aber, wenn die ersten Stadien der 
Verwachsung vorüber sind und das Dicken Wachstum weiter fort- 
schreitet, gelüst werden. Geschieht dies nicht zur rechten Zeit, so 
erleidet die Kambiumtätigkeit un der Veredelungsstelle eine Stockung, 
die in doppelter Hinsicht nachteilig wirken muß: nicht allein bleibt 
die Festigkeit zwischen Unterlage und Reis eine mangelhafte, sondern 
auch ober- und unterhalb der Veredelungsstelle treten Ernährungs- 
und Wachstumsstörungen auf, die sich allgemein in einer nur ge- 
ringen Dickenzunahme der in Mitleidenschaft gezogenen Sproßteile 
und einer abnormen VVulstbildung unmittelbar über der ein- 
geschnürten Stelle — ähnlich wie bei der Ringelung — äußern 
(Fig. 50). Im allgemeinen zeigte sich, wenn man die einzelnen 
Veredelungen verglich, daß geringe Abweichungen bezüglich der 
genauen Aneinanderfügung der Kopulanten nicht so schwer ins 
Gewicht fallen, sondern leicht überwunden werden, wenn man nur 
durch Auswahl kräftiger Unterlagen und Edelreiser dafür sorgt, daß 
das Kambium an den Veredelungsflächen zu reichlicher Zell- 
produktion befähigt ist. Dann erfolgt wenigstens an einigen Par- 
tien der Schnittflächen die Verwachsung sehr bald, so daß ihre 
Verzögerung an anderen Stellen nicht viel zu sagen hat. Gerade 
bei der Veredelung der Obstbäume ist auf eine sorgfältige Auswahl 
des Veredelungsmaterials besonders Wert zu legen, weil die Kallus- 
bildung bei ihnen überhaupt im Gegensatz zu vielen anderen Holz- 
pflanzen eine verhältnismäßig spärliche ist. 

Um die Befestigung des Reises an der Unterlage in der rich- 
tigen Lage zu erleichtern, hat man die einfache Kopulation dahin 
modifiziert, daß man die schrägen Schnittflächen am Reise und der 
Unterlage noch durch einen Längsschnitt spaltet und dann inein- 
ander schiebt. Bei dieser „Kopulation mit Gegenzungen“, die 
allerdings genau ausgeführt werden muß, wenn ihr Zweck ganz 
erreicht werden soll, läßt sich der Verband besser anlegen, ohne 
daß sich die Schnittflächen verschieben, und die Veredlung hat von 
vornherein einen besseren Halt. Auch späterhin wird durch die 
vergrößerte Anwachsfläche die Verwachsung eine festere. Im übrigen 
wird natürlich im Verwachsungsmodus gegenüber der gewöhnlichen 
Kopulation nichts geändert. 

In solchen Fällen, wo das Reis in seinem Umfange hinter dem 
Zweig oder Ast der Unterlage zurückbleibt, auf den es gepfropft 
werden soll, müssen an Stelle der Kopulation andere Pfropfmethoden 
gewählt werden, bei denen der Natur der Sache nach stets ein 
Teil der Wundfläche an der Unterlage nicht vom Reis bedeckt 
wird. Von diesen Methoden steht der Kopulation am nächsten 
das Anschäften. Hierbei wird das Reis ebenso zugeschnitten 
wie bei dor Kopulation; an der querabgeschnittenen Unterlage 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 207 

wird an einer Seite, unmittelbar unter der Querwunde, ein Stück 
weggenommen, derart, daß die Schnittfläche des Reises die Wunde 
nach Möglichkeit bedeckt. Damit das Reis den nötigen Halt findet, 
wird an ihm der Kopulationsschnitt nach oben nicht ganz durch- 
geführt, sondern hier ein Sattel hergestellt, mit dem es auf der 
quer abgeschnittenen Unterlage ruht. Außerdem kann man wie 
bei der Kopulation, so auch hier die Schnittflächen der Unter- 
lage und des Reises durch einen „Zungenschnitt* 1 noch fester mit- 
einander verbinden, falls das Reis nicht zu dünn ist. Bei An- 
wendung dieser Pfropfmethode ist infolge der ungleichen Stärke 
von Unterlage und Reis die Schnittfläche an jener stets etwas 
breiter als an diesem ; man achtet daher darauf, daß wenigstens 
unten und an einer Längsseite die Kambiumzonen in Berührung 
kommen. Demnach ist der Verlauf der Verwachsung auch nie 
an beiden Seiten der gleiche; er kann vielmehr nur auf der 
einen Seite glatt von statten gehen, wahrend auf der anderen die 
Kambialkalli, besonders der von Seiten der Unterlage gebildete, den 
Charakter des Überwallungsrandes annehmen, ehe die Berührung 
eintritt. Daher ist die Festigkeit der Verbindung, die man durch 
den Zungenschnitt erreichen kann, bei dieser Methode von beson- 
derem Nutzen, und aus dem gleichen Grunde zeigt sich hier auch 
der günstige Einfluß kräftiger Edelreiser auf eine gleichmäßig gute 
Verwachsung auf der ganzen Fläche noch deutlicher als bei der 
Kopulation. 

Die Geißfußpfropfung, — jene Methode, bei welcher das 
Reis an seinem unteren Ende zwei schräge, miteinander eineu 
Winkel von 50 — 60° bildende Schnittflächen erhält, die in einen 
entsprechenden Ausschnitt an der quer abgeschnittenen Unterlage 
passen , — bietet infolge der Symmetrie der Veredlungsflächen 
wieder den Vorteil, daß die vom Schnitt getroffenen Kambialschichten 
einander ziemlich genau angenähert werden können. Daher geht 
die Verwachsung bei sorgfältiger Ausführung der Operation, die 
allerdings bei der Eigenart des Geißfußschnittes nicht ganz leicht 
ist und Übung erfordert, meist im größeren Teil der Berührungs- 
fläche ziemlich glatt vonstatten, und geübte Veredeler erzielen gerade 
mit dieser Methode sichere Erfolge. 

Während bei den bisher besprochenen Veredelungsmethoden das 
Prinzip, die zu verbindenden Achsenstücke so zuzuschneiden und 
aneinanderzufUgen, daß durch das Edelreis eine möglichst konforme 
Ergänzung der im Kambiumzylinder der Unterlage entstandenen 
Lücke auf kürzestem Wege erzielt wird, völlig — bei der Kopu- 
lation — oder wenigstens annähernd innegehalten wird, tritt es bei 
den nun noch zu erwähnenden Methoden mehr in den Hinter- 
grund. 

Beim Pfropfen hinter die Rinde erhält das Reis entweder 
einen gewöhnlichen Kopulationsschnitt oder besser einen solchen mit 
Sattel w'ie beim Anschäften; die Unterlage wird quer abgeschnitten 
oder abgesägt, die Rinde unterhalb der Querwunde in senkrechter 
Richtung durchschnitten, die seitlichen Rindenflügel etwas gelöst 



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208 HL Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



und das Reis darunter geschoben. Das Kambium des Reises liegt 
hierbei also der Holzfläche der Unterlage auf, während an letzterer 
der Kambiumring zerstört ist, soweit die Rinde vom Holze ab- 
gehoben ist. Man ersieht hieraus sofort, daß eine Herstellung der 
Kambialverbindung bei dieser Sachlage ungleich schwieriger ist als 
bei der Kopulation und den ihr ähnlichen Veredelungsarten. Es 
wird bei der Ausführung von Vorteil sein, wenn man die Rinden- 
flügel nur wenig abzuheben braucht; aus diesem Grunde ist ein 
Zuschneiden des Reises mit Sattel, wobei die obere Partie nament- 
lich in ihrem oberen Teile flacher wird, dem durebgeführten 
Kopulationsschnitt vorzuziehen. Die Verwachsung selbst kommt bei 
dieser Methode folgendermaßen zustande. Die Unterlage bildet so- 
wohl auf der Holzblöße, wie an der Innenseite der Rindenflügel 
Kallus, am reichlichsten von den seitlichen Winkeln aus, während 
nach der Mitte zu durch abgestorbene Zellkomplexe vielfache Unter- 
brechungen verursacht werden. (Die der oberen horizontalen, sowie 
der vertikalen Schnittwunde zunächst liegenden Teile der Rinden- 




Fig. 51. Kindenpf ropf ung. 

2 Jahre nach der Veredelung (schematisch). 



lappen vertrocknen zumeist.) Die in die Lücken hineinwachsendeu 
Kallusmassen vereinigen sich allmählich und treffen auch mit dem 
vom Kambium und der Innenrinde des Edelreises ausgehenden 
Kallus zusammen, so daß schließlich die ursprünglichen Hohlräume 
zu beiden Seiten des Edelreises von dem größtenteils verwachsenen, 
aber auch vielfach durch abgestorbene Zellreste unterbrochenen Ge- 
webe ausgefüllt werden. Inzwischen bat sich das Kambium des 
Reises seitlich in den von ihm gebildeten Kallus fortgesetzt, und 
ebenso ist auch an der Unterlage die durch die Verwundung unter- 
brochene Kambiumzone au den Rindenfiügeln entlang wieder her- 
gestellt worden. Die Verbindung zwischen beiden kommt nun da- 
durch zustande, daß sich im Füllgewebe, an das Kambium des Reises 
anschließend, ein Zwischenkambium differenziert, welches sich in 
S-förmiger Biegung nach außen zum Kambium der Rindenlappeu 
hin wendet (Fig. 51). Es dauert also bei dieser Verodeluugsart ziem- 
lich lange, bis die Vereinigung der Kambien von Reis und Unter- 
lage erfolgt, weil überall, auch am unteren Ende, die Rinde der 
Unterlage über das Reis hinübergreift. Gerade hierauf beruht aber 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 209 

auch andererseits der Vorzug, daß das Reis durch die Rindenflügel 
in seiner Stellung festgehalten wird, worin es durch den Sattel 
noch unterstützt wird. Einen noch festeren Halt will man ihm viel- 
fach dadurch geben, daß man die Rinde der Unterlage gar nicht 
der Länge nach spaltet, sondern nur von oben her etwas löst, und 
dann das Reis von oben er hineinscbiebt. Bei diesem gewalt- 
samen Einschieben werden aber, wenn nicht überhaupt die Rinde 
platzt, sowohl am Reis als auch an der Unterlage unnötig viele 
Zellen zerstört werden, so daß schwerlich ein wirklicher Vorteil 
dabei herausspringt; einen Bastverband wird man auch kaum ent- 
behren können. 

Von allen im vorhergehenden behandelten Veredelnngsmethoden 
unterscheidet sich die Okulation in mehrfacher Hinsicht. Zunächst 
hinsichtlich der Zeit der Ausführung: während jene im Frühjahre 
entweder vor Beginn der Kambiumtätigkeit (Kopulieren usw.) oder 
bald danach (Rindenpfropfen) in Anwendung kommen, okuliert man 
im Sommer (Juli bis Anfang September). Infolgedessen ist hier die 
Zeit, die für die Verwachsung noch im Veredelungsjahre zur Ver- 
fügung steht, ziemlich knapp bemessen. Dies fällt aber deswegen 
nicht schwer ins Gewicht, weil wir an den Okulanfen keine Augen 
haben, von denen wir verlangen, daß sie sich noch im gleichen 
Jahre zu Trieben strecken. Darin liegt ein weiterer Unterschied 
gegenüber den anderen Veredelungen, bei welchen an jedem Reis 
mehrere Augen stehen, die bald nach erfolgter Veredelung aus- 
treiben und zu ;ihrem weiteren Wachstum bald einer genügenden 
Nährstoffzufuhr von der Unterlage aus bedürfen. Bei der Okulation 
hingegen wird nur oin einzelnes Auge, auf dessen Austrieb erst 
für das nächstfolgende Frühjahr gerechnet wird, nebst dem dasselbe 
umgebenden Rindenstück transplantiert. Die Anbringung dieses so- 
genannten ,,Schildchens‘‘ an der Unterlage geschieht in der Weise, 
daß man bei dieser die Rinde in Form eines T durchschneidet, die 
seitlichen Flügel etwas löst und das Edelschild darunter schiebt. 
Darin ähnelt also die Okulation der Rindenpfropfung, doch hat sie 
dieser gegenüber manche Vorteile. Dadurch, daß die Unterlage nicht 
gleichzeitig mit der Ausführung der Veredelung abgeschnitten wird, 
kommt ein Verbrauch von Baustoffen zur Verheilung der Querwunde, 
der das Anwachsen ungünstig beeinflussen könnte, nicht in Betracht. 
Ferner wird das Schildchen infolge seiner geringen Größe unter den 
Rindenflügeln noch viel unverrückbarer in seiner Lage festgehalten 
als das als Edelreis dienende Zweigstück bei der Rindenpfropfung: 
seine Innenfläche ist noch besser gegen das Austrocknen geschützt 
(das Verschmieren mit Baumwachs fällt daher hier weg): und bei 
der geringen Dicke des Schildchens wird an der Unterlage beim 
Abheben der Rindenflügel das Kambium nach den Seiten hin nicht 
soweit zerrissen, und die Lücken, die der Kallus auszufüllen hat, 
sind nicht so groß. Berücksichtigt man endlich noch den Umstand, 
daß im Hinblick auf die geringe Größe des Edelschildchens ein ver- 
hältnismäßig bedeutender Teil desselben an der Verwachsung teil- 
nimmt, so kann man, alles in allem genommen, nicht im Zweifel 

Goüenhcimer Bericht 1906. 1-t 



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210 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

darüber sein, daß die Bedingungen hier für die Eingliederung des 
Edelreises in den Gewebeverband der Unterlage recht günstig liegen. 
Die Art und Weise, wie von Seiten der Unterlage die Verwachsung 
eingeleitet wird, zeigt eine weitgehende Übereinstimmung mit dem 
entsprechenden Vorgang bei der Rindenpfropfung. Die Rindeniappen 
sterben in ihren den Schnittwunden zunächst liegenden Partieen mehr 
oder weniger weit ab und werden dann durch Wundkork abgegrenzt. 
An ihrer Innenfläche geht aus den unterhalb der zerrissenen liegen- 
den Kambiumzellen ein vielfach sehr deutlich in Reihen angeord- 
neter Kallus hervor, der nur dort, wo er sich in die Hohlräume 
hinein ausbreitet, ein unregelmäßigeres Aussehen erhält, ln den 
seitlichen Winkeln, big zu denen die Ablösung der Rinde erfolgt 
ist, geht er in die Kallusmassen über, die — weniger regelmäßig 
— auf der Holzblöße entstanden sind. Allmählich nehmen auch 
hier dieso Kallusbildungen, indem sie sich vergrößern und bei der 
Berührung verwachsen, den Charakter eines geschlossenen, die Hohl- 
räume erfüllenden Gewebes an, in welchem Unterbrechungen des 
festen Zellverbandes nur durch die gelb bis braun gefärbten Reste zer- 
drückter und abgestorbener Zellen, die noch von einer Isolierschicht 
verkorktor Zellen umgeben sein können, gebildet werden. Die Be- 
teiligung des Edelschildes an der, die erste Verwachsung einleiten- 
den Kallusproduktion erreicht ein verschiedenes Maß, je nachdem 
das Schild, wie der technische Ausdruck lautet, „ohne“ oder „mit 
Holz“ eingesetzt worden ist Im ersteren Falle bemüht man sich 
bei der Ablösung des Augenschildchons vom Zweige das Messer in 
der Region des Kambiums und am Auge selbst durch die Grenze 
der verholzten Markbrücke und des noch unverholzten, zum Auge 
gehörenden Markkörpers zu führen, so daß sich auf der Innenseite 
des Okulationsschildchens, abgesehen von den zum Auge führenden 
Leitbündeln, kein Holz befindet. Da der Schnitt genau in dieser 
Richtung in Wirklichkeit aber sehr schwer ausführbar ist. vielmehr 
fast stets in der Mitte des Schildes etwas von dem Holze wie von 
der verholzten Markbrücke des Triebes haften bleibt, so muß man, 
um „ohne Holz 1 ’ zu okulieren, dieses erst nachträglich herauslösen. 
Dan ist jedoch insofern eine mißliche Sache, als dabei leicht der 
zuin Auge gehörige Leitbündelkürper mit herausgerissen werden 
kann: ein solches Auge ist dann natürlich zur Okulation nicht mehr 
verwendbar, und wenn dies nicht beachtet und das Schildchen 
trotzdem eingesetzt wird, so kann es zwar anwachsen, doch nie ein 
Trieb daraus hervorgehen. Aus diesem Grunde wird namentlich 
ein wenig geübter Veredler besser handeln, wenn er das Holz- 
spänchen an der Innenfläche des Rindenschildchens nicht abspaltet, 
sondern ruhig „mit Holz“ okuliert Freilich kann dann die Kallus- 
bildung nicht auf der ganzen inneren Fläche von statten gehen, 
wie dies bei der Okulation „ohne Holz“ der Fall ist, sondern sie 
bleibt auf die peripherische Region des Schildchens beschränkt, wo 
das Kambium und die Rinde an die Wundfläche stoßen. (Auch 
der Außenrinde kommt bei der Okulation vielfach ein nicht un- 
bedeutender Anteil an der Kallusbildung zu.) Allein auch dann 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 211 

ist die Verbind ungsf lache zwischen Unterlage und Reis noch groß 
genug, so daß die Okulation „mit Holz“ ganz unbedenklich an- 
gewandt werden kann, ohne daß man nennenswerte Nachteile gegen- 
über der Okulation „ohne Holz“ daraus zu befürchten braucht. In 
beiden Fällen treten nun etwa 2 — 3 Wochen nach der Veredelung 
die Kallusbildungen von Unterlage und Rindenschildchen in Ver- 
bindung, und das Kambium des Schildchens beginnt sich seitlich in 
den Verbindungskallus fortzusetzen. Die Vereinigung dieses Kam- 
biums mit dem der Unterlage ist hier ebenso wie bei der Rinden- 
pfropfuug nicht direkt, sondern nur auf einem Umwoge zu erreichen. 
Dadurch, daß an den Rindenlappen das Kambium bald nach der 
Veredelung begonnen hat, Holzelemente zu produzieren, hat sich 
diese Holzschicht zwischen dasselbe und den eigentlichen Kallus, 
der nach einiger Zeit ebenfalls verholzt, eingeschoben. Das Kam- 
bium muß sich also an den Enden der Rindenlappen, ähnlich wie 
man es bei Überwallungsrändern sieht, an dem neugebildeten Holze 
herumwenden, ehe es mit dem aus dem Edelschilde in den Kallus 
hineingehenden in Berührung kommen kann (Fig. 52.) Da dieser 




Fig. 52. Okulatiou Dach erfolgter Verwachsung. 
iScheniatischor Querschnitt oberhalb des Auges.) 



Prozeß jedoch einige Zeit in Anspruch nimmt, besonders wenn die 
neue Holzschicht an den Rindenflügeln schnell an Dicke zunimmt, 
so reicht der Zeitraum von der Ausführung der Veredelung bis zum 
Schlüsse der Wachstumstätigkeit im gleichen Jahre vielfach nicht 
aus, um die Kambialverbindung an den Seiten und am unteren 
Ende der Veredelung herzustellen. Der weitere Fortgang der Ver- 
wachsung bleibt dann dem nächsten Frühjahr Vorbehalten, was ja 
aber, wie bemerkt, nicht weiter bedenklich ist. Am oberen Ende 
der Veredelung, wo das Schildchen dicht an die quer durchschnittene 
Rinde der Unterlage herangeschoben ist, ermöglicht dicso Sachlage 
eine schnellere Verwachsung der Kall i und im Zusammenhang da- 
mit auch eine leichtere und unmittelbarere Vereinigung der Kambien 
von Edelschild und Unterlage. — Abweichungen von dem normalen 
Verwachsnngsverlauf können bei dieser Veredelungsart resultieren 
aus verschiedenen Mängeln der Ausführung: zu schmales Schildchen 
— dann weisen besonders die seitlichen Verwachsungsregionon große 
Unterbrechungen durch abgestorbene und verkorkte Partien auf: 
das Schildchen schließt oben nicht eng an die Rinde der Unterlage 
an — dann verzögert sich die Verwachsung auch hier, wo sie sonst 

14 * 



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212 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

ziemlich bald zu konstatieren ist; die Flächen, von denen die Kallus- 
bildung ausgehen soll, werden unvorsichtig berührt oder anderweitig 
geschädigt — dann muß die Produktion der Verwachsungsgewebe 
sehr unregelmäßig und lückenhaft ausfallen; der Verband wird 
zu locker angelegt — dann trocknen größere Zellkomplexe an den 
Wundflächen aus als sonst, das Schildchen kann sich verschieben 
oder bei der Kallusbildung herausgedrängt werden usw. Auf alle 
diese Erscheinungen, die der Verwachsungsstelle an den einzelnen 
Veredelungen ein sehr wechselndes Aussehen geben, kann an dieser 
Stelle nicht näher eingogangen werden; es genügt hervorzuheben, 
daß auch bei der Okulation ebenso wie bei der Kopulation und den 
anderen Veredelungsmethoden in der Art und Weise, wie sie in 
der Praxis zur Anwendung kommen, der Normal verlauf bei der 
Verwachsung nur in der Minderzahl der Fälle verwirklicht wird. 
Zwischen rasch und vollkommen anwachsenden Veredelungen und 
solchen mit völlig negativem Resultat findet man, wenn man eine 
größere Anzahl derselben untersucht, stets die mannigfachsten 
Zwischenformon, was den zeitlichen Verlauf der Verwachsung, wie 
auch den Modus derselben an den einzelnen Stellen einer Ver- 
edelung betrifft. 

Da alle Veredolungsmethoden hinsichtlich der Schnelligkeit, und 
Festigkeit, mit der sich bei ihnen die Verwachsung von Unterlage 
und Reis erreichen läßt, neben Vorzügen auch den einen oder an- 
deren Mangel aufweisen, wie wir gesehen haben, so kann man eine 
Reihenfolge der Methoden nach ihrer Zweckmäßigkeit auf Grund 
der festgestollten anatomischen Tatsachen nicht konstituieren. Wenn 
wir von denjenigen Veredelungsarten, die sich leicht von vornherein 
als ungeeignet erkennen lassen, absehen und uns auf die erprobten, 
zu denen die hier behandelten gehören, beschränken, so werden die 
einander widersprechenden Urteile, die auch noch bezüglich der 
mit diesen Methoden erzielten Erfolge von verschiedenen Seiten ab- 
gegeben werden, wohl in vielen Fällen weniger in der Methode als 
solcher ihre Erklärung linden als vielmehr in der mehr oder minder 
großen Sorgfalt bei der Vorbereitung und Ausführung der Ope- 
ration selbst. Damit muß ja allerdings stets gerechnet werden, daß 
in der Praxis — wie eingangs bereits hervorgehoben — nie alle 
für einen günstigen Verwachsungsverlauf maßgebenden Bedingungen 
vollauf erfüllt werden können, sondern stets ein Kompromiß zwischen 
dem Wünschenswerten und dem Erreichbaren, das durch die Forde- 
rungen der Praxis eingeschränkt wird, geschlossen werden muß. M 
Deswegen sollte der Veredeler aber um so mehr sein Augenmerk 
auf die Innehaltung derjenigen Bedingungen richten, deren Er- 
füllung auf keine Schwierigkeiten stößt; es sei nur auf solche 



') Dip Praxis muß z. B. danach trachten, im größeren Betriebe wenigstens, 
nur selche Methoden zu verwenden, die möglichst schnell und leicht ausführbar 
sind und auch nachher wenig Pflege beanspruchen, und wird daher diesem Ge- 
sichtspunkt große Bedeutung bei der Wahl der Veredelungsart beilegen, bei der 
ferner auch die Beschaffenheit (Starke usw.) der gegebenen Unterlage berück- 
sichtigt werdeu muß. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 213 

Punkte wie die Wahl des richtigen Tennines zur Veredelung, ge- 
wissenhafte Ausführung der Veredelung selbst und ähnliche hin- 
gewiesen. Vor allem aber möge in dieser Beziehung zum Schlüsse 
nochmals betont werden, was auch durch die vorliegenden Unter- 
suchungen wieder bestätigt wurde, daß von allergrößtem Werte für 
das gute Anwachsen die kritischo Auswahl des Voredelungsmaterials 
ist, durch welche sich Mängel der Methode oder der Ausführung bis 
zu einem gewissen Grade am ehesten wieder ausgleichen lassen. 

4. Zur Anatomie der Wnndschutzgewebe : Verkorkung an 
Holzwunden. 

Bearbeitet von F. Herse. 

W. Voss hatte gelegentlich der Untersuchung von Rehveredelungen 
an den Querwundon, mit denen die zur Veredelung verwendeten 
Achsenstücke aneinander gefügt werden, eigentümliche Verkorkungs- 
erscheinungen beobachtet (vgl. Ber. d. D. Botan. Gesellsch., Bd. 22 
(1904), Seite 560—563, sowio Ber. d. Geisenheimer Lehranstalt 1904, 
Seite 53). Im alten, vorder Veredelung gebildeten Holze werden in 
den Markstrahlzelleu in wechselnder Entfernung von der Schnitt- 
fläche Suberinlamellen aufgelagert und zwar derart, daß eine fast 
lückenloso Schicht dieser verkorkten Zellen die an die Wundflüche 
angrenzenden, abgestorbenen Zellen von den lebenden trennt. Gleich- 
zeitig werden auch in den vom Schnitt getroffenen und in den auf 
diese folgenden gefächerten Holzfasern von mindestens einer, häufig 
jedoch auch von mehreren Zellen gleiche Korklamellen aufgelagert. 
Die Zone, in welcher diese Verkorkungserscheinungen auftreten, hat 
in den einzelnen Fällen eine verschiedene Breite. 

Diese Angaben Voss’, die sich nur auf die zum Zwecke der 
Kopulation beigebrachten und so in gewissem Grade vor dem Aus- 
trocknen geschützten Wunden bezogen, können nunmehr dahin er- 
weitert werden, daß ganz allgemein, auch au ungeschützten Quer- 
wunden von Vitis-Achsen die lebenden Zellen des Holzes durch eine 
derartige Korkschicht nach der Schnittfläche hin abgegrenzt werden. 
Es war dies ja von vornherein als wahrscheinlich anzunehmen, da 
an Wunden, die aßen Einwirkungen der Atmosphärilien ausgesetzt 
sind, die Bedingungen, welche in jenem Falle die Ausbildung der 
Korkzone veranlaßten, nach allem, was wir über die Ätiologie der 
Kerkbildung wissen, jedenfalls in noch höherem Grade gegeben sein 
müssen. 

Es lag nun nahe, zu prüfen, ob die Art des Wundschutzes ver- 
holzter Gewebe auf die Vitis-Arten, bei denen sie bisher aufgefun- 
den worden war, beschränkt sei, oder ob sie, wie zu vermuten, 
auch bei anderen Holzgewächsen in gleichen Fällen Verwendung 
finde. Daher wurde diesem Punkte auch bei der Untersuchung von 
Apfelveredelungen, an denen der Verlauf der Verwachsung verfolgt 
werden sollte, Beachtung geschenkt. Bei diesen Veredelungen (es 
handelte sich um Verbindung verschiedener Apfelvarietäten durch 
Kopulation) wurde eine derartige Erscheinung, wie sie hier in Frage 



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214 HI- Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



kommt, in den meisten Fällen, wo die Schnittflächen dicht auf ein- 
ander gefügt worden waren, nicht beobachtet. An einigen wenigen 
Veredelungen jedoch, bei denen der Spalt zwischen den Schnittflächen 
ziemlich hroit war (jedenfalls war der Bastverband hier von vorn- 
herein nicht fest genug, oder er hatte sich nachträglich gelockert, 
ehe Verwachsung eingetreten war), wurden im Holze den an Reben- 
veredelungen gefundenen analoge Verkorkungserscheinungen wahr- 
genommen. ln einer nahe an der Schnittfläche dieser parallel lau- 
fenden Zone hatten alle ursprünglich lebenden Zellen, also Mark- 
strahl- und Holzparenehymzellen, ihrer Innenwand eine verkorkte 
Lamelle aufgelagert, und diese Korkzone setzte sich auch durch das 
Mark 1 ) hindurch fort. Während aber an diesen, durch die An- 
einanderfügung der Veredelungsflächen, das Umbinden der Ver- 
edelungsstelle mit Bast und die Verschmierung derselben mit 
Baurawachs gegen übermäßige Transpiration, Infektionsgefahr usw. 
geschützten Wunden Verkorkung nur in Ausnahmefällen zu 
konstatieren war, ergab die Prüfung der Frage an solchen 

Achsen-Querwunden, denen keiner- 
lei künstlicher Wundschutz zuteil 
geworden war, daß in derartigen 
Fällen die Ausbildung einer ver- 
korkten Zone durch Holz und Mark 
hindurch nie unterbleibt An den 
Wundkork anschließend, der die 
Rinde quer durchzieht, werden die 
Markstrahlzellen, sowie die des 
Holzparenchyms mit einer feinen 
Korklamelle ausgekleidet Nicht 
immer erstreckt sich diese Ver- 
korkung auf alle Zellen eines Mark- 
strahls oder alle aus der gleichen 
Kambiurafascr hervorgegangenen Holzparenchymzellen, jedoch ist 
stets der Zusammenhang der verkorkten Zellen in der Querrichtung 
so gewahrt, daß die lebenden Zellen durcb die Korkzone von den 
von der Schnittfläche her abgestorbenen streng geschieden sind. 
Auch in der Markkrone und im Mark selbst findet diese Kork- 
grenze ihre Fortsetzung, so daß über die ganze Querfläche des 
Zweiges hinweg alle lebenden Elemente durch Kork gegen die in- 
folge der Verwundung zugrunde gegangenen Gowebetoile ab- 
geschlossen werden und diese Korkscheido nur durch die Bastfaser- 
gruppen, sowie die durch Wundgummi verstopften Gefäße und 
Traclieiden unterbrochen wird (Fig. 53.) 

Im Mark kann die Ausbildung der Korkwände in solchen Fällen, 
wo die Verwundung zu einer Zeit erfolgt, in der die Markzellen 
noch nicht ihre definitive Ausbildung erlangt haben, noch eine 

') Das Mark bestellt bei den verschiedenen Varietäten von I’irus Malus in 
nusgcbildeten Achsen entweder durchweg aus lebenden, dickwandigen, verholzten 
Zellen, oder es finden sich neben solchen größere, früh abgestorbene Zellen mit 
dünuorou Wiinden. 




Fig. 53. Korkscheide an einer Quer- 
wunde (Pirna Malus I.). 
Schematischer Längsschnitt. 



Dgte 




Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 215 



Modifikation erleiden. Es bleibt dann gewöhnlich nicht bei einer 
einfachen Auflagerung einer Suberinlamelle, sondern in der Ver- 
korkungszone fächern sich zunächst alle oder ein Teil der Zellen 
durch eine oder mehrere, im allgemeinen der Wundfläche parallel 
gerichtete Zwischenwände (von einem Wachstum der ursprünglichen 
Zelle sind diese Vorgänge nicht begleitet). Erst diese Kammern 
werden nun von einer Korklamelle uusgekleidet, und zwar stets die 
der Wunde am nächsten liegenden, die anderen vielfach nicht. Die 
einzelnen Markzellen dioser Region können also ein verschiedenes 
Aussehen zeigen: neben ungofächerten , mit einer Suberinlamelle 
versehenen, findet man solche, die entweder ausschließlich ver- 
korkte oder zum Teil unverkorkte Kammern aufweisen. 




Fig. 54. Kambialkork an 
einer Quenvundo (Piro* 
Malus L.) 




Fig. 55. Korkscheide an einem geringelten 
Zweige (Pirus Malus L.j 
Schematischer Längsschnitt 



Einer ähnlichen Erscheinung begegnet man auch im eigent- 
lichen Holze, und zwar dann, wenn bei Beibringung der Verwun- 
dung die zuletzt entstandenen Elemente des Holzkörpers noch nicht 
fertig ausgebildet sind. Man kann dann beobachten, daß in diesen 
Elementen, und zwar sowohl im Holzparenchym, wie auch in An- 
lagen von Gefällen und Tracheiden , Fächerung durch horizontale 
Zwischenwände eintritt und die Kammern sämtlich oder zum Teil 
verkorken. Die Kambiumzellon selbst reagieren stets durch solche 
Querteilung und Verkorkung, so daß in dieser Region Holz und Rinde 
durch eino Schicht von Korkzellen in typischer Anordnung ge- 
schieden sind (Fig. 54). Da in der Regel die Absterbungs- 
erscheinungen in der Rinde nicht so tiof hinuntergehen wie im 



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216 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Holze, so läuft in solchen Fällen der „Kambialkork 1 * eine kürzere 
oder längere Strecke weit am Holze entlang, um dann erst in die 
horizontale Wundkorkschicht in der Kinde überzugehen. 

Wie bei Verwundungen in der Querrichtung, so begegnet 
man auch an allen anderen Wunden, durch die das Holz bloßgelegt 
wird, bei Apfel- und Birnzweigen, dieser Erscheinung, daß nicht 
nur die Kinde an der verletzten Stelle von einem Korkmantel be- 
deckt wird, sondern daß dieser sich auch durch das Holz hindurch 
fortsetzt, der Wunde also in ihrer ganzen Ausdehnung folgt. Sehr 
schön sieht man das z. B. bei Ringelungen, wo unter der Holzblöße 
eine zylinderförmige Isolierzone von verkorkten Zellen bis an die 
obere und untere Grenze der Wunde horanreicht (Fig. 55). 

Um einen gewissen Anhalt dafür zu gewinnen, ob es sich bei 
dieser Verkorkung im Holze nicht vielleicht um eine Erscheinung 
handelt, die an — unter natürlichen Bedingungen verbleibenden — 
Wunden von ebenso allgemeiner Verbreitung ist. wie man es für 
die Wundgummibildung festgestellt hat, wurden noch einige Wun- 
den an anderen Holzarten zur vor- 
läufigen Untersuchung herangezogen. 
Die Durchsicht des Materials lehrte 
wenigstens soviel, daß jene Annahme 
in so allgemeiner Fassung nicht zu- 
trifft: das Verhalten der lebenden 
Zellen des Holzes inbezug auf die 
Ausbildung verkorkter Lamellen war 
bei den einzelnen Arten ein ver- 
schiedenes. Eine ziomlich breite Zone 
Fig. 56. Korkscheide an einer von verkorkten Zellen im Holze 
Querwunde (Tilia parvifuliaEhrh ). zeigten Querwunden von Quercus 
Querschnitt. pedunculata Ehrh., Juglans regia L., 

Acer pseudoplatanus L. Bei Tilia 
parvifolia Ehrh. war sie in zwei Fällen nicht nachzuweisen, während 
sie in einem anderen Falle deutlich ausgeprägt war. In der Fig. 56, 
die ein mit Eau de Javelle behandeltes und mittels Sudan III ge- 
färbtes Präparat wiedergibt, heben sich die Korklamellen in den 
Markstrahl- und Holzparenchymzellen durch ihre dunklere Färbung 
heraus. Gleichzeitig zeigt die Figur den das Holz nach der Rinde 
zu begrenzenden „Kambialkork“, dem eine ähnliche Korkzone auch 
auf der Seite des Markes entspricht. An Querwunden von Prunus 
avium L. und Corylus Avellana L. waren es nur ganz vereinzelte 
Zellen an der Grenze zwischen dem absterbenden und dem lebend 
bleibenden Holze, die durch Wandverkorkung reagierten, besonders 
die an den Kambialkork anschließenden Markstrahlzellen: bei 

Viburnum Opulus L. war wiederum nur die Markkrone durch ver- 
korkte Zellen ausgezeichnet, während z. B. bei Platanus orientalis L. 
sowohl im eigentlichen Holze wie in der Markkrone nur einzelne 
Zellen durch ihre verkorkten Wände auffielen, dagegen durch das 
ganze Mark eine breite Schicht mit Suberinlamellen ausgekleideter 
Zellen sich hindurchzog. 




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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 217 

Obwohl es sich bei diesen zuletzt angeführten Beispielen nur 
um beiläufige, auf Einzelfälle bezügliche Beobachtungen handelt, wie 
nochmals betont sei, geht doch jedenfalls schon soviel daraus hervor, 
daß die Verkorkung lebender Zellen des Holzes an Wunden zwar 
bei den einzelnen Gattungen und Arten nicht in gleichem Maße in 
Erscheinung tritt, jedenfalls aber doch ziemlich weit verbreitet ist 
und bei künftigen Untersuchungen über die natürlichen 'Wnndschutz- 
bild ungen an der Pflanze nicht mehr vernachlässigt werden darf. 
Wenn es danach auffallen könnte, daß diese Erscheinung früher 
völlig tibersehen worden ist, so sei darauf hingewiesen, daß an 
unbehandelten Präparaten die zarten Suberinlamellen sich von der 
übrigen Wand nicht augenfällig abhoben, vielmehr erst nach geeig- 
neter Behandlung — längeres Verweilen in Eau de Javelle und 
Färbung mit Sudanglycerin (Kroeraer, Wurzelhaut. Bibi, bot Heft 59. 
S. 9.) — deutlich zu unterscheiden sind. 



5. Über die Morphologie der Blüten von Pirus dioi'ca Münch. 

Bearbeitet von R. Schulz. 

An neuem Material konnte im Berichtsjahre die Morphologie 
der Blüten von Pirus dioi'ca Mönch. (Jahresbericht 1905, S. 214) 
einer ergänzenden Untersuchung unterzogen werden. Die Blüten 
charakterisieren sich demnach wie folgt: 

Pirus dioi'ca Mönch.: Blutenhülle einfach, nicht in Kelch und 
Krone gegliedert, aus zwei öteiligen, alternierenden Kreisen grüner, 
kelchartiger Blättchen bestehend, der innere Kreis jedoch als Ver- 
größerung eines Kronenblattkreises aufzufassen. Knospendeckung 
des äußeren Kreises quincuncial, rechts- oder linksläufig, zweites 
Glied stets median hinten. Präfloration des inneren Kreises meist 
cochlear in der Stellung, daß das innerste, auf beiden Seiten gedeckte 
Glied dem äußersten, beiderseitig deckenden zunächst steht, so zwar, 
daß der innerste bald rechts, bald links vom äußersten sich befindet, 
ganz gleich ob der äußere Kreis der Hülle rechts- oder linksläufig 
ist. Anschluß des inneren an den äußeren Kreis ungleichmäßig; 
das erste Glied des inneren steht entweder zwischen dem 2. und 4., 
oder dem 1. und 3., oder dem 1. und 4. Gliede der äußeren. In 
einigen Fällen ist die Deckung des 2. Kreises quincuncial und merk- 
würdigerweise umgekehrtläufig wie der äußere Kreis; erstes Glied 
des inneren Kreises dabei zwischen dem 1. und 4. des äußeren. 

Androeceum fehlt. Gynoeceum syncarp, unvollständig unter- 
ständig, lögliedrig, in zwei übereinander gestellten Kreisen. Die 
Glieder des äußeren (oberen) Kreises teilweise oder ganz, selten 
nicht dedoubliert. daher 5 — 10 an der Zahl, paarweise je einem 
Gliede des inneren Blütenhüllkreises superponiert. Innerer (unterer) 
Kreis 5zählig, mit dem Kelchblattkreise korrespondierend, Griffel 
zwischen den Gliedern des äußeren hindurchragend. Jedes Frucht- 
blatt mit 2, bei der Keife sich nicht zu Samen entwickelnden 
Samenanlagen. 



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218 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Zum Vergleich mag auch der Blütenbau des gewöhnlichen 
Apfelbaumes kurz beschrieben werden: Pirus Malus L. Kelch in 
der Knospe offen. Krone cochlear, oft absteigend oder quincuncial, 
sowohl rechts- als linksläufig. Anschluß des Kronenkreises an den 
Kelchkreis bei cochlearer wie quincuncialer Stellung verschieden; das 
erste Blatt bald zwischen dem 2. und 4., bald zwischen dem 1. und 4., 
bald zwischen dem 3. und 5. Blatte des Kelchkreises; bei absteigender 
Deckung zwischen dem 2. und 5. Blatte. Androeceura 20 — 15gliedrig, 
in 3 oder 5 Kreisen; der äußere lOzählig, Glieder paarweise mit 
den Kelchblättern korrespondierend, der zweite özählig, über den 
Krongliedern stehend, der dritte wiederum özählig, über den Kelch- 
blättern oder fehlend. Gynoeceum özählig, synkarp, unterständig, 
die Glieder über den Kelchteilen. Jedes Fruchtblatt mit 2, sich zu 
Samen entwickelnden, centralwinkelständigen Samenanlagen. 

6. Über Stickstoffinangel von Apfelmosten als Ursache 

schleppender Gärung. 

Bearbeitet von K. A. Gren. 

Die unvollkommene Vergärung von Apfelmosten, wie sie bei 
der Herstellung von Apfelweinen im Kleinbetrieb häufig zu be- 
obachten ist, wird gewöhnlich auf einen Mangel an geeigneten 
Gärungserregern zuriiekgeführt, während als gärungshem mendos 
Moment Nährstoffmangel der Moste im allgemeinen nicht angenommen 
wird, sofern die Moste nicht etwa durch das Diffusionsverfahren 
gewonnen wurden oder einen unzulässigen Wasserzusatz erfahren 
haben. So berechtigt dieser Standpunkt an sich erschien, so mußte 
es doch auffallen, daß häufig von der Praxis über mangelhafte 
Durchgärung von unverdünnten Apfelmosten berichtet wurde, obwohl 
diese Moste vor Beginn der Gärung einen Zusatz gärkräftigor Wein- 
hefe erhalten und bei geeigneter Gärtemperatur gelagert hatten. 
Als im Berichtsjahre wieder ein derartiger Fall der Station zur 
Kenntnis kam, erschien es zweckmäßig, die Erscheinung näher zu 
untersuchen. Es handelte sich dabei um Apfellikörweine aus unver- 
dünnten Mosten, die durch Pressen von Marktäpfeln unter Zusatz 
von annähernd 5 # / 0 Speierlingen gewonnen und durch Trocken- 
zuckerung auf einen Zuckergehalt von 24 — 27 Prozent gebracht 
worden waren. Sämtliche Moste hatte man in vorschriftsmäßiger 
Weise mit Reinhefe in Gärung gebracht, indem 3 Liter vorgezüchteter 
Hefe der Rasse Piesport oder Steinberg 1893 auf je 100 1 frisch 
gekelterten Most zugesetzt wurden. Die Temperatur des Mostes war 
nach den Mitteilungen des Gärleiters dauernd auf 18 — 21 0 C. ge- 
halten, die Hefe wiederholt aufgeriihrt und im Verlaufe von zwei 
Monaten durch zweimalige Lüftung in ihrer Gärtätigkeit angeregt 
worden. Trotzdem blieb die Gärung von Anfang an schleppend und 
der Vergärungsgrad nach drei Monaten noch durchaus unzureichend. 
Die Weine hatten um diese Zeit nach Untersuchungen an einge- 
sandten Proben die in folgender Tabelle wiedergegebene, chemische 
Zusammensetzung : 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 21!* 





Io 


1 < * > ccm W 


ein sind enthalten g 


Ursprünglicher 
Zuckergehalt 
der Moste 
vor lleginu der 
Oäruiig 


Lfde. 

No. 


Alkohol 


Besam t- 
Extrakt 


Freie Saure 
(als Weinsäure 
berechnet j 


l'n vergoren er 
Zucker 
(8<:lüUxung 
uach dom 
Extraktgehalt) 


i 


8,56 


12,90 


0,60 


9.90 


27,02 


2 


8,0 t 


12.01 


0.96 


9.01 


25.02 


3 


8.14 


13,42 


1,05 


10,42 


26,7" 


1 


6,21 


15,48 


1,01 


12.48 


21,90 


5 


7,87 


13.89 


U.fil i 


10.89 


26,63 


6 


7,33 


15.97 


1.1:5 


12,97 


27,63 


7 


9,42 


10.71 


0,60 


7,71 


20,55 


8 


2,0 1 


23.51 


1.00 


20.54 


20.40 


9 


5.1*5 


16.52 


0,82 


13,52 


25,42 


to 


4,11 


21.15 


1,35 


18,15 


26.37 


J1 


7.33 


12,17 


1.00 


9,17 


23,83 


12 


8,63 


10.25 


1.05 


7.25 


24.51 


13 


4.71 


17.30 


1,05 


14,30 


23,72 


14 


3,46 


22,93 


1 0,95 


19.93 


26,85 


15 


7,66 


15,1 >3 


1,00 


12,03 


27,35 


iß 


447 


IS. 95 


0,94 


15,95 


24.89 



Der Produzent hatte beabsichtigt, die Weine bei der Gärung 
auf einen Alkoholgehalt von 11 — 12% zu bringen, um einen mög- 
lichst einheitlichen Typ von Weinen zu erhalten und diese von 
vornherein gegen Nachgarungen und Erkrankungen sicher zu stellen. 
Wie die Tabelle zeigt, wurde jedoch dieser Vergiirungsgrad in keinem 
Falle erreicht, sondern der Alkoholgehalt blieb mit einigen Aus- 
nahmen sogar ganz erheblich unter der gewünschten Grenze. 

Es mußte natürlich mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß 
durch Versehen bei der Gürleitung und dadurch hervorgerufene 
Krankheiten das ungünstige Ergebnis der Gärung bewirkt worden 
war. wenn dies auch von vornherein ziemlich unwahrscheinlich 
blieb, da die Gärung zum Teil unter der Kontrolle des Referenten 
(Gren) gestanden hatte. Bei einer chemischen Untersuchung ergab 
sich auch, daß der Gehalt der Weine an flüchtiger Säure in durch- 
aus normalen Grenzen blieb. Dagegen stellte sich bei einer mikro- 
skopischen Untersuchung des mileingeschickten Trubs heraus, daß 
neben glykogenreicher, gesunder Hefe in nicht unbeträchtlichen 
Mengen noch Apiculatusbefen vorhanden waren. Die zugesetzte 
Hefe hatte also bei ihrer langsamen Vermehrung die Entwicklung 
der Apiculatusbefen nicht zu unterdrücken vermocht. 

Da bei der Kelterung ein Teil der Moste sterilisiert und der 
Station später für ihre Ermittlungen zur Verfügung gestellt worden 
war. ließ sich das in der Praxis erzielte Ergebnis der Vergärung 
auch im Laboratorium durch exakte Gärversuche nachprüfen und 
dabei gleichzeitig feststellen, ob der Most überhaupt für die Ver- 
mehrung der Hefe geeignet war. Es wurden zu diesem Zwecke 
eine größere Anzahl der gärkräftigsten Helen auf ihre Entwicklungs- 
fähigkeit in dem filtrierten und sorgfältig sterilisierten Moste unter- 



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220 UI. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

sucht und dabei gefunden, daß die Vermehrung hei allen Hefen 
außerordentlich laugsam erfolgte und zur Entstehung eines abnorm 
körnigen Hefedepots führte. Einige Rassen, wie zum Beispiel die 
Hefe „Winningen“, bildeten an der Innenwand der Kulturgefäße 
stark an der Wand haftende, runde Kolonien, die durch kräftiges 
Schütteln nicht gleich zerstört werden konnten. In keinem Falle konnte 
dabei aber eine normale Gärung erzielt werden. Ein ähnliches Ergebnis 
hatten Versuche, bei welchen durch Mischen mehrerer Weine zu- 
nächst ein Verschnitt von relativ geringem Alkoholgehalt hergestellt 
worden war, der dann mit geringeren und größeren Mengen von 
Hefe auf seine Vergärbarkeit geprüft wurde. 

Es lag nach diesen Beobachtungen die Annahme nahe, daß Nähr- 
stoffarmut der Apfelmoste die Entwicklung der Hefen erschwert und 
damit den Stillstand der Gärung verursacht hatte. Um diese Annahme 
auf ihre Richtigkeit zu prüfen, wurden mehrere Versuchsreihen auf- 
gestellt, über die hier nur das wesentlichste mitgeteilt werden kann. 

Um zunächst den Einfluß etwa vorhandenen Stickstoffmangels 
am Ausgangsmaterial der Gärung selbst festzustellen, wurde der 
sterile Most in drei Versuchsserien von je 5 Versuchsgefäßen 
1) ohne weiteren Zusatz, 2) nach Zusatz von 0,03% Ammonium- 
phosphat und 3) nach Zusatz von 0,03% Chlorammonium mit Rein- 
hefen von 5 verschiedenen Rassen geimpft. Bei der ersten Reihe 
stellte sich nur spärliche Vermehrung und ganz zögernde Gärung, 
dagegen in allen Versuchen der Serie 2 und 3 sehr bald normale 
Hefevermehrung und flotte Gärung ein. 

Ein ganz ähnliches Ergebnis hatten Versuche, bei welchen ein 
Verschnitt der Weine vor und nach dem Entfernen des Alkohols 
mit Hefen versetzt wurde. Immer löste der Zusatz von Ammonium- 
verbindungen Hefevermehrung und normale Gärung aus. In einem 
Verschnittwein von 5 Gewichtsprozenten Alkohol wurden dabei 
5 — 6 g Alkohol auf je 100 ccm Wein neugebildet, find fast derselbe 
Erfolg trat ein. als der Verschnittwein nur einen Stickstoffzusatz, 
jedoch keine Hefoimpfung erhielt. Es fanden dann die eigenen 
Hefen des Weines die Möglichkeit sich zu vermehren und dio Ver- 
gärung weiterzuführen. 

Der Stickstoffzusatz hatte also in allen Versuchen die Gärungs- 
hemmung aufgehoben, wobei ein wesentlicher Unterschied zwischen 
den beiden, zur Anwendung gekommenen Salzen nicht zu bemerken 
war. In einigen Fällen hatte sicher Chlorammonium die günstigere 
Wirkung ausgeübt. Die Ursache der abnormen Gärung des Mostes 
war demnach offenbar der Mangel an geeigneten Stickstoffverbin- 
dungen, wie sie zur Ernährung der Hefe notwendig sind. 

Daß ein derartiger Stickstoffmangel auch bei Apfelmosten vor- 
kommt, ist an und für sich nicht so befremdlich, da der Gehalt der 
Obstarten an verwertbaren Stickstoffverbindungen von den Sorten- 
eigentümlichkeiten, den Ernährungsverhaltnissen des Baumes und 
dem Reifestadium der Früchte in hohem Maße abhängig und daher 
unter bestimmten Verhältnissen wohl auch in abnormer Weise ver- 
mindert sein dürfte. 



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Bericht über die Tätigkeit der pflanzen physiologischen Versuchsstation. 221 

B. Sonstige Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation. 

1. Verkehr mit der Praxis. 

Der Verkehr der Station mit der Praxis hat im Berichtsjahre 
zugenommen. Außer der Beantwortung von Anfragen lag der 
Station häufig die biologische Kontrolle von Obst- und Gemüse- 
konserven und die mikroskopische Untersuchung von Weinen ob. 

2. Kurse in der Versuchsstation. 

a) Um Personen, die bereits mit der nötigen Vorbildung ver- 
sehen sind, Gelegenheit zu geben, sich über in das Gebiet des 
Wein-, Obst- und Gartenbaues einschlagende wissenschaftliche Fragen 
zu informieren, bezw. weiter auszubilden, oder aber selbständige, 
wissenschaftliche Untersuchungen auszuführen, sind in der Versuchs- 
station sog. Laborantenkurse eingerichtet. Im Laufe des verflossenen 
Etatsjahres arbeiteten als Laboranten die Herren: Alexius Sew- 
rikow aus Wladikawkas in Rußland; Hermann Reichard aus 
Frankfurt a. M.; Fritz Herse aus Großlichterfelde; Karl Gren 
aus Helsingfors; Dr. G6za Austerweil aus Arad in Ungarn; 
Andreas Krupa aus Krakau in Galizien; N. Prostosserdow aus 
Kaukasien in Rußland; Wilhelm Weißer aus Geisenheim; Otto 
Schmidt aus Bannholz in Baden. 

b) An dem Unterrichtskursus über ,,Gürungserscheinungen, An- 
wendung von reingezüchteten Hefen für die verschiedenen Zwecke 
der Weinbereitung, sowie über Weinkrankheiten“, der vom 5. bis 
17. November abgebalten wurde, beteiligten sich 46 Herren und 
zwar aus Preußen 25, aus Baden 4, aus Hessen 3, aus Bayern 2, 
aus Elsaß 2, aus Bremen 1, aus Sachsen 1, aus Siebenbürgen 1, 
aus Frankreich 1. aus Rußland 1, aus Kapland 5. 

3. Vorträge. 

Von dem Berichterstatter wurden folgende Vorträge gehalten: 

1. „Über das W urzelleben unserer Kulturpflanzen.“ 
In der Gartenbaugesellschaft zu Frankfurt a. M., am 5. Oktober 1906. 

2. „Über Pflanzen und Ameisen.“ In der Gartenbaugesell- 
schaft zu Mainz, am 15. Oktober 1906. 

3. „Über reintönige Gärung und Säuregang dos Weines.“ 
In der Sitzung des Vereins der Weinhändler an der Nahe in 
Kreuznach, am 5. Dezember 1906. 

4. Neuanschaffungen. 

Von wertvolleren Neuanschaffungen sind zu nennen: 

1 Therraoregulator nach Meyer; 1 Dampfentwickler nach 
Kul isch; 

1 Alkohol-Bestimmungsapparat für 5 Bestimmungen; 1 Körting- 
luftpumpe. 

Für die Handbibliothek wurden angekauft: 

Jahrbuch für wissenschaftliche Botanik, Bd. 1906; 



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111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



222 

Flora, Bd. 1906. 

Naturwissenschaftliche Zeitschrift für Land- und Forstwirtschaft, 
Bd. 1906; 

So rauer: Handbuch der Pflanzenkrankheiten, Lieferung 5 — 10; 

Harz: Sarneukunde; 

Lotsy: Vorlesungen über Descendenztheorien; 

Ascherson: Synopsis der mitteleuropäischen Flora, Fortsetzung; 

Just’s Botanischer Jahresbericht XXIX; 

Hertwig: Allgemeine Biologie; 

Linsbauer: Vorschule der Pflanzenphysiologie; 

Lafar: Handbuch der technischen Mykologie; 

De Vries-Klebahn: Arten und Varietäten. 

5. Publikationen. 

Im Berichtsjahre wurde veröffentlicht: 

1. K. Kroemer: „Das Wurzelleben unserer Kulturpflanzen.’ 1 
Jahresbericht des Gartenbau-Vereins zu Frankfurt a. M. 1906. 

2. K. Kroemer: „Die Herstellung der Rotweine nach dem 
neuen Gärverfahren von Fuchs-Dattenberg.“ Mitteilungen über 
Weinbau und Kellerwirtschaft. 1907, Heft 2. Seite 35, 

3. K. Kroemer: „Über reintönige Garung und Säuregang des 
Weines.“ Rheinische Weinzeitung. 1907, No. 14. 

4. C. Altmannsberger: „Dio künstlichen Dünger und ihre 
Anwendung in der Praxis.“ Mitteilungen über Weinbau und Keller- 
wirtschaft. 1906, Heft 5. 

5. F. Herso: „Ein eigentümlicher , kernloser Apfel 1 .“ Natur- 
wissenschaftliche Wochenschrift. 1907, Seite 72. 

6. F. Herse: „Über den Bau des Fruchtholzes der Kernobst- 
bäume.“ Doutsche Obstbauzeitung. 1907, Seite 8. 

7. F. Herse: „Die Wundheilung bei unseren Obstbäumen.“ 
Geisenh. Mitteilungen für Obst- und Gartenbau. 1906, Heft 8, S. 113. 

8. F. Herse: „Die Anfänge der Obstkultur in Deutschland.“ 
Geisenheimer Mitteilungen für Obst- und Gartenbau. 1906, Heft 12, 
Seite 177. 

9. F. Herse: „Über den Verwachsungsprozeß bei der Ver- 
edelung der Obstbäume.“ Geisenheimer Mitteilungen für Obst- und 
Gartenbau. 1907, Heft 2, Seite 24. 

6. PersonalverUnderuiigen. 

Am 1. November 1906 trat der seitherige Assistent Dr. Karl 
Altm annsbergor aus der Station aus. Sein Nachfolger wurde 
am 1. Januar 1907 Dr. Reinhold Kirchner, Assistent an der 
agrikulturbotanischen Versuchsstation und Samenkontrollstation der 
Lundwirtschaftskammer für die Provinz Schlesien in Breslau. Am 
7. Mai trat der Volontärassistent, Herr Gottfried Lieb au aus 
der Station aus; am 1. Mai trat Herr Fritz Herso als Volontär- 
assistent, am 1. Oktober Herr K. Au g. Gren in gleicher Eigenschaft 
in die Station ein. 



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Bericht über die Tätigkeit der imochemisehen Versuchsstation. 223 



Bericht 

über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 

Erstattet von Dr. C. von der Heide, Vorstand der Versuchsstation. 

1. Untersuchung von reinen Xaturwolnen des Jahres 1905 
ans den preußischen Weinbaugebieten. 

Über die Witterungsverhältnisse dieses Emtejahres wurde das 
Nötige im vorigen Berichte anläßlich der Besprechung der Most- 
untersuchungsergebnisse gesagt; es sei hiermit darauf verwiesen. 

Die Güte der 1905er Weine reicht nicht an die des vorher- 
gehenden Jahres heran, doch sind es im Durchschnitt Weine, die 
mit dem Prädikat ,.gut“ zu bezeichnen sind. Es ist dies auf die 
nicht besonders günstigen Witterungsverhältnisse des Herbstes zurück- 
zuführen. Die Weine wurden als Jungweine, also nach dem ersten 
Abstich, der Analyse unterzogen. 

Die gesamten Analysenresultate werden in den „Arbeiten aus 
dem Kaiserlichen Gesundheitsamte- Berlin“ veröffentlicht werden. 
Hier möge nur eine kurze Übersicht über sämtliche eingesandten 
Weine, sowie eine Zusammenstellung der in den einzelnen Wein- 
baugebieten festgestellten Weinbestandteile Platz findeu. 

Im ganzen wurden 100 naturreine Weine des Jahres 1905 
untersucht; davon entfallen auf den Rheingau 36, darunter 1 Rot- 
wein aus Geisenheim, auf das Rheiutal unterhalb des Rheingaues 
12 Weine, darunter 2 Rotweine aus Gielsdorf, auf das Weinbaugebiet 
der Mosel 32 AVeine, auf das Weinbnugebiet der Nahe 4 Weine, 
auf das Weingebiet der Saar 10 Weine, auf das Weinbaugebiet der 
Ahr 4 Weine, die sämtlich Rotweine sind, und auf sonstige Wein- 
baugebiete 2 Weine. 

In den einzelneu Weinbaugebieten wurden nachstehende Mengen 
an den einzelnen Weinbestandteilen festgestellt. 



g in 100 ccm 


Rhein- 

gau 


Rheintal 
unterhalb 
des Rhein - 
gaues und 
Nahe 


Mosel 

und 

8aar 


Sonstige 

Wein- 

bau- 

gebiete 


Rot- 

weine 


Im 

ganzen 


Alkohol 

bis 5,99 




1 


1 




2 


4 


von 6.00 — 6,99 


2 


2 


7 


1 


i 


13 


.. 7,00-7,99 


3 


6 


19 


1 


2 


31 


„ 8.00—8,99 


13 


4 


12 


— 


i 


30 


„ 9,00-9.99 


14 


1 


3 




i 


19 


10.00 und mehr 


3 


“ 


— 




— 


3 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 



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224 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



g in 100 ccm 


Rhein tal 
du • unterhalb 

Bheln - des Rhein- 
^ au gaues und 
Nahe 


Mosel 

und 

Saar 


Sonstige 

Woin- 

bau- 

gebiete 


Rot- 

weine 


Im 

ganzen 


Gesamt-saure 

bis 0.49 










3 


3 


von 0,50 — 0,59 


6 


4 


— 


1 


2 


13 


.. 0,00-0.69 


10 


4 


— 


1 


2 


17 


.. 0.70—0.79 


14 


2 


7 


— 


— 


23 


„ 0,80—0,89 


3 


3 


5 


— 


— 


11 


., 0,90-0,99 


2 


1 


ii 


— 


— 


14 


.. 1.00-1,09 


— 


— 


14 


— 


— 


14 


,. 1,10—1.19 


— 


— 


5 


— 


— 


5 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 


Milch säure 

bis 0,09 . 


12 


3 


15 




i 


31 


von 0,10—0,19 


18 


3 


19 


— 


— 


40 


„ 0,20-0.29 


4 


5 


2 


— 


2 


13 


„ 0.30—0,39 


1 


2 


2 


2 


4 


11 


„ 0,40-0.49 


— 


1 


3 


— 


— 


4 


0.50 und mehr 


— 


— 


1 


— 


— 


1 


Zusammen 


35 




42 


2 


7 


100 


Flüchtige Säure 














bis 0,02 


— 






■ 


— 


— 


von 0,02—0,04 


13 











33 


., 0.04—0.00 


17 








2 


51 


„ 0,06—0,08 








■ 


4 


14 


0,08 und mehr 










1 


2 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 


Nicht flüchtige Säure 
bis 0,49 


3 


4 




1 


4 


12 


von 0,50-0.09 


18 


0 


5 


1 


3 


33 


., 0,70-0.89 


12 


3 


11 


— 


— 


20 


., 0,90—1.09 


2 


l 


25 




— 


28 


1,10 und mehr 


— 


— 


1 




— 


1 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 


Oesamtweinsteinsäure 
bis 0,099 








__ 






von 0,100-0,199 


9 


4 


5 


— 


5 


23 


„ 0,200-0,299 


21 


9 


12 


2 


2 


40 


., 0,300—0.399 


4 


1 


17 


! — 


— 


22 


„ 0,400—0,499 


1 




8 


- 


— 


9 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 


Freie Weinsäure 
bis 0,099 


24 


9 


1 

14 


2 


i 


56 


von 0,100—0,199 


10 


4 


21 


— 


— 


35 


„ 0,200—0.299 


1 


1 


5 








• 


,. 0.300—0.399 




— 


•) 


i - 


— 


2 


Zusammen 


35 


14 


42 


1 


7 


100 



Digitized by Google 






























Bericht über die Tätigkeit der önocbemischen Versuchsstation. 



225 



g in 100 ccm 


Uhein- ' 
gau 


Rheiutal 
; unterhalb 
des Rhein- 
gaues und 
Nahe 


Mose! 

j Wem- 
W bau- 

gcbiete 


Rot- 

weine 


Im 

ganten 


Weinstein 












bis 0,099 


17 


6 


27 — 


i 


51 


von 0,100—0, 199 


17 


7 


15 2 


3 


41 


„ 0 , 000 - 0.209 


1 


i 





3 


5 


0.300 und mehr 


— 


— 


1 — 


— 


— 


Zusammen 


35 


14 


12 2 


3 


100 , 



An alkalische Erden 
gebundene Weinsteinsäure 

bis 0,049 


0 


3 


1 


| _ 


4 


14 


von 0,050—0.099 


19 


11 


10 


1 


3 


4t 


„ 0,100—0,149 


10 


— 


27 


1 





38 


„ 0,150—0,199 


— 


— 


4 


— 


— 


4 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 



Extrakt nach Abzug der 
0,1 g übersteigenden 
Zuckermenge 

bis 1,59 




1 










vun 1,60—1,74 


— 


— 


1 


— 


— 


— 


1,75—1,99 


2 


9 




— 


— 


4 


2.00-2,24 


2 


3 


5 


2 


2 


14 


.. 2,25—2,49 


3 


3 


lti 


— 


1 


23 


„ 2,50—2,74 


12 


3 


20 


— 


3 


38 


.. 2,75—2,99 


14 


2 




— 


1 


17 


„ 3,00-3,24 


1 


1 


— 


— 


— 


2 


3,25 und mehr 


1 


— 


1 


— 


— 


2 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


1U0 



Extrakt nach Abzug der 
0,1 g übersteigenden 
Zuckermenge und der nicht 
flüchtigen Säure 
bis 1,09 














von 1,10—154 


— 


— 




— 


— 


— 


,. 1,25—1,49 


i 


1 


12 


1 





15 


,. 1,50-1.74 


i 


(j 


28 


1 


i 


37 


.. 1,75-1,99 


ii 


2 


1 


— 


i 


15 


„ 2,00-2,24 


16 


5 


— 


— 


4 


25 


2,25—2,49 


5 


— 


1 


— 


1 


7 


2.50 und mehr 


1 


— 




— 


— 


1 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


ioo 


Goiaonhoimor Bericht 190G. 










15 





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226 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



g in 100 ccm 


Khein- 

gau 


Rheintal 
unterhalb 
des Khein- 
gaues und 
Nahe 


Mosel 

und 

Saar 


Sonstige 
W ein- 
bau- 
gebieto 


Rot- 

weine 


Im 

ganzen 


Extrakt nach Abzug der 
O.l g übersteigenden 
Zuckermenge und der 
Gesamtsiiure 

bis 0.99 










■ 




von 1,00—1,24 


— 


— 


2 


— 




2 


„ 1,25—1,49 


3 


2 


15 


2 




22 


„ 1,50—1,74 


1 


5 


23 


— 




30 


1,75—1,99 


14 


3 


1 


— 




22 


„ 2 00-2,24 


12 


4 


— 


— 


i 


17 


., 2*25—2,49 


4 


— 


1 


— 


i 


6 


„ 2 50-2,74 


— 




— 











„ 2 75 und mehr 


1 




— 


— 


— 


1 


Zusammen 


35 


14 


42 


2 


7 


100 


Mineral bestandteile 
bis 0,129 






1 






1 


von 0.130—0,139 








1 


— 


: 


1 


„ 0.140—0,149 


2 


— 


1 


— 


— 


3 


,. 0,150-0,159 


4 




5 


— 


— 


9 


,. 0,160-0,199 


19 


6 


18 


i 


— 


44 


., 0,200—0,249 


8 


5 


16 


i 


i 


31 


,. 0,250-0,299 


2 


2 




— 


3 


7 


„ 0,300-0,349 


— 


i 


— 


— 


3 


4 



Zusammen | 


35 


14 


42 


2 


1 7 


I 100 


Auf 100 g Alkohol 
kommen g Glycerin 
von 4,0 — 4,9 






1 






1 


5,0— 5.9 


— 


1 


2 


i 


— 


4 


' ., 6,0- 6.9 


— 


— 


10 


i 


o 


13 


., 7.0- 7,9 


2 


4 


14 


— 


3 


23 


., 8,0- 8.9 


5 


5 


7 


— 


— 


17 


., 9,0— 9.9 


10 


2 


6 


— 


— 


18 


., 10,0—10,9 


8 


2 


1 


— 


— 


11 


„ 11,0—11,9 


7 


— 


— 


— 


1 


8 


„ 12,0—12,9 


3 


— 


1 


— 


— 


4 


13.0-13,9 


— 


— 


— 


— 


1 


1 


Zusammen 


35 


1 14 


1 12 


2 


7 


100 



Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, wurden die gesetzlich vor- 
geschriebenen Grenzzahlen nur in einem Falle unterschritten; ein 
Wein von der Mosel (er stammte aus Cues) enthielt nur 0,129 g 
Aschenbestandteile in 100 g. 

Die Tabelle läßt die charakteristischen Unterschiede zwischen 
Rhein- und Moselweinen klar hervortreten. Im Rheingau entspricht 
einem durchschnittlichen Alkoholgehalte von 8— 10 g ein Säuregehalt 
von 0.6 — 0.8 g, während die Mosel bei 6 — 9 g Alkohol einen 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 227 

Säuregehalt von 0.9 — 1,1 g aufweist. Der Milchsäuregehalt läßt eine 
ähnliche charakteristische Differenz kaum erkennen, so daß sowohl 
Rhein- wie Moselweine einen ziemlich gleichen Säurerückgang erlitten 
haben müssen. Der durchgehend geringe Gehalt an flüchtiger Säure 
beweist, daß die Kelierwirtschaft in beiden Weinbaugebieten auf der 
Höhe steht Nur ein Wein aus Freyburg a/Unstrut sowie sämtliche 
Rotweine zeigen einen etwas höheren Gehalt an flüchtiger Säure. 

Die Werte für die Gesamtweinsteinsäure, verglichen mit den 
Werten für die Gesamtsäure, zeigen wiederum, daß es irrationell 
ist, tlie Gesamtsäure als Weinsäure zu berechnen. Es wäre auch 
hier vorzuziehen, an Stelle der Gesamtsäure, berechnet in Grammen 
Weinsäure, eine Säurezahl aufzustellen, die angibt, wieviel Kubik- 
zentimeter Normal-Alkali zur Neutralisation der in 100 ccm Wein 
vorhandenen Säure nötig sind. 

Die Extraktwerte liegen in diesem Jahre im Durchschnitt weit 
über der gesetzlichen Mindestgrenze; dasselbe gilt auch für die 
Mineralbestandteile, besonders für diejenigen der Moselweine. Das 
Alkohol-Glycerin-Verhältnis zeigt bei Rheingau- und Moselweinen 
einen charakteristischen Unterschied insofern, als es bei den Rliein- 
gauer Weinen zwischen 7 und 13 schwankt, während es bei den 
Moselweinen sich zwischen 5 und 10 bewegt. 

Bei den Rotweinen ist der Alkoholgehalt verhältnismäßig niedrig. 
Die Extraktwerte sind, verglichen mit denen der Weißweine, nicht 
besonders hoch. Der Gehalt an Minoralbestandteilen übertrifft jedoch 
den der Weißweine im Durchschnitt bedeutend. 

8. Untersuchung der Moste des Jahres 1906. 

Das Jahr 190Ü war für den Weinbau im allgemeinen nicht 
günstig. Im Rheingau kam die Rebe mit gut ausgereiftem Holze 
in den Winter, während man an der Mosel infolge der verheerenden 
Wirkung der Blattfallkrankheit im Jahre 1905 große Besorgnis 
hegte, die sich zum Glück nicht bewahrheitete. 

Im Frühjahr wurdo vereinzelt über Frostschäden berichtet, die 
Rebe erholte sich jedoch bald wieder. Die Peronospora erschien 
sehr bald. Im Rheingau trat sie anfangs verheerend auf, so daß 
man auf das schlimmste gefaßt war. Infolge der eintretenden 
Trockenheit verschwand sie jedoch allmählich wieder, und der 
Winzer konnte noch auf eine gute Ernte hoffen. Da die Rebe sehr 
langsam durch die Blüte kam, richtete der Heuwurm großen Schaden 
an, der Sauerwurm fand ebenfalls sehr günstige Lebensbedingungen, 
und so kam es, daß im Rheingau fast von einer Mißernte berichtet 
werden muß. Es wurde nur der 7. Teil der vorjährigen Ernte 
erzielt. Während 1905 von 1965 ha im Ertrag stehenden Wein- 
bergen 75035 hl geerntet wurden, betrug im Berichtsjahre die Ernte 
nur 10 791 hl, darunter sind 133.5 hl Rotwein von 25 ha Weinbergs- 
land. Es wurde */ 4 — l /io des vollen Herbstes geerntet. Die Qualität 
der Trauben war gut bis mittel; doch neigen die Jungweine sehr 
zum Rahnwerden. 

15 * 



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228 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



An der Mosel lagen die Verhältnisse günstig. Durch den vor- 
jährigen Schaden belehrt, begannen die Winzer frühzeitig zu spritzen. 
Es wurde so fleißig gespritzt, daß die Weinberge mehr blau als 
grün aussahen; es erscheint mir fraglich, ob eine solche intensive 
Behandlung mit Kupfer dem Weinstock und dem Boden nicht 
allmählich schädlich werden kann. Da der Heu- und Sauerwurm 
keinen großen Schaden anrichtete, so konnte an der Mosel eine gute 
Mittelerntc erzielt werden. 

Von Weingutsbesitzern und Winzern wurden uns in diesem 
Jahre auf unser Ansuchen 142 Mostproben übersandt. In der nach- 
stehenden Tabelle sind die Untersuchungsergebnisse angeführt. 





Rhein- 

gau 


Rheintal 
unterhalb 
des Rhein- 
gaues und 
Nahe 


Mosel 

und 

Saar 


Oder 


Rot- 

weine 


Im 

ganzen 


Öchsle -Grade 














bis 54.9 





1 











i 


von 55,0 — 64,9 


— 


9 


5 


1 


— 


15 


„ 65,0 — 74,9 


13 


2 


31 


2 


3 


51 


,. 75,0 84,9 


13 


14 


23 


| — 


1 


51 


„ 85.0—94,9 


6 


9 


1 


— 


3 


19 


95.0 und mehr 


4 


1 


— 


— 


— 


5 


Zusammen 


36 


36 


60 


3 


■ 


142 


Säure 




I 


1 




■ 




g in 100 ccm 














bis 0,79 


1 








2 




5 


von 0,80-0,99 


4 


23 


11 


1 




40 


„ 1,00—1.19 


10 


11 


23 


— 




44 


„ 1,20—1,39 


7 


— 


19 


— 


2 


28 


„ 1,40—1,59 


3 


2 


6 


— 


2 


13 


„ 1,60—1,79 


9 


— 


1 


— 


— 


10 


1.80 und mehr 


2 




| — 


1 — 


— 


2 


Zusammen 


36 


36 


60 


1 3 


7 


142 



ß. Analytische Befunde von Mosten und Weinen aus Trauben 
der mit ülelarseniat bespritzten Reben. 

(legen den Heu- und Sauerwurm ist bereits eine große Anzahl 
von Bekämpfungsmitteln in Vorschlag gebracht und auch versucht 
worden. Praktische Erfolge hat aber bis heute keines der Verfahren 
gehabt. Neuerdings hat man in Anlehnung an amerikanische und 
französische Forscher in Geisenheim die Bekämpfung dieses Schäd- 
lings mit Blei- und Arsenverbindungen begonnen. Wie gefährlich 
der Wurm den Reben werden kann, geht z. B. daraus hervor, daß 
im Jahre 1906 im Rheingau nur 7000 hl Wein geerntet wurden, 
gegen 70000 hl im Vorjahre, eine Mißernte, die besonders auf die 
verheerende Tätigkeit des Sauerwurms zurückgeführt werden muß. 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 229 

Soll die Ausarbeitung eines solchen Bekämpfungsverfahrens nicht 
in planloses Hin- und Herprobieren ausarten, so muß eine Reihe 
genau präzisierter Fragen gelöst werden. In unserem Falle sind 
folgende Fragen zu beantworten: 

1. Gelingt es überhaupt im Weinberg, durch Bespritzen mit 
arsensaurem Blei den Heu- und Sauerwurm zu vergiften? 

2. Kann an Stelle des arsensauren Bleis nicht eine andere 
Blei- oder Arsen-Verbindung gewählt werden? 

3. Wieviel Blei und Arsen gelangen schließlich in den ver- 
kaufsfertigen Wein? 

4. Geben die gefundenen Mengen zu gesundheitlichen Bedenken 
Anlaß? 

Die erste Frage, ob es gelingt, die Würmer mit arsensaurem 
Blei im Weinberg zu vergiften, ist von J. Dewitz in dankenswerter 
Welse im Jahre 1906 in einem peinlich durchgeführten Versuch 
gelöst worden. Das Jahr 1906 eignete sich vorzüglich für einen 
solchen Versuch, weil in diesem Jahre im Rheingau, wie oben schon 
erwähnt, der Wurm einen ungeheuren Schaden verursachte. Wie 
Dewitz anderen Orts gezeigt hat, 1 ) gelang es ihm tatsächlich, einen 
großen Erfolg zu erzielen, wiewohl er schließlich sagt: „Als aber die 
Trauben größer geworden waren, bemerkte man zur Zeit der 2. Gene- 
ration der Würmer mehr angestochene Beeren, als man nach dem 
durch die Behandlung erzielten Resultate hätte 1 erwarten sollen.“ 
Er führt dies aber darauf zurück, daß von den Gärten der Nachbar- 
schaft die Motten herbeigeflogen seien. Nichtsdestoweniger brachte 
der bespritzte Weinberg sehr gut ausgebildete Trauben und einen 
hohen Ertrag, während fast im ganzen übrigen Rheingau Miß- 
ernten erzielt wurden. Es brachte nämlich der bespritzte Weinberg 
auf 1617 qm 2228 kg Trauben, während eine in der Nähe liegende 
Parzelle bei 1008 qm nur 702 kg Trauben gab. Das sind im be- 
spritzten Garten fast doppelt soviel als im un bespritzten! Die beiden 
Gärten sind infolge der gleichen Bepflanzung mit Gutedel und in- 
folge des gleichen Alters sehr gut miteinander vergleichbar. 

Dewitz hat somit bewiesen, daß bei sorgfältiger Durchführung 
der Bespritzung der Heu- und Sauerwurm tatsächlich vergiftet 
werden kann. Es ist somit zu hoffen, daß man auch in der Praxis 
durch rechtzeitiges und geeignetes Bespritzen der Reben dieses 
Schädlings Herr werden könne, wenn ja auch ein so sorgfältiges 
Vorgehen, wie J. Dewitz es ausftthrte, im Großbetriebe vollständig 
ausgeschlossen ist 

Die zweite Frage, ob das arsensaure Blei nicht durch andere 
Verbindungen ersetzt werden kann, zu beantworten, ist bis jetzt 
noch nicht unternommen worden. Die Ausführung dieser Versuche 
müßte sich in folgender Richtung erstrecken. Zunächst wäre zu 
prüfen, ob nicht das voraussichtlich bedeutend billigere Bleiarsenit 

‘) Versuche über die Wirkung des arsensauren Bleis auf die Raupen der 
Traubenwickler, Mitteilung über Weinbau und Kellerwirtschaft, 1906, 19. 177; 
sowie : L'aetion de l’arsenite de plomb sur les Iarves de l’Eudemis et de la Cochylis, 
Progres agricole et viticoie, 1906, 23. 366. 



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230 III- Bericht über die Tätigkeit der wisseuschaftlichen Institute. 

au Stelle des Bleiarseuiats treten könnte. (Nach Merck-Darmstadt 
kosten beispielsweise 100 kg Arsensäure 136 M, während arsenige 
Säure schon zu dein Preise von 39 M pro 100 kg bezogen werden 
kann.) Aus später zu erörternden Gründen wäre ferner zu prüfen, 
ob es nicht unter Weglassung des Bleis mit Arsen Verbindungen 
allein schon gelingt, die Würmer zu vergiften. Man könnte dann 
sehr leicht die Arsenbespritzung mit einer Kupferbespritzung ver- 
einigen; denn Bleiarsenit oder Bleiarsenat lassen sich zusammen 
mit Kupfervitriol und Kalk wegen Bildung des fast unlöslichen Blei- 
sulfats wohl kaum vorteilhaft in Anwendung bringen. 

Vom chemischen Standpunkt aus ist denn wohl die auch von 
J. Dewitz erwähnte Vorschrift von Fr. Henri (Revue de viticulture 
1903. 19, 665) am empfehlenswertesten. Henri schreibt vor: 

100 g arsenige Säure, 

143 g Soda (wasserhaltig) (oder dafür 53 g Soda (wasserfrei)), 
2 kg Kupfervitriol, 

448 g ungelöschten Kalk. 

Verfährt man genau nach der von Dewitz gegebenen Vor- 
schrift (Mittig, über Weinbau und Kellerwirtschaft, 1906. 18. 28), 
so dürfte es kaum gelingen, die arsenige Säure in Lösung zu bringen. 
Die Vorschrift muß richtig folgendermaßen lauten: 

In 1 1 kochend heißen Wassers trägt man zunächst 143 g 
Kristallsoda oder 53 g wasserfreie Soda ein. (Die Zahlen im Original 
sind durch Druckfehler entstellt) Hat sie sich gelöst so werden 
unter fleißigem Umrühren 100 g arsenige Säure in möglichst fein 
gepulvertem Zustande eingetragen. Sobald vollständige Lösung ein- 
getreten ist, gießt mau die Flüssigkeit in eine Bütte, in der vorher 
2 kg Kupfervitriol in 100 1 Wasser gelöst worden ist Der ab- 
gewogene ungelöschte Kalk wird in einem besonderen Gefäß mit 
einer genügenden Menge Wasser gelöscht und dann langsam und 
unter fleißigem Umrühren in das Kupfer- Arsen-Gemisch eingetragen. 
Besser ist es, den Kalk nicht abzuwägen, sondern solange gelöschten 
Kalk zuzusetzen, bis, wie bei Bereitung der Kupfervitriolkalkbrülle, 
eine schwach alkalische Reaktion eintritt. 

Das zur Auflösung des Arsens benutzte Gefäß darf zu keinen 
anderen Zwecken mehr verwandt werden! 

Sollten sich die Arsen Verbindungen überhaupt in der großen 
Praxis bewähren, so kann nicht oft und dringend genug auf ihre 
Giftigkeit hingewiesen werden. Die weiße Farbe der Arsen- 
verbindungen und die vollständige Geschmacklosigkeit der arsenigeu 
Säure kann zu verhängnisvollen lrrtümern führen. So beschreibt 
schon W. Mestrezat in Feuille vinicole de la Gironde 1906, No. 33, 
unter dem Titel „Vins renfermant de l'arsenic“ einen Fall, bei dem 
sich verschiedene Personen infolge Arsengehaltes eines Weines ver- 
gifteten. Durch Nachforschung wurde festgestellt daß Kellerarbeiter 
den Arsenik für Soda gehalten und damit Weinfässer ausgeschwenkt 
hatten ! 

Falls Fabriken dazu übergehen , Arsenverbindungen für Be- 
spritzungszwecke im großen herzustellen, muß von Seite des Staates 



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Bericht über die Tätigkeit der önoehemischen Versuchsstation. 231 

unbedingt gefordert werden, daß die Arseuverbindungen mit einem 
grünen Farbstoff versetzt werden, vor welcher Farbe in Genuß- 
mitteln der Laie bekanntlich eine merkwürdige Furcht hat. 

Von dem Besitzer des von J. Dewitz bespritzten Weinbergs 
wurden uns in dankenswerter Weise Trauben, Most, Trester, Jung- 
wein und Trub zur Verfügung gestellt 

I. Analyse der Trauben. Zunächst wurden die gesamten 
Trauben der Untersuchung unterworfen. Eine gewogene Menge der 
Trauben wurde in 3prozentige Natronlauge gelegt wodurch das auf- 
gespritzte Arsen als Natriumarseniat das Blei als Natriumpluinbit 
in Lösung gehen mußte. Nachdem die Trauben 48 Stunden in der 
Natronlauge gelegen waren, wurden sie herausgenommen, durch Ein- 
tauchen in destilliertes Wasser abgespült und schließlich mit destil- 
liertem Wasser abgewaschen. Die Waschwässer wurden mitsamt der 
Natronlauge eingedampft und schließlich unter zeitweiligem Zusatz 
von geringen Mengen Salpeter in einer Nickelschale zur Zerstörung 
der organischen Substanzen niedergeschmolzen. Die Schmelze wurde 
in Wasser gelöst und mit Salzsäure zur Entfernung der Salpetersäure 
und zur Abscheidung der vorhandenen Kieselsäure wiederholt zur 
Trockne eingedampft. Schließlich wurde mit verdünnter Salzsäure* 
aufgenommen und filtriert. In das erhitzte Filtrat wurde Schwefel- 
wasserstoff eingeleitot. Die abgeschiedenen Sulfide wurden durch 
einen gewogenen Neubauer- Platintiegel filtriert, mit Alkoholiither 
getrocknet und mit Schwefelkohlenstoff zur Entfernung des aus- 
geschiedenen Schwefels gewaschen. Hierauf wurde der Niederschlag 
nochmals mit Äther nachgewaschen, im Trockonschranke bei 105° 
getrocknet und nach dem Erkalten gewogen. Auf diese Weise 
wurde die Summe des vorhandenen Bleisulfids und Areensulfids 
festgestellt. Zur Trennung der beiden Sulfide wurde der im Neu- 
bauertiegel befindliche Niederschlag gründlich mit Natriumsulfid be- 
handelt, wodurch das Areensulfid als Natriunmrsenat in Lösung ging 
und das Blei als Bleisulfid zurückblieb, das nach entsprechendem 
Auswaschen und Trocknen wieder zur Wägung gebracht wurde. 
Aus der Differenz berechnet sich die Menge des vorhandenen Arsen- 
pentasulfids. Zur Kontrolle wurde das in Lösung befindliche Sulf- 
arseniat mit Salpetersäure oxydiert, zur Trockene verdampft und mit 
Salzsäure aufgenommen. In die salzsaure Lösung wurde nochmals 
Schwefelwasserstoff eingeleitet, der gebildete Niederschlag in einem 
Neubauertiegel gewaschen und getrocknet und schließlich zur Wägung 
gebracht. Nach Beendigung der quantitativen Analyse wurde das 
Arsensulfid zur Identitätsprüfung nochmals mit Salpetersäure oxydiert 
und nach der Gutzeitschen Methode die Anwesenheit von Areen 
einwandsfrei festgestellt. 

In Arbeit genommen wurden 700 g Trauben: 

Es wurden gefunden in 100 g Trauben: 

0,00074 g metallisches Blei, 

0,00026 g metallisches Areen. 

II. Analyse der Beeren und Rappen getrennt. In einer 
weiteren Traubenprobe wurden die Beeren von den Kämmen ge- 



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232 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

trennt und Kämme und Beeren für sich geprüft. Abgewogene 
Mengen der Beeren und Stile wurden wiederum mit Natronlauge 
übergossen und 48 Stunden stehen gelassen, sodann die Lauge Tor- 
sichtig abgehebert und die zurückbleibenden Bestandteile wiederholt 
und sorgfältig mit Wasser gewaschen ; die erhaltenen Filtrate wurden 
wie oben beschrieben eingedampft, niedergeschmolzeti und in be- 
kannter Weise auf Arsen und Blei geprüft. Verarbeitet wurden 
750 g Beeren; 100 g enthielten: 

0,00035 g Blei, 

0,00016 g Arsen. 

Ferner wurden verarbeitet 300 g Rappen; 100 g davon enthielten: 
0,0107 g Blei, 

0,0071 g Arsen. 

III. Analyse der Blätter. Schließlich wurden auch die 
Blätter einer Untersuchung auf die Anwesenheit von Metallen unter- 
zogen. Eine abgewogene Menge Blätter wurde mit Natronlauge 
übergossen und extrahiert; die Flüssigkeit wurde wie oben unter- 
sucht Dabei zeigte sich die merkwürdige Erscheinung, daß auch 
das Kupfer, das durch Bespritzung mit Bordelaiser- Brühe auf die 
Blätter gelangt war. durch die Lauge abgewaschen worden war. Es 
wurden daher die gesammelten Sulfide von Arsen, Kupfer und Blei 
in folgender Weise getrennt. Der gesammelte Niederschlag wurde 
mit Schwefelkohlenstoff vom abgeschiedenen Schwefel befreit und 
gewogen. Durch Behandeln mit farblosem Ammonsulfid wurde das 
Arsen in Lösung gebracht, in der üblichen Weise im Filtrat wieder 
gefällt, filtriert, vom abgeschiedenen Schwefel befreit und schließlich 
gewogen. 

Der in Ammonsulfid unlösliche Rückstand wurde zur Kontrolle 
gewogen, sodann mit Salpetersäure oxydiert, die Salpetersäure durch 
wiederholtes Abrauchen mit Schwefelsäure entfernt und der Rück- 
stand in gewohnter Weise mit wenig Wasser aufgenommen und 
filtriert: das im Neubauertiegel zurückgebliebene Bleisulfat wurde 
dann noch mit wenig Wasser und Alkohol gewaschen , um das 
Kupfer möglichst vollständig zu entfernen. Die gesammelten Filtrate 
wurden eingedampft, mit wenig Schwefelsäure angesäuert und noch- 
mals mit Schwefelwasserstoff gefällt Der entstandene Kupfer-Nieder- 
schlag wurde im Papierfilter abfiltriert, mitsamt dem Filter im 
Porzellantiegel geglüht und gewogen. 

In Arbeit genommen wurden 485 g Blätter in frischem Zu- 
stande. 100 g enthielten: 0,0477 g Blei, 

0,0271 g Kupfer, 

0,0164 g Arsen. 

Stellen wir die bisher erhaltenen Zahlen zusammen, so ergibt 
sich folgendes: 

In 100 g enthalten an Metallen in Milligrammen: 





Trauben 


Beeren 


Rappen 


Blätter 


Blei . . 


. . 0.7 


0,3 


10,6 


48 


Arsen . 


. . 0,3 


0,2 


7,1 


16 


Kupfer . 


. . — 


— 


— 


27 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 233 

Es zeigte sich, und das vermag vielleicht von ausschlaggebender 
Bedeutung zu werden, daß die geringsten Mengen von Blei und 
Arsen sich auf den Beeren selbst befanden, nämlich nur 0,3 und 
0,2 mg. Auf den Rappen wurde etwa die 35 fache Menge Blei und 
Arsen festgestellt! Die Mengen der Metalle, die sich auf den Ge- 
samttrauben befanden, stehen naturgemäß zwischen diesen beiden 
Extremen. Daß auf den Blättern bedeutend mehr Blei und Arsen 
niedergeschlagen wurde, ist selbstverständlich, jedoch von keiner 
weiteren Bedeutung. 

Unser ganzes Streben muß natürlich darauf gerichtet sein, 
einerseits den Wurm mit möglichst geringen Gaben von Bleiarseniat 
zu töten, um andererseits möglichst wenig oder am besten gar kein 
Arsen und Blei in dem Wein wiederzufinden. Zu diesem Ende 
muß zunächst die zweckmäßigste Zusammensetzung der Brühe ge- 
funden werden, d. h. derjenige Prozentgehalt an Bleiarseniat in der 
Bespritzuugsflüssigkeit. der eben noch hinreicht, den größten Teil 
der Würmer zu vergiften. 

Es stehen uns aber glücklicherweise noch andere Wege zu 
Gebote, um die schließlich in den Wein gelangende Menge von 
Blei und Arsen zu vermindern. Der eine Weg ist der, daß man 
die Bespritzung vomimmt zu einem Zeitpunkt, wo das Perigon 
(Mützehen) vom Bliitenboden noch nicht abgeworfen worden ist, so 
daß die Bespritzungsflüssigkeit an den kleinen Fruchtboden über- 
haupt nicht gelangt 

In dieser Beziehung ist der von J. Dewitz ausgeführte Ver- 
such nicht ausschlaggebend, da mir J. Dewitz persönlich mitteilte, 
daß er die Bespritzung nicht frühzeitig genug vorgenommen habe, 
d. h. das Mützehen war zu jenem Zeitpunkt bereits abgeworfen. 
Trotzdem waren die auf den ausgereiften Beeren befindlichen Blei- 
und Arsen-Mengen verhältnismäßig gering, weil sie vom Zeitpunkt 
der Bespritzung bis zur Reife sich vielfach vergrößerten, während 
die Rappen verhältnismäßig viel weniger an Gewicht Zunahmen. Es 
ist somit zu hoffen, daß auch durch diese Maßregel die an dio 
Beeren gelangenden Blei- und Arsen-Mengen sich vermindern lassen. 

Schließlich darf man hoffen, durch geeignete Behandlung der 
geernteten Trauben ebenfalls die in den Most gelangenden Blei- und 
Arsen-Mengen zu vermindern. Als wichtigstes Mittel dürfte sich 
hier wohl das Entrappen der Trauben empfehlen. Wenn wir finden, 
daß an den Rappen etwa 30 — 40mal mehr Blei und Arsen haftet 
als an den Beeren selbst, so kann man an einem Erfolg dieser Maß- 
regel eigentlich nicht zweifeln. Vielleicht gelingt es auf diesem 
Wege, den Entrappmaschinen in der Praxis Eingang zu verschaffen. 

Ferner wäre zu prüfen , ob nicht durch möglichst rasches 
Abkeltern der Maische allein schon der gewünschte Zweck erreicht 
werden könnte. Es ist anzunehmen, daß je kürzere Zeit die saure 
Maischflüssigkeit mit den Trestern in Berührung bleibt, um so 
weniger Blei und Arsen von den Säuren des Mostes gelöst wird. 
In dieser Beziehung liegen für die Mosel die Verhältnisse günstiger 
als für den Rheingau. Denn während an der Mosel die Trauben 



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234 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



meist erst im Kelterraum gemahlen und dann sofort gepreßt werden, 
mahlt man im Kheingau die Trauben gewöhnlich schon auf dem 
Felde, läßt die Maische 12 Stunden und länger stehen und preßt 
erst dann. Dieses lange Stehenlassen begünstigt aber naturgemäß 
die Auflösung des Bleis und Arsens. 

Besonders ungünstig liegen die Verhältnisse für den Rotwein- 
bau. Da man dort gezwungen ist, die Maische mindestens 14 Tage 
auf den Trestern vergären zu lassen, um den roten Farbstoff und 
den Gerbstoff zu extrahieren, so wird man hier zunächst wohl ver- 
zichten müssen, gegen den Heuwurm mit Bespritzungen vorzugehen. 

Schließlich könnte man auch daran denken, durch ein passend 
ausgewähltes Verfahren zu bewirken, daß das Blei und Arsen an 
den Trauben in eine unlösliche Form übergeführt wird, so daß sie 
von den Säuren des Mostes nicht mehr gelöst werden können. Ich 
verspreche mir jedoch zunächst von den ersten Wegen mehr, ob- 
wohl beim Versagen dieser Mittel aucli dieser Vorschlag geprüft 
werden könnte. Sehr angenehm wäre es z. B., wenn man durch 
Bestäuben mit Schwefel eine Verbindung des Bleis, bezw. Arsens 
mit Schwefel herbeiführen könnte, so daß dadurch auch die Wein- 
bergsarbeiten nicht vermehrt werden müßten. 

IV. Analyse des Mostes. Der von dem Besitzer des Wein- 
berges uns zur Verfügung gestellte Most, der eine Durchschnitts- 
probe der ganzen Kelterung darstellte, wurde von uns zunächst 
unter Zusatz von Reinhefe vergoren, einmal um festzustellen, ob die 
vorhandenen Metallmcngen die Gärung beeinträchtigen können. Dies 
war nicht der Fall, denn die Vergärung verlief vollständig normal. 
Der erhaltene Jungwein wurde mitsamt der Hefe zum Sirup ein- 
gedampft und dann mit einem Gemisch von Salpeter- und Schwefel- 
säure behandelt, um die organischen Substanzen zu zerstören. Nach- 
dem dieses Ziel erreicht war, wurde zur Entfernung der über- 
schüssigen Säuren zur Trockene gedampft, mit Salzsäure aufgenommen 
und letzteres Verfahren bis zur vollständigen Entfernung der Sal- 
petersäure wiederholt In der Salzsäure - Lösung wurde dann, wie 
oben beschrieben, die Bestimmung des Arsens und Bleis vor- 
genommen. Die Analyse ergab folgende Werte: 

ln Arbeiten genommen wurden 900 ccm Most: nach der Ver- 
gärung des Zuckers durch eine Steinberg- Reinhefe wurden nach 
obigem Verfahren gefunden in 100 ccm Most: 

0,0008 g Blei, 

0,0003 g Arsen. 

V. Analyse der Trester. Um zu sehen, ob in den Most 
alles auf den Trauben befindliche Blei und Arsen gelange, sind 
auch die Trester einer Untersuchung unterzogen worden. Die Trester 
wurden mit 3 prozentiger Natronlauge überschüttet 48 Stunden stehen 
gelassen, die Flüssigkeit abgesaugt und die Trester wiederholt und 
sorgfältig mit Wasser ausgewaschen. Die eingedampfte Lauge wurde, 
wie oben bei der Analyse der Trauben beschrieben, zur Analyse 
vorbereitet. Die Untersuchung wurde zweimal ausgeführt. 



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Bericht über die Tätigkeit der önoehemischen Versuchsstation. 235 

Je 500 g Trester ergaben: 

1 II 

0,0014 g 0,000* g Blei, 

0,0007 g 0,0006 g Arsen. 

VI. Analyse des Weins. Der Besitzer stellte uns 2 Proben 
Wein zur Verfügung; zuerst eine Probe, als der Wein eben die 
stürmische Gärung beendet hatte im Spätherbst, und eine Probe 
beim Abstich des Weines im Frühjahr. 

Die Weine wurden anfangs nach Angabe von A. Hubert und 
F. Alba (Monit scientif. 1906. 4. Ser. 20 799} aufgeschlossen, nur 
mit dem Unterschiede, daß der Wein zuerst auf ein Drittel seines 
Volumens eingedumpft worden war. Das Verfahren gestaltete sich 
demnach folgendermaßen. 

Der Wein wird auf dem W asserbade auf etwa ein Drittel seines 
Volumens eingedampft und nach dem Erkalten mit etwa 20% reiner, 
konzentrierter Salpetersäure versetzt Nunmehr läßt man das Ge- 
misch mit Hilfe eines Scheidetrichters in etwa 30 ccm zum Sieden 
erhitzter, in einem Kjeldahl-Kolben befindliche konzentrierte Schwefel- 
säure eintropfen. Unter lebhafter Reaktion wird jeder einfallende 
Tropfen des Weines sofort oxydiert, während gleichzeitig Ströme 
von Stickoxyd entweichen. Nachdem das ganze Gemisch eingetragen 
ist, wird noch längere Zeit erhitzt nötigenfalls unter tropfenweiser 
Zugabe von konzentrierter Salpetersäure. Ist schließlich alle Kohle 
verschwunden, so führt man den Kolbeuinhalt in eine gereinigte 
Platinschale über und verdampft zur Trockene, um auf diese Weise 
die Salpetersäure und die überschüssige Schwefelsäure zu entfernen. 
Man nimmt mit Wasser auf. versetzt mit Salzsäure und fällt wie 
oben angegeben, die Schwermetalle mit Schwefelwasserstoff. 

Im Laufe der Untersuchung wurde als das zweckmäßigste Ver- 
fahren, die organische Substanz im Wein zu zerstören, folgendes 
erkannt. 300—900 ccm Wein werden auf dem Wasserbade auf 
50 — 150 ccm eingedampft. Hierauf gibt man soviel des dünnen 
Sirups, als etwa 300 ccm ursprünglichen Weines entspricht in einen 
langhalsigen Aufschließkolben nach Kjeldahl, versetzt mit etwa 
30 ccm reiner Salpetersäure und erhitzt bis eine lebhafte Reaktion 
einsetzt Durch passendes Regulieren der Flamme sorgt man dafür, 
daß die Reaktion nicht zu heftig wird. Nach einer halben Stunde 
gibt man wiederum einen entsprechenden Anteil des dünnflüssigen 
Sirups hinzu, oxydiert, wie beschrieben, mit Salpetersäure und wieder- 
holt das Verfahren nötigenfalls mit dem dritten Anteil; die letzten 
Reste des Sirups spült man zweckmäßig mit Salpetersäure in den 
Zersetzungskolben. Hierauf gibt man zur gesamten Masse nochmals 
etwa 30 ccm Salpetersäure und dampft auf ein kleines Volumen 
ein. Da aber durch die Salpetersäure allein die organische Substanz 
nicht völlig zerstört wird, so versetzt man jetzt mit etwa 10— 30 ccm 
reiner, konzentrierter Schwefelsäure und erhitzt, bis, meist unter leb- 
haftem Aufschäumern eine Kohle- Abscheidung eintritt; man setzt 
dann vorsichtig einige Tropfen Salpetersäure zu, wodurch die ab- 



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236 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



geschiedene Kohle fast augenblicklich oxydiert wird, erhitzt weiter, 
bis wiederum sich Kohle abscheidet, die dann von neuem durch 
Zugabe weniger Tropfen Salpetersäure oxydiert wird. Dieses Ver- 
fahren wird wiederholt, bis alle organischen Stoffe zerstört sind, 
d. h. bis die Schwefelsäure wasserhell geworden ist. Schließlich 
wird der Kolbeninhalt in eine geräumige Platinschale übergeführt 
und zur Verjagung der etwa noch vorhandenen Salpetersäure und 
der überschüssigen Schwefelsäure zur Trockene abgeraucht. Im Rück- 
stand, der mit verdünnter Salzsäure aufgenommen wird, bestimmt 
man in üblicher Weise die Schwermetalle. Es wurden jeweils 
725 ccm Wein in Arbeit genommen. Wein I ist die nach Be- 
endigung der stürmischen Gärung untersuchte Probe, Wein II wurde 
nach erhaltenem 1. Abstich analysiert 

Wein I Wein II 

0,0006 g 0,0002 g Blei, 

0,0002 e 0,0001 g Arsen. 

VII. Analyse des Hefetrubes. Schließlich wurde auch eine 
von uns erbetene Hefeprobe der Analyse unterworfen. Die Hefe 
wurde absetzen gelassen, möglichst vollständig abgehebert, mit Wasser 
angeriihrt und wiederholt gewaschen. Zum Schlüsse wurde die Hefe 
mit Schwefel- und Salpetersäure aufgeschlossen und in bekannter 
Weise analysiert. Eine Wasserbestimmung der Hefe ergab folgende 
Werte. 46,00 g nasse Hefe lieferten, bei 105° getrocknet, 10,70 g 
Rückstand — 23,2% Trockensubstanz. 

In 100 g nasser Hefe wurden gefunden: 

0,0048 g Blei, 

0,0030 g Arsen, 

oder 100 g trockner Hefe enthielten: 

0,0207 g Blei, 

0,0129 g Arsen. 

Man sieht hieraus, daß die Hefe imstande ist, nicht un- 
bedeutende Mengen Arsen und Blei aus dem Most aufzunehmen 
und sie somit dem Weine zu entziehen. Ob diese Bindung als 
physiologischer Vorgang, oder ob sie als mechanische Ausscheidung 
der Blei- und Arsen- Verbindungen infolge Unlöslichwerdens aufzu- 
fassen ist, wage ich zunächst nicht zu entscheiden. 

Fassen wir zur besseren Übersicht die erhaltenen Zahlen zu- 
sammen, so ergibt sich folgendes Bild: 

Je 100 g Most, Trester, Wein und Hefe enthielten in Milli- 



grammen: 


Most 


Trester 


Wein I 


Wein II 


Hefe 

naß trocken 


Blei 


0,8 


1.4— 0,8 


0,6 


0.2 


4.8 


20,7 


Arsen 


0,3 


0,7— 0.6 


0,2 


0,1 


3,0 


12,0 



Es zeigt sich zunächst, daß tatsächlich die Trester noch be- 
deutende Mengen von Arsen und Blei enthalten. Obwohl also die 
Maische nach dem Mahlen 24 Stunden auf den Trestern stand, wie 
uns der Weinbergbesitzer mitteilte, wurde dennoch nicht alles Blei 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 237 

und Arsen von den Kappen und Beerenhäuteu abgewaschen oder 
in Lösung gebracht. Wie oben ausgeführt, ist demnach zu hoffen, 
daß sich die Motallmengeu noch weiter vermindern lassen werden, 
falls man nur die Kelterung rasch genug auf das Mahlen folgen läßt 

Aber auch die sich auf Most und Wein beziehenden Zahlen- 
werte geben zu einigen Betrachtungen Anlaß. Es zeigt sich einmal, 
daß sich die im Most befindlichen Arsen- und Bleimengen bereits 
nach der Hauptgäruug nicht unwesentlich, und daß sie sich im 
Weine nach dem ersten Abstich sehr bedeutend vermindert haben. 

Wenn man daher von Anfang an dafür sorgt daß die in den 
Most gelangenden Blei- und Arsen -Mengen sehr gering sind, so 
vermag man vielleicht mit Hilfe der Hefe erreichen, daß die beiden 
Metalle fast vollständig aus dem Wein entfernt werden. 

Die Beobachtung, daß das Arsen im Trub sich anreichert, hat 
schon Chuard (Chronique agricole du Canton de Vaud, 1905, 119 
bis 121 und 149 — 151) gemacht, der angibt, daß der klare Wein 
nur 0,02 mg. der Trub dagegen 20 mg im Liter enthalte, nachdem 
er Arsenik in der Kupferkalkbrühe gegen den Springwurmwickler 
angewandt hat. 

Am Schlüsse will ich noch betonen, daß ich mir wohl bewußt 
bin, daß die von uns angewandten analytischen Methoden nicht An- 
spruch auf höchste Genauigkeit machen können; da es sich aber 
für uns nur darum handelt vergleichbare Zahlen zu erhalten, so 
könnte man sich mit den gewählten Methoden zufrieden geben. Da 
dieses Jahr neue Bespritzungsversuche in Aussicht genommen sind, 
so soll im Herbste die Untersuchung wieder aufgenommen und auf 
Grund unserer jetzigen Erfahrungen mit den genauesten analytischen 
Methoden gearbeitet werden. Gleichzeitig sollen die Ergebnisse der 
Praxis mit von uns selbständig durchgeführten Kelterungs-, Ver- 
gürungs- und Abstich-Versuchen kontrolliert werden. 

Wir kommen nunmehr zur letzten Frage; sind die im Wein 
gefundenen Mengen Arsen und Blei gesundheitsschädlich? 

Um hierüber die Ansicht des Kaiserlichen Gesundheitsamtes, 
als der berufensten Behörde in Deutschland , kennen zu lernen, 
richteten wir am 19. März 1906 an den Herrn Präsidenten des 
Kaiserl. Gesundheitsamtes zu Berlin folgendes Schreiben: 

„Euer Hochwohlgehoren erlaube ich mir ergebenst folgendes zu 
unterbreiten. Im Jahre 1906 wurden an der Kgl. Lehranstalt zu 
Geisenheim a/Rhein Spritzversuche mit arsensaurem Blei gegen den 
Heu- und Sauerwurm auf Reben unternommen. Die bespritzten 
Reben, die Blätter, der Most und schließlich der Jungwein wurden 
der Analyse unterzogen. Dabei wurden im Wein gefunden in 
100 ccm: 

0,0002 g metallisches Blei, 

0.000 1 g „ Arsen. 

Ich erlaube mir nun die ergebene Frage an das Kaiserl. Ge- 
sundheitsamt zu richten, ob diese Mengen an Blei und Arsen ge- 
eignet sind, Gesundheitsstörungen hervorzurufen, oder bis zu welcher 



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238 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Maxiroalgrenze beide Metalle im Weiu höchstens vorhanden sein 
dürfen. Die Spritzversuche sollen in diesem Frühjahr in größerem 
Maßstabe wiederholt werden. Es ist deshalb vom größten , all- 
gemeinen Interesse zu wissen, ob die vorliegenden Mengen bedenk- 
lich sind oder nicht, damit dies Jahr eventuell mit konzentrierteren 
oder verdtinnteren Lösungen gespritzt werden kann. Da diese Be- 
spritzungen schon im Laufe des Monats April vorgenommen werden 
sollen, so wage ich Euer Hochwohlgeboren um eine möglichste Be- 
schleunigung der Antwort zu bitten. Da wir die Untersuchung 
jetzt erst nach vollzogenem ersten Abstich zu Ende führen konnten, 
so fällt nicht uns, sondern den technischen Verhältnissen die schein- 
bare Verzögerung zur Last“ 

Hierauf erhielten wir von dem Präsidenten des Kaiserlichen 
Gesundheitsamtes am 6. April 1906 folgendes Antwortschreiben: 

,,Auf die gefällige Anfrage vom 19. März d. J. (G. No. 2110) 
beehre ich mich zu erwidern, daß nach diesseitigem Dafürhalten 
Bedenken grundsätzlicher Art gegen das Bespritzen von Reben mit 
arsensaurem Blei bestehen. Vom gesundheitlichen Standpunkt aus 
kann es nicht gebilligt werden, daß zum Schutz der Reben gegen 
den Heu- und Sauerwurm chemische Stoffe verwendet werden, deren 
Fernhaltung von unsem Nahrungs- und Genußmitteln in wohl- 
bewußter Weise ganz allgemein, soweit es nur irgend angängig ist, 
auf gesetzlichem Wege durchgeführt wird. 

Die durch die chemische Analyse in Proben von Wein, der 
aus derartig bespritzten Reben gewonnen wurde, gefundenen Mengen 
von 0,002 g 1 ) metallischem Blei, aber auch der Gehalt von 0,0015 g 1 ) 
metallischem Arsen müssen nach den bisher bekannt gewordenen 
Erfahrungen über die schädliche Einwirkung von Blei- und Arsen- 
verbindungen auf den menschlichen Körper ids geeignet bezeichnet 
werden, die menschliche Gesundheit zu gefährden. 

Aus vorstehenden Erwägungen muß sich das Gesundheitsamt 
gegen die Verwendung von arsensaurem Blei zum Bespritzen von 
Reben, sofern hierdurch Blei und Arsen in den Wein gelangen, 
aussprechen und vermag auch eine Höchstgrenze, die etwa zu- 
gelassen werden könnte, nicht für angängig zu erachten. Es kommt 
hinzu, daß nach § 1 des Gesetzes über die Verwendung gesundheits- 
schädlicher Farben bei der Herstellung von Nahrungsmitteln, Genuß- 
mitteln und Gebrauchsgegenständen vom 5. Juli 1887 in Verbindung 
mit § 12 des Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln. 
Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen vom 14. Mai 1879 Weine, 
die Arsen oder Blei enthalten, grundsätzlich beanstandet werden 
müssen. Ungleich bedenklicher muß es noch erscheinen, wenn die 
mit arsensaurem Blei behafteten Trauben als Tafeltrauben Ver- 
wendung finden oder im Weinberg selbst bei Gelegenheit der Wein- 
lese genossen werden.“ gez. Bumm. 

’) Im Urtext steht 0,0111 g Blei; es mul! heilien 0,002 g Blei. Die Blei- 
und Arseumengen beziehen sich auf 1000, nicht auf 100 ccm! 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 239 

Dieses Gutachten der autoritativsten Behörde läßt an Deutlich- 
keit nichts zu wünschen übrig und ist zunächst geeignet, wohl jeden 
von einem Bespritzungsversuch abzuhalten, denn es erscheint mir 
wenig wahrscheinlich, daß von Trauben, die aus bespritzten Wein- 
bergen stammen, ein Wein gewonnen werden kaun, der selbst von 
Spuren der beiden metallischen Gifte frei ist. Dennoch hoffe ich, 
werden sich Wege finden lassen, und den theoretisch nur zu 
billigenden Standpunkt des Gesundheitsamtes mit den Fordeningen 
der Praxis zu vereinen. Auf welche Weise man dazu vorzugehen 
haben wird, habe ich versucht, im I^aufe der obigen Ausführungen 
anzudeuten. Die Hauptsätze, von denen man sich wird leiten lassen 
können, sind kurz zusammengefaßt folgende: 

1. Es ist zu prüfen, ob man nicht durch Blei oder Arsen allein 
den Wurm vergiften kann. 

2. Es ist die kleinste, hierzu nötige Menge der Metallgifte zu 
ermitteln. 

3. Welche Sicherheitsmaßregeln vermögen wirksam Vergiftungen 
mit der Bespritzungsflüssigkeit zu verhindern? 

•1. Welcher Zeitpunkt ist der für die Bespritzung geeignetste? 

5. Wie verhindert man wirksam das Abwaschen oder Auflösen 
des Bleis und Arsens beim Mahlen, Maischen und Keltern? 

ti. Durch welche Maßnahmen können die im Wein befindlichen 
Metalle ausgeschieden werden? 

Gelingt es den vereinten Anforderungen der Wissenschaft und 
Praxis, endlich ein durchschlagendes Mittel gegen den Heu- und 
Sauerwurm zu finden, so wird das für den Wohlstand des Winzers 
von ausschlaggebender Bedeutung werden. 

4. Beitrag zur Bestimmung der flüchtigen Säure im Wein. 

Von K. Windiseh und Ph. Schmidt wurde ein Verfahren 
zur Bestimmung der flüchtigen Säure vorgeschlagen, das sich darauf 
gründet, aus dem zu untersuchenden Wein durch wiederholtes Ab- 
dampfen die flüchtigen Säuren zu entfernen und im Rückstand die 
nicht flüchtigen Säuren durch Titration zu bestimmen. Aus der in 
einer anderen Probe bestimmten Gesamtsäure und aus der nicht 
flüchtigen Säure findet man durch Subtraktion die flüchtige Säure. 

Sie schreiben dazu folgendes vor (Jahresbericht der Kgl. Lehr- 
anstalt Geisenheim, 1904, 203): 

„Man bestimmt zuerst die Gesamtsäure in 25 ccm Wein, indem 
man in der üblichen Weise titriert. Dann dampft man 25 ccm 
Wein in einer Porzellanschale auf dem Wasserbade auf 3—5 ccm 
ein, löst den Rückstand in 25 ccm heißen Wassers auf, verdampft 
wieder auf 3 — 5 ccm, löst den Rückstand wieder in heißem Wasser 
und verdampft zum drittenmal auf 3 — 5 ccm. Hierauf löst man 
den Rückstand in heißem Wasser und titriert ihn wie die Gesamt- 
säure. Man erhält so die nicht flüchtigen Säuren des Weines, als 
Weinsäure berechnet Der Sicherheit halber ist dreimaliges Ab- 
dampfen des Weines zu empfehlen. Hierauf zieht man die nicht 



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240 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Iustitute. 




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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 241 



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Qoiaenhoirocr Bericht 1906. 



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242 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



flüchtigen Säuren von der Gesamtsäure ah und multipliziert den 
Unterschied mit 4/5; man erhält so die flüchtigen Säuren des 
Weines, als Essigsäure berechnet“ 

Analysenresultate geben die Autoren in ihrer Veröffentlichung 
nicht an, sondern sie beschränken sich darauf, zu sagen: „Die Ver- 
suche wurden mit Weißwein, Rot-, Apfel- und Beerenweinen aus- 
geführt, überall mit gleich gutem Ergebnis. Die indirekte Bestim- 
mung der flüchtigen Säure bedeutet eine erhebliche Vereinfachung 
der Analyse und dürfte sich namentlich für den Praktiker em- 
pfehlen.“ 

Um unsererseits ein Urteil über das vorgeschlagene Verfahren 
zu erhalten, und gleichzeitig auch noch einige andere Fragen, die 
weiter unten erwähnt werden sollen, zu beantworten, wurde eine 
große Reihe von Versuchen durchgeführt, die zunächst in folgender 
Tabelle zahlenmäßig festgelegt werden sollen. 

(Siehe Tabelle S. 240 und 241.) 



Um Irrtümer in unserer Schlußfolgerung zu vermeiden, die 
aus dem zufälligen Cbereinstimmen oder dem Nichtübereinstimmen 
nur jo eines Parallelversuches entstehen können, haben wir nach 
Möglichkeit mehrere Parallelversuche angestellt 

Zunächst bestimmten wir in allen Weinen nach der amtlichen 
Vorschrift in meist drei Versuchen den Gesamtsäuregchalt mit 

n °™ — Lauge. Die erhaltenen Werte stehen in Spalte 6. Hierauf 

wurde nach der amtlichen Vorschrift die flüchtige Säure durch 

Übertreiben im Wasser- Dampfstrom und Titrieren mit - - 9 — Lauge 

bestimmt. Die erhaltenen Werto stehen in Spalte 3, die Werte 
in Spalte 4 sind durch Multiplikation der Werte in Spalte 3 mit 1,25 
erhalten worden. 

Der bei der Wasserdampfdestillation im Kolben zurückbleibende 
Rückstand soll keine flüchtige Säure, wohl aber die fixen Säuren 
enthalten. Zur Kontrolle wurde deshalb der Kolbeninhalt ebenfalls 

mit “ 01 ™ a ^ -Uauge titriert und die erhaltenen Werte in Spalte 5 ein- 

3 



getragen. 

Die Zahlenwerte der Spalte 7 stellen die Summe von den 
Werten der Spalte 4 und 5 dar und geben also ebenfalls die Gesamt- 
säure an. 

In Spalte 10 stehen die Werte, die man bei der Titration des 
Rückstandes erhält, wenn man den Wein dreimal nach den Angaben 
von Windisch eindampft. 

Die Werte der Spalte 9 berechnen sich durch Subtraktion der 
Zahlen aus Spalte 10 von den Mittelwerten der Spalte 0. Sie geben 
die flüchtige Säure nach Windisch an, ausgedrUckt in Weinsäure. 
Durch Multiplikation dieser Werte mit 0,8 ergeben sich die Zahlen 
für flüchtige Säure, die in Spalte S eingetragen sind. 



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Bericht über die Tätigkeit der ünocheinmchen Versuchsstation. 



243 



Stellt man die Mittelwerte der einzelnen Versuchsreihen für die 
flüchtige Saure zusammen, die sich sowohl nach der amtlichen 
Vorschrift, als auch nach Win di sch ergeben, so erhält man folgende 
Tabelle : 

Mittelwerte der Versuchsreihen. 



Versuch 


Nach amtlicher Anweisung 


Nach W indisch* Vorschlag 


Hilfe reu» der 
Kssigsäurc nach 
beiden Methoden 


No. 


loo cm 
rng£»sig-H. 


Maximale 
Abweichung 
in mg vom Mittel 


100 cem 

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mg Kssig-S 


Maximale 
1 Abweichung 
in mg vom Mittel 


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in mg | von a 


ii 


56.4 


+ 8.6 — 4.1 


72,7 


+ '.l.:t —6.7 


+ 16,3 2th9 


18 


36.2 


+ 0,8 - 0.2 


07,3 


— 14,7 —9.3 


+ 61.3 169.3 


27 


(17,5 


+ 6.5 , - 3.3 


89.3 


+ 14.7 — 9.3 


+ 21.8 32.3 


37 


193,0 


+ 8,0 —9,0 


250,0 


| +8,0 —8,0 


+ 67,0 29.6 


44 


88,3 


+ 10.7 - 6.3 


182,0 


+ 4.0 —4.0 


93.7 106.1 


51 


95.3 


+ 11.7 — 4.3 


110,7 


+ 9.3 —5.7 


+ 15,4 16,1 


58 


37.3 


+ 2,7 — 3,3 


92.7 


-f ö»3 i — 2 f 7 


+ 55.4 164,4 


oc 


47,1 


+ 1,9 -5,1 


70,0 


+ 12,0 [ — 20,0 


+ 22.9 48.6 



Hieraus ersieht man. daß zwischen den beiden Werten sehr 
große Differenzen bestehen. In jedem Falle findet man nach W in- 
disch bedeutend mehr flüchtige Säure als nach dem üblichen Ver- 
fahren. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß sich 
beim Eindampfen auf 3 — 5 ccnt beträchtliche Milchsäuremengen ver- 
flüchtigen, während bei der Wasserdampfdestillation, wo eine so 
starke Konzentration nicht stattfindet, die Milchsäure in viel geringerem 
Maße übergeht. 

Je öfter und je weiter man daher nach W indisch eindamplt, 
umso mehr flüchtige Säure muß mau finden. Das wird durch 
folgenden Versuch bestätigt. 

Der Wein, der zu den Versuchen 59 — 65 gedient hatte, wurde 
nach W indisch behandelt, dabei aber verschieden oft eingedampft. 



Versuch 


Gesamtsäure 




Nach Windisch 


Wie oft eii 


Xo. 


flüchtige Saure nicht flüchtige Säure 


dampft 


66 




0,070 


0,64 


3mal 


67 




0,098 


0.62 


5mal 


68 


0,743 


0.106 


0,61 


ömal 


69 




0.178 


0,52 


lOmal 


70 




0,186 


0,52 


lOmal 



Daß tatsächlich Milchsäure verdampft ist, geht aus den in den 
Rückständen befindlichen Milchsäuremengen der Parallel' ersuche 
59 — 64 hervor, die nach Mößlinger bestimmt wurden. 

Es enthielt nämlich der Destillationsrückstand (nach der amt- 
lichen Methode) der Versuche 59 — 64, berechnet auf 100 ccm Wein, 
Milchsäure: 



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244 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

0,230 g 
0,248 
0,248 „ 

0,233 „ 

0.254 

im Mittel 0,243 g, 

während im Rückstand der Versuche 59 — 61 nach Windisch 
folgende Milchsäuremengen vorhanden waren, berechnet auf 100 ccm : 

0,180 g 

0.207 
0. 221 „ 
im Mittel 0,203 g. 

Wir überzeugten uns schließlich auch davon, daß reine Milch- 
säurelösungen auf dem siedenden Wasserbado sehr rasch Milchsäure 
abgeben, falls nur die Konzentration groß genug ist. 

25 ccm Milchsäurelösung erforderten zur Neutralisation 25,4 ccm 

-5^ -Lauge, entsprechend 0,762 g Milchsäure in 100 ccm. 

Je 25 ccm dieser Lösung wurden auf dem Wasserbad einge- 
dampft und titriert nach folgenden Zeiten: 



Probe 


uach x Minuten 


betrug das Volumen 


verbrauchte Lauge 


1 


40 


ungefähr 2 ccm 


21,0 


2 


55 


Sirup 


19,5 


3 


60 




18,1 


4 


65 


V 


21,2 


5 


70 


dicker Sirup 


12,1 



Aus all dem geht hervor, daß die nach dem amtlichen Ver- 
fahren und die nach Windisch erhaltenen Werte bei keinem der 
einzelnen Versuche auch nur annähernd übereinstimmen. Die Ab- 
weichungen betragen im günstigsten Falle (Versuch 45 — 50) immer 
noch 16%. Sie stoigem sich aber bei allen andern und betragen 
meist 30 — 50 %, bezw. wachsen in ungünstigen Fällen bis auf 106, 
ja sogar 164 und 169%. 

Das von Windisch empfohlene Verfahren ist mithin durchaus 
ungeeienet das amtliche zu ersetzen, Ganz abgesehen von wissen- 
schaftlichen Zwecken ist es ebenso auch für die bescheideneren An- 
sprüche der Praxis ungeeignet, da es zu den größten Irrtümern zu 
führen vermag. 

Aus unseren Versuchen sieht man ferner, daß auch die Genauig- 
keit des amtlichen Verfahrens nicht sehr groß ist. Je mehr Essig- 
säure vorhanden ist, umsomehr weichen die einzelnen Werte von- 
einander ab. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, die flüchtige 
Säure nur auf 2 Dezimalen anzugeben. 

Scheint diese Genauigkeit nicht zu genügen, so ist der Vorschlag 
erwägenswert, nicht wie bisher 200, sondern 300 oder sogar 400 ccm 
überzutreiben. Da das Verfahren der flüchtigen Säurebestimmung 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemiscben Versuchsstation. 245 

von verschiedenen Seiten überhaupt als konventionelles angesehen 
wird, so dürften dieser Umänderung keine Schwierigkeiten er- 
wachsen. 

Man muß auch deshalb darauf bedacht sein, die Essigsäure 
möglichst vollständig überzutreiben, weil der Destillationsrückstand 
gewöhnlich zur Milchsäurebestimmung verwandt wird. Im gegen- 
teiligen Falle wird die nicht überdestillierte Essigsäure als Milch- 
säure mitbestimmt und also zu viel Milchsäure gefunden, während 
die flüchtigen Säurewerte zu niedrig ausfallen. 

Eigentümlich ist schließlich noch folgender Umstand. Vergleicht 
man die Werte der nach dem amtlichen Verfahren ermittelten freien 
Säure (Spalte 6) mit denen (Spalte 7), die sich durch Addition der 
flüchtigen Säure (Spalte 4) und der nicht flüchtigen Säure im 
Destillationsrückstand (Spalte 5) ergoben, so findet man die direkt 
ermittelten Werte immer niedriger. Worauf dies zurückzufiihren 
ist, bedarf noch der näheren Untersuchung. 

5. Einfluß der bei der Alkoholbestimmung initflbergeheiiden 
flüchtigen Säure auf das spezifische Gewicht des Destillates. 

Die amtliche Anweisung destilliert zum Zwecke der Alkohol- 
bestimmung im Wein von 50 ccm Wein etwa 35 ccm ab, ohne die 
freie flüchtige Säure vorher durch Lauge gebunden zu hüben. Infolge- 
dessen gehen immer kleine Mengen flüchtiger Säure mit über, 
so daß das Destillat stets sauer reagiert. Ob diese geringen Mengen 
imstande sind, das spezifische Gewicht des Destillats zu beeinflussen, 
darüber sind die Meinungen geteilt. Theoretisch ist jedenfalls zu 
fordern, daß der Wein vor der Destillation neutralisiert werde, ob 
es jedoch auch praktisch notwendig ist, wird von den meisten Lehr- 
büchern im verneinenden Sinne beantwortet 

So sagt K. Windisch (Die chemische Untersuchung und Be- 
urteilung des Weines, 1900): ,,Bei der Destillation des Alkohols 
gehen auch kleine Mengen flüchtiger Säure mit über, so daß das 
alkoholische Destillat stets sauer reagiert. Das spezifische Gewicht 
des Destillates wird aber durch den geringen Essigsäuregehalt nur 
unmerkbar verändert die Neutralisation des Weines vor der Destillation 
ist daher nicht notwendig“. 

W. Fresenius (Anleitung zur chemischen Analyse des Weines, 
1898) läßt sich folgendermaßen über diesen Gegenstand aus: „Bei 
den an flüchtiger Säure reichen Weinen kann das spezifische Gewicht 
des Destillates durch mitübergehende Säure beeinflußt werden. Ist 
ein solcher Fehler zu befürchten, so empfiehlt es sich, den Wein 
vor der Destillation genau zu neutralisieren. In weitaus den meisten 
Fällen ist dies jedoch unnötig.“ 

Ferner sagt H. Röttger (Lehrbuch der Nahrungsmittelchemie, 
1907): „Ein Zusatz von Alkali vor dom Destillieren zur Bindung 
der flüchtigen Säure ist in der Regel nicht nötig, da die in 
normalen Weinen enthaltene geringe Menge keinen merklichen Ein- 
fluß auf das spezifische Gewicht des Destillates ausiibt“. 



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246 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Dagegen hat schon C. Amtlior (Ztsclir. f. Untersuchung der 
Nahrgs.- u. Genußmittel, 1898, 1, 811) an der Hand von 3 Beispielen 
gezeigt, daß ein Übersättigen mit Lauge empfehlenswert ist. Er 
bemerkt auch, daß besonders bei stark stichigen Weinen die Be- 
stimmung sehr fehlerhaft werden kann. Amt hör schlägt vor, um 
gleichzeitig vorhandene Ester zu zersetzen, die Weine nicht nur zu 
neutralisieren, sondern sie sogar alkalisch zu machen. 

Neuerdings hat Th. Röttgen (Ztschr. f. Untersuchung d. Nahrgs.- 
u. Genußmittel, 1905, 12, 598) seine Beobachtungen über denselben 
Gegenstand veröffentlicht. Er kommt zu dem Schluß, daß ein Neu- 
tralisieren praktisch nicht erforderlich ist, daß es dagegen theoretisch 
wünschenswert sei, die Weine vorher zu neutralisieren. 

Seine Versuche leiden jedoch insofern an einem Mangel, als 
sie nur mit stark stichigen Weinen ausgefiihrt worden sind; von 
den 11 untersuchten Weinen zeigte den niedrigsten Gehalt an 
flüchtiger Säure (0,13 g) der Weißwein No. 6, der mithin ebenfalls 
schon als verdorben anzusehen ist 

Röttgen hat sich mit je einer Bestimmung begnügt, anstatt sie 
mindestens doppelt auszuführen und so eine Kontrolle gegen zufällige 
Fehler zu haben. Daß bei ihm zufällige Schwankungen auftreten, 
werde ich weiter unten zeigen. 

Wir beschränkten uns auf die Untersuchung von 4 Woinen 
mit möglichst verschiedenem Gehalt an flüchtiger Säure. Dagegen 
wurde jeder Wein in jeder Versuchsreihe mindestens 4 mal unter 
möglichst gleichen Bedingungen destilliert. Nur durch solche Serien- 
untersuchungen ist es möglich, sich von den Schwankungen der 
Analyse selbst frei zu machen und Durchschnittszahlen zu erhalten, 
aus deren Vergleich auf eino etwaige Beeinflussung der spezifischeu 
Gewichte der Destillate geschlossen werden kann. Es sei bemerkt, 
daß alle erhaltenen Resultate angegeben sind, selbst wenn einmal 
eine verhältnismäßig große Abweichung eingetreten ist. 

Die Neutralisation der zu destillierenden Weine wurde gegebenen- 
falls in folgender Weise ausgeführt: Dio Gesamtsäure des Weines 
wurde nach der amtlichen Vorschrift in einem Vorversuch ermittelt. 



Hieraus wurde berechnet, wie viel ccm ”-Lange zur Neutralisation 

ü 

von 50 ccm Weine nötig sind, und diese Menge Lauge nebst einem ccm 
„-Lauge Überschuß zu dem bereits im Destillationskolben befind- 



lichen Wein gegeben. Der Destillationskolben faßte 200 ccm. Der 
Destillieraufsatz trug eine Kugel mit Tropfenfänger, um ein Mit- 
reißen nicht flüchtiger Bestandteile möglichst hintanzuhalten. Gekühlt 
wurde mit einem senkrecht stehenden Schlangenkühler aus ver- 
zinntem Kupfer von etwa 70 cm Länge; der innere Rohrdurchraesser 
betrug etwa 3 — 4 mm. 



Es ist bis jetzt noch nicht versucht worden, die Frage zu be- 
antworten, ob ein Unterschied in den spezifischen Gewichten der 
Alkoholdestillate festgestellt werden kann, wenn man den zu destil- 



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Bericht über die Tätigkeit der iinochemischon Versuchsstation. 



247 



lierenden Wein entweder genau neutralisiert oder ihn schwach 
alkalisch oder schließlich stark alkalisch macht. Wir gedenken, 
auch hierüber noch weitere Untersuchungen anzustellen. 

Lassen wir nun zunächst die erhaltenen Werte folgen! 



1. Weißwein. Nach der amtlichen Vorschrift wurde die 
flüchtige Säure bestimmt; das Destillat erforderte zur Neutralisation 

in 3 Proben 7,25. 7,5 und 7,45 ccm, im Mittel 7,4 ccm --Lauge; 
entsprechend einem Gehalt von 0,074 g flüchtiger Säure in 100 ccm. 

Der Wein wurde mit --Lauge vor der Destillation neu- 
tralisiert. 



Versuch No. 



Spezifisches Gewicht 
des Destillates 



Hieraus berechnet 
g Alkohol in 100 ccm 



1 

2 

3 

4 

5 

6 
7 



0,9869 


7,73 


0,9869 


7,73 


0,9868 


7,80 


0,9869 


7,73 


0,9867 


7,87 


0,9868 


7,80 


0,9870 


7,66 


Minimum : 0,9867 


7,87 


Maximum: 0,9870 


7,66 


Mittel: 0,98686 


7,76 



Der Wein wurde destilliert ohne vorhergehende Neutralisation. 



such 


v Spezifisches Gewicht 

des Destillates 


Hieraus berechnet 
g Alkohol in 
100 ccm 


Das Destillat erford. 
zur Neutralisation 

n T 

x ccm Lauge 


8 


0,9870 


7,66 


4,5 


9 


0.9869 


7,73 


4,2 


10 


0,9869 


7,73 


4,3 


11 


0.9872 


7,53 


4,5 


12 


0,9871 


7,60 


4,35 


13 


0,9870 


7,66 


4,3 


14 


0,9870 


7,66 


4.2 




Minimum: 0.9869 


7,73 


4,2 




Maximum: 0,9872 


7,53 


4,5 




Mittel: 0,98701 


7,63 


4,26 


Um 


zu entscheiden, ob die 


Schnelligkeit der 


Destillation Ein- 



fluß auf die Menge der übergehenden flüchtigen Säure habe, wurden 
folgende Versuche angestellt: 



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248 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Destillat erforderte 



Versuch No. 


Spezifisches 
Gewicht des 
Destillates 


Hieraus 

berechneter 

Alkohol-Gehalt 


Dauer der zar Neutralisation 
Destillation x ccm _ n rLauge 


15 


0,9870 


7,66 


15 Minuten 


5.1 


16 


0,9869 


7,73 


15 „ 


5,6 


17 


0,9870 


7,66 


40 


5,4 


18 


0.9869 


7,73 


40 „ 


5,5 



Ein Einfluß läßt sich nicht erkennen. 



II. Weißwein: Gehalt an flüchtiger Säure: 

200 ccm Destillat aus 50 ccm Wein erfordern zur Neutrali- 
sation 13,5 und 13,7, im Mittel 13,6 ccm y^-Lauge; entsprechend 

einem Gehalt von 0,136 g flüchtiger Säure in 100 ccm. 

Der Wein wurde nach vorhergehender Neutralisation destilliert. 



Versuch No. 



Spezifisches Gewicht 
des Destillates 



Hieraus berechneter 
Alkohol -Gehalt 



19 

20 

21 

22 



0,9876 


7,26 


0,9875 


7,33 


0.9876 


7,26 


0,9876 


7.26 



Im Mittel : 0,98758 7,28 



Der Wein wurde ohne vorhergehende Neutralisation destilliert. 



Versuch No. 



Spezifisches Gewicht: 
des Destillates 



Hieraus 

berechneter 

Alkohol-Gehalt 



Destillat erforderte 
zur Neutralisation 

x ccm ^,-Lauge 



23 


0.9878 


7,12 


24 


0.9878 


7.12 


25 


0,9878 


7,12 


26 


0,9879 


7,06 



9,5 

10,0 

9.1 

9.7 



Im Mittel: 0,98783 7,10 9,6 

= 0,096 g Essig- 
säure in 100 ccm. 



III. Rotwein: Gehalt an flüchtiger Säure: 

200 ccm Destillat aus 50 ccm Wein erfordern zur Neutrali- 
sation 19,5, 19,6 und 19,8, im Mittel 19,63 ccm ^-Lauge; ent- 
sprechend einem Gehalt von 0,1963 g Essigsäure in 100 ccm. 

Der Wein wurde nach vorhergegangoner Neutralisation 
destilliert. 



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Bericht über die Tätigkeit der önocbemischen Versuchsstation. 



249 



Versuch No. 


Spezifisches Gewicht 


Hieraus berechneter 


des Destillates 


Alkohol-Gehalt 


27 


0,9886 


6,59 


28 


0,9887 


6,53 


29 


0,9886 


6.59 


30 


0,9885 


6,66 



Im Mittel: 0,9886 6,59 



Der Wein wurde ohne vorhergehende Neutralisation destilliert. 



Versuch No. 


Spezifisches Gewicht 
des Destillates 


Hieraus 

berechneter 

Alkohol-Gehalt 


Destillat erforderte 
zur Neutralisation 

x ccm Lauge 


31 


0,9887 


6,53 


9,9 


32 


0.9888 


6,47 


9.3 


33 


0,9888 


6,47 


11,6 


34 


0,9888 


6,47 


12,0 


Im 


Mittel: 0,98878 


6,48 


10,7 



— 0,107 g Essig- 
säure in 100 ccm. 



IV. Rotwein: Gehalt an flüchtiger Säure: 

200 ccm Destillat aus 50 ccm Wein erfordern zur Neutrali- 
sation 41,5, 46,0 und 42,7. im Mittel 43,4 ccm ™Lauge; ent- 
sprechend einem Gehalt von 0,434 g Essigsäure in 100 ccm. 

Der Wein wurde nach vorhergegangener Neutralisation 
destilliert. 



Versuch No. 


Spezifisches Gewicht 


Hieraus borechneter 


des Destillates 


Alkohol-Gehalt 


35 


0,9885 


6,66 


36 


0.9884 


6,73 


37 


0,9885 


6,66 


38 


0,9885 


6,66 



Im Mittel: 0,98848 6,68 



Der Wein wurde ohne vorhergegangene Neutralisation destilliert 



Versuch No. 



Spezifisches Gewicht 
des Destillates 



Hieraus 

borechneter 

Alkohol-Gehalt 



Destillat erforderte 
zur Neutralisation 

x ccm ~ • tauge 



39 


0,9888 


6,47 


40 


0,9886 


6,59 


41 


0,9891 


6,27 


42 


0,9890 


6,34 



30,6 

29,3 

34,2 

33.9 



Im Mittel: 0,98888 



6,41 32,0 

= 0,320 g Essig- 
säure in 100 ccm. 



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250 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Stellen wir die Durchschnittszahlen zur besseren Übersicht zu- 
sammen, so ergibt sich folgendes: 



Bezeichnung 
des Weines 


Neutralisiert 


Nicht neutralisiert 


Differenz der 
spezifischen 
Gewichte der 
Destillate 


spezifisches' 

Gewicht 


Alkohol 

g 


spezifisches Alkohol 
Gewicht | 

g 


über- 

gegangene 

flüchtige 

Säure 

n 

in j T ccm 


Weißwein 1 


0,<I868H 


7,76 


0,98701 i 7.65 ! 


4,26 


— 0,00015 


II 


0,98758 


7,28 


0,98783 1 7,10 


9,6 


— 0,00015 


Rotwein III 


0.98860 


6.59 


0,98878 6,48 


10,7 


— 0.00018 


IV 


0,98848 


6,68 


0,98888 | 6,41 


32,0 


— 0.00040 



Vergleicht man bei Weißwein I (Versuch 1 — 14) die erhaltenen 
Werte der beiden Versuchsreihen, so stimmen einzelne derselben 
überein; sowie aber das Mittel genommen wird, ergibt sich eine deut- 
liche Abweichung in dem Sinne, daß die Destillate der neutrali- 
sierten Weine durchgehends ein niedrigeres spezifisches Gewicht 
zeigen, als die der nicht neutralisierten. Die Abweichung beträgt 
im Durchschnitt etwa 1 — 2 Einheiten der 4. Stelle bei normalen 
und schwach stichigen Weinen; dasselbe wiederholt sich in den übrigen 
Versuchsreihen; ist jedoch die flüchtige Säure in enormen Mengen 
vorhanden, so kann der Unterschied bis auf 4 Einheiten an- 
wachsen, wie Rotwein IV zeigt 

Aus dem Gesagten ist ersichtlich, weshalb Th. Röttgen (1. c.) 
bei Ausführung nur je eines Versuches meist gar keine Abweichungen 
erhielt (1. c. Versuch 1, 3, 4, 6, 7 und 9), ja daß er sogar bei drei 
Weinen, entgegen der Theorie und unseren Durchschnittszahlen, bei 
den „neutralisierten“ Versuchen höhere spezifische Gewichte erzielte, 
als bei den „nicht neutralisierten“. (1. c. Versuch 2, 5 und 8). Nur 
bei den Versuchen 10 und 11 (1. c.) erhielt er Werte, die mit 
unseren Ergebnissen übereinstimmen. Diese beiden Versuche ent- 
halten jedoch so viel flüchtige Säure, daß eben die bei einem 
Einzelversuch nicht zu vermeidenden Fehler mehr als ausgeglichen 
werden mußten. 

An dieser Stelle muß noch erwähnt werden, daß die von 
C. Amthor (1. c.) erhaltenen Ergebnisse mit den unsorigen sehr gut 
übereinstimmen. 

Aus alldem ergibt sich, daß die theoretische Forderung, bei 
allen Alkoholbestimmungen vorher eine Neutralisation vorzunehmeu. 
auch in der Praxis erfüllt werden sollte, da hierdurch ein durch- 
schnittlicher Fehler beseitigt wird, der bei der Umrechnung min- 
destens 0,1 g Alkohol beträgt. Da gewöhnlich der Alkoholgehalt 
bis auf 2 Dezimalen angegeben wird, der mittlere Fehler aber infolge 
des Nichtneutralisierens durchschnittlich 0,1 g beträgt, so sollte 
man auf die Angabe der 2. Dezimale verzichteu. 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 251 

Aus den erhaltenen Zahlen (Versuch 1 — 14) ergibt sich ferner) 
daß bei einer größeren Reihe von Destillationen (Versuch 1— 14. 
immer Abweichungen Vorkommen und zwar betragen sie bei uns 
im Durchschnitt 3 Einheiten der 4. Stelle. Ob es ein Zufall ist, 
daß bei den Weinen II, III und IV die Abweichungen der einzelnen 
Werte nur 1 Einheit der 4. Stelle betragen, oder ob es darauf 
zurückzuführen ist, daß hier nur 4 Destillationen ausgeführt wurden 
und nicht, wie bei Wein I, 7 Versuche, muß noch näher geprüft 
werden. Eine größere Genauigkeit läßt sich offenbar bei dem vor- 
geschriebenen, amtlichen Verfahren nicht erreichen. Diese oben 
erwähnten drei Einheiten bedeuten jedoch, in Alkohol umgerechnet, 
0,11 — 0,16 g in 100 ccm. Einer sorgfältig ausgeführten Einzel- 
bestiminung wird also immer ein solcher mittlerer Fehler anhaften. 
Auf jeden Fall ist bei einer Angabe des Alkolgehaltcs auf 2 Dezi- 
malen die 2. Dezimale bestimmt falsch, die 1. Dezimale wahr- 
scheinlich falsch. Es ist also unnötig, überflüssig und irreführend, 
bei gewöhnlichen Handels- und statistischen Analysen die Alkohol- 
gehalte der Weine mit 2 Dezimalen anzugoben. Eine Dezimale ist 
nach anerkannten Grundsätzen genügend, besonders da die Angabe 
einer Dezimale für praktische Zwecke auch vollständig genügt. 

Wünscht man in speziellen Fällen eine größere Genauigkeit, so 
darf man nicht mit den üblichen Pyknometern arbeiten, sondern 
muß solche benutzen, die eine genauere Einstellung und eine sorg- 
fältigere Temperaturablesung ermöglichen. Daß in solchen Fällen 
eine vorherige Neutralisation erst recht nicht umgangen werden 
kann, ist selbstverständlich. 

Gelegentlich der Bestimmung der flüchtigen Säure, die möglichst 
sorgfältig nach der amtlichen Methode ausgeführt wurde, möchte ich 
folgende Beobachtung anführen. Bekanntlich wird das Säuredestillat 
schließlich unter Zusatz von Phenolphtalei'n mit Lauge titriert; gegen 
Ende der Titration tritt die Rotfärbung nicht scharf ein, sondern sie 
verschwindet gewöhnlich bald wieder, und man ist im Zweifel, bei 
welchem Punkte man mit dem Laugenzusatz aufhören soll. Ver- 
fährt man jedoch so, daß man das Destillat erst rasch bis eben zum 
beginnenden Sieden erhitzt, abkühlen läßt und dann erst titriert, so 
tritt der gerügte Mißstand nicht ein; ich vermute daher, daß dieser 
unscharfe Umschlag aus der Anwesenheit von Kohlensäure herrührt, 
die entweder aus dem Wein oder möglicherweise auch aus dem 
Wasser stammt, mit dem der Darapfentwickler beschickt ist. Ob 
diese Vermutung richtig ist, soll erst noch durch besondere Ver- 
suche goprüft werden. In der Literatur wird gewöhnlich angegeben, 
daß an dem unscharfen Umschlagen hochmolekulare ungelöste Fett- 
säuren schuld seien, die erst allmählich in Lösung gehen. 

Betrachten wir die bei den Versuchen erhaltenen flüchtige 
Säure-Mengen, so läßt sich an der Hand der folgenden Tabelle 
über die Genauigkeit der Bestimmung einiger Anhalt gewinnen. 



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252 



III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Wein 


50 ccm Wein 
erfordern 

ccm -Lauge 


g Essigsäure 
in 100 ccm 


Im Mittel sind in 
100 ccm 
g Essigsäure 


Weißwein I 


7,25, 7,45, 7,5 


0,0725, 0,0745, 0,075 


7,4 ccm »=»0.074 g 


II 


13,5, 13,7, - 


0,135, 0,137, — 


13,6 „ =0,136 „ 


Rotwoin I 


19,5, 19,6, 19,8 


0,195, 0,196, 0.198 


19,63,, =0,1963,, 


„ II 


41,5, 42,7, 46,0 


0,415, 0,427, 0,460 


43,4 „ =0,434 „ 



Es würde sich aus den ersten 3 Versuchsreihen ergeben, daß 
man in der Tat die flüchtige Säure bis auf 3 Dezimalen genau be- 
stimmen kann; d. h. die 2. Dezimale ist unbedingt richtig, die 3. 
hingegen hat nur noch den Wert einer Annäherung. Allein der 
Versuch Rotwein II zeigt, daß auch schon die 2. Dezimale falsch 
ist und der 3. Dezimale überhaupt kein Wert beizumessen ist 
Gegen diesen Versuch läßt sich allerdings einwenden, daß hier ab- 
norm viel flüchtige Säure vorliegt, die bei dem Abdestillieren von 
nur 200 ccm nicht vollständig genug übergeht. Hiergegen möchte 
ich jedoch anführen, daß die Werte der 3 Versuchsreihen merk- 
würdig konstant sind, während sie in der Praxis gewöhnlich eben- 
falls in der Art schwanken, daß die 3. Dezimale vollständig über- 
flüssig erscheint. Vermutlich rührt diese Konstanz davon her, daß 
bei den Versuchen aufs peinlichste darauf geachtet wurde, während 
der Destillation das vorgeschriebene Volumen von 25 ccm ein- 
zuhalten. Theoretisch ist ja anzunehmen, daß bei der Bestimmung 
der flüchtigen Säure der Neutralisationspunkt schärfer festzustellen 
ist als bei der Gesamtsäurebestimmung, weil hier eine große Reihe 
der die Reaktion störenden Fremdkörper fohlt. Ich möchte daher 
hier vorschlagen, die flüchtige Säure nur auf 2 Dezimalen genau 
anzugeben. Sollte man sich jedoch zur Angabe von 3 Dezimalen 
entschließen, so muß gefordert werden, daß mehr als 200 ccm 
Flüssigkeit übergetrieben wird, sobald die flüchtige Säure eine ge- 
wisse Grenze übersteigt; die Festsetzung dieser Grenze bedarf noch 
weiterer Untersuchungen. 

C. Vergleichende Versuche mit Xther-Extraktionsapparnten 
für Flüssigkeiten. 

Bei unseren Versuchen über die Bestimmung der einzelnen 
Säuren in Weinen kamen wir in die Lago, Extraktionsapparate 
hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit miteinander vergleichen zu 
müssen. Da für sehr viele Arbeiten die Verwendung eines zweck- 
mäßigen und schnell arbeitenden Extraktionsapparates von Wich- 
tigkeit ist, glauben wir, daß es von Interesse sein wird, unsere Er- 
fahrungen mitzuteilen. 

Zu unseren vergleichenden Versuchen benutzten wir folgende 
Apparate: 

1. Den Parteiischen, beschrieben und abgebildet in der „Zeit- 
schrift für Nahrungs- und Genußmittel“, 1902, V, 1019 u. 1050; 



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Bericht über die Tätigkeit der önochonusehen Versuchsstation. 



253 



2. Den Schacherischen. Er ist beschrieben und abgebildet 
in der „Zeitschrift für Nahrungs- und Genußmittel", 1901, IV, 674 
und folgende; 

3. einen von uns abgeänderten Apparat von Schacherl 
(Fig. 57.) Er sei hier kurz beschrieben: Damit der zum Extrahieren 
dienende Äther einen möglichst großen Weg durch die zu extra- 
hierende Flüssigkeit zurücklegt haben wir dem Extraktionsgefäß 





eine längliche, cylindrische Form gegeben, während bei dem ur- 
sprünglichen Apparat das Extraktionsgefäß aus einem Kundkolben 
besteht. Außerdem verwenden wir zur besseren Trennung der mit 
den Extrahierstoffen angereicherten Äthermengen einerseits und der 
aus dem Siedegefäß aufsteigenden Ätherdämpfe andrerseits zwei 
Glasröhren, von denen die weitere mit ihrem unteren Ende in das 
Siedegefäß eingeschliffen ist und 5 cm oberhalb des Extruktions- 



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254 III- Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

gemisches in den erwähnten Cylinder einmündet. In ihrem Innern 
befindet sich das zweite, engere Glasrohr, das unten hakenförmig 
gekrümmt ist und in den im Siedekolben befindlichen Äther ein- 
taucht. Es durchbricht die weitere Röhre und mündet in den als 
Extraktionsgefäß dienenden Teil des Anparates, so daß der mit den 
extrahierten Bestandteilen gesättigte Äther kontinuierlich in das 
Siedegefäß abfließt. 

4. einen von uns umgeänderten Pipschen 1 ) Apparat. Der ur- 
sprüngliche Pi p sehe Apparat ist für 1 — 2 1 Flüssigkeitsmengen 
sehr geeignet. Für 100—200 ccm Flüssigkeit ist er jedoch in seinen 
Abmessungen zu unförmlich. Wir haben ihm folgende Gestalt ge- 
geben (Fig. 58.) Jede Gummi- oder Korkverbindung ist an ihm 
vollständig vermieden, und die unvermeidlichen Verbindungen 
(übrigens nur 2) sind durch Glasschliffe bewerkstelligt. Auf das 
Siedegefäß (S) ist ein weites Rohr (R) aufgeschliffon, durch das die 
Ätherdämpfe mit Hilfe des U-Rohres (U) von unten in die zu extra- 
hierende Flüssigkeit im Gefäß (G) eingeführt werden, Die gesättigte 
Ätherlösung wird durch das Überlaufrohr (L), 
das gleichzeitig als Träger des Gefäßes (G) dient, 
wieder in das Siedegefäß zurückgeführt. Um 
größere oder kleinere Flüssigkeitsmengen aus- 
äthern zu können, ist ein Stutzen (St) auf das 
Überlaufrohr aufgeschliffen, der gegen einen 
anderen ausgewechselt werden kann. Diese Stutzen 
sind gleich groß und ragen oben aus dem Apparat 
heraus, so daß sie bequem herausgenommen wer- 
den können. In passender Höhe werden an 
diesen Röhrchen kleine Öffnungen angebracht 
durch die der Äther abfließt. Will man immer 
dieselbe Flüssigkeitsmenge extrahieren, so kann 
man auf diesen Schliff verzichten und das Rohr 
in der gewünschten Höhe vom Glasbläser abschneiden lassen. Es 
befindet sich dann nur ein Schliff am ganzen Apparat, wodurch er 
äußerst einfach und handlich wird. 

Fig. 59 stellt den Schlangenkühler dar, der in das Gefäß (G) 
eingesetzt wird, um die Ätherdämpfe zu verdichten. Der Kühler 
muß sehr energisch kühlen; denn werden die Ätherdämpfe nicht rasch 
genug verdichtet, so wird die Flüssigkeit so heftig hin und her ge- 
schleudert, daß loicht ein mechanisches Überspritzen der zu extra- 
hierenden Flüssigkeit erfolgt. 

Der Apparat wird in folgender Weise beschickt. Zunächst 
füllt man das Siedegefäß möglichst vollständig mit Äther; ein Siede- 
steinchen muß unbedingt zugegeben werden. Dann setzt man den 
Apparat zusammen, führt die zu extrahierende Flüssigkeit in das 
Gefäß G über, stellt den Kühler in dasselbe Gefäß und erhitzt den 
Äther im Siedegefäß. Es entweichen zuerst Luftblasen unter hef- 



‘) Zeitschrift f. angew. Chemie, 1903, 16. 657 ; Chemiker-Zeitung, 1903, 
II, 706. 




Fig. 59. Schlangen 
kühler. 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 



255 



tigern Schleudern der Flüssigkeit. Ist nach einigen Minuten ruhiges 
Sieden eingetreten und füllt der Äther das Siedegefäß nur mehr 
etwa zu zwei Drittel, so gibt man in das Gefäß G soviel Äther, daß 
er bis an den Überlauf reicht Nunmehr arbeitet der Apparat 
tagelang ohne weiterer Aufsicht. Nur muß von Zeit zu Zeit etwas 
Äther nachgefüllt werden, weil man die Verdunstung nicht voll- 
ständig verhindern kann. Einige Vorsicht muß man später beim 
Auseinandernehmen des Apparates walten lassen, um ein Zurück- 
steigen der Flüssigkeit zu verhindern. Man mache sich hierbei zur 
Kegel, das eingeschliffene Siedekölbchen möglichst langsam heraus- 
zudrehen, und es nicht plötzlich mit einem Ruck wegzunehmen, 
weil sonst durch eine Heberwirkung des U-Rohres leicht die 
Flüssigkeit in das Siedegefäß zurückgerissen werden kann. 

Um vergleichbare Resultate zu erzielen, wurden die zu prüfen- 
den Apparate auf einem gemeinsamen Wasserbade aufgestellt, dessen 
Öffnungen gleichen Durchmesser besaßen; denn die Mengen der 
extrahierten Stoffe sind nicht nur von der geeigneten Konstruktion 
der Apparate, sondern vorzüglich auch von der Menge des extra- 
hierenden Äthers abhängig, d. h. in unserem Falle von der Größe 
der zugeführten Wärmemenge. Geprüft wurden die oben angeführten 
Systeme. Der Schacherische Apparat war in 2 Größen auf- 
gestellt, der eine mit einem Fassungsraum von 175 ccm, der 
andere mit einem Fassungsraum von 100 ccm. Der modifizierte 
Schacherische Apparat konnte nur 50 ccm aufnehmen, während 
der Partheilscho mit 25 ccm hinreichend gefüllt war. Der Pipsche 
Apparat konnte auf verschiedene Mengen eingestellt werden, wir 
arbeiteten mit 50 ccm. 

In die einzelnen Apparate wurden ihren Fassungsräumen ent- 
sprechende Mengen einer Milchsäurelösung gegeben, welche in lOOccm 

0,2312 g Milchsäure (= 30,8 ccm r | 0 ^" la ' _ I^aiige) enthielt. Die 

Apparate wurden in Tätigkeit gesetzt und nach jo zwei Stunden 
die extrahierten Milchsäuremengen in folgender Weise bestimmt. 

Die ätherische Lösung wurde mit etwa 200 ccm Wasser ver- 
setzt, der Äther vorsichtig auf dem Wasserbad unter Vermeidung 
eines eigentlichen Siedens abgedunstet und der wässerige Rück- 
stand mit -Lauge unter Zusatz von Phonophtalein bis 

zur bleibenden Rotfärbung versetzt. Hierauf wurde noch 1 Tropfen 
Lauge hinzugegeben und auf dem Wasserbad erhitzt, um etwa 
gebildetes Milchsäureanhydrid zu verseifen; dabei wurde jedoch nie 
eine Entfärbung der Lösung beobachtet. 

Die Ergebnisse unserer Versuche sind in folgender Tabelle zu- 
sammengestellt: 



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256 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Ex- 

traktions- 

apparat 

von 


Anzahl 
ccm der 
z.u extra- 
hierenden 
Milch- 
siiure- 
lösung : 


= ccm 
normal 
12 

Lauge 


Nach je zwei- 
stündigem Extra- 
hieren wurden 1 
zur Neutralisation 
verbraucht ccm 
normal , 

12 -Lauge 

| 


1 

Von der im Ex- 
traktinnsapparatc 
enthaltenen 
Milchsaureliisung 
wurde an Milch- 
säure extrahiert . 
0, 

/o 


Gesamtmenge 
der nach 
insgesamt 
10 Stunden 
extrahierten 
Milchsäure 
in 7, 




| 




4,45 


8.3 










7,8 


14,5 




Schacherl 


175 


53.9 


8,5 


15,8 


59,7 








7.3 


13,5 










4,1 


7.6 










32,15 


59,7 










4,2 


13.6 










6.4 


20,8 




Schacherl 


100 


30, S 


6,85 


22,2 


76,9 








4.25 


13,8 










2.0 


6,5 










23.70 


76,9 




Von uns 
modi- 
fizierter 


50 


15,4 

1 


3.5 

5.05 
3,7 


22.7 

32.8 
24,0 


90.2 


Schacherl 






0,25 


9,1 

1.6 










13,90 


9(53 










7,2 


46,8 










5,1 


33,1 




Tip 


50 


15,4 


1.9 


12,3 


97,3 






0,7 


4,5 








1 


0,1 


0.6 




Partheil 


25 


1 

7,7 


15,0 

5,35 

1,6 

0,2 

0,1 

0,0 


97,3 

69,5 

20.8 

2,6 

1,3 

0.0 


94,2 


7, 


1 94,2 



Wie man aus diesen Zahlen deutlich ersieht, verläuft die Ex- 
traktion beim Pipschen Apparate am vollständigsten, dann folgt der 
Parteiische, der aber infolge seiner geringen Dimensionen nur 
für kleinere Mengen zu extrahierender Flüssigkeit in Betracht kommt. 
Die 3. Stelle nimmt der von uns modifizierte Schacherische Apparat 
ein, und erst an 4. und 5. Stelle folgen die Apparate von Schacherl, 
wovon wieder der kleinere bessere Resultate ergibt. Dies rührt davon 
her, daß die vom Äther zu durchstreichenden Flüssigkeitsschichten 
bei kugelförmigen Gefäßen nicht proportional dem Volumen sind, 
wie dies bei cvlindriscben Gefallen der Fall ist. 

Der Part heil sehe Apparat hat insbesondere den Nachteil, daß 
Flüssigkeiten, in denen Niederschläge suspendiert sind, nicht in ihm 



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Bericht über die Tätigkeit der öuochemischen Versuchsstation. 



257 



extrahiert werden können. Bei den Schacherischen Apparaten 
setzen sich diese Niederschläge zu Boden und werden nur schwer 
ausgezogen. Anders liegen die Verhältnisse bei dem Pipschen 
Apparat. Der einströraende Ätherdampf sorgt hier liir eine fort- 
währende Mischung und Bewegung des Niederschlages, sowie der 
Flüssigkeit. Ich führe auf diese fortwährende Bewegung der zu 
extrahierenden Flüssigkeit die vorzügliche Leistung des Pipschen 
Apparates zurück. 

Die Versuche sollen noch nicht ein endgültiges Urteil ermög- 
lichen, wir werden vielmehr die Apparate einer noch weitergehen- 
den Prüfung unterziehen. 

7. Cher das K u n zsche Verfahren der Bernsteins&urebestimmuiig 

im Wein. 

Um die Bernsteinsäure im Wein zu bestimmen, ist bis jetzt 
eine große Keihe von Verfahren in Vorschlag gebracht worden, die 
jedoch alle keine zuverlässigen Ergebnisse liefern. Bezüglich der 
Literatur verweise ich auf K. W indisch. Die chemischen Vor- 
gänge beim Werden des Weines; Stuttgart, 11106, 47 — 49. Da die 
Bernsteinsäure ein Produkt der lebenden Hefe ist, so besteht mög- 
licherweise zwischen der Alkohol- und Bernsteinsäure-, oder 
zwischen der Glycerin- und Bernsteinsäure-Erzeugung ein gewisser 
Zusammenhang. 

Es war deshalb von Wichtigkeit, das von Kunz im Jahre 1903 
veröffentlichte 1 ) und von ihm als brauchbar empfohlene Verfahren 
einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen, besonders da der Autor 
nur einige wenige Beleganalysen angibt. Wie sich im Laufe der 
Untersuchung herausstellte, ist es durchaus unmöglich, zu irgend 
einem abschließenden Urteil über das Verfahren zu gelangon, falls 
man nicht von einem Kunstwein ausgeht, dessen Zusammensetzung 
man ganz genau kennt. Analysiert man einen solchen Wein, so 
kann man allmählich die Fehler, die der Methode anhaften, ent- 
larven, so daß dann der Weg zur Verbesserung des Verfahrens ge- 
geben ist 

Das Verfahren von Kunz sei in wenigen Worten hier an- 
gedeutet. Nach Vertreibung des Alkohols fällt man mit Barythydrat 
und saugt den Niederschlag ab. Das Filtrat wird eingedampft, in 
passender Weise mit Alkohol gefällt und der gebildete Niederschlag 
abfiltriert. Dieser Niederschlag, der das gesamte bernsteinsaure 
Baryun’. enthält, wird mit Kaliumpermanganat oxydiert, wobei alle 
organischen Stoffen mit Ausnahme der Bernsteinsäure zerstört wer- 
den sollen. Das Oxydationsgemenge wird mit Äther extrahiert und 
im ätherischen Auszuge die Bernsteinsäure acidimetrisch bestimmt. 
Zur Kontrolle wird mit Silbernitrat gefällt und der Überschuß des 
Silbers nach Volhard zurückgemessen. 

') Zeitschrift für Nahrungs- und Genulämittel, 1903, 721. 

(if'iMflXeimcr Bericht 1906. i * 



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258 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Wir hielten uns genau an die gegebene Vorschrift mit Aus- 
nahme folgender Abänderungen. 

1. Wir filtrierten den mit Alkohol gefällten Niederschlag 
nicht durch Papierfilter ab, sondern durch einen Asbest -Gooch- 
Tiegel. 

2. Wir atherten nicht mit Hilfe des Schacherischen Apparates 
die Bemsteinsäure aus, sondern mit Hilfe des bedeutend besser 
wirkenden, modifizierten Pipschen Apparates. 

Wir glauben nicht, daß diese Abänderungen einen Einfluß auf 
das Endresultat ausüben können. 

Zunächst unterwarfen wir einen Moselwein der Analyse; 
wir erhielten dabei Zahlenwerte, die in folgender Tabelle nieder- 
gelegt sind. 



Versuch 

No. 


Zur 

Neutralisation 
verbraucht 
normal 
ccm — j- — 


g Bernstein- 

saure in 

100 ccm Wein 


50 ccm des 
Filtrats 
brauchten bei 
der Zurück- 
titrierong 

normal 
<cm J(| 

lilioiiunaiimion 


g Bernstein- 
saure in 
100 ccm Wein 


Differenz 

zwischen 

Titrieren 

und 

Silbe rsalz 


1 


15,7 


0,0772 


4,08 


0,0098 




2 


11.7 


0,0577. 


1.97 


0,0593 




3 


8.9 


t',0438 

0.0413 


6,07 


0,0464 


— 0,0026 


4 


8.4 


6,34 


0.04142 


— 0,0019 


5 


16,6 


0,0767 


4,60 


■JTTiSrM 


+ 0.0130 


o 


8,8 


tu >433 


6,01 




— 0,0038 


7 


7,8 


( 1,038-4 


o,23 


0,1 .145 


- 0,0061 


8 


10.8 


U.0531 


5.01 


0.0510 


+ 0.0015 


9 


n.« 


0,0571 


5,28 


0.0557 


+ 0,0011 


n* 


11,2 


0.0551 


5,56 


' U >524 


+ ft.ot.tf7 


li 


lo.ti 


tU 1521 


0,14 




+ 0.0066 


12 


9.9 


0.0487 


5,75 


0,05t. 0 


— 0,0014 


13 


10.8 


0,0531 


5,20 


0.0500 


— 0,0035 


14 


11.4 


0,0561 


5.33 


0.0551 


+ O.oo 10 


15 


12,4 


O/MtOÜ 


5..VI 


0.0531 


+ 0.0078 


Maximum 
Minimum 
Mittel . 





0,0772 

0,0384 

0,0543 




0.0698 

0,0432 

0,(t529 





Da die Differenzen zwischen der aeidirnetrischen und der silber- 
titrimetrischon Bestimmung bald positiv, bald negativ waren, wurde 
in einer Versuchsreihe festgestellt, wie die Gehalts bestimmungen 
einer reinen Bernsteinsäurelösung von bekanntem Titer nach beiden 
Verfahren ausfielen. 

Zu diesem Zwecke wurden l,lß98 g chemisch reine Bernstein- 
säure zu 1000 ccm gelöst : 50 ccm dieser Lösung entsprechen 
0,05849 g Bemsteinsäure. 

Je 50 ccm wurden acidimetrisch mit - Lauge aus- 

gemessen; die erhaltenen Werte stehen in Spalte 2 der folgenden 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 



25« 



Tabelle. 

normal 



Die neutralisierten Proben wurden alsdann mit 20 ccm 



10 



- Silbernitratlösung versetzt, auf 100 ccm aufgefüllt und fil- 



triert; 50 ccm des Filtrates wurden schließlich mit n0 ™*-*- Rhodan- 



- Lösung 


zurücktitriert. 


Die so erhaltenen 


1 . 


uonnal 


_ normal _ 


rauch No.: 


ccm jg— 


Lauge: ccm — ^ — R 


16 


11,85 


4,86 


17 


11.80 


4,94 


18 


11,85 


4,87 


19 


11.90 


4,87 


20 


11,80 


4,92 


21 


11,85 


4,93 



22 Mittel: 11,84= 4,90 = 

= 0,0582 g Bernsteinsäure = 0,0002 g Bi 



Mithin lieferte die Silbermethode im Mittel 0,0602 — 0,0582 = 
0,0018 g Bernsteinsäure mehr. 

Besteht daher die nach Kunz extrahierte Säure nur aus Born- 
steinsäure, so müßten in den Versuchen 1 — 15 die Differenzen sämt- 
lich negativ ausfallen. Da dies jedoch nicht der Fall ist, so sind 
offenbar noch andere Säuren mit übergogangen. Wie schon Kunz 
vermutet, handelt es sich um kleine Mengen Schwefelsäure. Jeden- 
falls darf man sich mit der einfachen Titration in keinem Falle 
begnügen, sondern muß ausschließlich die Silbermethode benutzen. 

In einer zweiten Versuchsreihe haben wir uns noch genauer 
an die Kunzsche Vorschrift gehalten und mit dom Schacheri- 
schen Extraktionsapparat gearbeitet, obwohl dieser viel unvoll- 
ständiger und langsamer ausäthert als der Pipsche Apparat Die 
hiermit erhaltenen Werte sind in der folgenden Tabelle nieder- 
gelegt. 

Roter Ahrwein. 



Versuch 

No. 


Zur 

Neutralisation 

verbraucht 

normal 
ccm — - — 

Lauge 


g Bernstein- 
saure in 
100 ccm Wein 


50 ccm des ] 

Filtrates 

brauchten bei ,, 4 • 

, v i 1 g Bernstein- 

ir- 

_ 100 ccm nein 

n 

ccm ~ 

Khodanamniün , 


Differenz 

zwischen 

Titrieren 

und 

Silbersalz 


23 


19,5 


0,0959 


3,08 0,0816 


+ 0,0143 


24 


16.6 


0.0816 


3.29 0,0792 


-f 0,0024 


25 


16,2 


0,0797 


3,16 0,0807 


— 0,0010 


26 


15,1 


0,0743 


3,42 0,0776 


— 0,0033 


27 


17,7 


0,0871 


2,45 0,0891 


— 0,0020 


28 


20,4 


0,1003 


2,84 I 0,0845 


+ 0,0158 



17 * 



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260 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



In der Tat kommen hier so große Abweichungen wie in der 
ersten Versuchsreihe nicht vor. immerhin sind sie noch so bedeutend, 
daß von einer Übereinstimmung nicht gesprochen werden kann. Ein 
endgültiges Urteil läßt sich vorläufig noch nicht über die Methode 
fällen. Wir werden in Anbetracht der Wichtigkeit der Bernstein- 
säurebestimmung die Prüfung in weitgehendstem Maße fortsetzen 
und darüber später berichten. 

8. Kostprobe und chemische Untersuchung von seehs alten 
Bordeaux - Weinen. 

Die Firma Kempinski-Berlin hatte die Liebenswürdigkeit Herrn 
Prof. Wortmann sechs edle Flaschenweine aus Bordeaux zu über- 
lassen, wofür wir ihr auch an dieser Stelle danken möchten. Die 
Weine wurden zuerst der Kostprobe unterzogen und dann in unserer 
Station der chemischen Analyse unterworfen. Infolge Material- 
mangels war es leider nicht möglich, die Analyse vollständig durch- 
zuführen, insbesondere mußte auf die Bestimmung der einzelnen 
nicht flüchtigen Säuren verzichtet werden. 

I. Monopole. Grand vin. Cos d'Estournet 1878. 

Der Wein ist stark gedeckt, gelblich-braun, aber klar. An- 
genehmes Bukett Aitels-Geschmack: firn, zart, lieblich, aber rasch 
verschwindend, ohne etwas zurückzulassen. Nach der Geschmacks- 
probe fehlt ihm Alkohol. 

Anatysenergebnisse : 

Alkohol 7,87 g in 100 ccm = 9,91 Volumprozent; 

Gesamtsäure . . . 0,75 g „ ,. „ 

Flüchtige Säure . . 0,113 g „ „ 

Nicht flüchtige Säure 0,61 g „ ., „ 

Glycerin 0,8S g „ „ „ 

Alkohol : Glycerin = 100 : 11,2 
Mineralbestandteile . 0,2816 g in 100 ccm 

Extrakt 2,4916 g „ „ „ 

Stickstoff .... 0,031 g „ „ ,, 

Wasserlösliche Alkalinität 6,6 ccm - - - - -Salzsäure = 1,1 

Wasserunlösliche „ 3,8 ccm ., ,, = 0.6 

Gesamtalkalinität . . .10,4 ccm ., „ = 1,7. 

II. Chäteau Latour. Premier grand vin. 1874. 

Noch rubinrot; herrliches, weiches und zartes Bukett; ge- 
schmacklich dünn und aufgezehrt. Schmeckt jugendlicher als seinem 
hohen Alter entspricht, verglichen mit No. IV. Hat Essigstich. 
Analysenergebnisse : 

Alkohol 7,06 g in 100 ccm = 8,89 Volumprozent; 

Gesamtsäure . . . 0,65 g „ „ 

Flüchtige Säure . . 0.112 g „ ,. 

Nicht flüchtige Säure 0,52 g ,. ,. 

Glycerin 0,88 g ., ,, ,. 

Alkohol ; Glycerin = 100 : 12,5 



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Bericht über die Tätigkeit der önochemischen Versuchsstation. 



261 



Mineralbestandteile . 0,3116 g in 100 cem 

Extrakt 2,4128 g „ r „ 

Stickstoff .... 0,033 g „ „ „ 

Wasserlösliche Alkalinitiit 5,8 ccm - Salzsäure = 1,0 

b 

Wasserunlösliche ,, 4.0 ccm „ „ = 0,7 

Gesamtalkalinität ... 9,8 ccm „ „ = 1,6. 

III. Chateau Mouton. Grand vin. Rotschild. 1869. 

Fein und zart aber nicht so wuchtig wie VI. Dabei noch ein 
lieblicher Nußgeschmack und eine angenehme Süße. Ungemein fein, 
besonders auf der Zunge; angenehme Säure. Schwacher Verdacht 
auf Essigsäure. 

Analysenergebnisse : 

Alkohol 8,77 g in 100 ccm —11,05 Volumprozent: 

Gesamtsäure . . . 0,57 g „ „ ., 

Flüchtige Säure . . 0,130 g ,, ,, ., 

Nicht flüchtige Säure 0,41 g „ „ „ 

Mineralbestandteile . 0.3192 g „ „ ,. 

Extrakt 2,3516 g „ „ „ 

Stickstoff .... 0,0485 g „ „ „ 



Wasserlösliche Alkalinität 8,16 ccm 

Wasserunlösliche „ 3,92 ccm 

Gesamtalkalinität . . . 12,08 ccm 



normal 

6 

11 

W 



-Salzsäure = 1,4 
„ = 0,7 



11 



= 2 , 0 . 



IV. Chäteau Lafite. 1875. 

Etwas Depot; tieffarbiger als II. Volles, massiges, schönes Aitels- 
Bukett: schwach an Honig erinnernd. Im Geschmack dünn und 
bald nachlassend; ist bereits aufgezehrt. 



Anal y seuergebnisse : 






Alkohol 


7,80 g in 


100 


ccm = 9,83 Volumprozent: 


Gesamtsäure . . . 


0,57 g ., 






Flüchtige Säure . . 


0,109 g ., 


H 


»1 


Nicht flüchtige Säure 


0,43 g „ 


11 


11 


Mineralbestandteile . 


0,2492 g „ 




1» 


Extrakt 


2,5684 g „ 


V 


>1 


Stickstoff .... 


0,036 g „ 


11 H 

normal 



Wasserlösliche Alkalinität 4,4 ccm — „ Salzsäure - 0,7 

o 



Wasserunlösliche „ 3,6 ccm „ ,. = 0,6 

Gesamtalkalinität ... 8,0 ccm „ „ = 1,3. 



V. Chateau Margaux. Premier vin. 1875. Dubos Frörcs, 
Bordeaux. 

Starkes Depot in der Flasche; viel wuchtiger und massiger als I. 
Verschwindet aber ebenfalls sofort von der Zunge ohne etwas zurück- 
zulassen. Dem Geruch nach sehr viel Bukett Harmonisch voll 
und rund, aber nicht ganz klar; Anhauch von Bitterkeit 



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262 



III. Bericht ober die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Analysenergebnisse : 

Alkohol 8,07 g in 100 ccm = 10,17 Volumprozent; 

Gesamtsäure . . . 0,63 g ,, ,, 

Flüchtige Säure . . 0,173 g r „ „ 

Nicht flüchtige Säure 0,42 g „ ,, „ 

Glycerin 0,90 g „ ,, „ 

Alkohol : Glycerin = 100 : 11,2 
Mineralbestandteile . 0,2528 g in 100 ccm 

Extrakt 2,6888 g „ „ „ 

Stickstoff .... 0,025 g „ r 

Wasserlösliche Alkalinität 3,2 ccm — g Salzsäure = 0,5 

Wasserunlösliche „ 4,2 ccm ., „ = 0,7 

Gesamtalkalinität ... 7,4 ccm „ „ — 1,2. 

VI. Chateau Lagrange. Grand vin du chätel St Julien. 1869. 
Noch tief dunkel; sehr gedeckte Farbe. Voll und wuchtig im 
Bukett; körperreich. Tm Geschmack hervorragend weich, anhaltend, 
sauber; verhältnismäßig jugendlich: kein Alteisgeschmack; vornehm, 
hat noch einen feinen Nußgeschmack, aber etwas scharfe Säure. 
Analysenergebnisse ; 



Alkohol 


8.70 g in 


100 


ccm = 10,96 Volumprozent 


Gesamtsäure . . . 


0.68 g „ 


»1 


11 


Flüchtige Säure . . 


0,155 g „ 


11 


11 


Nicht flüchtige Säure 


0,49 g ,. 


1* 


11 


Mineralbestandteile . 


0,3132 g .. 


11 


1* 


Extrakt .....' 


2.4960 g ,. 


11 


11 


Stickstoff .... 


0,024 g„ 


11 11 
normal 



Wasserlösliche Alkalinität 6,88 ccm — Salzsäure = 1,1 



Wasserunlösliche „ 3,4 ccm „ „ = 0,6 

Gesamtalkalinität . . . 10,28 ccm ,, „ = 1,7. 

Interessant ist, daß die Weine I, II und IV geschmacklich als 
dünn und alkoholarm erklärt wurden, obwohl sie 7,87, 7,06 und 7,8 g 
Alkohol enthalten. Dagegon konnte bei den nur um wenig alkohol- 
reicheren Weinen III, V und VI (mit 8,8, 8,1 und 8,7 g) geschmack- 
lich ein solcher Mangel nicht erkannt werden. Man sieht auch hier 
wiederum, wie scharf die Zunge zu urteilen vermag, und wie vor- 
teilhaft auch solch edlen Hochgewächsen ein wenig mehr an Zucker 
im Moste gewesen wäre. Diese Tatsache haben bei uns in Deutsch- 
land die Praktiker an der Mosel längst erkannt; sie zuckern selbst 
in guten Jahren einen großen Teil ihrer guten Lagen, die im Handel 
später als selbständige Weine erscheinen und mit Preisen von 
1000—2000, ja selbst 3000 M das Fuder bezahlt werden. 

Die Gesamtsäure bewegt sich in den Grenzen 0,57 — 0,75 g; 
sie wäre als verhältnismäßig hoch zu bezeichnen. Da jedoch in 
allen Weinen im Verhältnis zur Gesamtsäure viel flüchtige Säure 
vorhanden ist, so darf man hier nur die nicht flüchtigen Säuren 



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Belicht über die Tätigkeit der önochemiscben Versuchsstation. 



203 



vergleichen, die zwischen 0,41 und 0,52 g schwanken; nur Wein 1 
enthält etwas mehr, nämlich 0,61 g. 

Daß Wein I die meiste nicht flüchtige Säure nobon wenig 
Alkohol enthält, läßt ihn besonders alkoholarm erscheinen. Bei den 
übrigen Weinen ist die nicht flüchtige Säure verhältnismäßig niedrig, 
sie drängt sich nirgends geschmacklich unangenehm hervor. 

Die flüchtigen Säurezahlen sind bei einzelnen Weinen so hoch, 
daß sie sich der deutschen Grenzzahl 0,16 g für Rotweine stark 
nähern. Bei Wein II, III und VI wurde auch durch die Geschmacks- 
probe Essigstich erkannt, merkwürdigerweise jedoch nicht bei Wein V, 
der sogar 0,17 g flüchtige Säure enthält, oder ist vielleicht „Anhauch 
von Bitterkeit“ als Kriterium des Stiches zu deuten? 

Das Alkohol-Glycerin-Verhältnis konnte wegen Materialmangels 
nicht bei allen Weinen bestimmt werden. Es ist jedoch in 3 unter- 
suchten Füllen hoch, da es zwischen 11,2 und 12,5 schwankt. 

Die Mineralbestandtoile schwanken zwischen 0,24 und 0,31 g; 
der Extrakt bewegt sich zwischen 2,4 und 2,6 g. Eigentümlich er- 
scheint der immer noch hohe Stickstoffgehalt, der bis 0,04 g steigt 
Die wasserlösliche Alkalinität schwankt zwischen 0,5 und 1,4, 
während die wasserunlösliche Alkalinität fast konstant 0,6 — 0,7 be- 
trägt. Infolgedessen schwankt auch die Gesamtalkalinität zwischen 
1,2 und 2,0. 

Das Gesamturteil der Zungeuprobe ging dahin, daß die sehr 
edlen und vornehmen Weine den Höhepunkt ihrer Entwicklung 
bereits überschritten hatten. 



9. Kleinere Mitteilungen, 
a) Honoraranalysen. 

Im Aufträge von Behörden oder auf Wunsch von Privaten 
wurden im Betriebsjahre rund 200 Untersuchungen ausgeführt. Haupt- 
sächlich betrafen diese Untersuchungen Weißweine, Rotweine und 
Beerenweine, doch wurden auch daneben geprüft: Schönungsmittel, 
Weinbergschwefel, Kupfervitriol, cyanisierte Pfähle, Weinbergs- 
büden, Zucker, Zwetschenbranntwein, Coguak, Zitronensaft, Himbeer- 
saft und anderes. 

b) Gutachten. 

Für das Vorgesetzte Kgl. Ministerium, für verschiedene Ämter 
und für Privatpersonen waren eine größere Anzahl ausführlicher 
Gutachten in Weinangelegenheiten abzugeben. Der schriftliche Ver- 
kehr mit der Praxis betraf in den meisten Fällen Anfragen über 
die Technologie der Trauben- und Obstweine; besonders häufig 
handelte es sich um trübe, umgeschlagene, nicht durchgegorene, 
stichige oder schwarz gewordene Weine. Zur Beseitigung des 
Essigstiches w r urde, wie im Vorjahre, der der Station gehörige 
Pasteurisierapparat öfters empfohlen und auch wiederholt von der 
Praxis benutzt 



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26-1 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



c) Neuanschaffungen. 

Von wertvolleren Neuanschaffungen seien folgende erwähnt: 

1. Großer Vacuum- Verdanipfapparat nach Soxhlet, komplett 
mit Manometer. 

2. Die Bibliothek wurde durch einige kleinere Werke vervoll- 
ständigt. 

d) Veröffentlichungen. 

Von der Verlagsbuchhandlung E. Ulmer in Stuttgart wurde der 
Vorstand der Station mit dem Aufträge betraut das Werkchen von 
M. Barth, die Obst- und Beerenweinbereitung neuzubearbeiten. Es 
ist im Laufe des Jahres in 6. Auflage erschienen. 

e) Kurse, Vorträge, Unterricht 

An dem in der Zeit vom 13. bis 25. August stattgefundenen 
Obstverwertungskursus fiir Männer war der Vorsteher der Versuchs- 
station mit 6 Vorträgen, an dem vom 27. August bis 1. September 
abgehaltenen gleichen Kursus für Frauen mit 1 Vortrage beteiligt. 

In der Zeit vom 19. November bis 1. Dezember fand in der 
oenochemischen Versuchsstation ein Kursus über Weinuntersuchung 
und Weinbehandlung statt. Die Beteiligung an diesem Kursus war 
eine sehr starke; 60 Hörer wurden aufgenommen und eine Anzahl, 
in den letzten Tagen vor Beginn des Kursus eingelaufener An- 
meldungen mußte infolge Platzmangels zurückgewiesen werden. Be- 
merkenswert war die rege Beteiligung der Mosel an diesem Kursus. 

In der Versuchsstation arbeiteten im Berichtsjahre 25 ältere 
Eleven, sowie als Praktikanten 5 Herren, nämlich: Theodor 
Schüler aus Trier; W. von Bossia/.ky aus Belgarodia (Rußland); 
G. F. Lindseil aus Constantia, Kapland; Louis C. Versfeld aus 
Constantia, Kapland; P. J. Retief aus Paarl, Kapland. 

f) Veränderungen im Personalbestände der Station. 

An Stelle des mit Schluß des vorigen Etatsjahres ausscheiden- 
den Assistenten I)r. Krauß trat am 1. April 1906 Herr Dr. Her- 
mann Schäfer, der die Station am 31. September wieder ver- 
ließ. Sein Nachfolger wurde vom 1. Oktober an Herr Dr. Albert 
Säameitat. 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinznehtstation. 



265 



Bericht 

über die Tätigkeit der Hefereinzuchtstation. 

Erstattet von C. Seiß, Assistentin der Station. 

Im laufenden Etatsjahr fand insofern ein Wechsel im Personal 
der Hefereinzuchtstation statt, als am 1. November der bisherige 
Assistent. Dr. Boetticher aus dem Dienste derselben ausschied, 
um die Stellung des Betriebsleiters der fiskalischen Pastillen- 
fabrik und Chemikers der Kgl. Bade- und Brunnendirektion Bad 
Ems zu übernehmen. An seine Stelle trat die Berichterstatterin, 
nachdem dieselbe im Jahre 1905 — 1906 und während der ersten 
Monate des verflossenen Etatsjahres als Volontär-Assistentin in der 
Station tätig gewesen war. Während eines dreiwöchentlichen 
Sommerurlaubs des Assistenten der Hefe-Reinzucht-Station über- 
nahm dessen Dienst der Direktorial- Assistent Lock ermann. 



A. Tätigkeit der Station im Verkehr mit der Praxis. 

1. Geschäftsverkehr. 

Die Korrespondenz mit der Praxis erfuhr im vergangenen Jahre 
wiederum eine wesentliche Erweiterung. Die Zahl der eingegangenen 
und erledigten Anfragen betrug 2350 gegenüber 1996 im Vorjahre. 
Hiervon hatten Bezug auf Umgärung von gesunden und fehlerhaften 
Weinen 622, auf Vergärung von Obst- und Beerenmoste 599, von 
Traubenmosten 393, auf Herstellung von Schaumweinen 133, 
während der Rest verschiedene nicht gärungsphysiologische Dinge 
betraf. 

Die Zahl der Ausgänge betrug 2909 gegen 2493 im Vorjahre. 

2. Tätigkeit der Station in Bezug auf die Vergärung 
der Obst- und Traubenmoste. 

Die Dauer dieser Tätigkeit erstreckt sich von Ende Juni bis 
Ende November. Sie beginnt im Juni mit der Beerenmostvergärung, 
der sich im September die Vergärung der Obst- und roten Trauben- 
moste anschließt, während im Oktober und November die Vergärung 
der weißen Traubenmoste den Schluß bildet. 

Im gleichen Schritt mit dem brieflichen Verkehr der Station 
hat auch der Reinhefe-Versand derselben im verflossenen Jahre er- 
heblich zugenommen. Gerade die diesjährige Mehrabgabe von Rein- 
hefe beweist, daß die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung 
auf dem Gebiete der Gärungsphysiologie in den Kreisen der Praxis 
mehr und mehr gewürdigt werden. Denn, da mit Ausnahme des 
größten Teiles der Mosel und einiger Teile von Rheinhessen, Baden 
und Elsaß, alle anderen deutschen Weinbaugebiete eine völlige Miß- 



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266 HI. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

ernte hatten, so wäre ein entsprechender Ausfall bezüglich der Ab- 
gabe von Reinhefe für die Mostvergärung sehr wahrscheinlich ge- 
wesen. Wenn dieser Ausfall nun nicht eingetroffen ist und im 
Oktober die Abgabe von Reinhefe zur Traubenmostvergärung im 
Vergleich mit demselben Monat des Vorjahres sogar noch eine 
Steigerung von 20% erfahren hat, so kann dies nur darauf zurück- 
zuführen sein, daß ein großer Teil derjenigen Weinproduzenten, die 
vielleicht in anderen Jahren nie Reinhefe bezogen haben, in der 
Befürchtung einer mangelhaften, spontanen Gärung und in der Ein- 
sicht der Vorteile der Roinvergiirung, der letzteren den Vorzug ge- 
geben haben. Jedenfalls war es manchem Weinproduzonten in 
diesem Jahre darum zu tun, sich den geringen Ertrag dor Ernte 
wenigstens durch eine glatte Durchgärung seines Weines zu erhalten. 
In der Tat erweisen sich die mannigfaltigen Vorteile der Vergärung 
mittels Reinhefe, die im wesentlichen in einem frühzeitigen Eintritt 
der Gärung, einer glatten Durchgärung, einem schnelleren Fertig- 
werdeu des Weines und der Erzielung eines reintönigen und rein- 
gärigen Produktes gipfeln, besonders in schlechten Jahrgängen für 
den Winzer als geradezu unentbehrliches Hilfsmittel. 

Die Nachfrage nach Reinhefe zur Apfel- und Beerenwein- 
bereitung war im letzten Jahre eine besonders häufige, so daß die 
Zahl der für diese Zwecke abgegebenen Reinhefen eine Höhe er- 
langt hat. wie sie seit dem Bestehen der Station noch nicht erreicht 
worden ist. So wurden in diesem Jahre über 100 Reinhefen zur 
Beerenmostvergärung und über 150 Reinhefen zur Apfelmostvergärung 
mehr verlangt als im vorigen Jahre. Wenn in dieser Hinsicht 
auch die guten Ernteergebnisse des Jahres 11106 gegenüber 1905 
mit ausschlaggebend gewesen sind, so ist doch der Mehrverbrauch 
an Reinhefe gerade für die Beeren- und Obstmostvergörung cha- 
rakteristisch für die durch Obstbauschulen und Wanderlehrer in Vor- 
trägen und fach wissenschaftlichen Zeitungsartikeln erstrebte, in allen 
Teilen Deutschlands von Jahr zu Jahr zunehmende Aufklärung in 
gärungsphysiologischen Fragen. Denn die Herstellung von Obst- 
und Beerenwein wird lange nicht in dem Maße, wie die Trauben- 
weinbereitung, als Lebensunterhalt betrieben, sondern in den weit- 
aus größten Teilen sind es Privatleute, die den mehr oder weniger 
großen Ertrag ihrer Gärten zur Weinbereitung für die Verwendung 
im eigenen Haushalte heranziehen. Wenn trotzdem die Ausgaben 
und die, wenn auch geringe, mit dev Verwendung der Reinhefe 
verbundene Mühe nicht gescheut wird, so ist das wohl dor beste 
Beweis dafür, daß auch bei kleinen Mostmengen die Kosten und 
die Arbeit reichlich durch die Güte des Gärproduktes aufgewogen 
worden. In der Tat zähion diejenigen, die einmal Reinhefe in 
richtiger Weise für ihre Obst- oder Beerenweine angewendet haben, 
zu den treuesten Abnehmern, und wenn das von ihnen hergestellte 
Quantum auch nur 1 hl oder noch weniger heträgt. Zu wünschen 
wäre es, daß die Möglichkeit eines gemeinsamen Bezuges von Rein- 
hefe und die Herstellung eines größeren, dann zur Verteilung kom- 
menden Ansatzes, noch mehr bekannt würde. Können doch auf 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinzuehtstation. 267 

diese Weise die Kosten für den einzelnen wesentlich verringert und 
die Verwendung der Reinhefe den weitesten Kreisen ermöglicht 
werden. 

3. Tätigkeit der Station in Bezug auf UingSren von Weinen, 
Sehuumwcinbereitung und DurchgSren von Wein 
mittels Reinliefe. 

Nicht nur die Verwendung von Reinhefe für die Zwecke der 
Mostvergärung ist von Jahr zu Jahr eine häufigere geworden, sondern 
auch für andere Zwecke der Kellerwirtschaft, wenn es sich darum 
handelt verbesserungsbedürftige, ungenügend vergorene, fehlerhafte 
und kranke Weine in haltbare, konsumfähige Produkte umzuwandeln, 
findet die Anwendung von Reiuhefo immer mehr Anhänger. Gerade 
die vielseitige Verwendung der in den letzten Jahren abgegebenen 
Umgiirungshefeu spricht dafür, daß der Praktiker bislang nur gute 
Erfahrungen bei der Verwendung von Reinhefe zur Verbesserung 
und Wiederherstellung seiner Weine gemacht hat, und daß ihm die 
Vorteile, die bei sachgemäßem Vorgehen das Verfahren der Um- 
gärung zu bieten vermag, bekannt sind. 

Von den im vergangenen Jahre abgegebenen Reinhefen fand 
eine große Anzahl Verwendung zur Verbesserung und Haltbar- 
machung geschmacklich fehlerhafter, geringer Weino. Auch handelte 
es sich häufig um alte, abgelagerte, mattgewordene Weine, die, um 
wieder leichter verkäufliche Produkte zu werden, einer Um- oder 
Aufgärung unterworfen werden mußten. Dieses Verfahren, alte, 
firne Weine durch die Gärungskohlensäure wieder aufzufrischen, 
hat bekanntlich gegenüber dem Imprägnierungsverfahren den Vor- 
teil, daß dem Weine auch die anderen Gärungsprodukte, vor allen 
Dingen die Bukettstofte zu gute kommen, und es ist daher leicht 
erklärlich, daß der Weinproduzent der Aufgärung mittels Reinhefe 
gegenüber dem Imprägnieren mit künstlicher Kohlensäure vielfach 
den Vorzug gibt. 

Verhältnismäßig lebhaft gestaltete sich in den Monaten November 
und Dezember die Nachfrage nach Reinhefe zum Zwecke der Durch- 
gärung steckengebliebener Weine. Da das Steckenbleiben der Gärung 
sehr verschiedene Gründe haben kann, ist die Behandlung der- 
artiger Weine stets nur von Fall zu Fall zu entscheiden. Ein Wein 
kann entweder überzuckert sein, so daß selbst unter sonst günstigen 
Bedingungen eine Durchgärung desselben unmöglich ist, oder die 
in dem Moste vorhandene Hefe war eine sehr wenig leistungsfähige. 
Nicht selten w ird auch die Tätigkeit der Hefe, besonders am Ende der 
Hauptgärung, durch zu niedere Temperatur des Gärlokals zum 
Stillstand gebracht und schließlich kann auch die Unterbrechung 
der Gärung auf ungenügende Ernährung der Hefe zurückzuführen 
sein. Da jedoch in jedem, auch dem geringsten Traubenmoste, 
vorausgesetzt, daß er naturrein in das Faß kommt, die Hefe die 
für ihr Wachstum und ihre Gärtätigkeit erforderlichen Nährstoffe in 
genügender Menge vorfindet, so ist das Steckenbleiben der Weine 



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268 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



wegen ungenügender Ernährung der Hefe fast stets auf künstliche 
Veränderung der Zusammensetzung des Mostes durch den Wein- 
produzenten selbst zurückzuführen. 

Dementsprechend war, wie die Untersuchung der im letzten 
Jahre eingesandten, in der Gärung steckengebliebenen Weine ergab, 
in fast allen Fällen eine abnorme Zusammensetzung des Mostes die 
Ursache für das Steckenbleiben der Gärung gewesen. Hauptsäch- 
lich waren es Weine, die neben einem relativ hohen Alkohol -Ge- 
halt noch reichliche Mengen unvergorenen Zucker enthielten, welche 
erst, nachdem der Wein mit einem anderen alkoholarmen Weine 
verschnitten wurde, unter Anwendung von Reinhefe zur Vergärung 
gebracht werden konnten. Die Produzenten derartiger Weine sind 
gewöhnlich Winzer, die die Absicht haben, ihre Weine zu ver- 
bessern, sich aber über Wesen und Ziele einer rationellen Wein- 
verbesserung nicht klar sind und daher ihre Zusätze falsch bemessen. 
Den Schaden bei der Sache hat natürlich der Winzer selbst zu 
tragen. Denn abgesehen davon, daß die Korrektur der fehlerhaften 
Zusammensetzung später nur schwer möglich ist, zum mindesten 
viel Arbeit, Mühe und Zeit verlangt, neigen solche falsch zusammen- 
gesetzten Moste und Jungweino leicht zu allerlei Erkrankungen, be- 
sonders Essigstich, und können somit unter Umständen ganz wertlos 
werden. Wenn man bedenkt, daß es sich dabei nicht selten um 
ein Quantum von 10000—20000 1 Wein handelt, erscheint das 
leichtsinnige Vorgehen mancher Weinproduzenten unbegreiflich. Es 
mußte daher von seiten der Station immer wieder auf Wesen und 
Ziele einer sachgemäßen Weinverbesserung gegebenen Falles hin- 
gewiesen und das weit bessere Verfahren empfohlen werden, nach 
welchem geringer Most zunächst ohne jeden Zusatz unter Anwendung 
von Reinhefe vollständig vergoren und die Zuckerung erst am Jung- 
wein nach dem ersten Abstich und zwar auf Grund der Alkohol- 
und Säurebestimmung vorgenommen wird. Bei diesem Verfahren 
hat der Praktiker die Gewißheit, daß die seinem Weine zugesetzten 
Zuckermengen unter nochmaliger Anwendung von Reinhefe rasch 
und vollständig zur Vergärung gelangen. 

Zur Schaumweinbereitung wurden die Rassen „Steinberg 1892 u 
und besonders „Champagner Ay u viel abgegeben. Auch auf diesem 
Gebiete hat sich die Reinhefe in vielen Betrieben unentbehrlich ge- 
macht, da ihre Verwendung bei sonst richtiger Zusammensetzung 
der Cuvöes ein Steckenbleiben der Flaschengarung so gut wie un- 
möglich macht. 

4. Untersuchung und Behandlung fehlerhafter und kranker 

Weine. 

Auch im vergangenen Jahre wurden der Station von seiten der 
Praxis eine große Anzahl fehlerhafter und kranker Weine zur Unter- 
suchung eingesandt. 

Da die häufigsten Weinfehler und Weinkrankheiten auf eine 
mangelhafte Herstellung oder Aufbewahrung des Weines zurück- 



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Bericht über die Tätigkeit der Heferein ruchtstation. 269 

zuführen sind, so ist es erklärlich, daß ein großer Anteil der der 
Station übermittelten Weine dem Keller der Obst- und Beerenwein- 
produzenten entstammt, welche infolge der Notwendigkeit eines 
künstlichen Eingriffs in die natürliche Zusammensetzung der Obst- 
und Beerenmoste viel leichter in die Lage kommen, durch unsach- 
gemäße Verbesserung" Fehler zu begehen, als die Traubenwein- 
produzeuten. Dies ist um so eher der Fall, als ihnen meist ein ge- 
nügendes Verständnis für gärungsphysiologische Dinge gänzlich ab- 
geht, so daß die einfachsten Vorsichtsmaßregeln zur Vorbeugung von 
Fehlern und Krankheiten, wie Reinlichkeit aller Kellergerätschaften, 
nicht zu langes Keltern der süßen Maischen, sorgfältiges Einschwefeln 
der Fässer nach dem Abstich, Lagern des Mostes resp. Weines bei 
angemessener niederer Temperatur in spundvollen Fässern usw. oft 
ganz oder zum Teil außer acht gelassen werden, alles Vorsichts- 
maßregeln, die in Weinländern durch Jahrhunderte lange Erfahrung 
dem Winzer gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen sind. Da 
oft schon ein kleiues Versehen bei der Weinbereitung die Ursache 
zu den gefährlichsten Krankheiten werden kann, so ahnt es oft der 
Praktiker bei den ersten krankhaften Veränderungen seines Weines 
garnicht, daß derselbe damit einen sicheren Weg zum völligen Ver- 
derben angetreten hat, wenn nicht beizeiten der richtige Weg zur 
Heilung eingeschlagen wird. Oft werden dann aber aus mangelndem 
Verständnis statt dessen allerlei Mittel angewendet, die zur Heilung 
der Krankheit dienen sollen, meist aber gerade das Gegenteil zur 
Folge haben. Nicht seiten wird ein derartiger, bereits verkehrt 
behandelter Wein der Station mit der Bitte um Rat und Hilfe ein- 
geschickt, wenn es zu spät ist und demselben nicht mehr geholfen 
werden kann. 

Wie die Untersuchung einiger Obst- und Beerenweine ergab, 
waren die Erkrankungen und Fehler derselben auch durch falsche 
Bemessung des Wasser- und Zuckerzusatzes hei der Zubereitung 
verschuldet worden. Besonders hei Apfelweinen, die man in der 
Regel ohne Wasserzusatz zur Vergärung bringt, muß der Praktiker 
eine übermäßige Verdünnung oft hart büßen. Infolge von Mangel 
an Nährstoffen vermag in einem solchen verdünnten Apfelmoste oft 
die anspruchsloseste, gärkräftigste Hefe nur eine mangelhafte Gärung 
einzuleiten, so daß durch die gleichzeitige Mitarbeit schleimbildender 
Organismen schließlich die Gärung, noch ehe aller Zucker vergoren 
ist, aufhört und durch das Weiterarbeiten der schädigenden Organismen 
der Wein vollständig verdirbt. Auch das so häufige Schwarzwerden 
der Apfelweine ist meist durch Verdünnung des Mostes hervor- 
gerufen. Das Schwarzwerden der Weine beruht bekanntlich darauf, 
daß das im Wein als Oxydulsalz vorhandene Eisen bei Berührung 
mit Luft in die Oxydform übergeht und dann sich mit der Gerb- 
säure zu Ferritannat, also jener auch in Eisengallustinte vorhandenen 
Substanz, verbindet Ein hoher Säuregehalt verhindert wegen der 
Löslichkeit des gerbsauren Eisens in Säuren diese Erscheinung. Es 
ist daher leicht erklärlich, daß, besonders in Apfelweinen, die ge- 
wöhnlich einen erheblichen Gerbstoff- und niederen Säuregehult auf- 



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270 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

weisen, schon durch eine unwesentliche Verdünnung der Fehler des 
Schwarz Werdens in Erscheinung treten kann. Die richtige Auswahl 
und Mischung der zur Bereitung verwendeten Fruchtsorten ist daher 
das beste Vorbeugungsmittel. 

Kino weitere Tatsache, die sich von Jahr zu Jahr immer wieder 
in der Kellerwirtsclmft des Apfelweinproduzenten wiederholt, ist, 
daß die Weine häufig viel zu spät, zuweilen überhaupt garnicht, 
von der Hefe getrennt werden. Die Folge davon ist, daß auch diese 
Weine neben unangenehmen Gesehmacksfehlern, die das Produkt 
unter Umständen vollkommen ungenießbar machen können, mit dem 
Fehler des Schwarzwerdens behaftet sind. 

Unter den im letzten Jahre der Station zur Begutachtung ein- 
geschickten Traubenweinen, befanden sich, wie dies auch in früheren 
Jahren stets der Fall gewesen ist, meist solche, deren fehlerhafte 
und direkt krankhafte Veränderungen sich durch Trübung kenn- 
zeichneten. Naturgemäß muß bei derartigen Weinen zunächst das 
Wesen der Trübung festgestellt werden, denn erst nachdem die 
Natur der trübenden Bestandteile erkannt ist, ist es möglich, auf 
die Ursache des Übels zu schließen und den rechten Weg zur Be- 
seitigung der Trübung bezw. zur Wiederherstellung des Weines 
einzuschlagen. 

Handelt es sich um Trübungen, welche durch Organismen her- 
vorgerufen werden, so richtet sich die Behandlung des Weines einer- 
seits nach der Art der Organismen und andererseits nach den Ursachen, 
welche das Auftreten derselben bedingen. Ebenso erfordert jeder 
Wein, dessen Trübung durch nachträgliche Ausscheidungen entstanden 
ist, eine Behandlung, die sich seinem speziellen Falle anpaßt und der 
Beseitigung der Ursache des Fehlers nachgeht. Wenn auch in vielen 
Fällen eist die chemische Analyse Aufklärung über die Möglichkeit 
des Zustandekommens vorhandener Trübungen im Wein zu geben 
vermag, so ist doch die mikroskopische Untersuchung eines solchen 
Weines von weit größerer Wichtigkeit. Häufig genügt sogar schon 
der mikroskopische Befund eines trüben Weines, um die Behand- 
lungsweise zur Beseitigung des Fehlers angeben zu können. Als 
vorzügliches, fast nie fehlsehlagendes Mittel bei der Behandlung 
kranker und fehlerhafter Weise erwies sich auch im letzten Jahre 
die Umgärung mittels Keinhefe. Wenn auch in einzelnen Fällen 
auf eine vollständige Wiederherstellung des Weines durch Umgärung 
verzichtet werden mußte, so erreichte ihre Anwendung doch wenig- 
stens eine wesentliche Besserung des Produktes, indem dem Weine 
die bei der notwendig gewordenen Behandlung, wie Pasteurisieren, 
Peitschen, Lüften, Filtrieren etc. verloren gegangene Frische wieder 
zurückgegeben werden konnte. 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinzuchktatiou. 



271 



B. Wissenschaftliche Tätigkeit der Station. 

1. Über den Einfluß der Temperatur auf (Jeruch und 
(Jeschinack der Weine. 

Da unser Geschmacks- und Geruchsempfinden in hohem Grado 
abhängig ist von der Temperatur der Geschmack und Geruch geben- 
den Stoffe, so muß demzufolge auch die Temperatur des Weines 
von höchstem Einflüsse sein auf seine geschmackliche und geruch- 
liche Wirkung. Da wir aber die Wertschätzung eines Weines 
bestimmen nach der Intensität, sowie nach der Geschwindigkeit und 
Dauer der Einwirkung seiner Bestandteile auf unsere Geschmacks- 
und Geruchsorgane, so ist demzufolge die Temperatur des Weines 
ein sehr wichtiger Faktor bei seiner Wertabschätzung, und es ist 
deshalb keineswegs gleichgültig, bei welcher Temperatur wir einen 
Wein genießen. 

Um so auffallender war es daher, daß die Weinliteratur Uber 
diesen wichtigen Faktor für die richtige Taxation eines Weines, zu- 
mal bei Versteigerungen, bisher teils gar keine, teils nur sehr un- 
vollkommene Angaben machte und daß diese letzteren sich zudem 
noch meist nicht unwesentlich widersprachen. Letzterer Umstand 
beruht wohl darauf, daß die über diesen Punkt bisher nngestellten 
Beobachtungen nicht planmäßig und auch nicht mit genügend 
großen und genügend differentem Materiale ungestellt waren. Es 
erschien daher dringend wünschenswert, über diese Frage durch 
genaue vergleichende Versuche, welche wissenschaftlich einwandsfrei 
waren und zugleich den Forderungen der Praxis gerecht wurden, 
nähere Aufklärung zu verschaffen. Dieser Aufgabe hat sich nun 
der Vorstand der Station, Professor Dr. Wortmann unterzogen, 
indem er es sich angelegen sein ließ, an der Hand eines sehr wert- 
vollen und umfangreichen Materiales diejenigen Temperaturen zu 
ermitteln, bei welchen die einzelnen Geschmacks- und Geruchsstoffe 
des Weines am besten zur Wirkung gelangen und damit gleichzeitig 
zu ermitteln, bei welchen Temperaturen ein Wein sich am vorteil- 
haftesten probiert Wortmann nennt diese Temperatur für jeden 
Wein kurz die „Kosttemperatur“. Das Resultat dieser Unter- 
suchungen und ihre Methode sind in Thiels Landwirtschaftlichen 
Jahrbüchern, Bd. XXXV, S. 741 u. f. im Laufe des Berichtsjahres 
veröffentlicht und es kann daher wegen der näheren Details der 
Versuche selbst auf die ausführliche Abhandlung an jener Stelle 
verwiesen werden. 

Als Material waren Prof. Wortmann für diese Untersuchungen 
etwa 150 Weine, Weiß- und Rotweine, der verschiedensten Qualität, 
Herkunft, Jahrgänge und Lagen aus dem In- und Auslande zur 
Verfügung gestellt worden. Die chemischen Analysen dieser Ver- 
suchsweine sind der Abhandlung bei jeder Nummer beigegeben. 
Doch wurden dieselben, um eine Beeinflussung durch dieselben aus- 
zuschließen, erst nach jedesmaliger Kostprobe festgestellt. 



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272 



III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



Durch entsprechende Vorvorsucbe wurde zunächst die zuver- 
lässigste Methode, die Temperatur der Weine fiir die Dauer der Ver- 
suche konstant zu erhalten, nusprobiert und dabei wurden zugleich die 
unteren und oberen Temperaturgrenzen festgelegt, innerhalb deren 
die Kosttemperatur im allgemeinen zu suchen war. Als Prüfungs- 
kommission trat jedesmal ein aus mehreren Weinsachverständigen 
zusammengesetztes Kollegium zusammen. 

Schon die ersten orientierenden Vorversuche ergaben sehr 
interessante Resultate. Sie zeigten, daß für Weißweine Kosttemperaturen 
unter 10° C. direkt ungünstig wirken; die Geschmacks- und Geruchs- 
nerven werden bei solchen Temperaturen zu wenig erregt und die 
Reaktion selbst dauert zur kurze Zeit an. Infolgedessen verschwindet 
der Wein zu bald von der Zunge und probiert sicli daher leer. Als 
obere Temperaturgrenzo erwies sich 12° C. Über diese hinaus 
stört ganz besonders ein übermäßiges Hervortreten von Alkohol die 
Harmonie im Geruch, „das Bukett fällt auseinander 1 '. Geschmacklich 
tritt Uber 12° die .Säure einseitig hervor und macht den Wein daher 
direkt kratzend. 

Wiesen bereits diese vorläufigen Resultate auf eine ungemein 
feine Reaktionsfähigkeit unserer Geruchs- und Geschmacksnerven 
hin, indem dieselben sich imstande zeigten, bei einer und derselben 
Materie Temperaturdifferenzen von nur 2° C. schon scharf zu 
empfinden, so zeigte sich diese Eigenschaft unserer Sinnesorgane in 
noch auffälligerer Weise bei den weiteren Vorversuchen mit Rot- 
weinen. Bei diesen lagen die Temperaturgrenzen, innerhalb deren 
die Kosttemperatur zu suchen war, um nur 1° C. auseinander, näm- 
lich zwischen 16® und 17® C. 

Es war mithin durch diese Vorversuche nicht nur die allgemeine 
theoretische Erwägung bestätigt, daß der Temperatur ein sehr wesent- 
licher Einfluß auf den Geschmack und Geruch der Weine zuge- 
schrieben werden müsse, sondern zugleich auch gezeigt, daß das 
Temperaturoptimum sogar zwischen sehr engen Grenzen liegt Des- 
halb sind auch, wie oben bereits hervorgehoben, die Angaben früherer 
Autoren, sofern sie überhaupt nähere Angabeu über die Kost- 
temperatur machen, nicht nur ungenau, sondern in ihrer Allgemein- 
heit infolge der erwähnten feinen Reaktionsfähigkeit unserer Nerven 
geradezu unbrauchbar. 

Allerdings zeigen die Angaben von Babo und Mach 1 ), dal 
Piaz 2 ) und Schilling 3 ) insofern eine Übereinstimmung mit Wort- 
manns Befunden, als sie sämtlich als unterste Temperaturgrenze 
für Weißweine 10® C. angeben. Auch Hellenthal 4 ) empfiehlt, den 
Wein nicht unter 10° C. temperiert zu trinken, macht aber gar 

*1 Babo, A. von und Mach, E., Handbuch des Weinbaues und der Keller- 
wirtschaft. 3. Auf], 2. Band, S. 771, Berlin, P. Parey, 1806. 

Dal Piaz. Handbuch der praktischen Kellerwirtschaft; S. 80. Leipzig, 
A. Hartleben. 

a ) Schilling. J. A , Gewerbeblutt für Hessen 1881. 

*) Hellenthal. K. A.. Hilfsbuch für Weiubesitzer und Weinhändler, 10. Aufl., 
vet fallt von J. Bcyse, S. 2ü0; Hartlebens Verlag. 1883. 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinzuchtstation. 273 

keinen Unterschied zwischen Weißwein und Rotwein! Nach unten 
bin gehen Hamm 1 ) und Dahlen*) zu weit, wenn sie als unterste 
Grenzen 8—10° C. angeben und nach oben hin entfernen sich Babo 
und Mach zu sehr vom Optimum, wenn sie dieses, besonders für feine 
Bukettweine, 12 — 15° C. nennen. Noch mehr gilt dieses aber für 
Rotweine, für die sie als beste Kosttemperatur 18 — 20° C., für sehr 
herbe Rotweine selbst 30° C. bezeichnen! Überhaupt weichen be- 
züglich der Rotweine die Angaben untereinander und gegen die 
von Wort mann gefundenen Werte erheblicher ab als bei Weiß- 
weinen. So gibt Schilling (1. c.) als beste Kosttemperatur für 
Rotweine 15® C., dal Piaz 15 — 17Vi°C. an. Letztere Grenzzahlen 
kommen ja den in Wort man ns Vorversuchen gefundenen Tempe- 
raturen näher, sind aber aus den angegebenen Gründen viel zu weit 
gehalten. 

Im übrigen zeigten die Vor versuche sämtlich ein einander ähn- 
liches Bild. Die Geruchsstoffe kommen bei niederen Temperaturen 
(unter 5® C.) noch gar nicht zum Ausdruck, die Geschmacksstoffe 
sogar nicht unter 8° C. Bei steigender Temperatur treten dann 
beide mehr und mehr hervor, um schließlich bei einer Mitteltempe- 
ratur (bei Weißweinen zwischen 10 und 12®C., bei Rotweinen zwischen 
16 und 17° C.) zu einer harmonischen Gesamtwirkung sich zu ver- 
einen. Über diese obere Temporaturgrenze hinaus macht sich ein 
einseitiges Hervordrängen einzelner Bestandteile des Weines, im Ge- 
ruch besonders des Alkohols, im Geschmack der Säurt*, bei den Rot- 
weinen auch der Gerbstoffe, in störender Weise bemerkbar. Die 
schon wiederholt hervorgehobene äußerst empfindliche Reaktions- 
fähigkeit unserer Geruchs- und Geschmacksnerven ließ es nun als 
wünschenswert erscheinen, auch innerhalb der in den Vorversuchen 
gefundenen Grenzen, die für alle Rot- bezw. Weißweine als maß- 
gebend erkannt waren, noch jene Kosttemperaturen näher zu be- 
stimmen, die für Weine ganz bestimmter Gattungen, z. B. schwere 
und leichte, bukettreiche und bukettarme usw. als Optima anzu- 
sprechen wären. Denn da alle jene Stoffe, welche die Gesamtqualität 
des Weines charakterisieren, sowohl quantitativ wie qualitativ, in so 
mannigfaltiger Weise in demselben variieren, daß es kaum zwei 
Weine von genau gleicher Zusammensetzung geben dürfte, und da 
andrerseits alle jene Stoffe bei verschiedenen Temperaturen ver- 
schieden stark zur Geltung kommen, so mußte es auch, rein theo- 
retisch betrachtet, für jeden Wein eine durch seine spezifische Zu- 
sammensetzung bedingte spezifische Kosttemperatur geben, bei welcher 
derselbe geruchlich und geschmacklich seine Eigenschaften am besten 
entfaltet. 

Da ergaben nun aber die weiteren Versuche ein sehr über- 
raschendes Ergebnis. Ungeachtet der spezifischen Wirkung der ein- 
zelnen für den Geruch und Geschmack eines Weines maßgebenden 



‘) Ham in, W., Das Weinbuch S. 607 u. f. Leipzig, J. F. Weber. 1886. 

’l Dahlen. II. W., Die Weiubereitung S. 889. Braunschweig, F. Vieweg 
und Sohn, 1878. 

OeioenhoimtT Bericht 1900. 1 8 



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274 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

Stoffe ergaben die vergleichenden Kostproben als wesentliches Re- 
sultat, „daß die Gesamtkomposition des Weines auf die Wirkung der 
Geruchs- und Geschmacksstoffe desselben bei verschiedenen Tempe- 
raturen ohne besondere Bedeutung ist“. Es ergab sich vielmehr 
für sämtliche Weißweine, ebenso wie für sämtliche Rotweine je eine 
Einheits-Kosttemperatur, indem festgestellt werden konnte, daß sich 
alle Weißweine bei 11° C. und alle Rotweine bei 16,5° C. am 
besten probieren. Dieses ist nicht etwa ein zufälliges Resultat, 
welches daraus zu erklären wäre, daß zufällig alle Versuchsweine 
eine gleiche oder doch annähernd gleiche chemische Zusammen- 
setzung gehabt hätten. Denn wie schon aus der bei allen Weinen 
angegebenen chemischen Analyse hervorgeht, handelte es sich bei 
ihnen um solche, die zum Teil sogar sehr weitgehende Verschieden- 
heiten in der stofflichen Zusammensetzung aufwiesen. Auch wurden 
ja, wie schon eingangs erwähnt, Weine der verschiedensten Jahr- 
gänge, Lagen und auch Gebiete untersucht. Unter den Weißweinen 
befanden sich solche vom Rheingau, der Pfalz, der Mosel, Saar und 
Bergstraße. Die untersuchten Rotweine entstammten sowohl deut- 
schen Rotweingebieten, wie Aßmannshausen, Ingelheim, Baden, als 
auch ausländischen, z. B. Steiermark, Tirol, Italien, Bordeaux und 
Burgund. Es handelte sich also um Weine, die nach Art und 
Qualität sich durchaus voneinander unterschieden und in der Tat 
auch bei der Probe die größten Verschiedenheiten in Geruch und 
Geschmack aufwiesen. Dennoch ergab sich aber als ständig wieder- 
kehrendes Resultat, daß jeder Weißwein bei 11° C. und jeder Rot- 
wein bei lti,5° C. sich am vorteilhaftesten probte. Schon so ge- 
ringe Abweichungen wie nur wenige Zehntelgrade von dieser Kost- 
temperatur lassen einen Wein deutlich minderwertigerscheinen, und 
zwar Quantitätsweine in höherem Grade als Qualitätsweine. Dabei 
zeigte sieh als eine weitere Regelmäßigkeit daß sich Abweichungen 
nach unten weniger störend bemerkbar machten, als solche nach 
oben, so daß z. B. Weißweine von Qualität bei 10° C. besser mun- 
den als bei 12° C. und Rotweine bei 1 - r > l / 2 0 C. besser als bei 17° C. 
Hieraus folgt, daß Qualitätsweine eher zu kühl als zu warm ge- 
ti unken werden dürfen. 

Für die Konsumenten geht aus obigen Darlegungen hervor, 
daß es ebenso falsch ist, die Weine zu kalt zu trinken — wie 
dieses besonders mit den auf Eis gekühlten Weißweinen leider viel- 
fach geschieht — noch dieselben zu sehr zu erwärmen, wie z. B. 
Rotweine. In beiden Fällen werden alle guten Eigenschaften, welche 
ein Wein in sich birgt, geradezu getötet, während zugleich, und 
das ist für die Weinproduzenten und -hündler von großer Wichtig- 
keit etwa ihm anhaftende Geruchs- und Geschmacksfehler nur um so 
schärfer hervortreten. Die Versuche Wortmanns haben sich näm- 
lich nicht nur auf gesunde Weine, sondern auch auf fehlerhafte und 
kranke erstreckt 

Zur Untersuchung gelangten in dieser Richtung über 30 ver- 
schiedene Weiß- und Rotweine und zwar solche, die stichig, kahmig, 
schleimig oder rahn waren oder einen fauligen oder schimmeligen 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinzuchtstation. 



27o 



Geruch oder Geschmack aufwiesen. Hierbei zeigte sich nun durch- 
weg, daß derartige Fehler oder Krankheiten der Weine sich bei der 
eigentlichen Kosttemperatur von 11° C. bezw. 16,5° C. am wenigsten 
bemerkbar machen, unter Umständen, wenn sie in nur geringem 
Grade vorhanden sind, sogar ganz verdeckt werden. Sofort änderte 
sich dieses Verhalten derselben aber, wenn dieselben Weine bei 
Temperaturen geprobt wurden, die von der Kosttemperatur mehr 
oder weniger erheblich abwichen! Beispielsweise war bei Weinen, 
die mit Schimmelgeruch und -geschmack behaftet waren, von diesen 
Fehlern bei der Kosttemperatur kaum etwas zu bemerken; sobald 
sie aber bei nur 8° C. (Weiß) bezw. 14° C. (Rot) probiert wurden, 
trat der muffige Schimmelgeruch unverkennbar hervor. Geschmack- 
lich war der Fehler aber auch bei diesen niederen Temperaturen 
noch kaum wahrzunehmen, eine Tatsache, die sich aber mit einem 
Schlage änderte, wenn man den Wein auf 12° (Weiß) bezw. 17 bis 
18° C. (Rot) erwärmte. Bann machte sich der Schimmel auch im 
Geschmack äußerst unangenehm geltend. Das gleiche Verhalten 
bezüglich des Geruchs und Geschmacks zeigten auch rahne Weine. 
Bei kahmigen Weinen kam der Gehalt an Buttersäure am deutlich- 
sten bei höheren Temperaturen zum Vorschein, während der Essig- 
äther bei denselben geruchlich bei niederen, geschmacklich bei 
höheren Wärmegraden am leichtesten zu konstatieren war. Eine 
besondere Stellung nehmen die stichigen Weine ein. Da nämlich 
die Essigsäure relativ schwer flüchtig ist, so tritt sie geruchlich am 
besten bei höheren Temperaturen hervor. Dem Geschmack aber 
gibt sich die Essigsäure, sowohl bei solchen Temperaturen, die unter, 
als auch bei solchen, die über der Kosttemperatur liegen, zu er- 
kennen, am deutlichsten aber bei niederen. Dabei ist zu beachten, 
daß gleiche Mengen flüchtiger Säuren, je nach der chemischen 
Zusammensetzung eines Weines, in dem sie enthalten sind, ver- 
schieden intensiv hervortreten, nämlich um so mehr, je extraktärmer 
solche Weine sind. Um daher selbst sehr geringe Mengen von 
Essigsäure feststellen zu können, setzt man einer Probe derart ver- 
dächtiger Weine zwecks Herabsetzung des Gehaltes an Mineral- 
bestandteilen Wasser zu und zwar bis zur Hälfte ihres Volumens 
und probt sie dann bei etwa 8° C. (Weiß) bezw. 14 4 C. (Rot). 
Zwar erleidet dadurch ja auch die eventuell vorhandene Essigsäure 
eine entsprechende Verdünnung, aber trotzdem wird sie auf diese 
Weise, da sie als Säure dominiert, geschmacklich stärker und leichter 
empfunden. Endlich sind noch die bitteren Rotweine zu erwähnen. 
Bereits früher hatte Wortmann nachgewiesen, daß die Bitterstoffe 
des Rotweines bei niederen Temperaturen zum Teil als sogenannte 
Bitterkömehen ausfallen und dadurch geschmacklich unwirksam 
werden. Beim Erwärmen aber lösen sie sich wieder auf und kommen 
demgemäß wieder zur Wirkung, woraus folgt daß ein Rotwein bei 
der Prüfung auf Vorhandensein von bitterem Geschmack bei höheren 
Temperaturen, etwa 17,5° C. zu kosten ist. 

Aus vorstehend mitgeteilten Untersuchungen, die auf ein außer- 
ordentlich reichhaltiges Material gestützt sind und in der Wort- 

18 * 



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276 UI. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

mannschen Abhandlung mit allen Details eingehend wiedergegeben 
sind, geht also hervor, daß 

,,die Temperatur des zu kostenden Weines ein Faktor 
ist, welcher ganz besonders bei Wein-Taxationen 
und -Versteigerungen die größte Beachtung verdient, 
weil os gerade hier darauf ankommt, alle guten Eigen- 
schaften, alle geruchlichen und geschmacklichen 
Finessen, welche der Wein in sich birgt, wahrzu- 
nehmen. Falsch temperierte Weine müssen bei der 
Taxation daher stets geringer bewertet werden, als 
ihrer Qualität entspricht“ 

Die Praxis hat diese Erfahrung längst gemacht, und bei den 
Weinversteigerungen werden die Weine daher tunlichst so dar- 
geboten, daß ihre Temperatur, ungefähr wenigstens, der von Wort- 
raann genauer festgestellten Kosttemperatur entspricht. Allein man 
stellt die Weine doch nur nach dem allgemeinen Gefühle in der 
Temperatur und somit nur annäherungsweise ,, richtig“. Da nun durch 
obige Versuche festgestellt wurde, daß schon ein Abweichen von nur 
wenigen Dezigraden von der Kosttemperatur den Wein geruchlich wie 
geschmacklich herabstimmt, so dürfte es in hohem Grade wünschens- 
wert erscheinen, sich bei der Taxation der Weine über die Tempe- 
ratur des Weines im Glase genau zu informieren, um ihn, sofern 
dieselbe etwas zu hoch oder zu niedrig erscheint, durch Abkühlen 
oder durch geringes Erwärmen (in den meisten Fällen dürfte schon 
ein Erwärmen des Glases mit der Hand genügen) zunächst auf seine 
Kosttemperatur zu bringen. 

Prof. Wort mann hat deshalb ein kleines bequem in der 
Westentasche zu tragendes Thermometer herstellen lassen, auf 
welchem mit horizontalen roten Strichen die Kosttemperaturen für 
Weißweine (11° C.) und für Rotweine (16,5° C.) angegeben sind. 
Dasselbe ist zu beziehen von der Firma Christ. Kob & Co.. 
Stützerbach i. Thür. K. Löckermann. 

2. Die Kultur und Vermehrung der Sammlung der Reinhefen 
und sonstigen Gärungsorganismen. 

Neben der geschilderten Tätigkeit der Station im Verkehr mit 
der Praxis nach außen ist es ihre besondere Aufgabe, die für die 
verschiedenen Zwecke der Praxis bestimmten reingezüchteteu Hefen 
und die zu wissenschaftlichen Zwecken dienenden sonstigen Gärungs- 
und Mikroorganismen nach wissenschaftlichem Verfahren von Jahr 
zu Jahr lebend weiter zu erhalten, andrerseits aber auch neue Rein- 
hefen aus von der Praxis eingesandten Trubs heranzuzüchten und 
in Bezug auf ihre Leistungen zu prüfen, um sie dann eventuell in 
den Vertrieb mit aufzunehmen. 

Dabei wird besonders darauf geachtet, Hefen für die ver- 
schiedensten Zwecke und aus möglichst verschiedenen Weinlagen 
zu erhalten, da es nach den bisher gemachten Erfahrungen am emp- 
fehlenswertesten ist, die Moste möglichst mit Reinhefen aus denselben 



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Bericht über die Tätigkeit der Hefereinzuchtstation. 



277 



oder ähnlichen Lagen, denen die Moste selbst entstammen, zu ver- 
gären. Im Laufe der Jahre ist auf diese Weise eine äußerst wert- 
volle Sammlung entstanden, die Reinhefen so ziemlich aus allen 
Weinbnugebieten Europas enthält Für Deutschland fanden selbst- 
verständlich auch kleinere Weinbaubezirke, ja einzelne Lagen Be- 
rücksichtigung, so daß in dieser Beziehung die Ansprüche der 
Praxis in weitgehendstem Maße befriedigt werden können. 

Neu hinzugezüchtet wurden neben einer Rheingauer liefe 
,,Geisenheimer Mönchspfad - ' drei Rassen aus dem Trübe eines 
spanischen Rotweines „Benicarlo“. Das Gärvermögen dieser vier 
Rassen wurde in üblicher Weis« durch Bestimmung der täglichen 
Kohlensäureproduktion ermittelt und zwar sowohl in gewöhnlichem 
Most mit 15% Zuckergehalt als Nährlösung, als auch in auf 24% 
gezuckertem Most Die letztere Versuchsreihe wurde deshalb an- 
gestellt, um die Widerstandsfähigkeit der neuen Rassen gegen 
Alkohol und, was damit in direktem Zusammenhang steht, ihre 
Alkoholproduktionsfähigkeit festzustellen. 



Gärverlauf der Hefen in Most mit 15% Zuckergehalt. 



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Albo 

Geisenh, Miinchspfad 
Benicarlo I . . . 
Benicarlo II . . . 
Benicarlo III . . 



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0.15 0.80 6,20 4.90 3,05 1,85 1,05 0,62 0,33 0,27 
0,180,42 3,37 5,78 4.10,2.38 1.07 0,05 0.45 0,30 
0,10 1 .00 5.80 5,03 2,7 7 2,60 1 .( >5 ( ),<i8 0,37 ( >,3( I 
0.22 3.00 8.10 5,85 0,90 1 >,85 0.25 ( 1,25 0,2t > < ),08 
0.10 < »,00 4,05 5,53 3.< >7 2,!H > 1 ,< >5 ( M15 0.60 0, 1 8 



Alkohol 

g pro 100 ccm 



6,53 

0,73 

6.40 
6,73 

7.40 
6,59 



Gärverlauf in auf 24% gezuckertem Most. 







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Benicarlo I , . . 
Benicarlo II . . . 
Benicarlo HI . . 


O.trJ 

0,10 


0,10 1,35 
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0.08 1,22 
0,18 7.1.5 
0.9: i 7,47 
0,18(7,021 


7,77 

8.25 

6,00 

8.17 

8,70| 

8,08 


5.57 

4,95 

4,05 

4.30 

4,50 

1.82 


4.71)2.35 1,6s 
1,21)2.40 1.73 
4,0012. 7o 2.65 
4,20 2,65 1.78 
4,40:2,2311,62' 
4,00|2,10 1.27 


l,i 15 Io, 7 7 
1 ,25 10,65 
2.1». i 1,65 
1,27 0,68 
1,280,47 
0,81 0.42 : 



Alkohol 

g pro ]O0 ccm 




8.21 10,07 

9,50 10,52 

8,o7 9,56 

9.99 10,44 

10.44 10,90 

9.49 10.36 



Wie aus den Tabellen hervorgeht, die die Kohlensäurepruduktionen 
an den einzelnen Tagen und die gebildeten Alkoholmengeu angeben, 
stehen die drei Rassen „Benicarlo“ in ihrem GärvennSgen weit über 
der zum Vergleich herangezogenen gürkraftigen rheingauer Heferasse 
„Steinberg 93“, Besonders ist es die Rasse Benicarlo II, die in 
Bezug auf Gärkraft im gewöhnlichen, wie auch im gezuckerten Moste 
sich vorzüglich verhält und auch die ihr ebenfalls gegenüber gestellte 



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278 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

gärkräftige spanische Heferasse „Albo“ überflügelt. Der wesentliche 
Unterschied, den die gebildete Alkoholmenge der „Benicarlo II“ im 
Vergleich mit den Alkoholproduktionen der übrigen Rassen schon 
bei der I. Versuchsreihe aufweist, läßt vermuten, daß dieselbe für 
den Aufbau ihres Körpers, ihre Zell Vermehrung relativ sehr wenig 
Zucker benötigt. Unter den Alkoholproduktionen der II. Versuchs- 
reihe unterscheidet sich namentlich am 10. Tage der Gärung die 
rheingauer von den spanischen Heferassen, von denen am 20. Tage 
der Gärung die Rasse „Benicarlo II“ sich durch ihre große Wider- 
standsfähigkeit gegen Alkohol besonders auszeichnet 

Nach den Versuchsergebnissen ist zu erwarten, daß mit den 
neugezüchteten Rassen auch in der Praxis recht gute Resultate 
, erzielt werden und daß besonders die Rasse „Benicarlo II‘* die Ver- 
gärung schwerer Moste, sowie Nachgärung und Umgärung alkohol- 
reicher Weine mit gutem Erfolg durchführen wird. Auch ist es wegen 
der hohen Gärkraft und wegen des südlichen Charakters dieser Rasse 
wahrscheinlich, daß sich dieselbe für die Bereitung von Beerenwein 
recht gut eignet. Vergleichende Gärversuche, die mit der bis- 
herigen Beerenweinspezialhefe „Laureiro“, allerdings im Traubenmost 
vorgenommen wurden und bei denen auch der hemmende Einfluß 
der in Beerenmosten in relativ großer Anzahl vorhandenen Apiculatus- 
hefen auf Wachstum und Gärtätigkeit der Russen „Laureiro“ und 
„Benicarlo“ in Mischsaaten bestimmt wurde, ergaben zum Teil recht 
günstige Resultate, nach welchen eine vorzügliche Vergärung der 
Beerenmoste mittels der Rassen „Benicarlo II“ und „Benicarlo III“ 
zu erwarten sein dürfte. Es sollen deshalb im kommenden Sommer 
Gärversuche mit Beerenmosten angestellt werden, nach deren Er- 
gebnis erst eine entscheidende Beurteilung der Rasse „Benicarlo“ 
für ihre Verwendung als Beerenweinhefe möglich ist 

C. Sonstige Tätigkeit der Station. 

1. Wissenschaft liehe Publikationen. 

a) vom Vorstande, Professor Dr. Wortmann: 

„Über den Einfluß der Temperatur auf Geruch und Geschmack 
der Weine.“ Thiels Landw. Jahrbücher XXXV, Heft V, 1906. 

b) vom Assistenten, Dr. Boetticher: 

1. „Die Alkoholfrage vom physiologischen, sozialen und wissen- 
schaftlichen Standpunkte“. Mitteilungen über Weinbau und Keller- 
wirtschuft 1906, Heft 4 und 5. 

2. „Wissenschaftliche Forschungen über die Säureabnahme bei 
lagernden Weinen und die sich aus ihnen ergebenden Konsequenzen 
für die praktische Kellerwirtschaft". Allgemeine Weinzeitung 1906. 
No. 27, 28, 29. 

3. „Ein neuer Apparat zur Bestimmung der flüchtigen Säure 
im Wein“. Zeitschrift für analytische Chemie 1906. 755. 

4. „Die reingezüchtete Hefe in der Beerenweinbereitung“. Prak- 
tischer Ratgeber im Obst- und Gartenbau 1906, No. 27. 



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Bericht über die Tätigkeit der meteorologischen Station. 



279 



Bericht 

über die Tätigkeit der meteorologischen Station 
während des Etatsjahres 1906. 

Erstattet von Dr. Gustav Lüstner, Vorstand der Statiou. 

Die meteorologische Station der Königlichen Lehranstalt ist eine 
Beobachtungsstation II. Ordnung des Königlichen meteorologischen 
Instituts zu Berlin. Sie liegt: 

östliche Länge von Oreenwieh 7° 58'; nördliche Breite 49° 59'; 

Höhe des Nullpunktes des Barometers über N. N. (Normal-Null). 

d. h. über dem Nullpunkte des Amsterdamer Pegels 193,37 nt. 

Die Ablesungen finden täglich statt: 

7 18 ha 
2 18 hp 
9 18 hp 

Die hierbei gemachten Beobachtungen werden in eine Tabelle 
eingetragen (Monatstabelle, Sonnenscheintabelle), welche nach Schluß 
eines jeden Monats sofort dem Königlichen meteorologischen Institut 
in Berlin eingesandt wird. Über Gewitter. Wetterleuchten, Höhe 
der Schneedecke und audere wichtige meteorologische Erscheinungen 
wird besonders dorthin berichtet. Die Königliche Rheinstrom-Bau- 
verwaltung zu Koblenz erhält an jedem Montag über die Höhe der 
Schneedecke und die Temperatur Nachricht; der Wetterdienst der 
Landwirtschaftsschule zu Weilurg a. L wird täglich über die Wetter- 
lage im Rheingau unterrichtet Die Station ist mit nachstehenden 
Instrumenten ausgestattet. 



1 . 

2 . 

3. 



o. 

6 . 



I. Im Innern der Wildschen Hütto: 

Ein trocknes Thermometer 1 , , , „ ,, . 

Ein feuchtes Thermometer j Augustsches Psychrometer. 

Ein Maximum-Thermometer mit durch Luftblase getrenntem 
Quecksilber-Index nach Negretti und Zambra. 

Ein Alkohol-Minimum-Thermometer mit verschließbarem Glas- 
Index nach Rutherford. 

Ein Haarhygrometer nach Koppe. 

Ein Rieh ardtscher Thermograph. 

Ein in halbe Grade geteiltes Quecksilber-Thermometer (Kontroll- 
Therraometer zu 6). 



II. In unmittelbarer Nähe der Wildschen Hütte: 

8. Ein Maximum-Thermometer nach Negretti und Zambra. 

9. Ein Minimum-Thermometer nach Rutherford. 

(Beide Instrumente liegen 7.5 cm über dem Boden.) 

10. Zwei Regenmesser nach Hellmann. 

11. Eine Wildsche Windfahne mit Anemometer auf hohem Maste. 



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280 HI- Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

III. In einem Zimmer des Hauptgebäudes: 

12. Ein Stationsbarometer mit therniomdtre attach& von R. Fuess 
in Berlin. 

IV. Im Versuchs- Weinberg der Anstalt: 

13. Ein Sonnenschein-Autograph nach C ampbell-Stockes. 

V. Besitzt die Station noch: 

14. Einen Wolkenspiegel. 

15. Einen Schöpfthermometer. 



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Zusammenstellung der Beobachtungen aus dem Kalenderjahr 1900, 

1. Der Luftdruck. 



Bericht über die Tätigkeit der meteorologischen Station. 281 



Jahres- 


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764.1 

738.1 


Sommertage 1 ) 


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mittel 


Frosttage *) 


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768.8 
20. 

733.8 
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Jahresmittel . 
Summe . . . 



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') „Eistage“ sind solche Tage, an denen das Maximum der Temperatur unter 0 U bleibt (au denen es nicht auftaut); „Krost- 
tago“. an denen das Minimum der Temperatur unter 0° sinkt (an denen es friert) und „Som inortage“, an denen das Maximum 25°C. 
(= 20° U.) oder mohr beträgt (Instruktion für die Beobachter an der meteorologischen Station 2., 3. und 4. Ordnung. Berlin 1888, S. 60.) 




282 III. Bericht üher die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



3. Die Luftfeuchtigkeit. 





Stunde 
der Be- 
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Februar 


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Gemessen mittels des Augustschen Psychrometers. 








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11,8 


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Mittel 


88 


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79 09 


79 


75 


| 78 


77 | 


78 


85 


1 86 


88 


81 




Gemessen mittels des Koppescheu Uaarhygrometers. 






►fl 

© 


7« 8 ha 


85 1 


84 


80 1 81 •) 


60 


68 


83 


95 


98 


99 


95*) 

77 


84 


85 


1? 


2 !S h p 


70 


70 


62 ; 53 


43 


41 


40 


50 


61 


72 


69 


60 


f: 


9»hp 


84 i 


.82 


75 |73 1 


64 


04 


81 | 


89 


92 


98 


93 


78 


81 




Mittel 


80 


79 1 


72 j 09 


58 


58 


71 


78 ; 


84 


9« 


89 


77 j 


75 



4. Die Bewölkung. 


Stunde 

der 

Beobachtung 


j 

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3 

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8.1 


8.6 


5.9 5,3 


0,1 


’ 0,4 0,3 


4.8 


5.0 


8,2 8.7 0,0 


6,7 


2**hp 

9“hp 


7,7 ! 


8.5 


0,3 5,7 


7.4 


0.5 I 0.7 


4.1 


0.2 


0,5 9,0 0,8 


0.8 


7.2 


7.9 


4,5 4,2 


0,5 


! 5.9 | 5,5 


3.1 


3.9 


4,7 7,3 5,8 


5,5 


Mittel 


7,7 


8,2 


5,5 5.1 


6.7 


0.3 0,2 


41 


5,1 


0.5 j 8,4 j 0,4 


6,3 





e 


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Heitere Tage 


3 


— 7 


7 


1 


2 


' O 


11 


5 2 


1 


4 


! 45 


Trüb« Tage 


20 


16 8 


9 


12 


0 : 


9 


3 , 


0 | 9 


1 21 


12 1 


, 131 



') Während des ganzen Monates April sowie vom 17. bis 19. November war 
das llaarliygrometer in Kepnratur. Die ausfallenden Zahlen wurden durch die- 
jenigen des Augustschen Psychrometers ersetzt. 



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Bericht über die Tätigkeit der meteorologischen Station. 283 



5. Die Niederschläge und die Gewitter. 



Monat 


Ö! 

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Datum 


Tage mit 


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5? 

vT — 


Januar. . . 


47.2 


10,0 


8. 


17 


21 


2 


~ 6 1 




— 


Februar . . 


29.1 


9.4 


3. 


14 


12 


10 


2 8 4 


2 




Marz . . . 


70.8 


12.0 


2« > 


19 


12 


n 


2 14 I 


17 - 


— 


April . . . 


Hl), 9 


17.9 


20. 


io 


14 


— 


1 0 1 — 


— 4 


2 


Mai. . . . 


52,0 


12,8 


29. 


22 


41 


— 


1 1 ! — 


- 12 


2 


Juni . . . 


46.8 


10.« 


2' i. 


12 


18 




“ ~ 1 


- 11 


2 


Juli .... 


40,5 


7,5 


12. 


12 


15 


— 


- — 1 


— 8 


2 


August 


58.7 


18,0 


4. 


8 


10 


— 


l 1 


— 6 


2 


September 


5.7 


3,9 


17. 


3 


13 


— 


— 2 4 


1 


— 


Oktober . . 


2M.ll 


0,1 


3. 


9 


12 


— 


J*> 







November 


45,5 


115 


5. 


16 


23 




— 5 4 





_ 


Dezember 


10.5 


6,9 


1- 


10 


11 


11 


4 1 1 


11 1 - 


— 


Jab ressumme 


506,8 


132.9 


4. V III. 


158 


191 


37 


6 40 29 


3) 42 


10 



6. Die Windrichtung. 



Windrichtung 


Januar 


Februar 


April 

März 


es 

- 


Juni 


C* 

c_ 


August 


*> 

-3 

O 

3 


Dezember 

November 

Oktober 


X ta 

| g- 
i 3 

c 7 


Nord . . . 


11,0 


10,0 


10,0 4.0 


13.0 


13,5 


20,0 


9.5 


19,0 


1 

12,5 12,5 8.0 


149,0 


Nordost . . 


1< >,5 


17,0 


15,0 20,0 


12,5 


9,5 


12,0 


9,0 


8,5 


28,5 16,0 15,0 


173,5 


Ost .... 


9.0 


5,0 


2,0 8.5 


6,0 


1,5 


6,0 


6,5 


6,5 


5,0 4,o 5.0 


65,0 


Südost . . 


0.5 


0,5 


0,5 2,0 


2,0 


1,0 


1,0 


2.0 


1.0 


2,0 - - 


12,5 


Süd .... 


1,5 


1.0 


1,0 5,0 


2,5 


3,0 


4.5 


2,0 


2,0 


3,0 2,0 1,5 


29,0 


Südwest . . 


15.5 


14,5 


9,5 5,5 


5.5 


8,0 


2,0 


16,0 


6,5 


6,5 22,0; 13,0 


124,5 


West . . . 


31,5 21,0 23,5 25,5 


21,5 


18,5 


17,0 


27.0 


18,5 


11,0 24,0 33,5 


272,5 


Nord west . . 


13,5 


15.0 


25,5 19,5 


30.0 35.0 30,5 


21,0 


28,0 


24,5 9,5 17,0 


269.0 


Windstille 


— 


— 


— 1 — 


- ! 


— 


- I 


— 


— 


— | — | — 


— 



7. Die Windstärke. 



Stunde 

der 

Beobachtung 


Februar 

Januar 


3 


April 


es 

sa_ 


i— 

1 


C_ 

E_ 


August 


September 


November 

Oktober 


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3 0 

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7« ha . . . 


2,1 1,5 


2,5 


1.7 


1.5 


2,0 


1.6 


1.5 


1,6 


1,3 1,8 


1,8 


1,7 


29,9 


2“ ha. . . 


2.7 2, 1 


•1,3 


3,1 


2,3 


2.9 


2,3 


'» ~ 


2,1 


1,8 2,3 


2.2 


2,5 


30.1 


9* h p . . . 


2,2 2,0 


2,1 


2,5 


1 9 


2.0 


1,6 


1 Ji 


1.7 


1.3 1,8 


., 


1.9 


22,9 


Mittel . . . 


2,3 2,0 


2.6 




1,9 




1,8 


1,9 


1,8 


1,4 2,0 


2,1 


2,0 


24,5 


Sturmtage . . 


6 j 1 


8 


4 ! 


6 


l|3. 


1 1 


1 

1 “ 


- 1 5 1 


1 


1 “ : 


39 



Digitized by Google 



284 III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



8. Die Dauer des Sonnenscheins. 



Monat 


Summe des 


Monatsmittel des 


Vor- 

mittags 


Nach- 

mittags 


Tages 


Vor- 

mittags 


Nach- 

mittags 


Tages 


Januar . . . 


29,2 


34,8 


64,0 




U 




Februar . . . 


21.8 


23,2 


45,0 


0,8 


0,8 


1,6 


März .... 


05,0 


70,3 


135,3 


2,1 


2.3 


4,4 


April .... 


88.8 


91.2 


180,0 


3,0 


3,0 


6,0 


Mai ... 


86,9 


88,9 


175.8 


2,8 


2,9 


5.7 


Juni .... 


88,3 


89,0 


177,3 


2,9 


3,0 


5,9 


Juli .... 


97,2 


111,0 


208,2 


3.1 


3,6 


6,7 


August . . . 


111,0 


138,5 


249.5 


3,6 


4,5 


8.1 


September . . 


81,2 


69.2 


150,4 


2,7 


2,3 


5,0 


< Oktober . . . 


43,0 


50,3 


93,3 


1,4 


1,6 


3,0 


November . . 


16, r> 


12,6 


49,1 


0,6 


0,4 


1.0 


Dezember . . 


18,9 


22,2 


41,1 


0,6 


0,7 


1.3 


Jahressumme . 


747, S 


801,2 


1549,0 


24,5 


26,2 


50,7 



9. Phtnologische Beobachtungen wahrend des Jahres 1906 *) 

Abkürzungen. 

BO = erste normale Blattoberfläche sichtbar und zwar an verschiedenen 
(etwa 3 — 4) Stellen : Laubentfaltung. 

b -- erste normale Blüte offen und zwar an verschiedenen Stellen, 
f = erste normale Früchte reif und zwar an verschiedenen Stellen; bei den 
sonstigen: vollkommene und definitive Verfärbung; bei den Kapseln: spontanes 
Aufplatzen. 

W = Hochwald, grün = idlgemeine Belaubung: über die Hälfte sämtlicher 
Blätter an der Station entfaltet. 

• LV. :dlgemeine Laubverfärbung: über die Uälfte sämtlicher Blatter an der 
Station — die bereits abgefallenen mitgerechnet — verfärbt. 

W und LV müssen au zahlreichen Hochstämmen (Hochwald, Alleen) aufge- 
zeichnet worden. 

E =» Entfernung. 

Aesculus Hippocastanum 

BO 8. IV. 

b 2. V. 
f 15. IX. 

LV 4. X. 

Atropa Belladonna . h — 

f — 

Betula albn .... BO 8. IV. 

b 18. IV. 

LV 30. X. 

Cornus sanguinea . b 15. V. 

f io. vnt 

Corylus Avellana . . b 10. 1. 

') Auch veröffentlicht in den Berichten der Oberhessischen Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde zu Giellen. Die Beobachtungen wurden nach dem (ließener 
Schema, Aufruf von Hoffmann-Ihne, angestellt. Die phänolngischen Beobach- 
tungen während der Jahre 18!>8— 1905 sind in den betreffenden Jahresberichten 
der Lehranstalt enthalten. 



Crataegus oxyacantha 
Cydonia vulgaris . . 

1 Cytisus Labumum 
Fagus silvatica . . 

Ligustrum vulgare . 

Lilium candiduin . . 

Lonicera tatariea 

Narcissns poeticus . 
Prunus avium. . . 



b — 
b 4. V. 
b 9. V. 
BO 4. V. 
W 5. V. 
LV 15. X. 

b 7. VI. 
f 28. VIII. 
b — 

b 20. IV. 
f 24. VI. 
b — 
b 8. IV. 



Digitized by Gaogl 








Bericht über die Tätigkeit der meteorologischen Station. 285 


Prunus Cerasus . . 


b 12. IV. 


Salvia officinalis . 


b 25. V. 


Prunus Padus. . . 


b 18. IV. 


Sambucus nigra . 


b 21. V. 


,, spinosa . . 


b 12. IV. 




f 7. VIII. 


Pyrus communis. . 


b 13. IV. 


Secale cereale hib. 


b — 


„ Malus . . . 


b 30. IV. 


Ernte Anfang — 


Quercus pedunculata 


BO 18. IV. 


Sorbus aucuparia 


b 10. V. 




W 16. V. 




f 24. VII. 




LV 25. X. 


Spartium scoparium 


b 1. V. 


Ribes aureum . . . 


b 12. IV. 


Symphoricarpus rac. 


b 25. V. 




f 5. VII. 




f 20. VII. 


Ribes rubrum . . . 


b 12. IV. 


Svringa vulgaris . . 


b 23. IV. 




f 18. VI. 


1 Tilia grandifolia . . 


b 18. VI. 


Rubus idaeus . . . 


b 19. V. 


„ parvifolia . . 


b 20. VI. 




f 20. VI. 


Vitis vinifera . . 


b 15. VI. 




Ergänzt! 


ngsliste. 




Abies excelsa . . . 


b 7. V. 


Hepatica triloba 


b - 


Acer campestre . . 


b 28. IV. 


Juglans regia. . . 


b. 1. V. 


platanoides . . 


BO 8. IV. 




f 15. IX. 




b 10. IV. 


Larix europaea . . 


b 15. III. 




LV 20. X. 


Leucojum vernum . 


b — 


Acer Pseudoplatanus 


BO 9. IV. 


Lonicera Xylosteum 


b 2. V. 




b 15. IV. 




f 6. VII. 




LV 20. X. 


Morus alba . . . 


b 27. V. 


Ainus glutinosa . . 


b 25. II. 


Xarcissus Pseudou. . 


b 2. III. 


Amygdalus communis 


h 12. III. 


Olea europaea . . . 


b — 


Anemone nemorosa 


b 12. III. 


Persica vulgaris . . 


b 20. III. 


Berberis vulgaris 


b 8. V. 


Philadelphus coron. . 


b 20. V. 


Buxus sempervirens 


b 6. IV'. 


Pin us silvestris . . 


b 17. V. 


Calluna vulgaris . . 


b 25. VII. 


Populus tremula . . 


b 5. III. 


Caltha palustris . . 


b 10. IV. 


Prunus Armeniaca . 


b 21. III. 


Cardamine pratensis 


b 12. IV. 


Kanunculus Ficaria . 


b 10. III. 


Cercis Siliquastrum 


b 8. V. 


Ribes grossularia . . 


b 10. IV. 


Chelidonium majus . 


b 28. IV. 




f 26. VI. 


Chrysanthemum leuc. 


b — 


Robinia Pseudacacia 


b 25. V. 


Colchicum autumnale 


b 15. VIII. ; 


Salix caprea . . . 


b 12. III. 


Comus mas . . . 


b 28. II. ! 


Salvia pratensis . . 


b 19. V. 




f 12. VIII. 


Tilia grandifolia . . 


BO 23. III. 


Evonymus europaeus 


b 14. V. 




LV 30. IX. 




f 22. IX. | 


Tilia parvifolia . . 


BO 19. IV. 


Fagus silvatica . . 


f 22. X. 




LV 10. X. 


Praxinus excelsior . 


BO 12. V. 


Triticum vulgare hib. 


b — 




b 9. V. 


Ernte Anfang — 


LV 15. IX. 


Tussilago Farfara 


b 13. III. 


oder Laubabfull — 




f 22. IV. 


Galanthus nivalis, 




Ulmus campestris . 


b 8. III. 


Blattspitzen 


— 


Vaccinium Mvrtillus 


b — 




b 30. I. ; 












Digitized by Google 




286 111. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 



10. Vergleichende Übersichten der letzten fünf Jahre. 

A. Mittel der absoluten Feuchtigkeit 



Jahr 


Januar 


Februar 


März 


Mai 

April 


Juni 




nn 


— 

| Dezember 


Jahres- 

mittel 


1902 


5,3 


4,oj 


5,7 


0,7 7,1 


10,1 


10,4 


1 

10.9 9,7 7,1 5,0 


4.2 


7.2 


1903 


4,8 


5,1 


5,5 


5,4 8,2 


9,5 


10.9 


11.1 10,4 8,5 6,1 


45 


7.5 


1904 


4.2 


5,8 


5,6 


7,4 9,7 


11.8 


14 5 


12,7; 10.3 8,6 5,9 


5,5 


8.5 


1905 


4.2 


5,3 


5.8 


5,9 7.4 


10,6 


12.3 


10.7 9.7 5,9 5,6 


4,9 


7.4 


1906 


4,7 


4,8| 


4,9 


6.2 9,7 


10,7 


12,5 


11,8 9,4 8,4 j 6.6 


4,o| 


7,8 








B. Mittel der 


relativen Feuchtigkeit 






1902 


84,3 


79,2 


81,8 


68,0 72,0 


08,0 


62.0 


74,01 78,0 86.0 85.0 


85,01 


76.9 


1903 


76.3 


74.7 


73,0 


75,3 65.7 


66,3 


66,6 


75,3 84.3 89.0 85,7 


88.3 


76,7 


1904 


88.7 


81,7 


84.3 


70,7. V 2,7 


69,7 


62.7 


68,3 81.3 88.0 88,7 


88.7 


78.8 


1905 


76,0 


80,3 


80,3 


71,3 65,3 


03.3 


65,8 


68,7 82.0 80,3 82,3 


86.3 


75,2 


1906 


79,7 


78,7 


72,3 


69,0 57,7 


57.7 


71,0 


78,0 83,7 89,7 88.3 

! 1 i 


77, t >! 

1 


75,3 










C. Mittel der Lufttemperatur. 






1902 


4,3 


1,1] 


5,8 


10,9. 10,6 


17.4 


183 


16.71 14,11 8,1 2,7 


-0.4 


9,1 


1903 


1,4 


5,0 


7.2 


6,1 14,1 


16,7 


17.7 


17.0 14.8 10,9 6.0 


0,6 


9.8 


1904 


-0.8 


3,0' 


4,8 


11,1 14.5 


17,3 


21,2 


17.9 13,2 9,6 4,0 


3,2 


9.9 


1905 


- 0,3 


3,4 


6,6 


8,6 13,4 


18,5 


20.9 


18.2 13,8 6,1 4,4 


2,1 


9.6 


1906 


2.6 


2.0 


4,0 


9.7 14,3 


16.3 


18.5 


17,7 13.9 10.8 7,1 


-0,3 


9.7 










D. Niederschlagssummen. 


Jahre»- 


1 902 


20,31 40,8 


47,6 


26, 3 J 35.2 


22.7 


28,5 


61,5! 27,1 31,6 15.6 


58.9 


416,1 


1903 


26,4 


22,1 


24.3 


62,4 32,5 


78.8 


60,5 


60.4 34.0; 38.7 51,2 


17,4 


508.7 


1904 


29,7 


45,4 


52,5 


22,4 41,5 


68.3 


16.6 


34,0 63.3 43,9 27,3 


36,5 


475,4 


1905 


27,6 


17.8 


46,1 


20,9 25,2 


54,0 


15,7 


37.0 44.7 60,0; 53.4 


19,8 


422.2 


1906 


47,2 


29,3 


70,8 


39,9 52,0 


46,8 


40.5 


58,7 5,7 29,9 45,5 


40,5 


506,6 



E. Dauer des Sonnenscheins in Stunden. 



1902 

1903 

1904 

1905 
1909 




1739.8 

1663.0 
1685,6 
1612,2 

1549.0 



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IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation EibiDgen-Oeisenheiin. 287 



IV. Bericht Uber die Rebeiiverdeliiiigsstation 
Eibiiigen-breisenheini. 



a) Technische Abteilung. 

Erstattet von dem Betriebsleiter Weinbaulehrer Fischer. 

I. Leideck. 

1. Entwicklung der veredelten Reben. 

Der Sommer 1905 war sehr heiß und trocken, der Herbst zeigte 
reichliche Niederschlage. Trotz der letzteren reifte das Holz der 
auf amerikanischer Unterlage veredelten Reben sehr gut aus. 
Demgemäß vermochte der Winter nur sehr wenig Schaden an den 
einjährigen Trieben anzuriehten, wenn auch nicht verschwiegen 
werden darf, daß die Augen einzelner Sorten z. B. Riesling auf 
Solonis, sich im Laufe des Frühjahrs teilweise schlecht entwickelten. 

Der Austrieb begann sehr spät und ging dann ziemlich schnell 
und gleichmäßig von statten. Ein Unterschied im Austreiben konnte 
bei den auf verschiedenen Unterlagen gepfropften Reben nicht be- 
obachtet werden. In der ersten Zeit ihrer Entwicklung ging das 
Wachstum der Triebe nur sehr langsam voran, bedingt durch die 
sehr kühle unbeständige Witterung im Mai und in der ersten Hälfte 
des Juni. Der Blütenverlauf war ein sehr günstiger, die Befrach- 
tung ging infolgedessen gut vor sich. Der Fruchtansatz war indes 
bei den einzelnen Unterlagen schwankend, wie die weiter unten 
angeführte Tabelle zeigt 

Die Peronospora suchte sich verschiedentlich auf den jungen 
Gescheinen anzusiedeln und nur ein fünfmaliges Spritzen konnte die 
Trau heben vor der Vernichtung schützen. Dem im Juli auftretenden 
Oidium konnte durch rechtzeitiges Schwefeln Einhalt geboten werden. 
Im Vorsommer bedingten die reichlichen Niederschläge, verbunden 
mit einer allgemeinen Schwüle ein sehr energisches Wachstum, das 
im großen ganzen hei den einzelnen Sorten und Unterlagen ein 
gleichmäßiges war. Einzelne Ausnahmen müssen iudes erwähnt 
werden. Fig. 60 stellt ein Quartier dar, in welchem die mit Kreuzen 
bezeichneten Stöcke, Sylvane r auf Solonis, sehr schlecht trieben, 
einzelne Stöcke gingen im Laufe des Winters andere im Sommer 
ein. Die mit Ringen bezeichneten Reben, ebenfalls Sylvaner auf 
Solonis, zeichneten sich durch ein sehr üppiges Wachstum aus, so 
daß die Vermutung naheläge, es wäre bei der Veredelung eine andere 
Unterlage verwendet worden. Um hierüber Gewißheit zu erlangen, 
sind die betreffenden Stöcke bis auf die Fußwurzeln aufgeräumt 
und im Winter an der Vcredelungsstelle abgesehnitten worden, um 
so den Austrieb der Unterlage zu veranlassen. Das Resultat dieses 



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Fig. tiO. Sylvaner auf Solonis. Die mit bezeichueten Stikke gehen zurück 



288 IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation Eibingeo-Geisenheini. 




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a) Technische Abteilung. 



28 !l 




timwnheimer Bericht Um*. 



1 « 



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Fig. 61. Sylvaner auf Solonis. Stand sehr gut. 



Fig. 62. Die Parzelle Fig. 60 im Jahr 1905. 



290 IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation Eibingen-Geisenheim. 




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a) Techuische Abteilung. 



291 



Experimentes muß für den nächsten Jahresbericht Vorbehalten werden. 
Die links auf der Figur ersichtlichen Stöcke stehen in genau den- 
selben Verhältnissen, sind aber auf Riparia veredelt und besitzen ein 
kräftigeres und gleichmäßigeres Wachstum. Dieselbe Sorte und 
Unterlage wurde zur Bepflanzung des in Fig. 61 wiedergegebenen 
Quartiers verwandt. Der Stand dieser Veredelungen ist ein außer- 
ordentlich üppiger. 

Auffallend ist die Tatsache, daß dieses nun so ungleichmäßig 
stehende Quartier (Fig. 60) im Jahre 1905 ein gleichmäßiges, in Fig. 62 
wiedergegebenes Aussehen zeigte. 

Von tierischen Schädlingen, die an den Veredelungen beobachtet 
werden konnten, muß der einbindige Traubenwickler erwähnt werden. 
Heuwurm trat nur sehr wenig auf, der Sauerwurm hauste dagegen 
um so mehr. In der Leideck und ähnlichen hohen Lagen war er 
noch nie in solchem Maße beobachtet worden. Das kleine Tierchen 
vermochte den Ertrag bedeutend zu reduzieren: statt sechs Halbstück 
im Vorjahre erntete man 600 Liter Most Interessant ist das ver- 
schieden starke Auftreten des Schädlings an den einzelnen Sorten. 
Dieses Verhalten dürfte jedoch nicht Sorteneigentümlichkeit sein, 
sondern vielmehr seinen Orund in dem Umstand haben, daß die 
weniger befallenen Quartiere lückenhafteren Stand aufweiseu. 

Die Lese erfolgte an folgenden Terminen: 

Frühburgunder am lß. September. 

Sylvaner ., 29. Oktober, 

Riesling „ 7. November. 

Mostgewicht, Säure und eine Anzahl wichtiger Beobachtungen 
sind aus der nachfolgenden Tabelle ersichtlich. 

(Siehe Tabelle S. 292.) 

Das Holz reifte normal aus, so daß es trotz der strengen Kälte 
im verflossenen Winter keinen Schaden nahm. 

2. Stand dos Sortiment-Quartiers. 

Die Vervollständigung dieses Quartiers erfolgte teils durch Ein- 
leger bereits in einigen Exemplaren vorhandener Sorten teils durch 
Zwischenpflanzung mit in neuerer Zeit gezüchteten Hybriden. Folgende 
Sorten winden neu aufgenommen: 

Berl. x Rip. 420 A u. 420 

Berlandieri 143 0. 

Rip. x Rup. 101 18 M. 

York Madeira x Rup. 212 7 MG. 

Cord, x Rup. x Rip. 106 8 MO. 

Rup. x Aestiv. de Lerignon 
s/ Rin 

Cord, x Rip. 125 > MG." 

Rip. X Berl. 34 EM. 

Cabernet x Berl. 333 EM. 

Aestiv. x Mont, x Rip. X Rup. 554 5 Coud.. 

1 !** 



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21*2 IV. Bericht über die Rcbenveredetungsstation Eibiogen-G 




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294 IV. Bericht über die Rebenreredelangsstation Eibingen -Geisenheim. 



unbrauchbar erwiesen, sie wurden entfernt. An den Franco- Amerikanern 
zeigte sich im verflossenen Jahr deutlich, wie stark die Pflanzen 
durch die Mischung von Amerikaner- mit Europäerblut ihre Wider- 
standsfähigkeit gegen Peronospora und Ordium verlieren. Die bereits 
seit Jahren stehonden, gut entwickelten alten Stöcke zeigten sich im 
übrigen im Berichtsjahr durchweg kräftig und lieferten reichlich 
Holz zu Veredelungs versuchen, sowie zur Anlage eines Sortiments 
in der Rebschule und eines solchen in Laquene.xy. 




8. Anlage des Quartiers VI. 

Das Quartier VI auf der Leideck wurde im Winter 1905/06 
rigolt und im darauf folgenden Frühjahr mit Kiesling-Reben bepflanzt. 
Diese waren zur Hälfte unveredelte, während die andere Hälfte auf 
verschiedenen Unterlagen herangezogen wurde, um so einerseits eine 
Kontrolle mit Europäern, anderseits eine Oegenüberstellung der ver- 
schiedenen Unterlagen zu besitzen. Die Art der Bepflanzung zeigt 
Fig. 6:i. 

Der Austrieb sämtlicher eingesetzten Wurzelrcben war voll- 
ständig gleichmäßig. Europäer und Veredelungen zeigten keinen 



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a) Technische Abteilung. 



295 



Unterschied. Anders im Herbst; nun waren die Triebe der ver- 
edelten Stöcke bedeutend stärker, als jene der unveredelten. Krstere 
zeichneten sich durch eine bessere Holzreife aus. Infolgedessen 
hatte der verflossene Winter den unveredelten Reben zu schaden 
vermocht, viele derselben waren durch die Kälte eingegangen. Es 
mußten im Frühjahr 1907 nachgepflanzt werden: Veredelungen 4.6°/ 0 , 
Europäer 40%. 




II. Rebschule. 

1. Beobachtungen an den Mutterstöcken. 

Die Pflanzen auf Quartier f (verschiedene Erziehungsarten) 
haben sich gut entwickelt Krankheiten waren nicht aufgetreten; 
nur Riparia X Rupestris 10S MO. war stark von Melanose befallen, 
so daß Ende September fast sämtliches Laub vernichtet war. 



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296 IV'. Bericht über die Rebeuveredelungsstation Eilingen-Geisenheim. 

Das Holz der Bodenerziehung war gut ausgereift. Durch die 
wiigereehte Lage ist die Geiztriebbildung außerordentlich begünstigt. 
Die Wegnahme der vielen kleinen, dem Licht zugewandten Triebe 
nahm daher sehr viel Arbeit in Anspruch. Da erfahrungsgemäß zur 
erfolgreichen Durchführung der Bodenerziehung ein möglichst un- 
krautfreier Boden Grundbedingung ist, wurde das Quartier mit 
Schlacke überfahren. Die daneben liegende Parzelle IV, die eben- 
falls Bodenerziehung zeigt und keine Sehlaekenbedeckung erhielt, 
brachte die jungen Triobe nicht zur Ausreife. 

Die gewöhnliche Stangenerziehung, die in den letzten Jahren 
gute Resultate ergab, ist in ihrer Anlage etwas teuer. Mit zu- 
nehmendem Alter vermag der Wind die Stangen leicht abzubrecheu 
und umzuwerfen, eine erneuerte Ausgabe ist notwendig. Um einer- 
seits eine Verbilligung der Erziehung herbeizuführen, anderseits das 
zu starke Wachstum der senkrecht gerichteten Reben etwas zu 
mäßigen, erfolgte die Befestigung der grünen Triebe an einer aus 
Stange und Draht zusammengesetzten Pyramidenform. (Fig. 64.) 
Am ober» Ende einer senkrecht gestellten Stange sind 4 schräg 
aufwärts verlaufende Drähte befestigt. Die Erziehungsart ist außer- 
ordentlich stabil und erfordert wenig Unterhaltungskosten. Es muß 
als Nachteil erwähnt werden, daß die Bodenbearbeitung durch die 
Anordnung der Drähte sehr erschwert ist Die Ausreife des Holzes 
an den Drähten der Pyramiden war eine gute, ein Unterschied in 
der Länge der Internodien, gegenüber der an gewöhnlichen Stangen 
gezogenen Reben konnte jedoch nicht beobachtet werden. 

Das Ergebnis der verschiedenen Erziehungsarten an Blindholz 
ist in nachfolgender Tabelle angeführt: 



Sori.) 


Bodener/i'lmng 


Senkrechte 

Stangen 


l’yramidonfunn 


tfi 

« 

PC 

o 


3 ff 

I fei 
s h 


2 ^ 
i j 


Vi.f 

U 

*r s 
* ~ 

ll | 

Ji 


Cß 

r 

O 


f 

1 


n 

hl 


R |.. >: i; i . . . 


8 


200 i 25 


13 | 2.VI 


19 


16 


Büül 


30 


Kip. X Hup. 101" MO . . 


4 


75; 19 


6 130 


21 


11 


350 


31 


Kip. x Kup. 103 Mg . . . 


8 


300 ! 38 




21 


Ui 


310 


19 


Cord, x Kup. 19 G ... 


6 


114 [ 19 


13 ; 328 


25 


16 


270 


17 


im Durchschnitt 


26 


689 27 


46 Jli ins 


22 


59 


1410 


24 


Hei lückenlosem Bestand 


40 


1060 26 


70 1 1533 


22 


so 


1912 


24 



Aus der zweituntersten Reihe dieser Tabelle ist eisichtlich, daß 
die Anzahl der Blindreben, die ein Stock ergab, nicht nennens- 
wert variiert Dabei ist allerdings nicht zu vergessen, daß die 
kriechenden Reben einen viel größeren Abstand haben müssen, als 
z. B. die Stöcke der Drabterzielnmg. 

Um festzustellen, ob die Art und Weise des Ausgeizens der 
Amerikaner einen Einfluß auf die Stärke und Ausreife des Holzes 
habe, ist auf Quartier VI ein diesbezüglicher Versuch eingeleitet 



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a) Technische Abteilung. 



297 



worden. Fig. 65 gibt die VersuchsanstoUung wieder. N’o. 1 ist 
nicht ausgegeizt; die Reben von No. 2 sind auf ein Blatt eingekürzt; 
bei No. 3 ist der Geiztrieb vollständig entfernt. Im Herbst ver- 
hielten sich die Versuchsstöcke folgendermaßen: No. 1 war schon 
im zeitigen Herbst völlig kahl. Die Reben von No. 3 waren an- 
fangs November entlaubt, während die Triebe von No. 2 bis in das 
erste Drittel des November noch vollständig grüne Blätter auf wiesen, 
obwohl die Spitzen der Triebe schon am 29. November vom Frost 
stark beschädigt worden waren. Als Anfang Februar das Holz ge- 
schnitten wurde, ließ sich die schlechte Ausreife der Reben von 
No. 2 sehr leicht feststellen. Dessenungeachtet war aber die Aus- 
beute an brauchbaren Blindreben größer als bei No. 1. Die Ver- 
suchsreihe 3 lieferte gutes, kräftiges Holz, allerdings nur in ge- 
ringerer Menge. 

2. Prüfung auf die Bew urzelungsfähigkelt. 

Amerikaner und Franco-Amerikaner wurden im Berichtsjahre, 
wie auch früher, auf ihr Vermögen, sich zu bewurzeln, geprüft. Das 
Resultat der Beobachtung ist mit gleichzeitiger Angabe der ver- 
schiedenen Erziehungsarten aus nachfolgender Tabelle ersichtlich; 





ein* 

gelegt 


ge- 

wachsen 


0 

0 


Riparia G 2, Leideck Bodenerziehung 


110 


86 


79 


G 2, Stangen (Hahnstück) 


255 


204 


80 


.. G 2, Drahterziehung 


70 


56 


80 


Kip. x Hup. 0 12. verschiedene Erziehuugsarten . . 


227 


150 


66 


., ., G 13, verschiedene Erziehungsarten . . 


958 


640 


67 


G 13 mit Schlackenbedeckung .... 


108 


8« 


79 


., „ G 11, verschiedene Erziehungsarten . . 


283 


206 


73 


G 15, mit dem Messer geschnitten . . . 


100 


70 


70 


., .. G 15. mit der Schere geschnitten . . . 


100 


80 


80 


Cord, x Kup. G 19, Bodenerziehuug (Schlacke) . . . 


280 


210 


75 


G 10, Drahtorzieliung 


136 


103 


76 


,, ., G 19. Stangenerziehung 


104 


86 


82 


Cabernet x Kup. 33a, Bodenerziehuug (Schlacke) . . 


102 


85 


83 


„ „ 33 a. Stangeuerziehung (Bahnstück) 


51 


38 


76 


Kip. x Rup. 3 HG 


122 


70 


58 


Rupestris 11 G 9, Bahnstück 


47 


35 


74 


Rip. x Rup. 108 MG, Stangenerziehung 


130 


104 


80 


,. „ 108 MG, schräge Drahterziehung . . . 


50 


40 


80 


Solonis x. Rip. 1(116 


40 


33 


75 


Amurensis G 132 


40 


15 


30 


,. G 133 


15 


8 


50 


Ästivalis i> 134 


6 


3 


50 


Amurensis G 165 


13 


8 


60 


G 167 


0 


4 


45 


0 168 


32 


25 


79 


G 169 


15 


11 


73 


Rip. Geisenheim 180 


64 


30 


47 


,. .. 182 


76 


29 I 


38 


,. .. 183 


75 


27 


36 


Rup. monticola 


200 


118 


59 


Rip. Gloire, Dunstgrube vorgetriebeu 


00 


61 


67 



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298 IV- Bericht über die Rebenveredelungsstation Eibiogen-Geisenheim. 

3. Stand der Obcrlln’schen und Rasch'schen Hybriden. 

Das Wachstum und die Entwicklung dieser Hybriden befriedigte 
im großen ganzen, wenn auch einzelne Vertreter unter Peronospora 
und Oidium stark zu leiden hatten. Die Stärkung der unterirdischen 
Teile der Pflanze ist jedoch noch nicht soweit vorgeschritten, daß 
man es wagen konnte, Bogreben anzuschneiden. Wir hoffen aber 
im nächsten Jahr Tragholz belassen zu können. Die einzelnen Be- 
obachtungen an dieser Gruppe von Reben sind in folgender Zu- 
sammenstellung niedergelegt: 

(Siehe Tabelle S. 299.) 



III. Die Frühjahrsveredelung 1906. 



Am 26. April wurde mit der Frühjahrsveredelung begonnen. 
Am 6. Mai war sie abgeschlossen. Etwa 1500 Sylvaner- und 
1750 Riesling-Reiser wurden auf 3000 Blindreben und 2600 Wurzel- 
reben verschiedener Sorten gepfropft. Außerdem wurde das reich- 
haltige Sortiment der Anstalt zur Hälfte auf Blind- und zur andern 
Hälfte auf Wurzelreben der Sorte Gloire de Montpellier veredelt. 

Die gepfropften Reben wurden versuchsweise, teils ohne, teils 
mit dem üblichen Verband in die Kisten eingelegt In Bezug auf 
die Verwachsung der Schnittflächen, sowie auf den Austrieb konnte 
kein Unterschied festgestellt werden. Beim Ausgraben der Verede- 
lungen wurden folgende Resultate notiert: 



Riesl. 


auf Rip. X Rup. 


3 HG 


mit 


Verband 30% 




3 HG 


ohne 


46% 


si 


•1 11 •' 


108 MG 


mit 


40% 






108 MG 


ohne 


.. 58% 


Sylv. 


Troll. X Rip. 


112 G 


mit 


» 00 % 




•1 11 11 


112 G 


ohne 


.. 54% 




.. Rip. X Rup. 


13 G 


mit 


40% 


M 


M 1* 11 


13 G 


ohne 


40 ®/° 


Riesl. 


Rip. G 80 




mit 


34% 


11 


G 80 




ohne 


46% 


Sylv. 


., Rip. Gloire 


de Montp. 


mit 


40% 


M 


,. •• 


•* •» 


ohne 


, 54 % 



angenommen 



Die Zahlen ergeben, daß die Veredelung ohne Verband vorzu- 
ziehen ist wie das auch von anderer Seite bereits gefunden wurde. 
Das gegenteilige Ergebnis bei Sylv. auf Trollinger x Rip. 112 G 
dürfte auf eine Störung der Versuchsanstellung zurückzuführen 
sein. 



Einzelne Veredelungsstellen wurden mit Lehmbrei Uberstrichen 
und die so behandelten Reben ohne Verband in die Kisten eingelegt 
Der Austrieb dieser war ein gleichmäßig kräftiger, auch die Callus- 
bildung ließ nichts zu wünschen übrig, jedoch erzeugte das Edelreis 
in vielen Fällen Wurzeln, weshalb diese Behandlungsart nur in be- 
schränktem Muße empfohlen werden kann. 



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a) Technische Abteilung. 



299 




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300 IV. Bericht über die Kebenveredelungsstation Eibingeu-Geinenheiui. 



Das übliche Einlegen in Kisten erfolgt in Moos und Holzkohle. 
Da Moos in größeren Mengen oft schwer erhältlich und teuer ist, 
versuchte man, es zu ersetzen durch Torfmull mit Holzkohle oder 
durch Torfmull allein, der in einem Fall abgekoeht, in einem andern 
Fall nicht abgekocht verwendet wurde. Das Einlegen in Torfmull 
kann schneller vorgenommen werden, als jenes in Moos, da das 
Zerreißen des letzteren geraume Zeit in Anspruch nimmt. Wo 
jedoch ungekochter Torfmull zur Verwendung gekommen war, litt 
die Wurzel- und Triebbildung bedenklich, die Reben blieben hinter 
den in gekochtem Material mit und ohne Holzkohle durchsetzten be- 
deutend zurück. Weitere Versuche sollen über die Verwendbarkeit 
des Torfmulls Aufschluß geben. 

Um zu ermitteln, bis zu welcher Höhe die Veredelung in der 
Kiste mit Verpackungsmaterial zu bedecken sind, wurden einzelne 
Reben nur in ihrer unteren Hälfte, andere bis dicht an das Edelreis 
verpackt. Die auf die erste Art eingelegten Reben hatten weniger 
unter Fäulnis zu leiden. Die Wundverheilung war in beiden Fällen 
gleich. 

Von gewisser Seite wird die Zweckmäßigkeit der Moosbedeckung 
der Kisten bezweifelt. Zur Prüfung dieser Frage wurden neun Kisten 
diesbezüglich verschieden behandelt: 

Reihe I (3 Kisten) erhielt ein mit Moos belegtes Drahtgitter. 

Reihe II (3 Kisten), die Veredelungen wurden direkt mit Moos 
belegt. 

Reihe III (3 Kisten), die Reben blieben unbedeckt. 

Bei der ersten Reihe entwickelten sich die Augen sehr schnell, 
die Triebe wuchsen unnatürlich rasch in die Länge. Ihr Dicken- 
wachstum war aber sehr gering, sie vergeilten. Bei II faulten die 
Triebe sehr stark, welchem Übelstand aber durch Überstreuen der 
Triebe mit Holzkohlenstaub abgeholfen werden kann. Die Reben 
von No. III entwickelten ihre Triebe nur langsam aber sehr ge- 
drungen. 

Das Vortreiben begann am 7. Mai. Die Temperatur wurde bei 
reichlicher Lüftung auf 24 °C. gehalten. Die Abhärtung der jungen 
Triebe vollzog sich vom 19. desselben Monats an. Die Entwicklung 
der Triebe war durch die nur kurze Zeit erfolgte Stratifikation eine 
gedrungene, die meisten hatten die Länge von 3 cm nicht über- 
schritten. Das Einschulen erfolgte in einer kühleren Periode am 
28. Mai. Die jungen Triebchen mußten zum Schutz mit Erde 
behäufelt werden und entwickelten sich sehr gut. 

Noch einige Versuche wurden angestellt, einzelne Apparate 
geprüft die Resultate müssen jedoch infolge Wechsels des Betriebs- 
leiters für den kommenden Jahresbericht Vorbehalten bleiben. 

R. Oppermann. 



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h) Wissenschaftliche Abteilung. 



HOI 



b) Wissenschaftliche Abteilung. 

Erstattet von l)r. Karl Kroemer, Vorsteher der Abteilung. 

A. Wissenschaftliche Tätigkeit. 

1. Über das Zurückgehen von Reben Veredelungen. 

Bereits im letzten Jahre wurde über eigenartige Beschädigungen 
von Rebenveredelungen berichtet, die sich in der Pflanzschule ge- 
zeigt und vermutlich das geringe Anwachsergebnis in den mit Ver- 
edelungen neu bestellten Versuchsanlagen, wie es in den letzten 
Jahren wiederholt zu beobachten war, verursacht hatten. Aus unseren 
Beobachtungen hatte sich ergeben, daß die Veredelungen der Station 
Engers in überwiegender Zahl mangelhaft berindete Edelreiser 
tragen. Das Holz der letzteren war auf der augenfreien Seite häufig] 
durch einen keilförmigen nach unten spitz zulaufenden, aber an denl 
Rändern normal vernarbten Rindenspalt völlig bloß gelegt und anl 
dieser Stelle abgestorben, manchmal sogar völlig vermorscht Meist 
zog sich dieser Spalt bis zum Veredelungsscbnitt herunter, diesen 
freilegend, in extremen Fällen hatte er sieh auch noch in die oberen 
Teile der Unterlage weiter fortgesetzt. Am häufigsten trat die Er-I 
scheinung bei Riesling- und Bjjrguudervcredelungeu auf; heiSylvaner' 
wurde sie dagegeu nicht beobachtet. 

Schwächere oder stärkere Beschädigungen der Rinde und des 
Holzkörpers ließen sich auch an den Unterlagen nachweisen, vor 
allem fiel auf, daß ein großer Teil der Veredelungen nur aus- 
gesprochen eiuseitig bewurzelt war. Wir versuchten diese Mängel 
auf die Verwendung ungeeigneten Holzmateriales und Fehler in der 
Technik dos Veredelungsverfahrens zurückzuführen, wobei wir auch 
auf die sicherlich schädlichen Folgen übermäßig -buher Stratifikalions- 
tuniperaturen aufmerksam machten. Das Auftreten der eigenartigen 
Rindenspalte über der Veredelungsstelle schien dafür zu sprechen, 
(laß die Edelreiser ihren eigenen Wasservorrat vor Herstellung einer 
Ausreichenden Nälirstoffgemeiuschaft zu stark erschöpfen und 
infolgedessen die Gewebe an der augenfreien Seite zum Abtrocknen 
bringen. 

Bei den mit Veredelungen bestellten Neuanlagen des Jahres 190<> 
war das Pflanzergebnis ebenso unbefriedigend wie im vorhergehenden 
Jahre. Sowohl in den staatlichen wie auch in den privaten Ver- 
suchsfeldern blieb von den unter ziemlich verschiedenen Verhält- 
nissen gepflanzten Veredelungen eine große Zahl ganz aus. während 
ein anderer nicht unbeträchtlicher Teil nach sehr schwachem Aus- 
trieb noch im Laufe des Sommers oder während des Winters völlig 
einging. Der Prozentsatz der wirklich gut angewachsenen Pflanzen 
war relativ gering. 

Um die Ursachen dieses bedenklichen Mißerfolges aufzuklären, 
wurden im Aufträge des Herrn Ministers unsere im Vorjahre an 
Veredelungen der Rebschulen eingeleiteten Untersuchungen auf den 
Pflanzenbestand der Versuchsweinberge ausgedehnt. 



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302 IV. Bericht ühor die Rebenveredelungsstation Eibingen-Geisenheim. 

Bei den Neuanlagen des Jahres 1906 waren nur zur Verwendung 
gekommen Rieslingveredelungen der beiden Amerikanerreben Riparia 
Gloire de Montpellier und Riparia Geisenheim. Bei einer Besichti- 
gung der Pflanzungen im August und September 1906 fiel schon 
äußerlich neben der großen Zahl der nicht ausgetriebenen Ver- 
edelungen die im ganzen schwächliche Triebentwicklung der Pflanzen 
auf. Wie sich leicht feststellen ließ, waren gewöhnlich nur die 
Nebenaugen oder schlafenden Augen ausgetrieben, die Hauptaugen 
dagegen zurückgeblieben. Besonders häufig war diese Erscheinung 
in den Saar-, Mosel- und Naho-Anlagen, wo man die Veredelungen 
bei der Pflanzung überall auf das unterste Auge oder auf den 
Kopf, d. h. auf das älteste Holz des Edelreises zurückgeschnitten 
hatte. In andern Versuchsfeldern, wo mau an den Edelreisern 
etwas längere Triebe stehen gelassen hatte, waren mitunter wenigstens 
einzelne der oberen Augen normal ausgewachsen. 

Bei einer näheren Untersuchung der ausgegrabenen Pflanzen 
ergab sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Veredelungen 
der Riparia Gloire de Montpellier und der Riparia Geisenheim. 

Von 1002 einzeln durchgesehenen Veredelungen der Riparia 
Gloire de Montpellier waren 656, also nicht weniger als 65% mit 
dem schon beschriebenen Rindenspalt behaftet, während sich die 
Veredelungen der Riparia Geisenheim von dieser Beschädigung 
ziemlich befreit zeigten. Interessant ist dabei die Tatsache, daß die 
Veredelungen der Riparia Geisenheim auch an allen Pflanzorten 
ungleich bessere Pflanzergebnisse geliefert hatten als die Veredelungen 
der Riparia Gloire de Montpellier. 

Bei den völlig abgestorbenen Pflanzen dieser letzeren war schon 
im August des Pflanzjahres nicht selten zu beobachten, daß der 
Holzkörper von obenher durch den Rindenspalt bis in die Unterlage 
eingefault und ganz vermorscht war. 

Neben der mangelhaften Berindung ließen sich bei den Unter- 
suchungen im Herbst 1906 an den abgestorbenen Pflanzen auch die 
Beschädigungen der Unterlagen, wie sie im Bericht des Vorjahres 
eingehender geschildert wurden, zum Teil noch feststellen. Deut- 
liche Mängel an den Unterlagen waren etwa bei 50% der unter- 
suchten Pflanzen noch nachzuweisen, doch konnte diesen Ermittelungen 
ein größerer Wert nicht beigelegt werden, da sich mit Bestimmtheit 
kaum mehr erweisen ließ, ob die beobachteten Schäden bereits vor 
der Pflanzung der Veredelungen vorhanden waren oder sich erst 
mit dem Eingehen der letzteren am Pflnnzorte gebildet hatten. Die 
Beobachtung, daß auch die zur Entwicklung gelangten und noch 
lebenden Pflanzen nicht selten ähnliche Beschädigungen zeigten, 
sprach allerdings für das erstere. 

Schon im Herbst 1906. deutlicher noch im Frühjahr 1907 
zeigten sich an den Unterlagen der meisten abgestorbenen Pflanzen 
von unten nach oben fortschreitende Fäulniserscheinungen, die auch 
alle bei der Pflanzung vorhandenen Wurzeln ergriffen und die 
Markröhre meist ganz bloß gelegt und ebenso wie das Holz ge- 
schwärzt hatten. Auf den abgestorbenen Wurzeln und am Fuße 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 303 

der Unterlage standen nicht selten Fruchtkörper der Roesslaria 
hypogaea. 

Ansätze zu einer spärlichen Neubewurzelung am Pflanzorte 
ließen sich bei soleheu Veredelungen, die erst nach anfänglicher 
schwacher Triebbildung eingegaugen waren, mitunter nachweisen ; 
bei den ganz ausgebliebenen Pflanzen fehlte dagegen jedes Anzeichen 
einer Neubewurzelung. 




Fig. 6<i. Veredelungen der Riparia Gloire de Montpellier. 

1. Riesling auf Hip. Gl. d. M. II. Qualität Engers. 

2. Riesling auf Kip. Gl. d. M. I. Qualität Engers. 

3. Riesling auf Rip. Gl. d. M. I. Qualität Poedelist. 

Bemerkenswert war die Feststellung, daß sich bei etwa 20°/ o 

der zur Untersuchung gelangten abgestorbenen Pflanzen äußere Be- 
schädigungen gröberer Natur trotz sorgfältigster Prüfung nicht nach- 
weisen ließen. 

Bei einer mikroskopischen Untersuchung stellte sich, wie nicht 
anders zu erwarten war, heraus, daß die eingegangenen Veredelungen 
am Pflanzorte jede Cambialtätigkeit unterlassen hatten. Auffallender 
war dagegen die Beobachtung, daß der Holzkörper der Unterlagen 



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304 IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation Eibingen-Geisenheim. 



in der Rebschule nur sehr dünne Jahresringe von außergewöhn- 
lichem Bau angelegt hatte, eine Erscheinung, auf die später zurück- 
zukommen sein wird. 

Von großem Wert für die ganze Frage mußte unter diesen 
Umstünden eine Untersuchung der neuen für die diesjährigen 
Pflanzungen bestimmten Veredelungen der Station Engers sein. 
Es ist dort üblich, das pflanzfertige Material in Veredelungen I. und 




Fig. Ö7. Veredelungen der itipaiia Geisenheim. 

1. Riesling auf Hip. Geish. 

2. Riesling auf Rip. Geish. II. Qualität Engers. 

3. Riesling auf Rip. Geish. I. Qualität Engers. 

4. Spätburgunder auf Rip. Geish. I. Qualität Poedelist. 



II. Qualität zu sortieren. Bei einem Vergleich dieser beiden Sorten 
stellte sich zunächst heraus, daß die Veredelungen II. Qualität durch- 
gehends relativ schwach und ungleichmäßig, zum Teil sogar aus- 
gesprochen einseitig bewurzelt sind (Fig. 60 1. und Fig. 67 2.). Sehr 
ausgeprägt ist diese Erscheinung bei den Veredelungen von Kiesling 
auf Riparia Gloire de Montpellier II. Qualität, an deren Fußknoten 
sich ebenso wie bei den anderen Sorten deutlich die Narben ab- 
gestoßener Wurzeln erkennen ließen. Einzelne Reben zeigen etwas 



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b) Wisseüschaftlicho Abteilung. 



305 



gröbere Beschädigungen, die auf rein mechanischem Wege entstanden 
sein müssen. Mit kleineren Mängeln sind fast alle Unterlagen be- 
haftet. Ihre Rinde ist stellenweise vorletzt die Markröhre häufig am 
Fuß der Rebe bloßgelegt und das Markgewebe im untersten Inter- 
nodiuni dann gewöhnlich mehr oder minder vermorscht. Besonders 
auffallend ist die Beschaffenheit der Borke. Während sie sich in den 
oberen Teilen der Reben in normaler Weise in dünnen, festen Längs- 
streifen, wie sie sich durch die Sklerenchymfaserbündel der Rinde 
bilden müssen, löst ist sie in den unteren Teilen der Unterlagen 
entweder auf einer Flanke, manchmal auch auf dem ganzen Umfang 
der Rebe zu einer verhältnismäßig starken, durch und durch mürben 
Masse von brauner Färbung vermorscht. An den Edelreisern der 
pflanzreifen Veredelungen II. Qualität ist wieder der bekannte Rinden- 
spalt in stärkerer oder schwächerer Form vorhanden, und namentlich 
das unterste Auge der Triebe nicht selten abgestoßen. 

Die als erste Qualität bezeiehneten Veredelungen der Station 
Engers (Fig. 66 2. und Fig. 67 3.) sind etwas kräftiger und am 
Fußknoten gleichmäßig mit gesunden, aber relativ dünnen, meist nur 

1 Jahr alten Wurzeln besetzt, zeigen im übrigen aber gleichfalls, 
wenn auch im schwächeren Grade, kleine Mängel an der Unterlage 
und in einigen Fällen auch die Entblößung des Holzkörpers an den 
Edelreisern in der bekannten Form. Ihre Borke hat in den unteren 
Teilen der Rebe meist dieselbe Beschaffenheit wie an den Ver- 
edelungen II. Qualität. 

Nach den äußeren Merkmalen konnten also auch die neuen für 
die Pflanzungen des Jahres 1902 bestimmten Veredelungen der 
Station Engers nicht als ganz einwandfreie Pflanzen angesehen 
werden. Diese Überzeugung verstärkte sich, als zum Vergleich 
pflanzfertige Veredelungen der Station Poedelist in Sachsen heran- 
gezogen wurden. Die in dieser Station hergestellten ein- und zwei- 
jährigen Veredelungen I. Qualität (Fig. 66 3. und Fig. 67 4.) sind 
durchgehends stärker im Holz und vor allem weit besser bewurzelt 
als die Reben der Station Engers. Ihre Wurzelkrone ist allseitig 
gleichmäßig ausgebildet und besteht aus kräftigen, fast durchgehends 

2 Jahre alten Wurzeln. Kleine Schäden an der Rinde der Unter- 
lage sind allerdings ebenfalls vorhanden. Doch ist gewöhnlich der 
Fuß der Reben geschlossen und ihre Borke von normaler Beschaffen- 
heit. Die Edelreiser tragen sehr kräftige Triebe, doch ist bei Spät- 
burgunder und Riesling die Entblößung des Holzkörpers auf der 
augenfreien Seite in typischer Form in einzelnen Fällen nachzuweisen. 

Die anatomische Untersuchung der Reben führte zu folgenden 
Ergebnissen: Die kräftigen und gleichbewurzelten Veredelungen, wie 
sie namentlich die Station Poedelist geliefert hat, sind am Fußknoten 
durch das wohlerhaltene Diaphragma geschlossen. Verstärkt wird 
letzteres durch die verkorkten und verbolzten Randschichten des 
Markgewebes, die das eigentliche Diaphragma, d. h. eine Querplatte 
kleiner und relativ dickwandiger, schwach verholzter Zellen, in Form 
feiner 5—6 Zellreihen starker Querlamellen überziehen. Sie sind 
gewöhnlich selbst auf der Außenseite des Diaphragmas noch vor- 

OmMHihoimer Uonelit lfnni. -O 



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30t» IV. Bericht über die Hebenveredelungsstation Eibingen-Geisenheim. 

handelt, hier allerdings meist gebräunt und nach ihren Reaktionen 
in der Struktur und Beschaffenheit ihrer Membranen augenschein- 
lich etwas verändert 

Die Markröhre ist bei geschlossenem Diaphragma mit totem 
und gebräuntem, aber sonst wohl erhaltenem, luftführendem Mark- 
gewebe ausgefüllt Letzteres fehlt bei Verlust des Diaphragmas im 
untersten Internodium entweder völlig oder besteht hier nur noch 
aus mehr oder minder stark vermorschten Zellresten. 




Fig. 68. KieslingvcrtHjelung auf Hiparia filoire de Montpellier. 
Querschnitt dnroh die Unterlage, l.upenbild. 



In normalen Veredelungen ist auch die Korkscheide, die den 
Holzcylinder vom Marke abschließt, gut entwickelt, bei offener Mark- 
röhre ist sie dagegen stellenweise mit eingefault. In unmittelbarer 
Umgebung derartigerstellen ist der Holzkörper nicht selten ebenfalls 
durch Fäulnisprozesse beschädigt. Die Tracheen des erstjährigen 
Holzes sind bei geöffneter Markröhre im untersten Internodium der 
Unterlagen sämtlich durch verkorkte Thyllon und Holzgummi ver- 
stopft, während der sich anschließende Holzring des zweiten Jahres 
in solchen Fällen überaus dünn geblieben ist und durch die ge- 
ringe Dicke seiner Membranen auffällt. So war z. B. bei einer 
Veredelung von Hiparia Gloire de Montepellier im untersten Inter- 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



307 



nodium das erstjährige (abgestorbene) Holz durchschnittlich 1,3 bis 
1.5 mm, der zweite Jahresring dagegen auf dem größten Teil des 
Stammumfanges nur 0.12 mm breit (Fig. 68) Für seine Funktionen 
als Leitungsorgan ist ein derartiger Holzkörper offenbar sehr mangel- 
haft ausgebildet. 

Ähnliche Beschaffenheit zeigt der Holzkörper bei allen schwächeren 
Veredelungen. Überall ist eine Reduktion der Leitungsfähigkeit 
festzustellen. Das erstjährige Holz zeigt bis zur Veredelungsstelle 
hinauf Thyllenbildung in fast allen seinen Tracheen (Fig. 68). Der 
zweite Holzring, der sich im Veredelungsjahr in der Rebschule ge- 
bildet hat, ist schmal und umfaßt zuweilen nicht einmal den ganzen 
Stammcylinder. Ist noch ein dritter Jahresring vorhanden, so ist 
auch dieser oft nicht erheblich breiter, dagegen gewöhnlich an ver- 
schiedenen Flanken des Stammes von sehr ungleicher Stärke. Die 
schwächsten Stellen des Holzkörpere sind schon äußerlich an einer 
Abflachung der Reben zu erkennen, und es ist bemerkenswert, daß 
auch die Holzbündel des ersten Jahres an diesen Flachseiten immer 
kürzer sind als an den Rundflanken (Fig. 69). Allerdings ist die 
Holzbildung im Veredelungsjahre auch bei sehr kräftigen Pflanzen 
relativ schwach, sie geht aber bei diesen gleichmäßig auf dem ganzen 
Stammumfang vor sich und erreicht im zweiten Jahre nach der 
Veredelung wieder ihre normale Höhe. 

Bezeichnend ist, daß sich der dünne Holzring des Veredelungs- 
jahres bei den schwachen und mangelhaft bewurzelten Veredelungen 
auch in seiner Struktur wesentlich von dem älteren Holze unter- 
scheidet. Es macht sich das augenfällig in der erheblich vermin- 
derten Weite der Tracheen bemerkbar und äußert sich daneben in 
der Art des ganzen Zellgefüges, dessen Einzelelemente im Gegensatz 
zu den Tracheen durchschnittlich weitlumiger und dabei dünn- 
wandiger geworden sind als im normalen Holze. Dieser Unter- 
schied zwischen den beiden Holzringen tritt bei den kräftigeren 
Pflanzen, namentlich bei den Veredelungen der Station Poedelist 
weniger hervor und verschwindet hier zum Teil ganz. Bei der Bil- 
dung des dritten Jahresringes erhält das Holz kräftiger Pflanzen 
wieder ganz seine normale Beschaffenheit (Fig. 70). 

Das erstjährigo Holz ist bei einzelnen der untersuchten Ver- 
edelungen 11. Qualität im Verhältnis zum Hark von auffallend ge- 
ringer Breite, eine Erscheinung, die neben anderen Merkmalen 
darauf schließen läßt, daß zu diesen Veredelungen notreifes Holz 
verwendet wurde. 

Die lebende Rinde der Unterlagen ist bei kräftigen Pflanzen 
bis 0,9 mm, im Durchschnitt jedoch nur 0,5 mm breit und allseitig 
stark entwickelt. Ihre Breite betrug z. B. bei den in Poedelist 
hergestellten Veredelungen von Riparia Geisenheim und Riparia Gloire 
de Montpellier 0.3— 0,5 mm, durchschnittlich aber 0,5 mm, bei einer 
kräftigen Veredelung I. Qualität von Riparia Gloire de Montpellier 
der Station Engere 0,5 -0,9 mm. Sie ist in der bekannten Weise 
in Markstrahlen und Rindenstrahlen (Meyer, Mibrosk. Praktikum, 
II. Aufl., Seite 99) differenziert, von denen sich die ersteren nach 

20 * 



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1508 IV. Bericht über die Bcbenveredeluugsstation Eibingeu-Oeisenheim. 



außen hin stark verbreitern, so daß die Rindenstrahlen sich nach der 
Peripherie des Stamraquerschnittes nahezu halbkreisförmig abgrenzen. 
Jeder Rindenstrahl umfaßt bei normal entwickelter Rinde minde- 
stens 2, öfter aber 3 tangentiale Querplatten von Siebsträngen und 
Siebparenchym (Weichbast) und gewöhnlich 2 mit den ersteren ab- 
wechselnde Querplatten von Sclerenchym (Fig. 68 u. Fig. 70). Minde- 
stens enthält jeder Rindenstrahl aber eine derartige Sclerenchymplatte. 
Von der Borke ist das lebende Rindengewebe durch einen dünn- 
wandigen Kork getrennt, der durchschnittlich 4—7 Zellschichten 
stark wird und auf allen Seiten des Stammes annähernd dieselbe 
Breite besitzt 

Weniger gleichmäßig ist die lebende Rinde der Unterlagen 
schwächerer Veredelungen entwickelt. An einzelnen Flanken des 




Fig. 69. Rieslingvorodelung auf Riparia Omen heim II. (Qualität (EDgerS). 
Querschnitt durch die Unterlage. Lupenbild. 1:11. Vergr. wie bei Fig. 70. 



Holzes, gewöhnlich an den Flachseiten der Reben ist sie hier nicht 
selten so schmal, daß man bei mikroskopischer Untersuchung an 
ihrem Vorhandensein überhaupt zweifelt. Die Borke dringt an 
solchen Stollen oft geradezu leistenartig in das lebende Rinden- 
gewebe ein, während sie in anderen Fällen in Form breiterer 
Tangentialstreifen sich fast bis zum Kambium fortsetzt, so daß hier 
die lebende Rinde nur aus einer relativ schmalen Zone von Sieb- 
striingen und Siebparenchym besteht. An einzelnen schwachen 
Unterlagen von Riparia Geisenheim ist der lebende Rindengürtel 
überhaupt nur 0,2 — 0,2f> mm breit und enthält in den Rinden- 
strahlen durchschnittlieb nur eine Sclerenchymplatte (Fig. 69). Auch 
die an der Grenze des lebenden Rindengewebes liegenden Kork- 
schichten sind zuweilen ungleichmäßig entwickelt und nach ihren 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



iiOSl 

Reaktionen nur schwach mit Suberin imprägniert. Dagegen ist in 
der Stärkeverteilung ein Unterschied zwischen der Rinde starker und 
schwacher Veredelungen auf mikroskopischem Wege nicht festzustellen. 

Die Kopulationsstellen scheinen bei äußerer Besichtigung durch- 
gehends glatt und gleichmäßig verwachsen. Bei mikroskopischer 
Untersuchung zeigt sich aber doch, daß sich bei schwachen Pflanzen 
die Verwachsung nicht immer gleichmäßig auf den ganzen Umfang 
der Veredelungsstelle erstreckt. Namentlich zeigen sich an den 




Fig. 70. V eredeluug von Spätburgunder auf Riparia Geisenheim I. Qualität (I’oedelist). 
Querschnitt durch die Unterlage. Lupenbild. 1:11. Yergr. wie bei Fig. 69. 



Stellen, die dem Zungenschnitt entsprechen, nicht selten braun- 
umrandete Risse im Verwachsungsgewobe, die von den Einschnitten 
an der sogenannten Zunge vom alten Holz ausgehen und gewöhn- 
lich auch noch offen nach der Borke hin ausmünden (Fig. 71). 
Die Entstehung derartiger Spalten erklärte sich in einigen Fällen 
durch unrichtiges Ineinanderfiigen oder Brechen der Zungen, deren 
Holzkörper bei der Veredelungsoperation so weit nach außen ge- 
druckt wurde, daß eine Umwallung durch die Callusgewebe unmög- 
lich war. 



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310 IV. Bericht über die Kebenveredolungsstation Eibingen-Geisenheim. 



Die Untersuchung der Edelreiser ergab, daß bei diesen oft, 
selbst wenn sie äußerlich unversehrt erscheinen, die Augenflanke 
im Dicken Wachstum vor der entgegengesetzten Seite auffallend stark 
bevorzugt ist. Der im Veredelungsjahr gebildete Holzring hat in 
solchen Fullen reiu exzentrische Form und ist an der dem Auge 
opponierten Seite nicht selten ganz offen (Fig. 72). Auch beim 
folgenden Jahresring, der noch in der Rebschule angelegt wird, ist 
der unter dem Trieb liegende Teil gewöhnlich breiter wie die ent- 
gegengesetzte Seite, wenn auch dieser Unterschied bei äußerlich 
unversehrten Edelreisern nicht mehr so groll ist. 

Ganz dieselben Erscheinungen ließen sich auch an Edelreisern 
abgestorbener A’eredelungen, an denen gröbero äußere Beschädi- 
gungen uicht zu beobachten waren, nachweisen, wobei es interessant 
war, festzustellen, daß sich im Pflanzjahre in einzelnen Fällen die 
Kambiumtätigkeit im Edelreis wieder ganz ausschließlich auf die 
Triebseite beschränkt und nur zur Entstehung eines offenen, sichel- 




Fig. TI. Kiosliugveredelimg auf Kiparia Geisenheim. 

(Juersclmitt durch die Kopulationsstelle, Links Bolz des Edelreises (Kiesling), 
rechts Holz der Unterlage (Rip. Geish.). ln der Mitte die beiden Zungen, rechte 
vom Edelreis, linke von der Unterlage; Verwachsung hier unvollkommen. 

förmigen Jahresringes geführt hatte (Fig. 72). Die so entstehende 
rein exzentrische Form des Holzkörpers tritt noch weit ausgeprägter 
in Erscheinung in allon den Fällen, wo sich über der ruhenden 
Kambiumzone die Rinde gelöst und der bekannte Spalt gebildet bat. 
Die infolge einer derartigen Entblößung des Holzkörpers sich ein- 
stellenden Schäden, die genauer im Bericht des Vorjahres beschrieben 
wurden, treten an den neuen Veredelungen nur in schwächerer 
Form auf, sind dagegen bei den Pflanzen, die bereits ein Jahr im 
Weinberg gestanden haben, sehr weit vorgeschritten. 

Die Beobachtungen ließen also nicht darüber im Zweifel, daß 
auch unter den neuen pflanzroifcn Veredelungen der Station Engels 
sich ein hoher Prozentsatz schwächerer Pflanzen befindet, die in- 
folge ihrer mangelhaften Bewurzelung und mancher Anomalien ihrer 
inneren Struktur ein günstiges Pflanzergebnis von vornherein nicht 
erwarten lassen. Für die Beantwortung der Frago nach den Ur- 
sachen des bereits seit mehreren Jahren beobachteten starken Aus- 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



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falls von Rebenveredelungen im Weinberge war diese Feststellung 
von grober Bedeutung. 

Um zu richtigen Schlüssen in der Beurteilung dieser ganzen 
Frage zu gelangen, wurde von der Überlegung ausgegangen, daß 
zur Erklärung des beobachteten Mißerfolges offenbar nur heran- 
gezogen werden können: 




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Fig. 72. Kieslingvorodclung auf liiparia Cdoire de Montpellier. 3 Jahre alt. 
Lupeubild. Querschnitt durch das Edelreis. Exzentrische Ausbildung des Holzes. 



1. Mängel des Pflanzmaterials, 

2. Versehen bei der Pflanzung und Kultur der Reben im 
Weinberge und 

3. Einwirkungen ungünstiger Witterung auf die Neupflanzungen 
und dadurch bewirkte Schädon parasitärer Natur. 

Diese Momente können einzeln oder zu mehreren den un- 
günstigen Stand der Pflanzungen verschuldet haben. Die Ermitte- 
lungen in den Versuchsanlagen, sodann aber hauptsächlich die so- 
eben geschilderten Untersuchungen an dem neuen Pflanzmaterial 
drängen nun zu dem Schluß, daß der Hauptgrund des Übelstandes 




312 • Bericht über die Reben vercdelungsstation Eibingen-Geisenheim. 

in der Beschaffenheit des Pflanzmateriales zu suchen ist, daß da- 
gegen die an zweiter Stelle genannten Verhältnisse nur die Be- 
deutung von Nebenumständen haben können, die einen bereits vor- 
handenen Schaden nur vergrößerten. Für diese Art der Beurteilung 
sprechen in erster Linie die tatsächlich festgestellten Mängel dos 
Pflanzmaterials, ferner die Tatsache, daß ganz allgemein und unter 
den verschiedensten Verhältnissen das gleiche Pflanzergebnis erzielt 
wurde, und endlich die Beobachtung, nach der unveredelte Heben 
überall weit besser angewachsen sind als die veredelten Stöcke. 
Daß für diese letztgenannte Erscheinung nicht eine erhöhte Emp- 
findlichkeit der Veredelungen an sich verantwortlich zu machen ist, 
geht daraus hervor, daß an einem Pflanzort Veredelungen andrer 
Herkunft ebenso gut gediehen wie unveredelte Wurzelreben. 

Die wichtigste Aufgabe bleibt unter diesen Umstanden, fest- 
zustellen, worin die beobachteten Mangel der in Engers hergestellten 
Veredelungen ihren Grund haben. Nach den vorliegenden Be- 
obachtungen kommen dabei vornehmlich Lage und Bodenverhält- 
nisse der Station Engers in Frage. Daneben könnte aber auch die 
in Engers übliche Art der Technik manches verschuldet haben. 
Was zunächst das erstere anbelangt, so ist nach den vorliegenden 
Erfahrungen heute wohl nicht mehr daran zu zweifeln, daß in den 
für die Station Engers als Schnittweingarten in Frage kommenden 
Amerikanerpflanzungen Boden und Lage einen befriedigenden Stand 
der Holzreife nicht immer sicher stellen. Es wird daher trotz sorg- 
fältigster Auslese unvermeidlich seiu, daß in Engers, namentlich in 
ungünstigen Jahren notreifes Holz in größerer oder geringerer Menge 
zur Veredelung kommt, eine Vermutung, die auch durch die bereits 
angeführten Beobachtungen an den Veredelungen II. Qualität nahe- 
gelegt wird. Sehr ungünstig dürfte auch die Beschaffenheit des 
Bodens auf die eingeschulten Heben und Veredelungen wirken. Ehe 
aber hierauf näher eingegangen werden kann, ist es notwendig, den 
Einfluß des Veredelungsverfahrens auf die Entwicklungsfähigkeit der 
Rebenveredelungen etwas näher zu erörtern. 

Von vornherein ist es klar, daß ein befriedigender Erfolg beim 
Veredeln nur durch fehlerfreie Ausführung der eigentlichen Ver- 
edelungsoperation zu erzielen ist, d. h. wenn Auslese, Vorbehand- 
lung und Zuschnitt des Holzes, sowie der Kopulationsschnitt sorg- 
fältig und kunstgerecht vorgenommen werden. Fehler in dieser Be- 
ziehung kommen in gut geleiteten Betrieben bei der hoch ent- 
wickelten Technik und der Geschicklichkeit der meisten Arbeiter 
jedoch kaum vor, wenn es auch unausbleiblich ist, daß kleine Ver- 
sehen unterlaufen. Gewöhnlich sind solche Fehler aber so belang- 
los, daß sie das Gesamtergebnis der Veredelungsarbeit nicht wesent- 
lich beeinträchtigen können. So ist z. B. auch das auf Seite 309 be- 
schriebene Ausgleiten oder Verrücken der Zunge, wie es bei einigen 
schwächeren Veredelungen festgestellt wurde, kaum von irgend 
welcher Bedeutung, da die hierdurch entstehenden Risse im Ver- 
wachsungsgewebe mit zunehmendem Alter der Veredelung von dem 
sich verdickenden Holzkörper seitlich überwallt und geschlossen 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



313 

werden dürften. Im übrigen zeigen Aussehen und Bau der Ver- 
edelungsstellen. daß Versehen bei der eigentlichen Kopulationsarbeit 
in unseren Betrieben nicht verkommen, und es erübrigt sich daher 
näher auf diese Seite der Veredelungstechnik einzugehen. 

Nicht so einfach liegen die Verhältnisse, soweit Stratifikation, 
Abhärtung und Einschulung der Veredelungen in Frage kommen. 
Bei dieson Arbeiten handelt es sich um recht verschiedenartige Ein- 
wirkungen, die auf das spätere Entwicklungsvormögen der Pflanzen 
zweifellos den größten Einfluß ausüben, dabei aber uicht ganz leicht 
zu regulieren sind. Einige Schwierigkeiten verursacht zunächst die 
Stratifikation, die immer die Gefahr mit sich bringt, daß der Rhyth- 
mus der vegetativen Entwicklung gestört, und die Pflanze minde- 
stens für die Dauer einer Vegetationsperiode erheblich geschwächt 
wird. In zweiter Linie macht sich die Einwirkung der Boden- 
beschaffenheit auf die frisch verscbulten Veredelungen so stark 
geltend, daß ihr gar nicht genug Aufmerksamkeit zugewendet werden 
kann. Es weist vieles darauf hin, daß gerade in diesen Verhält- 
nissen, also in der Art der Stratifikation und Einschulung die be- 
obachteten Mängel der Veredelungen begründet sind. Das gilt 
erstens für die eigenartige Entblößung des Holzkörpers an den Edel- 
reisern. Die betreffende Erscheinung ist zwar nicht auf Engers 
beschränkt, denn sie findet sich, wie vom Berichterstatter festgestellt 
wurde, an den Veredelungen der verschiedensten Betriebe und 
konnte u. a. auch in französischen Rebschulen, so z. B. in Reims 
und in Ay bei Epernay zuweilen nachgewiesen werden. Sie ließ 
sich ferner in ganz charakteristischer Form selbst an einigen un- 
veredelten Reben erzielen, die aus gewöhnlichen Blindhölzern in 
Toncylindern erzogen und darin zwei Jahre ohne Rückschnitt kulti- 
viert wurden. Hier und in allen anderen Fällen scheint sie die 
Folge einer Atrophie zu sein, die sich aus der Art der Stoffleitung 
in der Rebe besonders dann leicht ergeben dürfte, wenn eine ge- 
wisse Erschöpfung der letzteren an Wasser und Nährstoffen vor- 
liegt. Es handelt sich also augenscheinlich um eine Eigenart der 
Rebe, die sich überall geltend machen kann, die aber in Engere 
wenigstens zeitweise, wie in den Jahren 1904 und 1905, mit einer 
Häufigkeit auftrat, dio zu der Annahme berechtigt, daß sie gerade 
hier durch besondere Verhältnisse begünstigt wird. Wie schon an- 
gedeutet wurde, spricht vieles dafür, daß cs die Art der Stratifi- 
kation und Einschulung ist, die sich in dieser Weise geltend macht. 
In ihr liegt augenscheinlich auch die Ursache für die mangelhafte 
Entwicklung der Unterlagen, vor allem für deren geringe Zuwachs- 
größe im Veredelungsjahr und für die Anomalien der Rindenbildung, 
wie sie für die Veredelungen IT. Qualität weiter oben beschrieben 
wurden. 

Was die Stratifikation anbelangt, so ist bereits im Bericht des 
Vorjahres und auch von andrer Seite betont worden, daß es große 
Nachteile mit sich bringt wenn die Veredelungen zu stark vorgetrieben 
werden. So berichtet z. B. Kober (Mitteilungen d. V. z. Schutze 
des österr. Weinbaues 1905, Seite 2259), daß von den Veredelungen 



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314 IV. Bericht über die licbeuveredeluugsstatioo Eibiugen-Geisenheiin. 

einer zu stark vorgetriebenen Kiste im Freiland nicht weniger als 
00°/ o eingingen. Ein derartiger Mißerfolg ist auch leicht zu be- 
greifen, wenn man die Wirkungen eines übermäßigen Stratifizierens 
in Betracht zieht. Die Veredelungen bilden dabei zwar reichlich 
Callus, sie entwickeln aber auch ihre Augen zu relativ langen 
Trieben und logen außerdem eine beträchtliche Menge von Wurzeln 
an, die schließlich so groß werden und sich so verzweigen, daß der 
ganze Boden der Vortreibkiste von einem dichten Wurzelnetz durch- 
zogen wird. Dabei ist Gefahr vorhanden, daß die neugebildeten Triebe 
bei der abnorm hohen Stratifikationstemperatur, dem durch die Packung 
bedingten Lichtmangel und unter der Einwirkung der hohen Luft- 
feuchtigkeit etwas etiolieren und daher von vornherein anormal wer- 
den. Für die spätere Entwicklung der Veredelungen in der Reb- 
schule ist dieser Zustand durchaus unvorteilhaft und gleichbedeutend 
mit einer Nährstoffvergeudung Beim Auspacken der Kästen 
brechen erfahrungsgemäß die frisch gebildeten Wurzeln zum größten 
Teil wieder ab und dio Folge ist nun, daß die stark ausgetriebenen 
Veredelungen ohne Absorptionssystem verschult werden, zu einer 
Zeit, wo sie bereits stark transpirierende Blätter besitzen. Aus dem- 
selben Grunde muß auch die sogenannte Abhärtungsfrist gefährlich 
werden, wenn sie zu lange ausgedehnt wird. Die Veredelungen 
bilden dann in den Abhärtungsräumen längere beblätterte Triebe, 
verdunsten infolgedessen Wasser in beträchtlicher Menge und ge- 
raten in einen Vegetationszustand, in dem eine Verpflanzung 
schon au sich, auch bei größter Schonung des Wurzelwerks, wie sie 
in der Praxis gar nicht durchzuführen ist, gefährlich wird. Die 
Verwachsung ist zur Zeit der Einschulung kaum so weit vor- 
geschritten, um eine ausreichende Ernährungsgemeinschaft zwischen 
Unterlago und Edelreis sicherzustellen. Für die Stoffleitung von 
der Unterlage zum Edelreis und umgekehrt, steht an der Kopu- 
lationsstelle selbst bei ganz normaler Kallusentwicklung nur ein 
schmaler Holzcylinder im neugobildeten Gewebe zur Verfügung, 
dessen Differenzierung zudem noch keinesfalls abgeschlossen sein 
dürfte. Beido Komponenten der Veredelung sind daher bei ihrer 
weiteren Entwicklung zunächst noch mehr oder weniger auf sich 
selbst angewiesen, ein Zustand, der bedenklich wird, wenn die vege- 
tative Tätigkeit und der sich hieraus ergebende Wasser- und Nähr- 
stoffbedart der Veredelungen bereits eine ziemliche Höhe erreicht 
haben. Das wird aber bei stark vorgetriebenen und zu lange ab- 
gehärteten, d. b. zu spät angepflanzten Veredelungen immer der 
Fall sein. Solche Pflanzen müssen in der Rebschule zunächst ein- 
mal neuo Wurzeln nnlegon, wofür das nötigo Bau- und Betriebs- 
material nur den Unterlagen entzogen werden kann, zugleich aber 
auch für die Erhaltung und Fortbildung der beblätterten, in Ent- 
wicklung begriffenen Triebe sorgen, deren durchaus nicht gering 
zu veranschlagenden Wasser- und Xührstoffbedarf sie wohl aus- 
schließlich mit den Reservestoffen des Edelreises zu decken haben. 
Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich unter solchen Verhältnissen 
eine Entwieklungsstockung in der Rebe einstellt, die neben andren 



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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



315 



Wirkungen auch eine Herabsetzung der Kambientätigkeit nach sich 
zieht Auf diese Weise dürfte sich der geringe Holzzuwachs der 
Veredelungen im Veredelungsjahre, wie er bei schwächeren Pflanzen 
immer konstatiert wurde, am besten erklären lassen. Es ist ferner 
eine ganz naheliegende Annahme, daß die beobachteten Schäden 
der Edelreiser gleichfalls mit diesen Einwirkungen in Zusammen- 
hang stehon. In den Edelreisern muß bei der Beschränkung des 
Nährstoffverkehrs mit der Unterlage und dem starken Verbrauch 
ihrer eigenen Reservestoffe schließlich eine Erschöpfung an 
Wasser- und Nährstoffen ointreten, die bei der Art der Stoff- 
leitung zu einer Atrophie und zum Abstoßen der Rinde an der 
augenfreien Seite führen kann, ln der Tat bilden sich auch die 
Rindenspalten in den ersten Monaten nach der Einschulung der 
Veredelungen. 

Diese nachteiligen Veränderungen müssen unter dem Einfluß 
sekundärer Faktoren in verstärkter Form zum Ausdruck kommen. 
So hängt z. B. sehr viel von der Jahreszeit ab, in der die Ein- 
schulung erfolgt Wird mit der Veredelungsarbeit spät, z. B. erst 
Ende April oder Anfang Mai begonnen, dann wird namentlich in 
unsern nördlich gelegenen Rebschulen, wo man mit Frühfrösten im 
Herbst zu rechnen hat, die Vegetationsperiode für die Veredelungen 
so kurz, daß ihre weitere Einschränkung durch Verzögerung der 
Einschulung für die Pflanzen im höchsten Grade nachteilig werden 
muß. Fis kommt weiter das Auftreten pilzlicher Krankheiten auf 
den jungen Reben, vor allen Dingen der Befall der Blätter durch 
Plasmopara und der hierdurch entstehende Schaden in Betracht, und 
schließlich im höchsten Grade auch die Benachteiligung der Verede- 
lungen, die sich aus der Beschaffenheit des Bodens und der Lage 
bei ungünstigen Rebschulgeländen ergeben kann. Zu berücksich- 
tigen bleibt dabei neben den physikalischen Eigenschaften des Bodens 
auch dio Erscheinung der Rebenmüdigkeit, der erfahrungsgemäß ge- 
rade die Veredelungs-Rebschulen leicht ausgesetzt sind. Die an 
den schwächeren Unterlagen der Station Engers nachgewiesenen 
Rindenschäden und teilweise auch deren auffallend schwache Be- 
wurzelung müssen auf Einflüsse dieser Art zuriiekgeführt werden. 
Jedenfalls spricht vieles dafür, daß das eigenartige Vermorschen 
der Borke und zum Teil auch das der Rinde, sowie die Ausbildung 
der nur schwach mit Suberin imprägnierten unregelmäßigen Kork- 
scheide an der Grenze des lebenden Rindengewebes unter dem Ein- 
fluß eines schweren und nassen, vielleicht auch biologisch unvor- 
teilhaft zusammengesetzten Bodens vor sich gegangen ist. Diese 
Einwirkung des Bodens müßte sich natürlich auch während des 
Wintereinschlages der im Herbst ausgehobenen und im Freiland 
eingedeckten Veredelungen weiter geäußert haben und dadurch noch 
gefährlicher geworden sein. Die Benachteiligung der Reben braucht 
dabei durchaus nicht so stark zu sein, um die Verodelungon schon 
in der Rebschule zum Eingehen zu bringen, wohl aber ist es denk- 
bar, daß sie die Reben in ihrem Triebvermögen schwächt und ihre 
Empfindlichkeit gegen ungünstige Lebensbediugungen, wie sie beim 



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3115 IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation Eibingen-Geisenheim. 

Versand der Reben und nach ihrer Anpflanzung in Weinberge 
leicht cintreten können, erhöht. 

Damit sind wir bei der Besprechung der an zweiter Stelle als 
denkbare Ursache des Mißerfolges angegebenen Verhältnisse an- 
gelangt, die nur bestehen könuen in Versehen bei der Pflanzung 
und Kultur der Veredelungen und schädlichen Einwirkungen der 
Witterung auf die Xeuanlagen. 

Was das erste anbetrifft, so liegt nach den Beobachtungen des 
Berichterstatters vor allem die Gefahr vor, daß die Veredelungen 
in der Zeit vom Versand bis zur Pflanzung durch Transpiratious- 
verluste zu stark eintrocknen, ein Schadon, der sich in schwächerem 
Grade vermutlich schon im Wintereinschlage zu äußern beginnt und 
in steinigen steilen Lageu auch nach der Pflanzung noch fortdauern 
muß. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind derartige Transpirations- 
wirkungen in sehr vielen Fällen die unmittelbare Ursache des Ein- 
gehens der Veredelungen, von denen die schwächeren Exemplare, 
wie die Untersuchungen gelehrt haben, weder durch ihre Borke 
noch durch ihren Kork hinreichend gegen Wasserverdunstung ge- 
schützt sind. 

Daß auch Witterungsverhältnisse den Veredelungen geschadet 
haben, ist bei den Beobachtungen an unveredelten Reben, die bei 
der ungünstigen Witterung des letzten Jahres in Neuanlagen eben- 
falls häufig versagt haben, sehr wahrscheinlich. Die vielen Nieder- 
schläge des Jahres 1906 mußten namentlich die Konstitution der 
schweren tonigen Böden durch Herabsetzung der Bodentemperatur 
und Verhinderung der Luftzirkulation in den verschlämmton Schichten 
ungünstig beeinflussen. Den neugesetzton Reben fehlte infolgedessen 
an vielen Pflanzorten nicht nur die nötige Bodenwärme, sondern 
der Luftmangel im Boden erschwerte ihnen auch die Respiration. 
Mithin waren die wichtigsten Bedingungen für eine regere Lebens- 
tätigkeit der Reben, wie sie für die Prozesse des Bewurzelns und 
und Austreibens unerläßlich ist, stellenweise wohl nur in sehr un- 
genügendem Grade verwirklicht. Die eigenartig feuchtwarme 
Witterung des letzten Jahres hat dann noch dadurch sehr ungünstig 
auf den Stand der Jungfelder eingewirkt, daß sie das Auftreten der 
Peronospora ungemein begünstigte. Die jungen Neutriebe der frisch 
gepflanzten Reben sind durch den außergewöhnlich starken und 
frühzeitigen Peronosporabefall nicht selten ganz zu Grunde gegangen, 
und die Folge konnte bei empfindlichen Pflanzen, bei der ungün- 
stigen Bodenbeschaffenheit und dem dadurch bedingten Mangel einer 
ausreichenden Bewurzelung sehr wohl das völlige Eingehen der 
Veredelungen sein. 

Diese Erklärungen laufen also darauf hinaus, das Eingehen der 
Veredelungen im wesentlichen anzusehen als die Folge einer er- 
höhten Empfindlichkeit der Pflanzen, wie sie sich aus den ungün- 
stigen Einwirkungen des Bodens und der Lage auf die Holzreife der 
Amerikaner und die Entwicklung der eingeschulton Veredelungen, 
sowie aus der Intensität und Dauer des Vortreibverfahrens ergibt. 
Als unmittelbare Ursache des Absterbens der Pflanzen werden 






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b) Wissenschaftliche Abteilung. 



317 



Transpirationsverluste der Veredelungen und die nachteiligen Witte- 
rn ngseinflüsse der letzten Jahre angenommen. 

Für die Praxis der Yeiedelungsarbeiten ergeben sich aus den 
vorliegenden Beobachtungen und Erwägungen namentlich folgende 
Anregungen: Sie muh versuchen, die Veredelungsorbeit möglichst 
zeitig im Frühjahr in Angriff zu nehmen, um die Vegetationsperiode 
der Reben gerade im Veredelungsjahr, soweit es nur angängig ist, 
zu verlängern. Der Beginn der Arbeiten dürfte unter unseren Ver- 
hältnissen am zweckmäßigsten auf die zweite Hälfte bis auf Ende 
März, spätestens aber auf Anfang April festzusetzen sein. 

Die Stratifikationstemperatur sollte versuchsweise auf 25° C. 
herabgesetzt und die Stratifikation und Abhärtung nur so lange 
ausgedehnt werden, bis die Augen der Edelreiser sich zu Trieben 
von 1,5 — 2 cm entwickelt haben. In diesem Zustande sollten die 
Reben sofort verschult werden, ohne längor in den Vortreibkästen 
stehen zu bleibon. 

Das Rebschulland müßte öfter gewechselt werden, um Reben- 
müdigkeit zu vermeiden. Bei Neuanlagen wäre dahin zu streben, 
nur Felder von lockerer, warmer Bodenart und günstiger Lage für 
Rebschulzwecke zu gewinnen. 

Bei der Behandlung der pflanzreifen Veredelungen ist be- 
sonders darauf zu achten, daß der Bodeneinschlag der im Herbst 
ausgehobenen Reben im Freien im geeigneten Boden, im Keller in 
einer Sandmischung so erfolgt, daß die Veredelungen weder in die 
Gefahr kommen zu faulen, noch erhebliche Wasserverluste durch 
Verdunstung orleiden können. Es wäre auch zu versuchen, den 
Wintereinschlag ganz zu umgehen und die Veredelungen erst im 
Frühjahre der Rebschule zu entnehmen. 

Der Versand der Reben und die Anpflanzung im Weinberg 
muß so zeitig wie möglich geschehen und jede unnötige Vorzögerung 
dabei vermieden werden. 

Bei den Pflanzarbeiten sind die Veredelungen nicht frei zu 
tragen, sondern in Wasser zu stellen, — aus dem Eimer zu setzen 
— oder in nasse Tücher oder feuchten Boden einzuschlagen. Viel- 
leicht dürfte es sich auch empfehlen, schwächere Veredelungen vor 
der Pflanzung überhaupt 1 oder 2 Tage in Wasser zu stellen, um 
etwaige Transpirationsverluste wieder auszugleichen. 

Die Pflanzung muß bei trocknem Wetter, und besonders in steinigen 
steilen Lagen so vorgenommen werden, daß die Reben bis über die 
Veredelungsstellen eingedeckt und gegen Eintrockuen geschützt sind. 



2. Untersuchungen über die histologischen Vorgänge bei 
der Veredelung von Reben. 

Dr. Gerneck, bis zum 15. März Assistent der Station, befaßte 
sich mit Untersuchungen über den Verwachsungsvorgang bei der 
Veredelung von Reben. Ein Bericht über diese Arbeiten war von 
Dr. Gern eck nach seinem Austritt aus der Station nicht zu er- 
langen. 



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318 



V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



B. Sonstige Tätigkeit der Station. 

1. Neuanschaffungen. 

Von Neuanschaffungen im Berichtsjahre sind zu nennen: eine 
Mikroskopierlampe für Gas und eine Anzahl Utensilien für Mikro- 
skopie. Für die Bibliothek der Station wurden außer einer größeren 
Anzahl kleineret Werke angekauft: 

Mitteilungen über die Arbeiten der Versuchsstation zu Kloster- 
neuburg; 

Comptes rendus, 1900; 

Botanische Zeitung. 1906; 

Keuille vinicole de la Gironde, 1906; 

Progrt-s agricole et viticole, 1906; 

Revue de viticulture, 1906; 

Goethe: Ampelographie; 

Correns: Vererbungsgesetze; 

Küster: Pathologische Pflanzenanatomie; 

Crolas: Enquete sur les vignes sulfuröes; 

Marchet: Die Reblausgesetzgebung Österreichs. 

2. Personal Veränderungen. 

Der bisherige Assistent der Station, Dr. Rudolf Gerneck, trat 
am 15. Marz 1907 aus der Station aus. 



V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



Der Direktor beteiligte sich: 

1. an der Vorstandssitzung des Deutschen Weinbau-Vereins in 
Mainz. 

2. uu der Vorstandssitzung des Nassauischen Landes-, Obst- und 
Gartenbau-Vereins in Limburg, 

3. an den Beratungen des Vorstandes der Obstverwertungsstelle in 
Frankfurt a. M., 

4. an den Sitzungen der Vereinigung der Vertreter der ange- 
wandten Botanik in Hamburg, 

5. an der Sitzung des Beirats der Kaiserlichen Biologischen An- 
stalt für Land- und Forstwirtschaft in Dahlem, 

6. an einer im Kaiserlichen Gesundheitsamt zu Berlin stattgefundenen 
Snchverständigen-Beratung über Abänderung des Weingesetzes 
vom 20. April 1892, 

7. an der Vorstandssitzung des Rheingauer Vereins für Wein-, 
Obst- und Gartenbau in Eltville. 



t. 



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V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



310 



Der Direktor leitete als Vorsitzender den Nassauischen Landes-, 
Obst- und Gartenbau-Verein und den Rheingauer- Verein für Wein-, 
Obst- und Gartenbau. 

Der Direktor unternahm als Mitglied der König!, preußischen 
Reben-Veredelungskommission in der Zeit vom 6. — 11. August eine 
Reise an die Ahr, Mosel und Saar in Rebenveredelungsangelegen- 
heiten. 

Im Aufträge des Herrn Ressortministers führte der Direktor im 
Sommer 1906 eine auf 5 Wochen sich erstreckendo Studienreise in 
Rebenveredelungsangelegenheiten nach Ungarn aus. 

Der Vorstand der pflanzenpathologischen Station, Dr. Lüstner, 
hielt folgende Vorträge: 

1. Neues und für die Praxis Wichtiges aus dem Gebiete der 
Pflanzenkrankheiten. Im Rheingauer Verein für Wein-, Obst- 
und Gartenbau zu Erbach im Rheingau. 

2. Über die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurmes durch 
Gifte. In einer Versammlung von Weingutsbesitzern in Geisen- 
heim. 

3. Über die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurmes mittels 
Arsensalzen. Im landwirtschaftlichen Kasino in Trarbach an 
der Mosel. 

4. Über zielbewußte Bekämpfung der Rebenschädlinge. In der 
Generalversammlung des Rheingauer Vereins für Wein-, Obst- 
und Gartenbau zu Ostrich im Rheingau. 

5. Über die Bekämpfong der Rebenschädlinge. In der General- 
versammlung der Vereinigung Rheinganer Woingutsbesitzer zu 
Hattenheim im Rheingau. 

6. Über Gemüsekrankheiten und Gemüsefeinde. In der Gärtner- 
Genossenschaft Sachsenhausen zu Sachsenhausen bei Frank- 
furt a. M. 

7. Über ein neues Verfahren zur Bekämpfung des Heu- und 
Sauerwurmes. Im landwirtschaftlichen Kasino zu Traben an 
der Mosel. 

8. Über die Rebenschildlaus und ihre Bekämpfung. Im landwirt- 
schaftlichen Kasino zu Traben an der Mosel. 

Dr. Lüstner leitete die bei der Neuorganisation des Pflanzen- 
schutzes im Regierungsbezirk Wiesbaden neu gegründete Haupt- 
sammelstelle für Pflanzenfeinde und -krankheiten. 

Die ptlanzenpathologische Station beteiligte sich an der land- 
wirtschaftlichen Ausstellung in Biedenkopf durch Ausstollen von 
Insektenbiologien, Präparaten von Pflanzenkrankheiten und farbigen 
Tafeln von tierischen und pflanzlichen Krankheitserregern der Kultur- 
pflanzen. 

Der Vorstund der pflanzenphysiologischen Versuchsstation, 
Dr. K. Kroemer, hielt im Berichtsjahre folgende Vorträge: 

1. „Über das Wurzelleben unserer Kulturpflanzen“, am 5. Oktobor 
1906 in der Gartenbau-Gesellschaft in Frankfurt a. Main. 

2. „Über Pflanzen und Ameisen“, am 15. Oktober 1906 in der 
Gartenbau-Gesellschaft in Mainz. 



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820 



V. Tätigkeit der Austalt nach außen. 



3. „Über reintönige Gärung und Säure-Rückgang des Weines“, 
am 5. Dezember 1906 in der Sitzung des Weinhändler-Ver- 
bandes a. d. Nahe in Kreuznach. 

Als Mitglied dor Königl. Preußischen Rebenveredelungskommission 
unternahm Dr. Kroemer in der Zeit vom 6. — 11. August eine Reise 
an die Ahr, Mosel und Saar in Rebenveredelungsangelegenheiten. 

Im Aufträge des Herrn Ressortministers führte Dr. Kroemer 
im Sommer eine sich auf 4 Wochen erstreckende Studienreise in 
Rebenveredelungsangelegenheiten nach Frankreich aus. 

Der Vorstand der oenochemischen Versuchsstation hielt im 
Berichtsjahre einen V ortrag u. zw. 

„über das Weingesetz“, am 20. Mai 1906 zu Eltville. 

Garteninspektor Glindemann bekleidete das Amt eines Vor- 
sitzenden der Gärtnervereinigung des Rheingaues, das Amt eines 
Geschäftsführers des Rheingauer Vereins für Obst-, Wein- und 
Gartenbau. 

Er hielt Vorträge über: 

Neuerungen auf dem Gebiete der Nelkenkultur. 

Anwendung verschiedener Dünger bei der Düngung von Topfpflanzen. 
Das Ätherverfahren bei der Frühtreiberei. 

Garteninspektor Junge hielt im Berichtsjahre folgende Vorträge: 
in Ne cka rbi sch ofsh ei m bei Gelegenheit der Generalver- 
sammlung des dortigen Kreisvereins über: „Ziele der Obst- 
verwertung“, 

in Frankfurt a. M. bei Gelegenheit einer Versammlung der 
Gartenbau-Gesellschaft über: „Vorbedingung für eine erfolg- 
reiche Durchführung der Zwergobstkultur* 1 , 
im Gartenbauverein zu Wiesbaden über: „Vorteile und Nach- 
teile der Spalierzucht“, 

bei Gelegenheit der Generalversammlung des Rheingauer Vereins 
zu Oestrich über: „Die Bedeutung des Obst- und Gemüse- 
baues bei der gegenwärtigen Notlage des Winzerstandes“. 
Garteninspektor Junge beteiligte sich an den Vorberatungen 
über die Mannheimer Obst- und Gemüseausstellungen, er wurde 
wiederholt als Sachverständiger in Taxationsfragen von Gerichten 
hinzugezogen und stellte Fachzeitschriften Beiträge zur Veröffent- 
lichung zur Verfügung. Kr leitete die Zeitschrift „Goisenheimer Mit- 
teilungen über Obst- und Gartenbau“, welche zur Zeit in einer 
Auflage von 17 000 Expl. erscheint und gab folgende Schriften in 
dem Berichtsjahre heraus: 

„Die Gemüseverwertung im Haushalt“ 1. Aufl. 
„Obsteinkochbüchlein“ 8. Aufl. 

Beide Schriften sind im Verlage von R. Bechtold & Co., 
Wiesbaden erschienen. 

Der Assistent des Direktors, K. Locke rin ann, veröffentlichte 
folgende kürzere Aufsätze und Referate: 

I. In den Geisenheinier Mitteilungen über Obst- und Gartenbau: 
1. Konservierung von Früchten zu Schauzwecken, Jahrg. 1906, 
Nr. 9. 



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V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



321 



2. Beeinflussung des Wurzelwachstums unserer Kulturpflanzen, 
Jahrg. 1907, Nr. 1. 

3. Die günstige Wirkung der Torfstreu bei Neupflanzungen, 
Jahrg. 1907, No. 2. 

4. Die Verwendung des Torfmulls bei Obst- und Gartenkulturen, 
Jahrg. 1907, No. 3 und 4. 

II. In den Geisenheimer Mitteilungen über Weinbau- und Keller- 
wirtschaft, Jahrg. 1900, No. 11 und 12 und in der Wein- 
laube 38, Jahrg. No. 47 und 48: 

5. Kostprobe und Kosttemperatur, Jahrg. 1906, No. 11 u. 12. 
III. In der Allgemeinen Weinzeitung, Jahrg. 1906, No. 42 u. 43 

und im Ungarischen Weinhandel, VI. Jahrg., No. 45: 

6. Über die Kosttemperatur der Weine. 

Der Landes-Obst- und AVeinbaulehrer Schilling hielt im 
Berichtsjahre 46 Vortrage und zwar: 

« 

22 über Weinbau und Keilerwirtschaft. 

18 über: „Die Bekämpfung der Peronospora.“ 

2 „ „Die Lese und Kelterung der Trauben.“ 

1 ., „Anlage und Pflege der Weinberge“ und 

1 „ „Rebenspalierzucht.“ 

24 über O bstbau 

6 über: „Die Bekämpfung der wichtigsten Obstbaumschädlinge.“ 

3 „ „Das Ernten, Sortieren und Verpacken des Obstes.“ 

3 „ „Zweckmäßiges Pflanzen der Obstbäume.“ 

3 ., „Was muß in Höhn, Gehlert und in Berod für die Ver- 

besserung des Obstbaues geschehen?“ 

2 ,. „Das Umpfropfen der Obstbäume.“ 

2 „ „Die Pflege der älteren Obstbäume.“ 

1 „ „Empfehlenswerte Einmachmethoden für ländliche Haus- 

haltungen.“ 

1 „ „Die Verbesserung alter Obstanlagen.“ 

1 „ „Die von der Landwirtschaftskaramer für den Reg. Bez. 

Wiesbaden für nassauisches Obst empfohlene Sortierung 
und Verpackung.“ 

1 „ „Beerenweinbereitung.“ 

1 „ „Beeren- und Zwergobstkultur.“ 

Durch ihn fanden statt: 12 je eintägige Obstbaumplropfkurse; 
3 Obst- und Gemtiseverwertungskurse (2 davon von .je 3 tägiger 
und einer von 2 tägiger Dauer); 4 je 1 */ s tägige Obsternte- und 
Verpackungskurse; 8 je 6 tägige und 3 je 3 tägige Obstbaumpflege- 
kurse und 5 je halbtägige praktische Unterweisungen im Baumschnitt. 

Am 8. Juni stellte er die Peronospora in Lorch und am 16. 
in Ems fest 

Er unternahm ferner im Sommer eine Reise in das Lahn- Wein- 
baugebiet zum Studium der Peronospora und besuchte im Herbst 
während der Lese einige Gemeinden des Rheingaues und des Rhein- 

Gciscnheiflior Bericht 10OC. 21 



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322 



V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



tales, wo er Anleitungen zur Bestimmung des Mostgewichts und des 
Säuregehalts des Mostes gab. 

Weiterhin fanden durch ihn <5 je eintägige praktische Kurse 
über die Sommerarbeiten in den Weinbergen, 2 je halbtägige Unter- 
weisungen über die Weinlese, 2 je halbtägige Belehrungen im Reb- 
schnitt, sowie 2 je 6 tägige und 3 je 3 tägige Weinbaukurse im 
Winter statt und war ihm wiederum die Aufsicht und Abnahme 
der mit Staatszuschüssen in Obernhof und Weinähr angelegten Wein- 
berge übertragen. Vom 7. Januar bis 20. Februar hatte er an der 
Königl. Lehranstalt den Unterricht über Weinbau, Kellerwirtschaft 
und Obstweinbereitung zu erteilen. 

Für die französische Fachzeitung „Feuille Vinicole de ia Gironde“ 
schrieb er einen Aufsatz über: „Die Weinerntoaussichten im Rhein- 
gau 1906.“ 

Außerdem wurden von demselben 33 Gemeindeobstbaumschulen, 
24 Gemeindeobstnnlagen, 1 Seminarbaumschule, 88,6 km mit Obst- 
biiumen bepflanzte Vizinalwege und eine fiskalische Obstanlage be- 
sichtigt, 2 weitere Grundstücke auf ihre Tauglichkeit für Obstbau 
uutersucht, in 2 Gemeinden Obstbäume taxiert und 2 Baumwärter- 
versammlungen abgehalten. 

Im Aufträge der Landwirtschaftskammer in Wiesbaden nahm 
der Landes-Obst- und Weinbaulehrer an dem 1. Lehrgänge für Obst- 
baubeamte in Dresden teil, er besuchte die Vorstandssitzung und 
Generalversammlung des Nassatiischen Landes -Obstbauvereins in 
Limburg und in Weilburg und hielt aut letzterer einen Vortrag 
über: „Die von dor Landwirtschaftskammer für den Regierungs- 
bezirk Wiesbaden für nassauisches Obst empfohlene Sortierung und 
Verpackung." 

In den Städten Biedenkopf, Herborn und in Dillenburg war ihm 
die Arrangierung von Obst- und Gartenbauausstellungen übertragen 
worden und hatte er an allen 3 Orten als Preisrichter tätig zu sein. 

Sehr zahlreiche Personen, darunter auch solche außerhalb seines 
Dienstbezirkes wohnende, haben sich bei dem Weinbaulehrer Rat 
in Wein- und Obstbauangelegenheiten geholt und belief sich die 
Zahl der abgesandten dienstlichen Briefe und Karten im Berichts- 
jahre auf 950. 

Auch auf dem Gebiote des Obstbaues war dor Berichterstatter 
schriftstellerisch tätig und schrieb folgende Aufsätze: 1. „Die jetzigen 
Obstpreise“; 2. „Das Umverodeln der Obstbäume“; 3. „Mahnung an 
die Obstzüchter im Mai“; 4. „Behandlung der Rebenspaliere im 
Juli“; 5. „Des Landwirts Obstbaumpflege im Winter“; 6. „Unkennt- 
nis in der Obstsortenkunde kann von Schaden für den Obstzüchter 
sein“; 7. „Nutzen des Umpfropfens". 

Die Artikel 1. 2, 3, 4 und 7 erschienen im Amtsblatt der Land- 
wirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden, 2 außerdem 
noch im Amtsblatt der Landwirtschaft.skammer für die Provinz 
Hannover und in der Braunschweigischen Landwirtschaftlichen 
Zeitung: 5, 6 und 7 in den Geisenheiraer Mitteilungen über Obst- 
und Gartenbau. 



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V. Tätigkeit der Anstalt nai h außen. 



323 

Landes-Obstbaulehror Winkelmann hielt im Berichtsjahre 
59 Vorträgo und zwar: 

1 über: „Spargelkultur.“ 

5 „ „Die Auswahl des Pflanzraateriales und das Pflanzen 

der Obstbäume.“ 

1 „Die Auswahl der Pflanzstellen.“ 

4 „ „Die Bekämpfung der gefährlichsten Obstbaumschäd- 

linge.“ 

lt» ,, „Die Pflege der älteren Obstbäume.“ 

5 .. „Die Pflanzung und Pflege der Obstbäume.“ 

1 „ „Die Düngung der Obstbäume.“ 

1 .. „Der Apfelblütenstecher, die Obstmade, der Frostnacht- 

schmetterling.“ 

1 „ „Rationeller Gemüsebau.“ 

1 „ „Die Obstverwertung im bürgerlichen Haushalte.“ 

1 „ „Ernte, Sortierung und Verpacken des Kernobstes.“ 

1 ., „Obstbau unter weniger günstigen Verhältnissen.“ 

1 „ „Die Pflege der jungen und alten Obstbäumo.“ 

1 „ „Wodurch kann man auf die Gewinnung regelmäßiger 

und reicher Obsternten hinwirken?“ 

5 „ „Die Wiege der jungen Obstbäume.“ 

3 „ „Das Umpfropfen der Obstbäume.“ 

1 „ „Die Anwendung des Katbclineums im Obstbau.“ 

4 „ „Die Pflanzung und Düngung der Obstbäume.“ 

2 ,, „Die Pflanzung der Obstbäume.“ 

1 „ „Durch welche Maßnahmen können die Obstbäume krebs- 

frei erhalten werden?“ 

1 „ „Zwergobstkultur.“ 

1 „Die Bekleidung von Mauern und Häuserwänden mit 

Obstbäumen.“ 

1 „ „Unregelmäßige Obsternten, ihre Ursachen und Ver- 

meidung.“ 

Ferner hielt er ab: 

6 Obstbaumpflegekurse von je 6 tägiger Dauer, 

3 Obstverwertungskurse „ „ 3 „ „ 

1 Gemüsebau- und Gemüseverwertungskursus von 3 tägiger Dauer, 

2 Obstverpackungskurso von je 2 tägiger Dauer, 

5 Pfropfkurse von je 2 tägiger Dauer, 

5 Baumwiirterversammlungeu, 

19 praktische Unterweisungen in der Behandlung der jungen und 
alten Hochstämme, der Zwergobstbäume, der Herstellung und 
Verteilung der Bordelaiser Brühe usw. 

In den Kreisen Unterwesterwald und Oberlalm veranstaltete er 
je einen 1-, im Kreise Hoechst einen 3 wöchentlichen Obstbau- 
Wanderkursus. 

Durch ihn wurden besichtigt: 

60 Gemeindeobstanlagen, 

53 Gemeindebaumschulen, 

1 Reformbaumsehule dreimal und in 

ül* 



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324 



V. Tätigkeit der Anstalt nach außen. 



25 Gemeinden das vorhandene Gemeindeland, um dasselbe auf 

seine Brauchbarkeit für den Obstbau zu prüfen. 

Sein Augenmerk richtete er besonders auf die Bekämpfung des 
Ungeziefers. Die Obstanlagen der Gemarkungen des Landkreises 
Frankfurt a. M. unterzog er einer Revision, um festzustellen, ob und 
in welchem Umfange die Raupe des Goldafters auttritt. Im Kreise 
Usingen ging er in ähnlicher Weise vor und auf seine Anregung 
erließ das Landratsamt zu Usingen eine Verfügung, nach der alle 
Obstbäume des Kreises im Herbste mit Leimgürteln versehen werden 
müssen. 

Während des an der Königl. Lehranstalt für Wein-, Obst- und 
Gartenbau abgehaltenen Obstbaukursus erteilte ei den theoretischen 
und praktischen Unterricht in der Obstbaumzucht und gelegentlich 
des Baumwärterkursus wurde er mit der vertretungsweisen Erteilung 
des Unterrichtes im Obstbau betraut. 

Der Landes- Obstbaulehrer hatte des öfteren Taxationen von 
Obstbäumen vorzunehmen und in einem Streitfälle ein gerichtliches 
Obergutachten zu erstatten. 

An den Sitzungen des Ausschusses VIII für Wein-, Obst- und 
Gartenbau der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk 
Wiesbaden nahm er regelmäßig teil. Er besuchte den Camper 
Kirschenraarkt, die Ausstellung von Obstverpackungsgeräten in 
St. Goarshausen und den 1. Lehrgang für Obstbaubeamte usw. des 
Deutschen Pomologen-Vereines in Dresden. Ferner beteiligte er sich 
an den Beratungen über die Aufstellung eines neuen Obstsortimentes 
für den Regierungsbezirk Wiesbaden und hatte sehr häufig an Inter- 
essenten Rat der mannigfachsten Art zu erteilen. 

Im Amtsblatt der Landwirtschaftskammer für den Regierungs- 
bezirk Wiesbaden veröffentlichte er eine längere Abhandlung über 
Ernten, Sortieren und Verpacken des Obstes und in mehreren 
Tagesblättern solche über Insektenbekämpfung. 

In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer des Nassauischen 
Landes-Obst- und Gartenbau-Vereines nahm er an dessen Sitzungen 
regelmäßig teil und hatte die Protokolle zu führen. Er besuchte 
soweit wie möglich die Zweigvereine, bewerkstelligte den Versand 
von Edelreisern, leitete den Gemüseanbauversuch und stellte das 
Resultat desselben zusammen. 



Druck von Hermann Beyer & Söhne (Beyer k Mann) in Langofmtza 



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Bericht 



der 

Königl. Lehranstalt für Wein-, 
Obst- und Gartenbau 

zu 

Geisenheim a. Rh. 

für das Etats jahr 1907 

erstattet von dem Direktor 

Prof. Dr. Julius Wortmann, 

Geh. Reg.-Rat. 




Mit 87 Textabbildungen. 



BERLIN. 

Verlagsbuchhandlung Paul Parey. 

V»rl*f rar GartrebM ar>4 ForafarMM. 

SW'., Hedemannstrasse 10. 

1908. 



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Allo Kochte. auch da» der ÜboreeLtung, Vorbehalten. 



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Inhalt. 

I. Schulnachrichten. geito 

1. Veränderungen iin Personal der Anstalt 1 

2. Frequenz 3 

„ .. I a) Besichtigungen tisw 6 

3. Chronik „ 

4. Ausflüge und Studienreisen 10 

5. Periodische Kurse 12 

6. Bauliche Veränderungen 13 

7. Neuerwerbungen 14 

8. Bibliothek, Sammlungen, Geschenke 14 

II. Bericht Ober die Tätigkeit der technischen Betriebe. 

A. Weinbau und Kellerwirtsehaft IG 

a) Weinbau. Von Weinbaulehrer Fischer 16 

b) Kellerwirtschaft. Von Weinbaulehrer Fischer 41 

B. Obst- und Gemüsebau, sowie Obst- und Gemüseverwertung 58 

a) Obstbau. Von Gartenins|>ektor Junge 58 

b) Gemüsebau. Von Garteninspektor Junge 94 

c) Obst- und Gemüseverwertung. Von Garteninspektor Junge ... 99 

d) Bienenzucht. Von Anstaltsgartnei Baumann 129 

C. Gartenbau, Obsttreiberei, Anstaltspark 138 

a) Pflanzenkulturell. Von Garteninspektor Glindemanu 138 

b) Obsttreiberei. Von Garteninspektor Glindemanu 154 

c) Park. Von Garteninspektor Glindemann 160 

d) Anderweitige Versuche. Von Garteninspektor Glindemanu . . . 167 

III. Bericht über die Tätigkeit der wissenschaftlichen Institute. 

A. Önochemisehe Versuchsstation. Vom Vorstand der Station Dr. C. von 

der Iloide 173 

B. Pfianzenpbysiologische Versuchsstation. Vom Vorstand der Station 

Dr. Karl Kroeuier 240 

a) Wissenschaftliche Tätigkeit 240 

b) Sonstige Tätigkeit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation . . . 271 



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IV 



Inhalt. 



Soito 



C. Pflanzenpathologische Versuchsstation. Vom Vorstand der Station 

Dr. Gustav Lüstner 273 

a) Allgemeines 273 

b) Wissenschaftliche Tätigkeit 275 

c) Bekämpfungsversuehe 330 

d) Sonstige Tätigkeit der Station 371 

e) Veröffentlichungen der pflanzenpathologischen Versuchsstation . . . 373 

D. Hefereinzuchtstation. Von der Assistentin der Station Clara Seiß . . 377" 

a) Tätigkeit der Station im Verkehr mit der Praxis 377 

b) Wissenschaftliche Tätigkeit der Station 3S1 

c) Sonstige Tätigkeit der Hefereinzuchtstation 100 

E. Meteorologische Station. Von Dr. Gustav Lüstner 401 

IV. Bericht über die Rebenveredelungsstation Geisenheim-Eibingen. 

a) Technische Abteilung. Vom Betriebsleiter Weinbaulehrer Fischer . . 400 

b) Wissenschaftliche Abteilung. Vom Vorstand der Abteilung Dr. Karl 

Kroemer 427 

V. Tätigkeit der Anstalt nach auBen 400 



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I. Schulnachrichten 



1. Veränderungen im Personal der Anstalt. 

a) Kuratorium. 

Nach längerem Leiden entschlief in der Nacht vom 30. April 
zum 1. Mai Herr Graf Philipp von Ingelheim, Mitglied des 
Kuratoriums der Königl. Lehranstalt. Dieses Amt bekleidete der 
Verstorbene vier Jahre lang, während welcher Zeit er den Be- 
strebungen der Anstalt das größte Interesse entgegenbrachte und 
sie mit allen seinen Kräften zu fördern suchte. Die Anstalt wird 
dem teueren Verstorbenen ein treues Angedenken bewahren. 

Als neues Mitglied des Kuratoriums ist Herr Hauptmann a. D. 
von Stosch in Oestrich berufen worden. 

b) Lehrkörper. 

Nach kurzer, schwerer Krankheit entschlief in der Nacht vom 
2. zum 3. Mai der Oberlehrer für Naturwissenschaften an der 
Königl. Lehranstalt Herr Professor Dr. Carl Christ. Die Anstalt 
hat in dem Verstorbenen einen tüchtigen Lehrer verloren, der stets 
bestrebt war, trotz seines jahrelangen körperlichen Leidens, sein 
reiches Wissen und seine hervorragenden Gaben als Lehrkraft nutz- 
bringend zu verwerten. Ein treues Angedenken wird dom Ver- 
storbenen, der seit dem 1. Oktober 1887 an der Anstalt tätig war, 
bewahrt werden. 

Als Nachfolgpr wurde der seitherige Direktorialassistent, Karl 
Löckcrmann unter gleichzeitiger Beförderung zum wissenschaft- 
lichen Lehrer ernannt. 

Der Direktor der Anstalt, Professor Dr. Wortmann, wurde 
mittels Allerhöchsten Erlasses zum Geheimen Kegierungsrat ernannt. 

Bureau-Diätar Giese wurde zum Sekretär ernannt. 

Der Königl. Landesökonomierat Goethe zu Darmstadt ist auf 
seinen Wunsch vom 1. November 1907 ab von den Geschäften 
eines Mitgliedes und Vorsitzenden der Rebenveredelungskommission 
entbunden worden. 

Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Kommissions- 
vorsitzenden wurde der Direktor der Anstalt, Geh. Reg.-Rat Professor 
Dr. Wort mann, beauftragt. 

GciÄonheifuor Bericht 1907. 1 



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9 



I. Schulnaclirichten. 



c) Hilfspersonal usw. 

Mit dem 1. Juli 1907 schied der Weinbergsvogt Oppermann 
aus, um die Stelle eines Wanderlehrers im Kreise St. Goarshausen 
zu ühemehmen. 

Zu seinem Nachfolger wurde der ehemalige Gartenbauschüler 
der Anstalt, Heinrich Kowalk aus Stettin ernannt. 

Als Assistent der wissenschaftlichen Abteilung der hiesigen 
Rebenveredelungsstation wurde am 22. Mai 1907 Dr. Schmitt- 
henner aus Bergzabern i. d. Pfalz eingestellt. 

Der Assistent der önochemischen Versuchsstation, Dr. Feld- 
mann, schied mit dem 1. Juli 1907 aus. 

Zu seinem Nachfolger wurde Dr. phil. Hans Steiner aus 
Zeitlofs b. Brückenau ernannt. 

Weinbergs- Volontär Schneider trat am 30. September 1907 
aus seiner Stellung aus. 

Der Bureau -Difitar Tangermann ist am 1. Oktober 1907 an 
das pomologische Institut in Proskau versetzt worden und an seine 
Stelle der bisherige Bureau - Diätar des pomologischen Instituts, 
Knoenor, vom 1. Oktober 1907 ab getreten. 

Mit dem 31. Dezember 1907 schied der Assistent der pflanzen- 
physiologiscben Versuchsstation, Dr. Kirchner, aus und übernahm 
eino Assistentenstelio an der Königl Württemb. Landw. Hochschule 
in Hohenheim. 

Die Verwaltung der hierdurch an der Anstalt frei gewordenen 
Assistentenstelle wurde vom 1. Januar 1908 ab dem Volontär- 
Assistenten Dr. Richard von der Heide übertragen. 

Der Anstal t.sgiirtner Blaser trat mit dem 1. Marz 1908 aus 
dem Dienst der Anstalt aus, um die Stelle eines Kreis-Obstbau- 
Inspektors für die Kreise Heidelberg-Mannheim zu übernehmen. 

Zu seinem Nachfolger wurde der frühere Anstaltsschüler Wilh. 
Paulsen bestimmt. 

Der Eleve Biermann trat am 1. Mürz 1908 als Weinbergs- 
Volontär ein. 

Die durch den Staatshaushaltsetat für 1908 für die hiesige 
Königl. Lehranstalt bewilligte neue etatsmäßige Stelle eines wissen- 
schaftlichen Lehrers wurde vom 1. April 1908 ab dem bisherigen 
wissenschaftlichen Assistenten Dr. Dewitz verliehen. 

Als Direktorialassistent wurde vom 1. April 1908 ab der ehemalige 
Anstaltseleve Hermann Faulwetter aus Münster angenommen. 

Die durch das Ausscheiden des Dr. Richard von der Heide an 
der pflanzenphysiologisehen Versuchsstation frei gewordene Assistenten- 
stelle wurde dem Dr. phil. Walter Bierberg aus Jena übertragen. 

Oberlehrer W. Göbel aus Idstein übernahm vom Sommer- 
Semester 1908 ab den Unterricht in der Baukonstruktionslehre. 

Die an der Anstalt neu geschaffene Materialien verwalterstelle 
wurde vom 1. April 1908 ab dem Kaufmann Karl Herbst aus 
Frankfurt a. M. übertragen. 

Als Kanzleidiätar wurde der Mi litürau Wärter Louis Münch 
aus Elberfeld vom 1. April 1908 ab angenommen. 



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Veränderungen im Personal der Anstalt. — Frequenz. 



3 



Dem Privatdozenten an der technischen Hochschule in Darm- 
stadt, Dr. Hülsen aus Frankfurt a. M., wurde mit Genehmigung 
des Herrn Ressortministers der an der Anstalt versuchsweise ein- 
getiihrte Unterricht in Gartenarchitektur und Gartenkunst vom 
Sommer-Semester 1908 ab übertragen. 

2. Frequenz. 

Das Schuljahr 1907 wurde ausweislich des letzten Jahresberichts 
mit 32 Eleven (19 Obst- und Weinbaueleven und 13 Gartenbau- 
eleven), 9 Obst- und Weinbauschülem, 36 Gartenbauschülem und 
2 Praktikanten, insgesamt mit 79 Personen eröffnet. Hierzu traten 
im Laufe des Schuljahres noch 36 Praktikanten, so daß die Gesamt- 
zahl der Schüler und Praktikanten 115 betrug. Ausgeschieden sind 
im Laufe des Schuljahres 4 Obst- und Weinbaueleven, 1 Gartenbau- 
eleve, 1 Obst- und Weinbauschüler, sowie ferner bis zum Schlüsse 
des Etatsjahres 35 Praktikanten. Von den ausgetretenen Eleven 
beteiligten sich 2 nm Praktikantenkursus. Nach einigen im Schul- 
jahre erfolgten Verschiebungen zwischen den Obst- und Weinbau- 
schülem bezw. Eleven einerseits und den Gartenbauschülern bezw. 
Eleven andererseits nahmen am Unterricht regelmäßig 17 Obst- und 
Weinbaueleven, 26 Gartenbaueleven, 6 Obst- und Weinbauschüler 
und 22 Gartenbauschüler, zusammen 71 Schüler teil. Zur Ent- 
lassung gelangten mit Schluß des Schuljahres 1907 48 Personen näm- 
lich: 13 Obst- und Weinbaueleven, 7 Gartenbaueleven, 6 Obst- und 
Weinbauschüler und 22 Gartenbauschüler, sodaß in das Schul- 
jahr 1908 übernommen wurden: 4 Obst- und Weinbaueleven, 

19 Gartenbaneleven, zusammen 23 Eleven und 3 Praktikanten. 

Am 15. März 1908, dem Beginne des neuen Schuljahres, traten 
hinzu: 5 Obst- und Weinbaueleven, 4 Gartenbaueleven, 19 Obst- 
und Weinbauschüler und 29 Gartenbauschüler, insgesamt 57 Personen. 
Mithin konnte das Schuljahr mit 32 Eleven (9 Obst- und Weinbau- 
eleven und 23 Gartenbaueleven), 19 Obst- und Weinbauschülern, 
29 Gartenbauschülern und 3 Praktikanten, zusammen mit 83 Personen, 
eröffnet werden. 

Die Frequenz des Berichtsjahres zeigt, daß sie sich gegenüber 
dem Vorjahre auf gleicher Höhe gehalten hat. Verschiedene Schüler- 
anmeldungen mußten auch in diesem Jahre unberücksichtigt bleiben, 
da eine größere Aufnahme wegen Platzmangels nicht erfolgen konnte, 
vor allem aber eine Fachschule eine gediegene Ausbildung bei einer 
zu großen Zahl der Lernenden nicht garantieren kann. 

In Nachstehendem folgt das Verzeichnis derjenigen Schüler 
(Obst- und Weinbau- sowie Gartenbnueleven, Obst- und Weinbau- 
schüler, Gartenbauschüler und Praktikanten), die im Schul- bezw. 
Berichtsjahre 1907 die Anstalt besucht haben: 

a) Ältere Eleven 

(Obst- und Weinbau): 

1. Biermann, Wilhelm aus Flierich Westfalen. 

2. Koch, Hermann „ Bad Dürkheim Pfalz. 

3 ’ 



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4 



I. Sohulnachrichten. 



3. Munkoff. Nikola 


aus Suchindol 


Bulgarien. 


4. Pforte, Hermann 


Cöthen 


Anhalt. 


5. Kamdohr, Walter 


„ Aschersleben 


Prov. Sachsen. 


6. Röder, Wilhelm 


.. Hoisdorf 


Rheinprovinz. 


7. Stambollieff, Christo 


„ Tseherwenawoda 


Bulgarien. 


8. Studert, Stephan 


„ Wehlen 


Rheinprovinz. 


9. Stumm, Kart 


„ Roxheim 


Rheinprovinz. 


10. Sturm, Karl 


„ Würzburg 


Bayern. 


11. Tetzner, Rudolf 


Schmölln 


Sachs.-Altenburg. 


12. Vassiloff, Panajot 


Oornia 


Bulgarien. 


13. von Weickhmann, Otto 


Wiesbaden 


Hessen-Nassau. 




(Austritt am G. Juni 1907.) 




14. Zamfirescu, Alexander 


aus Plainesti 


Rumänien. 




(Gartenbau): 




15. Barkow, Theodor 


aus Barmen 


Rheinprovinz. 


16. Becker, Julius 


., Wetter 


Westfalen. 


17. Faulwetter, Hermann 


,, Münster 


Westfalen. 


18. Heinecke, Richard 


,. Neugattersleben 


Prov. Sachsen. 


19. Kratz, Johann 


.. Darmstadt 


Hessen. 


20. Musielik, Hermann 


., T.issa 


Posen. 


21. Schade, Wilhelm 


„ Ellrich 


Prov. Sachsen. 



b) Jüngere Eleven 

(Obst- und Weinbau): 



22. 


Dediu, Alexander 


aus Chidigeni 


Rumänien. 




(Austritt und 


Übertritt als Praktikant am 1. Mai 1907.) 


23. 


Eiden, .loh. Adam 


aus Hinzert 


Rheinprovinz. 


24. 


Gudowitsch, Wladislaw 


„ Belgrad 


Serbien. 






(Austritt am 2. Mai 1907.) 




25. 


John, Hans 


aus Halle a/S. 


Prov. Sachsen. 


26. Singeisen, Wilhelm 


„ Schabo (Bessarabien) 


Rußland. 




(Austritt am 21. September 1907.) 




27. 


Stein, Josef 


aus Eltville 


Hessen-Nassau. 


28 


Svietlik, Bronislavv 


„ Jastjenok (Gouv. Minsk) 


Rußland. 






(Gartenbau): 




29. 


Bonte. Richard 


aus Wiesbaden 


Hesscn-Nessau. 


30. 


Cremer, Adolf 


., Brühl 


Rheinprovinz. 


31. 


Dettmnnn, Friedrich 


., Wittstock 


Brandenburg. 


32. 


llietz, Georg 


,. Ems 


Hessen-Nassau. 


33. 


1) raemann, Rudolf 


.. Mülheim (Rhein) 


Rbeinprovinz. 


34. 


Engel, Felix 


„ Offenbach a. M. 


Hessen. 


35. 


Enkler, Josef 


,. Grunewald 


Rheinprovinz. 


36. 


Floßfeder, Friedrich 


„ Belieben 


Prov. Sachsen. 


37. 


Giesen, Josef 


,. Mondorf 


Rheinprovinz. 


38. 


Hasse, Felix 


,. Neustrelitz 


Mecklenburg. 


39. 


Hoffmann, Kurt 


.. Cöln a, Rh. 


Rheinprovinz. 


40 . 


Kerz, Georg 


., Mainz 


Hessen. 


41. 


Koch, Richard 


.. Giellen 


Hessen. 


42. 


Küther, Paul 


.. Turzig 


Pommern. 


43. 


l.ück, Hermann 


,. Groß- Königsdorf 


Rheinprovinz. 


■! 1 . 


Neureuter, Heinrich 


.. Cöln-Riehl 


Rheinprovinz. 


45. Peipers, Ernst 


.. Cöln a Rh. 


Rheinprovinz. 


46. 


Sperling, Ernst 


,. Wettin 


Prov. Sachsen. 


47. 


Wenck, Friedrich 


,. Niederwalluf 


Hessen-Nassau. 


48. 


Wolff, Kurt 


,, Hannover 


Hannover. 



(Austritt und Übertritt als Praktikant am 19. August 1907.) 



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c) 


Obst- i 


Frequenz. 

und WeinbauschOler: 


5 


49. Kaiser, Heinrich 


aus 


Rudesheim 


Hessen-Nassau. 


50. Korn, Johann 


n 


Korns Muhle b. Mittelheim 


Hessen-Nassau. 


51. Mengos, Heinrich 




Eltville 


Hessen-Nassau. 


52. Minte, Bernhard 


O» 


Los Riscos 


Chile S.-A. 


53. Rath, Anton 


1» 


Geisenheim 


Hessen-Nassau. 


54. Schmidt, Fritz 




Erbach 


Hessen-Nassau. 


55. Todorovitsch, Milan 


«1 


Bukowo 


Serbien. 


56. Adami, Wilhelm 


(Austritt am 15. Mai 1907.) 

d) Gartenbauschfiler i 

aus Kulmbach 


Bayern. 


57. Bartsch, Georg 


•1 


Klein-Steindorf 


Ostpreußen. 


58. Bergmann. Otto 


11 


Hildesheim 


Hannover. 


59. Bley. Adolf 


11 


Creuzburg (Werra) 


Sachs.-Weim.-Eisen. 


60. Böttcher, Wilhelm 


11 


Xerdin b. Medow 


Pommern. 


61. Dänner, Wilhelm 


1» 


Hofgeismar 


Hessen-Nassau. 


62. Fertig, Karl 




Heidelberg 


Baden. 


63. Gang, Martin 


11 


Knatewitz 


Königr. Sachsen. 


04. Goebel, Paul 




Reutlingen 


W ürttemberg. 


65. Götz, Karl 




Böblingen 


W ürttemberg. 


66. Grill, Hermann 


•1 


Limburg 


Hessen-Nassau. 


67. Heldmann, Gustav 


1* 


Grovenbrück 


Westfalen. 


68. Kirchmann, Max 


11 


Heiligenhaus 


Rheinprovinz. 


69. Kreis, Josef 


•1 


Wiesbaden 


Hessen-Nassau. 


70. Krings, Peter 




Hüls b. Krefeld 


Rheinprovinz. 


71. Lenze, Karl 


11 


( ieseke 


Westfalen. 


72. Mertens, Hermann 


11 


Bressel 


Prov. Sachsen. 


73. Noetzel, Gustav 




Bordzichow 


Westpreußen. 


74. Potier, Peter 


11 


Wittersburg 


Lothringen. 


75. Rochelmeyer, Karl 


11 


Düren 


Rheinprovinz. 


76. Sieber, Theodor 


11 


Cölu a. Rh. 


Rheinprovinz. 


77. Winkels, Karl 


11 


Grefrath 


Rheinproviuz. 


78. Anthes, Eduard 


e) 

aus 


Praktikanten: 

Lorsbach (Taunus) 


Hessen-Nassau. 


79. Baer, Paul 


M 


Krementschug 


Rußland. 


80. Bieberstedt, ßupr. Harry t , 


Edinburgh 


Schottland. 


81. Rostrup, Georg 




Ahus 


Dänemark. 


82. Brande), Josef 




Leobschütz 


Schlesien. 


83. Dediu. Alexander 




Chidigeni 


Rumänien. 


84. Dohm, Harald 




Neapel 


Italien. 


85. Duntze, Georges 




Reims 


Frankreich. 


86. Fistner, Wilhelm 


ii 


Kapstadt 


Brit. Süd-Afrika. 


87. Gareis, Rudolf 


ii 


Eichstatt 


Bayern. 


88. I)r. Herberger, Friedrich „ 


Heidelberg 


Baden. 


89. Jaeger, Julie 


ti 


Coblenz 


Rheiuprovinz. 


90. Jauch, Anna 

91. Klein, Peter 




Häcklingen 


Hannover. 


n 


Domäne Nicderhauseu 


Rheinprovinz. 


92. Komazewsky, lgnac 




Warschau 


Rußland. 


93. Kreiß. Heinrich 




Alzey 


Hessen. 


94. Kuloy. Daniel E. 


1» 


Edoherrid 


Norwegen. 


95. Langen, Engelbert 

96. Lebedeff, Sergius 




Mülheim (Mosel) 


Rheinprovinz. 


11 


Tomsk 


Russ. Sibirien. 


97. Lehmkuhl, Hans 




Altona 


Schleswig-Holstein. 


98. Leitzgen, Johann 




Bremm b. Eller (Mosel) 


Rheinprovinz. 


99. Lenders, Theodor 


.1 


Cöln a. Rh. 


Rheinprovinz. 



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6 



I. Schulnaehrichten. 



100. Lindgell, G. Frede riet 

101. Minte, Bernhard 

102. Müller, Ernst 

103. Xakazawa, Ryöp 

104. van Niekerk, Schalk 

105. Dr. Perold 

100. Retief, Pieter F. 

107. Sehöhl, Werner 

108. Stuiber, Johann 
100. Versfeld, Louis C. 

110. Vohrer, Adolf 

111. Weber, Karl 

112. Wiedmever. Ernst 

113. Wolff. Kurt 

114. Wuudram, Otto 

115. Zwetkowitz, Milan 



aus Constantia 
„ Los Riseos 
., Alsenz 
,, Tokio 
„ Wellington 
., Kapstadt 
„ Paarl 
Rufach 
„ Hadruwa 
Constantia 

Helenendorf (Kaukasus) 
.. Insmingen 
.. Katharinenfeld b, Tiflis 
.. Hannover 
„ Hamburg 
„ Belgrad 



Brit. Süd-Afrika. 
Chile, Süd-Amerika. 
Pfalz. 

Japan. 

Brit. Süd-Afrika. 
Brit. Süd-Afrika. 
Brit. Süd-Afrika. 
Elsaß. 

Böhmen. 

Brit. Süd-Afrika. 
Rußland. 

Lothringen. 

Rußland. 

Hannover. 

Hamburg. 

Serbien. 



Zu e: 

ln der Königl. l^hranstalt bieten die Laboratorien der pflanzen- 
physiologischen, der önuchemischen und der pflanzenpathologischen Ver- 
suchsstation, soweit Raum vorhanden ist, denjenigen Interessenten, welche 
die erforderliche Vorbildung besitzen, Gelegenheit, als Praktikanten 
(Laboranten) zu arbeiten. Anmeldungen sind an die Vorstande der be- 
treffenden Versuchsstationen zu richten. — Außerdem können auch noch 
Praktikanten aufgenommen werden, welche sich ausschließlich in den 
technischen Fachern ausbilden wollen; hierzu sind Anmeldungen an die 
Direktion der Königl. Lehranstalt zu richten. Das Weitere, auch über das 
Honorar, enthalten die Satzungen der Königl. Lehranstalt, die kostenlos auf 
Wunsch übersandt werden. 



3. Chronik, 
a) Besichtigung usw. 

Am 4. April 1907 fand in der hiesigen Anstalt eine Konferenz 
zur Erörterung der Bekum pfungsarbeiten und einiger anderer Reb- 
lausangelegenheiton statt. 

Am 5. April wurde die alljährliche Reblauskonferenz abgehalten. 

Am 17. Mai 1907 fand eine Sitzung des Kuratoriums der 
Anstalt statt, zu welcher die nachstehend aufgeführten Herren er- 
schienen waren: 

Ober-Reg.-Rat Pfeffer v. Salomon, Wiesbaden, Vorsitzender, 
Regierungsrat Dr. Oldenburg, Berlin, stellvertr. Vorsitzender, 
Professor Dr. Wortmann. Direktor der Lehranstalt, 

Lan desökonomierat Goethe- Darmstadt, 

Gartenbau-Direktor Siebort, Frankfurt a. M., 

Gutsbesitzer J. Bu rgef f-Geisenheim. 

Am 3. Juni 1907 wurde die Anstalt von Herren der Budget- 
kommission des Abgeordnetenhauses eingehend bosichtigt. 

Am 12. Juni 1907 besichtigte der Herr Landwirtschaftsminister 
von Arnim die Königl. Lehranstalt. 

Die Lehranstalt beteiligte sich an der in der Zeit vom 21. bis 
24. September 1907 in Mannheim stattgefundenon großen inter- 
nationalen Obst- und Gemüseausstellung. (Näheres über die Aus- 



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Chronik. 



7 



Stellung ist aus dem Berichte des Garten-Inspektors Junge zu er- 
sehen.) 

Am 25. Oktober 1907 unterzogen sich die Kandidaten Lübben 
und Herrinann der staatlichen Fachprüfung (Obergärtnerprüfung). 
Beide Kandidaten bestanden die Prüfung. 

Dem Garten-Inspektor Junge wurde anläßlich der Ausstellung 
in Mannheim das Ritterkreuz II. Kl. des badischen Ordens vom 
Zubringer Löwen verliehen und die Genehmigung zur Anlegung 
desselben durch allerhöchste Ordre vom 15. Januar 1908 erteilt. 

Dem l)r. Waters, jetzigem Vorsteher des Kreis-Nahrungsmittel- 
untersuchungsamtes in Kaldenkirchen wurden vom 4. — 7. November 
Unterweisungen über die Reblaus und San Jos6 Schildlaus erteilt. 

Am 25. November 1907 fand eine Sitzung des Kuratoriums 
der Anstalt statt, zu welcher die nachstehend aufgefühlten Herren 
erschienen waren: 

Ober-Reg.-Rat Pfeffer v. Salomon, Wiesbaden, Vorsitzender, 
Regierungsrat Dr. Oldenburg, Berlin, stellvertr. Vorsitzender, 
Geh. Reg.-Rat. Professor Dr. Wortmann, Direktor der Königl. 

Lehranstalt, 

Gartenbau-Direktor Siebort, Frankfurt a. M., 

Gutsbesitzer Burgeff, Geisenheim. 

Am 21. Dezember 1907 fand im Beisein des Vorsitzenden des 
Kuratoriums der Anstalt, Herrn Ober.-Reg.-Rats Pfe f fer v. Salomon, 
die alljährliche Weihnachtsfeier statt. 

Am 3. Januar 1908 fand in der Anstalt unter dem Vorsitze 
des Herrn Geb. Reg.-Rats von Schmeling vom Königl. Landwirt- 
schaftsministerium in Berlin eine Sitzung der preußischen Reben- 
Veredelungs-Konmiission statt. 

Die Lehranstalt beging den Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers 
und Königs in feierlicher Weise durch einen Fostaktus in der Aula 
des Internates. 

Weinbaulehrer Fischer hielt nach einem Gesänge des Schüler- 
chors die Festrede über das Thema: Die Erfolge, welche im Wein- 
bau durch die Anwendung des Schwefelkohlenstoffs erzielt werden. 

In der Zeit vom 6. — 8. Februar 1908 unterzogen sich die vor- 
genannten älteren Eleven der schriftlichen Prüfung in folgenden 
Fächern: Obstbau, Gehölzkunde. Kellerwirtschaft und Bodenkunde. 
Die Themata waren folgende: 

1. Entwurf und Erläuterungsbericht zu einer Obstaulage. 

2. Wie erfolgt die Einteilung der Familie der Koniferen, und durch 
welche Merkmale lassen sich die Vertreter der einzelnen 
Gattungen unterscheiden? 

3. Die wichtigsten für die Klärung der Weißweine in Betracht 
kommenden Schönungsmittel, ihre Zubereitung und Anwendung. 

4. Die physikalischen, chemischen und physiologischen Ursachen 
der Kulturbodenbildung. 

An der mündlichen Prüfung, welche am 14. und 15. Februar 
1908 in Gegenwart der Herren Ober-Reg.-Rat Pfeffer v. Salomon, 
Wiesbaden, Regierungs- und Landesökouoiuie-Rat Dr. Oldenburg- 



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8 



1 . Schulnachrichten. 



Berlin, Hauptmann von Stosch-Östrich und Weingutsbesitzer 
Burgeff in Geisenheim, stattfand, nahmen sämtliche Schüler teil. 
Dio Prüfungen erfolgten in folgenden Fächern: Anatomie, Systematik 
der Pflanzen, Feldmessen, Düngerlehre, Weinbau, Gehölzkunde, Patho- 
logie und Obstbaumzucht. 

Mit Genehmigung des Herrn Ministers für Landwirtschaft, 
Domänen und Forsten wurde im Berichtsjahre 1907 in der Anstalt 
eine Schülerfeuerwehr errichtet (Siehe Fig. 1), deren Leitung dem 
Direktorialassistenten Karl Löckermann übertragen wurde. 

Die Lage der Anstalt ließ es notwendig erscheinen, für den 
Fall des Ausbruches von Feuer eine derartige Vorkehrung zum 
Schutze der in den Gebäuden und deren Einrichtung steckenden 
Werte zu treffen. Mit der Organisation der Wehr war der Feuer- 
löschdirektor, Herr Professor Dr. Nabenhauer aus Idstein, be- 
auftragt, welchem an dieser Stelle nochmals der Dank für die ge- 
habte Mühewaltung bei den Vorbereitungen und Übungen aus- 
gesprochen wird. 



b) Besuche. 

Die Anstalt wurde besucht: 

am 11. Mai 1907 von etwa 20 Mitgliedern des Marburger 
Gartenbau-Vereins zu Marburg, 

am 14. Mai von Teilnehmern am V. Fortbildungskursus für 
höhere Verwaltungsbeamte in Frankfurt a. M. 

am 23. Mai 1907 von Studierenden der Königl. Landw. Akademie 
Bonn-Poppelsdorf unter Führung des Prof. Dr. Remy, 

am 4. Juni von etwa 75 Mitgliedern des Ungarischen Landes- 
Agrikultur- Vereins, 

am 12. Juni von etwa 30 Landwirten aus Sachsen, 
am 21. Juni von 20 Schülerinnen der Rheinischen Obst- und 
Gartenbauschule für Frauen in Godesberg, 

am 29. Juni von Schülerinnen der Gartenbauschule Marienburg- 
Leutersdorf a. Rh. 

am 30. Juni vom evangelischen Kirchengesangverein Bingen, 
am 15. Juli von mehreren Mitgliedern des Landesvereins der 
ungarischen Weingartenbesitzer unter Führung des Herrn Dr. Drucker. 

am 29. Juli von Herrn Hofrat Professor Karl Portele, Referent 
im k. k. Österreich. Ackerbau-Ministerium, 

am 11. August vom Obstbauverein Gonsenheim, 
am 14. September vom Verein ehemaliger landw. Winterschüler 
in Weißenburg i. E., 

am 15. September vom Männergesangverein in Weyer, 
am selben Tage vom Mannergesangverein in Bingen, 
am 2. November von 15 Herren des VI. Fortbildungskursus 
für höhere Verwaltungsbeamte in Frankfurt a. M., 

am 20. März von Schülern des landw. Instituts zu Hof Geis- 
berg b. Wiesbaden. 



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Chronik. 



9 




1M22 



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I. Schuluachricliten. 



4. Ausflüge und Studienreisen. 

Im Berichtsjahre 1907 wurden folgende Ausflüge und Studien- 
reisen unternommen: 

a) unter Führung des Garteninspektors Glindemann: 
am 15. April Ausflug mit den Gartenbaueleveu nach Wiesbaden 
zur Besichtigung der Arbeiten zur Umgestaltung der Kuranlagen 
und verschiedener in der Ausführung begriffener Haus- und Villen- 
gärten, welch letztere von der Firma Hirsch, Landschaftsgärtner 
in Wiesbaden, ausgeführt worden sind, 

am 6. Mai Ausflug mit derselben Schülergruppe nach Rüdes- 
heirn zur Besichtigung der städtischen Parkanlagen, 

am 13. Mai Ausflug mit derselben Schülorgruppe nach Wies- 
baden, um den Fortgang der Arbeiten zur Umgestaltung der Kur- 
anlagen weiter zu verfolgen, 

am 22. Juni Ausflug mit den Gartenbauschiiieru und jüngeren 
Gartenbaueleven nach Mannheim zur Besichtigung der großen Garten- 
bau-Ausstellung, 

am 26. Juni Ausflug mit den Gartenbaueleven nach Mannheim 
aus gleichem Grunde wie vorher angeführt, 

am 22. Juli Ausflug mit derselben Schülergruppe nach Wies- 
baden zum Besuche verschiedener Handelsgärtnereien und der 
städtischen Parkanlagen, 

am 29. Juli Ausflug mit derselben Schülergruppe nach Eltville 
und Kiedrich zum Besuche von Rosen- und Gehölzschulen, 

am 12. August Ausflug mit den Gartenschülern und Gartenbau- 
eleven nach Xieder-Walluf zur Besichtigung der Staudenkulturen 
und Baumschulen von Goos & Koenemann und der Rosenschulen 
von Kreis daselbst 

In der Zeit vom 21. bis 30. September fand unter der Leitung 
des Garteninspektors Glindemann eine größere Studienreise der 
Gartenbauschüler und Gartenbaueleven nach Süddeutschland statt, 
die folgenden Verlauf nahm: 

1. Tag. Besuch des Palmengartens und der städtischen An- 
lagen in Frankfurt a. M. Fahrt nach Heidelberg. 

2. Tag. Besichtigung verschiedener Handelsgärtnereien und des 
Schlosses in Heidelberg. Fahrt nach Karlsruhe. 

3. Tag. Besichtigung des Stadtparks, der städtischen Anlagen 
und des Schloßgartens in Karlsruhe. Fahrt über Rastatt nach Gerns- 
bach. Fußtour nach Baden-Baden. 

4. Tag. Besichtigung des Scldoßgartens und der Kuranlagen 
daselbst Fahrt nach Trieberg im Scliwarzwald und Besichtigung 
der Wasserfälle. 

5. Tag. Fahrt nach Donaueschingen. Besichtigung des Schloß- 
gartens. der verschiedenen Sammlungen, der Bibliothek und der 
Brauerei. Fahrt nach Neustadt. 

6. Tag. Fahrt nach Tittisee. Fußtour durch das Bärental auf 
den Feldberg und zurück in das Höllental mit Ravennaschlucht. 
Fahrt nach Freiburg i. Br. 



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Ausflüge und Studienreisen. 



11 



7. Tag. Besichtigung der städtischen Anlagen, des Friedhofes, 
des Münsters. Fahrt nach Schwetzingen. 

S. Tag. Besichtigung des Schloßgartens in Schwetzingen. Fahrt 
nach Mannheim. Besuch der Gartenbau-Ausstellung. 

Begünstigt vom schönsten Wetter nahm die Studienreise einen 
guten Verlauf und die Schüler fanden überall freundliche Auf- 
nahme, wofür an dieser Stelle allen beteiligten Personen noch ein- 
mal der Dank ausgesprochen sein möge. 

Schließlich unternahmen die Gartenhauelevon unter Führung 
des Garteninspektors Glindemann am 16. und 17. Oktober uoch 
eine Studienreise nach Bonn a. Rh. zur Besichtigung der städtischen 
Gartenaulagen, sowie nach Köln und Düsseldorf aus gleichen Gründen. 
Auch auf dieser Studienreise wurde den Schülern reiche Gelegen- 
heit zur Bereicherung ihrer Kenntnisse geboten, namentlich auf 
dem Gebiete der Gartenkunst Allen denjenigen Herren, die in der 
bereitwilligsten Weise die Führung mit übernommen hatten, möge 
an dieser Stelle noch einmal der Dank ausgesprochen werden. 

Der Gartoninspektor Junge unternahm mit den Schülern und 
Kursisten mehrere Exkursionen zur Besichtigung von Obstanlagen 
in der Umgebung von Geisenheim. 

b) Unter Führung des Weinbaulehrers Fischer wurden folgende 
Exkursionen ausgeführt: 

am 24. und 25. April Besuch der Weinversteigerung von 
Bassermann-Jordan, Deidesheim, Pfalz; damit verbunden wurde ein 
Gang durch die Weinberge der Deidesheimer und Edenkobener Ge- 
markung, 

am 13. Mai Besuch im Weingut Schloß Reinhardtshausen, 
Erbach a. Rh.. Weinprobe, 

am 23. Mai Besuch der Weinversteigerung Schloß Vollrads, 
am 6. Juni Besichtigung der Geflügelzuchtstation Rüdesheim 
und der Weinhandlung Joh. Baptist Sturm, daselbst, 

am 24. Juni Besuch der Weinhandlungen Zeiter & Müller, 
Bacharach a. Rh., und Hütwohl in Steeg, 

am 11. Juli Besuch des Frh. von Mummschen Weingutes 
Johannisberg a. Rh., 

am 18. Juli Besichtigung der Domäne Schloß Johannisberg a. Rh., 
am 1. August Besichtigung der Sektkellerei Matheus Müller, 
Eltville. 

am 8. August Besichtigung der Provinzial- Wein- und Obstbau- 
schule, der Glashütte, der Kellereimaschinenfabrik in Kreuznach, der 
Domäne Niederhausen-Talböckelheira und des Winzvereins Nieder- 
hausen. 

Vom 14. — 22. September Studienreise nach Baden und Elsaß 
und zwar 

am 11. September Fahrt nach Bühl (Baden), 
am 15. September Fußtour vou Bühl über Affertal nach Alt- 
schweier, von hier mit der Bahn nach Bühl zurück und nach Baden- 
Baden, woselbst die Stadt, Kuranlagen, das alte und neue Schloß 
besichtigt wurden, 



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12 



I. Schulnachrichten. 



am 16. September von Bühl nach Steinbach, von da zu Fuß 
über Gallenbach nach Schloß Fremersberg, Neuweier, Affental, 

am 17. September von Offenburg nach Windschläg; Fußtour 
durch das Ortenauer Weingebirge (Durbach, Schloß Stauffenberg usw.), 
am 18. September Besichtigung der Rebgelände um Mühl- 
heim i. Breisgau, Fußtour nach Badenweiler, 

am 19. September Besichtigung der Stadt Freiburg i. B., Fahrt 
nach Ihringen a. Kaiserstuhl, zu Fuß über den Blankenhomsberg; 
Besuch des Oberlinschen Weinbauinstitutes und der landwirtschaft- 
lichen Versuchsstation Colmar, 

am 20. September Besichtigung der Weinbergsanlagen um 
Rufach, Westhalten. Beblenheim und Reichenweier, 

am 21. September Besichtigung von Straßburg und Umgebung, 
am 22. September Besuch der Mannheimer Kunst- und Garten- 
bauausstellung und zwar der zur Zeit stattfindenden Obst- und Ge- 
müsekonservenausstellung — Rückkehr. 

Am 6. Dezember Besuch der Weinversteigerung der „Geschäfts- 
stelle der vereinigten Winzergenossenschaften des Ahr- und Rhein- 
tales in Bingen“. 



5. Periodische Kurse. 

a) Nachkursus zum Obstbau- und Baumw&rterkursus vom 5. bis 

10. August 1907. 

An dem Obstbaunachkursus nahmen 20 Personen, am Baum- 
wärternachkursus 21 Personen teil. 

b) Obstverwertungskursus für Männer vom 12. bis 24. August 1907. 

Dieser Kursus wurde von 44 Personen besucht 

c) Obstverwertungskursus für Frauen vom 26. bis 31. August 1907. 

An demselben beteiligten sich 54 Personen. 

d) Kursus Ober Weingärung, Anwendung von Hefen, Krankheiten 

des Weines usw. vom 11. bis 23. November 1907. 

An diesem Kursus nahmen 33 Personen teil. (Weiteres siehe 
Bericht der pflanzeuphysiologischen Versuchsstation.) 

e) Kursus über chemische Untersuchung der Weine und Wein- 

behandlung vom 25. November bis 7. Dezember 1907. 

Diesen Kursus besuchten 32 Personen (siehe auch Bericht der 
önoehemischen V ersuchsstation). 

f) Reblauskurse. 

In der Zeit vom 17. bis 19. Februar 1908 wurde für die daran 
interessierten Schüler der Lehranstalt ein Kursus abgehalten, an 
dem sieh 48 Schüler beteiligten. 



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Periodische Kurse. — Bauliche Veräuderuugen. 



13 



An dem vom 20. bis 22. Februar 1908 abgehaltenen öffent- 
lichen Reblauskursus nahmen 25 Persouen teil. 

g) Obstbaukursus vom 20. Februar bis 11. März 1908. 

Derselbe wurde von 38 Personen besucht. 

h) Baumwärterkursus vom 20. Februar bis 11. März 1908. 

Dieser zählte 25 Teilnehmer. 

Nach Vorstehendem (vergleiche I., 2 und 5) besuchten somit die 
Lehranstalt 

a) im Schuljahre 1907/08 ... 71 Schüler (dauernd) 

6 „ (vorzeitig entlassen) 

b) im Berichtsjahre 1907/08 . . 38 Praktikanten 

c) „ „ „ . . 292 Kursisten 

Insgesamt 407 Personen. 

Die Gesamtzahl aller Schüler und Kursisten, welche die An- 
stalt seit ihrem Bestehen besucht haben, beträgt nunmehr bis zum 
31. März 1908 gerechnet 8952, wovon 1721 eigentliche Schüler 
bezw. Praktikanten und 7231 Kursisten sind. 

6. Bauliche Veränderungen. 

1. Umgestaltung und Erweiterung der Obst- und Gemüse- 
anlagen. 

2. Bau einer pflauzenpathologischen Versuchsstation. 

Die im Jahre 1900 eingerichtete Versuchsstation für Pflanzen- 
kraukheiten wurde seinerzeit in sehr beschränkten Räumen des 
alten Internats untorgebracht Die Tätigkeit auf dem Gebiete der 
Erforschung und Bekämpfung der Pflanzenschädlinge, insbesondere 
der Rebenfeinde, mußte neuerdings besonders ausgedehnt werden. 
Die regelmäßigen Arbeiten der Versuchsstation erfordern schon jetzt 
die Beschäftigung mehrerer Assistenten, für welche in den augenblick- 
lichen zur Verfügung stehenden Räumen keine Unterkunft gefunden 
werden kann. Dazu kommt die wachsende Zahl der Schüler und 
die Zunahme der Beteiligung an Spezialkursen, für welche die Räume 
völlig unzulänglich sind. Aus diesen und anderen Gründen waren 
größere Räume, zumal solche mit ausreichenden Lichtverhältnissen 
nicht länger zu entbehren. 

3. Bau eines Hörsaales. 

Die Zahl der Schüler, der Praktikanten und der Teilnehmer 
an den periodisch veranstalteten Kursen ist eine stets wachsende. 
Die Entwicklung der Anstalt aus kleinen Anfängen heraus und die 
Anpassung an die jeweilig hervortretenden Bedürfnisse hat es mit 
sich gebracht, daß von don jetzt zur Verfügung stehenden Lehr- 
räumeu keiner zur Aufnahme einer größeren Zahl von Teilnehmern 
mehr ausreicht. Dieser Umstand macht sich namentlich bei den 



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14 



I. Schulnachrichten. 



für die Praktikanten von Zeit zu Zeit veranstalteten und sehr leb- 
haft besuchten Kursen, sowie bei Besuchen und Besichtigungen der 
Anstalt durch landwirtschaftliche und verwandte Vereine geltend, 
bei welcher Gelegenheit die Erstattung von Vorträgen und Demon- 
strationen stets gewünscht wird. 

4. Bau von Dienstwohnungen für den Gartenbauinspektor und 
für den Leiter der önocheniischen Versuchsstation. 

Der Bau von Dienstwohnungen an der Lehranstalt ist von 
jeher als besonderes Bedürfnis empfunden worden, einmal mit Rück- 
sicht darauf, daß für die Leiter der Versuchsstationen und prak- 
tischen Betriebe eine Wohnung in unmittelbarer Nähe ihrer dienst- 
lichen Tätigkeit zur Ausübung einer ständigen Kontrolle notwendig 
ist. Sodann aber ist es in Geisenheim außerordentlich schwer, ge- 
eignete Wohnungen für Beamte zu erhalten. 

5. Bauliche Veränderungen im Hauptgebäude der Lehranstalt. 

Infolge dieser Veränderungen war es möglich, das bis dahin 

von den Amtsräumen des Direktors entfernt gelegene Bureau in 
unmittelbare Verbindung mit diesen zu bringen. Der gesteigerte 
Verkehr an der Anstalt ließ die bisherige Trennung als eine höchst 
störende und zeitraubende Einrichtung empfinden. 

7. Neuerwerbungen. 

Das im Herbst 1903 vom Königl. Domäuenfiskus erworbene, 
ehemals Jann'sche Weingut hierselbst, welches bisher von der Lehr- 
anstalt administriert wurde, ist am 1. April 1908 auf den Etat der 
landwirtschaftlichen Verwaltung übertragen und der Königl. Lehr- 
anstalt zur Benutzung überwiesen worden. 

8. Bibliothek. Sammlungen. Geschenke. 

I. Bibliothek. 

A. Gekauft u. a.: • 

Börnstein, Leitfaden der Wetterkunde. II. Aufl. 

Chemisches Centralblatt, Jahrgänge 1896 — 1900. 

Goebel, Einleitung in die experimentelle Morphologie der 
Pflanzen. 

Holme, The Gardens of England. 

Kra einer, Der Mensch und die Erde, III. u. IV. Bd. 

Krüger u. Rörig. Krankheiten und Beschädigungen der Xutz- 
und Zierpflanzen des Gartenbaues. 

Lebl, Gemüse- und Obstgärtnerei zum Erwerb und Haus- 
bedarf, 2 Bde. 

Lehmann, Unsere Gartenzierpflanzen. 

Matthias, Spracldeben und Sprachschäden, III. Aufl. 

X essler-Wind iscli. Die Bereitung, Pflege und Untersuchung 
des Weines, VIII. Aufl. 

Pietzner, Landschaftliche Friedhöfe. 



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Neuerwerbungen. — Bibliothek. Sammlungen, Beschenke. 



15 



v. Rüraker, Tagesfragen aus dem modernen Ackerbau. 

Schmiedeknecht, Die Hymenopteren Mitteleuropas. 

Schulz, E. F., Natur-Urkunden. 

Außerdem wurde noch eine Anzahl kleinerer Werke besonders 
für die Schüler- Bibliothek beschafft. Wie in den Vorjahren lagen 
ferner 42 periodische Fachzeitschriften zur Benutzung für die Lehrer 
und zu einem gewissen Teile auch für die Schüler auf. 

B. Geschenkt: 

Vom Königl. Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und 
Forsten, Berlin: 

1. Jahresbericht über die Fortschritte auf dem Gebiete der 
Agrikultur-Chemie, dritte Folge, Bd. S, 

2. Bericht über die Ergebnisse der amtlichen Weinstatistik 
1905/06, 

3. Anbauwürdigo Obstsorten, 

4. Hausschwammforschungen (vom Forstakademiedirektor, Ober- 
förster Dr. Möller). 

Vom Reichsamt des Innereu: 

1. Bericht des deutschen Laudwirtschaftsrates über „Mästungs- 
versuche mit Schweinen usw“, 

2. Bericht über Krankheiten und Beschädigungen der Kultur- 
pflanzen im Jahre 1905. 

Vom Bureau des Landwirtschaftsrates von Elsaß-Lothringen: 

„Verhandlungen des Landwirtschaftsrates von Elsaß-Lothringen“, 
Session 1907. 

Vom United States Department of Agriculture, Washington D. C. 
werden der Anstalt regelmäßig die „Farmers Bulletins“, die „Monthly 
Lists“ und die „Experiment-Station Records“ überwiesen. 

Die Königl. Landw. Akademie Bonn -Poppelsdorf , sowie der 
Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den Königl. preußischen 
Staaten sandten die Katalogie ihrer Bibliotheken. 

II. Sammlungen. 

A. Gekauft: 

Schauzylinder. 

Spaten. 

Photographische Aufnahmen. 

B. Geschenkt: 

Von Herrn Landesökonomierat Goethe-Darmstadt eine Mappe 
mit Photographien und Zeichnungen, das Studium der Pfirsiche be- 
treffend. 

Von Herrn Schindler in Halle a. S.: Zwei Bilder, betreffend 
den von der Landwirtschaftskammer in Halle a. S. verunstalteten 
Obstmarkt 1907. 



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16 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Professor G. Karsten-Bonn a. Rh. schenkte der Anstalt eine 
umfangreiche Kollektion wertvoller Originale von photographischen 
Vegetationsbildern, die er auf seinen Reisen hergestellt hatte und 
welche besonders für den Unterricht in Pflanzeugeographie als 
schätzenswertes Demonstrationsmaterial Verwendung finden. 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 

Bericht 

über die Tätigkeit im Weinbau und in der Keller- 
wirtschaft. 

Erstattet von dem Betriebsleiter 'Weinbaulehrer Fischer. 

A. Weinbau. 

I. Jahreslibersicht. 

Das Jahr 1907 war für den rheinischen Weinbau nicht be- 
sonders erfreulich. Wenn gegenüber 1906 auch eine Besserung 
verzeichnet werden konnte, so befriedigte das Berichtsjahr am Rhein 
doch keineswegs. Wenig günstig war sein Anfang, kaum mittel- 
mäßig seiu Ende. Zwar überwinterten die Reben gut, denn die 
Witterung in den letzten Monaten des Jahres 1906 und den ersten 
■des folgenden Jahres war außerordentlich milde. Eingetretene Kälte- 
perioden hielten nur sehr kurze Zeit an. Demgemäß trat Frostschaden 
an Rebholz nicht ein. Ungünstig war dagegen die Witterung zur 
Zeit der Ausführung der Frühjahrsarbeiten. Trübe, kalte Tage, 
Regen- und Schneefälle im Februar, Mürz und teilweise April 
hinderten die Vornahme des Schnittes sehr. So kam es, daß die 
Arbeiter vom 16. Februar bis 9. April mit dieser Arbeit beschäftigt 
werden mußten. 

Wie früher, wurde auch in diesem Jahr der Schnitt der trag- 
baren Weinberge im Tagelohn ausgeführt. Wenn man in Fach- 
kreisen auch allgemein zugibt, daß der Tagelohnschnitt weit über 
jenem im Akkord steht, so sind die Besitzer doch selten geneigt, 
den Akkord aufzugeben, da man die Tagelohnarbeit für viel teurer 
hält. Es dürfte daher von Interesse sein, hier eine Gegenüber- 
stellung der Preise, die an der Domäne (ehemals Jannschem Wein- 
gut) in den ersten Jahren nach der Erwerbung durch den Fiskus 
und heute für Tagelohnschnitt bezahlt werden, einzufügen. Im 
ersten Jahr nach der Übernahme des Gutes beliefen sich die Schnitt- 
kosten für den preußischen Morgen bei einem Tagelohnsatz von 
2.50 M auf 28,50 M. ln dem Maße, als sich die Arbeiter an die 
neue Art der Ausführung des Schnittes gewöhnten, und vor allem 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellenvirtschaft. 17 



als die neu erworbenen Weinberge in einen geordneten Zustand kanten, 
nahmen die Ausgaben für den Schnitt von Jahr zu Jahr ab. Im Jahre 
1907 waren wir tatsächlich auf ca. 20 M, jener Summe, die auch im 
Akkord gefordert wird, angekommen. Dabei wurde mit derselben 
Gründlichkeit wie früher vorgegangen. Die Entfernung alter Holz- 
stummeln und mehrjähriger Rinde geschah mit der üblichen Sorgfalt 

In der zweiten Hälfte des Monats April traten verschiedentlich 
Spätfröste ein, die indessen den noch in der Wolle sitzenden Knospen 
nicht zu schaden vermochten. Der Austrieb der Reben ging gegen 
Ende dieses Monats gleichmäßig von statten. Bald entwickelten 
sich die jungen Triebchen üppig. Da stellten sich vom 16. bis 
20. Mai sehr rauhe, kalte Tage mit Regen- und teilweise Schneefall 
ein. Aus fast allen deutschen Weinbaugebieten vernahm mau Klagen 
über Schäden, die diese abnorme Witterung herbeigoführt hatte. Am 
rheiuischen Weinbau war die Gefahr glücklich vorüber gegangen. 

ln dem Maße, als der Fruchtansatz zu erkennen war, traten die 
Nachklänge der verheerenden Wirkung der Blattfallkrankheit des Jahres 
1906 in die Erscheinung. Der Ansatz von Gescheinen war im all- 
gemeinen nicht besonders reichlich. An Stöcken, die im Vorjahr durch 
Peronospora stark heimgesucht wurden, war ihre Zahl auffallend gering. 

Von Schädlingen trat im Berichtsjahr der „Rebenstichler“ be- 
sonders stark auf. An einzelnen Stöcken in der Geisenheimer Ge- 
markung konnten gegen 100 Wickler gezählt werden. In den 
Anstaltsweinbergen wie „Mäuerchen“, „Decker“ und „Hohenrech“, 
in denen sich das Tierchen besonders stark zeigte, wurden sowohl 
die Käfer als auch die von ihnen hergestellten Zigarren zweimal 
abgesucht. Wie im Vorjahre wurden auch im Berichtsjahr die Motten 
des einbindigen und bekreuzten Traubenwicklers im „Mäuerchen“ 
und der „Flecht“ mit Klebfächern abgefangen. Der Erfolg blieb 
nicht aus. Es sei dabei aber immer darauf hingewiesen, daß es 
sich in diesen Lagen um verhältnismäßig große Parzellen handelt. 
Nur in solchen Verhältnissen kann sich diese Bekämpfungsmaßnahme 
lohnen, es sei denn, daß man auf stark parzelliertem Besitz ge- 
meinsam vorgehe. Leider herrscht in dieser Beziehung speziell 
auch im Rheingau nicht die nötige Einigkeit. 

Im Juni war die Witterung der Weiterentwicklung der Loden 
nicht besonders günstig. Der Eintritt der Blüte wurde aus diesem 
Grunde verzögert. Ihr Beginn und Ende sind für einzelne Sorten 
und Lagen in nachfolgender Tabelle zusammengestellt: 



Sorte 


Lage 


Beginn der Blüte 


Ende der Blüte 


1906 


1907 


1906 


1907 


Riesling 


Morschberg 


15. Juni 


16. Juni 


1. Juli 


1. Juli 


Svlvanor 


Steinacker 


15. .. 


17. ,. 


1. „ 


3. „ 


Riegling 


Fuchsig? rg 


16. ,. 


18. .. 


1. ., 


4. .. 


Mäuerchen 


17. ,. 


19. ,. 


2. .. 


5. .. 




Altbaum 


18. .. 


19. .. 


2. 


5. 




Beeilt 


19. ,. 


19. „ 


4. ,. 


c. ., 


W 


Stallen 


19. „ 


19. ,. 


4. „ 


0. V 



Geisenheimer Bericht 1907. 



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18 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Die Witterung wahrend der Blüte war ihrem Verlaufe ziemlich 
nachteilig, die Befruchtung daher teilweise mangelhaft. Aus diesem 
Grunde waren einesteils die Trauben vielfach zaseiig, andemteils 
hatten der einbindige und bekreuzte Traubenwickler, die bereits 
stark aufgetreten waren, Gelegenheit, ihr Zerstörungswerk ungehindert 
fortzusetzen. 

Die Anfänge der Blattfallkrankheit zeigten sich am 11. Juni. 
Es blieb jedoch bei einzelnen Spuren. Selbst in bis dahin un- 
gespritzten Weinbergen fand eine weitere Ausbreitung nicht statt 
Im Woinbergsgelände der Anstalt war bereits vom 24. bis 31. Mai 
mit Kupferkalkbrühe gespritzt worden. Ein zweites Bordelaisieren 
wurdo in der Zeit vom 11. bis 15. Juni vorgenommen. Die Blatt- 
fallkrankheit machte indes zunächst nur wenig Fortschritte. Mit 
3 Bespritzungen der Reben konnte man in älteren Weinbergen wohl 
auskommen. Anders dagegen in den Jungfeldern. Da die Be- 
dingungen für die Entwicklung der Peronospora Ende August und 
während des September besonders günstig waren, mußten die jungen 
Rebenanlagen gerade in dieser Zeit wiederholt mit Kupferbrühen 
behandelt werden. In diesen Monaten erkannte man auch den 
Wert des Spritzens der Reben sehr deutlich. Bis dahin war wohl 
mancher Winzer der Ansicht, im Jahre 1907 wäre das gegen die 
Blattfallkrankheit vorbeugende Bordelaisieren nicht notwendig ge- 
wesen. Manchen gereuten schon die bis dahin gebrachten Opfer. 
Nun aber zeigte sich die Wirkung des Spritzens im wahren Lichte. 
Alle nicht oder schlecht gespritzten Weinberge standen Mitte Sep- 
tember teilweise oder ganz entlaubt. 

Der Ascherich zeigte sich besonders im Juli in besorgnis- 
erregender Weise. Einzelne Weinberge, wie „Katzenloch“ und 
„Decker“, die besonders gefährdet waren, wurden in diesem Monat 
zum Teil 6 mal geschwefelt Die häufigen Gewitterregen in dieser 
Zeit wuschen das Schwefelpulver bald nach dem Aufbringen von 
den grünen Rebtrieben ab und machten so die Wirkung des Schwefels 
illusorisch. Auch im August wurde in einzelnen Weinbergen das 
Schwefeln 2 mal notwendig. 

In bezug auf die Entwicklung der Trauben waren die Monate 
Juli und August sehr wechselnd. Die Sorten Madeiaine Angevine und 
Früher Malingre begannen am 9. August weich zu werden. Die erste 
Färbung des Frühburgunders zeigte sich im Fuchsberg am 10. August. 
Weiche Sylvaner und Rieslingbeeren konnten beobachtet werden im: 



I-ago 


Sorte 


Zeit des 
Weichwerdens 


Steinaeker 


Sylvauer 


28. August 


Morschberg 


Kiesling 


29. „ 


behorchen 


Sylvaner 


30. .. 


Mauerchen 


Kiesling 


31. ., 


Decker 




31. ., 


Katzenlock 




31. „ 


Altbnum 




31. 


Fucbsherg 




31. „ 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellervvirtschaft. 19 

Ein orkanartiger Sturm, der mit starkem Regen verbunden war, 
richtete am 15. August in den Weinbergen viel Schaden an. Eine 
Menge Stöcke und Stützen wurden umgerissen. Diese wieder in 
ihre frühere Lage zu bringen, machte sehr viel Arbeit. 

Im September zeigte sich der Schaden, der durch den Trauben- 
wickler im Berichtsjahr verursacht wurde. In einzelnen Lagen, so 
im vorderen und hinteren Fuchsberg, Decker, Hohenrech, Theilers 
und in der Weißmauer vernichtete dieser Schädling 1 / s — 4 /s des Er- 
trages. Am stärksten hausten die Tiere in Weinbergen, deren Boden 
lehmige und lettige Beschaffenheit aufwieson. Weniger gelitten da- 
gegen haben Reben auf Gesteinsböden. Jedenfalls ist die Tatsache 
mit dem schnelleren Verlauf der Blüte und der schnelleren Ent- 
wicklung der Trauben in den zuletzt genannten Böden in ursäch- 
lichen Zusammenhang zu bringen. 

Infolge der starken und langanhaltenden Nebel im Oktober 
gingen die Trauben in dieser Zeit sehr schnell in Fäulnis über. 
Dieser Übelstand wurde noch dadurch gefördert, daß als Begleit- 
erscheinung der Witterung die Böden überraschend schnell und 
reichlich verunkrauteten. Die Lese mußte daher vielfach früher 
vorgenommen werden, als es mit Rücksicht auf die Reife der Beeren 
zweckmäßig erschienen wäre. Es wurde gelesen: 

Am 17. Oktober der Sämling: Riesling x Burgunder im Fuchsberg. 

Vom 18. — 21. Oktober: Sylvaner im Steinacker, W'eißmauer und 
Hangeloch. 

Vom 28. Oktober an fand die allgemeine Lese statt. 

Der quantitative Ertrag war gering bis mittelmäßig. Auf 25 a 
Weinberg kam im Durchschnitte ein Ertrag von 339,5 1, was un- 
gefähr V* Herbst entsprechen dürfte. Die Ursache dieses Aus- 
falles an Ertrag ist neben dem ungünstigen Verlaufe der Blüte vor 
allem in der verheerenden Tätigkeit der Traubenwickler zu suchen. 
Soweit man die Qualität der gewonnenen Produkte bis jetzt be- 
urteilen kann, scheint man im 1907 er einen Mittelwein geerntet 
zu haben. 



II. Neuanlagen. 

Im Frühjahr des Berichtsjahrs wurde das Wustfeld im „Mäuerchen“ 
und ein Teil der Wust in der „Flecht“ neu angelegt. In beiden 
Fällen wurden Riesling-Blindreben gepflanzt. 

Im „Mäuerchen" war es notwendig, an der Nord- und Ostseite 
eine Mauer aufzuführen, um auf diese Weise die Lage zu verbessern. 
Beide Neuanlagen sind mit etwa 95 % angewachsen. Die Gesund- 
erhaltung der Jungfelder bereitete außerordentliche Schwierigkeiten. 
Die Blattfallkrankheit von den grünen Trieben fernzuhalten, war 
nicht leicht. Neunmal mußten zu diesem Zweck die Loden ge- 
spritzt werden. Infolge dieser ausgedehnten Vorbeugung gegen die 
Peronospora standen die Jungfelder Ende des Sommers außerordent- 
lich schön, während manche „Rütter" in der Gemarkung Geisenheim 
im Herbst ein wenig erfreuliches Bild zeigten. 

2 * 



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20 



II. Tätigkeit der Anstalt nacli innen. 



Im „Fuchsberg -4 soll mit den Jahren ein Quartier entstehen, das 
die wichtigsten Erziehungsarten der Rebe in den wichtigsten Wein- 
baugebieten veranschaulicht. Ein Teil dieser Parzelle wurde bereits 
im Berichtsjahr angelegt. Eine eingehende Beschreibung und 
Würdigung dieses Demonstrationsquartiers soll erst nach seiner 
Fertigstellung geschehen. 

III. Beobachtungen über das Verhalten einzelner Trauben- 
sorten gegenüber der Beschlldigung durch den Heu- und 

Sauerwurm. 

Seit einigen Jahren haben wir Beobachtungen über das Auf- 
treten der Traubenwickler an den verschiedenen europäischen Trauben- 
sorten im Sortiment angestellt Das Resultat der Aufzeichnungen 
bann heute mitgeteilt werden. Wir haben es in untenstehende 
Tabelle gekleidet. Eine Wiedergabe der Beobachtungen der einzelnen 
Jahre erübrigt sich, denn die Sorten erwiesen sich nach fraglicher 
Richtung ziemlich konstant. Wir haben den verschiedenen Befall 
charakterisiert mit den Ausdrücken: 

Sehr wenig befallen, 
mittelstark befallen, 
stark befallen, 
sehr stark befallen. 



2 

' 

© 


Traubensorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch den 
Trauben- 
wickler 


1 

<z 

y, 

c 


Traubensorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch den 
Trauben- 
wickler 


l 


Weißer Riesling . . 


stark 


21 


Gelber Ortlieber . . 


stark 


2 


Roter Riesling . . 




22 


Weißer Ortlieber 


sohr stark 


3 


Grüner Svlvaner . . 


mittelstark 


23 


Roter Burgunder. . 


mittelstark 


4 


Roter Svlvaner . . 


stark 


24 


Blauer Burgunder 




5 


Blauer Svlvaner . . 


mittelstark 


25 


Früher blauer Bur- 




6 


Weißer Elbling . . 


stark 




gunder .... 




t 


Roter Tarant . . . 




26 


Müllerrebe .... 




8 


Weißer Gutedel . . 


mittelstark 


27 


Blauer Albst . . . 


stark 


9 


Dunkler Gutedel . . 




28 


Blauer Affentaler 


mittelstark 


10 


Grau roter Gutedel . 




29 


Blauer Portugieser . 


stark 


11 


Königsgutedel . . . 




30 


Blauer Trollinger 


V 


12 


Orangetraube . . . 


stark 


31 


Blauduft .... 


mittelstark 


13 


Muscatgutedel . . . 


mittelstark 


32 


Roter Trollinger . . 




14 


Geschlitztblättriger 




33 


Muscat-Trollinger 






Gutedel .... 




34 


Blauer Gelbhölzer 


stark 


15 


Scbwarzblättriger 




35 


Roter Urban . . . 


mittelstark 




Riesling .... 


,, 


36 


Blauer Urban . . . 




16 


Frühe weiße Lahn- 




37 


Blauer Gänsfüßer . 






traube .... 


stark 


38 


Weiße Lambert- 




17 


Weiße Vanilletraube 


sehr stark 




traube .... 


sehr wenig 


18 


Roter Traminer . . 




39 


Bouquettraube . . 




19 


Gewürz-Traminer . . 


stark 


40 


Blaues Ochsenauge . 


stark 


20 


Weißer Traminer 




41 


Furmint 


mittelstark 






(Beeren sehr 


42 


Weißer Heuniseh 


stark 






angldichmlßig) 


43 


Gelber Museatelier . 


mittelstark 



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Bericht über die Tätigkeit ira Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 21 



rr * 
£- 
O 

*z 

o 


Trau bei) Sorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch ilen 
Trauben- 
wickler 


2 

55 


Trauben sorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch den 
Trauben- 
wickler 


44 


Blauer Muscateller . 


mittelstark 


93 


Gamet de Bt vy . . 


mittelstark 


45 


Violetter Muscateller 




94 


Gamet de Liverdum 


stark 


4G 


Roter Muscateller . 


sehr wenig 


95 


Gamet de Malaie 




47 


Roter Velteliuer . 




90 


Gamet de crepet . . 




48 


Früher roter Veite- 




97 


Gamet de Arconant . 


stark 




liner 


mittelstark 


98 


Gamet <le liousette . 




41) 


Grüner Velteliuer . 




99 


l.'enfant trouve . . 




50 


Feigenblättriger Im- 




100 


Madelame augvviue . 


mittelstark 




perial 


gehr wenig 


101 


Madelaine royale. . 


11 


51 


Javor. 


mittelstark 


102 


Früher Malingru . . 


stark 


r>2 


Weißer Ofner. 


stark 


103 


Marechal Ilosqtiet 




53 


Rotblättriger Wild- 




104 


Muscat Bordelais. . 


mittelstark 




Racher .... 


mittelstark 


105 


Piqucp. rale noir . . 


sehr stark 


54 


Blaublättrigfir Wild- 




106 


Salicette 


sehr wenig 




liacher .... 




107 


Olivetti' nuir . . 




55 


Früher Wippaeher . 


stark 


108 


Muscat bifer . . . 


stark 


50 


Blaue TT rh.imr raube . 


gehr stark 


1 1 Iß 


Blauer Aramon . . 




57 


Weißer Wildbacher. 


mittelstark 


110 


Blauer Blussard . . 


mittelstark 


38 


Früher blauer Wal- 




111 


Alicante 


stark 




scher 


stark 


112 


St I.aureut . . 


sehr stark 


59 


Kläpfer 




113 


Muscat St. Laureut . 


stark 


00 


Blauer Kölner 


mittelstark 


114 


Courtiller anusque . 


mittelstark 


01 


Blaue Blatttraube . 


stark 


115 


Brustiane .... 


02 


Blauer Mütirenlrönig 


sehr wenig 


116 


.Muscat Kugenien . . 




03 


lilaufriinkigch . . . 


stark 


117 


Blauer Momlwcin 




04 


Roter Zierfahndler . 




118 


Chasselas Medoc . . 


stark 


03 


Stoinschiller . . . 


mittelstark 


119 


Rivcila 




00 


Weißer Burgunder . 




120 


Weißer Cakibreser . 




67 


Sarfdhdr 




121 


Weißer Aspirant. . 




044 


Weihes Wachtelei . 




122 


Blauer Damascener . 




6)9 


Weißer Augster . . 




123 


Weißer Damascener 




70 


Blauer Augster . . 


sehr wenig 


124 


Findende .... 


sehr wenig 


■1 


Flalaper Muskatt raube 


mittelstark 


125 


Cyperntraube . . . 




72 


Blauer Kanlako . 


sehr wenig 


126 


Pedro Ximanas . . 


sehr stark 


73 


Weißer Honigler. . 


stark 


127 


Zahahkanski 


mittelstark 


74 


Läminerfcchwanz . . 


mittelstark 


128 


Darkaia rot . . . 




✓ 0 


Weißer Rliusohling . 




129 


Mar oquin .... 


stark 


70 


\\ rlüer Mull!]'.)) . . 


stark 


130 


Riesling von Engel- 




77 


Basilit umtraiiho . . 


mittelstark 




mann 


mittelstark 


78 


Bia blanc .... 


sehr wenig 


131 


Früher blauer Will- 




79 


Cliaptal 


stark 




scher 


„ 


80 


Boucberau .... 


sehr wenig 


132 


'A cilie Königstraube 


stark 


81 


Cnserno 


mittelstark 


133 


Blauer Heuniscb . 




82 


Cabernet Sauviguon. 


sehr wenig 


134 


Blauer Hudler , . 


mittelstark 


83 


Sauvignon blanc . . 




135 


Roter Hansen. . . 


sehr -turk 


84 


Melon 


stark 


136 


Chasseias weiß 




85 


Merlot 






krachend. . . . 


mittelstark 


86 


Weißer Seniillön . . 


sehr stark 


137 


Gewöhnliche Gais- 




87 


MoriUon 


mittelstark 




dufte . . . . 




SS 


(Jlairettö blanche . 


•• 


138 


Chasselafi weiß mit 




80 


Clairotte rose . . . 


stark 




weichem Fleisch . 




90 


Kote C’olepstraube . 




139 


Chasselas weiß . 




91 


Farbtraubc .... 


mittelstark 


140 


Corthumtraube 


stark 


92 


Folie I l tnehe . . . 




141 


Muscat Trowerein 





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99 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Lfde. No. 


Traubonsorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch deu 
Trauben- 
wickler 


k 

c 


Traubensorte 


Grad der 
Beschädigung 
durch den 
Trauben- 
wickler 


142 


Kernloser Riesling . 


stark 


168 


Märien-Riesling . . 


stark 


143 


Sauvignon grauer 


mittelstark 


169 


Edel-Muscat . . . 


mittelstark 


144 


Weißer Gierneolat . 




170 


Muscat-Duft . . . 


stark 


145 


Xoir de Loraino . . 


sehr stark 


171 


Muscat-Riesling . . 


sehr stark 


146 


Bicane 


sehr wenig 


172 


Reichs-Riesling . . 


mittelstark 


147 


Chasselas de Negro- 




173 


Bouquet-Riesling . . 


stark 




pont 


mittelstark 


174 


Kleinberger, früher 




148 


Blanc douce . . . 


stark 




v. Bettingen . . 


sehr stark 


149 


Fierlan 


mittelstark 


175 


Wnißcr Tantovina . 


sehr wenig 


150 


Muscat Caillaba . . 


stark 


176 


Blauer Noireau . . 


mittelstark 


151 


Muscat Ottonel . . 


mittelstark 


177 


Circe 


sehr wenig 


152 


Muscat noir Vibert . 




178 


Barducis .... 


mittelstark 


153 


Chasselas St. Laurent 




179 


Ilordina de Bella 




154 


Panse noire . . . 




180 


Früher blauer Wal- 




155 


Muscat de Calabre . 






scher No. 1 . . 


stark 


156 


Darkaia blau . . . 


stark 


181 


No. 2, No. 4, No. VII 




157 


Lacrima Christi . . 






u. No. VIII. . . 


mittelstark 


158 


Weiße Eicheltraube . 




182 


Müllerrebe x Färb- 




159 


Muscat d’Alexandria 


sehr wenig 




traube No. V u. VI 




160 


Schirastraube . . . 


1* 11 
mittelstark 


183 


Svlvaner x Spätbur- 




161 


Brustiano .... 




gunder No. 9 . . 




162 


Kernloser Riesling . 


sehr wenig 


184 


Riesling x Spätbur- 




163 


Gamet Blauer . . . 


sehr stark 




gunder No. 10 




164 


Kaiser-Muscat . . . 


stark 


185 


Riesling x Madelaine 




165 


Gold-Riesling . . . 


mittelstark 




royale No. 11 . . 


sehr stark 


166 


Firn-Riesling . . . 


„ 


186 


Riesling x Riesling 




167 


Diamant-Muscat . . 


sehr wenig 




No. 5 


stark 



IV. Prüfung Ton Materialien un<l Geraten, die den Weinbau 

betreffen. 

1. Mittel zur Bekämpfung der Peronospora und des OTdiums 

der Rebe. 

Eine Anzahl solcher Mittel wurde der Anstalt zur Begutachtung 
cingesandt Die Prüfung der verschiedenen Fabrikate wurde im 
Verein mit Herrn Dr. Lüstner vorgenommen. Wir wollen die 
mit ihnen erzielten Erfolge in gedrängter Form einzeln besprechen. 

Ich bemerke vorweg, daß sämtliche Mittel im Laufe des Sommers 
viermal zur Anwendung kamen. Die Bespritzung geschah so früh 
und die Zwischenräume zwischen den einzelnen Behandlungen waren 
derart bemessen, daß manche Mißerfolge nicht auf das Konto un- 
günstiger Umstände nach dieser Richtung hin geschrieben werden 
können. Vor allem konnten die Spritztropfen nach der Behandlung 
der Reben immer genügend antrocknen. Der Erfolg der Behandlung 
der Reben wurde in Vergleich gezogen mit jenem der gewöhnlich 
verwandten Kupfervitriolkalkbrühe. Um die Resultate besser be- 
urteilen zu können, und vor allem um dem Leser eher Gelegenheit 
zu geben, ein vergleichsweises Urteil sich selbst zu bilden, wurden 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 23 

die durch die Peronospora hervorgerufenen Flecken verschiedentlich 
gezählt, wobei auch ihre Größe berücksichtigt wurde. 

Zur Zeit des stärksten Befalles durch die Peronospora 
zeigten 150 Rebpflanzen, die mit Kupferritriolkaikbrflhe be- 
handelt waren, 89 Peronosporafleeken mit einem Durchmesser 
von höchstens 1 ent. 

a) Essigsaures Kupfer (Verdet Neutre). 

Das essigsaure Kupfer wurde als fein gemahlenes bläulich- 
weißes Pulver bezogen. Es löste sich in Wasser sehr schnell und 
leicht; die wässerige Lösung weist ebenfalls eine bläulich- weiße 
Farbe auf. 

Zur Verwendung des Mittels hat man einfach notwendig, das 
Pulver in Wasser zu lösen. Damit der Lösungsprozeß schneller 
vor sich gehe, erscheint es mir wie beim Kupfervitriol ratsam, das 
Kupfer in Körbchen zu bringen, die man in Bütten hängt, welche 
mit Wasser gefüllt sind. Die erhaltene Lösung ist direkt gebrauchs- 
fertig. Zusätze von Kalk, Soda oder einer anderen Lauge, wie sie 
bei der Verwendung von Kupfervitriol notwendig sind, erscheinen 
hier überflüssig. Dadurch leidet aber die Erkennung der Spritz- 
flecken auf den Rebteilen. Die auf die grünen Triebe aufgebrachten 
Tröpfchen sind nur sehr wenig sichtbar, eine Kontrolle über die 
Ausführung der Spritzarbeit ist daher erschwert. Um diesem Übel- 
stand abzuhelfen, empfiehlt.es sich, auf 1 kg Kupfervitriol 100 g 
weiße Tonerde beizugeben. Die so erhaltene Lösung wird genau 
wie die Bordelaiserbrühe verspritzt. Bei der ersten Bespritzung ver- 
wandten wir eine l / 2 prozentige, bei allen anderen eine 1 prozentige 
Brühe. 

Der Erfolg des Mittels war kein durchschlagender. An 
150 Stöcken zeigten sich 135 ziemlich stark befallene 
Blätter. 

Neben dieser Form wurde das essigsaure Kupfer auch in 
Kristallen verwandt. Im großen ganzen gilt von diesem Mittel das 
Ebengesagte. An 150 Stöcken waren 134 Blätter befallen. 

Bei der Bewertung dieser Erfolge ist zu bedenken, daß die 
Verhältnisse bei der Verwendung des essigsauren Kupfers sehr 
günstig waren. Hier nämlich kommt es besonders darauf an, daß 
der auf die Blatter gespritzten Spritzflüssigkeit Zeit -gegeben ist, 
auf der Unterlage zu erhärten. Tritt bald nach der Behandlung 
Hegen ein, so ist die Wirksamkeit des essigsauron Kupfers in Frage 
gestellt. 

b) Kristall -Azurin. 

Die Firma Miliussche Gutsverwaltuug in Ulm a. D. hat dieses 
Mittel in den Handel gebracht. Es stellt eine blaue Masse dar, die 
sich äußerlich als grobes Pulver erweist. Iliro Hauptbestandteile 
sollen Kupforvitriol und Ammoniak sein. Das Mittel gelangt in 
Päckchen ä 250 g in den Handel. Nach Angabe des Lieferanten 
genügt ein Päckchen zur Herstellung von 100 1 fertiger Spritzbrühe. 



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II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



24 

Das Pulver löst sich in Wasser gut auf. Bei längerer Aufbewahrung 
leidet die Löslichkeit jedoch bedeutend. 

Die Mischung zeigt eine tiefblaue Farbe. Auch hier ist ein 
weiterer Zusatz nicht notwendig. Die Anwendung erfolgte in l / i - 
und >/» Prozent. Lösung. Über die letzt angegebene Konzentration 
sollen wir nach Angabe des Lieferanten nicht hinausgehen, da die 
Brühe sonst infolge des Ammoniakgehaltes ätzende Eigenschaften 
besitzt Selbst bei der angegebenen Art der Anwendung zeigten 
sich einzelne Verbrennungserscheinungen. Die Spritzflecken sind 
sehr deutlich sichtbar; ihre Haftbarkeit ist gut. Infolge des ge- 
ringen Prozentsatzes an Kupfer wird jedoch der Kupferbelag durch 
Regen ziemlich früh abgewaschen. Bei 150 Stöcken zeigten sich 
115 befallone Blätter. 

Das Kilogramm Kristall - Azurin kostet 3 M. Eine 1 / i prozent. 
Lösung stellt sich demnach etwa so teuer wie eine 1 prozent. 
Bordelaiserbrühe. Die Wirksamkeit der ersteren ist aber, wie aus 
den Zahlen hervorgeht, bedeutend geringer und von viel kürzerer 
Dauer, so daß absolut betrachtet Kristall - Azurin im Preise höher 
steht. 

c) Antiperonosporina. 

Dieses Mittel kommt als bläuliche Flüssigkeit in Literflaschen 
zum Versand. Der Inhalt einec Flasche genügt zur Herstellung von 
100 1 Spritzbrühe. Die zubereitete Flüssigkeit hat einen stark an 
Lysol erinnernden Geruch und eine bläuliche Farbe, die an jene 
von Kupfervitriolkalkbrühe sehr erinnert Nach den Angaben des 
Lieferanten sind bereits angegriffene Blätter auf der Unterseite zu 
behandeln. In weit vorgeschrittenen Fällen soll die Lösung kon- 
zentrierter hergestellt werden. Man soll dann auf 80 1 Wasser 
1 Ztr. Antiperonosporina bringen. Dio Bespritzung soll nur vor- 
genommen werden, wenn der Morgentau getrocknet ist; 2 Stunden 
vor Sonnenuntergang ist die Behandlung einzustellen, damit die 
Wirkung des Mittels durch Feuchtigkeit nicht beeinflußt werde. 

Trotzdem alle diese Punkte beobachtet wurden, zeigten 
150 Stöcke 271 befallene Blätter. 

d) Antiperonospora 

wurde eiugesandt von A. Becher & Co., chemisch -technische und 
Faßschwefelfabrik, Worms a. Rh. 

Es stellt ein bläulich -weißgraues, körniges Pulver dar, das gut 
verschlossen in Paketen zu 5 kg in den Handel kommt. Ein solches 
Paket goniigt, um mit 100 1 Wasser eine fertige Brühe zu bereiten. 
Die Auflösung des Pulvers in Wasser geht sehr langsam und un- 
vollständig vor sich. Es bleiben körnige Bestandteile ungelöst, die 
die Spritze beim Verteilen der Brühe verstopfen. Die zubereitete 
Flüssigkeit nimmt die Farbo des Pulvers an. 

Als Vorzug dieses Mittels wird das längere Haftenbleiben des 
Belages an den Stöcken angeführt. Außerdem wird die Leichtigkeit 
der Zubereitung der Brühe, absoluto Wirkung, große Ersparnis an 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 25 

Arbeit und Geld hervorgehobon. Wir konstatierten, daß die Spritz- 
flecken auf den Blättern sehr deutlich sichtbar sind und die Beläge 
lang haften bleiben. An 150 bespritzten Stöcken zeigten sich 
jedoch 250 befallene Blätter. 

Ein Paket von 2 1 /* kg kostet 2 11. 

e) Bouille Bordelaise Schloesing 

ist ein feines, bläulich-weißes Pulver, das von der Firma Schloesing- 
Fröres & Co., Marseille in Packungen von 2 kg in den Handel 
gebracht wird. Es ist in “Wasser leicht lösbar und verleiht der 
Lösung die Farbe der gewöhnlichen Kupferkalkbrüho. Zur Her- 
stellung der Brühe schüttet man das Pulver unter stetem Um rühren 
in Wasser. Ein weiterer Zusatz ist nicht erforderlich. Die Spritz- 
flecken sind an den Blättern sehr deutlich zu sehen und bleiben 
lange haften. An 150 Stöcken fanden sich 138 befallene 
Blätter. 

f) Carat 

stellt ein von dem önologischen Institut in Epernay erzeugtes 
flüssiges Schwefelpräparat dar, das in Deutschland von H. Köhler, 
Worms a. Rh., Donnersbergerstr. 8 vertrieben wird. Das Mittel 
besitzt eine bläulich-grüne Farbe und einen Geruch nach Schwefel- 
wasserstoff. 

Seine Anwendung kann in 3facher Weise erfolgen. Zunächst 
soll es mit Wasser verdünnt gegen Oldium wirksam sein. Bei der 
ersten und zweiten Bespritzung genügen nach Angabe 2 1, später 
4 — 5 1 ., Carat“ auf 100 I Wasser. 

Der Wert des Mittels gegen Oi'dium kann nicht endgültig 
angegeben werden. Bei den damit angestellten Versuchen trat 
Oi'dium auf den behandelten Parzellen nicht ein. Das ist aber im 
vorliegenden Fall kein Beweis für die Wirksamkeit des „Carat“, 
denn in der ganzen I<nge, zu der die Versuchsparzelle gehörte, war 
der Äscherich nur ganz vereinzelt aufgetreten. Ich möchte daher 

ein abschließendes Urteil nach dieser Richtung nicht geben. 

Eine zweite Art der Anwendung soll gegen Otdium und 
Insekten gerichtet sein. Um diesen Zweck zu erreichen, muß 
dem in Wasser aufgelösten „Carat“ Lysol zugegeben werden. Bei 

der ersten Bespritzung sollen 2 1 „Carat 4 uud >/♦ 1 Lysol, zur 

zweiten 2 — 3 1 „Carat“ und l /s 1 Lysol und zur dritten Bespritzung 
3 — 4 1 „Carat“ und l / t 1 Lysol verwandt werden. Die Wirksamkeit 
inbezug auf Insekten war gering. Der Sauerwurm trat iu der 
behandelten Parzelle genau so stark auf, wie in den übrigen. Das 
Verhalten der Mischung gegen andere Insekten konnte nicht fest- 
gestellt werden, da andere Feinde der Reben zur Zeit der Anwendung 
nicht in größerem Umfange aufgetreten waren. 

Will man „Carat“ gegen Peronospora und Oi'dium gleich- 
zeitig anwenden, so kommen zu Caratwasserlösung Kupfervitriol und 
Kalk. Zur ersten Bespritzung verwende man 1 kg Kupfervitriol, 
200 g gebrannten, ungelöschten Kalk und 2 1 „Carat“. Die zweite 



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26 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Behandlung erfolge mit 1 1 / a kg Kupfervitriol. 300 g gebranntem, 
ungelöschtem Kalk und 3 1 „Carat“. Die 3. und 4. Bespritzung 
soll mit stärker konzentrierteren Lösungen vorgenommen werden. 

Die damit angestellten Versuche zeigten, daß die Spritzflecken 
an den Blättern deutlich sichtbar sind. Sie hinterlassen einen 
stahlblauen, glänzenden Belag und haften sehr lange. Eine große 
Anzahl getroffener Blätter zeigte Ätzungserscheinungen. Von 
150 Stöcken waren 134 Blätter von Peronospora befallen. 



g) Reflorit. 

„Reflorit“ ist ein Mittel, das im Sommer 1907 sehr häufig ge- 
nannt wurde. Es geschah dies nicht etwa seines Wertes willen, als 
vielmehr infolge der umfangreichen Reklame, welche die Vertriebs- 
gesellschaft: „Compagnie Reflorit’ 1 durchfiihrte. In den Zeitungen, 
auf den Kongressen wurde von dieser Neuheit viel gesprochen. Es 
sollte angeblich oin „Helfer in der Not für Winzer, Gärtner, Obst- 
züchter und die gesamte Pflanzenkultur 1 sein. 

„Reflorit“ ist ein feinkörniges, gelbes Pulver, das einen scharfen 
stechenden, zum Niesen reizenden Geruch besitzt. Im trockenen 
Zustande soll es nach Angabe der Firma feuergefährlich sein. Im 
Wasser ist das Pulver sehr leicht löslich. Die menschliche Haut 
wird durch die Lösung glatt und anhaltend gelb gefärbt, so daß, wie 
vom Fabrikanten angegeben wird, in ihr vorhandene Schrunden, 
wenn sie damit benetzt werden, verschwinden. Nach Kulisch und 
Meißner besteht das Mittel in der Hauptsache aus Pikrinsäure. 

Der Versand erfolgt in Krügen, denen ein kleines Maß bei- 
gegeben ist, dessen Inhalt zur Herstellung von 50 1 Spritzflüssigkeit 
ausreicht. 

Die Anwendung geschieht mit Rebspritzen. Die bei der Ver- 
teilung der Brühe entstehenden Spritzflecken sind auf den Reb- 
blättem ganz schwach sichtbar. 

An der Anstalt wurde das „Reflorit“ benützt gegen Peronospora, 
Oldium und den Heu- und Sauerwurm. 

Die behandelten Reben zeichneten sich gegenüber jenen mit 
Kupfervitriolkalkbrühe bespritzten durch einen stärkeren Befall durch 
die genannten Pilze aus. Der Unterschied inbezug auf Peronospora 
zeigte sich am stärksten im Monat September, zu welcher Zeit in 
der Gemarkung Geisenheim die Blattfallkrankheit am stärksten auf- 
trat. Ende dieses Monats war der Stand der mit „Reflorit“ be- 
handelten Reben genau so schlecht, wie jener der unbehandelten 
Kontrollparzellen, während die mit Bordelaiserbrühe bespritzten 
Blätter höchstens vereinzelt Spuren des Schadens aufwiesen. Bei 
der Beurteilung der Versuchsergebnisse wurde natürlich nur der 
von dom Mittel getroffene Teil der Blätter und nicht dio nachträg- 
lich entstandenen berücksichtigt. 

Das Oldium erschien in stärkerem Maße in den Geisenheimer 
Weinbergen Endo Juli bis Anfang August. Die mit „Reflorit" be- 
handelten Blätter und Trauben waren bereits anfangs August so 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschatt. 27 



stark von dem Pilze befallen, daß, um sie nicht ganz zu verlieren, 
eine Bestäubung mit dem gebräuchlichen Weinbergsschwefel vor- 
genommen wurde. Die danebenliegende, wie gewöhnlich geschwefelte 
Parzelle zeigte demgegenüber nur hier und da Anfänge des Schimmels. 
Von einem Erfolg des „Reflorit“ gegen Oidiuni war absolut nichts 
zu bemerken. 

Bezüglich der Wirksamkeit des Mittels gegen Heu- und Sauer- 
wurm konnte, trotzdem es auf einer Parzelle zur Anwendung kam, 
die stets sehr stark unter diesem Schädling leidet, nur ein gänz- 
liches Versagen wahrgenommen werden. Sämtliche Entwicklungs- 
Stadien des Tieres blieben von der Flüssigkeit vollständig unbeeinflußt, 
so daß der Schaden in der Versuchsparzelle in derselben Weise zu- 
tage trat, wie in den unbehandelten Weinbergen. 

Nach dein Aasfall der an der Anstalt im Sommer 1907 
ausgeführten Versuche muß somit ,, Reflorit“ als wertlos Im 
Kampfe gegen Peronospora, Oi'dium und Heu- und Sauerwarm 
bezeichnet werden. 

Aus dom Ergebnis der Prüfung der oben angeführten 
Mittel läßt sich mit Leichtigkeit erkennen, daß man am 
besten bei der altbewährten Kupfervitriolkalkbrühe zur 
Bekämpfung der Peronospora bleibt. Die fertig an- 
gebotenen ^Präparate enthalten als wirksame Substanzen 
zum großen Teil Kupfersalze. Nach dem Gehalt an solchen 
berechnet, stellen sich die Mittel erheblich teurer als die 
selbstbereitete Brühe und sie müssen das sein, da ja die 
Kosten für Fabrikation, Verpackung, Reklame usw. bezahlt 
werden müssen. Auch besteht die große Gefahr für den 
Winzer, daß er vom Fabrikanten, noch vielmehr aber vom 
Händler altes von früheren Jahren übrig gebliebenes 
Material erhält, oder daß er das von ihm im letzten Jahr 
angekaufte inzwischen in einem unzweckmäßigen Raum 
gelagerte Mittel verwendet. Selbst bei trockenster Auf- 
bewahrung erfahren gewisse Substanzen dieser Mittel Um- 
setzungen. Die veränderten Bestandteile sind in Wasser 
meist nicht löslich, sondern bleiben vielmehr als körniger 
Rückstand erhalten. Sie sind sehr oft die Ursache von 
Verstopfungen im Verteiler der Rebspritze. Bei Verwen- 
dung solcher Mittel ist der Winzer außerdem immer auf 
die Reellität des Fabrikanten angewiesen. Er ist nicht in 
der Lage, sich ein Urteil über die Brauchbarkeit eines an- 
gebotenen Mittels genügend schnell zu bilden. Mit der 
selbstbereiteten Kupfervitriolkalkbrühe versteht er besser 
umzugehen. Ihre Zusammensetzung, das ganze Verfahren 
zu kontrollieren ist für ihn zuverlässiger. 

Ans den angegebenen Gründen muß vor dem Ankauf 
derartig neuer Mittel gewarnt werden. Solche Neuheiten 
anszuprobieren, Ist nicht Sache der Winzer. Diese haben in 
unserer Zelt gerade genug zu kämpfen. Ausgaben für solche 
unzuverlässigen Prltparate können sie sich nicht erlauben. 



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28 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Wenn die Gutsbesitzer doch ab und zu zu solchen mit großen 
Versprechungen angepriesenen Mitteln greifen, so erwachst 
dadurch Berufenen die Aufgabe, sie eindringlich Tor dem 
Ankauf zu warnen. Solange eine Brühe rielleieht so gut, 
aber nicht besser als die „Bordelaiserbrühe“ wirkt, haben 
wir keinen Grund, von dem bis jetzt Gepflogenen abznweichen, 
denn dadurch, daß man alle Jahre von neuen Mitteln zu den 
Winzern redet, werden sie verwirrt und verlieren vor allem 
das Vertrauen, das für eine ruhige und erfolgreiche Be- 
lehrung unbedingt notwendig ist. 

2. Marmorkalk. 

Zur Bereitung der Kupfervitriolkalkbrühe wurde bis jetzt ent- 
weder Ätzkalk, d. h. gebrannter Stückkalk, der vom Winzer selbst 
gelöscht wurde, oder gelöschter Kalk {Kalkmilch) verwandt. Diese 
Materialien sind oft mehr oder weniger unrein und enthalten in 
vielen Fällen sandige Beimengungen, welche die Mundstücke an 
den Rebspritzen bei der Verteilung der Brühe verstopfen, wodurch 
beim Spritzen der Rebteile Zeitverlust und Arger entsteht. Um 
diesem Cbelstand abzuhelfen, hat man sich langst daran gewöhnt, 
die Kalkmilch vor der Zugabo zur Kupfervitriollösung zu sieben, 
und doch vermag bei der Verwendung feiner Zerstäuber diese Vor- 
sichtsmaßregel nur bis zu einem gewissen Grade dem Verstopfen 
der Mundstücke vorzubeugen. Da man gerade in letzter Zeit be- 
strebt ist, eine möglichst feine Verstaubung der Spritzbriihe bei 
den Reben herbeizuführen, hat man im verflossenen peronospora- 
reichen Sommer den Übelstand, der mit der Verwendung solcher 
Kalke verbunden ist, besonders unangenehm empfunden. Vielleicht 
kann dadurch bis zu einem gewissen Grade auch das hastige Suchen 
nach Ersatzmitteln für die Kupfervitriolkalkbrühe erklärt werden. 

Ausgehend von diesen Betrachtungen hat Herr Dr. Link in 
Auerbach einen Kalk hergestellt, der als „Auerbacher Marmorkalk“ 
bekannt ist. Eine Probe dieses Kalkes wurde uns von der Firma 
Simon Rosenthal, Ostrich, eingesandt. 

Der Auerbacher Marmorkalk präsentiert sich als feines Pulver. 
Die einzelnen Körnchen sind außerordentlich fein. Er ist ein be- 
sonders reiner Kalk, der mit aller Sorgfalt von kundigen Leuten 
gelöscht wird. Der Unterschied zwischen diesem Fabrikat und dem 
,. eingesumpften“ Kalk besteht demnach darin, daß der Marmorkalk 
ein ziemlich reines Produkt darstellt, das nach einem gewissen 
System mit großer Sorgfalt gelöscht wurde. Der fabrikmäßig ge- 
löschte Kalk wird gemahlen, wodurch die oben angegebene Pulver- 
form erzielt wird und gelangt in Säcken zum Versand. 

Bei der Prüfung dieses Kalkes sollte zunächst festgestellt 
werden, welche Mengen notwendig sind, um ein bestimmtes Quantum 
Kupfervitriol zu neutralisieren. Nach mehrmaligen Versuchen stellte 
sich heraus, daß zu 2 kg Kupfervitriol ca. V( t — 1 '/, kg Kalk ge- 
bracht werden müssen, um die erforderliche Neutralität zu erzielen. 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtscbaft. 29 

Die Verwendung des „Auerbacher Marmorkalkes“ geschieht 
derart, daß man ihn in Wasser bringt, wodurch eine in ihrem Aus- 
sehen an Milch erinnernde Flüssigkeit entsteht. Die dabei ein- 
tretende Wärmeentwicklung ist außerordentlich gering. Die Zu- 
gabe der nun entstandenen Kalkmilch zum Kupfervitriol erfolgt in 
üblicher Weise. 

Eine so hergestellte Brühe wurde nun verschiedentlich im 
Weinberg verwendet. Dabei zeigte sich, daß der Kalk mit dem 
Kupfervitriol einen Niederschlag bildet, der sehr rasch aus der 
Flüssigkeit ausfällt. Diese Abscheidung geht auch sehr schnell in 
der Spritze vor sich und mau ist gezwungen, den Spritzinhalt oft 
durchzuschütteln, zu mischen, da widrigenfalls das Verstopfen der 
Spritzköpfe zu erwarten ist. Bei dem zuerst im kleinen vor- 
genommenen Versuch war diese Tatsache nicht so unangenehm auf- 
gefallen. Bei der Anwendung im großen aber wurde dieser Übel- 
stand sehr störend empfunden. Ein anderer Mangel dieses Kalkes 
besteht in dem Umstand, daß mit ihm hergestellte Spritzbrühen eine 
geringe Haftfähigkeit auf den Rebblättorn besitzen. Versuche in 
dieser Richtung ergaben, daß von den auf diese Weise erhaltenen 
Spritzflecken nach dem ersten Regen kaum noch minimale Spuren 
zu sehen waren, während man bei Reben, die mit der unter Ver- 
wendung gewöhnlicher Kalkmilch hergestellten Brühe gespritzt waren, 
den bläulichen Belag noch sehr deutlich sehen konnte. 

Was aber die Bedeutung dos Marmorkalkes herabwürdigt, ist 
vor allem der Umstand, daß mit ihm hergestellte Brühen teurer zu 
stehen kommen, als solche, die wie üblich zubereitet sind. Wenn 
das für eine bestimmte Menge Kupfervitriol notwendige Quantum 
auch geringer ist als bei Verwendung des gewöhnlichen Kalkes, so 
ist der Preis eines Liters mit ihm hergestellter Brühe doch höher. 
Allerdings muß dabei berücksichtigt werden, daß die Benützung des 
„Auerbacher Kalkes“ ein einfacheres und bequemeres Arbeiten ge- 
stattet und man durch seinen Gebrauch wohl auch an Arbeitszeit 
etwas spart. 

Ein ähnlicher Kalk wurde von der Firma Th. J. Bischoff, 
Eisenhandlung. Eltville Rhg., eiugesandt. Er wurde uns als „Dietzer 
Marmorkalk“ bezeichnet. Im Laufe des verflossenen Sommers hat 
die Fabrikation dieses Kalkes angeblich Verbesserungen erfahren, 
so daß das Kalkpulver nun feiner und fast gänzlich ohne Körner 
hergestellt werden kann. Die erst eingesandte Probe war nämlich 
außerordentlich grob und wies körnige Beimischungen in großer 
Zahl auf. Die letzte Sendung war nach dieser Richtung bedeutend 
vorteilhafter. Zur Neutralisierung von 2 kg Kupfervitriol waren 
1 V , — '?. kg Kalk, also mehr wie bei dem „Auerbacher Marmorkalk“ 
notwendig. Im übrigen gilt von diesem Fabrikat das vom „Auer- 
bacher Kalk“ Gesagte. 



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30 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



3. Neue Spritzen und Schwerer und Verbesserungen 
an Alteren Fabrikaten. 



a) Spritzen. 

Die Firma Wilhelm Edel, Geisenheim a. Rhein, hat uns ihr 
neues patentiertes Fabrikat 

„Rheingauer Rehspritze, System Edel“ (Fig. 2) 
zur Verfügung gestellt. Die äußere Form der Spritze ähnelt der 




Fig. 2. Rheingauer Rehspritze, System „Edel“. 



bekannten „Yermore Ischen“. Der Flüssigkeitsbehälter ist entweder 
aus gewalztem Kupfer oder Bleiblech und hält Hi 1. Der Verschluß 
der Einfüllöffnung weicht von dem der bekannten Rebspritzen ab. 
Er ähnelt im Prinzip dem Patent-Bierfl.ischenverschluß. Der Deckel 
wird mittels eines Bügels fest auf die Einfüllöffnung gepreßt. Bei 
den meisten älteren Rebspritzen besteht zwischen Deckel und Spritze 
keinerlei Verbindung. Hier ist jedoch der Deckel durch ein 
Scharnier an der Spritze befestigt Eine Beschädigung, z. B. ein 
Verbiegen oder gar das Abhandenkommen des Verschlusses ist daher 
nicht möglich. Das in die Einfüllöffnung eingelassene Sieb ist stark 
und besitzt die nötige Feinheit der Maschen. Es wird entweder 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellenvirtschaft. 31 

einfaoh horizontal oder auf Wunsch trichterförmig nach unten ge- 
liefert. Durch die kegelförmige Anordnung des Siebes soll ein be- 
quemeres und schnelleres Einfüllen der Spritzflüssigkeit ermöglicht 
werden, da sich dann in der Kegelspitze, also am untersten Teil des 
Siebes, etwa vorhandene Unreinigkeiten ansammeln, während der 
obere Teil für das Eindringen der Flüssigkeit frei bleibt. Der Wind- 
kessel ist in den Flüssigkeitsbehälter eingelassen (Fig. 3). Die Be- 
förderung der Spritzflüssigkeit geschieht durch einen Kolben, der 
aus einer selbstdichtenden Lederstulpe besteht. Die Verteilung der 
Brühe erfolgt durch den bekannten Wiener Verstäuben 




Fig. 3. Rbeingauor Rcbspritze, System „Eitel“. Durchschnitt. 

Die „Rheingauer Rcbspritze“ wurde während des ganzen Sommers 
benützt. Die damit erzielten Leistungen waren sehr zufriedenstellend. 
Besonders hervorgehoben werden muli dio leichte Gangart der Spritze. 
Trotz des großen Druckes, den man auf die Flüssigkeit einwirken 
lassen kann, ist die Anstrengung des bedienenden Arbeiters geringer 
als gewöhnlich. Die Verteilung der Spritzflüssigkeit ist sehr fein 
und gleichmäßig. Im Anfang trat einigemal dadurch eine Störung 
ein, daß der Kolben nicht genügend dichtete. Der Fabrikant hat 
nun darauf hin eine Verbesserung herbeigeführt, die derartige Un- 
annehmlichkeiten ausschloß. Sollte je im Kolben oder Ventil eine 
Unregelmäßigkeit eintreten, so kann man durch Abnahme des Deckels 



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32 II- Tätigkeit der Anstalt nach innen. 

und einer Mutter sehr leicht zu den inneren Teilen gelangen und 
eventuell Ersatzstücke einsetzen. Die leichte Zugänglichkeit zu den 
einzelnen Bestandteilen der Spritze verdient überhaupt hervorgehoben 
zu werden. Aus der ganzen Ausführung dieses neuen Fabrikates 
merkt mau, daß die Verfertiger sich jahrelang mit der Reparatur von 
Rebspritzen beschäftigten und in ihrer neuen Maschine die gewöhn- 
lich vorkommenden Mängel nach Kräften zu beseitigen suchten. Der 
Preis betrug 1907 mit Kupferbutte 36 M, mit Bleiblechbehälter 30 M. 
mit Trichtersieb stellt sich jede Ausführung um 2 M höher. 

b) Verschiedene Verstäuber. 

In den letzten Jahren sind verschiedene Verstäuber für Reb- 
spritzen konstruiert worden, als deren beste wohl der ungarische 
und Wiener Verstäuber anzusehen sind. 

Der ungarische Verstäuber. 

Dieser besteht aus einer zylindrischen oder halbkugeligen 
Büchse, auf die eine breite zylindrisch durchbohrte Kappe geschraubt 
wird. Der Einsatz hat ungefähr die Gestalt eines Zylinderhutes, in 
dessen Inneres die Brühe durch 2 schräge Löcher eindringt. Da 
der Hut jedoch lose in der Büchse schwebt, vermögen kleine Ver- 
unreinigungen in der Spritzbrühe den Verteiler intakt zu machen. 
Die Körnchen setzen sich zwischon dem Rand des Einsatzes und 
dem vorderen Teil der Kappe fest Dadurch tritt die Flüssigkeit 
nicht allein durch die kleinen Löcher im Hut, sondern durch die 
neu geschaffene Öffnung zwischen Zylinderrand und Kappe. Infolge- 
dessen ist eine Verstaubung der Brühe nicht mehr möglich; die 
Flüssigkeit tritt vielmehr als geschlossener Strahl nach außen. Da 
sich dieser Vorgang verhältnismäßig oft wiederholt, wird dadurch 
die ohnedies schon mühselige Arbeit des Spritzens bedeutend er- 
schwert. Da der Verteiler jedesmal abgeschraubt und nachgesehen 
werden muß, ist natürlich auch ein Zeitverlust damit verbunden. 
Dieser alte ungarische Verteiler ist daher nicht empfehlenswert In 
richtiger Erkenntnis dieses Übelstandes hat die Firma Karl Platz, 
Maschinenfabrik, Ludwigshafen a. Rh., eine Verbesserung dieses 
Verteilers vorgenommen und ihn umgewandelt in den 

Verbesserten ungarischen Verstäuber. 

Die Neuerung besteht darin, daß der hutförmige Einsatz ein- 
geschraubt ist. Damit dies geschehen kann, findet sich am Hütchen 
ein Flügel. Dadurch ist jede Bewegung des Einsatzes ausgeschlossen. 

Die in den Hut eingelegten schrägen Löcher werden mit ver- 
schiedenem Durchmesser eingebracht. Jo feiner die Bohrung, um 
so größer ist aber andererseits die Gefahr der Verstopfung dieser 
Kanäle. Wenn man ohne weitere Vorrichtung den neuen ungarischen 
Verteiler benützt, so ist man gezwungen, die weiteste Bohrung zu 
■nehmen, da sonst Versperrungen der im Hut angebrachten Löcher 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 33 

eintreten. Will man die engste Bohrung wählen, so ist es not- 
wendig, den Verteiler an ein Lenkrohr mit Sieb zu schrauben. 
Platz hat nämlich ein Lenkrohr derart gearbeitet, daß er in dasselbe 
ein länglichrundes Sieb eingelassen hat. Verunreinigungen, die das 
Sieb an der Einfüllöffnung der Spritze passieren können, werden 
durch den viel feineron Siebeinsatz zurückgehalten, so daß in der 
Tat das sonst so oft beobachtete Verstopfen des ungarischen Ver- 
teilers mit der feinsten Bohrung auf diese Weise umgangen werden 
konnte. Die Verwendung des Käppchens mit feinster Bohrung 
bedingt allerdings eine weniger gute Verteilung der Brühe. Die 
Flüssigkeit tritt in verhältnismäßig schmalem Strahl aus dem Mund- 
stück, wodurch die Ausführung des Spritzens etwas mehr Sorgfalt 
verlangt; vielleicht ist dadurch auch ein kleiner Zeitverlust bedingt. 
Wir möchten nach unseren Erfahrungen den verbesserten ungarischen 
Verteiler mit der weiten Bohrung empfehlen und raten dringend, 
wo man die feinste Bohrung verwenden will, das Lenkrohr mit dem 
Siebeinsatz zu gebrauchen. 

Der Wiener Verstäuber. 

Die Zersliiubungskappe ist eichelförraig und besitzt eine nach 
außen abgeschrägte Lochbohrung Sie wird direkt aut das Lenkrohr 
aufgeschraubt. Der Einsatz besteht aus einem massiven Zylinder, 
in dessen Mantel 2 einander gegenliberstehonde, schraubenartig ver- 
laufende Kanäle eingegraben sind. Der Zylinder besitzt zum be- 
quemen Herausuehmen nach hinten einen Drahtansatz. 

Diese Art des Verstäubers ist wohl als beste von 
sämtlichen zur Zeit existierenden Fabrikaten anzusehen. 
Die Art und Feinheit der Verteilung der Spritzbrühe ist 
außerordentlich gut Ein Verstopfen der Loitungskanüle 
der Flüssigkeit kommt nicht vor. Die Güte des Verteilers 
dürfte auch daraus ersichtlich sein, daß der Wiener Ver- 
stäuber an vielen Spritzsystemen angewandt wird und in 
vielleicht nur wenig geänderter Form eine große Anzahl 
von Nachahmungen ertahreu hat. 

c) Gewobene Schläuche mit Gummieinlage an Rebspritzen. 

In der Regel werden an die Flüssigkeitsbehälter der Rebspritzen 
Schläuche angeschraubt, die aus Gummi mit Tucheinlage bestehen. 
Wonn derartig ausgerüstete Spritzen einige Zeit im Gebrauch sind, 
so springt der Schlauch an den Biegungsstellen meist. Einzelne 
Gummiteile lösen sich ab und bei weiterem Gebrauch bricht hier 
sehr oft der Schlauch durch. Wenn solche Übelstände an jenen 
Teilen des Schlauches eintreten, die sich in der Nähe der Befestigungs- 
stello an der Spritze befinden, so wird der Gummi an der schad- 
haften Stelle meist durchgeschnitten und neu befestigt. Auf diese 
Weise wird der Schlauch allmählich kürzer. 

Die Firma Karl Platz in Lndwigshafen a. Rh. bringt gewobene 
Schläuche mit Gummieinlage in den Handel, die sich bei uns außer- 

Oeucohoimor Bericht 1907. 3 



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34 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



ordentlich gut bewährt haben. Sie sind von bedeutend längerer 
Dauer als die Gummischläuche. Ihre Anschaffung ist daher sehr 
zu empfehlen. 



d) Rebspritzenhalter und Schlauchschoner. 

Beide Vorrichtungen wurden von dem Gemeinderentmeister und 
Weinbergsbesitzer Wilhelm Stephan, Waldböckelheim, Kreis Kreuz- 
nach, verfertigt. Sie stellen rohrähnliche Hülsen dar. die über die 
gefährdeten Stellen des Schlauches gesteckt werden. Eine Hülse 
kommt dorthin, wo der Schlauch am Flüssigkeitsbehälter befestigt 
ist, während ein längerer Holzgriff beweglich über den Schlauch 
etwa au jener Stelle gestülpt ist, an der die Führung der Spritz- 
lanze durch die Hand geschieht. Der Fabrikant will dadurch das 
Knicken des Schlauches einerseits vermeiden, während andrerseits 
sauber und bequem gearbeitet werden soll. Was den ersten Vorteil 
anbetrifft, so kann ich mich damit einverstanden erklären. Die 
Biegungsstelle des Schlauches in der Nähe des Kessels wird in der 
Tat durch den Schlauchschoner geschützt. Der Schlauchhaltor, der 
gegen den Verteiler zu angebracht ist, gewährt einen etwas un- 
sicheren Halt. Seine Verwendung erscheint ja ganz bequem, allein 
sicherer hält man das Spritzrohr direkt. Das Paar dieser Vor- 
richtungen stellt sich auf 0,40 M. 

e) Schwefelverteiler. 

Schwefelverteiler von Georg Rumpf, Laubenheim 
a. d. Nahe. 

Der Apparat weist zunächst ein trichterförmig erweitertes Zu- 
führungsrohr auf. In ihm ist eine Streuscheibo so ungeordnet, daß 
der den Schwefel mitreißende 'Windstrom auf die Scheibe auftrifft. 
Infolge des Luftzuges wird der Einsatz rasch bewegt Da die 
Streuscheibe zu turbineuartigen Flügeln au-sgearbeitet ist, sollen 
Klumpen, die sich im Schwefel gebildet haben, zerkleinert werden. 
Der Schw'efelstaub tritt durch das Metallsieb an der Ausmündung 
der Vorrichtung aus. Nach Angabe des Lieferanten soll eine feine 
und gleichmäßige Verteilung des Schwefels erzielt werden. Gegen- 
über den gewöhnlichen Zerstäubern spart man angeblich l / 4 der 
Schwefelmenge. 

Wir haben mit dieser Vorrichtung keine günstigen Erfolge 
erzielt Die Verteilung ist zwar ganz gut, allein die Kraft, die 
notwendig ist, um den Schwefel durch den Zerstäuber zu be- 
wegen, muß im Vergleich zu andern Verteilern außerordentlich ver- 
mehrt werden. Jeder Apparat, der mit diesem Veistiiuber versehen 
wird, erfordert eine bedeutende größere Kraftanstrengung des Arbeiters 
als zuvor. Eine kleine Ersparnis an Schwefel tritt in der Tat ein. 

Bei einer Verbesserung des Verteilers wurden Streudüse und 
Windturbine größer angefertigt und das Metallsieb weggelassen. Der 
Gang des Apparates war dadurch etwas erleichtert worden: im all- 
gemeinen trifft aber das oben Gesagte immer noch zu. 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft 35 

Der Schwefel verteilet - von JakobCartano, M iiuster a. Stein. 

Die den Schwefel zuführende Röhre führt, wie die Fig. 4 zeigt, 
in eine runde Erweiterung, in der sich ein Flügelrad befindet. Der 
vom Blasebalg des Schwefelapparates erzeugte Luftstrom versetzt 
dieses Flügelrad in sehr schnelle Rotation, wodurch etwa im Schwefel 
vorhandene Körnchen zerkleinert werden. Die Verteilung des 
Schwefelpulvers geschieht durch eine umfangreiche Mündungsspalte. 



Fig. 4. Schwefelverteilcr von Jakob Cartnno. 




Wir haben den Verteiler im Laufe ,des Sommers benützt und 
dabei feststellen können, daß eine Schwefelersparnis in der Tat bei 
seiner Verwendung eintritt. So warfen z. B. 
der Diedesfelder Apparat mit eigenem Verteiler 3,7 g auf jeden Hub aus 
der Vermorelsche „ „ „ Zerstäuber 1.8 ., „ „ 

der Weyer sehe „ „ ,. 1,7 ., „ „ „ 

Mit dein Cartano sehen Verteiler warf 
der Diedesfelder Apparat auf jeden Hub 2,7 g aus (1 g weniger) 
der Vermorelsche .. ., .. 1,5 „ .. (0,3 g weniger) 

der Weyersche .. „ .. ., 1,4 „ ., (0,3 g weniger) 

Die Verteilung des Schwefels geschieht sehr fein und in der 
neueren Form des Appariitchens auch gleichmäßig an der ganzen 
Mündungsspalte. Früher trat der Schwefel fast nur auf der rechten 

3* 



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3(i 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Seito der Spalte aus, da das Zuführungsrohr zu weit links in die 
Büchse mit dem Flügelrad eingeführt war. Da in dieser Beziehung 
eine Änderung vorgenommen worden ist, kann an dem Verteiler 
nichts mehr ausgesetzt werden. Der Preis beträgt 1,50 M. Außer 
von dem Flaschnermeister Cartano kann die Vorrichtung auch von 
Ernst Dupuis, Kreuznach, bezogen werden. 

f) Der Schwefelapparat „Victoria“. 

Von der „Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft“ wurde uns zur 
Probe obiger Apparat gesandt. Er wurde ursprünglich von der 

Blechwarenfabrik Hörnle 
& Gabler, Zuffenhausen, her- 
gestellt, heute baut ihn die Finna 
Holder in Metzingen, Würt- 
temberg. 

Der Schwefler (Fig. 5) wurde 
in den Anstalts- und Domänen- 
weinbergen zu allen im ver- 
flossenen Sommer vorgenomme- 
nen Scbweflungen benützt. Als 
Resultat dieser 4 monatlichen 
Probe kann folgendes angegeben 
werden : 

Der Apparat zeichnet 
sich andern ähnlichen Vor- 
richtungen gegenüber da- 
durch aus, daß das in seinem 
untern Teil angebrachte 
Sieb vom Schwefel nicht 
verstopft wird, was als ein 
sehr großer Vorzug ange- 
sehen werden muß, denn 
die meisten heute gebräuch- 
lichen "Weinbergsschwefler 
besitzen bekanntlich den Nachteil, daß bei längerem Ge- 
brauch, namentlich wenn der zu verstäubende Schwefel 
etwas feucht ist und sich infolgedessen gern zusammen- 
ballt, die Poren des den Schwefelbehälter nach unten ab- 
schließenden Siebes mehr oder weniger mit Schwefel 
ausgefüllt sind. Dieser Siebeinsatz ist meist fest eingebracht. 
Über ihm bewegt sich eine oder mehrere verschieden geformte 
Bürsten, welche etwa vorhandene Schwefolbrocken zerreiben und 
so ein gleichmäßiges Nachfallen dos Schwefelpulvers bewirken sollen. 
Betrachtet man nach dem Gebrauch ein derartiges Sieb, so wird 
man finden, daß der größte Teil der Sieblöcher mit Schwefel erfüllt 
ist. Die Bürsten drücken, besondere wenn sie einmal otwas ab- 
genützt sind, den Schwefel wohl in die Siebzellen hinein, aber 
nicht unten heraus, ein Teil der Öffnungen ist verstopft. Infolge 




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Bericht über die Tätigkeit im Weinhau und in der Kellerwirtschaft. 37 

dieser teihv eisen Verstopfung fällt der Schwefel nur ungleichmäßig 
nach und eine öftere Unterbrechung der Arbeit zum Zwecke der 
Reinigung des Siebes ist notwendig. Bei dem zur Prüfung vor- 
liegenden Schwefelzerstftuber konnte ein derartiger Übelstand nicht 
beobachtet werden. Nicht ein einziges Mal während des ganzen 
Sommers verstopfte das Sieb auch nur teilweise. Die Erklärung 
dieser Tatsache muß darin gesucht werden, daß der in den Behälter 
gefüllte Schwefel auf ein, während der Arbeit in ständige energische 
Bewegung versetztes Sieb fällt und auf diesem lagert. Über dem 
Sieb bewegt sich eine herzförmig gekröpfto Welle, durch welche 
der Schwefel ununterbrochen tüchtig umgerührt wird. Die Schwefel- 
teilchen werden also nicht gewaltsam in die Siebporen gedrückt, 
sondern bewegen sich frei über dem Siebeinsatz und fallen durch 
den Luftstrom veranlaßt durch dessen Öffnungen. 

Zum Apparat waren 3 Siebe mit verschiedener Maschenweite 
geliefert Am besten ist jenes mit der geringsten Ausdehnung der 
Siebfläche, d. h. das, auf welchem sich am äußern Rande eine- 1 cm 
breite und in der Mitto eine etwa '/, cm breite Blecheinfassung be- 
findet Sobald die beiden andern Siebe eingesetzt sind, läßt der 
Apparat zuviel Schwefel nachfallen, wenn der Hebel bereits nach 
unten bewegt ist Wenn der durch den Blasebalg erzeugte Luft- 
strom also aufgehört hat, fällt aus dem Rohr immer noch etwas 
Schwefel nach außen, der seinen Zweck nicht mehr erreicht. Dieser 
Übelstand wird bei Verwendung des eingefaßten Siebes vollständig 
umgangen. 

Ein großer Vorzug dos Apparates „Victoria“ besteht 
darin, daß der Schwefel mit großer Kraft in den Stock ge- 
pufft wird. Man ist daher in der Lage, das staubförmige Be- 
kämpfungsmittel in die innersten Teile der oft sehr fest zusammen 
gebundenen Stöcke zu bringen. Dieser Umstand scheint mir bei 
der Oi'diumbekämpfung bis jetzt in vielen Fällen noch nicht ge- 
nügend gewürdigt zu sein; in dieser Beziehung bedeutet der Ver- 
stäuber entschieden einen Fortschritt. Dabei ist die Schwefel- 
verteilung sehr fein. 

Besonders liervorgeboben zu werden verdient die 
leichto Zugänglichkeit zur innern Einrichtung des Apparates. 
Bei den meisten heute gebräuchlichen Vorrichtungen vermag man 
nur durch die Schwefeleinfüllöffnung zum inuem Mechanismus zu 
gelangen. Sollte sich dagegen bei „Victoria“ eine Betriebsstörung 
zeigen, so kann man nach Entfernung der untern leicht abnehm- 
baren Scheibe das Sieb bequem herausnehmen, die ganze innere 
Einrichtung überschauen, einen otwa eingetretenen Mangel erkennen 
und ihm abheifen. 

Es ist an dem Apparat ferner leicht möglich, den Auswurf 
an Schwefel zu regulieren. Wünschenswert ist nur, an der 
Regulierung einen stärkeren Ring anzubringeu. Die an dem ein- 
geschickten Modell angebrachte Ziehvorrichtung erwies sich als zu 
schwach. 

Hervorzuheben ist endlich der außerordentliche leichte Gang 



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38 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



des Apparates. Die Kraftanstrengung des Arbeiters ist bedeutend 
geringer als bei den üblichen Schweflern. 

Einen Übelstand haben wir darin gefunden, daß der Schwefler 
vom Rührer oberhalb des Siebes gegen die Wand des Behälters 
gedrückt wird, sich auf dem an das Sieb sich seitlich anschließenden, 
nur wenig geneigten Blechrand festsetzt und dort liegen bleibt. 
Dieser Fehler macht sich besonders gegen Ende der Entleerung be- 
merkbar. Der Erfinder, Herr Jakob Weyer, Nieder -Ingelheim 
a. Rh., äußerte, daß diesem Übelstand leicht dadurch abgeholfen 
werden könne, daß der Blechrand eine stärkere Neigung bekommt, 
wodurch der Fehler behoben werde. 

Als Gesamturteil muß vom Apparat gesagt werden, 
daß er das zur Zeit Vollkommenste auf diesem Gebiete 
darstellt. Er überragt an Leistung sowohl in qualitativer 
als quantitativer Hinsicht, sowie auch au zweckmäßiger 
Anordnung seiner Teile, alle bis jetzt gebräuchlichen 
ähnlichen Vorrichtungen. Es ist nur notwendig, die ihm an- 
haftenden kleinen Mängel (ein stärkerer Ring an der Verstell- 
vorrichtung, eine größere Neigung des Blechrandes neben dem Sieb) 
zu beseitigen und das oben bezeichnete Sieb mit der kleinsten Sieb- 
fläche einzusetzen. 

4. Die hydraulische Trauben- und Obstpresse 

der Firma Saas & Co., Winningen a. d. Mosel. 

Deutsches Reichs-Patent No. 281 821. 

Die vorliegende Kelter wird durch hydraulische Kraft in Tätig- 
keit gesetzt. Sie unterscheidet sich aber von den bis jetzt gebräuch- 
lichen Pressen dieser Art durch fundamentale Abweichungen in der 
Konstruktion. 

Die älteren durch Wasserkraft getriebenen Keltern lassen sich 
nach der Anordnung ihrer Teile in Öberdruckpressen (das sich nach 
unten bewegende Druckwerk drückt von oben auf die in einem 
Biet aufgeschütteto Maische) und Unterdruckkeltern (der auf dem 
Preßkolben aufgesetzte Preßtisch bewegt sich mit der Maische gegen 
das feststehende Widerlager) unterscheiden. Die Kelter von Saas 
gehört bis zu einem gewissen Grade zu den letzteren. Während 
aber die älteren Systeme dieser Art einen massiven Unterbau be- 
nötigen, dessen Aufbau viel Material verlangte, ist die Saassche 
Kelter auf einem einfachen Fußgestell autgestellt, das viel weniger 
Metallwert in sich birgt Während feiner die älteren Systeme zu 
beiden Seiten je einen langen, kräftigen, runden, metallenen Träger 
und oben an diesen ein massives Widerlager mit einer größeren 
Zahl unterhalb angebrachter, verschieden langer Schienen aufweisen, 
findet sich bei der Saasschen Kelter nur ein durch die Mitte ge- 
führtes Rundeisen, an welchem ein Widerlager drehbar befestigt ist, 
das gegenüber jenen des vorher genannten Systems kaum halb so 
lang und weniger kräftig gebaut wurde. Daraus dürfte ersichtlich 
sein, daß die Materialersparnis bei der neuen Kelter eine ganz be- 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 39 

deutende ist, aus welchem Umstand siel) ihr billiger Preis erklären 
läßt. Diese Einfachheit in der Konstruktion wird in unserer Zeit 
in anbetracht der hohen Metallpreise ganz bedeutend zu schätzen 
sein. Die Inbetriebsetzung und Wirkungsweise der Kelter gestaltet 
sich folgendermaßen : 

Bei Benützung der Presse bewegt sich, nicht wie bei den alten 
Oberdruckpressen, nur der Preßtisch nach oben, während Biet und 
Korb ihre Lage nicht verändern, sondern die Saassche Konstruktion 
läßt Biet samt Korb an der in der Mitte errichteten feststehenden 
Spindel sich gegen das Widerlager bewegen. Das ist das Neue an 
der Maschine. Damit Biet und Korb wieder in ihre frühere Lage 
kommen, ist der an der Pumpe angebrachte Wasserhahn zu öffnen. 
Durch das eigene Gewicht und jenes des Inhaltes bewegen sich 
beide Teile nach unten. 

Die Kelter wurde sowohl zur Gewinnung des Saftes aus Obst, 
sowie auch zur Pressung von Traubenmaische benützt und zwar 
derart, daß sie in Konkurrenz mit einer der bekanntesten, überall 
bewährten Unterdruckkelter mit derselben Korbgröße arbeitete. Zur 
Pressung kamen auf beiden Keltern immer die gleichen Mengen 
Maische von genau derselben Beschaffenheit. Bei dieser Probe er- 
gab sich folgendes: 

Die der Saasschon Presse beigegebeno Pumpe arbeitet ganz 
ausgezeichnet. Man vermag mit ihr bei normaler Kraftanstrengung 
schnell einen großen Druck auszuüben. Wie die meisten ihrer Art 
besitzt sie 2 ineinander geschobene Kolben von verschiedener Größe, 
von welchen zunächst jener mit dem größton und spätor jener mit 
dem kleineren Durchmesser benützt wurde. Die Einstellung bezw. 
Ausschaltung der Kolben ist sehr einfach und bequem. Das Ab- 
pressen erfolgte bei einem maximalen Druck von 150 Atmosphären 
und verlief ebenso schnell wie bei der in Konkurrenz gezogenen 
Kelter. Die Zeiten der Abpressung desselben Quantums Maische 
waren in beiden Fällen gleich. Der Grad der Auspressung und 
damit die erzielte Mostmenge differierte nur wenig. Im großen 
Durchschnitt war die Saftausbeute in beiden Fällen gleich groß. 
Auch die Mengen der in den ausgepreßten Trestern zurückgebliebenen 
Feuchtigkeit, welche durch Verdunstung festgestellt wurden, wichen 
sehr wenig und zwar bald zum Vorteil der einen, bald der andern 
voneinander ab. 

Als Mängel ergaben sich bei der Prüfung: 

1. Das Metallbiet war an dem zur Probe eingelieferten 
Exemplar nicht völlig dicht. An einer Stelle befand sich eine 
runde Öffnung von 2 mm Durchmesser, durch welche während der 
Arbeit Most durchsickerte. Dieser Schaden könnte vielleicht als 
Gußfehler angesehen werden. Es mußte jedoch nach Außerbetrieb- 
setzung der Kelter konstatiert werden, daß das Biet den ausgeübten 
Druck nicht vollständig auszuhalten vermochte. Nach Entfernung 
der Preßrückstande konnten in den oberen Schichten des Bietes 
kleine Sprünge an jenen Stellen festgestellt werden, wo es an die 
Spindel anstößt. 



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40 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



2. Es ist ferner als Fehler zu betrachten, daß auf dem 
Biet kein Preßboden angelegt ist, der den Abfluß des 
Saftes erleichtert. 

3. Die Eichenlatten des Preßkorbes sind sehr unregel- 
mäßig gefugt. Während einzelne sich bereits berühren und sich 
dementsprechend nach einiger Zeit „werfen* 1 werden, besitzen andere 
einen Abstand bis zu ’l cm, wodurch leicht feste Maischeteile durch 
die Zwischenräume durchgedrückt werden. Gegen die Qualität des 
zu Latten verwandten Holzes ist nichts einzuwenden. 

4. Legdielen und Bracken sind aus nicht erstklassigem 
Buchenholz hergestellt, wodurch diese Teile eine entschieden zu 
geringe Widerstandsfähigkeit erhalten. Gutes Eichenholz wäre das 
geeignete Material dafür gewesen. Bei dem starken Druck, welchem 
diese Hölzer längere Zeit ausgesetzt wurden, ergab sich, daß jene Stellen 
der Bracken, an denen sie sich kreuzten, mitunter Druckstellen von 
l 1 /» cm Tiefe auf wiesen. Eines der Brackhölzer ist an den Enden 
infolge des großen Druckes direkt gesprungen. Es ist auch unbedingt 
notwendig, daß die längsten Bracken länger gearbeitet werden, ln 
ihrer jetzigen Länge durchqueren sie nämlich nicht die ganze Breite 
des Korbes. Die äußere Zone der Dielen wird von den Bracken 
nicht berührt. Der Druck erfolgt daher nur auf die inneren Teile 
der Legdielen, der äußere Band erhält keine direkte Belastung und 
ist daher, da er den Widerstand der Maische nicht überwinden 
konnte, abgesprungen. Sodann erscheint es mir notwendig, die An- 
zahl der Bracken zu vermehren, damit wenigstens in die erste Lage 
4 gebracht werden können, wodurch sich der Druck bedeutend 
gleichmäßiger verteilt und man in der Lage ist, kleine Mengen 
Maische zu pressen. 

5. Endlich muß es als ein Übelstand empfunden werden, daß 
der von der Maische berührte Teil der Spindel keinen 
Lackanstrich erhalten hat. Durch diese Unterlassung kommt 
Eisen direkt mit dem Most in Berührung, wodurch die Gefahr des 
Schwarzwerdens für den späteren Wein besteht. 

Fassen wir den Gesamteindruck, der sich bei der 
Prüfung der Kelter ergab, zusammen, so muß fostgestellt 
werden, daß die Konstruktion technisch und wirtschaft- 
lich einen gewaltigen Fortschritt bedeutet. 

Die Leistungsfälligkeit der neuen Maschine überragt 
im Verhältnis zum Preis die bis jetzt gebräuchlichen 
Keltern ganz bedeutend. Sie ist nämlich infolge der ge- 
ringen dazu notwendigen Metallmaterialien sehr billig. 

Ihr Preis beträgt laut Prospekt der Firma 900 M, während die 
mit ihr in gleicher Leistungsfähigkeit stehenden älteren Systeme 
ImOO— 2000 M kosten. Dazu kommt noch, daß die Aufstellung der 
Maschine einen verhältnismäßig kleinen Kaum verlangt uud ihre 
Bedienung äußerst einfach und bequem ist. was nicht zuletzt auch 
dadurch erreicht wird, daß der Korb in 2 Teile zerlegbar ist. 

Iu ihrer jetzigen Form haften der Maschine allerdings die er- 
wähnten Fehler an, die den Wert des Systems als solches aber 



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Bericht über dio Tätigkeit im Weinbau und in der Kellenrirtsehaft. 41 

absolut nicht zu beeinträchtigen im stände sind. Die bessere Aus- 
arbeitung der einzelnen Teile ist eine verhältnismäßig leichte Sache. 
Wenn sie in dem angegebenen Sinne geschieht, so ist das neue 
System sicher ein ernster Konkurrent der bereits bis jetzt vor- 
handenen hydraulischen Pressen. 



B. Kellerwirtschaft. 

I. Betriebsberleht. 

Die noch liegenden 1904 er Weine haben sich außerordentlich 
günstig entwickelt Sie machen ihrem Jahrgang alle Ehre. Größten- 
teils sind die 1904er Produkte dem Konsum übergeben; einzelne 
Spitzen lagern aber noch im Faß, so die Erträgnisse der Lagen 
Fuchsberg, Morschberg, Beeilt, Altbaum, Mäuerchen, Flecht und 
Katzenloch. 

Die 1905 er haben in ihrem scheinbar schnellen Ausbau etwas 
innegehalten. Die Art ihrer Entwicklung läßt nichts zu wünschen 
übrig. Einige Lagen, wie Morschberg, Mäuerchen, Katzenloch, Becht 
und Flecht, verraten eine vornehme, elegante Art und weisen auch 
eine für 1905 er Weine bedeutende Fülle auf. 

Das Jahr 1906 ist bekanntlich inbezug auf dio geerntete Menge 
für den Rheingauer Weiugutsbesitzer betrübend gewesen. Die Güte 
der Kreszenz dieses Jahres hat aber angenehm enttäuscht Zwei 
der geernteten Halbstücke haben unsere Hoffnungen weit übertroffen 
und sind auch für ihr Alter schon sehr weit entwickelt. 

Über die im Berichtsjahr geernteten Produkte ist an anderer 
Stelle gesprochen. 

Ira Frühjahr 1907 wurde zwecks Veräußerung einzelner Weine 
der Lehranstalt und König!. Domäne eine öffentliche Versteigerung 
abgehalten. Am 24. Mai kamen 10 Halbstück der Lehranstalt und 
10 der Domäne zum Ausgehot. Darunter befanden sich 6 Halb- 
stück 1904er und 14 Halbstiick 1905er Weine. Die Versteige- 
rung verlief sehr angeregt. Die Gebote überschritten in allen Fällen 
die Taxe, so daß alle Nummern zugeschlageu werden konnten. 



II. Prüfung eingeganeener Mittel und Materialien, die die 
Kellerwirtsehalt betreffen. 

1. Mittel zur Verhütung der Schimmelbildung an Holzgeräten und 
auf dem Boden im Keller. 

Von einem guten Keller verlangt man, daß er eine genügend 
feuchte Luft besitze. Da die Temperaturverhultnisse in ihm auch 
nicht allzuniedrig sein dürfen, findet man in vielen Kellern eine 
geradezu üppige Pilzvegetation. Mancher Kellermeister kämpft das 
ganze Jahr mit Schimmel an Lagern. Fässern und Holzgeräten. 
Doch ist dieser Kampf nicht besonders leicht und erscheint in vielen 
Fällen beinahe aussichtslos. Es ist daher verständlich, daß die 



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42 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



Technik eifrig bemüht ist, Mittel ausfindig zu machen, die auf ein- 
fachem und billigem Wege diesem Übelstand im Keller abzuhelfen 
vermögen. Gerade in letzter Zeit sind solche Desinfektionsmittel in 
ziemlich großer Zahl fabriziert worden. Wir haben mehrere der- 
selben versuchsweise angewandt und wollen die Resultate mit 
einzelnen dieser Mittel hier wiedergeben. Die Besprechung einer 
Anzahl von Desinfektionsmitteln müssen wir für später zurückstellen, 
da die damit angestellten Versuche noch nicht abgeschlossen sind. 

a) Montanin, 

eingeliefert von der Firma Montana, U. m. b. H., 
Strehla a/d. Elbe. 

„Montanin“ ist eine wasserhelle Flüssigkeit Beim Ausgießen 
aus den Gefäßen zeigen sich jedoch flockige Beimischungen, die 
eine Art staubiger Trübung hervorrufen. Die Farbe des Mittels hat 
einen gelblichen Schimmer. Die Konsistenz ähnelt jener vom Wasser. 
Der Geruch erinnert an Schwefelsäure. 

Um das Mittel zu prüfen, wurde eine Stütze und ein Faß, die 
beide stark angelaufen waren, behandelt. Beide wurden zunächst 
mit einer 20 prozentigen Lösung von „Montanin“ in lauwarmem 
Wasser tüchtig geschwenkt 12 Stunden stehen gelassen, ausgeleert 
und mit frischem Wasser gefüllt. Nach eintägigem Stehen wurde 
der Inhalt wieder entfernt und die Geräte auf ihren Zustand unter- 
sucht Zwar waren die Schimmelrasen größtenteils weggeschwemmt, 
aber der direkt auf dem Holz aufsitzende Teil der Schimmelpilze 
blieb nach wie vor vorhanden. Daraus ergibt sich, daß eine der- 
artige Behandlung die Schimmelwucherung nicht völlig zu entfernen 
vermag. Im Prospekt der Firma ist als besonderer Vorteil angeführt, 
daß das zeitraubende Aufschlagen verschimmelter Gebinde nunmehr 
entbehrlich sei. Das wäre in der Tat ein großer Vorzug, der aber, 
wie gesagt, bei unseren Versuchen nicht erreicht wurde. Eine 
mechanische Entfernung des im Holz festsitzenden Schimmels ist 
also auch hier unerläßlich. Zwei andere Holzgeräte in ähnlichem 
Zustand wurden daher zunächst gebürstet und dann in der oben 
angegebenen Weise behandelt Nun war der Schimmel vollständig 
entfernt; das Faß roch sehr frisch und gut 

Um festzustellen, ob mit „Montanin“ behandelte Holzgeräte 
längere Zeit vor Schimmel bewahrt bleiben, als unbehandelte, wurde 
eine mit Flüssigkeit gereinigte Stütze gleichzeitig mit einer un- 
behandelten gesunden in einen feuchtwarmen Keller gestellt. Die 
unbehandelte Stütze zeigte auf ihrem Boden nach 11 Tagen einen 
leichten Anflug von Schimmel. Die Pilzwucherung nahm rasch 
zu und besetzte bald die Innenfläche des Holzes. An der be- 
handelten Stütze konnten erst nach 6 Wochen Spuren von Schimmel 
festgestellt werden, die sich nur außerordentlich langsam vermehrten. 
Daraus ist ersichtlich, daß „Montanin“ in der Tat eine desinfizierende 
Wirkung zukommt, die jedoch nicht überschätzt werden darf. Der 
Wert des Mittels beruht in erster Linie darin, daß es Schimmel- 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Keüerwirtschaft. 43 

Bildung verhütet. Zur Wiederherstellung verschimmelter Holzgeräte 
ist „Montanin' - dagegen bedeutend weniger hoch einzuschatzen, denn 
wenn man die Behandlung mit Bürste und den verschiedenen 
Wassern ohne einen Zusatz von „Montanin“ Vornahme, erzielte man 
in den meisten Fällen ebenfalls einen brauchbaren Zustand des 
Holzgerätes. Eine geruchliche oder geschmackliche Beeinflussung 
des in so behandelte Fässer gelagerten Weines trat nicht ein. Diese 
Tatsache konnte besonders festgestellt werden, als mit Wein gefüllte 
Fässer äußerlich mit dem Mittel behandelt wurden. Der desinfizierende 
Wert war in diesem Fall wie oben. 

Die Firma bietet das Mittel auch an, um Schläuche zu 
reinigen. Eine 20prozentige Lösung in Wasser wurde 12 Stunden 
iu die Schläuche gebracht Nach ihrer Entfernung spülte man mit 
frischem Wasser nach. Die Reinigung des Schlauchinnem war sehr 
vollständig. Eine Beeinflussung des Gummis trat nicht ein. 

„Montanin“ soll auch dazu beitragen, den Kalkanstrich an 
31auern härter zu machen. Auf der von der Firma uns über- 
sandten Probeplatte traf dies zwar zu. Wir selbst konnten aber 
eine derartige Wirkung nicht oder in kaum minimalem Maße fest- 
stellen. 

Um Schimmel an offenen Kellerböden ferazuhalten, wurde 
eine 20prozentige Lösung iu Wasser mit einer Gießkanne auf den 
vorher gereinigten Boden aufgetragen. Nach drei Wochen konnte 
man die ersten, allerdings kaum sichtbaren Spuren von Schimmel 
beobachten. Die Entwicklung der Pilze schritt weiter, so daß nach 
weiteren 8 Tagen eine gleichmäßige, aber dünne Schimmelschicht 
festgestellt werden konnte. 



b) Kupfervitriol 

wurde in 4prozeutiger Wasserlösung angewandt. Steinlager, die 
dicke Schimmelrasen zeigten, wurden abgokehrt und mit der Lösung 
bespritzt. Auch der offene Kellerboden zwischen den Fässern wurde 
derart behandelt. Nach einem Monat zeigten sich auf den in Frage 
kommenden Bodenflächen kleine Spuren von Schimmel; die Pilz- 
vegetation verbreitete sich aber viel langsamer als bei Verwendung 
von „Montanin“. Nach 2 Monaten, vom Tage der Anwendung des 
Kupfervitriols an berechnet, war immer noch kein zusammen- 
hängender Schimmelrasen entstanden. Nur einzelne abgegreuzte, 
kleine Stellen zeigten den Schimmel. In einem feuchteren Keller 
vollzog sich die Entwicklung der Schiinmelpflünzcheu um einige 
Tage früher. 

c) Chlorkalk 

wurde in zweifacher Weise angewandt: Das Pulver wurde entweder 
auf dem Boden ausgestreut oder in Wasser gelöst. Den Chlorkalk 
bezogen wir in Kartons, die keine Luft und kein Wasser durch- 
lassen. Der Geruch nach Chlor trat beim öffnen der Pakete sehr 
stark hervor, so daß am Anfang wohl die Befürchtung bestand, der 
in den Fässern gelagerte Wein könnte Chlorgeruch annehmen und 



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4 1 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



dadurch teilweise entwertet werden. Ein solcher Übelstand konnte 
indessen nicht beobachtet werden, selbst dort nicht, wo beide Böden 
eines 150 1 haltenden Fasses mit dem gelösten Kalk zwecks Fern- 
haltung von Schimmelpilzen bestrichen wurden. Wein, der in offenen 
Gefäßen direkt auf dem behandelten Kellerboden 2 Tage lang blieb, 
hatte keinerlei Geschmacksbeeinflussung erfahren. Einige Zeit nach 
der Anwendung tritt ja der Chlorgeruch im Keller immer noch 
hervor. Nach längstens 2 Tagen war er in dieser unangenehmen 
Weise fast in allen Fällen verschwunden. Es konnte jetzt vielmehr 
beobachtet werden, daß die Kellerluft durch dio Anwesenheit von 
Chlor erfrischt und gereinigt worden war. 

Die flüssige Chlorkalklösung wurde l / t prozentig angewandt. 
Nach 4 Wochen traten Spuren von Schimmel hervor, nach 8 Wochen 
war eine dünne, wenig geschlossene Schimmelschicht zu beobachten. 

Das Aufträgen des trockenen Chlorkalkpulvers erfolgte 
nach der Reinigung des Bodens so dicht, daß die behandelten Flächen 
beinahe wie mit Mehl bestreut aussahen. Nach 6 Wochen zeigten 
sich die ersten Spuren von Schimmel; die weitere Verbreitung der 
Pilze ging außerordentlich langsam vor sich. Nach 3®/* Monaten 
landen sich immer nur kleine Schimmelröschen. 

Wenn wir demnach den Erfolg der Behandlung mit 
den genannten Desinfektionsmitteln kurz zusammenfassen, 
so vermag „Montanin“ z war dieSchimmelbildungfüreinige 
Zeit zu verhüten, denn eine nicht behandelte Bodenflüche, 
die als Kontrolle beobachtet wurde, zeigte bereits nach 
14 Tagen kräftige Schimmelbildung, während auf der mit 
„Montanin“ behandelten Erde erst nach einem Monat das- 
selbe Stadium der Pilzwucherung erreicht war. Kupfer- 
vitriol besitzt oine größere desinfizierende Wirkung. Das 
am längsten wirkende Mittel besitzen wir jedoch in dem 
Chlorkalk und zwar wirkt der Chlorkalk in Pul verform auf- 
gebracht, intensiver, als jener in wässeriger Lösung. Diese 
Tatsache ist ohne weiteres klar, wenn man bedenkt, daß 
das mit der wässerigen Lösung auf den Boden gebrachte 
Wasser die Pilzbildung fördert. Bei Beurteilung des 
Wertes der Mittel ist ferner zu berücksichtigen, daß der 
Chlorkalk das billigste der angewandten Mittel ist und 
zwar, weil man von ihm bedeutend weniger braucht als 
von „Montanin“ und Kupfervitriol. 

d) Formaldehyd zur Desinfizierung verschimmelter Weinfässer, 
eingesandt von Hugo Blanck, Berlin W., Derfflingerstr. 15. 

Ein Faß, das ein Jahr lang bei nicht sachgemäßer Konservierung 
loer gestanden hatte, wurde zur Prüfung diesos Verfahrens aus- 
ersehen. Die Innenseiten der Dauben waren stark verschimmelt. Die 
Pilzrasen waren vollständig geschlossen und sehr üppig entwickelt. 

Das in solchem Zustand sich befindliche Faß wurde aufgeschlagen 
und die Innenseite mit einer Faßbürste gründlich gereinigt Nach- 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 45 



dem der Faßbodeu wieder eingesetzt war, wirkte eine Stunde lang 
Dampf in üblicher Weise auf das Faßinnere ein. Einige Zeit blieb 
das Gebinde verschlossen, dann wurden auf 100 1 Faßinhalt 30 ccm 
einer 40 prozentigen Formaldehydlösung eingebracht. Diese Flüssig- 
keit blieb 1 — 2 Tage lang im Faß. Nach deren Entfernung wurde 
das Faß 2 mal süß gebeizt, dann mit einer 1 prozentigen Sodalösung 
gefüllt und nach 2 Tagen entleert. Es erfolgte ein erneutes Brühen 
und daran anschließend ein Ausspülen mit kaltem Wasser. 

In das so behandelte Faß wurde ein geringer Wein eingelegt. 
Bei einer nach 14 Tagen vorgenommenen Probe konnte eine Ver- 
änderung des Weines nicht beobachtet werden. Ein Beigeschmack 
nach Schimmel oder Formaldehyd war nicht vorhanden. Dagegen 
zeigte sich bei einer nach etwa 6 Wochen vorgenommenen Zungen- 
probe, daß der Wein einen Holzgeschmack angenommen hatte, der 
aber nicht an grünes, sondern vermodertes, faules Holz erinnerte. 
Auch die Farbe des Weines hatte einen schwachen Holzton an- 
genommen. Eine derartige Beeinflussung des Weines ist ja leicht 
erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Poren des Holzes durch diese 
Behandlung weit geöffnet und daß alle während der Weinlagerung 
entstandenen Krusten entfernt wurden. Daß der Holzgeschmack an 
modriges Holz erinnerte, dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, 
daß der Schimmel die Innenseiten der Dauben bereits zersetzte und 
Teile der Zersetzungsprodukte in den eingelagerten Wein über- 
gingen. Einen Formaldehydgeruch oder -geschmack hatte der Wein 
nie angenommen. 

Trotz des Erfolges und des neutralen Verhaltens geeenüber 
dem eingelagerten Wein ist der Wert des Verfahrens doch wenig 
hoch einzuschätzen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, 
daß die Behandlung eines solchen Fasses mit Dampf und Wasser 
in der angegebenen Weise ohne Zusatz von Formuldehyd gonau 
denselben Zweck erfüllt. Eine Vereinfachung der Arbeit bei der 
Wiederherstellung verschimmelter Gebinde tritt demnach nicht ein, 
weshalb dieses Verfahren vom wirtschaftlichen Standpunkt aus nicht 
als Fortschritt bezeichnet werden kann. 

2. Faß- und Bottichkitt „Lignolin“. 

Die Firma Adolf Lubinsky, München, Schwantalerstraße 34. 
sandte einen Faß- und Bottichkitt, den sie „Lignolin“ nennt, ein. 
Er stellt eine rotbraune, erdfarbene, breiige Masse dar, die in Büchsen 
versandt wird. Vor Gebrauch muß der Büchseninhalt gut umgerührt 
werden, da er sich beim Versand in 2 Schichten trennt, eine obere, 
ziemlich trockene, die an dem aufgelegten Papier zunächst festhält, 
und eine untere mehr breiige. Die das Mittel enthaltende Büchse 
muß gut verschlossen und kühl aufbewahrt werden. Wenn man 
den Deckel des Behälters abnimmt glaubt man Alkohol zu riechen. 
Nach dem Mischen verliert sich dieser Geruch, um einem anderen 
Platz zu machen, der ganz schwach an jenen von "Wagenschmiere 
erinnert. Zur Prüfung des Mittels wurden folgende Versuche ein- 
geleitet: 



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40 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



1. Ein kleiner Teil „Lignolin“ wurde in eine Flasche gegeben, 
in der sich Wein befand, um so festzustellen, ob das Mittel geruch- 
lich in keinem Fall auf den Wein unangenehm einzuwirken ver- 
möge. Nach 2 Tagen zeigte die Probe des Weines eine kaum merk- 
liche. geschmackliche Veränderung. Nach diesem Ergebnis ist wohl 
anzunehmen, daß sich „Lignolin - ' inbezug auf den Geschmack des 
Weines neutral genug verhält, um angewandt werden zu können, 
du es in der Praxis ja nie vorkommt, daß solche Mengen der Masse 
solange Zeit wie in diesem Versuch mit Wein in direkter Berührung 
stehen. Es konnte hierbei außerdem festgestellt worden, daß 
„Lignolin“ vom Wein nicht gelöst wird. 

2. Ein rinnendes Faß wurde mit „Lignolin“ behandelt. Die 
schweißende Stelle, die sich an der Oberseite des Fasses befand, 
wurde zunächst gut trocken gerieben und dann der Kitt aufgetragen. 
Der Kittbelag wurde nach einiger Zeit an der Luft ziemlich, doch 
nicht völlig hart. Wirkt lange Zeit Feuchtigkeit auf ihn ein. so wird 
er wieder breiig. Der Verschluß der schadhaften Stelle war durch 
den Belag erreicht worden. Dabei konnte man einen großen Vor- 
zug darin erkennen, daß die Kittkruste nicht abspringt. Stoß und 
gelinder Schlag vermögen sie nicht zu zerstören. Ihre spätere gänz- 
liche Entfernung ist deshalb auch ziemlich schwer. 

Nach diesen Proben erschien mir das Mittel tatsächlich brauch- 
bar und von Wert zu sein. Doch änderte ich meine Ansicht nach 
einem 

3. Versuch. Eine leckende Stelle an einem Faß wurde, ohne 
vorher trocken gerieben zu sein, mit dem Mittel bestrichen. 
Der Belag kam also auf das feuchte Holz. Bei dieser Art der 
Anwendung war „Lignolin“ nicht imstande, das Rinnen zu 
verhüten. In der Praxis wird es sich ausschließlich um die Ver- 
wendung des Mittels zu diesem Zwecke handeln, denn eine schad- 
hafte Stelle erkennt man meist erst in gefülltem Zustand des Fasses. 
Die in Frage kommende Holzpartie vor dem Aufträgen des Kittes 
abzutrocknen, ist in diesem Fall aber unmöglich oder von nur be- 
schränkter Wirkung. Demnach ist für die häufigsten in der 
Kellerpraxis vorkomraenden Fälle der Dichtung schlechter 
Stellen „Lignolin“ wertlos. Man wird in solchen Fällen immer 
wieder zu Uuschlitt und Baumwolle zurückkehren müssen. Wo Holz 
in trockenem Zustand gedichtet werden soll, kann das in Frage 
stehende Mittel dagegen mit Vorteil verwendet werden. 



3. Sterilisierte und imprägnierte Korken, 

eingesandt von der Firma Dü h rings Patentmaschinengesellschaft 
Abt. B., Berlin SW., Friedlichste. No. 12. 

Dio sterilisierten Korken präsentieren sich in ihrem Äußern 
wie gewöhnliche Flaschenstopfen. Nur sind sie etwas härter, nicht 
so elastisch und dehnen sich daher nach dem Einbringen in den 
Flaschenhals nicht so gleichmäßig und vollkommen aus. Sie fühlen 
sich sehr trocken au. 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellenvirtschaft. 47 

Ihre Anwendung erfolgt ohne vorherige Vorbereitung. So wie 
die Korken bezogen werden, kommen sie zum Gebrauch. Man hat 
also ein Einweichen vorher nicht nötig. Sollten sie infolge der Auf- 
bewahrung sehr hart sein, so soll man sie nach Angabe der Firma 
vor ihrer Verwendung leicht trocken erwärmen. Beim Einbringen 
in die Flaschen ist eine größere Kraftanstrengung als normal not- 
wendig. Infolge der Behandlung sind die Poren des Korkes ge- 
öffnet und da die Elastizität der Korkmasse sehr gering ist, ver- 
mögen die Hohlräume sich nur sehr langsam und unvollkommen zu 
schließen. Daher trat an einigen so verschlossenen Flaschen Flüssig- 
keit durch den Kork aus; der Verschluß war in diesem Falle also 
nicht dicht genug. 

Nach monatelanger Lagerung der Flaschen wurden die Korken 
auf ihren Zustund untersucht. Dabei zeigte sich, daß zu ihrer Ent- 
fernung aus der Flasche ein verhältnismäßig großer Kraftaufwand 
notwendig war, da sie auch jetzt noch sehr trocken erschienen. 
Selbst nach der langen Borührung des Korkes mit Flüssigkeit konnte 
keine vermehrte Elastizität festgestellt werden. Der Spiegel zeigte 
bei einigen Flaschen einen schwachen Geruch nach Korkmehl und 
auch der Wein hatte in diesen Fällen einen leichten Anflug von 
Korkgeschmack angenommen. Diese Beeinflussung des Weines ist 
ja auch sehr leicht erklärlich und war von vornherein zu erwarten. 
Die Poren sind völlig offen, der Kork wenig elastisch; die Hohl- 
räume in der Korkmasse schließen sich also nicht. Der Wein dringt 
in die Porenöffnungen ein, kommt dort mit Korkmehl in Berührung 
und nimmt dadurch Korbgeschmack an. 

Daraus erkonnt man auch, daß es verkehrt ist, gewöhnliche 
Korken vor ihrer Verwendung längere Zeit zu brühen oder zu 
dämpfen und doch hört man diese Art sehr oft empfehlen. Außer 
den angeführten Übelständen verlieren solche Stopfen ihre Elastizität 
und werden bald spröde. Es sei daher an dieser Stelle darauf hin- 
gewiesen, daß Korke 1 — l 1 /» Stunden im Wasser, das soweit erwärmt 
ist, daß man die Hand ohne Schmerzgefühl eintauchen kann, gelegt 
werden müssen. Am besten eignen sich zu diesem Einweichen 
Gefäße, die eine Beschwerung der schwimmenden Korken gestatten, 
so daß diese ständig unter der Flüssigkeit gehalten sind. Nach dei 
angegebenen Zeit bringt man die Stopfen in eigens zu diesem Zweck 
hergestellte Körbe, übergießt sie einigemal mit kaltem Wasser und 
überdeckt sie mit einem feuchten Tuch, so daß sie nicht die gesamte 
aufgeuommene Feuchtigkeit abgeben. 

Die zweite Gruppe der eingesandten Korken- war sterilisiert 
und imprägniert. Diese Korken sahen fettig aus und fühlten 
sich auch ebenso an. Ihre Festigkeit ist groß, sie besitzen bedeutend 
größere Elastizität als nur sterilisierte Ware. Die Anwendung er- 
folgte genau wie bei nur sterilisierten Stopfen. Ihr Einbringen in 
die Flasche erfordert ebenfalls eine bedeutende Kraftanstrengung, 
doch nicht in demselben Maße wie beim erstgenannten Versuchs- 
material. Der Spiegel zeigte beim Zusammenquetschen durch die 
Preßbacken der Korbmaschine keinerlei Ausscheidung. Die Stopfen 



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48 



II. Tätigkeit der Anstalt nach innen. 



dehnen sich im Flaschenhals sofort aus. 3 Wochen nach Gebrauch 
wurden die Korken untersucht und auch der Inhalt der damit ver- 
schlossenen Flaschen einer Probe unterzogen. Die Stopfen hatten 
ihr früheres Aussehen behalten; Farbe und Elastizität waren un- 
verändert. Trotzdem in dem Keller, in dem die Flaschen während 
der angegebenen Zeit gelagert hatten, Schimmelbildung sehr leicht 
eintritt, konnten an keinem Verschluß Schimmelspuren nachgewiesen 
werden. 

Durch eine geruchliche und geschmackliche Probe wurde fest- 
gestellt, daß eine Veränderung des Flascheninhaltes während der 
Lagerung nicht eingetreten war. Anders 3 Monate später. Der 
Befund der so mit imprägnierten Korken verschlossenen Flaschen 
stimmte im ganzen mit dem früheren überein; allein der Geschmack 
des Flascheninhaltes hatte sich bei etwa •/, der Flaschen nachteilig 
verändert. Der Wein hatte einen unangenehmen, bitteren Bei- 
geschmack angenommen. Der Inhalt der übrigen Flaschen war 
unverändert geblieben. 



4. Wellpapphülsen. 

l)ie Firma Karl Iven & Co., G. m. b. H., Köln a. Rli., hat der 
Anstalt „Wellpapphülsen“ als Ersatz für Strohhülsen, die beim 
Flaschenweinversand gebraucht werden, zur Probe eingesandt Das 
Bestreben, einen geeigneten Ersatz für Strohhülsen zu finden, ist 
nicht neu. Verschiedentlich wurden von anderer Seite mehr oder 
weniger einfache Hülsen aus Wellpappe hergestellt. 

Die von Iven eingelieferten Hülsen bestehen, wie der Name 
sagt, aus Pappe, die Wellenform besitzt Dieses Material ist der- 
artig zusammengefügt, daß dor fertige Flaschenschutz die Form eines 
Keiles besitzt. Die Hülsen sind also oben nicht wie Strohhülsen 
der Fiaschenform angepaßt, sondern unabhängig von dieser her- 
gestellt. Über die Wellpappe ist ein dünnes farbiges Pergament- 
papier ausgebreitet. 

Die Prüfung der Wellpapphülsen erstreckte sich zunächst auf 
die Feststellung ihrer Festigkeit. Beim Überstülpen über die Flaschen 
wurde beobachtet, daß der Flaschenmund das obere Ende der Hülse 
stark ausweitet, da er einen größeren Durchmesser besitzt, als die 
zusammenlaufenden Hülsenseiten breit sind. Infolge dieser Tat- 
sache kommt es verschiedentlich vor, daß der Flaschenmund die 
Pappe durchbricht. Der Papierüberzug ist sehr dünn. In den 
meisten Fällen springt er beim Packen an jenen Stellen, wo sich 
zwecks Faltung der Wellpappe Ritzen in dieser befinden. Die Hülse 
ist zwar gleich lang, wie die Strohhülse, aber nicht auf der ganzen 
Länge benützbar. Da nämlich der Innenraum am oberen Ende der 
Wellpapplnilse sehr schmal ist, können etwa die obersten 4 cm nicht 
ausgenützt werden. Dadurch bleiben vom Flaschenfuß ebensoviel 
Zentimeter unbedeckt Der Raum, den so verpackte Flaschen in der 
Kiste einnehmen, ist gleich groß mit jenem, welchen mit Strohhülsen 
verpackte Flaschen beanspruchen. Demnach gehen in eine Kiste 
-derselben Größe in beiden Fällen gleich viel Weinflaschen. 



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Bericht über die Tätigkeit im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. 49 

Neben der Prüfung auf die Festigkeit mußte vor allem auch 
die Probe inbezug auf die Leitung der Temperatur vorgenommen 
werden. Die Fabrikanten solcher Hülsen geben nämlich gewöhnlich 
an, daß man durch ihre Verwendung den Schaden, den Frost und 
Hitze beim Weinversand verursachen, vermeiden könne. Um diese 
Angabe zu prüfen, wurden 2 Kisten verschiedene Male mit Wein 
gepackt; in einer Kiste hatten die Flaschen Strohhülsenschutz, in 
der anderen waren sie mit Wellpappe umgeben. Eine jedesmalige 
genaue Untersuchung ergab nie wesentliche Unterschiede in den 
Wärmegraden des Flascheninhaltes. Korrespondierende Flaschen 
zeigten fast immer dieselbe Temperatur; '/< oder 1 / t 0 Unterschied 
können in solchen Fällen wohl selten besonderen Nutzen bringen. 

Wenn ich demnach den W'ert der W'ellpapphülsen präzisieren 
soll, so kann ich mich kurz dahin äußern, daß sich nach meiner 
Ansicht diese Art des Flaschenschutzes wohl nie allgemein in die 
Praxis eiubiirgern wird. Zwar sind die Strohhülsen etwas teurer. 
Zurzei